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31. Dezember 2020

I’m Thinking of Ending Things

I suppose I watch too many movies.


« Non, je ne regrette rien », singt Édith Piaf in ihrem gleichnamigen Lied. Sie bereue nichts – etwas, das die Figuren in Charlie Kaufmans Filmen nicht unbedingt von sich sagen. So auch in seinem jüngsten Werk I’m Thinking of Ending Things, das dieses Jahr direkt auf dem Streaming-Dienst Netflix landete und sich wie immer um Einsamkeit, Liebe, Beziehungen und personelle Leere dreht. Nominell wird darin vom Antrittsbesuch einer jungen Frau bei den Eltern ihres neuen Freundes erzählt. Im Kern geht es Kaufman jedoch weniger um das Spezielle, sondern wie immer das Allgemeine. Nicht um das Leben einer einzelnen Person, vielmehr das Leben generell. All seine Höhen und Tiefen – kompakt kondensiert in einem einzigen Abend.

Eine junge Liebe ist es, die Lucy (Jessie Buckley) und Jake (Jesse Plemons) ein. Vor einem Monat lernten sie sich erst bei einem Bar-Quiz kennen, doch Lucy – wie der Filmtitel vorwegnimmt – denkt bereits jetzt daran, einen Schlussstrich zu ziehen. “The idea is new. But it feels old at the same time”, fasst sie ihr Dilemma oxymoronisch zusammen. Ähnlich verhält es sich mit dem Besuch bei Jakes Eltern, dem ersten gemeinsamen Trip des Paares, der dennoch zugleich Nostalgie erwecke, wie Lucy sinniert. Die aufkommende Stille während der Fahrt versucht Jake dadurch im Keim zu ersticken, indem er seine Freundin nach deren Biologie-Studium und ihrer Ganglien-Forschung befragt oder Lucy von ihr selbstverfasste Gedichte zum Besten geben lässt.

Der Ausflug zu Jakes Elternhaus führt nicht nur zur Vorstellung bei seinen Erzeugern, sondern unweigerlich auch in seine Kindheit. Gegenwart und Vergangenheit treffen aufeinander und werfen Schatten auf die Zukunft. Kaufman beginnt im Verlauf verstärkt, die Realitätsschrauben zu lockern – was ist Schein, was Sein? Handelt es sich um einen unzuverlässigen Erzähler, ein unzuverlässiges Publikum oder vielleicht beides? Lucys Name ändert sich zuerst in Louisa, dann in Lucia und wieder zur Lucy; ihr Studienfach wiederum wechselt im Laufe des Abends von Biologie zu Quantenphysik und Gerontologie. “I’m feeling confused”, gesteht Jakes Vater (David Thewlis) später einmal – womöglich wie auch mancher Zuschauer.

Zeit und Raum verschmelzen mehr und mehr. In einer Szene ist Jakes Mutter (Toni Collette) jung, in der nächsten ein Pflegefall. Sein Vater erst gewitzt, dann dement. Wahrnehmen kann dies nur das Publikum. “We’re stationary and time passes through us”, sagt Lucy mal. “Time is another thing that exists only in the brain”, philosophiert Jake an einer anderen. Dass Zeit im Geiste wahrgenommen werden, beschrieb bereits Augustinus. In dieses Verständnis fügt sich gut ein, dass wir die Anfänge von Lucys und Jakes Beziehung erleben, die gleichzeitig deren Ende markieren. Alles ist im Fluss, das Spiel mit Zeit zeichnete bereits Charlie Kaufmans meisterhaftes Regie-Debüt Synecdoche, New York, das vor elf Jahren erschien, aus.

I’m Thinking of Ending Things
fokussiert sich zwar weitestgehend auf Lucy, erzählt aber im Grunde von Jake. Von seinem Selbstbild und seiner Einordnung von diesem in seiner Umwelt. Jake liebt Musicals, allen voran Okalahoma!, besitzt rudimentäres Wissen über Ganglien, kennt die Werke von Anna Gavon, Leo Tolstoi oder David Foster Wallace und schätzt die Gedichte von William Wordsworth. Letzterer hatte viele von ihnen einer Dame, die ebenfalls Lucy hieß, gewidmet – “a beautiful, idealized woman”, wie Jake weiß. Er hat hohe Ansprüche an sich selbst, scheint diese aber nie entsprechend verwirklicht zu haben. Wovon auch gewisse Anspannungen während des Abendessens im Beisein seiner beiden Eltern zeugen.

Bestimmt, entnervt und aggressiv gebiert sich Jake. Nervös, gar ängstlich wirken die Blicke, die seine Mutter wandern lässt. “Jake can be controlling”, sagt sie und die Atmosphäre erinnert an Joe Dantes Segment “It’s a Good Life” aus Twilight Zone: The Movie. Bloß kein falsches Wort sagen, bloß keinen Zorn auf sich ziehen. Jakes Eltern wirken bereits abverurteilt in dieser lebenslangen Haft jenes emotionalen Gefängnisses, für Lucy, so suggeriert der Film, besteht noch Hoffnung – “I’m thinking of ending things”. Wenn nicht jetzt, wann dann? Lieber jetzt, als nie. Oder wie es Lucy nennt: “the lie of it all”, all diese Platitüden. Gott hat einen Plan, alles wird gut, es ist nie zu spät. Die Hoffnung ruht auf der Zukunft, wenn Heute zu Gestern wird.

Nur: Menschen können nicht in der Gegenwart leben, wirft Lucy ein. “So they invented hope.” Darin begründet liegt der Glaube, der Monotonie des Alltags zu entkommen, in einer Nebenhandlung in einem Schulhausmeister (Guy Boyd) personifiziert. Dessen Tage sind immer gleich, ein stagnierendes Manifest in einem Meer an Pubertät und Erwachsenwerden. Wo die Schüler der Einrichtung entkommen, zählt der Hausmeister zum Inventar. Wo die Jugendlichen weiterziehen, in eine erwartungsvolle Zukunft, markiert der Hausmeister mit seiner Gegenwart ihre Vergangenheit. “The onslought of identical days” beschrieb Lucy in ihrem rezitierten Gedicht. “It’s like you wrote it about me”, bemerkt Jake, ohne die Tragik zu erkennen.

Lucy, erwidert sie, zielte auf “universality in the specific” ab. Pars pro toto oder, um wieder auf Kaufman zu verweisen, eine Synekdoche. I’m Thinking of Ending Things besitzt viel vom Humor seines Auteurs, obgleich weniger subtil als in seinen früheren Werken. Gerade dann, wenn sich bei Wiederholungssichtungen zeigt, wie eindeutig der Film im Grunde in seiner ursprünglichen vermeintlichen Uneindeutigkeit ist. Wenn Jake hinweist, dass die Menschen von David Foster Wallaces Selbstmord mehr wissen als seinen Büchern (“suicide becomes the story”) oder ein Zitat von Pauline Kael zu A Woman Under the Influence sich auf Lucy und ihre vielen Interessen münzen ließe (“nothing that she does is memorable because she does so much”).

“We hope for the future, and then we turn to the past, and then we begin slowly and desperately to hope for the past”
, beschrieb Henri Barbusse in seinem Werk Light. Eine Zeile, die Jake gefallen könnte. “So many wrong turns” habe er in seinem Leben genommen, bedauert Jake dann auf der nächtlichen Heimfahrt. “The world is larger... than the inside of your head”, realisiert er – allerdings womöglich zu spät. Hätte, wäre, wenn... – die Rückbesinnung auf das Vergangene mit Hoffnung für die Gegenwart bildete bereits das Fundament in Kaufmans jüngstem Film Anomalisa. Prinzipiell fügt sich Jake ganz gut ein in die männliche Galerie an Protagonisten, denen ihr Ego(zentrismus) im Leben am meisten im Weg zum Glück steht.

Glücklich ist im Universum von Charlie Kaufman keine Figur, gefangen in Repetition, bis eine Erlösung erfolgt. Ein trostloses Bild, nicht unähnlich der verschneiten Landschaft, die Lucy und Jake passieren. “Beautiful... in a bleak kind of way”, beschreibt Lucy diese – und könnte zugleich über I’m Thinking of Ending Things sprechen. Der verliert sich in seinen Schlussminuten ein wenig in seinen vielen Referenzen, ist letztlich – zumindest nach der ersten Sichtung – vielleicht etwas zu verkopft und durchgeplant, als dass seine Kreativität einen vollends einnimmt (ähnlich haderte auch Anomalisa). “Do it or do not do it – you will regret both”, wusste schon Søren Kierkegaard in seinem Buch Either/Or. Folglich kann man am Ende also nur verlieren.

8.5/10

9. April 2016

Anomalisa

I want to be the one who walks in the sun.

Gemeinsam einsam wäre so ein Spruch, der ziemlich treffend das Schaffen von Drehbuchautor Charlie Kaufman beschreibt. Themen wie Einsamkeit, Beziehungen, Liebe und personelle Leere ziehen sich durch dessen Œuvre von Being John Malkovich über Adaptation und Eternal Sunshine of the Spotless Mind bis hin zu seinem meisterhaften Regiedebüt Synecdoche, New York. Sieben Jahre nach dessen Veröffentlichung erscheint nun in Anomalisa endlich der neuste Beitrag aus Kaufmans Filmografie. Mittels Stop-Motion-Technik und Puppen aus dem 3D-Drucker widmet sich der Auteur hier wieder mal kongenial seinen klassischen Themen, wenn er einen verlorenen Motivationsredner bei einem Geschäftsausflug nach Cincinnati begleitet.

Wenn er doch schon in der Stadt sei, solle er sich den Zoo ansehen, wird Michael Stone (David Thewlis) von seinem Taxifahrer empfohlen. Auch die städtische Chili-Variante dürfe er nicht verpassen: “You should check it out.” Stattdessen ordert Michael in seinem Hotelzimmer vom Room Service und nach einem kurzen Anruf zu Hause bei Gattin und Sohn wählt er die Nummer seiner Ex-Freundin Bella, die er vor elf Jahren überraschend verließ. “Fuck you. Just fuck you”, verabschiedete diese ihn in einem Brief seinerzeit – und ist über das überraschende Wiedersehen wenig erbaut. Er sei einfach sehr einsam, erklärt Michael. “And we had something. And I thought maybe we could figure out what it was”, so die Hoffnung des gebürtigen Engländers.

“There’s something wrong with me”, weiß Michael. Nur was, ist ihm nicht gewiss. Die Figur scheint am Fregoli-Syndrom zu leiden, die alle Menschen als eine einzelne Person wahrnimmt. Als Folge haben Charlie Kaufman und sein Co-Regisseur Duke Johnson den anderen Figuren abseits von Michael dasselbe Gesicht verliehen, wie sie alle – egal ob Mann, Frau oder Kind – von Tom Noonan gesprochen werden. Umso erstaunter reagiert Michael dann, als er von seinem Zimmer aus eine andere, weibliche Stimme wahrnimmt. Die gehört wiederum zu Lisa (Jennifer Jason Leigh), die ein paar Zimmer weiter mit ihrer Freundin und Kollegin Emily eingemietet ist, weil sie als Fans von ihm eigens aus Akron für Michael Vortrag am Folgetag angereist sind.

Michael sucht daraufhin den Kontakt und schafft es auch kurz darauf, mit Lisa allein zu sein, in deren Stimme er sich verliebt. “They’re all one person”, erklärt er der schüchternen Kundenservice-Angestellten. “Everyone is one person but you and me.” Hierin liegt seine Faszination von Lisa, die so überrascht wie erfreut von seinem Interesse an ihr ist. Sie selbst war seit acht Jahren in keiner Beziehung mehr und scheint körperlich wie bildlich gebrandmarkt. Zu ihren Lieblingsliedern gehört Cyndi Laupers “Girls Just Wanna Have Fun” und wenn Lisa in Michaels Hotelzimmer eine A-cappella-Version des Lieds anstimmt (“oh mama dear we're not the fortunate ones”), berührt das nicht nur ihr Gegenüber, sondern auch den Zuschauer.

“I want to be the one who walks in the sun”, verrät Lisa und man möchte ihr Puppenkorsett nur noch in den Arm nehmen. Michael ist da schon einen Schritt weiter, und auf und dran von seiner Paranoia eingeholt zu werden. “I lose everyone”, äußert er seine Befürchtung, die sich kurz darauf bewahrheitet und Lisa als jüngstes Glied in eine lange Kette gescheiterter Bekanntschaften einreiht. Nun wird deutlicher, wieso seine Beziehung zu Bella scheiterte und wieso die Ehe mit Gattin Donna ebenfalls im Argen liegt. “I’ve been running for a long time now”, gesteht der demotivierte Motivationsredner. Inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst. “What is it to be human?”, fragt sich die Figur zum Schluss. “What is it to ache?”

Am Rande, wenn auch nur minimal, brechen Kaufman und Johnson im Verlauf von Anomalisa eine weitere Ebene ein, wenn Michael hinter die artifizielle Kulisse seines Daseins zu blicken scheint und sich in einer Szene buchstäblich selbst demaskiert. Zugleich gerät die Zusammenstellung der Puppen bisweilen leicht irritierend, da ihre Linien im Gesicht gerade bei Michael teils den Eindruck erwecken, er würde eine Brille tragen. Ohnehin wäre es der Geschichte vielleicht zum Vorteil gereicht, wenn Kaufman sie nicht als Puppentheater inszeniert, sondern eine Realverfilmung angestrebt hätte. Ungeachtet dessen ist die Umsetzung mit den 3D-Puppen prinzipiell jedoch gelungen und auch über weite Strecken durchaus voller Details.

Obschon eher von tragikomischer Note findet sich im Film auch vereinzelt klassischer Kaufmanscher Humor. Beispielsweise wenn Michael während seiner Taxifahrt das “Flower Duet” aus Léo Delibes’ Oper Lakmé pfeift und der Taxifahrer darauf besteht, es handele sich um British Airways. Oder auch, wenn er auf der Suche nach einem Spielwarengeschäft stattdessen in einem Sex-Shop landet. Bezeichnend ist auch eine Szene, als Michael im Hotelflur zur Eismaschine geht und vor dem Fahrstuhl ein frischvermähltes Ehepaar trifft, dass sich primär mittels der Phrase “Fuck you” unterhält. Um Beziehungen ist es in der Welt eines Charlie Kaufman wahrlich nicht gut bestellt. Wirkich glücklich ist im Universum von Anomalisa keine Figur.

Das ist natürlich ein ausgesprochen düsteres Bild – oder wäre es, würde der absurde Humor des Auteurs nicht für erhellende Momente sorgen. Tonlich wie thematisch reiht sich Anomalisa dabei grundsätzlich nahtlos an Charlie Kaufmans Vorgänger wie Adaptation und Eternal Sunshine of the Spotless Mind ein. Jennifer Jason Leigh ragt klar aus dem soliden Voice Cast heraus, indem sie Lisa eine herzliche Wärme und Menschlichkeit schenkt. Mit rund 80 Minuten ist der Film zugleich erfrischend kurzweilig und lädt wie alle Werke Charlie Kaufmans zu Wiederholungssichtungen ein, die sein Erfassen verstärken. Und wenn nicht, auch halb so wild, wie Michael in einer Szene selbst bemerkt: “Sometimes there’s no lesson. That’s a lesson in itself.”

8/10

18. September 2014

The Zero Theorem

Everything adds up to nothing.

Warum sind wir hier, was ist der Sinn unserer Existenz? Fragen, so alt wie die Menschheit selbst, die aufgrund unzureichender Antworten irgendwann der Einfachheit halber die Religion erfand. Die Sinnfrage beschäftigt auch den Protagonisten in The Zero Theorem, dem jüngsten Film von Terry Gilliam, der diesen als Abschluss seiner Dystopie-Trilogie sieht, zu der Brazil und 12 Monkeys gehören. In einem futuristischen London ist Qohen Leth (Christoph Waltz) einer von vielen Angestellten der Firma Mancom und berechnet für diese Einheiten. Qohen strebt danach, als arbeitsunfähig deklariert zu werden, damit er von daheim – einer verlassenen Kirche – arbeiten kann. Dort erwartet er den Anruf einer höheren Autorität.

Diese wollte die Antwort auf die alles entscheidende Frage geben, doch der Anruf wurde frühzeitig beendet. “All we want is our call”, wiederholt Qohen – der von sich selbst in der 1. Person Plural spricht – mehrfach im Film. Weil die Firmenärzte ihm die Arbeitsunfähigkeit nicht bestätigen, sondern lediglich mit dem Psychiater-Programm Dr. Shrink-Rom (Tilda Swinton) nach Hause schicken, sucht Qohen das Gespräch mit dem Management (Matt Damon). Auf einer Feier seines Vorgesetzten Joby (David Thewlis) erhält Qohen seine Chance – wird jedoch zuerst nicht erhört. Immerhin lernt er die verführerische Bainsley (Mélanie Thierry) kennen, die ihn später dazu einlädt, mit ihr Cyber-Tantra-Sex zu haben. Dann meldet sich Management.

Qohen darf von daheim arbeiten, wenn er für Mancom das Zero Theorem knackt. “Zero must equal one hundred percent”, rattert der Computer daraufhin monatelang runter, während Qohen die entscheidende Gleichung bis auf knapp 98 Prozent pusht. Wirklich vorwärts kommt er jedoch nicht, sodass er irgendwann wieder in eine Sinnkrise fällt. Etwas, das Management nicht zulassen kann und Qohen unentwegt beobachtet. Die Antworten, die Qohen anstrebt, treiben uns letztlich alle um. Bieten können sie ihm weder das Management (“you’re quite insane”) noch Dr. Shrink-Rom (“you’re a tough nut to crack”). Und dennoch erhält Qohen Ansätze, wenn auch abseits des Zero Theorems. Schlichtweg, indem er lebt und interagiert.

Der zurückgezogen lebende Glatzkopf, der Körperkontakt vermeidet, weicht auf, als ihm Management seinen Progammierer-Sohn Bob (Lucas Hedges) zur Seite stellt. Genauso wie bei seinen Online-Dates im Cyberspace. Anstatt nach dem Sinn des Lebens zu fragen, lebt Qohen einfach. Doch das vermeintliche Glück – insofern existent – ist nur von kurzer Dauer. Prinzipiell ist The Zero Theorem also eine Allegorie auf das Leben selbst, welches wir zu Beginn des Films in ziemlich übersteigerter Form erleben. Penetrante Straßenreklame, eine Gesellschaft, abhängig von ihren Mobilgeräten – selbst auf Partys. Schrill-schräg ist diese Welt, die Gilliam entsprechend bunt zelebriert. Was jedoch eine gewisse billige Künstlichkeit mit sich bringt.

In der Tat sieht The Zero Theorem aus, als wäre er 20 Jahre alt, was sicher dem geringen Budget des Films geschuldet sein dürfte. Dessen grundsätzlich interessante Ideen und Ansätze vermag Gilliam bedauerlicherweise nicht zu transportieren. Qohen ist eine irritierende Figur, deren Spleen nicht recht greifbar ist. Wir erfahren später, dass er einst verheiratet war und nun geschieden ist, was angesichts seines Charakters verwundert – diesen womöglich aber auch erklärt. Grundsätzlich kann und soll die Figur wohl als Spiegelbild der Menschen gelesen werden, daher auch die Referenz auf sich selbst in der 1. Person Plural. Die philosophische Dichte, die der Intention des Ansatzes innewohnt, will sich derweil nicht wirklich einstellen.

Während Qohen nach einem Fixpunkt sucht, um seiner Existenzangst Einhalt zu gebieten, soll er für Management zugleich mit dem Zero Theorem die Big Crunch-Theorie bestätigen. “Everything adds up to nothing”, fasst es Joby eingangs zusammen. Für die Menschheit eine unnatürliche Vorstellung: ein Leben aus dem Nichts ins Nichts. “What’s the point?”, entgegnet Qohen daher. Später wird Management ihn bei der Arbeit mittels einer Kamera beobachten, die auf den Torso eines Kruzifix’ angebracht ist. Eine höhere Macht, die uns unentwegt beobachtet und kontrolliert. Eine der wenigen netten Ideen des Films, zu der auch Tilda Swintons Cameo als Psycho-Programm und David Thewlis im Monty-Python-Gedächtnis-Modus gehören.

Zugleich hadert der Film auch mit seinen Figuren. Christoph Waltz wirkt fehl am Platz oder nicht in seinem Element. Der ursprünglich vorgesehene Billy Bob Thornton wäre hier ebenso die bessere Wahl gewesen wie Management tatsächlich von Al Pacino statt Matt Damon spielen zu lassen. Gastauftritte von typische gilliamschen Figuren wie einem Doktoren-Trio (u.a. Peter Stormare und Ben Whishaw) oder Werbefiguren (darunter Rupert Friend) verpuffen, da sie keinem wirklichen Zweck dienen und nicht weiter verfolgt werden. Ohnehin wird die Welt des Films nicht erforscht – wofür man aufgrund des billigen Looks gleichzeitig irgendwie aber auch wieder dankbar sein muss. Richtig überzeugen kann The Zero Theorem jedenfalls nicht.

Zu Gute halten mag man dem Film, dass er immerhin originäre Ideen umsetzt – auch wenn viele Elemente mitunter an Brazil erinnern. Mit seinen dystopischen Kollegen aus Gilliams Œuvre kann sich The Zero Theorem jedenfalls nicht messen, dafür fehlt ihm das inhaltliche Momentum wie auch die visuelle Überzeugungskraft. Der Output des Ex-Python im 21. Jahrhundert vermag folglich nicht mehr mit seinen Werken aus den 1980er und 1990er Jahren mitzuhalten. Dies wiederum gibt wenig Hoffnung für sein wiedererwecktes Don-Quixote-Projekt, für das der Regisseur seit Jahren um Finanzierung kämpft. Aber zumindest scheint das Projekt Gilliams Schaffen einen Sinn zu geben. Und das ist doch wiederum schließlich auch etwas.

4/10

18. Juli 2009

Harry Potter and the Half-Blood Prince

Why is it when something happens it is always you three?

Nach dem umfangreichen Harry Potter and the Order of the Phoenix schraubte Joanne K. Rowling ihre Bemühungen etwas zurück und veröffentlichte einen etwas schlankeren sechsten Band. Dabei wurde Harry Potter and the Half-Blood Prince letztlich nicht mehr als eine sechshundert Seiten lange Einführung für den finalen Band. Bedenkt man, dass aufgrund der gewichtigen Handlung von Harry Potter and the Deathly Hallows beschlossen wurde, das siebte Buch in zwei Filmen zu adaptieren, müsste das Fanherz bei den Aussichten auf eine um die sieben Stunden lange Geschichte eigentlich schneller schlagen. Immerhin stellte Order of the Phoenix die wahrscheinlich gelungenste Adaption der Reihe dar und dies auch noch beim umfangreichsten Band. Dass Produzent David Heyman dennoch Drehbuchautor Michael Goldenberg anschließend wieder fallen ließ, um zu Steve Kloves zurück zu kehren (neither can live while the other survives?), sollte die Reihe jedoch wieder zurück auf das Niveau von Harry Potter and the Goblet of Fire heben.

Diesmal ist alles anders und doch irgendwie gleich. Voldemort ist zurück und dies ganz offiziell. Seine Anhänger, zuvorderst Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) und Fenrir Greyback (Dave Legeno) treiben ihr Unwesen auch jenseits der eigenen magischen Grenzen. Unsichere Zeiten also, wenn Zauberer und Hexen nicht mehr voreinander sicher sind. Das erklären auch Ron (Rupert Grint) und Hermione (Emma Watson), als Harry (Daniel Radcliffe) bei ihnen eintrifft. Über Schulabbruch wurde im Hause Weasley philosophiert, weil die Kinder gefährdet seien. Interessanterweise scheint dies jedoch sonst niemanden zu stören. Harry selbst treibt sich im Sommer ungestört in London herum, wo er in U-Bahn-Bistros Kellnerinnen anbaggert, während er später unbekümmert mit seinen Freunden durch Diagon Alley schreitet, die weniger Tage zuvor noch Opfer einer Attacke war. Dieses Bäumchen-wechsel-dich-Spiel wird anschließend fortgesetzt, wenn zwar einerseits Hogwarts von Ministeriumsbeamten beschützt wird, die Zugfahrt dorthin selbst allerdings nicht.

Die Bedrohung der Zauberer untereinander und die Gefahr, die dadurch auch für Harry und seine Freunde ausgeht, werden innerhalb des Filmes oft konterkariert. Dass Harry im Sommer auf eigene Faust durch London wandert muss etwas verwirren, wenn er anschließend im Winter im Beisein von erwachsenen Zauberern angegriffen wird. Im Falle vergangener Filme widersprechen also Kloves' eigene Ideen nicht nur der ursprünglichen Geschichte von Rowling, sondern sogar die meiste Zeit sich selbst. Schon in den ersten zehn Minuten wird die Anpassung der im Grunde doch sehr düsteren Geschichte an die hollywoodsche Norm überdeutlich: Heyman und Co. wollten keine Geschichte erzählen, die im Nachhinein nur der Aufhänger für das Finale ist. Die zahlreichen Rückblenden in Voldemorts Vergangenheit werden bis auf zwei Ausnahmen herausgestrichen. Eine verständliche Entscheidung, schweift insbesondere die Nebenhandlung um dessen Großvater zu sehr ab. Ob sich die Entfernung der Rückblenden eventuell rächen könnte, wird sich zeigen.

Eine Kürzung der Handlung ist folglich bei Harry Potter stets unumgänglich, will man die Laufzeit auf zweieinhalb Stunden begrenzen. Wo und wie man kürzt, hatte Goldenberg beim Vorgänger gezeigt. Kloves hat damit jedoch bekanntlich größere Probleme. Im weitesten Sinne beinhaltet Half-Blood Prince drei Handlungsstränge, welche die Geschichte ausmachen. Es ist bezeichnend, dass sich Kloves auf den unbedeutenderen der drei Erzählstränge fokussiert hat. Im Folgenden ist der Film durchzogen von romantischen Beziehungsentwicklungen, die zum einen als comic relief und zum anderen als zentrale Unterhaltungsform gedacht sind. Dabei schreiten Yates und Kloves ziemlich harsch voran, fehlt doch gerade der plötzlich hereinbrechenden Romanze zwischen Harry und Ginny (Bonnie Wright) jegliches Fundament. Etwas geschickter, da sorgsamer, wird das Ganze bei Hermione und Ron inszeniert, die neben ihrer Annäherung auch über die vergangenen vier Filme eine Basis hatten, auf der ihre Gefühle füreinander behutsam aufgebaut wurden.

Immerhin muss man gestehen, dass die Intention des comic relief aufgeht und die meisten Szenen funktionieren. Ohnehin ist es der Humor, der Half-Blood Prince am besten auszeichnet, allen voran die Einstellungen mit Radcliffe und Grint. Man merkt es dem Jungdarstellertrio an, dass nach fünf Filmen die Chemie in vollem Umfang stimmt. Ginny wirkt dagegen ob ihrer forcierten Integration eher wie ein Fremdkörper und Kloves macht sich nicht einmal die Mühe, zu erläutern, wieso sie plötzlich so viel mit dem Trio abhängt. Geschweige denn, wie sie im Quidditch-Team gelandet ist, wo sie auf einmal Mitglied ist, während andere sich erst in dieses Spielen müssen. Die Quidditch-Szenen selbst sind wie bereits früher relativ unerheblich und dienen ausschließlich der Auflockerung der restlichen Handlung. Da jedoch die düsteren Szenen um Voldemorts Vergangenheit, sowie die spannenden Szenen rund um Malfoy (Tom Felton) und seine Agenda im Film selbst keine bedeutsame Rolle spielen, geraten die Beziehungsdramen zum Mittelpunkt des Geschehens.

Hinsichtlich der anderen Erzählstränge tut sich Kloves ebenfalls  keinen Gefallen. Auf der einen Seite präsentiert er Dumbledore (Michael Gambon), der versucht Harry auf den neuen Zaubertrank-Dozenten Horace Slughorn (Jim Broadbent) anzusetzen. Es obliegt nun Harry, aus diesem ein zentrales Geheimnis bezüglich Voldemort zu entlocken, welches mit dem weiteren Verlauf der Handlung zusammenhängt. Wirkliche Vorwürfe kann man hierbei nun weder Kloves, noch Yates machen. Sie erzählen soviel, wie sie zu erzählen haben, damit man der Geschichte und speziell dem Finale des Filmes folgen kann. Anders verhält es sich jedoch mit der Nebenhandlung, die sie bezüglich Tom Feltons Figur übernehmen. Sieht man einmal davon ab, dass man glaubte, der Verständigkeit halber dessen Agenda bereits relativ früh zu offenbaren, führen Heyman und Co. durch ihre Abwandlung zum Roman den ganzen Handlungsstrang ad absurdum. Denn Sinn und Zweck hat das Geschehen nicht und dient wohl erneut nur der Anpassung an die Normen Hollywood.

Hinzu kommt, dass Kloves wie bereits im vierten Teil Erklärungen ausspart, sodass zahlreiche Handlungsbögen entweder aus dem Nichts entstehen, in dieses verlaufen oder im besten Falle beides auf einmal. Andere Kleinigkeiten, die bereits seit Cuarón der Reihe innewohnen, bilden dabei nur das Tüpfelchen auf dem I. Addierte der Mexikaner seiner Zeit zwei weitere Jungen in Harry Jahrgang und Gryffindor, so platzierte Newell schließlich die Patil-Zwillinge in ein und dasselbe Haus. Hatte Yates letztere Tradition übernommen, versucht er nunmehr es auch Cuarón nachzutun. Die Mädchen von Gryffindor werden nun um zwei Schülerinnen erweitert. Neben den Patil-Zwillingen, Hermione und Lavender (Jessie Cave) werden auch Katie Bell (Georgina Leonidas), ihre Freundin Leanne und Romilda Vane (Anna Shaffer) ins sechste Jahr von Gryffindor sortiert. Das führt zu dem sehr amüsanten Szenario, dass nicht nur alle zehn Gryffindors die NEWT-Zaubertrank-Klasse weiterführen, sondern auch die neuen Schülerinnen (im Endeffekt also mehr Gryffindors als Slytherins).

Da stört es im Grunde auch nicht, dass der Film, obschon er Harry mit dem Halbblut-Prinzen assoziiert, auf diesen eigentlich gar nicht eingeht. Dient er im ersten Akt als Basis für einen der drei Handlungsstränge, scheint die zweite Szene im dritten Akt lediglich ein Alibi zu sein, um den Filmtitel zu rechtfertigen. Im Endeffekt hat Harry Potter and the Half-Blood Prince aber nichts mit jenem Prinzen zu tun, sodass dessen finale Auflösung eigentlich das Unwichtigste in der gesamten Geschichte darstellt. Dabei hätte der sechste Film aufgrund seiner subtilen Düsternis sehr viel Potential gehabt, was aufgrund des starken Fokus’ auf die Beziehungsdramen im fertigen Ergebnis ziemlich verloren geht. Ausschlaggebend für das Versagen des Filmes ist die Tatsache, dass Kloves, Yates und Heyman sich durch ihre Abänderungen die meiste Zeit selbst widersprechen und/oder Handlungen konterkarieren, die sie zuvor entweder lang oder auch nur kurz eingeführt haben. Weitaus dramatischer dürften die Aussparungen ausfallen, die die Basis für die Deathly-Hallows-Filme darstellen.

Diesbezüglich deutet sich an, dass die bedeutsame Nebenhandlung um Severus Snape (Alan Rickman) wohl weitestgehend unter den Tisch fällt. Alles andere würde aufgrund der bisher mangelhaften Vorbereitung seit dem Vorgänger überraschen. Es ist durchaus schade, wie wenig aus jenem Subplot gemacht wird, der sich doch als Spiegelbild zu Harry und Voldemort selbst lesen lässt. Rickman selbst ist auch hier dank seiner gedehnten Artikulation wieder eines der Highlights des Filmes, leidet aber erneut unter seiner fehlenden Präsenz. Felton wiederum nutzt die zusätzlichen Minuten, die seine gesamte Anwesenheit in den vergangenen drei Filmen aufwiegen. Während Grint erneut sein komödiantisches Potential ausschöpfen kann, meistert Watson sowohl die charmanten als auch die melancholischen Szenen wie gewohnt sehr gekonnt. Radcliffe wiederum hat gerade im Finale wie immer seine Probleme mit emotional-dramatischen Szenen, was insofern entschuldbar ist, da er im sechsten Film weitestgehend sein komödiantisches Talent ausspielen kann.

Dagegen spielt Michael Gambon so schlecht wie eh und je. Dass er weiterhin vollends an der Figur des Dumbledore vorbeispielt, scheint daran zu liegen, dass sich der Ire nie die Mühe machte, eines der Bücher zu lesen (und Kloves es wiederum  nicht für nötig erachtete, die Figur im Drehbuch entsprechend zu charakterisieren). Auch die neuen Darsteller sind allesamt eine Enttäuschung. Jim Broadbent gibt Slughorn als verpeilten Naivling (wieso man nicht Bob Hoskins genommen hat, bleibt offen), während beide Jungdarsteller für Voldemort jegliches schauspielerische Talent vermissen lassen. Kauft man Ralph Fiennes’ Neffen sein unsympathisches Spiel noch ab (der Junge versagt dafür bei allem anderen), ist es Stephen Dillanes Sohn, der keine Unze Charisma (was hinsichtlich der Wandlung seiner Figur von Nöten ist) zu versprühen vermag. In die schlechten Darbietungen reiht sich nach dem Vorgänger erneut auch Helena Bonham Carter ein, deren overacting inzwischen zu ihrem Markenzeichen geworden zu sein scheint.

Auch die vielgelobte Kameraarbeit von Bruno Delbonnel kann sich nicht wirklich auszeichnen, wirken die Bilder doch oft dunkler, als der Inhalt letztlich selbst. An die schönen Bilder von Michael Seresin aus Harry Potter and the Prisoner of Azkaban vermag somit weder die Kameraarbeit, noch die Inszenierung selbst heranzureichen. Des Weiteren wollen eigentlich alle filmischen Referenzen von Yates nicht wirklich gefallen. Sei es die Höhle im Finale, die an Supermans Fortress of Solitude erinnert oder die relativ offensichtlichen Zitate zu The Two Towers oder The Godfather, Part II. Nichts davon will wirklich ins Potterverse passen und bedenkt man die Zielgruppe, dürften die wenigsten die Superman- oder Godfather-Filme überhaupt gesehen haben. Ingesamt ist die sechste Harry-Potter-Adaption zwar eine solide Vorstellung, verdankt dieses milde Urteil jedoch hauptsächlich dem pubertären Charme der Beziehungsszenen (primär von Hermione und Ron, denn Harry und Ginny) und dem merklichen Humor. Eine wirkliche Auszeichnung ist dies jedoch nur bedingt.

6/10


Szenenbilder Harry Potter and the Half-Blood Prince © Warner Bros. Pictures. All Rights Reserved.

10. Juli 2009

The Complete: Harry Potter

Amazing! This is just like magic!

Von der arbeitslosen Mutter zur zweitreichsten Frau Englands. Eigentlich ist es der american dream, der sich für die Britin Joanne K. Rowling um die Jahrtausendwende abgespielt hat. Mit ihrer siebenbändigen Harry-Potter-Reihe verkaufte sie mehr als 400 Millionen Exemplare, die insgesamt in 67 Sprachen übersetzt wurden. Und selbstverständlich ist Rowling auch an den Filmadaptionen von Warner Bros. beteiligt, die bisher beinahe 5,4 Milliarden US-Dollar einspielten. Sowohl die erste als auch die fünfte Verfilmung zählen zu den zehn erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Neben Rowling selbst haben natürlich auch die Produzenten rund um David Hayman profitiert, wie auch die Jungdarsteller selbst. Ein weiterer Verdienst, der Rowling von vielen Seiten zugeschrieben wurde, war die Tatsache, dass sie mit ihren Romanen die Jugend wieder zum Lesen brachte. Das verpönte Buch war wieder in und die Verkaufszahlen der Potter-Serie bestätigen dies. Denn selbst die aktuell speziell in den USA begeistert aufgenommene Twilight-Reihe von Stephenie Meyer verkauft nur ansatzweise so viele Kopien wie Rowlings Werk.

Nun muss man Rowlings literarische Ergüsse auch nüchtern betrachten können. Immerhin zählt sie nicht zu den begabtesten Autorinnen, weisen ihre Romane doch stets zahlreiche narrative Schwächen auf. Immerhin kann man der Britin zugute halten, dass sie sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und verbessert hat. Letztlich kann man jedoch von der ehemaligen arbeitslosen Mutter auch keine Satzkonstruktionen eines Franz Kafka oder Thomas Mann erwarten, sodass man ihr ein eher schwächeres Buch wie Harry Potter and the Philosopher’s Stone gerne verzeiht. Denn in Rowlings Fantasiewelt geht es nicht so sehr um die Abenteuer, die die Figuren überwinden müssen, sondern um die Entwicklung der Figuren selbst. Jenes zentrale Thema, das in allen Bänden im Vordergrund steht, schreibt Rowling doch stets die Freundschaft und Loyalität dieser Freunde groß. Man mag es da einerseits dem Fantasy- und anderseits dem Kinderbuchgenre zuschreiben, dass die Reinheit ihrer Figuren über allem steht (nicht zuletzt begann die Serie auch als Geschichte für Rowlings eigene Kinder). Sex und Drogen spielen für das Zaubervolk überhaupt keine Rolle, selbst wenn die Autorin jeder Figur eine kurze (unschuldige) Romanze mit einer anderen Person gestattet. Letztlich finden sich jedoch – zumindest für die vier Hauptfiguren – schon in der Schulphase die finale letzte Bindung fürs Leben.


Handlungstechnisch dreht sich alles um den Teenager Harry Potter, der als der Junge, der lebte, in die Geschichte der Zauberer und Hexen einging, weil er die erste Person war, die einen Angriff des diabolischen Lord Voldemort überlebte. Als Waise von seinem Onkel und seiner Tante großgezogen, erhält Harry die Möglichkeit auf einen gewünschten Tapetenwechsel, als ihm an seinem 11. Geburtstag ein Platz im Zaubererinternat Hogwarts zugesprochen wird. Hier hat Harry alsbald jedoch damit zu kämpfen, dass er zwar in dieser anderen, phantastischen Welt eine Berühmtheit und Legende ist, jedoch über seine Heimat eigentlich nichts weiß. Auch mit seinen Neidern wie Draco Malfoy oder Professor Severus Snape hat der bebrillte Junge zu kämpfen. Umso bedeutender ist für ihn daher seine Freundschaft zu Ron Weasley und Hermione Granger, genauso sein großväterliches Verhältnis zum Internatsleiter Albus Dumbledore. Rowling bedient sich in ihren Romanen stets einem Schema F: Harry versucht den Sommer bei seinen Verwandten, den Dursleys, durchzustehen und wird zu Schuljahresbeginn mit einem Phänomen und Abenteuer konfrontiert, das sich bis zu den Klausuren zieht.

Am Ende jedes Romans müssen sich Harry, Ron und Hermione schließlich entweder Voldemort selbst oder einem seiner Handlanger stellen. Hierbei begann die Autorin mit Band 4, Harry Potter and the Goblet of Fire, stets etwas düstere Geschichten zu erzählen, die jedes Jahr auch ein Opfer aus Harrys Mitte forderten. Nach Harry Potter and the Prisoner of Azkaban nahm auch der Umfang der jeweiligen Bücher zu, was hinsichtlich der Erzählstruktur wohl mit Rowlings eigenem Fortschritt und einem entsprechenden Selbstbewusstsein zu tun hat. Grundsätzlich ist ihr mit ihrer beinahe Dreieinhalbtausend langen Geschichte ein oft amüsantes und mitunter ergreifendes Stück Fantasyliteratur gelungen. Stets begleiteten sie jedoch die im Genre verhaftetenungemein naiv ausgearbeiteten Spannungselemente wie Rätsel und andere Wendungen. Oftmals gelingt dem Trio etwas, was selbst großen Zauberern wie Voldemort nicht zu gelingen vermag. Ein fader Beigeschmack bleibt hier zwar, doch wie oben angesprochen ist die Freundschaft der Figuren die eigentliche Handlung und nicht so sehr, was sie im Laufe dieser Freundschaft unternehmen. Wie mit jeder größeren Serie (man denke an Lord of the Rings oder His Dark Materials) beschleicht einen dann etwas Wehmut, wenn man sich die letzten Seiten des letzten Bandes zu Gemüte führt. Für die Filmreihe ist das Ende jedoch noch lange nicht in Sicht, erwartet das Publikum hier immerhin drei weitere Filme der Reihe.


Harry Potter and the Philosopher’s Stone


Nach vier Jahren war es soweit. Das erste Abenteuer von Harry Potter konnte auf der großen Leinwand umgesetzt werden. Zuvor mussten jedoch einige Bedingungen von Seiten J.K. Rowlings erfüllt werden. Zwar erhielt Warner Bros. den Zuschlag, doch die Autorin bestand darauf, die Darsteller allesamt britisch zu halten. Also kein Haley Joel Osment als Harry Potter und keine Nebenrollen für Robin Williams und Co. Zumindest durfte sich mit Chris Columbus ein Amerikaner auf dem Regiestuhl niederlassen. Da einerseits der erste Band der Reihe mit 223 Seiten relativ knapp bemessen war und andererseits Columbus’ Film fast zweieinhalb Stunden läuft, präsentiert sich Harry Potter and the Philosopher’s Stone als äußerst getreue Adaption der Vorlage. Nur wenige Veränderungen fanden statt, meist wurde verständlich und nachvollziehbar gekürzt. Der Film selbst war ein weltweiter Erfolg, avancierte hinter Titanic nicht nur zum erfolgreichsten Film aller Zeiten (bis dato), sondern vermochte sogar den im selben Jahr gestarteten The Fellowship of the Ring knapp hinter sich zu lassen. Ein Siegeszug auf ganzer Linie somit, nicht nur für Rowling, sondern primär natürlich für Warner Bros. und David Hayman.

Doch ähnlich wie mit Rowlings Vorlage ist auch in Columbus’ Film vieles nicht Gold was glänzt. Einige Aussparungen hätten sich hier in der Tat angeboten, allen voran das Quidditch. Vieles zieht sich in Steve Kloves’ Adaption, paradoxerweise obschon man – wie im Finale – die Handlung extra zurecht gestutzt hat. Vielleicht ist Philosopher’s Stone somit ein gutes Beispiel dafür, dass eine direkte Adaption eines Stoffes nicht immer wirklich gelingen mag. Wobei der Film zu einem Großteil auch hauptsächlich mit denselben Problemen hadert, denen sich bereits die Vorlage ausgesetzt sah. Allen voran natürlich das Finale, welches gerade wegen seiner Naivität eher leidlich betrachten werden muss. Selbst wenn man berücksichtigt, dass man ein junges Publikum adressiert, so fragt man sich doch, wieso es drei Erstjahrgängern gelingt, Prüfungen bzw. Barrieren zu überwinden, die als Schutzmaßnahmen der Professoren ausgedacht wurden. Da hilft es leider nur halb, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass jene Hindernisse nur dazu dienen, um zu veranschaulichen, dass Harry (Daniel Radcliffe) der Unterstützung von Ron (Rupert Grint) und Hermione (Emma Watson) bedarf, um zu seinem Ziel zu gelangen.

Ähnlich verhält es sich auch abseits der formalen Ebene. Williams Score wirkt oft übertrieben zelebrierend-optimistisch, etwas dezenter hätte es hier auch getan. Besonders auffällig sind die teilweise ungenügenden visuellen Effekte. Zwar wirken diese bei Fluffy und dem Troll nicht ganz so störend, doch wenn beispielsweise das Trio vor Hagrids (Robbie Coltrane) Hütte steht und man in ihrem Rücken praktisch den Green Screen sehen kann, schneidet man sich etwas ins eigene Fleisch. Wie man es besser hätte machen können, sieht man an den Kobolden, die allein durch Maske und Kostüme weitaus authentischer wirken als im Gegenzug der Troll (letzterer auch im Verhältnis zu seinem Pendant in Jacksons Fellowship of the Ring aus demselben Jahr). Bedenkt man, dass auch über die Jahre hinweg Harry Potter mit seinen Filmen was die digitalen Effekte angeht nie sonderlich Maßstäbe gesetzt hat, scheint dies einfach nur ein generelles Problem für diese Filmreihe darzustellen. Auch wenn anerkannt werden sollte, dass die Effekte, wie alles andere, im Laufe der Fortsetzungen an Qualität zugenommen haben. Immerhin in der finalen Konfrontation mit Voldemort kann sich die digitale Umsetzung schließlich sehen lassen.

Noch wichtiger als die Effekte und die Umsetzung war jedoch selbstverständlich die Besetzung der einzelnen Rollen. Hier weiß Harry Potter im Grunde zu überzeugen. Die meisten Besetzungen sind wahrlich gelungen, wobei sich Entscheidungen wie Maggie Smith als Prof. McGonagall oder Richard Harris als Dumbledore nicht so sehr auszahlen, da beide Figuren im ersten Band keine herausragende Rolle spielen. Rowling zeigte ein gutes Gespür als sie sich für Coltrane als Hagrid und Alan Rickman als Snape entschied. Bei den vier hauptsächlichen Jungdarstellern sind die Resultate gemischt. Zwar weiß Rupert Grint zu überzeugen, doch wirkt er hier noch äußerst unsicher. Eine Eigenschaft, die Grint mit den Jahren glücklicherweise abgelegt hat. Radcliffe hingegen hadert nicht nur hier mit seiner komplexen Rolle, sondern hat auch acht Jahre später noch Probleme, die emotionale Tiefe der Figur entsprechend zu spielen. Tom Felton meistert seine Sache dagegen mehr als gelungen und hat hier wie auch in allen anderen Filmen damit zu kämpfen, dass seine Leinwandpräsenz stets auf ein Minimum reduziert wird. Ein Coup dagegen ist die Wahl von Emma Watson. Hier wie in wohl keinem der anderen Filme spielt sie ihre Kollegen allesamt an die Wand. Speziell die schnippischen Szenen, in denen sich die Freundschaft der Drei noch nicht herauskristallisiert hat, zählen zu ihren Höhepunkten.

Ingesamt betrachtet ist Philosopher’s Stone ebenso wie das Buch eine Geschichte, die größtenteils nur für Kinder und Jugendliche funktioniert. Dies liegt gerade an dem mehr als einfach zu folgendem Erzählstrang, der jedweder potentiellen Komplexität bereits im Ansatz aus dem Weg geht. Das geht dahingehend in Ordnung, da die Harry-Potter-Bücher darauf ausgelegt sind, sich jeweils an die Altersgruppe des Trios zu wenden. Aus Sichtweise einer Person die jedoch älter als die Zielgruppe ist, wirkt die Geschichte des Steins der Weisen nur unzureichend spannend oder unterhaltsam. Die liebevolle und getreue Adaption von Columbus selbst hadert mit ihrer langen Laufzeit (bedenkt man, dass nicht sonderlich viel zu erzählen ist) und den bisweilen schlechten Effekten. Als Auftakt in die Welt von J.K. Rowling ist der Film jedoch gelungen, selbst wenn er einige Eigenheiten des Aufwands wegen unterschlägt.


Harry Potter and the Chamber of Secrets


Seit drei Jahren war Stillstand im rowling’schen Potterverse, ehe 2003 endlich der fünfte Band, Harry Potter and the Order of the Phoenix erschien. Zuvor mussten die Fans selten länger als ein Jahr warten, um die Abenteuer von Harry, Ron und Hermione miterleben zu dürfen. Da traf es sich selbstverständlich gut, dass die Jahre 2001 und 2002 zumindest die ersten beiden Verfilmungen bereit hielten, um die Wartezeit zu verkürzen. Und die Meßlatte für Regisseur Chris Columbus war hoch. Nicht nur generell eine ansprechende Umsetzung des Potterverse zu liefern, sondern auch an den Erfolg des Vorgängers anzuknüpfen. Schließlich war Harry Potter and the Philosopher’s Stone der erfolgreichste Film des Jahres 2001. Allerdings musste sich Chamber of Secrets diesmal der Konkurrenz aus Mittelerde geschlagen geben. The Two Towers spielte weltweit rund 80 Millionen Dollar mehr ein, weshalb Potter und Co. 2002 nur den zweiten Platz einnahmen. Nichtsdestotrotz kann auch Harry Potter and the Chamber of Secrets als Erfolg angesehen werden, der ganz in der Tradition des Vorgängers steht.

Erneut liefert Columbus eine äußerst getreue Adaption der Vorlage ab und spart nur geringfügig Handlungselemente aus. Im Grunde fällt nur die Nebenhandlung rund um die Razzien bei Zauberern und damit der Konflikt zwischen den Weasleys und Malfoys heraus, sowie kleinere Anekdoten wie Sir Nicholas’ Bemühungen im Jagdclub der Kopflosen aufgenommen zu werden. Änderungen, die nicht wirklich tragisch sind. An einigen anderen Stellen jedoch ergeben sich kleine Logiklöcher, die sich erst füllen lassen, wenn man die geschnittenen Szenen hinzufügt. Zum Beispiel weshalb Hagrid (Robbie Coltrane) für Harry (Daniel Radcliffe) einsteht und wieso Harry, Ron (Rupert Grint) und Hermione (Emma Watson) während der Polyjuice Potion plötzlich Slytherin Klamotten tragen. Während hier die geschnittenen Szenen die Erklärungen liefern, die dem Kenner der Vorlage ohnehin bekannt waren, gibt es hin und wieder auch Szenen, bei denen sich Kloves eine Erklärung gespart hat. Besonders prominent die Polyjuice Potion an sich. Zum einen steht Moste Potente Potions in der Bücherei nicht in der verschlossenen Abteilung, zum anderen scheinen Harry und Co. die notwendigen Zutaten problemlos ergattern zu können.

Hier scheint wohl wieder die Laufzeit ein Problem gewesen zu sein, läuft der Film doch ähnlich lange wie sein Vorgänger und dies bei einer Vorlage von größerer Seitenzahl. So leidet auch Chamber of Secrets mitunter an einigen Längen, speziell beim Quidditch als auch im Verbotenen Wald. Insgesamt ist die Treue gegenüber Rowlings Roman aber beeindruckend. Speziell Kenneth Branagh hält sich fast ausschließlich an Rowlings Worte. Seine Besetzung als narzisstischer Gilderoy Lockheart ist ein weiterer gelungener Schachzug von David Heyman (wobei der ursprünglich eingeplante Hugh Grant sicherlich eine ebenso gute Figur abgegeben hätte). Branagh spielt den Scheinheiligen mit viel Spaß an der Freude und ist somit ein Gewinn für das Ensemble. Lockheart ist es primär, der Chamber of Secrets zum unterhaltsamsten Buch der Reihe macht. Sein Ego und seine Arroganz sorgen besonders im Zusammenspiel mit Harry („Celebrity is as celebrity does”) für etliche Lacher. Die Einbindung der Eulen Errol und Hedwig in die Handlung tut hierbei nochmals ihr Übriges, den Rest besorgt schließlich Jungschauspieler Grint.

Sowohl die Szenen mit dem Ford Anglia als auch die betreffenden Szenen um Aragog bzw. die Spinnen allgemein lassen Grint sein volles Ron-Potential abrufen. Neben Branagh zählt seine Leistung zu den überzeugendsten im zweiten Film. Radcliffe schlägt sich weitestgehend tapfer, hat jedoch seine Probleme sowohl hinsichtlich der Szenen mit dem digitalen Dobby als auch mit den Sequenzen, in denen er Parseltongue sprechen muss. Emma Watson hingegen, der Lichtblick des ersten Teils, leidet hier zuvorderst unter ihrer geringen Präsenz. Schickt sie Rowling erst durch die missglückte Polyjuice Potion ins Lazarett, fehlt sie im letzten Drittel dann sogar ganz, nachdem sie ein Opfer des Basilisken wird. Die Schauspieler aus der zweiten Reihe wie Coltrane aber auch Tom Felton (Draco Malfoy) und Jason Isaacs (Lucius Malfoy) schlagen sich überzeugend. Die Effekte sind im Vergleich zum Vorjahr besser geworden. Neben Dobby kann sich auch der Basilisk sehen lassen, wobei die Spezialeffekte selbstverständlich nichts gegen die gleichjährige Konkurrenz von Weta waren. Ansonsten lässt sich von technischer Seite sehr wenig kritisieren, wobei es immer noch schade ist, dass in Deutschland die Originalfassung des Filmes bis heute nicht erhältlich ist. Besonders ironisch, bedenkt man, dass in der Schweiz hinsichtlich der FSK selten ein ähnlicher Terz wie hier veranstaltet wird und die Eidgenossen dennoch mit weit weniger Schulamokläufen auskommen, wie unsereiner.

Bereits in Chamber of Secrets erkennt man die Fortschritte, die Rowling beim Schreiben gemacht hat. Die Handlung ist flüssiger, wenn auch nicht unbedingt frei von konstruierten Handlungssträngen. Gerade das Finale ist dieses Mal jedoch von einigen Lapsus befreit und kommt runder und spannender daher. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Ereignisse im zweiten Band – in mehrerer Hinsicht – ihren Widerhall in Harry Potter and the Half-Blood Prince finden. Die Entscheidung Voldemorts Alter Ego, Tom Riddle (Christopher Coulsen), als Antagonisten einzuführen, macht sich bezahlt. Zum einen bildet er einen Kontrast zum „alten“ Voldemort des ersten Teils, zum anderen bildet er ein Spiegelbild zu Harry selbst. Und er wirft natürlich seine Schatten auf den sechsten und siebten Band voraus, was die Frage der Horcruxe und die Beziehung zwischen Harry und Ginny (Bonnie Wright) angeht. Des Weiteren behandelt Rowling in Nebensträngen Fragen der Gleichberechtigung, sei es in leichterer (Nearly Headless Nick) oder in verstärkter (Dobby) Form. Zudem markiert Chamber of Secrets das Ende der leichten Beschwingtheit, nehmen die Harry-Potter-Bände fortan doch einen immer dunkleren Ton an. Letztlich ist Columbus’ zweite und letzte Regiearbeit ein unterhaltsames Abenteuer, das seiner Vorlage gerecht wird, auch wenn es bisweilen zu lang und eintönig ausgefallen ist.


Harry Potter and the Prisoner of Azkaban


Während J.K. Rowlings Anforderungsprofil an die DarstellerInnen vorsah, dass diese Großbritannien entstammen mussten, war der Nationalität der Regisseure keine Grenzen gesetzt. Nach den ersten beiden Filmen trat Chris Columbus zurück und überließ die Inszenierung von Harry Pottter and the Prisoner of Azkaban einem seiner Kollegen. Eine der ersten Personen, an die man herantrat, war Guillermo del Toro. Doch dem Mexikaner war Rowlings Welt zu freundlich und hell, weshalb er sich stattdessen lieber Mike Mignolas Hellboy zu wand. Und auch bei Marc Forster, der nach Finding Neverland nicht erneut mit Kinderdarstellern arbeiten wollte, blitzte man ab. Schließlich fiel die Wahl auf einen anderen Mexikaner: Alfonso Cuarón. Dieser hatte bereits mit A Little Princess bewiesen, dass er im Stande war, ein Kinderbuch gerecht umzusetzen. Neben Cuarón ergänzten gleich vier neue Darsteller das Ensemble. Nachdem Richard Harris 2002 verstorben war, übernahm Michael Gambon den Part von Albus Dumbledore. Des Weiteren übernahmen die renommierten britischen Schauspieler David Thewlis, Gary Oldman und Emma Thompson entscheidende Rollen innerhalb der Serie.

Wie bereits der Vorgänger ist auch Prisoner of Azkaban noch einmal eine Ecke (fast hundert Seiten) länger als das ihm vorausgehende Buch. Erneut steigert sich Rowlings Schreibe, gerade in dramaturgischer Hinsicht. So kommt es, dass der dritte Band der Reihe zum einem wegen seiner ausgefeilten Handlung (das Finale nimmt beinahe ein Fünftel der gesamten Geschichte ein), zum anderen wegen seiner geringen Länge (im Vergleich zu den kommenden Bänden) der gelungenste Roman aus dem Potterverse ist. Zwar ist die schlussendliche Auflösung etwas weit hergeholt, im Vergleich zu den anderen Bänden aber schon allein wegen des Versuchs, einen ausgefeilten Twist einzubauen, beeindruckend. Leider bleibt davon in Cuaróns Film nicht sonderlich viel übrig. Besonders schade, bedenkt man, dass Prisoner of Azkaban ansonsten weitestgehend treu dem Buch folgt, sodass die Ausmerzung der Handlung an dieser entscheidenden Stelle doppelt schwer wiegt. Letztlich ist es das Finale, das den Film etwas herunterzieht, ist doch der Beginn bisweilen phantastisch gelungen. Neben den enttäuschenden darstellerischen Leistungen und einigen logischen Fehlern bzw. Löchern schöpft Cuarón somit trotz überzeugender und ansehnlicher Inszenierung das der Geschichte innewohnende Potential nicht wirklich aus.

War es zugegeben schon im Buch nicht sonderlich spannend, wird die von Sirius Black (Gary Oldman) ausgehende Gefahr für Harry Potter (Daniel Radcliffe) im Film nochmals unterminiert. Sehr gut erkennbar auch daran, dass Blacks nächtlicher Besuch im Gryffindor-Turm aus der finalen Fassung gestrichen wurde. Ansonsten weiß Cuaróns Regie durch ein auffallend düstereres Bild von Hogwarts zu gefallen, als im Vergleich zu Columbus’ buntem und kinderfreundlicherem Ambiente zuvor. Die etwas graueren Töne weiß der Mexikaner dafür mit jeder Menge comic relief auszugleichen. Speziell die peitschende Weide wird durch die Jahreszeiten hindurch als Spaßmacher eingebaut, wie zuvor schon die Szenen im Knight Bus der Erheiterung dienten. Da Cuarón es gegenüber Columbus besser versteht, in die magische Welt von Rowling einzutauchen – sehr gut zu sehen an ebenjener Knigh-Bus-Sequenz -, nimmt man den extra platzierten Humor nicht allzu übel. Es ist zudem Prisoner of Azkaban, der eine neue Peripherie für Hogwarts einführt. Nunmehr kann man Hogwart nicht mehr nur über den See erreichen, sondern auch über eine Brücke. Außerdem werden sowohl Hagrids Hütte als auch die peitschende Weide etwas außerhalb des Schlosses platziert. Welche Gründe exakt damit zu tun haben, ist ungewiss, auf Erklärungen für Abweichungen wartet man in den Film-Adaptionen aber generell umsonst.

Problematisch sind allerdings die offenbleibenden Fragen und eklatanten Fehler von Cuarón. Unsinnerweise erweitert er die Gryffindor-Schülerschaft um gleich zwei neue Schüler. Anstatt fünf Jungs sieht man im dritten Teil also sieben. Was sich der Mexikaner hier gedacht hat, bleibt sein Geheimnis. Ansonsten bleiben einige Fragen in Bezug auf Sirius und Remus Lupin (David Thewlis) offen. Zum einen wird nicht erklärt, woher Lupin weiß, dass es sich bei der Marauder’s Map um eine Karte handelt, noch erfährt der Zuschauer, woher Lupin weiß, wie die Karte funktioniert. Ohnehin wird die gesamte Verbindung zwischen Lupin, Sirius und Harrys Vater nicht einmal annähernd kommentiert. Dies untergräbt hauptsächlich jegliche Charaktertiefe, die Rowling für Snape (Alan Rickman) in den Romanen eingestreut hat. Es überrascht letztlich auch nicht, dass weder erläutert wird, wie genau die Potters verraten wurden, noch wie Sirius als erstem Zauberer die Flucht aus Azkaban gelang. Das Finale wird erschreckend schnell abgespult, besonders spürbar in der Befreiung von Sirius, die schließlich zur Frage von ein, zwei Sekunden wird.

Und damit sind nur die offensichtlichen Dinge angesprochen. Ein anderer Punkt wäre die Tatsache, dass sowohl Harry als auch der Seeker von Hufflepuff im ersten (und im Film einzigen) Quidditch-Spiel außer Gefecht gesetzt wurden. Dementsprechend kann das Spiel gar nicht beendet worden sein (geht man davon aus, dass niemand der anderen Mitspieler den Snitch gefangen hat), Unfall hin oder her. Auch der Einbau des Firebolt in der letzten Szene wirkt erstens unlogisch und zweitens deplatziert. Im Nachhinein weist Prisoner of Azkaban zahlreiche Lapsus auf, die das eigentlich positive Gesamtbild trüben. Besonders gefällig ist beispielsweise Cuaróns auflösende Schnitttechnik, aber auch John Williams musikalische Untermalung, die endlich nicht von einem durchgehend fröhlichen Gedudel erfüllt ist. Wie schon in den Vorgängern sind es zudem erneut Rickman, sowie Emma Watson und Rupert Grint, die schauspielerisch zu gefallen wissen. Besonders Grint hat sich wahrlich im Vergleich zu Philosopher’s Stone verbessert. Damit hat es sich aber bedauerlicherweise schon mit den Komplimenten erledigt. Thewlis bleibt erstaunlich blass, während sowohl Oldman als auch Gambon eine Enttäuschung sind. Gerade Gambon wirkt viel zu aufgedreht und vermag nicht an Harris’ ruhige und besonnene Spiel heranzureichen. Radcliffe hingegen spielt wie gewohnt schlecht und kaum überzeugend, mit seiner tränenreichen Morddrohung gegenüber Sirius als traurig-schaurigem Höhepunkt des Filmes.

Auch die Straffung der Trio-Szenen ist etwas schade, markiert der unentwegte „Streit“ zwischen Hermione (Emma Watson), Ron (Rupert Grint) und Harry doch den pubertären Prozess durch die ganzen Bände hindurch. Mit Abstrichen fließt diese fortwährende Konflikt zumindest in Mike Newells Goblet of Fire ein. Ebenso traurig ist die Ausgrenzung der anderen Hogwarts-Generation rund um Snape, den Potters, sowie Lupin, Black und Pettigrew (Timothy Spall). Deren Ereignisse ziehen sich schließlich nicht nur durch Prisoner of Azkaban, sondern werfen ihre Schatten auch noch auf Deathly Hallows voraus. Eventuell wäre also eine Verkürzung der Knight-Bus-Sequenz sowie eine Auslassung der Firebolt- und Monster Book of Monsters-Szenen vorzuziehen gewesen. Nichtsdestotrotz kann Cuarón mit seiner Adaption neue Akzente in der Filmreihe setzen und trotz der literarischen Vorgabe seinen eigenen Stempel aufdrücken. Gelungen sind im Übrigen auch die Anspielungen auf voraus greifende Ereignisse, wie Snapes schützende Haltung gegenüber dem Trio in der Werwolf-Szene oder insbesondere die romantischen Einstellungen bzgl. Ron und Hermione („Do you want to move a bit closer?”). Alles in allem ist der dritte Film somit nochmals eine Steigerung zu seinem Vorgänger, der ebenfalls bereits eine Steigerung zum ersten Teil darstellte. Selbst wenn, wie gesagt, Cuarón das vorhandene Potential nicht vollends auszuschöpfen vermag.


Harry Potter and the Goblet of Fire


Ein Jahr, bevor Philosopher’s Stone in die Kinos kam, war Rowlings vierter Band, Harry Potter and the Goblet of Fire, erschienen. Inzwischen schien das Selbstbewusstsein der Autorin gewachsen zu sein, schraubte sie die Seitenlänge des vierten Bandes im Vergleich zu Prisoner of Azkaban um fast einhundert Prozent hoch. So macht ihre Erzählung über Harry letzte Woche der Sommerferien rund um die Quidditch-Weltmeisterschaften beinahe ein Viertel des gesamten Romans aus. Bedenkt man, dass bereits unter Alfonso Cuarón das Finale im dritten Teil zu leiden hatte, ergibt es sich von selbst, dass Warner vorschlug, den vierten Band in zwei Filme aufzuspalten. Jedoch traute es sich Drama-Regisseur Mike Newell zu, den über 600 Seiten starken Roman über pubertierende Zauberer und ein Trimagisches Turnier in zweieinhalb Stunden zu erzählen. Im Nachhinein zeigt sich sein Goblet of Fire als wirres Kuddelmuddel aus unlogischen Szenen, die versuchen die Geschichte von Rowling nachzuerzählen, ohne sie nachzuerzählen zu müssen. Dass der Film dabei auch in allen anderen Belangen versagt, komplettiert hierbei nur das Bild.

Um die Buchhandlung zu komprimieren, springt Newell gleich zu Beginn von Seite zu Seite. Im alten Haus der Riddles taucht plötzlich Barty Crouch, Jr. (Danny Tennant) auf. Er soll etwas erledigen, was wird nicht gesagt. Schnitt zu Harry Potter (Daniel Radcliffe), der gemeinsam mit Ron (Rupert Grint) von Hermione (Emma Watson) geweckt wird, weil sie mit den Weasleys morgens spazieren gehen. Wohin erfährt man nach dem nächsten Schnitt zur Quidditch-Weltmeisterschaft. Deren Finale wird von einem unnützen Gastauftritt der Malfoys eingeleitet, ehe der nächste Schnitt jenes Finale ausspart und direkt zum Angriff der Todesesser führt. Tumultartige Szenen bilden den Übergang zum nächsten Schnitt, nachdem Harry bewusstlos zu Boden fällt (und unverletzt in einer durchweg verbrannten Umgebung aufwacht!). Einige Personen vom Ministerium tauchen auf als das Symbol der Todesesser in den Himmel projiziert wird. Der nächste Schnitt leitet direkt in den Hogwarts Express von dem aus Newell zur Ankunft der Schülerschaft von Beauxbatons und Durmstrang schneidet. Die Hogwarts-Schülerschaft beobachtet dies, reagiert aber dennoch erstaunt, als Professor Dumbledore (Michael Gambon) ihnen später erklärt, dass das Trimagische Turnier ausgerichtet wird. Bereits die erste Viertelstunde von Goblet of Fire ist ein derart inhaltsloses Tohuwabohu, dass man seinen Augen kaum traut, was der englische Regisseur, der sich u.a. für Donnie Brasco verantwortlich zeichnen kann, hier verbrochen hat.

Dies bildet jedoch nur den Auftakt für ein wirres Gehopse durch Rowlings Mammutwerk. Dabei hat der jahrelange Drehbuchautor der Reihe, Steve Kloves, zumindest teilweise ein Gespür für die richtigen Auslassungen gehabt. In der Tat kann man auf Ludo Bagman verzichten, genauso wie auf seine Wette mit den Weasley-Zwillingen. Eine vollkommen nachvollziehbare Entscheidung war die Kürzung um Hermiones S.P.E.W.-Engagement und die Involvierung von Dobby und Winky als Auslöser dessen. Andere Auslassungen fallen da schon stärker ins Gewicht, insbesondere, da Newell sie zumindest im Ansatz anspricht. Zwar wird in der Pensieve-Szene erwähnt, dass Severus Snape (Alan Rickman) seiner Zeit ein Todesesser war, doch spielt dies hinsichtlich von Potters Teilnahme als vierter Bewerber in einem Trimagischen Turnier speziell keine Rolle (wie auch generell nicht hinsichtlich der früheren Ereignisse.) Die gesamte wichtige Nebenhandlung um Snape fällt damit unter den Tisch. Und wieso man Rita Skeeter (Miranda Richardson) eingebaut hat, wo sie doch ohnehin nur in der ersten Hälfte auftaucht, bleibt auch fragwürdig. Ähnlich verhält es sich mit dem Cameo von Sirius (Gary Oldman), der zwar im ersten Drittel kurz erscheint, um hinterher allerdings keine Rolle mehr zu spielen. Bedenkt man, dass sein Patenkind aus diabolischen Gründen in einen Wettbewerb platziert wurde, der dieses das Leben kosten soll oder zumindest könnte, ist das erstaunlich.

Die Handlung kommt auf keinen grünen Zweig. Urplötzlich schneidet Newell zu den Turnieraufgaben Zwei und Drei, ohne sie vorher entsprechend gewürdigt zu haben. Dass dabei die Turnieraufgaben selbst im Film noch lächerlicher dargestellt werden als bei Rowling, tut sein übriges. Während sich Kloves in der ersten Prüfung erdreistet, einen angeketteten Drachen sich losreißen zu lassen (was hinsichtlich der Tatsache, dass das Tier angekettet war, zum Abbruch der Prüfung hätte führen müssen), wartet er mit einer Abschlussprüfung in einem Labyrinth auf, das außer bösartigen Wurzeln nichts zu bieten hat. Das toppt sogar noch Rowlings ohnehin extrem blasse Expositionen, die drei Prüfungen aufwarten lässt, die allesamt mit ein und demselben (leichten) Zauberspruch hätten bewältigt werden können. Lob gebührt der Autorin jedoch erneut für ihr komplexes Finale sowie allgemein und Bandübergreifend die Einbettung der Snape-Handlung in das Geschehen. Da verzeiht man es ihr auch, dass sie ungeachtet der Romanzahl weiterhin zu Beginn eine kurze Rekapitulation des Potterverse gibt.

So sehr die Aussparungen hier und die Komprimierungen da zumindest keine Migräne verursachen, setzt wie schon im Vorgänger das zusammen geschobene Finale dem Ganzen die Krone auf. Alle Hintergründe zu Barty Crouch, Jr. fallen unter den Tisch. Wie bereits im Vorgänger wird dem Publikum ein Flüchtling aus Azkaban präsentiert, ohne zu erklären, wie die Flucht gelungen ist. Dafür dass es ein Gefängnis ist, brechen für die Romanunkundigen dort sicherlich ständig Leute aus. Wie die Zukunft von Crouch aussieht, wird ebenfalls nicht klar, denn der Kuss des Dementors finden keinen Einzug in die Geschichte. Es wäre somit anzunehmen, dass man ihn zurück nach Azkaban bringt, nur befindet er sich dort nicht, als Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) und Co. in Harry Potter and the Order of the Phoenix ausbrechen. Auch der Hass auf die Todesesser und insbesondere der Mord an Barty Crouch, Sr. (Roger Lloyd-Pack) interessieren Newell nicht. Was durchaus interessant ist, dass der Organisator des Trimagischen Turniers ermordet wird und Kloves dies nicht mal erwähnenswert findet (für die anderen Figuren). Die unglaublich miserabel adaptierte Handlung wird dann auch noch von hirnrissigen Eigeninterpretationen überboten. Vergrößerte Cuarón zuvor die männliche Schülerschaft von Gryffindor auf sieben Jungs, präsentiert Newell hier nunmehr Padma Patil ebenfalls als Gryffindor-Schülerin an der Seite ihrer Zwillingsschwester Parvati.

Abgesehen vom desaströsen Drehbuch hat der Film jedoch auch sonst wenig zu bieten. Die Effekte sehen für eine 150-Millionen-Dollar-Produktion unwahrscheinlich mies aus. Selbst die einfachsten tricktechnischen Dinge (z.B. Mini-Drachen auf der Handfläche), wissen nicht zu gelingen und wirken im Vergleich zu den Transformers in … Transformers geradezu armselig. Dass es die Harry-Potter-Reihe auch nach vier Jahren nicht geschafft hat, mit der Konkurrenz (gerade der zeitgleich entstandene Lord of the Rings-Trilogie) mitzuhalten, ist genauso wenig nachvollziehbar, wie das Drehbuch dieses Filmes. Sehr bizarr auch Newells unentwegte Nahaufnahmen, bevorzugt auch von Charakteren, die als Außenstehende eigentlich gar nichts mit der aktuellen Handlung zu tun haben. Man wird das Gefühl nicht los, dass Newell mit Goblet of Fire und dessen Produktion einfach überfordert war, sowohl in finanzieller wie kreativer Hinsicht. Selbst den dramatischen Aspekten - der unsinnig adaptierte Streit zwischen Harry und Ron - wird der Engländer nicht gerecht. Daher verwundert es am Ende auch nicht, dass selbst die SchauspielerInnen untergehen. Während Gambon erneut total am Charakter vorbeispielt (ein ungemein ernster Dumbledore, der Harry sogar wütend attackiert!), zeigt sich mit jedem Film mehr, dass Radcliffe keinerlei Talent für seinen Berufszweig besitzt.

Das sonst überzeugende Quartett um Watson, Grint, Rickman und Tom Felton (Draco Malfoy) kann sich nicht wirklich empfehlen. Den letzteren Beiden mangelt es an Präsenz, die anderen beiden Jungdarsteller scheinen mit der pubertären Gefühlswelt ihrer Figuren überfordert. Watson enttäuscht im Vergleich zu den bisherigen Teilen und Grint liegen sichtbar eher die humoristischen Momente. Von den anderen Turnierteilnehmern (Ianevski, Poésy, Pattinson) kriegt man passenderweise gar nichts mit. Traurig ist des Weiteren, was man aus der Familie Crouch und Mad-Eye Moody (Brendan Gleeson) gemacht hat. Tennant, Lloyd-Pack und Gleeson versuchen sich im overacting zu überbieten und so trifft am Ende keiner von ihnen den richtigen Ton. Wobei Lloyd-Pack natürlich nicht besser spielen kann, da das stümperhafte Drehbuch ihm ein Bein stellt. Bei all den Ärgernissen geht der Auftritt von Lord Voldemort (Ralph Fiennes) fast unter. Fiennes spielt den Antagonisten zwar grundsätzlich solide, muss sich jedoch in eine mehr als peinliche letzte Einstellung retten. Insgesamt macht Goblet of Fire viel falsch, was er hätte vermeiden können. Weder die Handlung, noch die Effekte oder das Ensemble wissen zu überzeugen.


Harry Potter and the Philosopher’s Stone: 6.5/10
Harry Potter and the Chamber of Secrets: 7/10
Harry Potter and the Prisoner of Azkaban: 7.5/10
Harry Potter and the Goblet of Fire: 5.5/10
Harry Potter and the Order of the Phoenix: 7.5/10
Harry Potter and the Half-Blood Prince: 6/10

Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1: 4.5/10
Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2: 5/10

5. Mai 2009

The Boy in the Striped Pyjamas

Think of it as an adventure. Like in one of your books.

Zu Beginn seines Filmes macht Regisseur Mark Herman eigentlich all das, was man von einem Film über das Dritte Reich nicht sehen möchte. Der Blick der Kamera richtet sich auf die wehende Swastika-Flagge, die nicht einsam und alleine, sondern in einem kleinen Meer von Gleichgesinnten flackert. Doch die anschließende Exposition der Einführung verrät Hermans Intention. Zum einen natürlich die historische Verortung in das deutsche Reich um 1940 herum. Zum anderen aber auch in eine Welt, die nicht von jedem bewusst, sondern vielleicht nur aus Rahmen wahrgenommen wird. Und dessen Bild sich eher auf andere Dinge fokussiert. Denn der Held von The Boy in the Striped Pyjamas ist der 8-jährige Bruno (Asa Butterfield). Bruno lebt in Berlin, wo rote Flaggen mit einem Kreuz drauf wehen und wo Menschen in Jacken mit einem gelben Stern drauf am helllichten Tag von Soldaten auf Laster verfrachtet werden. Und bei sich zu Hause heben alle die rechte Hand, als Brunos Vater Ralf (David Thewlis) nach einer Beförderung die Treppen hinunterläuft.

Man kann nicht wirklich sagen, dass The Boy in the Striped Pyjamas eine Geschichte über den Holocaust ist. Oder über den Nationalsozialismus. Dies alles spielt sich eher im Hintergrund ab als Rahmenhandlung. Als Verortung. Am ehesten ist Hermans Adaption von John Boynes gleichnamigem Roman noch ein Film über Antisemitismus. Erzählt wird die Geschichte von Bruno, einem naiven Sohn des designierten Gauleiters des Konzentrationslagers, das heute sinnbildlich für die Shoa steht. „Think of it as an adventure“, macht Vater Ralf den Wegzug von den Freunden ein wenig schmackhaft. Doch das neue Haus ist ganz und gar nicht freundlich. Vielmehr wirkt es wie ein Krematorium, ist dunkel und düster und damit sinnbildlich für Kälte und Tod. Wegen der Nähe zum Konzentrationslager, welches teilweise von Brunos Zimmer aus sichtbar ist, verbietet ihm seine Mutter Elsa (Vera Farmiga) außerhalb des Hofes zu spielen. Verständlich, dass sich der Junge langweilt und schließlich irgendwann geschickt durch ein Fenster in der Gartenlaube ausbüxt. An der Peripherie des KZ Auschwitz trifft Bruno dann auf den internierten Shmuel (Jack Scanlon), mit dem er sich schon kurz darauf anfreundet.

Der New Yorker Rabbi Benjamin Blech hat sich über Boynes Buch echauffiert, weil es falsifizierend über den Holocaust berichte. In Auschwitz hätte es keine internierten Kinder gegeben. Diese wären gleich bei ihrer Ankunft vergast worden. Andere Quellen aus Auschwitz selbst berichten jedoch von Kindern, die dort für kleinere Arbeiten eingesetzt wurden. Nun ist der Disput über die historische Genauigkeit von Boynes Geschichte – zumindest für den Film – unerheblich, wird doch im Gegensatz zu anderen Werken über eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte zu keinem Zeitpunkt ein solch historischer Bezug hergestellt. Herman erspart sich ein „beruht auf wahren Begebenheiten“, da sein Film nicht die Realität wiedergeben möchte, sondern eine Geschichte über eine Freundschaft darstellt. Die Vorwürfe von Blech, dass es 1941 keine deutschen Kinder im Alter von neun Jahren gegeben habe, die nicht wussten, was ein Jude sei, wirken ebenfalls fehl am Platz. Denn Herman und Boyne konstruieren Bruno sehr sorgfältig als einen überaus naiven Charakter, der auf gewisse Art und Weise in seiner eigenen kleinen Welt lebt.

Dies wird schon zu Beginn deutlich, wenn Herman über Swastikas und Judendeportierung die verspielte und phantasievolle Musik von James Horner legt. Ohnehin stellt Horners Musik, die gerade in den „Flucht“-Sequenzen eine große Ähnlichkeit zu seiner Komposition zu A Beautiful Mind besitzt (sowohl Nash als auch Bruno flüchten aus dem Alltag in ihr „Abenteuer“), ein Sammelsurium von Noten dar, die Brunos Naivität nochmals unterstreichen. Erst zum Schluss, wenn sich der Film in seine dramatische Klimax begibt, wandelt sich Horners Musik zu einem dramatischen Stück, welches in einem schrillen singulären Ton kulminiert. Auch Brunos Ablehnung gegenüber Geschichte als solcher – er liest keine Zeitung und verschmäht den Almanach, den ihm sein Tutor gibt – und seine Bevorzugung von Belletristik untermauern erneut seine naive Einstellung zur Realität. Für ihn ist sein Vater ein Soldat und „der Jud“ zuallererst ein Singularitätsbegriff und keine Sammelbezeichnung.

Stattdessen sieht Bruno die Menschen als Menschen. Sein Kindermädchen Maria (Cara Horgan) wird von SS-Offizier Kotler (Rupert Friend) bei ihrem ersten Aufeinandertreffen mit einem angewiderten Blick wahrgenommen. Nun soll nicht gesagt werden, dass Bruno nicht weiß, dass Maria eine Jüdin ist – der Film macht weder ein Wissen noch ein Unwissen deutlich -, aber unabhängig davon behandelt er sie nicht von oben herab, sondern wie jeden anderen Menschen in seiner Umgebung auch. Ähnlich bei seinem ersten Treffen mit Shmuel, wo sich Bruno lustig über dessen Namen macht. Er hat noch nie von jemand mit einem solchen Namen gehört. Wie auch, es ist ein jüdischer Name. Erst als Bruno von seinem Hauslehrer und seiner Schwester Gretel (Amber Beattie) einige klischeebesetzte Lügen über Juden hört, ist er kurzzeitig etwas vorsichtig im Umgang mit Shmuel. Auch in seiner Beziehung zu Pavel (David Hayman) wird nicht deutlich, dass Bruno irgendwelche Ressentiments gegenüber Juden oder Angestellten des Hauses allgemein hat (gleich welcher Religion sie angehören sollten oder könnten).

Ohnehin hält The Boy in the Striped Pyjamas eine Vielzahl an Figuren mit unterschiedlicher Haltung bzw. Motivation gegenüber den Juden bereit. Angefangen mit Brunos Mutter Elsa, die in ihren Szenen stets eher um ihretwillen beschämt ist, wenn sich Pavel beispielsweise in der Küche aufhält oder Bruno nach einem Sturz verarztet. Der Umstand der Judeninternierung scheint ihr peinlich zu sein und als sie zufällig dank Kotler erfährt, dass die internierten Juden vergast werden, stellt sie ihren Mann entrüstet zur Rede. Es ist der Anfang vom Ende ihrer Beziehung, das wird hier deutlich. Fortan sieht man Elsa stets vergrämt oder mit verheultem Gesicht. Ihre Tochter wiederum ist von einer jugendlichen Begeisterungsfähigkeit erfüllt, wie man sie auch aus Filmen wie Im Westen Nichts Neues kennt. Spätestens als ihr Schwarm Kotler jedoch aufgrund seiner Abstammung an die Front versetzt wird, hat sich auch ihre Unterstützung in verschüchterte Abwendung gewandelt. Auch Kotler selbst, dessen Vater wenn schon nicht von jüdischer Herkunft dann immerhin von einer anti-nationalen Einstellung war, ist eine ambivalente Figur. Sein Wutausbruch am Esstisch und die Ermordung von Pavel dient ausschließlich der Rettung der eigenen Person.

Vieles hängt hier mit Angst und Einschüchterung zusammen. Kotler agiert meist übertrieben, um sich selbst nicht zu verraten. Als er gemeinsam mit Brunos Vater und einigen anderen Nazi-Offizieren einen Propagandafilm a la Theresienstadt ansieht, wendet er sich als einziger von der Projektion ab. Auch Brunos Großvater agiert eher wie jemand, der es sich mit der NSDAP nicht verscherzen möchte. Im Gegensatz zu seiner Frau, die nichts als Hohn und Abscheu für ihren Sohn bereit hält. „Does it still make you feel spezial? The uniform and what it stands for?“, fragt sie ihren Sohn nach dessen Beförderung zum Gauleiter. Ralf habe sich schon als Kind gerne verkleidet. Nach Meinung seiner Mutter versteckt er sich hinter dieser und ihrer ausstrahlenden Uniformität. Ralfs Antwort wiederum hält im englischen Original eine interessante Doppeldeutigkeit bereit: „It’s a party. Let’s not spoil things“. Ähnlich wie Kotler lässt sich aus Ralf zu überzogenen Aktionen hinreißen. Denn genauso wie der Offizier hat auch er eine elterliche Leiche in seinem Keller. Wo Rabbi Blech eine Entschuldigung der Täter sieht – Dienstzwang als Ausrede für Genozid -, lässt sich aber im Umkehrschluss auch nicht einfach eine kollektive Soziopathie diagnostizieren.

Aus diesem antisemitischen Verhalten der übrigen Figuren sticht Brunos naive Freundschaft zu Shmuel hervor. Sicherlich auch dadurch bedingt, dass er niemanden zum Spielen hat und auch sonst keine Ablenkung findet. Nichtsdestotrotz ist die Freundschaft der beiden Jungen, die auch durch eine eingeschüchterte Verleugnung von Seitens Bruno bedingt durch Kotlers Mord an Pavel nicht an Intensität verliert. Es gäbe keinen guten Juden, erklärt Brunos Tutor ihm. Doch da sitzt er, jeden Tag mit Shmuel. Und Shmuel ist nicht böse, weswegen er gut sein muss. Es ist der direkte menschliche Kontakt, der naturgemäß die Vorurteile zum Einsturz bringt. Insofern bleibt die Freundschaft und mit ihr Brunos Naivität auch bis zum Schluss des Filmes bestehen, was sowohl für Buch wie dessen Adaption ein unerwartetes und kompromissloses Ereignis bereithält. Dass Hermans Film auch sonst durch seine Abweichungen runder als Boynes Buch – in dem Hitler und Eva Braun noch einen Auftritt erhalten – daherkommt, verdient ob seiner Seltenheit besonderes Lob.

Obschon der Film in Auschwitz spielt – gewissermaßen – hält sich Herman jedoch mit der direkten Abbildung des Grauens dieses Ortes zurück. Stattdessen beschränkt er sich auf Rauchwolken am Himmel, wenn die Verbrennungen im Gange sind. Auf eine symbolische „Euthanasierung“ von Gretels Puppen, die Bruno zu einem nackten Haufen gestapelt im Keller findet. Oder auf eine den Boden wischende Maria, die Pavels Blut bereinigt, welches von Kotler am Abend zuvor hier abseits des Bildschirms vergossen wurde. Das Grauen muss man nicht sehen, um es zu spüren. Insofern ist The Boy in the Striped Pyjamas ein außerordentlicher Film, der in allen Belangen zu überzeugen vermag. Auch das Ensemble, von den Jungdarstellern wie Butterfield und Scanlon, bis hin zu Friend, Farmiga und Thewlis, gefällt im Grunde durchweg und auch durch die Bank. In der Tat lässt sich dem Film nichts vorwerfen, außer dass er keine historische Wahrheit wiedergibt. Da er dies jedoch auch zu keinem Zeitpunkt angekündigt hat oder versucht, verpuffen Einwände wie die von Rabbi Blech letztlich. Im Vergleich zu zahlreichen anderen Filmen des Genres weiß Hermans Film wenn schon keine originelle, dann zumindest eine weitaus weniger verbrauchte Geschichte zu erzählen. Allen voran ist The Boy in the Striped Pyjamas aber kein Film über die Shoa, sondern ein Drama über eine Freundschaft zweier Kinder. Und ein verdammt gutes gleich noch obendrauf.

9/10 - in anderer Form beim MANIFEST erschienen

21. Juni 2007

The Big Lebowski

That rug really tied the room together.

Ein Kult bezeichnet ein Objekt, welches verehrt wird und logischerweise zugleich eine Gruppe, welche dieses Objekt verehrt. Somit handelt es sich um einen Kultfilm, wen dieser eine eigene Anhängerschaft entwickelt hat und von dieser kultisch verehrt wird. Im Jahr 2002 entstand Louisville (Kentucky) das sogenannte ”Lebowski Fest“, welches aus einer Bowlingnacht, sowie mehreren Wettbewerben zu Trivia und Zitaten besteht. Sechs Mal wurde es bereits abgehalten und hat inzwischen Ableger in Los Angeles oder London gefunden. Niemand würde also bezweifeln, dass The Big Lebowski von Joel und Ethan Coen ein solcher Kultfilm ist. Einen der wenigen, der diesen Namen tatsächlich verdient.

Dabei zeichnet sich The Big Lebowski durch dieselben Elemente und Stilmittel aus, wie sie die meisten Filme der Coen-Brüder besitzen: Neben vielen Schreien und übergewichtigen Menschen ist es vor allem die Darstellerriege, die aus Freunden und Bekannten der Brüder besteht. Mit den meisten von ihnen haben sie bereits in früheren Filmen und teilweise mehrfach zusammengearbeitet, sodass es nicht weiter verwundert, dass die Chemie zwischen dem Ensemble oft reibungslos zu funktionieren scheint. Und ohne an dieser Stelle Miller’s Crossing, Barton Fink und Fargo schmälern zu wollen, ist The Big Lebowski wohl der beste, weil rundeste Film, den die Coens in ihrer bisherigen Karriere abgeliefert haben.

Die gesamte Handlung kommt ins Rollen, als der Dude (Jeff Bridges) zu Hause von Geldeintreibern überrascht wird, die ihm auf seinen geliebten Teppich pinkeln. Dabei haben sie den Dude, der bürgerlich Jeffrey Lebowski heißt, mit dem gleichnamigen Millionär verwechselt. Der Dude will dies nicht auf sich sitzen lassen und sucht den richtigen, den Big Lebowski (David Huddleston), auf, um seinen Teppich rückerstattet zu bekommen. Dabei macht er auch die Bekanntschaft von dessen rechter Hand, Brandt (Philip Seymour Hoffman), und seiner nymphomanen Frau Bunny (Tara Reid). Als diese scheinbar entführt wird, soll der Dude für Mr. Lebowski die Lösegeldübergabe in Höhe von $20,000 übernehmen.

Die Situation entwickelt sich zum Albtraum, als der Dude seinen Bowlingkumpel und Vietnamveteran Walter (John Goodman) einweiht. Der bezweifelt, dass eine Entführung stattgefunden hat und schustert den Entführern, drei deutschen Nihilisten (darunter Peter Stormare) einen falschen Hasen zu. Als dann die Lösegeldübergabe schiefgeht und dem Dude sein Auto mit dem Lösegeld gestohlen wird, scheint die Lage zu eskalieren. Zugleich werden die beteiligten Personen, die der Dude auf seiner Odyssee trifft, immer skurriler: Von einem allwissenden texanischen Cowboy (Sam Elliott) über einen Unterwelt-Porno-Boss (Ben Gazzara) bis hin zu Maude Lebowski (Julianne Moore) und ihrer Agenda.

Was sich wie eine komplexe Geschichte liest, entpuppt am Ende lediglich als leere Luft. Denn die Coens haben es geschafft, einen Film ohne jeglichen Inhalt zu drehen, der aber dennoch über seine gesamte Laufzeit zu fesseln und zu unterhalten weiß. In ihrer an Raymond Chandlers The Big Sleep angelehnten und inspirierten Geschichte, gespickt mit vielen gewohnt farbigen Figuren, die ihrer eigenen Umgebung entstammen, bilden die Coens eine Seinfeldeske Komödie, die sich nach den Angaben der Brüder um nichts dreht. So hat sich am Ende der Handlung keine der Figuren weiterentwickelt – schon gar nicht der Dude. Klar, dass auch der als Erzähler auftretende Cowboy nicht weiß, worum es im Film ging.

Das Geniale dabei ist, es stört sich auch niemand daran. Denn das Geniale ist, dass die Geschichte dadurch erst genial wird. Viel wird gezeigt, wenig wird erklärt. So spielen Maude Lebowski oder Jesus Quintana (John Torturro) für die eigentliche „Handlung“ eine untergeordnete bis gar keine Rolle. Das Bowling-Halbfinalspiel von Walter und dem Dude gegen Jesus wird in zwei Szenen thematisiert, dann jedoch im weiteren Verlauf des letzten Drittels total fallen gelassen. Ebenso wie der Teppich für den Dude erst den Raum ausgemacht hat, so machen gerade diese (unnötigen) Figuren und Handlungsebenen erst The Big Lebowski aus. Und ohne diese sinnlosen Handlungsstränge wäre der Film ein ganzes Stück ärmer.

Natürlich kann man dem Film eine gewisse Tiefe durch Interpretation verleihen, wenn man wie Dan Jolin in der Empire The Big Lebowski gleichstellt mit Amerikas Verstrickungen im Mittleren Osten (wobei der Dude für Kuwait, die Nihilisten für den Irak und Walter für die USA steht). Diese Rechnung geht hier durchaus auf, ob dies aber die Intention der Coens war, ist jedoch fraglich. Den Film einmal aus diesem Blickwinkel zu sehen, tut dem Spaß jedoch keinen Abbruch. Unbestreitbar ist der Dude aber ein in sich ruhender Charakter, den mit einem Joint und einem White Russian in der Hand absolut nichts aus der Fassung bringen kann und der liebend gerne die Sätze anderer Leute zu eigenen Zwecken entfremdet.

Was genau seine Motivation ist und wie er es überhaupt schafft zu überleben und seine Miete zu bezahlen, thematisiert der Film nicht. Ursprünglich sollte der Dude von einem Erbe leben, doch widersprach dies wohl dem Grundgedanken des Dude. Wäre dieser finanziell abgesichert, wäre er einem automatisch weniger sympathisch. Was den Dude sicherlich kaum stören würde (“Fuck sympathy!”). Aber auch die Tatsache, dass Jeff Bridges hauptsächlich seine eigenen Klamotten als Dude trug, bestärkt diesen Faktor weiterhin. Viel mehr lässt sich zu diesem Meisterwerk kaum sagen, da, wie erwähnt, keine richtige Handlung vorhanden ist und alles Weitere nur das Filmerlebnis trübt. In diesem Sinne: The Dude abides.

10/10