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18. Dezember 2008

My Own Worst Enemy

Yesterday I did blow up two guys in the middle of the desert. You would probably call that just a Tuesday.

Sie sind en vogue, die Agentenfilme rund um xXx, Jason Bourne und James Bond. Unbesiegbare menschliche Waffen, mit brillanter technischer Klasse versehen und dabei ebenso präzise wie effektiv. Im Kino kann sich dieser Schlag Mann schon länger austoben, im Fernsehen ist das eher die Seltenheit. Das scheint sich auch Jason Smilovic gedacht zu haben. Der Autor, der sich sowohl für den Fernsehmehrteiler Kidnapped als auch den schwarzhumorigen Actioner Lucky Number Slevin verantwortlich zeichnet, erschuf für das diesjährige Fernsehjahr eine neue Serie, die allerlei Referenzen beherbergt. In My Own Worst Enemy zelebrierte Smilovic ein solches Agentenmuster – nur fand es beim Publikum keinen Anklang. Um fast fünfzig Prozent fielen die Quoten des Staffelfinales im Vergleich zum Piloten. Das dies das Aus der Serie bedeutet, ist nachvollziehbar. Und obschon die Autoren die Serie, die lediglich neun Folgen umfasst, gebührend zu Ende bringen wollten, erhielt My Own Worst Enemy nun doch sein ursprüngliches, offenes Ende. Man erfährt nicht was mit den Figuren wird und wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Bedenkt man, dass die Serie aber gar keine richtige Geschichte zu erzählen weiß, fällt das Finale weit weniger schwer ins Gewicht, als man vermuten könnte. Die offenen Handlungsstränge lassen sich durch naheliegende Mutmaßungen zu Ende führen.

Mit einem Sniper-Gewehr sitzt er in einem verlassenen Fabrikgebäude irgendwo an der europäisch-asiatischen Grenze. Edward Albright (Christian Slater) ist einer der Top-Agenten einer geheimen amerikanischen Organisation. Als sein Attentatsziel eintrifft, wird Edward schwummrig vor den Augen, nachdem er seine Sicht wieder gewonnen hat, ist er eine andere Person. Seine Deckung fliegt auf und in letzter Sekunde kann die Person, die sich als Henry Spivey zu erkennen gibt, von Edwards Partner Raymond (Mike O’Malley) gerettet werden. Was folgt bringt Henrys Welt ins Wanken. Die Geheimdienstleiterin Mavis Heller (Alfre Woodward) eröffnet Henry, dass er selbst nur ein Alter Ego von Edward sei. Eine Tarnung quasi. Immer wenn Edward für einen Auftrag gebraucht wird, bootet Techniker Toni (Omid Abtahi) ihn hoch. Oder fährt Henry herunter. Wie man es eben sehen will. Doch beim letzten Auftrag ging etwas schief, Henry wurde ungewollt aktiviert und seither besteht keine Kontrolle mehr, wann Henry zu Edward wird und umgekehrt. Zwar hatte Henry gegenüber seiner Firmenpsychologin Dr. Skinner (Saffron Burrows) schon länger Vermutungen geäußert, doch das Ausmaß plättet ihn. Die Wechsel zwischen den Persönlichkeiten beeinflussen fortan Henrys Familienleben mit seiner Frau Angie (Mädchen Amick), sowie Edwards Agentenleben. Sollte sein Chef (James Cromwell) herausfinden, dass Edward zu einem Risikofaktor geworden ist, dürfte sich dieser seines Lebens nicht mehr sicher sein. Jenes Leben bringt dann auch Henry regelmäßig in Gefahr, während er im Grunde nichts anderes möchte, als sein altes Leben wieder zurück zu erhalten.

Der Hauptkritikpunkt der Serie liegt von vorneherein offen: wozu einen Geheimagenten mit gespaltener Persönlichkeit? Der Sinn und Zweck von Henry wird weder im Piloten noch innerhalb der Serie deutlich. Was hätte der MI6 davon, wenn man 007 die Hälfte des Tages auf Eis legen würde und ihm mit einer falschen Identität eine Familie großziehen lässt? Keinen. Eine augenscheinliche Frage, die My Own Worst Enemy nicht zu beantworten weiß und eigentlich nicht mal zu beantworten versucht. Das hilft der Serie nicht sonderlich weiter. Da die Anleihen von Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde enorm sind – die Namen der Protagonisten Edward und Henry wurden Jekyll und Hyde entnommen – hätte Smilovic durchaus einfach auf eine von Natur aus gespaltene Persönlichkeit zurückgreifen können. Dann hätte man Mavis einfach nicht eingeweiht und es wäre eine weitaus persönlichere und subjektivere Geschichte geworden. Auch die wäre hart zu schlucken gewesen, aber immerhin plausibler als die Prämisse der Serie. Unglaubwürdig ist zudem die Tatsache, dass man den Agenten einen Chip ins Gehirn einsetzt, bei Fehlfunktion jedoch keinen Schimmer hat, wie man diesen Chip reparieren soll. Es ist dieser Aspekt, der Smilovics Serie die größten Probleme bereitet und mitunter das Serienvergnügen trübt, wenn man denn überhaupt von einem solchen sprechen will.

Denn selbstverständlich wird Henry immer während Edwards Mission wach, naheliegend um die Spannung aufrecht zu erhalten beziehungsweise zu erzeugen. Bisweilen macht dies auch durchaus Spaß, wenn Henry mit einer Waffe in der Hand aufwacht und um sein Leben fürchten muss oder Edward sich mit seinen Kindern auseinander setzen soll, die eigentlich nicht seine Kinder sind. Über ihr Mobiltelefon oder ihre Webcam kommunizieren Edward und Henry miteinander, wobei hier „drohen“ besser passt als kommunizieren. Gelegentlich kommt es dann vor, dass beide voneinander sogar profitieren, wenn zum Beispiel Henrys und Angies Sexleben angekurbelt wird, weil Edward am Zuge ist. Hauptsächlich ist es jedoch Edward, der Henry aushilft. Bedenkt man, dass Henry die erschaffene Persönlichkeit ist, verwundert es zum einen, dass er den Vornamen von Jekyll und nicht von Hyde bekommen hat und zum anderen, dass auf ihm der Fokus der Serie liegt. Christian Slater schlägt sich tapfer mit der Doppelrolle, auch wenn er für beide Figuren jeweils nur einen Gesichtsausdruck parat hat. Auch die übrigen Darsteller spielen ihre Charaktere problemlos runter, wobei man sich wünschen würde, etwas mehr von Mädchen Amick zu sehen. Ihre Figur, wie allgemein Henrys Familie, kommt weitestgehend zu kurz. Das würde nicht so sehr irritieren, wenn man nicht tiefere Einblicke in Raymonds Privatleben bekommen würde, beziehungsweise dem Privatleben seines eigenen Alter Egos. Die Agentenszenen selbst orientieren sich hier zu einem Großteil an den Bourne-Filmen sowie auch Computerspielen wie Splinter Cell und Konsorten. Zu den gelungensten Folgen der Staffel/Serie zählt vor allem The Night Train to Moscow, aber auch die beiden finalen Folgen sind recht ansehnlich geworden. Alles in allem ist My Own Worst Enemy jedoch eine Serie, die weit hinter den Erwartungen zurückbleibt und letztlich wohl zu recht eingestellt wurde. Da stört auch der Cliffhanger im Finale nicht sonderlich.

6.5/10

14. August 2008

Troy [Director’s Cut]

Do you know what’s waiting beyond that beach? Immortality! Take it! It’s yours!

Mit Geschichte nimmt man es in Hollywood nicht so genau, meist ist sie eher Mittel zum Zweck. Daher sollte man bezüglich einer Arbeit in Römischer Geschichte lieber nicht Gladiator ansehen und wer etwas über die Kreuzzüge und Tempelritter erfahren will, einen Bogen um Kingdom of Heaven machen. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass ausschließlich Ridley Scott den wahren Geschehnissen den Allerwertesten zuwendet, wie sehr man die Geschichte zum eigenen Vorteil verändern kann, bewiesen auch die Deutschen zuletzt mit Der Rote Baron. Ohnehin ist Geschichte eher ein Schul-Staubfänger und wie Mathematik ein Pflichtfach. Es lässt sich aber trotzdem nicht abstreiten, dass unsere Geschichte einen Nährboden für Filme darstellt, gerade weil sie interessant ist. Die Schlacht der Griechen an den Thermopylen gegen das persische Heer Xerxes’ verlief natürlich etwas anders, als man es von Zack Snyder in 300 erzählt bekommt, aber das wahre Ereignis (Spartanerkönig Leonidas opfert sich und 298 Spartaner, um den versammelten Griechen mehr Zeit gegen die Perser zu verschaffen) findet Einzug in den Film.

Doch je weiter die Geschichtsschreibung sich von Christi Geburt entfernt, desto verstärkt muss man geschilderte Ereignisse als Legende, denn als historische Begebenheit ansehen. Eine solche Legende findet sich unter anderem bei Homer. In seiner Ilias schilderte er in 24 Gesängen rund 50 Tage während des Trojanischen Krieges. Ob dieser tatsächlich stattgefunden hat, kann heute nicht eindeutig geklärt werden. Dass er so stattfand, wie ihn Homer schildert, ist zu bezweifeln. Denn bei ihm sind die Menschen nur Spielbälle für die Gelüste der Götter. Ein freier Wille existiert nicht, Hellenen und Trojaner verkommen zu Marionetten. Die griechische Kultur verfügte über etliche Götter, von solchen zur Jagd (Athene) bis hin zu den des Weines (Bacchus). Nun sind diese sehr eigen, selbstverliebt und streitsüchtig. Ihre Zwiste tragen sie nicht selbst aus, sondern lassen Menschen dies tun. Sie wählen eine Partei aus und lassen diese gegen die des Konkurrenten antreten. So stehen auf Seiten der Trojaner Aphrodite, Göttin der Schönheit, sowie ihr Bruder Apollon, den die Trojaner verehren. Für die Griechen sind derweil Athene und Ares, Gott des Krieges. Sie greifen in Abstimmung mit Göttervater Zeus in das Kriegsgeschehen ein und entscheiden dieses.

Nun ist Mono- und Polytheismus jedermanns eigene Sache, ein Grund jedoch mehr für den deutschen Regisseur Wolfgang Petersen, in seiner Adaption des Trojanischen Krieges auf das Auftreten der Götter zu verzichten. Für 180 Millionen Dollar engagierte Petersen eine namhaftes Ensemble um Brad Pitt, dennoch wurde Troy bei Erscheinen kritisiert, darunter von Fachgelehrten wegen des Verzichts der Götter. Immerhin gelang es Troy, fast das Dreifache seiner Kosten einzuspielen, sodass er zumindest kein Flop wurde. Im letzten Jahr brachte Petersen dann einen Director’s Cut heraus. Diese erweiterte Fassung ist um 30 Minuten Filmmaterial ergänzt, von Schlachtszenen bis zu nackten Tatsachen einer Diane Krüger. Für Wolfgang Petersen selbst ist diese über drei Stunden lange Fassung jetzt stimmiger als der Kinoschnitt, was sich nur bestätigen lässt. Wer die Kinofassung gut fand oder generell auf Monumentalfilme abfährt, kommt an Troy nicht vorbei. Für Fans der Ilias dagegen dürfte der Film womöglich eher abschreckend sein, da er etwaige Kürzungen und Änderungen an der Vorlage vornimmt. In einem Satz: der Director’s Cut von Troy bietet mehr Gewalt, mehr Blut und mehr Brüste.

Während Homer sich in der Ilias eher auf die Sicht der Griechen beschränkt, degradiert Petersen im Film Agamemnon (Brian Cox) und Co. zu den Bösewichtern. Die Helden sind die Trojaner, allen voran Prinz und Heerführer Hektor (Eric Bana). Auch die Darstellung seines Todes gerät weitaus ehren- und heldenhafter als bei Homer. Auch wenn sich über dessen Schreibstil dahingehend streiten lässt, da verschiedene Figuren mal heldenhaft und mal feige agieren. Auf welcher Seite Petersen und Drehbuchautor David Benioff stehen, wird spätestens beim Einfall von Agamemnons Truppen in Troja klar. Hier ergreift der Director’s Cut vollends Partei: Frauen werden vergewaltigt und Kinder ermordet. Mit Homer hat das nun gar nichts mehr zu tun, endet dessen Ilias doch mit Hektors Begräbnis. Dagegen versucht Troy die Geschichte zu Ende zu erzählen, mit Anfang und Ende. Der Legende nach begann der Trojanische Krieg mit der Entführung von Helena (Diane Krüger) durch Paris (Orlando Bloom). Beide beginnen eine Affäre und mit dieser letztlich auch der Krieg zwischen Athen und Troja. Dabei war die Helenas Entführung nur der Auslöser des Krieges, nicht aber seine Ursache. Der Film fängt zum Glück ein, dass Agamemnon die Entführung seiner Schwägerin sehr recht kommt. Ganz Griechenland steht unter seinem Joch – außer Sparta, der große Konkurrent jenseits des Meeres. Wann, wenn nicht jetzt, scheint sich Agamemnon zu denken. Und zieht bereitwillig in den Krieg.

Dieser Tatsache ist sich auch Hektor sehr wohl bewusst, weshalb er sich und sein Volk bereitwillig ihrem Schicksal ergibt. Dabei ist nicht gesagt, dass Petersen die Götter tatsächlich aus seinem Film ausschloss, denn nur weil man sie nicht sehen kann, muss dies keineswegs bedeuten, sie wären nicht da. So machen die Szenen zwischen Helena und Paris im Schlafgemach oder zwischen Paris und Hektor auf dem Schiff ebenso Andeutungen wie der finale Konflikt zwischen Paris und Achilles. Auch in Wolfgang Petersens Film sind die Menschen lediglich Bauern auf einem riesigen Schachbrett, ihre Handlungen lassen sich nicht durch sie kontrollieren, ihr Schicksal scheint vorherbestimmt. Am ehesten sind sich wohl Hektor und sein Kontrahent Achilles (Brad Pitt) dieser Tatsache bewusst. Beide erahnen, dass es für sie kein Entrinnen aus diesem Krieg gibt und beide ergeben sich ihrem Schicksal. Aber beide aus unterschiedlichen Beweggründen – ein großes Attribut von Troy, dessen finale Einstellung dies kongenial unterstreicht.

Während Hektor in den Krieg zog, um für sein Land und dessen Volk zu kämpfen, suchte Achilles nur den Ruhm. Benioff hebt dies brillant hervor, indem er Odysseus (Sean Bean) Achilles auf diese Weise zur Kriegsteilnahme bewegt. Der größte Krieg, den die Welt je gesehen hat – und Achilles war nicht dabei? Der größte Kämpfer aller Zeiten? “They will write stories about your victories in thousands of years! And the world will remember your name”, verspricht Odysseus. Das sieht auch Achilles ein. Obschon er es dank seiner Mutter besser weiß, er sucht den Krieg, braucht ihn. Achilles wollte unsterblich werden und es ist ihm gelungen. Noch 3000 Jahre später würde man seine Geschichte erzählen, diese filmisch würdigen. Seinen Platz muss er sich allerdings mit Hektor teilen, einem Sterblichen, der ihm in Fragen des Ruhmes in nichts nachsteht. Umso passender hat Benioff die letzten Worte des Filmes, von Odysseus gesprochen, gewählt: “Let them say I lived in the time of Hector, tamer of horses. Let them say I lived in the time of Achilles.”

Auffällig ist in Troy natürlich der Einsatz der visuellen Effekte, die Reise der tausend griechischen Schiffe ist ebenso imposant wie die Erschaffung Trojas. Ergänzt werden die Effekte von exzellenten Ausstattungen und Kostümen, besser lässt sich ein Monumentalepos von technischer Seite kaum gestalten. Die Choreographie des Angriffes von Achilles auf den Tempel Apollons ist meisterlich und ungemein flüssig. Da stört es auch nicht groß, dass die gesamte Sequenz ob ihres Inhalts lachhaft ist. Achilles nimmt alleine mit 50 Mann den besetzten Strand der Trojaner ein? Egal, Benioff und Petersen versuchen Achilles’ Status gerecht zu werden. In der Ilias ist er allein für Sieg oder Niederlage der Griechen verantwortlich. Sein Entschluss dem Geschehen fernzubleiben sorgt fast für die Zerschlagung von Agamemnons Truppen. Auch dies fängt Troy ein, so wie die Ursache für Achilles’ Entscheidung. Streitfaktor ist Briseis (Rose Byrne), die Agamemnon für sich beansprucht, obschon sie Achilles „gehört“. Der Film macht hier eine Abänderung, wo Briseis bei Homer eine Sklavin ist, heben sie Petersen und Benioff zur Cousine von Hektor und Paris empor. Sinn und Zweck soll wohl eine Dramatisierung sein, die jedoch eigentlich völlig unnötig war.

Ohnehin folgt der Film eher filmischen Konventionen, entwickelt eine Parteilichkeit und versucht sich an einem Happy End, das den Schilderungen der Legende widerspricht. Das kann man Petersen sicher zum Vorwurf machen, aber wann wurde schon eine historische Begebenheit authentisch wiedergegeben? Wahrscheinlich ist die Ilias in ihrer Form unverfilmbar, da sie im neunten Jahr des Trojanischen Krieges beginnt und nicht mal bis zu seinem Ende andauert. Ein Großteil der Handlung dreht sich um die Streitereien der Götter und der andere Teil um den Konflikt zwischen Achilles und Agamemnon. Das Publikum ist verwöhnt und nicht gewöhnt, dass eine Geschichte einen schlechten Ausgang haben könnte. Bedenkt man das enorme Budget des Filmes, wäre die authentische Erzählung vielleicht sogar ein finanzieller Selbstmord gewesen. Viele Figuren sterben der Legende nach nicht, andere sterben nicht so wie geschildert, wieder andere tauchen gar nicht auf, was ob ihres Schicksals nicht unbedingt die schlechteste Entscheidung war. Benioff und Petersen wollten bestimmt nicht versuchen, so nah wie möglich den wahren Ereignissen Tribut zu zollen, sondern sie nahmen sich einer Legende an, um ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Letztlich basiert Troy bloß auf der Ilias und stellt keine Verfilmung von ihr dar. Das was der Film sein möchte, gelingt ihm zu sein. Ein Schlachten-Epos, garniert mit Helden, gepfeffert mit einem Schuss Romantik. Besonderes Schmankerl sind die kleinen Referenzen zu Homers Odyssee und Vergils Aeneis, die Benioff in sein Skript eingebaut hat. Auch wenn diese Szenen wahrscheinlich lediglich für Historiker besonders interessant und amüsant gerät. Neben den Effekten, Kostümen, der Ausstattung und dem pathetischen Score von James Horner wird der Film allerdings auch von seinem Schauspiel-Ensemble getragen. Von Brad Pitt über Eric Bana bis hin zu Orlando Bloom, Saffron Burrows und Julie Christie ist Troy durchweg namhaft besetzt. Zwar verdient keiner der Darsteller eine Auszeichnung für sein oder ihr Schauspiel, am ehesten vielleicht noch Altmeister Peter O’Toole. Eric Bana ist kein großer Charakterdarsteller, aber die Figur von Hektor weiß er einzufangen. Orlando Bloom hingegen muss einen Schönling spielen und bewerkstelligt dies – mit geringen Abstrichen – auch zufriedenstellend.

Die alten Theaterhaudegen Brian Cox und Brendan Gleeson haben mit ihren Rollen derweil keine Probleme und sichtlich Spaß, Diane Krüger kann sich als Lustobjekt nicht sonderlich hervortun. Star des Films ist Brad Pitt und obschon er über schauspielerisches Talent verfügt, scheitert er an der Eindimensionalität der Figur. Achilles ist im Grunde ein leerer Körper, ihm fehlt die Emotionalität. Er kennt keine Gnade und kein Erbarmen. Zwar lernt er das nach der Schleifung von Hektor, doch ändert dies wenig an seinem Charakter. Pitt hat große Probleme mit seiner Figur, vielleicht unterforderte sie ihn oder ihm fehlte die rechte Herangehensweise. Außer einer langen Mähne und einem gestählten Körper kann er wenig bieten. Doch dies spielt in Troy keine Rolle, es geht um Kämpfe, Schlachten, Auseinandersetzungen. Dies steht im Vordergrund und dies bekommt das Publikum serviert. Die Kirsche auf das Sahnehäubschen ist dabei schlussendlich der Dialogreichtum von Benioff, der seinen Figuren teils herrliche Einzeiler (“Get up, Prince of Troy! I won't let a stone rob me of my glory!”) und Dialoge in den Mund legt.

8/10

17. Oktober 2007

Reign Over Me

I was stuck in Charlie world, I couldn't leave.

Vom Leben gebeutelte Figuren – damit hat Regisseur Mike Binder bereits in Man About Town und The Upside of Anger bereits das Publikum konfrontiert. Jedoch nicht in dem Ausmaß, wie er es dieses Jahr mit Reign Over Me getan hat. Seine Geschichte über die Nachwirkungen des 11. September lief kaum bis gar nicht in den deutschen Kinos. Aber das Michael-Bay-Bashing aus Snow Cake soll an dieser Stelle nicht nochmals wiederholt werden. Jedenfalls setzt sich Binder hier mit einem extrem ambitionierten Thema auseinander. Einem Thema, bei dem man als Regisseur schnell mal alles falsch machen und viele Leute vor den Kopf stoßen kann. Ursprünglich sollten Tom Cruise (Charlie) und Javier Bardem (Alan) die Hauptrollen spielen und zum Glück haben sie es nicht getan. Der überschätzte Tom Cruise lehnte das Projekt ab und der talentierte Bardem schlug stattdessen Adam Sandler vor, schied wenig später jedoch selber aus dem Projekt aus. Sandler, von der Rolle zuerst zurückgeschreckt, sagte schließlich doch zu und spielte die zweite Hauptrolle neben Don Cheadle.

Alan Johnson (Don Cheadle) ist Zahnarzt, mit seinem Job und seinem Leben jedoch unzufrieden. Von den Kollegen in seiner Praxis nicht geschätzt und von seiner Frau an der kurzen Leine gehalten, vermisst Alan den Freiraum und schreibt dies seinen fehlenden Freunden zu. Mit diesen Problemen und anderen, beispielsweise einer Patientin (Saffron Burrows), die ihn oral befriedigen möchte, belästigt Alan gerne seine Psychiaterkollegin Angela (Liv Tyler) - außerhalb ihrer Praxis. Frischen Wind erhält Alans Leben, als er auf seinen Studienfreund Charlie Fineman (Adam Sandler) trifft. Alan geht distanziert mit Charlie um, hat dieser doch bei den Terroranschlägen vom 11. September seine Frau und drei Töchter verloren. Doch Charlie erkennt Alan zu Beginn überhaupt nicht und es stellt sich heraus, dass er alles was zu seiner Vergangenheit gehört, insbesondere seine Familie, verdrängt und verleugnet. Alan, der von Charlies unermesslichem Freiraum sehr angetan ist und dadurch in Streit mit seiner Frau (Jada Pinket-Smith) gerät, versucht alles, um Charlie wieder in die Gesellschaft einzugliedern und sich dem Leben erneut zu öffnen.

Konträrer könnten diese beiden Figuren - Alan und Charlie - nicht sein. Alan, gut situiert, lebt mit seiner schönen Frau und seinen beiden Töchtern in einem großen Apartment. Sein Alltag bestimmt sich durch Arbeit, der Pflege seiner Eltern und geruhsamen Abenden mit seiner Frau Daheim. Das dies mit der Zeit eintönig ist, wird jedem klar und daher erklärt Alan gegenüber Angela auch, was ihm fehlt: Zeit unter Männern. Mit Freunden abhängen, einfach gelegentlich sowohl vom Berufs-, wie Familienleben ausspannen. Doch außer seiner Familie hat Alan eigentlich niemanden. Hier ist der erste kleine Schwachpunkt der Geschichte, denn wieso jemand wie Alan keinen einzigen Freund hat, wird aus seiner Charakterisierung nicht deutlich. Er ist so gut aussehend, dass ihn eine noch besser aussehende Patientin in seiner Praxis oral befriedigen will und beweist in seinem Umgang mit Angela, dass er sehr wohl sozial aktiv sein kann. Jeden Abend mit seiner Frau zu verbringen kann da verständlicherweise auf Dauer langweilen – wobei Binder Alans Frau Janeane noch weniger charakterisiert und in keiner Weise andeutet, wieso auch diese keine Freundinnen zu haben scheint.

Auch Charlie hat keine Freunde - jedoch nicht weil er nicht kann, sondern weil er nicht will. Er spielt in einer Band in einem Punk-Laden und kann in seinen Interessensgebieten problemlos mit Menschen sozial interagieren. Aber er lebt in seiner eigenen kleinen Welt, einer Welt wo er alle Erinnerungen an seine Freunde und Familie ausgeklammert hat. Charlies bester Freund eröffnet Alan in einer Szene, weshalb Charlie so gut mit ihm, Alan, kann: weil Alan nichts über Charlies Leben weiß. Die letzten 15 Jahre in seinem Leben, inklusive Hochzeit und die Geburt der drei Töchter, hat Alan verpasst, erst aus der Zeitung überhaupt von deren Tod erfahren. Für Charlie ist Alan also einfach der alte Kumpel von der Schule, der nichts von ihm weiß, außer das, was er ihm erzählt. Und so hat Charlie keine Probleme Alan mit zu seinen Gigs oder einem Mel-Brooks-Marathon mitzunehmen und die Nächte bei sich zu Hause an der PlayStation durchzuzocken. Charlie teilt sein Leben in dieser Phase mit Alan und behält seinen Kummer und Schmerz. Alan hingegen will auch dies mit ihm teilen und seinem Freund ebenso zuhören, wie dieser ihm.

Manche Mängel, darunter die Einbindung der psychisch angeknacksten Donna (Saffron Burrows), stoßen etwas übel auf. Als Gesamtwerk bleibt Reign Over Me jedoch ein schönes Werk über Akzeptanz, Schmerz, Verlust, Bewältigung und Freundschaft. Dabei wird der Film getragen von seinen exzellenten Darstellern Cheadle und Sandler, später auch noch unterstützt von Donald Sutherland. Charlies Welt ist faszinierend, anziehend und abstoßend zugleich - die Freundschaft zu Alan das Herzstück des Filmes. Binder verziert sein Werk mit lustigen Charakteren und rockiger Musik und es gelingt ihm, dem Thema der Nachwehen von 9/11 gerecht zu werden. Exemplifizierend an Charlie erörtert er, was der Terroranschlag für die New Yorker bedeutet und erarbeitet Charlies Kummer mit Fingerspitzengefühl und äußerst diskret. In vielen rührenden Szenen beweist der Film trotz seiner gegebenen Schwächen sein enormes Potential und ist durch sein Nebenthema einer starken und Kraft gebenden Freundschaft einer der Filme dieses Kinojahres.

8/10