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22. Oktober 2016

The Neon Demon

Real Lolita shit.

Sie gilt als die Stadt der Engel – dabei sind die unter ihren Einwohnern sicher die Minderheit. In Los Angeles regiert der Glamour und das Entertainment, sei es die Film- und Musikindustrie oder die Modelbranche. Hierher kommen sie seit jeher, die unschuldigen Jungen und Mädchen vom Lande – meist des Mittleren Westens –, um ihren Durchbruch vor der Kamera zu suchen. Kleine Karpfe mitten im Haifischbecken. “I’m not as helpless as I look”, behauptet da zwar das 16-jährige Nachwuchsmodel Jesse (Elle Fanning) in The Neon Demon. Vermag dies jedoch nicht wirklich zu unterfüttern in Nicolas Winding Refns jüngstem Neon-durchtränkten filmischen Fiebertraum, der ihm im Mai dieses Jahres in Cannes (wieder mal) einige Buhrufe bescherte.

“It was pride that changed angels into devils”, hatte Augustinus einst gesagt. Und könnte damit Los Angeles ebenso gut gemeint haben wie die narzisstischen Figuren in The Neon Demon. Sie sehen durch Jesses Ankunft ihre Welt in Gefahr gebracht, denn das junge Mädchen sei “a diamond in a sea of glass”, wie Fashion-Designer Sarno (Alessandro Nivola) bemerkt. “She has that… thing”, realisiert auch Ruby (Jena Malone), die sich sowohl als Make-up-Künstlerin in der Modeszene wie als Einbalsamiererin in einem Leichenschauhaus verdingt. Und sich mit Jesse bei deren erstem Fotoshooting für den jungen aufstrebenden Fotografen Dean (Karl Glusman) anfreundet, ehe sie die 16-Jährige im Anschluss auf eine Party mitnimmt.

Für Ruby ist Jesse keine mittelbare Konkurrenz – für ihre Freundinnen und Models Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) allerdings schon. Zuerst sie noch von oben herab behandelnd, muss Sarah bereits kurz darauf Jesse bei einem Job-Casting den Vorzug lassen. Und selbst Gigi, die sich das Casting ersparte, wird anschließend auf dem Laufsteg von dem jungen Ding aus Georgia in den Schatten gedrängt. Jesse weiß, sie hat “no real talent”. Noch nicht einmal einen Schulabschluss. “But I’m pretty”, und das reicht bereits. Zumindest in einer oberflächlichen Stadt wie Los Angeles. “Women would kill to look like me”, lässt die 16-Jährige später genüsslich von ihrer Zunge rollen. Am fehlenden Engagement mangelt es ihnen jedenfalls nicht.

So führt Gigi bei ihrer ersten Begegnung mit Jesse erstmal auf, was sie alles bereits an sich hat kosmetisch richten lassen. Die Brüste wurden verkleinert, der Kiefer korrigiert, Nase und Wangen sind neu und Fettabsaugungen gab es ebenfalls. Ob das nicht wehgetan habe, will die von Natur aus schöne Jesse mit großen Augen wissen. “Anything worth having hurts a little”, erwidert Gigi. Ihre falsche Schönheit hat sie weit gebracht in L.A. – und geht nun, in Anwesenheit eines Diamanten, doch im Meer aus Glas unter. “If you aren’t born beautiful you’ll never will be”, teilt Sarno in kleiner Runde nach der Modeschau mit. Und ergänzt mit offensichtlichem Seitenhieb auf die anwesende Gigi: “You can always tell when beauty is manufactured.”

Jesse ragt mit ihrem perfekten Aussehen aus dieser Scheinwelt voll von artifiziell produzierter Schönheit heraus. Als ihr Dean, mit dem sie in der Folge eine zarte Romanze beginnt, vorhält, sie wolle wie Gigi, Sarah und Co. sein, korrigiert Jesse ihn: “I don’t want to be them. They want to be me.” Nicht nur wegen ihres Alters und Aussehens ist das Mädchen dabei potentiell leichte Beute in der Stadt der Engel. Ihr schäbiges Motel wird von einem noch schäbigeren Vermieter (Keanu Reeves) geleitet, ihre Agenturchefin (Christina Hendricks) beginnt für das junge Waisenkind aus Georgia rasch ein Lügenkonstrukt um ihr wahres Alter aufzubauen. Ihr Wohl hat dabei keine der anderen Figuren im Interesse, denn die sind alles andere als Engel.

“Man’s enemies are not demons, but human beings like himself”, pflegte schon der chinesische Philosoph Laozi zu sagen. Entsprechend lautet einer von Rubys Ratschlägen an Jesse auch: “It’s good to have good girls around.” Ob es die in der Modewelt jedoch gibt, darf bezweifelt werden. In der seien die Mädchen bereits mit 21 Jahren irrelevant, sinniert gegen Ende ein Model bei einem Shooting von Star-Fotograf Jack (Desmond Harrington). Der hatte zuvor entgegen seiner Gepflogenheiten Newcomerin Jesse abgelichtet. Jack ist ein Vollprofi, der seiner Arbeit mit versteinerter Miene nachgeht. Und Dean einen Schritt voraus ist, da er sich nicht mit seinen Kameraobjekten einlässt. Vielleicht, weil er weiß, was hinter deren Fassade steckt.

[Im folgenden Absatz folgen Spoiler] Regisseur Nicolas Winding Refn greift in seiner Symbolik und dem Skript den späteren Ereignissen dabei voraus. Bei ihrem ersten Treffen wischt Ruby nach Jesses erstem Shooting dieser noch das Kunstblut vom Körper – am Ende von The Neon Demon wird Rubys eigener Körper dann selbst das Blut von Jesse tragen. Auch, da diese ihre sexuellen Avancen abgelehnt hat. Schließlich hatte Ruby das Mädchen zuvor noch gefragt “are you food or are you sex?” als die Mädchen potenzielle Namen für ihre eigene Lippenstift-Marke suchten. “Red Rum” heißt dabei der von Gigi, der ihr in einer Referenz an The Shining einen ersten Geschmack des bevorstehenden Mordes ihrer Konkurrentin auf die Lippen zaubert.

Wie eine träumerische Schein- oder Parallelwelt inszeniert Winding Refn seine Geschichte, von Kamerafrau Natasha Braier mal in pinken und dann wieder in blauen Neontönen gehalten. Als würden Lust und Kälte eine Affäre miteinander eingehen, während Komponist Cliff Martinez einen pochend-pulsierenden Score erzeugt, der klingt, als würde er einem die Intensität und Spannung wie Blut ins Gehirn – oder in diesem Fall: ins Gehör – pumpen. The Neon Demon ist dabei weniger Neo-Noir als subtiler Horror-Thriller – eine weitergedachte oder geographisch versetzte Hölle à la Only God Forgives (obschon dieser von Larry Smith fotografiert wurde). In der Summe erschaffen Bilder, Musik und Handlung einen hypnotisch-höllischen Albtraum.

Das Ganze mag der Feuilleton schnell als Prätention oder Style Over Substance abtun, ist im Fall von Nicolas Winding Refn sicher zutreffend, allerding fraglos auch provozierendes Kalkül. Das Ergebnis ist aufgrund seiner visuellen Umsetzung faszinierender als Drive zuvor, jedoch durch die fehlende Nähe zu den Figuren auch kühler. Immerhin ist The Neon Demon gegenüber Only God Forgives weniger kryptisch und zugänglicher. Das Beste beider Welten, wenn man so sehen mag, obschon sich der Film nach einer immersiven ersten Dreiviertelstunde im Laufe des zweiten Akts kurzzeitig in einer leichten Schwerfälligkeit verliert, ehe er dann glücklicher Weise in seinem wahnwitzigen Schlussakt wieder das Gaspedal durchdrückt.

Zwar keine Offenbarung wird dabei Elle Fanning ihrer Rolle als vermeintliche Unschuld vom Lande durchaus gerecht – und passt von ihrem Alter her wohl besser auf die Figur als es jemand wie Chloë Grace Moretz getan hätte. Eigentlicher Star des Films ist jedoch im Grunde Abbey Lee (Mad Max: Fury Road), deren eingangs zickiges Biest schnell verletzliche Seiten zeigt, ehe ihre Sarah zum Ende hin mehr und mehr kalkulierte Härte an den Tag legt. Jena Malone – hier mit zarten Anleihen von Kristen Stewart – sowie Keanu Reeves, Desmond Harrington und Karl Glusman (Love) überzeugen in ihren jeweiligen Nebenrollen mit teils reduziertem Spiel, während Alessandro Nivola seinen schnauzbärtigen Mode-Designer mit Gusto darbietet.

Der Horror, den die Hauptfigur in The Neon Demon erlebt, ist im Gegensatz zu Darren Aronofskys thematisch artverwandten Black Swan ein realer – auch wenn Nicolas Winding Refn bisweilen ebenfalls Fantasie und Wirklichkeit miteinander kollidieren und zum Ende hin Interpretationsspielraum lässt. “Beauty isn’t everything”, sagt Sarno zwar an einer Stelle. Nur um zu betonen: “It’s the only thing.” Eine Philosophie, derer sich die Frauenfiguren bei NWR bewusst sind. Gerade wegen ihrer Engelsgleichen Schönheit hat Jesse, so macht es der Film deutlich, in der Stadt der Engel nichts verloren. Denn in deren Gassen warten statt Engeln im Schatten des Neonlichts Dämonen. Und die, so schrieb bereits Goethe, „wird man schwerlich los“.

8.5/10

Blu-ray
Der 1080p-HD-Transfer überzeugt durch ein scharfes Bild, das dem farbgewaltigen, digital fotografierten Film durchaus gerecht wird. Begleitet wird es von einer verlustfreie DTS-HD-5.1-Abmischung, die Cliff Martinez’ pulsierenden Soundtrack exzellent zur Geltung bringt und die Dialoge und Detailgeräusche gut verständlich macht. Ein solider, aber nicht herausragender Audiokommentar mit Nicolas Winding Refn und Elle Fanning gehört ebenso zu den Extras wie ein informatives Interview zu Cliff Martinez’ Arbeitsweise. Genauso zwei Gespräche mit Winding Refn über sein Schaffen, in denen er sich mal mehr, mal weniger selbstverliebt gibt. Inhaltlich doppeln sie sich leider und wiederholen auch Themen aus dem Audiokommentar.

15. Dezember 2010

Dexter - Season Five

Tic. Tic. Tic. That’s the sound of your life running out.

Seit 2005 läuft die Showtime-Serie Dexter im Fernsehen, doch erst im vergangenen Dezember ließen sich die Autoren zu einem für Drama-Formate gewöhnlich traditionellen Cliffhanger hinreißen. Am Ende der vierten Staffel brachte Serien(killer)held Dexter Morgan (Michael C. Hall) zwar seinen Gegenspieler Arthur (John Lithgow) um, fand jedoch anschließend Zuhause seine tote Ehefrau Rita (Julie Benz) und den gemeinsamen Sohn Harrison in einer Blutlache vor. Kein Happy End, kein zufriedenes Durchatmen nach zwölf strapaziösen Episoden. Dexters Welt würde im fünften Jahr nicht mehr dieselbe sein, so viel stand fest. Und mit dem Tod einer der zentralen Figuren eröffneten sich die Autoren nun die Möglichkeit, ihren Hauptprotagonisten in eine neue Richtung zu lenken.

Plötzlich ist der gefühlskalte Serienkiller, der eine Patchwork-Familie nur deswegen gründete, um eine soziale Tarnung zu haben, auf Gefühle angewiesen. Der Tod von Rita führt bei Dexter - so sehr er seine Frau auch schätzen und „lieben“ lernte - mehr zu einem Verantwortungsschock, denn zu einem emotionalen Einbruch. Selbst der Nachbar betrauert Ritas Ableben mehr als Dexter, was schließlich auch dessen Kollegen Detective Quinn (Desmond Harrington) auffällt, der den Blutforensiker ohnehin auf dem Kieker hat. Für Dexter hingegen heißt es umzudenken, ist er, der die Familienpflichten seiner Frau anvertraute, um nachts Serienmörder zur Strecke zu bringen, doch nun selbst für seine Kinder verantwortlich (auch wenn Astor und Cody anschließend zu ihren Großeltern ziehen).    

Und wie immer, wenn Dexter unter Anspannungen leidet, müssen diese in seinen Mordgelüsten gelöst werden. Allerdings kommt alles anders, nachdem er bei einem seiner Morde von Lumen (Julia Stiles), einem der Opfer von Dexters Opfer, beobachtet wird. Hin- und hergerissen zwischen Harrys (James Remar) Code und seinem Gewissen, nimmt sich Dexter schließlich Lumens an. Die ist wiederum nur daran interessiert, jene Männer zur Strecke zu bringen, die sie entführt, vergewaltigt und fast umgebracht haben. Widerwillig bietet Dexter seine Hilfe an und warum auch nicht, lassen sich doch Lumens Rache- und Dexters Tötungsgelüste auf diese Weise geschickt kombinieren. Dumm nur, dass Quinns Recherchen in bester Doakes-Manier Dexter in die Ecke drängen.

In gewisser Hinsicht ist die fünfte Staffel eine Art „Best Of“ der Vorgänger. Hadert Dexter in den ersten Folgen damit, seiner Außenwelt glaubhaft zu vermitteln, dass ihn Ritas Tod trifft, so tritt anschließend mit Lumen eine Frau in sein Leben, in deren Gegenwart er wie bei Lila (Jaime Murray) so sei kann, wie er wirklich ist, und die zugleich - wie Miguel (Jimmy Smits) vor ihr - zu seiner Komplizin wird. Zudem bestärkt das Cliffhanger-Szenario Dexters Ängste, dass sein Sohn genauso werden könnte wie er selbst. Allerdings wäre Dexter nicht Dexter, würde er sich nicht weiterentwickeln. Eine besonders schöne Episode ist hierbei Teenage Wasteland, in der Dexter sogar so weit als sozialer Mensch und Vater reift, dass ihn selbst Harry respektive sein eigenes Unterbewusstsein dafür lobt.

Dass die Serienmacher viele der dieser Punkte eher zu Beginn aufgreifen und sie bei Tempo 50 der eigentlichen Handlung über Bord werfen, ist verzeihlich. So verschwindet die nach außen entstandene emotionale Leere nach Ritas Tod ebenso schnell, wie die Sorge, dass Harrison ein ernsthaftes Trauma erlitten hat. In charakterlicher Hinsicht ist diese persönliche Komponente von Dexter fraglos gut herausgearbeitet, jedoch auch in den ersten vier Episoden - obschon der Auftakt My Bad ausgesprochen gelungen ist - eine etwas langatmige Prozedur, die die Handlung zum Stehen bringt und sich im Seelen-Sightseeing verliert. Was die fünfte Staffel von Dexter nun zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, dass anschließend ein wahres Feuerwerk abgebrannt wird.

Die fünfte Folge First Blood nimmt Anlauf, sowohl was die Handlung um den Rachefeldzug von Dexter und Lumen angeht, als auch bezüglich Quinns Involvierung des korrupten und entlassenen Cops Liddy (Peter Weller) in seine Ermittlungen gegen Dexter. In ihrer zweiten Hälfte gewinnt Dexter dann eine derartige Spannung, dass man sich an die guten alten Zeiten des Debütjahres erinnert fühlt. Dexters Recherchen nach den Tätern von Lumens Entführung führen schließlich zum Selbsthilfe-Guru Jordan Chase (Johnny Lee Miller) und dessen bizarrem Unternehmen. Und als einer von Chases Komplizen (zu denen Chris Vance, Scott Grimes und Shawn Hatosy zählen) einen Fehler begeht, wird Dexters „Fall“ auch zu einer Angelegenheit für seine Schwester Debra (Jennifer Carpenter).

Für Dexter selbst bedeutet dies, dass er alle Hände voll zu tun hat. Denn neben seinen Vaterpflichten gegenüber Harrison muss er sich auch noch Quinn vom Leib halten und auf Lumen aufpassen, während er gleichzeitig versucht, näher an Jordan Chase heranzukommen. All diese Szenarien werden so gekonnt ausbalanciert und zum Ende der Staffel gesteigert (die letzten beiden Folgen Hop a Freighter und The Big One dürfen als Highlights angesehen werden), dass sie selbst den nervigen Subplot um die Beziehung von Batista (David Zayas) und LaGuerta (Lauren Vélez) vergessen machen, sowie für die eher uninteressiert zu Beginn nebenbei laufende Santa Muerte Ermittlung entschädigen. Und natürlich ist sich auch Masuka (C.S. Lee) nicht zu schade, für comic relief zu sorgen.

Insgesamt waren die Besetzungen mit Julia Stiles, Johnny Lee Miller und Peter Weller in diesem Herbst ein Geschenk. Zwar wurde Dexter nicht in eine komplett neue Richtung gelenkt, eher alte Aspekte neu aufgegriffen und reformiert. Und selbst wenn man sich im Staffelfinale vielleicht die eine oder andere, die Serie auf eine neue Ebene hievende, Wendung gewünscht hätte, hat die fünfte Staffel von Dexter Laune gemacht und fasziniert. Dass es gelungen ist, qualitativ fast an das erste Jahr anzuknüpfen (lediglich der holprige Start verhinderte mehr) ist für eine fünfte Staffel ein großer Verdienst. Und man darf gespannt sein, welche Überraschungen die Autoren im nächsten Herbst für den beliebtesten Serienmörder der US-amerikanischen Fernsehlandschaft bereithalten.

8.5/10

15. Dezember 2009

Dexter - Season Four

Father of the freakin’ year.

Amüsanterweise startet in den USA diese Woche die neue Hugh-Grant-Komödie Did You Hear About the Morgans?. Ein Titel, der sich grundsätzlich auch auf die Titelfiguren der Showtime-Serie Dexter münzen ließe. Was Dexter (Michael C. Hall) und Deborah (Jennifer Carpenter) Morgan jede Staffel in Miami erleben, ist beachtlich. Dexter selbst verliebt sich in seine Tarn-Freundin Rita (Julie Benz), muss seinen eigenen Bruder umbringen, eine Stalkerin loswerden und sich mit einem mordgeilen Staatsanwalt auseinandersetzen. Und jetzt ist er auch noch Vater des kleinen Harrison geworden. Seine Adoptivschwester Deb erwischt es kaum besser. Vom Verlobten entführt und fast getötet, wird wiederum ihr nächster Freund entführt und fast getötet, ehe auch die große Liebe dieses Mal zwar nicht entführt, aber doch getötet wird. Nein, die Morgan-Geschwister haben kein leichtes Leben. Und auch das vierte Jahr, das sie mit dem Fernsehpublikum teilen, soll ihnen kaum ruhige Momente bescheren. Ganz im Gegenteil.

Harrison ist da und mit dem Baby auch all der Ärger, den ein Baby mit sich bringt. Dexter kriegt kaum noch Schlaf, seine Beruhigungsmorde leiden darunter. Als er eines Abends einem Mörder auflauert, schläft er vor Müdigkeit am Steuer ein. Ein anderes Mal verfällt er sogar während der Fahrt dem Sekundenschlaf. Da macht es die Sache auch nicht einfacher, dass in seiner neuen Nachbarschaft ein Randalierer sein Unwesen treibt. Deborah hingegen fühlt sich solange in ihrer Beziehung mit Anton (David Ramsey) wohl, bis ihr Ex, FBI-Agent Lundy (Keith Carradine), wieder in Miami auftaucht. Er bittet Dexter um dessen Hilfe bei der Suche nach dem Trinity-Mörder. Einen Serienkiller, der seit Jahrzehnten sein Unwesen treibt. Als die Ermittlungen gegen Trinity Lundy schließlich das Leben kosten und Dexter wiederum Trinitys Identität als die von Arthur Mitchell (John Lithgow) ausfindig macht, beginnt sich das eigentliche Handlungsgerüst erst in Bewegung zu setzen. „He’s like me“, stellt Dexter fest, als er Arthur zu seiner scheinbar glücklichen Familie verfolgt.

Fortan ist Dexter unentschlossen, ob er Arthur sofort töten soll oder nicht. Zwar ermuntert ihn Harry (James Remar) stets dazu, aber Arthur scheint so integriert in seine Familie, dass Dexter herausfinden will, wie man Serienmord und Familie unter einen Hut bekommt. Die nächtlichen Aktivitäten belasten jedoch die Ehe mit Rita und auch eine kleine Auseinandersetzung mit Quinn (Desmond Harrington) will nicht abebben. Als Deb schließlich mit knallhartem Ehrgeiz Lundys Ermittlungen übernimmt, sieht sich Dexter immer mehr in die Enge getrieben. Es beginnt wie jedes Jahr ein Spiel gegen die Zeit, welches sich jedoch erst in den finalen Folgen spannungsgeladen herauskristallisiert. Die ersten beiden Episoden der vierten Staffel sind hierbei doch etwas dröge geraten. Das neue Ambiente des dreifachen Familienvaters, der keine Zeit mehr findet, seinem dunklen Begleiter Aufmerksamkeit zu schenken, will hier noch nicht wirklich faszinieren. Die anfänglichen Morde sind einem irgendwie total egal und die offensichtliche Harmonie im Hause Morgan so befremdlich, dass man nicht recht bei der Sache ist.

Ähnlich verhalten sich die Folgen später, in denen Arthur und Dexter Zeit miteinander verbringen. Bisweilen ist dies überaus nett geraten, aber auch zu ausführlich. Ohnehin ist das Arthur-Dexter-Setting mehr ein Echo der Miguel-Geschichte des Vorjahres. So werden auch wieder absurd-komische Bilder heraufbeschworen, wie das Mordwaffen-Shopping in der dritten Staffel. Dieses Mal darf Dexter in Dex Takes a Holiday einen befreienden Mord in Harrisons Kinderzimmer verüben. Was ob der Umgebung und der Analogie zu seinem eigenen Leben reichlich perfide ist. Und zugleich das einzige Highlight der Folge bleibt. Die Macher nehmen sich in der Mitte der vierten Staffel viel zu viel Zeit für ihre Geschichte. Unglaubwürdig, dass Arthur nicht skeptisch wird, wenn Dexter Mal um Mal in seiner Einfahrt auftaucht und seine Ausreden kontinuierlich abstruser werden. Genauso wie die gesamte Trinity-Ermittlung von Deb, Quinn und Batista (David Zayas) zu langatmig ausfällt.

Wie schon in der letzten Staffel nimmt also erst das Finale richtig Tempo auf. In den letzten vier Folgen beginnt sich die Schlinge um Arthur zuzuziehen. Dexters Geduld ist am Ende und Dexter wandelt auf den Pfaden, die der Serie gut tun. Hungry Man und Lost Boys zählen neben dem Staffelfinale The Getaway zu den stärksten Episoden. Wobei sich The Getaway zu Schulden kommen lässt, dass sich wie schon in den vergangenen Jahren die Ereignisse plötzlich derart überschlagen, als hätten die Produzenten realisiert, dass man überraschenderweise schon in der letzten Folge angekommen ist und alles rasch zu Ende zu erzählen hat. Zudem wirkt die Schlusseinstellung reichlich harsch, da vollkommen unerwartet. Ein Bruch mit dem Rhythmus der Serie und ein gewagter, zugleich aber auch interessanter Wandel für die kommende Staffel. Grundsätzlich hätte es Dexter jedoch gut zu Gesicht gestanden, wenn man das Staffelfinale nicht schnell runtergespult hätte und stattdessen die Episoden in der Mitte ein bisschen flotter hätte voran schreiten lassen.

Oder sie einfach anders genutzt. In Slack Tide agiert Dexter beispielsweise so unachtsam, dass er einen unschuldigen Mann tötet als er ihn für einen Mörder hält. Zum ersten Mal hat Dexter somit extrem gegen Harry’s Code verstoßen, doch der Mord wird anschließend nicht weiter thematisiert. Keine Auseinandersetzung mit dem Monster in sich selbst. Keine Weiterführung der Analogie zwischen Dexter und Arthur, um die Dexter zu diesem Zeitpunkt sonst so bemüht ist. Stattdessen die Flucht in die Redundanz, wie schon im Vorjahr. Als Ganzes betrachtet zeigt die vierte Staffel durchaus ein neues Gesicht. Mit dem Familienvater Dexter – auch wenn seine Beziehung zu Harrison erstaunlich neutral ist -, der in Arthur eine Art älteres Alter Ego zu entdecken scheint. Für sich genommen funktionieren jedoch gerade die Folgen der ersten Hälfte bisweilen nur mittelprächtig und sorgen schließlich für die qualitative Trübung des Gesamtbildes dieser vierten Staffel. Ein leicht enttäuschendes Jahr mit den Morgans geht zu Ende und es bleibt abzuwarten, welche Wege Dexter in seiner fünften Staffel unter den neuen Voraussetzungen beschreiten wird.

7.5/10

16. Dezember 2008

Dexter - Season Three

Liar liar pants on fire.

Man könnte die Werbemaßnahmen von RTL 2 ja durchaus diskutieren. „Keine Angst, der will nur töten“ als Plakat an Bushaltestellen zu hängen ist sicherlich ein Eyecatcher, ob es ethisch vertretbar ist so um Zuschauer zu buhlen wäre eine andere Frage. Doch das wichtigste ist, der sympathischste Serienkiller (so wirbt Showtime um seine Figur) ist wieder zurück. Gerne würde ich jetzt schreiben „Zurück - und wie!“, aber dem wird die dritte Staffel dann doch nicht so gerecht. Gerade der Beginn ist relativ schleppend, dafür die finalen Folgen wieder sehr gelungen. Grund hierfür ist ohne Frage auch der Wandel, denn die Figur und ihre Serie jedes Jahr durchgehen. Am Anfang war der Mord und Dexter (Michael C. Hall) sah, dass er gut war. Und so tat es auch der Zuschauer. Ein Serienmörder, der andere Serienmörder jagt und umbringt. Das moralische Gewissen der Stadt Miami. Der Mann, der den Müll raus bringt. Dabei immer mit einem amüsanten, da gefühlskalten Einzeiler auf den Lippen.

Für Staffeln wie die Erste von Dexter wurden Begriffe wie „Kult“ erfunden. Eine in sich geschlossene Geschichte über zwei Serienmörder, die dennoch unwahrscheinlich viel Platz für ihre zahlreichen Nebenfiguren offen gelassen hatte. Ein mehr als stimmiges Ende und ein Einstieg wie man ihn sich nur wünschen konnte. Die Prämisse der zweiten Staffel war zwar mehr als gelungen – Dexter insgeheim als neues Ziel seiner Einheit -, aber verlor sich speziell durch die Beziehungen von Dexter mit Lila und Deb mit Lundy etwas. Der Jäger wurde zum Gejagten und das war der Staffel nicht allzu zuträglich. Denn das Dexter davon kommen würde, war von vorneherein absehbar. Nichtsdestotrotz fügte sich auch die zweite Staffel gut in den Kanon ein und spielte weiterhin in der ersten Liga mit. Die Prämisse für die dritte Staffel ist dagegen etwas schwächer, die Charakterentwicklungen dafür umso stärker.

Bei einer nächtlichen Streiftour will sich Dexter des Drogendealers Freebo entledigen. Doch er wird bei der Arbeit gestört, ein Streit geht in Freebos Haus vor und während der Dealer flüchten kann, tötet Dexter den anderen Kontrahenten in Notwehr. Wie sich herausstellt, handelt es sich hierbei um den jüngsten Bruder von Staatsanwalt Miguel Prado (Jimmy Smits). Während dieser zuerst misstrauisch gegenüber Dexter ist, nimmt die Beziehung der beiden kurz darauf eine neue Wendung. Prado ertappt Dexter dabei, als dieser das Kapitel Freebo beschließt. Als die Katze aus dem Sack ist, stellt Dexter fest, dass auch Miguel einen dunklen Begleiter hat. Langsam aber sich lässt der Blutforensiker den Staatsanwalt in seinen inneren Kreis und ernennt ihn schließlich auch zu seinem Trauzeugen, als er seiner langjährigen Freundin Rita (Julie Benz) einen Heiratsantrag macht. Da diese zudem schwanger ist, muss sich Dexter einer völlig neuen Verantwortung stellen.

Vorbild in mehrfacher Funktion, ein Vater für sein ungeborenes Kind und ein Ausbilder für Miguel. Währenddessen treibt ein neuer Serienmörder sein Unwesen. Er ist auf der Suche nach Freebo, nur ist dieser tot und außer Dexter und Miguel weiß niemand davon. Angel (David Zayas) und Deb (Jennifer Carpenter) ermitteln im „Skinner“-Fall, der seinen Opfern bei vollem Bewusstsein die Haut abzieht. Für Deb stellen sich ebenfalls neue Weichen, verliebt sie sich doch in den Polizeispitzel Anton (David Ramsey) und wird bezüglich einer Beförderung von den internen Ermittlern aufgefordert ihren neuen Partner Quinn (Desmond Harrington) auszuspionieren. Während Deb sich zwischen Karriere und Gefühlen entscheiden muss, beginn Dexter sich von Harrys (James Remar) Code zu lösen und individuelle Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die wie immer vielen Beteiligten das Leben kosten wird.

Zu Beginn des Staffelauftakts wähnt man sich in Our Father wieder in guten alten Zeiten. Dexter auf der Pirsch. Schnell macht die Staffel dann eine Wende. Mit der Einführung von Miguel Prado nimmt die Serie eine völlig andere Zweigung, als man sich zuerst gewünscht hat. Die ersten drei Folgen sind dann auch etwas holprig, da ungewohnt. Man weiß nicht wohin das führt, was man da sieht und auch retrospektiv dreht sich die Serie hier etwas zu stark im Kreis. Richtig losgehen kann es dafür dann, als Miguel Dexters Geheimnis lüftet. Seinen Höhepunkt erreicht die dritte Staffel in The Damage a Man Can Do, wenn Miguel und Dexter gemeinsames „murder shopping“ betreiben und der lateinamerikanische Staatsanwalt wie ein kleines Kind durch den Spielzeugladen streift, um die besten Mordinstrumente auszuwählen. Ein kleiner Magic Moment innerhalb der Serie. Schon bald verdichtete sich jedoch die Freundschaft der beiden und die wahren Karten werden auf den Tisch gelegt. Jimmy Smits ist hier eine Bereicherung für die Serie und verleiht seinem Charakter genau den Charme, den dieser bedarf, um innerhalb der Handlung funktionieren zu können. Wie in den beiden Vorgängerstaffeln findet Dexter also auch dieses Mal einen „Seelenverwandten“, mit dem es letztlich aber doch nicht so klappen möchte, wie alle Beteiligten sich das zuvor ausgemalt haben. Es ist jene Beziehung zwischen Dexter und Miguel, die das Kernstück und somit das Herz der diesjährigen Staffel ausmachen.

Der fortlaufende Serienmord, der als Aufhänger dient, ist jedoch der des Skinners. Da dieser nun weder mit Dexter verbunden ist oder dieser selbst, tangiert der Fall unseren Forensiker nur peripher. Umso mehr Spielraum für die zweite Mannschaft der Serie, angeführt von Jennifer Carpenter. Während man von Laguerta (Lauren Vélez) nicht allzu viel sieht, ist es in allen Aspekten Angel, der die Funktion von Doakes übernimmt. Sehr nett, dass man auch Masuka (C.S. Lee) nicht aus den Augen verloren hat und ihm einige herrliche Momente schenkt. Einziger Störfaktor dieser Truppe ist der Einbezug von Quinn, der nicht so richtig stimmig sein möchte. Intern wird gegen ihn ermittelt, doch was genau es damit auf sich hat und wie es endet wird zu den finalen Folgen hin nicht mehr weiter verfolgt. Bisweilen vermutet man auch nicht zu Unrecht dass hinter Quinn der Skinner steckt oder zumindest die gegen ihn erbrachten Anschuldigungen begründet sind. Löblich lediglich, dass man ihn nicht zu einem von Debs „Betthäschen“ hat verkommen lassen.

Die darstellerischen Leistungen überzeugen, wobei gerade Julie Benz darunter zu leiden hat, dass ihre Figur eine positive Entwicklung durchgemacht hat. Von der abgefuckten Rita zu Beginn der Serie ist nicht mehr viel übrig, insofern kann Benz hinsichtlich einer normalen, geerdeten Figur nicht mehr so hervorstechen, wie sie es in den vorherigen Staffeln getan hat. Abgesehen von den ersten drei Folgen ist lediglich Easy as Pie auf einem durchschnittlichen Level angesiedelt. Die übrigen Episoden sind sehr stimmig, bisweilen mit enorm viel Tiefe und Atmosphäre ausgestattet. Auf ihre Art und Weise stechen hier Si Se Puede, About Last Night und I Had a Dream hervor, die gemeinsam mit The Damage a Man Can Do in Kurzfassung die Beziehung und Entwicklung von Dexter und Miguel charakterisieren. Alles in allem ging die dritte Staffel wieder einen Schritt in die richtige Richtung, verbesserte sich gegenüber der zweiten und lässt auf die vierte Staffel nächsten September hoffen. Denn wie das Staffelfinale zeigte, könnte nächstes Jahr die Blutsbande mit Deb für Dexter eine ganz neue Richtung einschlagen.

8.5/10