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11. Mai 2018

48 Hrs. [Nur 48 Stunden]

Some of us citizens are behind you all the way, officer.

Einen ungeschliffenen Diamanten findet man nicht oft, erkennt ihn aber leicht. So wie im Fall von Eddie Murphy, der in jungen Jahren Anfang der 1980er Jahre über Saturday Night Live zum aufstrebenden Hollywood-Star aufsteigen sollte. Mit Hits wie Trading Places, Coming to America und Beverly Hills Cop zementierte Murphy seinen Status innerhalb der Branche, seinen Anfang als Schauspieler nahm er dabei 1982 mit seinem Debüt in Walter Hills 48 Hrs. [Nur 48 Stunden]. Gerade 21 Jahre alt geworden, drückte Murphy dem “buddy cop”-Thriller derart seinen Stempel auf, dass seine Karriere anschließend sicher schien. 48 Hrs. avancierte zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres – angesichts seines R-Ratings nicht selbstverständlich.

Die Story ist dabei relativ simpel: Als der dank seinem Partner Billy Bear (Sonny Landham) entflohene Häftling Ganz (James Remar) zwei Polizisten ermordet, ermöglicht der ermittelnde Polizist Jack Cates (Nick Nolte) einen 48-Stunden-Freigang für Ganz’ ehemaligen Komplizen Reggie Hammond (Eddie Murphy). Dieser soll ihm helfen, Ganz zu überführen, der auf eine Beute in Höhe von einer halben Million Dollar aus ist, die Hammond und er einst bei einem Drogencoup bei Seite geschafft haben. Hierzu machen sie zuerst Luther (David Patrick Kelly), einen weiteren Komplizen, ausfindig, während die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Eigenbrötler Cates und dem extrovertierten Reggie in der Folge wiederholt aneinander geraten.

48 Hrs. speist sich somit zuvorderst aus der Beziehung zwischen seinen beiden Hauptdarstellern, weniger durch die sehr rudimentäre Handlung. Immer wieder arbeiten sich Reggie und Cates am jeweiligen Gegenüber ab, bemerkenswert ist dabei, dass der Häftling hier stets mit dem Polizisten mithalten darf. Hill und das Drehbuch, das unter anderem von Steven E. de Souza (Die Hard, Commando) stammt, lassen Murphys Figur hier erfreulich viel Raum zur Entfaltung. Den Höhepunkt bildet dabei vermutlich die Szene in Torchy’s Bar, in welcher Cates sich buchstäblich zurücknimmt, während Reggie einer Gruppe Rednecks die Leviten liest (“I’m your worst fuckin’ nightmare”), auf der Suche nach Informationen zu Billy Bears Aufenthaltsort.

“Attitude and experience get you through”, hat Cates zuvor Reggie eingebläut, wie ein derartiger Konflikt zu lösen ist. Und in gewisser Weise könnte man es auch als Ratschlag von Nick Nolte an Eddie Murphy deuten, hatte Nolte doch seinem Kollegen seiner Zeit zehn Jahre Filmerfahrung voraus. Ähnlich wie in anderen “buddy cop”-Filmen wie Lethal Weapon lernen die Figuren in der Folge, dass sie sich aufeinander verlassen können, woraus sich freundschaftlicher Respekt entwickelt. Ungeachtet jener Keilerlei, in der Cates dann doch so überraschend wie unnötig einen subtilen Rassismus an den Tag legt – was der Film anschließend aber nicht weiter verfolgt. Dabei zeigt sich 48 Hrs. über weite Strecken sogar erstaunlich offen und liberal.

So ist Cates’ Vorgesetzter ein schwarzer Captain und mit Frank McRae so geschickt besetzt, dass er die Rolle später in Last Action Hero und Loaded Weapon 1 persiflieren würde. Zuvor sehen wir eine Gerichtsmedizinerin asiatischer Abstammung im Gespräch mit Cates, während Sonny Landham als Billy Bear einen Nachfahren amerikanischer Ureinwohner spielt. Abgesehen davon ist die Welt von 48 Hrs. – die Gerichtsmedizinerin außen vor – aber eine von Männern dominierte. Frauen werden reduziert auf sexuelle Objekte, seien es die Damen, die zur Befriedigung von Ganz, Billy und Reggie dienen, oder Cates’ Freundin Elaine (Annette O’Toole). Das mag dem Genre und jener Zeit – sowie dem Genre jener Zeit – geschuldet sein.

Neben den Hauptdarstellern überzeugt speziell James Horners Musik, die oft die für den Komponisten bekannten jazzigen Töne annimmt. In Kombination mit den vielen Nacht-Szenen gibt die Symbiose aus Bild und Musik 48 Hrs. nochmals eine ganz eigene Note. Erfreulich ist auch, dass das Finale relativ reduziert ausfällt, ohne große Verfolgungsjagd oder Brimborium vielmehr Bezug nimmt auf das erste Treffen von Cates und Ganz zu Beginn. Walter Hill endet die Geschichte naturgemäß mit den zwei Hauptfiguren, die sich trotz des Erfolgs von 48 Hrs. erst acht Jahre später wiedersehen sollten. Zu dem Zeitpunkt war Eddie Murphy bereits einer von Hollywoods größten Stars. Selbst wenn dieser Stern im Lauf der 90er schließlich zu verglühen begann.

7.5/10

15. Dezember 2010

Dexter - Season Five

Tic. Tic. Tic. That’s the sound of your life running out.

Seit 2005 läuft die Showtime-Serie Dexter im Fernsehen, doch erst im vergangenen Dezember ließen sich die Autoren zu einem für Drama-Formate gewöhnlich traditionellen Cliffhanger hinreißen. Am Ende der vierten Staffel brachte Serien(killer)held Dexter Morgan (Michael C. Hall) zwar seinen Gegenspieler Arthur (John Lithgow) um, fand jedoch anschließend Zuhause seine tote Ehefrau Rita (Julie Benz) und den gemeinsamen Sohn Harrison in einer Blutlache vor. Kein Happy End, kein zufriedenes Durchatmen nach zwölf strapaziösen Episoden. Dexters Welt würde im fünften Jahr nicht mehr dieselbe sein, so viel stand fest. Und mit dem Tod einer der zentralen Figuren eröffneten sich die Autoren nun die Möglichkeit, ihren Hauptprotagonisten in eine neue Richtung zu lenken.

Plötzlich ist der gefühlskalte Serienkiller, der eine Patchwork-Familie nur deswegen gründete, um eine soziale Tarnung zu haben, auf Gefühle angewiesen. Der Tod von Rita führt bei Dexter - so sehr er seine Frau auch schätzen und „lieben“ lernte - mehr zu einem Verantwortungsschock, denn zu einem emotionalen Einbruch. Selbst der Nachbar betrauert Ritas Ableben mehr als Dexter, was schließlich auch dessen Kollegen Detective Quinn (Desmond Harrington) auffällt, der den Blutforensiker ohnehin auf dem Kieker hat. Für Dexter hingegen heißt es umzudenken, ist er, der die Familienpflichten seiner Frau anvertraute, um nachts Serienmörder zur Strecke zu bringen, doch nun selbst für seine Kinder verantwortlich (auch wenn Astor und Cody anschließend zu ihren Großeltern ziehen).    

Und wie immer, wenn Dexter unter Anspannungen leidet, müssen diese in seinen Mordgelüsten gelöst werden. Allerdings kommt alles anders, nachdem er bei einem seiner Morde von Lumen (Julia Stiles), einem der Opfer von Dexters Opfer, beobachtet wird. Hin- und hergerissen zwischen Harrys (James Remar) Code und seinem Gewissen, nimmt sich Dexter schließlich Lumens an. Die ist wiederum nur daran interessiert, jene Männer zur Strecke zu bringen, die sie entführt, vergewaltigt und fast umgebracht haben. Widerwillig bietet Dexter seine Hilfe an und warum auch nicht, lassen sich doch Lumens Rache- und Dexters Tötungsgelüste auf diese Weise geschickt kombinieren. Dumm nur, dass Quinns Recherchen in bester Doakes-Manier Dexter in die Ecke drängen.

In gewisser Hinsicht ist die fünfte Staffel eine Art „Best Of“ der Vorgänger. Hadert Dexter in den ersten Folgen damit, seiner Außenwelt glaubhaft zu vermitteln, dass ihn Ritas Tod trifft, so tritt anschließend mit Lumen eine Frau in sein Leben, in deren Gegenwart er wie bei Lila (Jaime Murray) so sei kann, wie er wirklich ist, und die zugleich - wie Miguel (Jimmy Smits) vor ihr - zu seiner Komplizin wird. Zudem bestärkt das Cliffhanger-Szenario Dexters Ängste, dass sein Sohn genauso werden könnte wie er selbst. Allerdings wäre Dexter nicht Dexter, würde er sich nicht weiterentwickeln. Eine besonders schöne Episode ist hierbei Teenage Wasteland, in der Dexter sogar so weit als sozialer Mensch und Vater reift, dass ihn selbst Harry respektive sein eigenes Unterbewusstsein dafür lobt.

Dass die Serienmacher viele der dieser Punkte eher zu Beginn aufgreifen und sie bei Tempo 50 der eigentlichen Handlung über Bord werfen, ist verzeihlich. So verschwindet die nach außen entstandene emotionale Leere nach Ritas Tod ebenso schnell, wie die Sorge, dass Harrison ein ernsthaftes Trauma erlitten hat. In charakterlicher Hinsicht ist diese persönliche Komponente von Dexter fraglos gut herausgearbeitet, jedoch auch in den ersten vier Episoden - obschon der Auftakt My Bad ausgesprochen gelungen ist - eine etwas langatmige Prozedur, die die Handlung zum Stehen bringt und sich im Seelen-Sightseeing verliert. Was die fünfte Staffel von Dexter nun zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, dass anschließend ein wahres Feuerwerk abgebrannt wird.

Die fünfte Folge First Blood nimmt Anlauf, sowohl was die Handlung um den Rachefeldzug von Dexter und Lumen angeht, als auch bezüglich Quinns Involvierung des korrupten und entlassenen Cops Liddy (Peter Weller) in seine Ermittlungen gegen Dexter. In ihrer zweiten Hälfte gewinnt Dexter dann eine derartige Spannung, dass man sich an die guten alten Zeiten des Debütjahres erinnert fühlt. Dexters Recherchen nach den Tätern von Lumens Entführung führen schließlich zum Selbsthilfe-Guru Jordan Chase (Johnny Lee Miller) und dessen bizarrem Unternehmen. Und als einer von Chases Komplizen (zu denen Chris Vance, Scott Grimes und Shawn Hatosy zählen) einen Fehler begeht, wird Dexters „Fall“ auch zu einer Angelegenheit für seine Schwester Debra (Jennifer Carpenter).

Für Dexter selbst bedeutet dies, dass er alle Hände voll zu tun hat. Denn neben seinen Vaterpflichten gegenüber Harrison muss er sich auch noch Quinn vom Leib halten und auf Lumen aufpassen, während er gleichzeitig versucht, näher an Jordan Chase heranzukommen. All diese Szenarien werden so gekonnt ausbalanciert und zum Ende der Staffel gesteigert (die letzten beiden Folgen Hop a Freighter und The Big One dürfen als Highlights angesehen werden), dass sie selbst den nervigen Subplot um die Beziehung von Batista (David Zayas) und LaGuerta (Lauren Vélez) vergessen machen, sowie für die eher uninteressiert zu Beginn nebenbei laufende Santa Muerte Ermittlung entschädigen. Und natürlich ist sich auch Masuka (C.S. Lee) nicht zu schade, für comic relief zu sorgen.

Insgesamt waren die Besetzungen mit Julia Stiles, Johnny Lee Miller und Peter Weller in diesem Herbst ein Geschenk. Zwar wurde Dexter nicht in eine komplett neue Richtung gelenkt, eher alte Aspekte neu aufgegriffen und reformiert. Und selbst wenn man sich im Staffelfinale vielleicht die eine oder andere, die Serie auf eine neue Ebene hievende, Wendung gewünscht hätte, hat die fünfte Staffel von Dexter Laune gemacht und fasziniert. Dass es gelungen ist, qualitativ fast an das erste Jahr anzuknüpfen (lediglich der holprige Start verhinderte mehr) ist für eine fünfte Staffel ein großer Verdienst. Und man darf gespannt sein, welche Überraschungen die Autoren im nächsten Herbst für den beliebtesten Serienmörder der US-amerikanischen Fernsehlandschaft bereithalten.

8.5/10

10. November 2009

Jericho

The battle ahead is not only for our survival, it is for our humanity.

Zugegeben, im letzten Jahrzehnt haben die Vereinigten Staaten einiges mitgemacht. Zuerst die Terroranschläge vom 11. September 2001, dann noch Hurrikan Katrina im August 2005 und letztlich der Irakkrieg, der nach sechsjährigem Aufenthalt inzwischen durchaus zum neuen Vietnam verkommen ist. Die Angst um das eigene Wohl und die Zukunft des Landes scheint in den USA also gefährdet zu sein – zumindest in den Augen einiger Amerikaner. Allerdings auch keine neue Angst, wurde doch während des Kalten Krieges stets die kommunistische Bedrohung ins Gedächtnis gerufen. Ereignisse wie die Kuba-Krise sorgten für Befürchtungen eines kommenden Nuklearkrieges, die schließlich auch Geschichten wie Alan Moores Watchmen Nahrung gaben. In Zeiten der „Achse des Bösen“ mit Atom-Mächten wie Nordkorea und potentiellen Kandidaten wie Iran oder – laut Bush-Regierung damals – auch Irak verschieben sich dann schnell die Grenzen der USA jenseits des eigenes Kontinents. Die Bedrohung der eigenen Freiheit wird überall wahrgenommen und findet jederzeit statt.

Ein derartiges Szenario dient nun als Grundlage von Jericho, einer, wenn man so will, typisch amerikanischen Serie. Aufgrund von schlechten Quoten wurde die Serie 2007 nach der ersten Staffel eingestellt, erhielt dann aber nochmals eine Verlängerung als die Proteste der Fans zugenommen haben. Ähnlich hatte es sich einst mit Serenity von Joss Whedon verhalten, der nach der Absetzung seiner Serie Firefly seine Geschichte in einem Kinofilm weitererzählen durfte. Da allerdings entgegen der Hoffnung der hartgesottenen Fans die zweite Staffel erneut dreißig Prozent an Zuschauerzahlen einbüßte, wurde es nichts mit einer möglichen und antizipierten dritten Staffel. Zumindest nicht im Fernsehformat. Denn nichts stirbt wirklich und so wurde für 2010 eine dritte Staffel in Form eines Comics angekündigt, während man auch einer Kinoauskopplung der Serie nicht abgeneigt ist. Was insofern fragwürdig ist, da Jericho einst als Kinoidee ins Leben gerufen wurde, ob ihres Umfangs dann aber nur im Serienformat durchsetzbar schien.

Speziell der 11. September und Katrina dienten nun wegen ihrer Reaktion in der Bevölkerung – 9/11, wo das Beste der Menschen zum Vorschein kam, Katrina, wo das Gegenteil der Fall war – als direkte Vorlage für Jericho. Erzählt wird die Geschichte der Kleinstadt Jericho, Kansas. Diese wird eines Tages Zeuge eines nuklearen Anschlags auf Denver, Colorado. Kurz darauf stellt sich heraus, dass auch andere Großstädte wie Atlanta, Chicago oder Washington D.C. angegriffen wurden. Ingesamt gingen Nuklearwaffen in 23 amerikanischen Metropolen hoch. Fragen kommen auf. Wer hat die USA angegriffen? Und weshalb? Gibt es die Vereinigten Staaten bzw. eine Regierung überhaupt noch? Immerhin zählt auch Washington D.C. zu den angegriffenen Zielen. Es gilt also erst einmal Ruhe zu bewahren und dafür zu sorgen, dass der städtische Alltag nicht aus dem Ruder läuft. Während die Generatoren im Krankenhaus streiken, entflohene Häftlinge Geiseln nehmen und sich der radioaktive Niederschlag Jericho nähert, muss sich Bürgermeister Johnston Green (Gerald McRaney) mit Gray Anderson (Michael Gaston) auch noch eines Konkurrenten um sein Amt gegenüber sehen.

Die Ungewissheit eines möglichen Angriffs auf die USA ist in Jericho lediglich der Rahmen für ein ausuferndes Charakterdrama. Über ein Dutzend Figuren beherbergt die Serie, die Regisseur Jon Turtletaub zum Paten hat. Thematisiert wird der Konflikt zwischen Johnston Green und Gray Anderson um die Kontrolle über die Stadt, aber insbesondere der Zwist zwischen allen anderen Einwohnern der Stadt. Auf der einen Seite findet sich die Stadt-Dynastie der Greens, rund um den Bürgermeister, seinen Sohn und Stellvertreter Eric (Kenneth Mitchell) sowie Jake (Skeet Ulrich), den anderen Sohn und schwarzes Schaf der Familie. Jake hatte Jericho vor fünf Jahren verlassen, nachdem er sich mit einer Diebesbande einließ, die den Bruder von Jakes großer Liebe Emily (Ashley Scott) das Leben kostete. Nun kam Jake gerade am Tag des Anschlags wieder zurück und die Serie macht um seine vollkommen unspektakuläre Vergangenheit – er arbeitete als Söldner im Irakkrieg – ein Aufhebens, wie man es zuvor selten in einer Serie gesehen hat.

Ähnlich verhält es sich mit Robert Hawkins (Lennie James), einen Undercover-Agenten der CIA, der gegen die Terroristen ermittelte, die Massenanschläge jedoch nicht verhindern konnte. Mit einer der Bomben im Gepäck verschanzt sich Hawkins nun im Sammeltreffpunkt Jericho. Die Kontrolle der Greens über die Stadt bzw. das Wohl seiner Bürger und Hawkins Fortsetzung seiner Ermittlungen gegen die Verschwörer sind die beiden Hauptthematiken von Jericho. Kleinere Handlungsstränge konzentrieren sich auf Farmer Stanley (Brad Beyer), der sich mit Steuerbeamtin Mimi (Alicia Coppola) auseinandersetzen muss – man braucht kein Genie sein, um sich denken zu können, dass sich hier bald Schmetterlinge im Bauch einstellen –, auf Erics Affäre mit der hiesigen Kneipenbesitzerin hinter dem Rücken seiner Ehefrau April (Darby Stanchfield) oder auf Dale (Erik Knudsen), der ein Lebensmittelgeschäft übernimmt und sein Loser-Dasein ablegt, um zum neuen Untergrundboss der Stadt aufzusteigen und nebenbei das schärfste und reichste Mädchen der Schule, Skylar (Candace Bailey), zu ergattern.

Ein Problem von Jericho ist, dass gerne mehr erzählt wird als letztlich gezeigt wird. Erstaunlich zivilisiert läuft hier alles, ein Anflug von Anarchie direkt nach dem Anschlag wird von Bürgermeister Green mit einer kurzen Moralpredigt zu den Akten gelegt. In einer der späteren Folgen wird von einem der Deputy Sheriffs beklagt, dass es zu Ausschreitungen und Diebstählen kommt. Davon sieht man allerdings nichts in der Serie. Sicherlich, ein Mal wird Gracie, die Lebensmittelladenbesitzerin, umgebracht, aber das ist weniger die Schuld der Einwohner als vielmehr die einer Gruppe Gesetzloser rund um Emilys Vater Jonah (James Remar). Eigentlich alles Friede, Freude, Eierkuchen in Jericho. Nur zu Essen hat man zu wenig. Auch wenn die Nachbarstadt New Bern später das Gegenteil behaupten wird. Würde man es jedenfalls nicht besser wüsste, könnte man bis auf einige wenige anarchische Szenen meinen, es hätte überhaupt keinen Nuklearanschlag gegeben. Kurz aufkommende Probleme wie räuberische Söldner werden dann meist von Hauptprotagonist Jake in die Flucht geschlagen, während Hawkins stets bemüht ist, dass niemand dahinterkommt wer er ist und was genau er vorhat.

Dies ist nun nicht unbedingt schlechte Unterhaltung, aber wirklich gute ist es auch nicht. Die Serie dümpelt die gesamte erste Staffel vor sich hin, setzt sich mal mit den Söldnern auseinander, dann mit entflohenen Gefangenen, brennenden Bibliotheken und anderen Ereignissen, die die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich ziehen. Mittendrin dann stets charakterliche Dramatisierungen wie ein an Grippe erkrankender Green, eine in die Wehen geratende April oder Flüchtlinge, die im Grunde niemand in der Stadt haben möchte. Das ist gefällig, aber eigentlich selten spannend. Die potentiellen Gefahren stellen keine Gefahr dar, da man schon vorab ahnt, dass Jake das Kind schon schaukeln wird und so betrachtet man die einzelnen Geschichten mit einem Mindestmaß an Interesse, das nicht mal in Hawkins allmählicher Aufdeckung der Verschwörung richtig geweckt werden will. Gegen Ende der ersten Staffel spitzt sich dann der Konflikt mit der Nachbarstadt New Bern dermaßen zu, dass es zum Krieg kommt. Es sind die finalen beiden Episoden, allen voran jedoch die vorletzte Folge Coalition of the Willing, die endlich einlösen, was die Serie zuvor ständig zu versprechen schien.

Erst zum Ende kommt also Tempo rein und die Geschichte wird authentischer. Der Sprung zur zweiten Staffel ist dann reichlich harsch und deutet an, unter welchen Umständen die Fortsetzung der Serie zustande kam. In wenigen Bildern macht Jericho zwei Schritte vorwärts. Die US- bzw. AS-Armee (aus den United States of America werden die Allied States of America, dementsprechend ASA) übernimmt in Form von Major Beck (Esai Morales) die Kontrolle in Jericho. Fortan rutscht die Serie wieder auf das Vorjahresniveau zurück, dümpelt erneut vor sich hin, auch wenn man versucht mittels des Söldner-Verwalters Goetz (D.B. Sweeney) ein actionreiches Tempo beizubehalten. Hawkins ermittelt derweil weiter und erhält in bester X Files-Manier Unterstützung von seinem persönlichen Deep Throat - hier mit Namen John Smith (Xander Berkeley). Vielleicht aus Kostengründen, eher aber wohl aus Zeitlichen, muss man auf einige der Darsteller wie Pamela Reed als Familienmutter Green oder auch Hawkins 'Kinder und damit auf weiteres Charakterdrama verzichten. Die zweite Staffel konzentriert sich ganz auf die neue Situation der Regierungsbelagerung, wenn man diese so nennen möchte.

Die begrenzt vorhandenen Effekte der Serie wissen zu überzeugen. Ansonsten fokussiert sich die Serie ohnehin weniger auf das, was stattfindet, als auf die Darsteller, die sich inmitten des Ganzen bewegen. Die Besetzung der Charaktere kann als gelungen bezeichnet werden. Zwar sind gerade Ulrichs schauspielerische Fähigkeiten ziemlich begrenzt, aber als verlorenes Sohn weiß er zu überzeugen. Das Szenario des nuklearen Angriffs verkauft Jericho dabei so lange sehr gut, wie sich die Serie um die Auflösung jenes Angriffes drückt. Je mehr Hintergründenbekannt werden, gipfelnd im ziemlich enttäuschenden Serienfinale (dessen alternatives oder ursprüngliches Ende als möglicher Cliffhanger für die dritte Staffel noch weniger überzeugen will), desto unglaubwürdiger wird die Verschwörung. Am Ende können natürlich nicht alle offenen Fragen beantwortet werden, die Serie endet quasi auf ein Versprechen hinaus, dessen Einlösung sich in den Köpfen der Zuschauer abspielt. Grundsätzlich ist Jericho somit eine bisweilen durchaus unterhaltsame Serie, die jedoch bis auf zwei, drei Folgen nicht herausragend ausgefallen ist und insofern letztlich zu recht ihren schlechten Quoten zum Opfer fiel.

7/10 - erschienen bei Wicked-Vision

16. Dezember 2008

Dexter - Season Three

Liar liar pants on fire.

Man könnte die Werbemaßnahmen von RTL 2 ja durchaus diskutieren. „Keine Angst, der will nur töten“ als Plakat an Bushaltestellen zu hängen ist sicherlich ein Eyecatcher, ob es ethisch vertretbar ist so um Zuschauer zu buhlen wäre eine andere Frage. Doch das wichtigste ist, der sympathischste Serienkiller (so wirbt Showtime um seine Figur) ist wieder zurück. Gerne würde ich jetzt schreiben „Zurück - und wie!“, aber dem wird die dritte Staffel dann doch nicht so gerecht. Gerade der Beginn ist relativ schleppend, dafür die finalen Folgen wieder sehr gelungen. Grund hierfür ist ohne Frage auch der Wandel, denn die Figur und ihre Serie jedes Jahr durchgehen. Am Anfang war der Mord und Dexter (Michael C. Hall) sah, dass er gut war. Und so tat es auch der Zuschauer. Ein Serienmörder, der andere Serienmörder jagt und umbringt. Das moralische Gewissen der Stadt Miami. Der Mann, der den Müll raus bringt. Dabei immer mit einem amüsanten, da gefühlskalten Einzeiler auf den Lippen.

Für Staffeln wie die Erste von Dexter wurden Begriffe wie „Kult“ erfunden. Eine in sich geschlossene Geschichte über zwei Serienmörder, die dennoch unwahrscheinlich viel Platz für ihre zahlreichen Nebenfiguren offen gelassen hatte. Ein mehr als stimmiges Ende und ein Einstieg wie man ihn sich nur wünschen konnte. Die Prämisse der zweiten Staffel war zwar mehr als gelungen – Dexter insgeheim als neues Ziel seiner Einheit -, aber verlor sich speziell durch die Beziehungen von Dexter mit Lila und Deb mit Lundy etwas. Der Jäger wurde zum Gejagten und das war der Staffel nicht allzu zuträglich. Denn das Dexter davon kommen würde, war von vorneherein absehbar. Nichtsdestotrotz fügte sich auch die zweite Staffel gut in den Kanon ein und spielte weiterhin in der ersten Liga mit. Die Prämisse für die dritte Staffel ist dagegen etwas schwächer, die Charakterentwicklungen dafür umso stärker.

Bei einer nächtlichen Streiftour will sich Dexter des Drogendealers Freebo entledigen. Doch er wird bei der Arbeit gestört, ein Streit geht in Freebos Haus vor und während der Dealer flüchten kann, tötet Dexter den anderen Kontrahenten in Notwehr. Wie sich herausstellt, handelt es sich hierbei um den jüngsten Bruder von Staatsanwalt Miguel Prado (Jimmy Smits). Während dieser zuerst misstrauisch gegenüber Dexter ist, nimmt die Beziehung der beiden kurz darauf eine neue Wendung. Prado ertappt Dexter dabei, als dieser das Kapitel Freebo beschließt. Als die Katze aus dem Sack ist, stellt Dexter fest, dass auch Miguel einen dunklen Begleiter hat. Langsam aber sich lässt der Blutforensiker den Staatsanwalt in seinen inneren Kreis und ernennt ihn schließlich auch zu seinem Trauzeugen, als er seiner langjährigen Freundin Rita (Julie Benz) einen Heiratsantrag macht. Da diese zudem schwanger ist, muss sich Dexter einer völlig neuen Verantwortung stellen.

Vorbild in mehrfacher Funktion, ein Vater für sein ungeborenes Kind und ein Ausbilder für Miguel. Währenddessen treibt ein neuer Serienmörder sein Unwesen. Er ist auf der Suche nach Freebo, nur ist dieser tot und außer Dexter und Miguel weiß niemand davon. Angel (David Zayas) und Deb (Jennifer Carpenter) ermitteln im „Skinner“-Fall, der seinen Opfern bei vollem Bewusstsein die Haut abzieht. Für Deb stellen sich ebenfalls neue Weichen, verliebt sie sich doch in den Polizeispitzel Anton (David Ramsey) und wird bezüglich einer Beförderung von den internen Ermittlern aufgefordert ihren neuen Partner Quinn (Desmond Harrington) auszuspionieren. Während Deb sich zwischen Karriere und Gefühlen entscheiden muss, beginn Dexter sich von Harrys (James Remar) Code zu lösen und individuelle Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die wie immer vielen Beteiligten das Leben kosten wird.

Zu Beginn des Staffelauftakts wähnt man sich in Our Father wieder in guten alten Zeiten. Dexter auf der Pirsch. Schnell macht die Staffel dann eine Wende. Mit der Einführung von Miguel Prado nimmt die Serie eine völlig andere Zweigung, als man sich zuerst gewünscht hat. Die ersten drei Folgen sind dann auch etwas holprig, da ungewohnt. Man weiß nicht wohin das führt, was man da sieht und auch retrospektiv dreht sich die Serie hier etwas zu stark im Kreis. Richtig losgehen kann es dafür dann, als Miguel Dexters Geheimnis lüftet. Seinen Höhepunkt erreicht die dritte Staffel in The Damage a Man Can Do, wenn Miguel und Dexter gemeinsames „murder shopping“ betreiben und der lateinamerikanische Staatsanwalt wie ein kleines Kind durch den Spielzeugladen streift, um die besten Mordinstrumente auszuwählen. Ein kleiner Magic Moment innerhalb der Serie. Schon bald verdichtete sich jedoch die Freundschaft der beiden und die wahren Karten werden auf den Tisch gelegt. Jimmy Smits ist hier eine Bereicherung für die Serie und verleiht seinem Charakter genau den Charme, den dieser bedarf, um innerhalb der Handlung funktionieren zu können. Wie in den beiden Vorgängerstaffeln findet Dexter also auch dieses Mal einen „Seelenverwandten“, mit dem es letztlich aber doch nicht so klappen möchte, wie alle Beteiligten sich das zuvor ausgemalt haben. Es ist jene Beziehung zwischen Dexter und Miguel, die das Kernstück und somit das Herz der diesjährigen Staffel ausmachen.

Der fortlaufende Serienmord, der als Aufhänger dient, ist jedoch der des Skinners. Da dieser nun weder mit Dexter verbunden ist oder dieser selbst, tangiert der Fall unseren Forensiker nur peripher. Umso mehr Spielraum für die zweite Mannschaft der Serie, angeführt von Jennifer Carpenter. Während man von Laguerta (Lauren Vélez) nicht allzu viel sieht, ist es in allen Aspekten Angel, der die Funktion von Doakes übernimmt. Sehr nett, dass man auch Masuka (C.S. Lee) nicht aus den Augen verloren hat und ihm einige herrliche Momente schenkt. Einziger Störfaktor dieser Truppe ist der Einbezug von Quinn, der nicht so richtig stimmig sein möchte. Intern wird gegen ihn ermittelt, doch was genau es damit auf sich hat und wie es endet wird zu den finalen Folgen hin nicht mehr weiter verfolgt. Bisweilen vermutet man auch nicht zu Unrecht dass hinter Quinn der Skinner steckt oder zumindest die gegen ihn erbrachten Anschuldigungen begründet sind. Löblich lediglich, dass man ihn nicht zu einem von Debs „Betthäschen“ hat verkommen lassen.

Die darstellerischen Leistungen überzeugen, wobei gerade Julie Benz darunter zu leiden hat, dass ihre Figur eine positive Entwicklung durchgemacht hat. Von der abgefuckten Rita zu Beginn der Serie ist nicht mehr viel übrig, insofern kann Benz hinsichtlich einer normalen, geerdeten Figur nicht mehr so hervorstechen, wie sie es in den vorherigen Staffeln getan hat. Abgesehen von den ersten drei Folgen ist lediglich Easy as Pie auf einem durchschnittlichen Level angesiedelt. Die übrigen Episoden sind sehr stimmig, bisweilen mit enorm viel Tiefe und Atmosphäre ausgestattet. Auf ihre Art und Weise stechen hier Si Se Puede, About Last Night und I Had a Dream hervor, die gemeinsam mit The Damage a Man Can Do in Kurzfassung die Beziehung und Entwicklung von Dexter und Miguel charakterisieren. Alles in allem ging die dritte Staffel wieder einen Schritt in die richtige Richtung, verbesserte sich gegenüber der zweiten und lässt auf die vierte Staffel nächsten September hoffen. Denn wie das Staffelfinale zeigte, könnte nächstes Jahr die Blutsbande mit Deb für Dexter eine ganz neue Richtung einschlagen.

8.5/10