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12. Dezember 2015

Best of Enemies

Argument is sugar and the rest of us are flies.

Freunde hält man sich nah, Feinde näher – das wusste bereits der chinesische Militärstratege Sūnzǐ. Eine etwas andere Motivation hatten im Jahr 1968 die Herren William F. Buckley und Gore Vidal, die einander verabscheuten und dennoch gemeinsam vors Fernsehen traten. In zehn Debatten sollten sie für den Sender ABC die Nationalversammlungen der Republikaner und Demokraten analysieren. Auf der einen Seite der konservative Buckley, auf der anderen Seite der liberale Vidal. Die Debatten avancierten zum Ereignis, dass das Fernsehen revolutionieren sollte. In Best of Enemies rekapitulieren die Regisseure Robert Gordon und Morgan Neville die Umstände, Hintergründe und Folgen der Buckley-Vidal-Debatten.

Die waren eher aus der Not geboren. Denn mit den Nachrichtenformaten der Konkurrenten NBC und CBS konnte ABC nicht mithalten. “ABC was the third of the three networks”, sagt Richard Wald, ehemaliger Präsident von NBC News. “Would have been fourth, but there were only three.” Über den Ruf des Senders wurden sogar Witze gemacht. Wie lasse sich der Vietnam-Krieg beenden? Man strahlt ihn auf ABC aus und er wird nach drei Monaten eingestellt. Als es um die Nationalversammlungen des Jahres 1968 ging, brauchte es ein provokantes Medienexperiment, um gegen die Konkurrenz um Walter Cronkite bestehen zu können. “A shot in the dark” nennt Wald die ABC-Debatten rückblickend. Und gesteht: “It changed television. Forever.”

Geht es nach Best of Enemies lag dies weniger am Politdiskurs zwischen beiden Männern über die Kandidaten der Nationalversammlungen als am Diskurs über sich selbst. “Their debate was about lifestyles”, so einer der Talking Heads. “What kind of people should be we?” Der Schriftsteller und Drehbuchautor Vidal wollte Buckley im Fernsehen bloßstellen, Buckley sah im flamboyanten Vidal wiederum den Teufel. “Everything that was going to moral hell“, wie Vidal-Biograf Fred Kaplan sagt. Jeder dachte vom anderen, dass er sehr gefährlich sei, so der Autor Christopher Hitchens. Entsprechend ging es für die beiden Intellektuellen darum, ihr Gegenüber zu demaskieren. Etwas, dass geradezu nach einer möglichen TV-Kontroverse schrie.

“Networks – did they deal in controversy? No”, erklärt Richard Wald. “Did they invite controversy? No.” Und dennoch schalteten im Verlaufe der ABC-Übertragungen laut NY Times-Journalistin Ginia Bellafonte acht von zehn Amerikaner die Berichterstattung zur Republikaner-Convention in Miami ein. Die Einschaltquote von ABC stieg – und sollte andere Debattennachahmer später begünstigen. Für Buckley und Vidal ging es derweil weniger darum, ob Nixon oder Humphrey der kommende Präsident der Vereinigten Staaten würden. Es ging um Egos und Idealismus. Den in der Dokumentation ausgewählten Ausschnitten zufolge bearbeiteten sie sich Runde für Runde wie Boxer mit Worten statt Schlägen. Jeder auf seine Chance wartend.

Die Herangehensweise ist unterschiedlich, wo Vidal immer wieder die Deckung herunternimmt und Buckley lockt, gibt sich dieser zurückhaltender, vorsichtiger. Der Austausch der beiden ist bisweilen fraglos unterhaltsam, was inhaltlich unterfüttert wird mit den biografischen Hintergründen von Biografen wie Kaplan (Vidal) oder Sam Tanenhaus (Buckley). Best of Enemies steuert dabei gezielt auf jene berüchtigte neunte Debatte hin, während deren Auswirkungen und konkret die letzte Debatte etwas unter den Tisch fallen. Auch die Folgen für die Fernsehlandschaft als direkte Folge der ABC-Berichterstattung hätten die beiden Regisseure noch etwas stärker in den Mittelpunkt rücken können, anstatt dies nur am Rande anzusprechen.

Es wäre ebenso interessant gewesen, ein paar tatsächliche Einschätzungen von Buckley und Vidal zur Situation der USA von 1968 zu erhalten. Hier und da spricht Vidal zwar Punkte Buckleys an, dennoch fokussiert sich die Dokumentation zuvorderst auf die Animositäten zwischen den beiden. So wird Best of Enemies eher von seinen Charakteren als seiner medienpolitischen Bedeutung bestimmt, wobei das Thema durchaus noch etwas ausdehnbarer gewesen wäre, wie Clips von Personen wie Jon Stewart und Bill O’Reilly am Schluss zeigen. Aber auch in seiner finalen Form ist Best of Enemies ein über weite Strecken aufschlussreicher und amüsanter Einblick in eine vier Jahrzehnte zurückliegende Polit-, Kultur- und Medienlandschaft.

7/10

5. November 2014

Interstellar

This... data makes no sense.

Vor dem Filmstart erfuhr man kaum etwas über Christopher Nolans Interstellar – doch der Name des Regisseurs bürgt nach Gesamt-Einspielergebnissen von mehr als drei Milliarden Euro inzwischen für kommende Umsatzrekorde. Den Erfolg seines neuen Films wird also dessen mangelnde Qualität auch nicht gefährden.  Bereits mit seinen beiden letzten Batman-Filmen überwand Regisseur Christopher Nolan jeweils die Eine-Milliarde-Dollar-Marke an den Kinokassen, mit Inception bewegte er sich ebenfalls in ähnlichen Sphären. Kein Wunder also, dass ihm seitens Warner Bros. bereitwillig weitere Hunderte Millionen Dollar zur Verfügung gestellt wurden, um seine nächste geistige Film-Grütze zu inszenieren.

Nolans Ansehen ist derart groß, daß er seine Werke in 2D in die Kinos bringen kann, wo doch jeder andere Blockbuster in 3D konvertiert wird. Sogar ein Science-Fiction-Drama darf das neue Werk sein – ein lange eher verschmähtes Genre für große Filme. An Filmen wie 2001: A Space Odyssey wollte sich Nolan orientieren, am Ende kamen da noch weit mehr Einflüsse ins Spiel. Der Film erzählt von einer Zukunft, in der den Menschen die Lebensmittel ausgehen. Weizen lässt sich schon lange keiner mehr anbauen, Mais vielleicht noch ein paar Jahre. Sandstürme fegen über das Land, auch über die Farm von Cooper (Matthew McConaughey). Der war einst Astronaut und Ingenieur, doch für beides ist in dieser neuen Welt kein Platz mehr.

Eines Tages machen Cooper und Tochter Murph (Mackenzie Foy) eine seltsame Entdeckung in deren Schlafzimmer. Eine Gravitationsanomalie führt sie per verschlüsselten Koordinaten zu den im Geheimen arbeitenden Überbleibseln der NASA rund um Coopers alten Mentor Prof. Brand (Michael Caine) und dessen Tochter Amelia (Anne Hathaway). Beide berichten Cooper, dass jemand nahe des Saturns ein Wurmloch platziert hat, das in eine andere Galaxie mit erdähnlichen Planeten führt. Dort sucht die NASA nach einer bewohnbaren neuen Heimat für die Menschen. Cooper, der einerseits immer von einer derartigen Mission träumte und andererseits das Leben und die Zukunft seiner Kinder retten will, soll den passenden Planeten finden.

Wie diese Welt wurde, wie sie ist und warum man keine Ingenieure braucht und Geräte wie MRT-Maschinen in Rente versetzt hat, erklärt Interstellar nicht. Die Trostlosigkeit spricht für sich und dient als Motivation der Hauptfigur, nach einer Dreiviertelstunde an der eigentlichen Handlung zu partizipieren. Was wiederum etwas ungeschickt geschieht, selbst wenn Nolan später versucht, der Exposition einen Sinn zu geben. Im Verlauf zeigt sich, dass die Welt des Filmbeginns noch eine der kreativeren Ideen von Nolan und Bruder Jonathan, mit dem er das Drehbuch schrieb, war. Sobald Cooper, Amelia und Co. zu ihrer jahrzehntelangen Mission aufbrechen, werden jegliche originellen Ideen sattsam bekannten Genre-Elemente geopfert.

Inwieweit der Film dabei (astro-)physikalisch korrekt ist, lässt sich schwer sagen. Zwar war mit Kip Thorne ein theoretischer Physiker als Ratgeber an Bord, die meisten Szenen in der fernen Galaxie wirken für den normalen Zuschauer allerdings hanebüchen, wie auch die gesamte NASA-Mission nicht sonderlich kompetent durchdacht scheint. Immer wieder blendet Nolan dabei von Coopers Mission zurück zur Erde, wo seine nun erwachsene Tochter Murph (jetzt: Jessica Chastain) versucht, mit dem Abschied ihres Vaters zurechtzukommen. Jene Vater-Tochter-Beziehung, die bisweilen an Robert Zemeckis Contact erinnert, ist ein essentieller Bestandteil des Films. Murph repräsentiert dabei in Nolans Intention letztlich die gesamte Menschheit.

In einem Film, der mit fast drei Stunden viel zu lang ist, übersteigert sich Nolan in einem Finale, das der bereits zuvor stellenweise haarsträubenden Handlung nochmals die Krone aufsetzt – und das man in dieser Form bereits zu Beginn so befürchtet hat. Es ist fast erschreckend, wie wenig Nolan in Interstellar an eigenständigen Ideen zustande bringt. Am Ende steht eine Handlung, die selten sinnig erscheint, und Figuren, in die das Publikum keine sonderlichen Einblicke erhält. Zumindest weiß die Musik von Hans Zimmer zu gefallen, wie auch die Kameraarbeit von Hoyte Van Hoytema und die Tatsache, dass Nolan nicht nur in 2D, sondern auch auf 35mm gedreht hat. Für einen nennenswerten Beitrag zum Genre ist das aber zu wenig.

3.5/10

15. Dezember 2009

Dexter - Season Four

Father of the freakin’ year.

Amüsanterweise startet in den USA diese Woche die neue Hugh-Grant-Komödie Did You Hear About the Morgans?. Ein Titel, der sich grundsätzlich auch auf die Titelfiguren der Showtime-Serie Dexter münzen ließe. Was Dexter (Michael C. Hall) und Deborah (Jennifer Carpenter) Morgan jede Staffel in Miami erleben, ist beachtlich. Dexter selbst verliebt sich in seine Tarn-Freundin Rita (Julie Benz), muss seinen eigenen Bruder umbringen, eine Stalkerin loswerden und sich mit einem mordgeilen Staatsanwalt auseinandersetzen. Und jetzt ist er auch noch Vater des kleinen Harrison geworden. Seine Adoptivschwester Deb erwischt es kaum besser. Vom Verlobten entführt und fast getötet, wird wiederum ihr nächster Freund entführt und fast getötet, ehe auch die große Liebe dieses Mal zwar nicht entführt, aber doch getötet wird. Nein, die Morgan-Geschwister haben kein leichtes Leben. Und auch das vierte Jahr, das sie mit dem Fernsehpublikum teilen, soll ihnen kaum ruhige Momente bescheren. Ganz im Gegenteil.

Harrison ist da und mit dem Baby auch all der Ärger, den ein Baby mit sich bringt. Dexter kriegt kaum noch Schlaf, seine Beruhigungsmorde leiden darunter. Als er eines Abends einem Mörder auflauert, schläft er vor Müdigkeit am Steuer ein. Ein anderes Mal verfällt er sogar während der Fahrt dem Sekundenschlaf. Da macht es die Sache auch nicht einfacher, dass in seiner neuen Nachbarschaft ein Randalierer sein Unwesen treibt. Deborah hingegen fühlt sich solange in ihrer Beziehung mit Anton (David Ramsey) wohl, bis ihr Ex, FBI-Agent Lundy (Keith Carradine), wieder in Miami auftaucht. Er bittet Dexter um dessen Hilfe bei der Suche nach dem Trinity-Mörder. Einen Serienkiller, der seit Jahrzehnten sein Unwesen treibt. Als die Ermittlungen gegen Trinity Lundy schließlich das Leben kosten und Dexter wiederum Trinitys Identität als die von Arthur Mitchell (John Lithgow) ausfindig macht, beginnt sich das eigentliche Handlungsgerüst erst in Bewegung zu setzen. „He’s like me“, stellt Dexter fest, als er Arthur zu seiner scheinbar glücklichen Familie verfolgt.

Fortan ist Dexter unentschlossen, ob er Arthur sofort töten soll oder nicht. Zwar ermuntert ihn Harry (James Remar) stets dazu, aber Arthur scheint so integriert in seine Familie, dass Dexter herausfinden will, wie man Serienmord und Familie unter einen Hut bekommt. Die nächtlichen Aktivitäten belasten jedoch die Ehe mit Rita und auch eine kleine Auseinandersetzung mit Quinn (Desmond Harrington) will nicht abebben. Als Deb schließlich mit knallhartem Ehrgeiz Lundys Ermittlungen übernimmt, sieht sich Dexter immer mehr in die Enge getrieben. Es beginnt wie jedes Jahr ein Spiel gegen die Zeit, welches sich jedoch erst in den finalen Folgen spannungsgeladen herauskristallisiert. Die ersten beiden Episoden der vierten Staffel sind hierbei doch etwas dröge geraten. Das neue Ambiente des dreifachen Familienvaters, der keine Zeit mehr findet, seinem dunklen Begleiter Aufmerksamkeit zu schenken, will hier noch nicht wirklich faszinieren. Die anfänglichen Morde sind einem irgendwie total egal und die offensichtliche Harmonie im Hause Morgan so befremdlich, dass man nicht recht bei der Sache ist.

Ähnlich verhalten sich die Folgen später, in denen Arthur und Dexter Zeit miteinander verbringen. Bisweilen ist dies überaus nett geraten, aber auch zu ausführlich. Ohnehin ist das Arthur-Dexter-Setting mehr ein Echo der Miguel-Geschichte des Vorjahres. So werden auch wieder absurd-komische Bilder heraufbeschworen, wie das Mordwaffen-Shopping in der dritten Staffel. Dieses Mal darf Dexter in Dex Takes a Holiday einen befreienden Mord in Harrisons Kinderzimmer verüben. Was ob der Umgebung und der Analogie zu seinem eigenen Leben reichlich perfide ist. Und zugleich das einzige Highlight der Folge bleibt. Die Macher nehmen sich in der Mitte der vierten Staffel viel zu viel Zeit für ihre Geschichte. Unglaubwürdig, dass Arthur nicht skeptisch wird, wenn Dexter Mal um Mal in seiner Einfahrt auftaucht und seine Ausreden kontinuierlich abstruser werden. Genauso wie die gesamte Trinity-Ermittlung von Deb, Quinn und Batista (David Zayas) zu langatmig ausfällt.

Wie schon in der letzten Staffel nimmt also erst das Finale richtig Tempo auf. In den letzten vier Folgen beginnt sich die Schlinge um Arthur zuzuziehen. Dexters Geduld ist am Ende und Dexter wandelt auf den Pfaden, die der Serie gut tun. Hungry Man und Lost Boys zählen neben dem Staffelfinale The Getaway zu den stärksten Episoden. Wobei sich The Getaway zu Schulden kommen lässt, dass sich wie schon in den vergangenen Jahren die Ereignisse plötzlich derart überschlagen, als hätten die Produzenten realisiert, dass man überraschenderweise schon in der letzten Folge angekommen ist und alles rasch zu Ende zu erzählen hat. Zudem wirkt die Schlusseinstellung reichlich harsch, da vollkommen unerwartet. Ein Bruch mit dem Rhythmus der Serie und ein gewagter, zugleich aber auch interessanter Wandel für die kommende Staffel. Grundsätzlich hätte es Dexter jedoch gut zu Gesicht gestanden, wenn man das Staffelfinale nicht schnell runtergespult hätte und stattdessen die Episoden in der Mitte ein bisschen flotter hätte voran schreiten lassen.

Oder sie einfach anders genutzt. In Slack Tide agiert Dexter beispielsweise so unachtsam, dass er einen unschuldigen Mann tötet als er ihn für einen Mörder hält. Zum ersten Mal hat Dexter somit extrem gegen Harry’s Code verstoßen, doch der Mord wird anschließend nicht weiter thematisiert. Keine Auseinandersetzung mit dem Monster in sich selbst. Keine Weiterführung der Analogie zwischen Dexter und Arthur, um die Dexter zu diesem Zeitpunkt sonst so bemüht ist. Stattdessen die Flucht in die Redundanz, wie schon im Vorjahr. Als Ganzes betrachtet zeigt die vierte Staffel durchaus ein neues Gesicht. Mit dem Familienvater Dexter – auch wenn seine Beziehung zu Harrison erstaunlich neutral ist -, der in Arthur eine Art älteres Alter Ego zu entdecken scheint. Für sich genommen funktionieren jedoch gerade die Folgen der ersten Hälfte bisweilen nur mittelprächtig und sorgen schließlich für die qualitative Trübung des Gesamtbildes dieser vierten Staffel. Ein leicht enttäuschendes Jahr mit den Morgans geht zu Ende und es bleibt abzuwarten, welche Wege Dexter in seiner fünften Staffel unter den neuen Voraussetzungen beschreiten wird.

7.5/10