Posts mit dem Label Jena Malone werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Jena Malone werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

16. August 2019

Too Old to Die Young

It’s time to kill everyone.

Ob ein Sanitäter zugegen sei, fragt William Friedkin mehrmals ironisch während eines Interviews mit seinem Regie-Kollegen Nicolas Winding Refn. Der hatte zuvor seinen kontroversen Film Only God Forgives auf ein Qualitätslevel mit Citizen Kane und 2001: A Space Odyssey gestellt. “I think it’s a masterpiece”, reklamierte Winding Refn, der sich selbst als NWR abkürzt, zum Amüsement des Altmeisters Friedkin. Eine Szene, die den jüngeren Regisseur ganz gut wiedergibt und den polarisierenden Effekt, den er (gewollt) auf seine Umwelt hat. An Filmen – oder Meisterwerken, wie NWR sagen würde – wie Only God Forgives und Drive scheiden sich mitunter die Geister, zuletzt auch bei seinem Geniestreich The Neon Demon der Fall.

Insofern überrascht es nicht unbedingt, dass Amazon Prime, für die Winding Refn jüngst seine Serie Too Old to Die Young inszeniert hat, das Resultat nicht allzu sehr bewarb, obschon es sogar bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. Wo man wochenlang buchstäblich plakativ auf die 2. Staffel von American Gods hingewiesen wurde, fand sich auf der Startseite von Amazon Prime Video weder ein Banner noch die Serie bei den aktuellen Neuheiten. Nur per Suchfunktion wurde man fündig, sodass sich fast der Eindruck erweckte, der Streamingdienst wollte die Serie beerdigen, bevor sie überhaupt am Leben war. Vielleicht verließ man sich aber auch nur darauf, dass die NWR-Fans im Wissen um die Existenz der Serie diese finden.

Mit einer Laufzeit von fast 13 Stunden bündelt die 10-teilige Serie – die Folgen gehen mitunter 90 Minuten – quasi sowohl das Beste als auch das Schlechteste von NWR (je nach Sichtweise). Das Drehbuch von Winding Refn und Ed Brubaker, als Comic-Autor für u.a. DC und Marvel aktiv, nimmt sich folglich viel Zeit – Kritiker würden sagen: zu viel – für seine Figuren und ihre Aktivitäten. Was nicht zwingend heißt, dass Too Old to Die Young eine Charakterstudie ist. Eher bleibt sich der Regisseur treu, wenn er seine Protagonisten weitestgehend als stumme und bestenfalls einsilbige Agenten einer höheren Macht präsentiert. Die sich eher durch ihre Aktionen und Reaktionen definieren lassen, als über die Darlegung ihrer Persönlichkeit.

Auslöser einer Verkettung von Gewaltexplosionen ist der nächtliche Mord des jungen Jesus (Augusto Aguilera) am Partner des Streifenpolizisten Martin (Miles Teller). Korrumpiert vom Kriminellen Damian (Babs Olusanmokun) findet Martin heraus, dass Jesus der Sohn einer Drogenbaronin ist, die er und sein Partner auf dem Gewissen haben. Zugleich war sie die Schwester eines mexikanischen Drogenkartell-Bosses, der den amerikanisch-stämmigen Jesus fortan unter seine Fittiche nimmt. Monate vergehen, ehe sich die Wege von Martin, inzwischen zum Mordkommissar aufgestiegen, sowie Jesus, der mit seiner neuen Frau Yaritza (Cristina Rodlo) als Kartell-Stellvertreter für seine Mutter nach Los Angeles zurückkehrt, wieder begegnen werden.

Über weite Strecken spielen sich die Geschehnisse um Martin und Jesus parallel und ohne größeren Bezug zueinander ab. Der Polizist hat den Mörder seines Partners auch nicht wirklich auf dem Schirm, vielmehr ist es die eruptive Gewalt in Martin selbst, die diesen immer stärker vereinnahmt. Eingangs noch kaltblütig-nihilistisch wirkend, zeigt sich Martin später während einer Mordermittlung fasziniert von seinem Verdächtigen, Ex-FBI-Agent Viggo (John Hawkes). Der verdingt sich als Auftragsmörder für die Sozialarbeiterin Diana (Jena Malone), die ihn auf freilaufende Pädophile und Sex-Verbrecher loslässt. Für Martin die bestmögliche Gelegenheit, seine gewalttätigen Tendenzen weitestgehend gesellschaftsfreundlich zu dirigieren.

Jesus wiederum offenbart in späteren Episoden eine subtile Vielschichtigkeit, die auf sexuellen Missbrauch und eine unschlüssige Sexualität hindeutet. Er ist ein Kind zweier Welten, wirkt von seiner mexikanischen Familie nicht vollends akzeptiert und spricht nur brüchiges Spanisch. Ähnlich wie in Martin schwillt aber auch in ihm ein aggressiver Orkan, der ihn tiefer in die Fänge seines Kartells zieht. Die meisten Figuren in Too Old to Die Young besitzen in der ein oder anderen Form eine Beziehung zur Gewalt, sei es als Initiator wie in Person von Diana und Damian oder als Exekutive wie im Fall von Martin, Jesus, Yaritza oder Viggo. Eher aus dem Rahmen fällt da die die zarte Romanze, die Martin mit der minderjährigen Janey (Nell Tiger Free) eingeht.

Die 17-Jährige lebt als Tochter eines Filmproduzenten (wunderbar abgedreht: William Baldwin) quasi in ihrer eigenen Welt aus Drogenkonsum zwischen Schulbesuchen. Im Gegensatz zu Martin, Yaritza, Diana oder Viggo ist ihr der Alltag auf den Straßen Amerikas eher fremd, selbst wenn sie einst den Suizid ihrer Mutter beobachten musste. Insofern ist sie eine der wenigen (oder die einzige) unschuldige Figur in Winding Refn und Brubakers harter Welt, die zu keinen Zeitpunkt gewillt ist, für ihre Charaktere Kompromisse einzugehen. Zugleich wird klar, dass entgegen dem Titel der Serie hier niemand zu alt ist, um zu sterben. Denn der Strudel der Gewalt kennt keine Gnade, und vereinnahmt die Figuren ebenso wie uns als Zuschauer.

Für Winding Refn eher ungewöhnlich streut er auch einigen politischen Subtext in seine Geschichte, vorrangig in der skurrilen Darstellung von Martins Dezernat. Dessen leitender Lieutenant stimmt mitunter Lieder auf der Ukulele an oder inszeniert Passionsspiele, die konservative bis teils faschistische Züge tragen. Repräsentativ mag die Polizeieinheit dabei für das aufgeladene Amerika der Trump-Ära stehen, allerdings machen die xenophoben Einstellungen auch vor dem Kartell keinen Halt. Dass das System versagt und Straftäter durch Viggo abseits der juristischen Verfolgung die Quittung erhalten, ist für NWR nicht neu, schließlich propagierten Selbstjustiz bereits die Figuren in Only God Forgives.

Winding Refn bleibt sich von seinem Inszenierungsstil dabei treu. Martin und Jesus stehen klar in der Tradition der Goslingschen Charaktere aus Drive oder Only God Forgives als Männer ohne große Worte, sondern Taten. Rhetorische Mono- oder Dialoge haben Seltenheitswert, stattdessen sagen Blicke in Too Old to Die Young mehr als Sätze. Das alles wird eingetaucht in die für NWR inzwischen typischen Bilder, die den Zuschauer in die – diesmal von Darius Khondji fotografierte – blau-violette Neon-Welt ihres Schöpfers entführen, kongenial begleitet durch den Elektro-Synth-Soundtrack von Cliff Martinez. Im Falle von Winding Refn ist der Vorwurf Style over Substance praktisch obsolet, akkurater wäre bei ihm vielmehr Style as Substance.

Lange Einstellungen, kaum (und meist emotionslose) Dialoge, selten (aber kurz und intensiv) Action – dies macht die Filme des Regisseurs aus. Die Plattform von Amazon erlaubt ihm zugleich, die Fesseln der Film-Konventionen zu lockern und seinen Art of Style (oder Style of Art) exzessiv auszuleben. So wirkt die Serie oft wie eine Arbeitsfassung eines NWR-Films, der auf 2 Stunden Laufzeit getrimmt werden müsste, hier aber durchlaufen darf. Indem die Welt von Winding Refn mehr atmen kann, gewinnt sie neue Facetten, mit Anflügen von David Lynch (z.B. Twin Peaks: The Return oder Mulholland Drive). Too Old to Die Young ist vielleicht kein Meisterwerk, aber durchaus das Werk eines Meisters. Für NWR dürfte dies wohl dasselbe sein.

8/10

22. Oktober 2016

The Neon Demon

Real Lolita shit.

Sie gilt als die Stadt der Engel – dabei sind die unter ihren Einwohnern sicher die Minderheit. In Los Angeles regiert der Glamour und das Entertainment, sei es die Film- und Musikindustrie oder die Modelbranche. Hierher kommen sie seit jeher, die unschuldigen Jungen und Mädchen vom Lande – meist des Mittleren Westens –, um ihren Durchbruch vor der Kamera zu suchen. Kleine Karpfe mitten im Haifischbecken. “I’m not as helpless as I look”, behauptet da zwar das 16-jährige Nachwuchsmodel Jesse (Elle Fanning) in The Neon Demon. Vermag dies jedoch nicht wirklich zu unterfüttern in Nicolas Winding Refns jüngstem Neon-durchtränkten filmischen Fiebertraum, der ihm im Mai dieses Jahres in Cannes (wieder mal) einige Buhrufe bescherte.

“It was pride that changed angels into devils”, hatte Augustinus einst gesagt. Und könnte damit Los Angeles ebenso gut gemeint haben wie die narzisstischen Figuren in The Neon Demon. Sie sehen durch Jesses Ankunft ihre Welt in Gefahr gebracht, denn das junge Mädchen sei “a diamond in a sea of glass”, wie Fashion-Designer Sarno (Alessandro Nivola) bemerkt. “She has that… thing”, realisiert auch Ruby (Jena Malone), die sich sowohl als Make-up-Künstlerin in der Modeszene wie als Einbalsamiererin in einem Leichenschauhaus verdingt. Und sich mit Jesse bei deren erstem Fotoshooting für den jungen aufstrebenden Fotografen Dean (Karl Glusman) anfreundet, ehe sie die 16-Jährige im Anschluss auf eine Party mitnimmt.

Für Ruby ist Jesse keine mittelbare Konkurrenz – für ihre Freundinnen und Models Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) allerdings schon. Zuerst sie noch von oben herab behandelnd, muss Sarah bereits kurz darauf Jesse bei einem Job-Casting den Vorzug lassen. Und selbst Gigi, die sich das Casting ersparte, wird anschließend auf dem Laufsteg von dem jungen Ding aus Georgia in den Schatten gedrängt. Jesse weiß, sie hat “no real talent”. Noch nicht einmal einen Schulabschluss. “But I’m pretty”, und das reicht bereits. Zumindest in einer oberflächlichen Stadt wie Los Angeles. “Women would kill to look like me”, lässt die 16-Jährige später genüsslich von ihrer Zunge rollen. Am fehlenden Engagement mangelt es ihnen jedenfalls nicht.

So führt Gigi bei ihrer ersten Begegnung mit Jesse erstmal auf, was sie alles bereits an sich hat kosmetisch richten lassen. Die Brüste wurden verkleinert, der Kiefer korrigiert, Nase und Wangen sind neu und Fettabsaugungen gab es ebenfalls. Ob das nicht wehgetan habe, will die von Natur aus schöne Jesse mit großen Augen wissen. “Anything worth having hurts a little”, erwidert Gigi. Ihre falsche Schönheit hat sie weit gebracht in L.A. – und geht nun, in Anwesenheit eines Diamanten, doch im Meer aus Glas unter. “If you aren’t born beautiful you’ll never will be”, teilt Sarno in kleiner Runde nach der Modeschau mit. Und ergänzt mit offensichtlichem Seitenhieb auf die anwesende Gigi: “You can always tell when beauty is manufactured.”

Jesse ragt mit ihrem perfekten Aussehen aus dieser Scheinwelt voll von artifiziell produzierter Schönheit heraus. Als ihr Dean, mit dem sie in der Folge eine zarte Romanze beginnt, vorhält, sie wolle wie Gigi, Sarah und Co. sein, korrigiert Jesse ihn: “I don’t want to be them. They want to be me.” Nicht nur wegen ihres Alters und Aussehens ist das Mädchen dabei potentiell leichte Beute in der Stadt der Engel. Ihr schäbiges Motel wird von einem noch schäbigeren Vermieter (Keanu Reeves) geleitet, ihre Agenturchefin (Christina Hendricks) beginnt für das junge Waisenkind aus Georgia rasch ein Lügenkonstrukt um ihr wahres Alter aufzubauen. Ihr Wohl hat dabei keine der anderen Figuren im Interesse, denn die sind alles andere als Engel.

“Man’s enemies are not demons, but human beings like himself”, pflegte schon der chinesische Philosoph Laozi zu sagen. Entsprechend lautet einer von Rubys Ratschlägen an Jesse auch: “It’s good to have good girls around.” Ob es die in der Modewelt jedoch gibt, darf bezweifelt werden. In der seien die Mädchen bereits mit 21 Jahren irrelevant, sinniert gegen Ende ein Model bei einem Shooting von Star-Fotograf Jack (Desmond Harrington). Der hatte zuvor entgegen seiner Gepflogenheiten Newcomerin Jesse abgelichtet. Jack ist ein Vollprofi, der seiner Arbeit mit versteinerter Miene nachgeht. Und Dean einen Schritt voraus ist, da er sich nicht mit seinen Kameraobjekten einlässt. Vielleicht, weil er weiß, was hinter deren Fassade steckt.

[Im folgenden Absatz folgen Spoiler] Regisseur Nicolas Winding Refn greift in seiner Symbolik und dem Skript den späteren Ereignissen dabei voraus. Bei ihrem ersten Treffen wischt Ruby nach Jesses erstem Shooting dieser noch das Kunstblut vom Körper – am Ende von The Neon Demon wird Rubys eigener Körper dann selbst das Blut von Jesse tragen. Auch, da diese ihre sexuellen Avancen abgelehnt hat. Schließlich hatte Ruby das Mädchen zuvor noch gefragt “are you food or are you sex?” als die Mädchen potenzielle Namen für ihre eigene Lippenstift-Marke suchten. “Red Rum” heißt dabei der von Gigi, der ihr in einer Referenz an The Shining einen ersten Geschmack des bevorstehenden Mordes ihrer Konkurrentin auf die Lippen zaubert.

Wie eine träumerische Schein- oder Parallelwelt inszeniert Winding Refn seine Geschichte, von Kamerafrau Natasha Braier mal in pinken und dann wieder in blauen Neontönen gehalten. Als würden Lust und Kälte eine Affäre miteinander eingehen, während Komponist Cliff Martinez einen pochend-pulsierenden Score erzeugt, der klingt, als würde er einem die Intensität und Spannung wie Blut ins Gehirn – oder in diesem Fall: ins Gehör – pumpen. The Neon Demon ist dabei weniger Neo-Noir als subtiler Horror-Thriller – eine weitergedachte oder geographisch versetzte Hölle à la Only God Forgives (obschon dieser von Larry Smith fotografiert wurde). In der Summe erschaffen Bilder, Musik und Handlung einen hypnotisch-höllischen Albtraum.

Das Ganze mag der Feuilleton schnell als Prätention oder Style Over Substance abtun, ist im Fall von Nicolas Winding Refn sicher zutreffend, allerding fraglos auch provozierendes Kalkül. Das Ergebnis ist aufgrund seiner visuellen Umsetzung faszinierender als Drive zuvor, jedoch durch die fehlende Nähe zu den Figuren auch kühler. Immerhin ist The Neon Demon gegenüber Only God Forgives weniger kryptisch und zugänglicher. Das Beste beider Welten, wenn man so sehen mag, obschon sich der Film nach einer immersiven ersten Dreiviertelstunde im Laufe des zweiten Akts kurzzeitig in einer leichten Schwerfälligkeit verliert, ehe er dann glücklicher Weise in seinem wahnwitzigen Schlussakt wieder das Gaspedal durchdrückt.

Zwar keine Offenbarung wird dabei Elle Fanning ihrer Rolle als vermeintliche Unschuld vom Lande durchaus gerecht – und passt von ihrem Alter her wohl besser auf die Figur als es jemand wie Chloë Grace Moretz getan hätte. Eigentlicher Star des Films ist jedoch im Grunde Abbey Lee (Mad Max: Fury Road), deren eingangs zickiges Biest schnell verletzliche Seiten zeigt, ehe ihre Sarah zum Ende hin mehr und mehr kalkulierte Härte an den Tag legt. Jena Malone – hier mit zarten Anleihen von Kristen Stewart – sowie Keanu Reeves, Desmond Harrington und Karl Glusman (Love) überzeugen in ihren jeweiligen Nebenrollen mit teils reduziertem Spiel, während Alessandro Nivola seinen schnauzbärtigen Mode-Designer mit Gusto darbietet.

Der Horror, den die Hauptfigur in The Neon Demon erlebt, ist im Gegensatz zu Darren Aronofskys thematisch artverwandten Black Swan ein realer – auch wenn Nicolas Winding Refn bisweilen ebenfalls Fantasie und Wirklichkeit miteinander kollidieren und zum Ende hin Interpretationsspielraum lässt. “Beauty isn’t everything”, sagt Sarno zwar an einer Stelle. Nur um zu betonen: “It’s the only thing.” Eine Philosophie, derer sich die Frauenfiguren bei NWR bewusst sind. Gerade wegen ihrer Engelsgleichen Schönheit hat Jesse, so macht es der Film deutlich, in der Stadt der Engel nichts verloren. Denn in deren Gassen warten statt Engeln im Schatten des Neonlichts Dämonen. Und die, so schrieb bereits Goethe, „wird man schwerlich los“.

8.5/10

Blu-ray
Der 1080p-HD-Transfer überzeugt durch ein scharfes Bild, das dem farbgewaltigen, digital fotografierten Film durchaus gerecht wird. Begleitet wird es von einer verlustfreie DTS-HD-5.1-Abmischung, die Cliff Martinez’ pulsierenden Soundtrack exzellent zur Geltung bringt und die Dialoge und Detailgeräusche gut verständlich macht. Ein solider, aber nicht herausragender Audiokommentar mit Nicolas Winding Refn und Elle Fanning gehört ebenso zu den Extras wie ein informatives Interview zu Cliff Martinez’ Arbeitsweise. Genauso zwei Gespräche mit Winding Refn über sein Schaffen, in denen er sich mal mehr, mal weniger selbstverliebt gibt. Inhaltlich doppeln sie sich leider und wiederholen auch Themen aus dem Audiokommentar.

5. April 2011

Sucker Punch

If you don’t stand for something, you’ll fall for anything.

Träume sind Schäume, heißt es so schön. Sprich: Traumwelten besitzen nicht den Charakter des Realen. Doch wo wäre da der Jux für hollywood’sche Narrationseskapaden? So kommt es, dass man selbst in einer virtuellen Realität wie der Matrix sterben kann. “Your mind makes it real“, weiß Morpheus, und: “The body cannot live without the mind”. Ähnlich emanzipiert ging im vergangenen Jahr Inception vor, als Cobb erklärt: “Dreams feel real while we’re in them. It’s only when we wake up that we realize something was actually strange”. Dementsprechend verwundert es wenig, wenn uns Carla Gugino in Sucker Punch verrät: “What you are imagining right now, that place can be as real as any pain”.

Mit seinem jüngsten Film versucht Regisseur Zack Snyder den Pfaden von Christopher Nolan und Martin Scorsese zu folgen, die sich im Vorjahr auf unterschiedliche und doch nicht unähnliche Weise in ihren jeweiligen Werken dem menschlichen Verstand näherten. Wie bei seinen Vorgängern ist sein Unterfangen zum Scheitern verurteilt, schon alleine deshalb, da die Freiheit des Geistes in einer massenkompatiblen Kanalisierung wie sie Hollywood anstrebt weder begreifbar noch durchführbar wäre. Worin sich Snyders Film, und darin folgt er mehr Scorseses Beitrag denn Nolans, auszeichnet, ist sein Vorhaben, einen Metafilm zu erschaffen. Einen Unterhaltungsfilm über Unterhaltungsmedien - und ihre Mechanismen.

Das Resultat, Sucker Punch, ist wie von Andrew O’Hehir treffend beschrieben “a ridiculously ambitious and perhaps fatally flawed mashup of ideas”. Snyder versucht viel, was ihn einerseits ehrt, andererseits jedoch in seinem Unterfangen oftmals ein Bein stellt. Denn Sucker Punch kritisiert, was er zugleich ist, beziehungsweise er ist, was er kritisiert. Sicherlich gewollt, nur fällt es dem Film schwer, Kritiker und Kritikobjekt zugleich zu sein. “This is your journey. If you succeed, it will set you free”, sagt Scott Glenns Figur in Snyders Film. Und hätte Snyder mit Sucker Punch reüssiert, könnte der Film auch als Loslösung der hollywood’schen Ketten gelten und ansatzweise das sein, was sein Titel propagiert.

Ein sucker punch, das ist laut dem Oxford Dictionary “an unexpected punch or blow”. Das Unerwartete am Film ist, dass Snyder ironisiert, was ihn und seine Branche auszeichnet beziehungsweise von ihnen erwartet wird. Dass es Sucker Punch hierbei an Schlagkraft fehlt, ist der größte Makel, den man ihm vorwerfen kann. Angel Wars, einer der Alternativtitel, wäre dem Film möglicherweise besser gerecht geworden. “Everyone has an angel”, erinnert uns Abbie Cornish zu Beginn. “Yet they’re not here to fight our battles. But to whisper from our hearts. Reminding that it’s us.” Auf seiner narrativen Ebene eint Snyders fünfter Spielfilm fortan weniger mit dem Sci-Fi-Heist-Movie Inception als mit James Mangolds Identity.

Nach einem inhaltlich überflüssigen Prolog wird eine 20-Jährige (Emily Browning) Mitte der 1950er Jahre von ihrem Stiefvater in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert. Dem  Erbe der verstorbenen Mutter standen ihre zwei Töchter im Weg. Der Versuch, die kleine Schwester zu retten, scheiterte. Mittels Bestechung organisiert der Stiefvater eine Lobotomie, die vom zuständigen Arzt (Jon Hamm) einige Tage später durchgeführt wird. Zur Identitätswahrung flüchtet sich die Patientin als „Baby Doll“ in den eigenen Geist, einem Nachtclub als Traumebene, in der sie mit Hilfe von vier anderen „Patientinnen“ die Freiheit ihres Verstandes anstrebt: “This is your journey. If you succeed, it will set you free.”

Der Ausbruch aus der Anstalt ist nur ein vermeintlicher, ein Imaginärer. Die Lobotomie ist unausweichlich, der eigentliche Film selbst spielt sich im Bruchteil einer Sekunde ab. Baby Doll projiziert sich selbst auf fünf Charaktere, von denen besonders das Schwesterpaar Sweet Pea (Abbie Cornish) und Rocket (Jena Malone) hervortreten, was angesichts der Vorgeschichte naheliegend ist. Für die Bewahrung ihrer Persönlichkeit bedarf es in der ersten Phantasieebene eines zweiten Levels. Während die inhaltliche Gestaltung des Films nun den Konventionen  der Branche zu folgen versucht, dient die äußerliche Präsenz von Sucker Punch Snyders Gegenwartskommentar über Nerds, Geeks und insbesondere Pop-Kultur.

Das Ergebnis präsentiert sich wie die Schablone eines ungemein unterhaltsamen Videogames, wenn sich Baby Doll als vollmundiger Sailor-Moon-Klon mit Schwert und Wumme gegen übermenschliche Samurais, Dampfbetriebene deutsche Soldaten, Orks und Roboter behaupten muss. Snyder “gives us what we want (or what we think we want, or what he thinks we think we want)”, beschreibt O’Hehir richtig. Wenn die Figuren hier Blondie (Vanessa Hudgens) und Sweet Pea heißen, wenn sie knapp bekleidet wie Amber (Jamie Chung) rumrennen, dann hat das nichts mit Baby Dolls Selbstbild oder dem von Snyder zu tun, sondern mit dem des Publikums, das sich nach solchen Darstellungen sehnt und lechzt.

Wenn sich Browning und Co. in knappen Röcken durch die Gegend kämpfen, ist das nur eine Fortführung etwaiger Figuren wie der vollbusigen Lara Croft und wenn die deutschen Soldaten mittels Uhrwerk und Dampf von den Toten zurückgeholt werden, spiegelt dies die Tradition Hollywoods wieder, das die Deutschen als emotionslose Maschinerie zum unsterblichen Bösewicht verklärt. Zeitlupe, MG-Salven, Orks, Drachen, Roboter, ferne, futuristische Welten - ein Potpourri der Pop-Kultur unserer Zeit, von The Matrix über Lord of the Rings und so weiter und so fort. Snyder bedient diese Bilder nicht, weil ihm keine besseren einfallen (das vielleicht auch), sondern weil es Bilder sind, die der Zuschauer sehen will.

Schlecht geklaut, behaupten die einen, wobei es unzureichend umgesetzt sicherlich besser trifft. Im vergangen Jahr avancierte Tim Burtons gerade im Finale bemitleidenswert zusammengeklaubter Alice in Wonderland zum zweiterfolgreichsten Film des Jahres. Hollywoods Ideenarmut und Repetitionswut von marktforscherisch ermittelten Sicherheitsankern der Unterhaltungsmedien werden von Snyder plakativ zur Schau gestellt und seiner eigenen Handlung untergeordnet. “I still want it to be a cool story and not just like a video game where you’re just loose and going nuts”, so Snyders Ziel, mit dem er sich letztlich jedoch zweifelsohne zu viel zugemutet und aufgelastet hat. Ridiculously ambitious and fatally flawed.

Verkauft man dem Publikum cineastische Mangelware in pompösem Gewand inklusive 3D-Verkleidung, scheint der Erfolg vorprogrammiert. Zeigt man dem Publikum, womit es sich eigentlich abspeisen lässt, was es im Grunde für seine acht bis zehn Euro goutiert, dann verhält es sich wie mit der Lebensmittelbranche in Food Inc.: “If you knew, you might not want to eat it“. In seiner Darstellung des hollywood’schen Status Quo ist Sucker Punch als Unterhaltungsfilm (insbesondere der Marke „Snyder“) objektiv gesehen quasi zum Scheitern verurteilt, will er nicht als Husarenstück gelten und damit den neuen Prototyp geben, dem die Studiobosse von Warner, Universal und Fox geflissentlich nacheifern.

Zwar bedient sich Snyder wie gewohnt in seiner Werkzeugkiste, dem cobain’schen Mantra (“here we are now, enterain us“) wird er damit im Vergleich zu seinem Meisterwerk 300 jedoch nur bedingt gerecht. Dazu fehlt es der Musik von Tyler Bates an Martialität und Wumms, was sich durch den Soundtrack erklären lässt, der aufgrund seiner doppeldeutigen Lyrics ausgewählt wurde. Ähnlich wie die Musik vermisst auch der Film oft Tempo, speziell in den Actionszenen, die meist in der Leere stattfinden. Besonders überzeugen können Baby Doll und Co., wenn sie auf engem Raum gegen mehrere Gegner kämpfen, wie zum Teil gegen die Deutschen in den Grabenkämpfen oder speziell im Zugwagon gegen die Roboter.

Das alles macht Sucker Punch nicht zum schlechten Film (er kann fraglos mit einigen seiner Vorbilder mithalten), auch wenn Snyder seine eigentliche Geschichte eher schleppend erzählt, da sie als Ballast seinen Kontemporärkommentar mitschleppt. Als visual happening, wie es 300 war, steht sich der Film daher oft selbst im Weg. Die Ingredienzien für einen guten Film sind oftmals sichtbar, sodass Sucker Punch ein falsch zusammengesetztes Puzzle ist, bei dem man erkennt, was es sein sollte. Dennoch sind die Ambitionen, mit denen Snyder an dieses Projekt heranging, beachtens- und lobenswert. Getreu dem im Film proklamierten Leitspruch: If you don’t stand for something, you’ll fall for anything.

4.5/10

20. Dezember 2009

The Soloist

It’s a gift.

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben. Sagt man immer. Und man würde es nicht sagen, wenn dem nicht so wäre. Wenn eine Geschichte in der Zeitung landet und von der Zeitung in einen Roman und von einem Roman in einen Film mündet, dann wird sie wohl richtig schön sein. Ergreifend. Möglicherweise Material für die Oscars. Wenn der betreffende Film, dessen Start für den Herbst 2008 vorgesehen war, dann jedoch in den Frühsommer 2009 verschoben wird, wirft dies kein sonderlich gutes Licht auf das Projekt. In Deutschland startete The Soloist im Dezember und damit jenseits von Gut und Böse. Dabei schrieb doch alles bei diesem Projekt nach Oscar. Man konnte mit Jamie Foxx einen bereits ausgezeichneten Preisträger gewinnen, komplettiert mit zwei weiteren Nominierten in Form von Robert Downey Jr. und Joe Wright. Und dann basierte die Geschichte des Filmes auch noch auf wahren Begebenheiten. Aber manchmal ist nicht alles Gold was glänzt.

Mit The Soloist nahm sich Wright zum dritten Mal in Folge einer Literaturverfilmung an. Im Gegensatz zu Pride & Prejudice und Atonement jedoch kein period piece und auch keine Keira Knightley. Stattdessen die Adaption von Steve Lopez’ autobiographischem gleichnamigen Buch. Dieses erzählt von Lopez, seiner Zeit Kolumnist der Los Angeles Times, der zufällig auf den obdachlosen Cellisten Nathaniel Anthony Ayers Jr. trifft. Als er von dessen Ausbildung an der renommierten Musikschule Juilliard erfährt, erarbeitet er eine Kolumne, der daraufhin weitere folgen. Aus dem Arbeits- wird ein Freundschaftsverhältnis. Und der obdachlose und an Schizophrenie leidende Ayers fand wieder einen Weg zu einem „normalen“ Leben bzw. den Weg zurück zu seinem Leben als respektierter Musiker. Eine herrliche Geschichte. Geboren fürs Kino. Geboren für Auszeichnungen. Aber was über die Zeitungsschwärze ergreifend ist, muss auf Zelluloid noch lange nicht so sein.

Nun macht Wrights Film nicht alles falsch, aber doch genug, um das Gesamtergebnis zu trüben. Einerseits hat man die - durchaus gelungene - Besetzung der entscheidenden Rollen von Steve Lopez (Robert Downey Jr.) und Nathaniel Ayers (Jamie Foxx). In der deutschen Synchronfassung stellen sich dann bereits Probleme ein, wenn Dietmar Wunder hier zum ersten Mal seit Ally McBeal Downey Jr. wieder seine Stimme leiht. Nun versteht man, warum Charles Rettinghausen ihn nicht sprechen konnte - schließlich ist er auch die Synchronstimme von Jamie Foxx (und macht seinen Job hier wieder exzellent) -, aber scheinbar gab es entweder kein Geld für Tobias Meister oder dieser hatte einfach keine Zeit. Jedenfalls versagt Wunder auf ganzer Linie, was hinsichtlich der Tatsache, dass seine Figur die Hauptrolle und den Erzähler mimt, durchaus ein Ärgernis darstellt. Hinzu kommt, dass Downey Jr. wie immer in seinen Drama-Rollen sehr viel besser aufgeht als sonst, aber im Vergleich mit Foxx einfach den Kürzeren ziehen muss.

„You never go full retard“, hatte Downey Jr. noch in in seiner Oscar-nominierten Rolle als Afro-Amerikaner in Tropic Thunder erklärt. Und auch Foxx geht nicht „full retard“, sondern gibt seinen Nathaniel Anthony Ayers Jr. als Menschen, der auch im scheinbaren Wahnsinn seinen Verstand bewahrt hat. Die Geschichte von Lopez’ und Ayers’ Annäherung wird gut und einfühlsam von Wrigth präsentiert. Aus dem ersten Interesse für die Kolumne wird ein persönliches Interesse. Aus diesem letztlich ein Anflug von Freundschaft, vielmehr jedoch der Wunsch, jemandem etwas Gutes zu tun. Hier hat The Soloist seine starken Momente. Beispielsweise wenn Ayers in einer Straßenunterführung für die Tauben spielt, da diese ihm bei ihrem Aufstieg gen Himmel per Flügelaufschlag Applaus schenken. Konterkariert wird diese Szene nur dadurch, dass die Kameraeinstellung die Bewegtheit von Downey Jr. wie Müdigkeit erscheinen lässt.

Besonders bewegend ist eine Szene geraten, in der eine pensionierte Frau Lopez ihr altes Cello schickt, als sie in dessen Kolumne von Ayers gelesen hat und der Tatsache, dass er aus Mangel an Alternativen auf einer zweiseitigen Violine spielt, ihm ihr ehemaliges Instrument zukommen lassen möchte. Das Fettnäpfchen, in das Wright nun jedoch tritt, ist seine Ambition mehr zu erzählen als nötig gewesen wäre. Da wird einerseits die Geschichte über Ayers zu einer Geschichte über alle Obdachlosen in Los Angeles, andererseits ist dies jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu dem wirklichen Übel des Filmes. Wright versucht sich darin, Ayers auf noch mit einer Hintergrund-Handlung zu versehen, was einen leicht überalteten Foxx dazu zwingt, einen Mann um die Zwanzig zu mimen, der plötzlich - quasi von Null auf Hundert - der Schizophrenie anheim fällt. Die Ausflüge in die kritische Juilliard-Zeit sind hierbei nicht nur unnötig für das Verständnis des Filmes, sondern auch noch störend für den Erzählfluss der restlichen Geschichte.

Es hätte also vollkommen ausgereicht, sich auf einen 100-minütigen Film rund um Ayers und Lopez zu fokussieren, ohne dass man das Szenario noch mit Ayers’ Background und Lopez’ Privatleben - die noch leise köchelnde Liebe zur Ex-Frau (Catherine Keener) und ein Waschbär-Problem im Garten teilen sich die Zeit - hätte auswälzen müssen. Auch mit der Integration der klassischen Stücke, vormerklich Beethoven - hat man sich nicht immer einen Gefallen getan. Diese geraten oftmals zu lang bzw. rufen keinen besonderen Wiedererkennungswert hervor, da der Laie auf Anhieb nicht unbedingt identifizieren kann, ob Ayers die Stücke nun gut oder schlecht interpretiert. Manchmal sagt eine 117-zeilige Kolumne eben doch mehr als es ein 117-minütiger Film auszudrücken vermag. So ist The Soloist ein Werk, das sein Potential weitestgehend nicht auszuschöpfen kann. Weshalb im Nachhinein wohl auch die Entscheidung gerechtfertigt war bzw. ist, dass der Film bei den Oscars außen vor blieb. Es ist nicht alles Gold was glänzt.

7.5/10

6. Februar 2008

Into the Wild

Wind in my hair, I feel part of everywhere.
(Eddie Vedder - “Guaranteed")

Wer kennt sie nicht, die 68er Generation, rund um Rockmusik und Rebellion, Aufstand gegen das Altbewährte und für das Neue. Eines dieser Gesichter in Deutschland war Rudi Duttschke, stehend für eine junge Generation mit Zug zur Freiheit. Ein Film begleitete jahrelang dieses Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit: Easy Rider, unter der Regie von Dennis Hopper 1969 in die amerikanischen Kinos gebracht. Zwei Männer, zwei Motorräder und die weite Leere der amerikanischen Straßen vor sich, dabei von einem Drogenrausch in den nächsten düsend. „Wir sehnen uns nach der absoluten Freiheit, und der Weg dorthin führt immer gen Westen“, schrieb einst Wallace Stegner und spricht damit dem Ur-Instinkt eines jeden Lebewesens aus der Seele.

Freiheit. Was Hopper seiner Zeit gemäß als Drogenrausch und Widersetzung gegen das Establishment inszenierte, ist heute nur noch im Kontext seiner Zeit begreifbar, identifizieren kann man sich damit nicht mehr. Das ändert jedoch nichts am menschlichen Wunsch nach Freiheit, ist in den meisten Ländern wie Deutschland doch eine Gefängnisstrafe die höchste Bestrafung die jemand drohen kann, der gegen die Gesetze seiner Gesellschaft verstößt. Wer sich nicht fügt, der büßt seine Freiheit ein und um diese zu wahren, muss man nach den Regeln spielen. Es ergibt sich von selbst, dass das, was dem Otto-Normalbürger als Freiheit vorkommt, nichts weiteres ist, als ein weiteres, selbstauferlegtes Gefängnis. Dahingestellt ob Gesetze gut oder schlecht sind, gibt jeder Bürger und jede Bürgerin einen Teil seiner beziehungsweise ihrer Freiheit auf innerhalb einer sozialen Gesellschaft.

Sommer 1990: der 22-jährige Christopher McCandless (Emile Hirsch) hat seinen Universitätsabschluss in Politik gemacht und spielt mit dem Gedanken an ein Jurastudium in Harvard. Doch dazu kommt es nicht, denn der junge Mann, der jahrelang mit seiner Schwester unter den elterlichen Streitereien und einem dunklen Familiengeheimnis litt, hat seinen eigenen Plan gefasst. Seine Ersparnisse von $24.000 spendet er wohltätigen Zwecken, alle seine Ausweise und Papiere vernichtet er. Gegenüber seinen Eltern verliert er kein Wort, wohlwissend, dass diese ihn niemals unterstützen würden – zu spießig sind sie. Auch sein Auto verliert Chris bald und an einer Raststätte lässt er sogar seine alte Identität zurück. Fortan nennt er sich Alexander Supertramp und lebt von dem Inhalt seines Rucksacks, schläft in einem Campingzelt.

Sein Ziel ist Alaska, wo er mehrere Monate frei in der Wildnis leben will, fernab von der verrotteten Gesellschaft, in der jeder Mensch sich nur Böse verhält. Auf seiner Reise begegnet Chris immer wieder verschiedenen Personen: wie Wayne (Vince Vaughn), einem vom FBI-gesuchten Farmer, zwei flippigen Dänen oder dem Alt-Hippie-Pärchen und vermutlichen 68ern Jan (Catherine Keener) und Rayne (Brian Dierker). Über Mexiko gelangt Chris nach Kalifornien und schließlich gen Norden, an die Grenze der USA. Zu allen seinen Bekanntschaften wie Wayne, Jan, dem Trailer-Park-Girl Tracy (Kristen Stewart) oder dem verwitweten Ex-Soldaten Ray (Hal Halbrook) entwickelt Chris enge zwischenmenschliche Beziehung, dennoch ist er bestrebt, seiner Reise nach Alaska keinen Einhalt zu gewähren.

Die Geschichte von Christopher McCandless erzählt wahre Begebenheiten. Am 18. August 1992 wurde er tot in einem alten Bus mitten in der Wildnis gefunden. Vollkommen abgemagert sowie einen leeren Fünf-Kilo-Reissack und ein Jagdgewehr neben sich. Die genaue Todesursache ist bis heute ungeklärt, der Journalist Jon Krakauer, der die Erlebnisse des Twen 1993 in einem Artikel im Outside Magazin und drei Jahre später in dem Roman Into the Wild verarbeitete, sieht eine Vergiftung von Pflanzensamen als Todesursache. Sean Penn sicherte sich die Rechte an Krakauers Roman und verarbeitet den Stoff in seiner vierten Regiearbeit. Bis in die Nebenrollen namhaft besetzt und mit einem Soundtrack von Pearl Jams-Frontmann Eddie Vedder ausgestattet, orientierte sich der Film an Krakauers Roman sowie an Interviews mit den Personen, denen Chris auf seiner Reise begegnete.

Wie alle von Penns Filmen zeichnet sich auch Into the Wild vor allem durch seine Bildstärke aus. Chris’ Reise wird von dem Regisseur mit vielen großartigen Landschaftsaufnahmen porträtiert, die allesamt an den Originalschauplätzen stattgefunden haben. Die ganze Schönheit Alaskas oder der Felder South Dakotas, die Chris selbst wahrgenommen haben dürfte, transferiert Penn nunmehr auf die Leinwand. Unterstützt wird dieses Gefühl bildhafter Freiheit von einem entsprechend gelungenen Soundtrack Vedders. Zudem haben sich Penn und Francine Maisler selbst übertroffen, denn es gelingt dem Schauspielensemble erschreckend authentisch, die Tiefe der zwischenmenschlichen Beziehungen darzustellen – besonders in den Szenen zwischen Hirsch und Halbrook, dessen Oscarnominierung konsequent war.

Bilder, Musik und Darstellung bilden hier eine fast perfekte Symbiose, die kaum Wünsche offen lässt. Ein schöner Moment zeigt wie Chris in Los Angeles eintrifft, sich in einem Obdachlosenheim einquartiert und dann durch die Strassen wandert. Als er jedoch die von der Gesellschaft eingepferchten Menschen sieht, in ihren Anzügen und gegelten Haaren, eilt er zurück und zieht schnell weiter. Denn in der Stadt scheint Freiheit nicht möglich. Um wahrhaft frei zu sein, muss er zu den Wurzeln des Menschen zurückkehren – zurück in die Wildnis. Chris hat afrikanische Gesellschaftspolitik studiert, sich also damit beschäftigt, wie Menschen mit anderen Menschen umgehen (können). Die Schuld schreibt er der Zivilisation zu und daher will er fern von dieser sein. Fern von Ausweisen, Anträgen oder einem Geldsystem.

Wirklich frei lebt Chris dabei jedoch nicht, stets muss er Gelegenheitsjobs übernehmen, um seine Reise zu finanzieren. Interessanterweise kann er sich auch bis zu seinem Tod nicht von seiner Uhr trennen, dem letzten Relikt seines Gefangenendaseins. Vielleicht ist dies auch der letzte Rettungsanker vor der Verwahrlosung, von Geld selbst und Einzäunung hält der junge Uniabsolvent jedoch rein gar nichts. Als er einen Fluss mit einem Kajak hinunterfahren will, reagiert er mit Unglauben als der Park-Ranger nicht nur $2.000 dafür verlangt, sondern ihn auch noch auf eine 12-jährige Warteliste setzt – all das, um einen Fluss hinunterzufahren, der an sich niemandem gehört und jedem frei zur Verfügung stehen müsste, sodass Chris dann auch auf eigene Faust ins Kajak steigt und ohne Lizenz gen Mexiko padelt.

Es spricht für sich, dass Chris während seiner zweijährigen Reise nur freundliche Menschen trifft. So gesehen hat Chris seinen Wunsch von Freiheit ausgelebt, wohl in der heutzutage reinstmöglichen Form – denn als er in Alaska auf sich selbst gestellt ist, versagt er an seinen Fehlern. Die schlimmste Tragödie seines Lebens wird das Schießen eines Elches sein, den er nicht vor den Fliegen retten kann und dessen Tod somit vergeudet wurde. Auch dies eine sehr starke Szene. Penn interpretiert Krakauers Gedanken zu Chris’ Tod nochmals eindringlicher und lässt diesen schließlich aus einem Leichtsinnsfehler des jungen Mannes resultieren. Gegen Ende ist der einst gesunde junge Mann nur noch ein Skelett und Schatten seiner selbst. In der Einsamkeit der Wälder Alaskas seine letzte Erkenntnis findend.

Penn gelingt es, diese Wanderung einer verstörten Seele mit brillanten Bildern einzufangen, verschiedene atemberaubende landschaftliche Großaufnahmen unterstützen dieses in gewissem Sinne spirituelle Road-Movie, ohne in Kitsch abzugleiten. Dabei werden die gut zweieinhalb Stunden spielend überbrückt und im Gegensatz zu Easy Rider wird kein Freiheitsbild einer Generation gezeigt, eher ein allgemein-verständlicher Ansatz eines durch und durch menschlichen Gefühles dargestellt. Als Pünktchen auf dem I gelingt es Sean Penn dann schließlich noch, seinem Film diesen gewissen Hauch von Magie beizusteuern. Into the Wild ist ein ganz besonderer Film über einen ganz besonderen Menschen und eine ganz besondere Tat.

9/10