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12. Juli 2015

Ant-Man

Like... a whistling. You know what I’m sayin’? To, like, blend in.

Sie haben es, bei aller Kritik an ihnen, nicht unbedingt leicht, die Joss Whedons, Alan Taylors und Co. Jene Regisseure, die ein Auge darauf haben müssen, dass Marvels Avengers-Universum im Kino sowohl aufeinander aufbaut und ineinander überleitet als auch so konstruiert zu sein, dass das Ergebnis an den Kinokassen Reibach macht. Etwas müde belächelt waren da die Pläne des Studios, nun in der so genannten Phase 2 auch noch etwas obskurere Franchises wie Guardians of the Galaxy und Ant-Man auf die Leinwand zu bringen. Dabei beweisen beide Filme, dass es auch anders geht – wenn nicht sogar besser. Gerade indem sie, über weite Strecken, einfach sie selbst sein können, anstatt nur Teil einer Abfertigungsreihe zu sein.

Wo im einen Abenteuer Waschbären und Baumwesen das Weltall retten müssen und damit zum dritterfolgreichsten Film des Jahres wurden, geht es in Ant-Man nun um einen Helden, der per Anzug auf Ameisengröße geschrumpft wird. Weitaus mehr Wirbel als um den Film an sich gab es dabei im Vorfeld um den Rücktritt von Edgar Wright vom Regieposten, nachdem er und Marvel sich wohl nicht auf Augenhöhe befanden. Stattdessen wurde Peyton Reed geholt, was wenig Gutes für Ant-Man versprach. Daher ist es umso überraschender, dass das Endresultat nicht nur ordentlich ausgefallen ist, sondern sogar zu Marvels besseren Filmen gehört. So endet deren Phase 2 nach dem grottigen Avengers: Age of Ultron doch auf einer positiven Note.

Inhaltlich geht es um die versuchte Wiederherstellung des Pym Partikels, mit dem Dr. Hank Pym (Michael Douglas) einst die Distanz zwischen Atomen beeinflusste – und so zum Ant-Man werden konnte, ehe er seinen Schrumpfanzug zu den Akten legte. Nun versucht sein ehemaliger Protegé Darren Cross (Corey Stoll) dasselbe, um entsprechende Anzüge ans Militär zu verkaufen. Was Pym und seine Tochter Hope (Evangeline Lilly) verhindern wollen. Hierfür ersucht der Wissenschaftler die Hilfe des Ex-Häftlings und Einbrechers Scott Lang (Paul Rudd). Der wiederum hat aber ganz andere Probleme, wird ihm doch der Kontakt zu seiner Tochter von deren Mutter (Judy Greer) und ihrem Polizei-Verlobten (Bobby Cannavale) untersagt.

Nunmehr soll Scott den Ant-Man-Anzug überstreifen und den Prototypen von Cross’ eigenem Anzug sowie dessen wissenschaftliche Daten zerstören, nachdem er dessen Firma infiltriert hat. Grundsätzlich erzählt Ant-Man somit eine Heist-Story, die sich weitaus näher am Genre orientiert als Guardians of the Galaxy, in dem ebenfalls verschiedene solche Elemente vorkamen. Zwei Drittel des Films beschränken sich dabei bloß auf die Vorbereitung zur Durchführung des Einbruchs in jenes Unternehmen, das einst Pym leitete, ehe ihn Cross und Hope aus dem Aufsichtsrat mobbten. Hopes Verhältnis zu ihrem Vater ist durch den Tod ihrer Mutter vorbelastet, der ähnlich wie das Pym Partikel die Distanz zwischen Hank und seinem Nachwuchs beeinflusste.

Ein verbindender Aspekt zwischen Scott und Pym – beides Väter, die das Beste für ihre Töchter im Blick haben. Und die ein vorbelastetes Verhältnis zu diesen unterhalten. Insofern sieht Pym in Scott nicht nur seinen Nachfolger als Ant-Man, sondern kann ihm zugleich die Chance auf Wiedergutmachung als Vater bieten, die ihm bei seiner Tochter lange verwehrt blieb. “To earn that look in your daughter’s eyes, to become the hero that she already thinks you are”, wie Pym den Ex-Häftling an einer Stelle überzeugt. Im Kern von Ant-Man findet sich folglich eine durchaus persönliche Geschichte von zwei nicht unähnlichen Männern, die ihre Fehler aus der Vergangenheit mit kathartischen Aktionen in der Gegenwart zu korrigieren gedenken.

Dabei ist die Gefahr, die von Widersacher Cross ausgeht, im großen Ganzen natürlich global. Weshalb Scotts erster Vorschlag auch lautet, man solle doch die Avengers alarmieren. Doch auch im Falle von Cross gibt es eine persönliche Komponente, sah Pym doch in diesem einst so etwas wie einen Ziehsohn, ehe die Beziehung zwischen beiden – ähnlich der zwischen Pym und Hope – Schaden nahm. Ein Hauch von Tony Stark und Ultron, wenn man so will. Ansonsten ist Cross jedoch ein relativ typischer Marvel-Bösewicht, motiviert von Macht, Geld und der Idee, sich die Erfindung des Gegenspielers zum eigenen Nutzen zu machen. Auch dies kennt der Zuschauer bereits von Tony Stark und dessen Gegnern aus Iron Man sowie Iron Man 2.

Generell darf man auch Ant-Man vorwerfen, dass die Skizzierung der Charaktere – selbst bei den Hauptfiguren – trotz zweistündiger Laufzeit rein oberflächlich bleibt. Mit hehren Zielen wollte Scott einst zu einer Art Robin Hood werden – und landete im Gefängnis. Das macht noch keinen Meisterdieb, selbst wenn die Figur, wie in einer Szene zum Ende des ersten Akts zu sehen ist, durchaus das Talent besitzt. Die daraus resultierende Entfremdung zur Mutter seiner Tochter wirkt insofern ebenso überzogen wie Hopes – nicht erklärte – Entscheidung, ihren Vater aus seiner eigenen Firma zu mobben, nur weil er ihr nicht die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter sagt. Und auch Pyms spätere Erläuterung dieser Umstände wirkt reichlich halbgar.

Das Drehbuch von Edgar Wright und Joe Cornish, mit Ergänzungen von Paul Rudd selbst sowie Adam McKay, beschränkt sich darauf, uns nur so viel über die Figuren zu erzählen, wie für den Verlauf der Geschichte notwendig ist. Bösewicht will Böses, Helden müssen sich vereinen und in Aktion treten. Was etwas schade ist, da der Film im Gegensatz zu anderen Marvel-Filmen doch weitaus entschleunigter daherkommt. Und sich generell in seinen besten Momenten weniger wie ein Werk vom Fließband anfühlt als schlicht wie ein gelungener Action-Spaß. Dies hängt, ähnlich wie in Guardians of the Galaxy, damit zusammen, dass die Figuren – mit Ausnahme von Hope – trotz der existierenden Gefahr dem Geschehen mit humorvoller Lockerheit begegnen.

Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Handlung durch drei weitere Schmalspurganoven ergänzt wird, von denen aber eigentlich nur Scotts ehemaliger Zellenmitbewohner Luis (Michael Peña) erwähnenswert ist. Zu dritt sind sie als Sidekicks zwar zuviel des Guten und nicht zwingend notwendig, Peyton Reed setzt den Fokus aber bewusst meist auf Peñas etwas verpeilten Luis. Der verkommt in der Folge beinahe zum heimlichen Highlight des Films, gerade dann, wenn er als Voice-over-Erzähler für Expositionen dient und sich dabei in unwichtigen Details verliert. Dass Luis allerdings ebenso wenig wie Hope zu unterschätzen ist, dürfen beide Figuren in verschiedenen Action-Situationen eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Überraschender ist dagegen schon, dass Paul Rudds bereits in den Trailer vorweggenommenen Einzeiler im Film selbst wenig bis gar nicht zünden wollen. Was am Charme der Figur und der Sympathie für diese wenig ändert, genauso wie am Humor des Films. Gerade im Schlussakt wartet Ant-Man mit ein paar wirklich gelungenen visuellen Gags auf, wie auch die finale Auseinandersetzung zwischen Cross und Scott – selbst wenn sie in ihrer Minigröße nicht immer übersichtlich gerät – mal etwas anderes aus dem sonstigen Marvel-Einheitsbrei ist. Ohnehin wirken die Action-Set-Pieces hier originärer, was auch an dem verkleinerten Umfeld und der Einbindung der verschiedenen Ameisen als Helfershelfer für Scott und Co. liegen dürfte.

Die Spezialeffekte selbst wissen zu gefallen, auch wenn sie keinen Wow-Faktor mit sich bringen. Ant-Man gehört dabei zu Marvels eher günstigeren Filmen, mit einem geringeren Budget als selbst Iron Man vor sieben Jahren. Grundsätzlich hat man schon schlechtere VFX zu selben (wenn nicht höheren) Summen gesehen. Zumindest wirkt das Gezeigte glaubwürdiger als die CGI-Dinosaurier in Jurassic World, mit dem sich Ant-Man auch den neuen Hollywood-Trend zu teilen scheint, Judy Greer als Sideline Movie Mum zu besetzen. Greer bekommt dabei weniger zu tun als ihr Film-Verlobter Bobby Cannavale oder sogar dessen von Wood “Avon Barksdale” Harris gespielter Polizei-Partner. Hier wäre – wie so oft – weniger mal wieder mehr gewesen.

Ansonsten ist Ant-Man jedoch ein kurzweiliger Action-Spaß mit netten Figuren geworden, dem es zugute kommt, dass er keine Figur an die Avengers heran- oder weiterführen muss. Selbst wenn es im Mittelteil eine Action-Szene mit Anthony Mackies Falcon gibt, die dazu dient, Paul Rudd später in das Charakter-Event Captain America: Civil War einzubinden. Wenn alle humorig angehauchten Marvel-Filme über ihre schrulligen Randfiguren so erträglich ausfallen wie Ant-Man oder Guardians of the Galaxy, dann bitte mehr davon. Und dafür weniger semi-ernste Avengers-Sülze, die lediglich auf ausufernde Actionszenen aus ist. Oder einfach Michael Peña ab sofort in jedem Marvel-Film die Ereignisse mit eigener Stimme nacherzählen lassen.

6.5/10

13. Juni 2015

Jurassic World

Spare no expenses.

In seinem sehenswerten Debütfilm Safety Not Guaranteed lässt Regisseur Colin Trevorrow eine Annonce seine Handlung in Gang bringen. “Wanted: Someone to go back in time with me. This is not a joke”, beginnt sie. Und endet mit dem Hinweis: “SAFETY NOT GUARANTEED.” So ähnlich könnten auch Stellenausschreibungen für Colin Trevorrows Folgefilm Jurassic World aussehen, der dritten Fortsetzung von Steven Spielbergs Jurassic Park. Da passt es, dass in einer Szene des Films der Ex-Navy-SEAL und Velociraptor-Trainer Owen (Chris Pratt) einen seiner Mitarbeiter darauf hinweist, wieso es wohl eine offene Position zu besetzen gab. Denn ähnlich wie schon vor 22 Jahren gilt für den Dinosaurier-Park erneut: Sicherheit wird nicht garantiert.

Die jüngste Fortsetzung negiert dabei die Ereignisse aus The Lost World und Jurassic Park III, präsentiert dem Zuschauer vielmehr einen inzwischen und scheinbar seit Jahren voll funktionsfähigen Themenpark als Luxusressort. Jurassic World ist nun im Besitz von Simon Masrani (Irrfan Khan), einem liebenswürdig schrulligen Milliardär, dessen erste Frage an seine Park-Managerin Claire (Bryce Dallas Howard) lautet, ob die Besucher und die Tiere glücklich seien. Und beides, so hat es den Anschein, ist wohl der Fall. Völlig begeistert ist auch Claires Neffe Gray (Ty Simpkins), der mit seinem älteren Bruder Zach (Nick Robinson) von ihren Eltern, die sich daheim um ihre Scheidung kümmern wollen, zu Claire nach Isla Nublar abgeschoben wird.

Obschon Jurassic World Gewinne abwirft, arbeiten Claire und Co. an einer neuen Attraktion, um das Besucherinteresse anzufeuern. Dinosaurier, so die Botschaft, sind zu gewöhnlichen Zoo-Tieren verkommen und begeistern von alleine kaum noch. Was durch eine in den Film-Kritiken vielzitierte Szene, in der Zach bei der T-Rex-Fütterung dieser desinteressiert den Rücken zuwendet und telefoniert, untermauert werden soll. Nur zeigt sich bei den übrigen Park-Besuchern keinerlei Abnutzungserscheinung. Gerade Grays Generation wirkt hellauf begeistert, von Infografiken über Dino-Streichelzoos und Baby-Triceratops-Reiten. Selbst Zach verfällt dabei im Laufe seines Besuchs der von John Hammond erhofften Magie des prähistorischen Parks.

Trotz alledem soll eine neue Dino-Attraktion her, ein noch nie da gewesener Saurier, genetisch aus verschiedenen Spezies von Dr. Henry Wu (BD Wong) erschaffen. Indominus Rex heißt das neue Untier, dessen Gehege auf Wunsch von Masrani durch Owen inspiziert werden soll. Der zeigt sich skeptisch ob der Ideen von Claire und wie sich zeigt auch zurecht. Kurz darauf bricht die neue Attraktion aus ihrem Käfig aus und terrorisiert den Park. Die Zuschauer werden ins Inselzentrum zurückgezogen und eine Sondereinheit ausgesandt, den Indominus Rex einzufangen. Weil aber Zach und Gray auf Abwegen selbst im Park unterwegs sind, machen sich Claire und Owen auf, die beiden Jungen zu erreichen ehe der neue Dinosaurier ihnen dabei zuvorkommt.

Soweit, so Jurassic Park. Das Original dient Trevorrow ziemlich offensichtlich als Vorlage für seinen eigenen Entwurf, obschon sich Jurassic World leider auch zur Genüge bei Jurassic Park III bedient. Was dort der Spinosaurus ist hier der Indominus Rex – eine wilde und nicht zu bändigende Bestie, die für herunterhängende Kiefer sorgen soll. Gruseliger und mehr Zähne soll die neue Attraktion haben, so die Vorgabe. Wieso, wird jedoch nicht erklärt. Wer schon mal in einem Zoo war, wird sehen, dass Elefanten, Affen und Seehunde nicht weniger Interesse erwecken als Eisbären und Löwen. Wenn Owens Kollege Barry (Omar Sy) dann später sagt, “these people, they never learn”, ist das zugleich auch die Maßgabe für Trevorrows gesamten Film.

Der Regisseur inszeniert seinen Film in gewisser Weise als Kommentar auf sich selbst, als überkandideltes Werk, das ähnlich wie der Indominus Rex größer und spektakulärer sein muss als das, was vor ihm kam, um mit den Age of Ultrons und Fury Roads mithalten zu können. Das Scheitern von Trevorrows Film liegt darin begründet, dass er selbst zu glauben scheint, dass ein Film wie Jurassic Park heute nicht mehr genauso funktionieren könne wie 1993. Statt eher sporadischem Dino-Einsatz und diesen zugleich stets in Verbindung zwischen Animatronics und VFX stammt hier nun meist alles bis auf die menschlichen Darsteller aus dem Rechner. Was im Falle des Parks als solchen sicher noch funktioniert, bei den Dinos eher weniger.

Großes Aufhebens wurde da um die Raptoren gemacht, die nun wie Löwen von Owen in Zaum gehalten werden können, da er als ihr Alpha-Tier fungiert und wie Jacob in der Twilight-Serie von Geburt an auf sie geprägt hat. Jeder Raptor, so Trevorrow und Co., hätte seine eigene Persönlichkeit und sehe unterschiedlich aus. Wovon der Zuschauer im Film selbst wenig mitbekommt, abgesehen von Beta-Tier Blue. Im Grunde haben die Raptoren – die ohnehin eine kaum erwähnenswerte Rolle spielen – noch weniger Persönlichkeit als der Indominus Rex, der als Reagenzglasprodukt Amok läuft, um seine Grenzen auszutesten. Zumindest dienen die Raptoren als Aufhänger eines Subplots rund um den InGen-Sicherheitschef Hoskins (Vincent D’Onofrio).

Der will die Tiere militarisieren und im Kampf gegen ISIS, Taliban und Co. einsetzen – was wie ein Überbleibsel von John Sayles’ seinerzeitigem Drehbuchentwurf wirkt, als Dinosaurier-Mensch-Hybriden als Soldaten dienen sollten. Sinn und Unsinn des Geschehens in Jurassic World sollte man jedoch besser nicht hinterfragen, von Letzterem gibt es gerade im letzten Drittel des Films schließlich reichlich zu sehen. Dabei gelingt es Trevorrow durchaus, zumindest zu Beginn das Flair des Originals zu evozieren. Der Park als solcher ist ein beeindruckendes Produkt und durchaus jenes, welches John Hammond damals im Kopf gehabt haben mag. Nur die Prämisse des Films will aufgrund ihrer Umsetzung eben nicht so recht überzeugen.

Eine Übersättigung seitens des Publikums ist nicht festzustellen, sogar Zach, der einzige negative Teilnehmer den wir erleben, ist vom Mosasaurus begeistert (“that was awesome”). Das Tier dürfte selbst einer der Vorgänger des Indominus Rex sein, was Claires Behauptung, man brauche alle paar Jahre eine neue Attraktion, ebenfalls Wind aus den Segeln nimmt. Dem Film gelingt es nicht, seinem Indominus Rex eine wirkliche Existenzberechtigung zu schenken, weshalb das Tier in letzter Konsequenz nicht für das Publikum von Jurassic World erschaffen wurde, sondern für das Publikum von Jurassic World. Dabei kriegt der Indominus Rex keine einzige Szene, die ansatzweise mit den T-Rex- und Raptor-Momenten aus dem Original mithalten kann.

Ähnlich verhält es sich mit dem ästhetischen Look des Films, der wohl auch aufgrund seiner übermäßigen Rückgriffe auf die Dinosaurier enorm artifiziell und übersaturiert wirkt. Die digitalen Effekte selbst überzeugen auch nur bedingt und selbst wo Animatronics zum Einsatz kommen, wirken die Szenen mehr dated als selbige des 1993er Originals. Was die Figuren angeht, kriegen diese mehr Luft zum Atmen wie im Vorfeld vielleicht zu erwarten war. Irrfan Khans Besitzer meint es gut, weiß es nur eben nicht besser. Was ihn wiederum mit Claire eint, die eine kalte Karriereperson mimt, die zwischenmenschliche Beziehungen wieder zu schätzen lernen muss. Owen selbst ist ein altkluger Recke mit dem Charme eines 80er-Jahre-Kino-Heroen.

Die Darsteller füllen ihre Figuren entsprechend ihrer Charakterisierung aus, auch der unterforderte Vincent D’Onofrio macht aus seinem Bilderbuch-Arschloch das Beste, während Jake Johnson in einer Nebenrolle als Mix aus Ray Arnold und Dennis Nedry fast schon der heimliche Star des Films ist. Die Zitate zum Original wirken zwar bemüht, sind aber gern gesehen, weil – sicher auch wegen ihres Nostalgie-Faktors – weitaus lebendiger als der Rest. Grundsätzlich hadert Jurassic World mit jenen Vorgaben, die Spielberg der Fortsetzung auferlegte: ein Amok laufender Dinosaurier, Kinderfiguren und gezähmte Raptoren. Vielleicht hätte Colin Trevorrow mit mehr eigenständiger Kreativität einen etwas weniger blutarmen Film wie diesen hinbekommen.

So bleibt am Ende ein reichlich generischer Blockbuster, der selbst innerhalb seines Franchises keine sonderlichen Akzente zu setzen vermag. Erneut geht es nach Costa Rica, auf eine Insel voller Dinosaurier. “Oooh, ahhh, that’s how it always starts”, wusste schon Ian Malcolm in The Lost World. “Then later there’s running and, um, screaming.” Das Problem von Jurassic World ist jenes, das der Film schlicht dasselbe Konzept hochwürgt wie das Original vor zwei Jahrzehnten. Nur dass es mehr Dinosaurier gibt und mehr Leute, die vor ihnen davonrennen. Wirklich etwas Neues zu erschaffen gelingt Colin Trevorrow mit Jurassic World nicht. Weshalb verständlich ist, dass er bereits einem fünften Teil absagte, um stattdessen etwas Originäres zu machen.

5.5/10

6. August 2014

Dawn of the Planet of the Apes

Ape always seeks strongest branch.

Filmtitel werfen bisweilen so manche Frage auf. Zum Beispiel die von Christopher Nolans Batman-Trilogie oder warum Dawn of the Planet of the Apes auf Rise of the Planet of the Apes folgt. Da macht es der deutsche Verleih mit dem Wortspiel von „Prevolution“ und „Revolution“ auch nur bedingt besser. Wie dem auch sei, so ähnlich die Bedeutung der Titel für das neue Apes-Franchise auch sind, so ähnlich ist sich ihr Thema. Der jüngste Teil der Reihe bietet wahrlich so wenig Neues, dass er statt als Sequel getrost als Remake laufen könnte. Immerhin die Verantwortlichen sind frisch, wurde doch vom Regisseur über den Komponisten bis zum Kameramann und den Cuttern das Personal ausgetauscht. Gegenüber dem Vorgänger hat Dawn of the Planet of the Apes dennoch das Nachsehen. 

Auch vor der Kamera gibt es frische Gesichter. Grinsebacke James Franco wird ersetzt durch den hierzulande weithin unbekannten Jason Clarke. Der gibt Malcolm, einen Überlebenden jener Affengrippe, die am Ende von Rise of the Planet of the Apes fast die gesamte Menschheit ausgerottet hat. Mit anderen Menschen rund um Ex-Militär Dreyfus (Gary Oldman) hat sich Malcolm in den Überresten von San Francisco eingerichtet. Allerdings bedarf es Strom zum Überleben und den soll ein im Wald gelegener Damm besorgen. Blöd nur, dass sich in dessen Umgebung der intelligente Affenclan rund um Caesar (Andy Serkis) eingenistet hat. Mensch und Menschenaffe geraten in Konflikt miteinander und während Malcolm und Caesar um einen friedlichen Dialog bemüht sind, haben andere Parteien in beiden Lagern ihre ganz eigenen Interessen. 

So weit, so neu. Regisseur Matt Reeves (Cloverfield) inszeniert das Misstrauen zwischen beiden Rassen dabei gerade in seinem zweiten Akt relativ gekonnt. Wenn Malcolm mit Sohnemann (Kodi Smit-McPhee) und neuer Flamme (Keri Russell) „unter Affen“ leben darf, grenzt das Ganze zwar nicht an Culture Clash, doch es bahnen sich zwischenaffliche" Beziehungen an. Jugendliteratur verbindet eben Mensch und Affe und wenn man die Gattin des gegnerischen Führers heilt, bringt dies auch Bonuspunkte. Natürlich weiß jeder außer die direkt Beteiligten, dass dieser harmonische Friede nur von kurzer Dauer ist, da Caesars misstrauische rechte Hand Koba (Toby Kebbell) mitbekommt, wie Dreyfus und Co. Waffen zu horten beginnen. Hier zelebriert Reeves eine Spiegelung, wenn sowohl Clarke als auch Caesar in ihren eigenen Reihen mit Charakteren zu tun haben, die das Miteinander zwischen Mensch und Affe unterminieren. 

Die über allem stehende Botschaft ist: so verschieden sind wir gar nicht. Wie Caesar feststellt, schließt das auch die negativen Züge mit ein. Das Mantra „Affe nicht tötet Affe“ muss dann ab einem bestimmten Zeitpunkt das Zeitliche segnen – und mit ihm auch die ruhigen Momente. Der gibt sich im Finale schließlich ganz seinem Action-Wahnsinn hin, wenn auf Pferden reitende Schimpansen im Akimbo-Stil ihre MG-Magazine leeren. Und so zieht und zieht sich der Schlussakt, bis man als Zuschauer gar nicht mehr weiß, warum die Affen jetzt eigentlich alle den 55. Stock einer Baustelle vereinnahmen und die Menschen sinnlos irgendwo C4 anbringen. All des Krawalls und Remmidemmis hätte es eigentlich nicht bedurft, aber Blockbuster scheinen heutzutage nicht mehr ohne pompöses Finale auszukommen. Dagegen war die Klimax des 1968er Originals fast schon kammerspielartig ruhig. 

Wirklich tiefgründig ist Dawn of the Planet of the Apes dabei nicht. Malcolms Offenheit könnte auch als Zugeständnis an die Situation gesehen werden, die von Caesar wiederum durch seine ehemalige Obhut in einem menschlichen Zuhause. Ungeachtet dessen funktioniert ihre Annäherung dennoch am besten, in einem schlichtweg viel zu lang geratenen Film. Ob es da der Eröffnungsszene auf Videospielgrafik-Niveau  bedurft hätte, sei dahingestellt. Grundsätzlich sehen die Affen im zweiten Teil (dessen Budget fast verdoppelt wurde) etwas besser aus als vor drei Jahren der Fall – es bleiben jedoch Pixel-Affen. Wer mag, kann Andy Serkis für sein Mo-Captioning loben, prinzipiell läuft sein Schimpanse aber auch nur weitestgehend mit ein und derselben Schnute durch die Gegend. Für einen Film, der sich primär durch seine Effekte auszeichnen will, ist das in Ordnung, aber nicht sonderlich bahnbrechend. 

Gegenüber dem ersten Teil baut die Fortsetzung somit leicht ab, wer jedoch bereits am Vorgänger Gefallen fand und wen die Vorstellung von MG-schwingenden Schimpansen in Ekstase versetzt, ist hier sicherlich an der richtigen Adresse. Dawn of the Planet of the Apes bietet Action und Drama - allerdings getrennt voneinander. Nur: Von der im Titel proklamierten Revolution zeigt sich im Film nicht viel (weshalb der Titel besser auf den Vorgänger gepasst hätte). Sei's drum, die Titel der Apes-Filme machten ja noch nie wirklich Sinn. Schließlich ist die Erde so wie so ein „Planet der Affen“ – selbst wenn sich der Mensch nicht gerne an seine biologische Familie erinnert.

6/10

22. Januar 2012

The Descendants

Paradise can go fuck itself.

Es ist mir bis heute unerklärlich, wie ein Mann, der so exquisite Drehbücher zu Election und Sideways – Letzteres sogar Oscarprämiert – geschrieben hat, zugleich für die grausigen Jurassic Park III und I Now Pronounce You Chuck and Larry verantwortlich sein kann. Zwar soll das Skript von Alexander Payne und Jim Taylor nur noch wenig mit dem fertigen Sandler-Film zu tun gehabt haben (“They Sandlerised it“, verriet Payne im Januar dem britischen The Telegraph), dennoch ragen jene Einträge in seiner Filmografie wie Fälle von betrunkenem Fahren aus einer sonst tadellosen Akte heraus. Zurück in die Spur fand der Regisseur nun mit The Descendants, einem der Favoriten des diesjährigen Oscarrennens.

Darin muss der hawaiianische Anwalt Matt King (George Clooney) entscheiden, ob ein alter Familienbesitz veräußert wird. Die Verwandten, allesamt Nachkommen einer einheimischen Prinzessin, drängen zum Verkauf, den die Ureinwohner kritisch beäugen. Währendessen liegt Matts Frau nach einem Bootunfall auch noch in einem Koma, aus dem sie nicht mehr erwachen wird. Und als wäre das noch nicht genug, gesteht ihm seine älteste Tochter Alexandra (Shailene Woodley), dass ihre Mutter eine Affäre mit einem Immobilienmakler hatte. Mit seinen Töchtern Scottie (Amara Miller) und Alexandra sowie deren Freund Sid (Nick Krause) im Gepäck macht sich Matt auf, seinen Nebenbuhler zu konfrontieren.

Wie in Paynes letzten Filmen (Sideways, About Schmidt, Election) dreht sich in The Descendants alles um das turbulente Leben eines überforderten Mannes. In diesem Fall ist es Matt King, der scheinbar für seinen Beruf gelebt hat und darüber seine Familie vernachlässigte. Mit der Aussicht, nun alleinerziehender Vater zu sein, hadert er ebenso, wie mit der Entscheidung, an wen er das seit jeher im Familienbesitz befindliche Stück Land verkaufen soll. Oder ob er überhaupt verkaufen soll. Entsprechend dem Filmtitel spielt Matts Nachkommenschaft die zentrale Rolle. Sowohl die, aus der er stammt, als auch die, für die er verantwortlich ist. Im Kern ist The Descendants somit ein Film über die Bedeutung der Familie.

Wenn Matt mit seinen Töchtern auf einen Road beziehungsweise Island Trip geht, bildet die Konfrontation mit Brian Speer (Matthew Lillard), dem Liebhaber seiner Frau, nur die Prämisse für eine individuelle und familiäre Selbstfindung. Für Matt gilt es, seine Rolle als Vater und Familienoberhaupt anzunehmen, insbesondere für Alexandra wiederum, ihren Frieden mit ihrer Mutter zu machen. Was Payne dem Publikum zu Beginn als (typisch) dysfunktionale Familie präsentiert (Alexandra wurde nach einem Streit mit der Mutter in ein Internat platziert, Scottie betreibt Mobbing an Klassenkameraden), entwickelt sich dann allerdings reichlich hastig und dabei erstaunlich problemlos zu einer harmonischen (Familien-)Einheit.

Mit Beginn des zweiten Akts sind die Konflikte dann vergessen. Die als Problemkind eingeführte Alexandra übernimmt wie selbstverständlich die weibliche Rolle an der Seite ihres Vaters, während Scottie fortan nur noch eine untergeordnete Funktion erfüllt. Dass Payne so bereitwillig das Dramatisierungspotential dieser zuvor zerrütteten Familie ausspart, ist jedoch etwas bedauerlich. Zu geschmeidig entwickelt sich der Plot, in dem Sid den Part des Surfer Dude übernimmt, der mit seinem Sprachduktus und Gehabe für den comic relief der Tragikomödie zuständig ist. Irrelevant erscheinen die vorherigen Differenzen zwischen Vater und Töchtern, sowie zwischen Matt und seinem vergrämten Schwiegervater (Robert Forster).

Bisweilen erinnern die Kings in ihrer harmonischen Wiedervereinigung an andere dysfunktionale Filmfamilien wie die Hoovers aus Little Miss Sunshine. Auftretende Probleme werden nach einmaliger Ansprache vergessen und der Selbstlösung überlassen. Die Suche und Konfrontation mit dem vermeintlichen Familienzerstörer Lillard avanciert so zur kingschen Gruppendynamik, die nicht nur den baldigen Tod der gänzlich von der Handlung losgelösten Mutter überschattet, sondern auch generell die Differenzen der Figuren mit sich und ihrer Umwelt. Derart simpel und profan löst Payne sein eingeführtes Drama, dass man als Zuschauer weniger emotional in den Film investiert, als ihn distanziert beobachtet.

Gelungen fallen die schauspielerischen Leistungen aus. Insbesondere die Jungdarstellerinnen Woodley und Miller überzeugen, genauso wie die – allerdings auch nur bedingt geforderte – Nebendarstellerriege um Forster, Lillard, Judy Greer und Beau Bridges. Geschultert wird der Film von einem weithin im Feuilleton gelobten Clooney, der hier durchaus überzeugend gegen das “Yes I Can“-Profil seiner übrigen Filmografie anspielt und als so geforderter wie überforderter Vater authentisch-sympathisch reüssiert. Subtil in den Vordergrund „spielen“ sich zudem die Inseln Hawaiis, die selten in Hollywood (man denke an Forgetting Sarah Marshall) prominenter zum Einsatz kamen und hier mit ihrer natürlichen Schönheit auftrumpfen.

Zwar ist Payne kein Film mit sonderlich viel Tiefgang gelungen, der damit weit entfernt von seinen kommentierenden Frühwerken ist, und auch mit seinen analytischen Vorgängern vermag The Descendants nicht wirklich mitzuhalten. Dafür ist Paynes Jüngster zu vorhersehbar und macht sich seine Sache zu leicht. Grundsolide und weitestgehend überzeugend gerät der Oscarfavorit dann doch, was sich neben Hawaii als Schauplatz (inklusive einheimischer Musik als auditive Ergänzung) dem durchweg gefälligen Ensemble verdankt. An seine starken Vorgänger kann Payne folglich nicht anknüpfen, aber zumindest ist The Descendants alles andere als ein Film, dessen Platz in seiner Filmografie sich nicht erklären lässt.

7/10