Posts mit dem Label Paul Rudd werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Paul Rudd werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2. März 2018

Mute

Did you spit in this?

Fast 30 Jahre hat es gedauert, ehe Martin Scorsese sein Passions-Projekt Silence über Glauben und Zweifel umsetzen konnte. Wirklich gedankt hat es ihm niemand, vielmehr avancierte der Film zu Scorseses größtem Flop in diesem Jahrhundert. Shutter Island blieb bei wichtigen Award-Shows wie den Oscars zwar ebenso außen vor, spielte aber in den USA locker das 18-Fache von Silence ein. Herzblut tut selten gut – das mag sich inzwischen auch Duncan Jones denken. Zwar keine knapp drei Jahrzehnte, aber doch seit fast zehn Jahren, arbeitete der Brite an der Adaption seines Wunschfilms Mute. Lange vergeblich, ehe es zuletzt dann schließlich doch klappte, wenn auch nur für den Streaming-Dienst Netflix. Auch ihm dankt(e) es niemand.

Die Schuld liegt in diesem Fall anders als bei Martin Scorsese wohl zuvorderst am Regisseur selbst. Plan- und leblos wirkt die Geschichte von Mute – genauso wie die Welt, in der sie sich bewegt. Im Berlin der Zukunft spielt sie, nur spielt das wiederum keine wirkliche Rolle. Hier geht dem stummen Barmann Leo (Alexander Skarsgård) seine Freundin und Arbeitskollegin Naadirah (Seyneb Saleh) eines Tages flöten. Als Amish American aufgezogen begibt sich Leo mehr schlecht als recht mittels technologischer Hilfsmittel auf die Suche nach ihr, während der im Berliner Exil lebende US-Militärchirurg Cactus Bill (Paul Rudd) bestrebt ist, sich und seine Tochter mit falschen Dokumenten zurück in die USA zu schleusen.

„Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau. Du kannst so schön schrecklich sein, deine Nächte fressen mich auf“, sang Peter Fox in seinem Song „Schwarz zu blau“, der im Grunde auch von Mute handeln könnte. Nur dass der Film, abgesehen von etwaig auftretender deutscher Sprache, keinerlei Bezug zu unsere Hauptstadt hat. Ob das jetzt Berlin ist oder vielleicht doch Straßburg bzw. Prag lässt sich nicht sagen. Eben auch, weil Duncan Jones sein Blade Runner-Template über das Setting legt und dieses in die Zukunft verfrachtet. Im Jahr 2525 könnte vermutlich auch Wanne-Eickel so steril im Neonlicht vor sich hin siechen (oder tut es womöglich – ohne der Stadt zu nahe treten zu wollen – sogar schon heute).

Ursprünglich war Mute auch als britischer Gangster-Film angedacht, ehe Jones das Ganze dann nach Japan verlagerte. Damals sollte Ken Watanabe den stummen Mann mit dem Shaker in der Hand mimen. Bevor der überraschende Erfolg für Jones’ Debütwerk Moon bei diesem ein Umdenken initiierte. Woraufhin der Regisseur veranlasste, die Story in die Zukunft zu verlegen, sodass sie im selben filmischen Universum wie Moon spielen kann. Dessen Ende erweist Jones auch in einer Szene hier Referenz, die jedoch kaum mehr als ein Easter Egg darstellt, da sich beide Handlungen nie wirklich auf irgendeine Weise auf Augenhöhe begegnen. Genauso gut könnten auch Blade Runner und Alien im selben Universum spielen.

Hier liegt im Prinzip der Hund begraben, der auf den Namen Mute hört. Selbst wo die Suche von Leo nach Naadirah und Cactus Bills Bestreben, zurück in die Heimat zu gelangen, im Ansatz interessant wären, steht sich die Handlung meist selbst im Weg. Sie beginnt mit einer nutzlosen Rückblende zu Leos Kindheit im The Bourne Identity-Stil und jenem Unfall, der ihm die Stimme raubte. Dass die Figur aber stumm ist oder einen Amish-Hintergrund hat – geschweige denn ein stummer Amish ist – besitzt keinerlei Relevanz für die Geschehnisse. Leo könnte auch jüdischen Glaubens oder Moslem sein, taub statt stumm, seine Biografie definiert ihn nicht, sondern ist bestenfalls Beiwerk. Und markiert nicht die einzige offene Frage.

Was verschlug Cactus Bill einst nach Berlin? Wieso kann er nicht in die USA zurück? Sein Problem erinnert an das von Leonardo DiCaprios Dilemma in Inception, nur erhielt man dort zumindest eine Erklärung für das Exil und den Wunsch der Heimkehr. Generell wirkt Mute oft in seinem Versuch, Hommage zu liefern eher wie ein schlechter Abklatsch. Von dem unausgegorenen Blade Runner-Muster, das eher an eine Folge der Sci-Fi-Serie The Expanse erinnert, über Paul Rudds Aufmachung getreu Elliott Gould als Trapper McIntyre in MASH hin zu Naadirahs blauem Haar, das sich an Kate Winslet aus Eternal Sunshine of the Spotless Mind orientiert. Mute ist weniger Original Song, sondern unausgegorenes Mash-up größerer Hits.

Das könnte man ihm noch verzeihen, wenn die Spezialeffekte nicht so billig daherkämen wie aus einer Folge Dr. Who. Bisweilen wirkt es, als hätten Filmstudenten aus eigener Tasche versucht einen Fan-Film zu Blade Runner – dem von Jones selbsterklärten Vorbild für Mute – gedreht. Der generell billige VOD-Look ist dabei keine Hilfe – und kein Einzelfall für jene Filme, die Netflix als angebliche “Originals” vermarktet (obschon der Dienst sie meist einkauft statt selbst produziert). Ob The Cloverfield Paradox, The Ritual oder nun Mute – keiner dieser Filme des Streaming-Services wirkt visuell sonderlich berauschend und von der Farbpalette her allzu cineastisch. Kein Wunder also wurde ihnen allen am Ende eine Kinoauswertung versagt.

Trostlos gerät auch das Spiel der Darsteller. Alexander Skarsgård wirkt überfordert mit seiner Rolle, die primär über Mimik und Gestik funktioniert. Mit großen Augen stolziert sein Leo da durch die Welt, ohne dass diese sonderlich Empathie erwecken. Paul Rudd wiederum ist schlichtweg fehlbesetzt, auch wenn er sich bemüht, das Bestmögliche aus seiner Figur herauszuholen. Ebenfalls eine Hommage an MASH, wenn auch optisch eher an John Lennon erinnernd, generiert Justin Theroux als pädophiler Kollege von Cactus Bill absurderweise fast noch am ehesten Sympathien. Dominic Monaghan ist auch mit von der Partie, ohne dass sein skurriler Kurzauftritt wirklich viel zur Handlung beizutragen hätte (falls dies jemand überrascht).

Man mag sich gut vorstellen, dass Mute als Neo-Noir-Film ohne all den planlosen Charakter-Schnickschnack funktioniert. Mit entsättigten Bildern oder gleich Schwarzweiß. Dazu andere Schauspieler, während wiederum Robert Sheehan in einer tollen Nebenrolle als Transgender-Kellner an Bord bleiben darf. Der atmosphärische Soundtrack von Clint Mansell ist letztlich noch das Gelungenste an Duncan Jones’ jüngstem Werk, das es ihm nach dem finanziell schwachen – aber dennoch sehr gefälligen – Warcraft schwer machen dürfte, Unterstützung für das nächste Passions-Projekt zu erhalten. Vielleicht lauscht er derweil doch lieber den Song-Zeilen von Peter Fox: „Es wird für mich wohl das Beste sein, ich geh nach Haus’ und schlaf mich aus.“

3/10

6. September 2015

This Is the End [Das ist das Ende]

Hermione just stole all of our shit. And Jay suggested that we rape her.

Unverhofft kommt oft, heißt es so schön. Das sollte vermutlich für nichts mehr gelten als für das Ende aller Tage, auch als Armageddon bekannt. Und wie sich zeigt, gibt es wider Erwarten scheinbar keinen schlechteren Ort, um auf die biblische Entrückung zu hoffen, als eine Hollywood-Party zu besuchen. So zumindest lassen es einen Evan Goldberg und Seth Rogen in ihrem Regiedebüt This Is the End glauben, in dem sie ihren eigenen Freundeskreis die Apokalypse erleben lassen. Viel dramatischer als der Weltuntergang vor der eigenen Haustür entwickelt sich die Offenbarung, die sich innen statt draußen abspielt. Es sind die emotionalen Fassaden, die bröckeln, wenn sich eine Handvoll Freunde offen die Meinung sagt.

Beste Freunde seit gemeinsamen Undeclared-Tagen fürchtet Jay Baruchel im Film um seine Freundschaft zu Kollege Seth Rogen, der inzwischen seine Bromance mit Freaks-and-Geeks-Kollege James Franco intensiviert. Seine Clique rund um Jonah Hill versucht zwar alles, um Baruchel in ihre Mitte aufzunehmen, doch so wirklich will der nicht in deren Kreis passen. Craig Robinson und Emma Watson halten ihn sogleich für einen Hipster, der sich zu schade ist, die Toilette zu besuchen, nur weil Michael Cera auf Kokain dort gerade einen flotten Dreier verlebt. Als dann auch noch die Welt untergeht, sieht sich Baruchel eingesperrt mit Rogens Clique in Francos Haus. Dort wartet die Gruppe auf ihre Rettung, immerhin sind sie Hollywood-Stars.

Der Humor von This Is the End, so die Idee, zeugt von übersteigerten Darstellungen der öffentlichen Meinung der Stars. Oder, wie im Falle von Michael Cera, von deren totaler Verkehrung. So gibt Jonah Hill (“from Moneyball”) einen Schleimscheißer, James Franco inszeniert sein Bild als prätentiöser Seth-Rogen-Fan und Danny McBride gibt ein Arschloch vom Dienst, wie er es schon in The Pineapple Express oder Eastbound & Down perfektioniert hat. Das ist zwar ein interessantes und vielversprechendes Konzept, wird allerdings im Film von Goldberg und Rogen nicht konsequent zu Ende gedacht. Auch, weil der Meta-Gedanke im Laufe des zweiten Akts dann letztlich einem konventionellen dramatischen Verlauf geopfert wird.

Mit Beginn der Apokalypse beginnt zugleich das schleichende Ende des sich gegenseitig Aufziehens, in dem allenfalls James Franco eine Ausnahme darstellt. Speziell Craig Robinson verkommt zu einer eindimensionalen Figur, die mehr den Status des Token Black Guy einnimmt, anstatt dass Robinsons Persona als Sprungbrett für Sarkasmus oder Zynismus dient. Der Humor des Films, so scheint es, generiert sich zuvorderst daraus, dass Stars als sie selbst angesprochen werden, statt mit einem Charakternamen. Da taumelt Paul Rudd mit Schampusflasche einer Besucherin in den Schädel und Emma Watson verschwindet zuerst von Francos Party, um dann später kurz zurückzukommen, ohne dass der Film etwas mit ihr anzufangen wüsste.

Wenn ein vollgedröhnter Michael Cera den Hintern vom Rihanna begrabscht und diese ihm eine scheuert, ist das durchaus amüsante physical comedy, verpufft aber im Grunde genauso wie die wenig gehaltvollen Momente mit Stars wie Jason Segel, Kevin Hart oder Aziz Ansari. Es wäre This Is the End vielleicht mehr geholfen gewesen, wenn man Cera mit in die Gruppe eingeschlossen hätte und McBride als Antagonisten ersetzen lassen, statt dass Letzterer einfach eine Widersacher-Rolle aus seinen Filmen in die Realität übernimmt. Auch eine vertiefte weibliche Figur hätte hier nicht geschadet, um den Humor zu (ver-)stärken, beispielsweise mit Aubrey Plaza oder Linda Cardellini, um die Freaks and Geeks-Referenz weiterzutreiben.

Der weitere Filmverlauf beschränkt sich dann auf Goldbergs und Rogens aus Superbad übernommene Faszination mit Penissen, die Dämonen und Satan geschenkt werden, ohne dass sie einen Sinn ergeben, und dem Gedanken, wenn man sich für jemand opfert, wird man entrückt – selbst wenn es eine kalkulierte Selbstopferung ist, im Wissen, aus ihr resultiert die gewünschte Entrückung (Hollywoods Idee von Altruismus). Womöglich wäre This Is the End eine rundere Sache als verlängerter SNL Digital Short beziehungsweise in den Händen vom The Lonely Island-Team geworden, zumindest ein kompetenter Regisseur wie Adam McKay hätte jedoch geholfen. Am Ende gilt für den Film daher dasselbe wie für Aziz Ansari in ihm: “It’s too late for you.”

5/10

12. Juli 2015

Ant-Man

Like... a whistling. You know what I’m sayin’? To, like, blend in.

Sie haben es, bei aller Kritik an ihnen, nicht unbedingt leicht, die Joss Whedons, Alan Taylors und Co. Jene Regisseure, die ein Auge darauf haben müssen, dass Marvels Avengers-Universum im Kino sowohl aufeinander aufbaut und ineinander überleitet als auch so konstruiert zu sein, dass das Ergebnis an den Kinokassen Reibach macht. Etwas müde belächelt waren da die Pläne des Studios, nun in der so genannten Phase 2 auch noch etwas obskurere Franchises wie Guardians of the Galaxy und Ant-Man auf die Leinwand zu bringen. Dabei beweisen beide Filme, dass es auch anders geht – wenn nicht sogar besser. Gerade indem sie, über weite Strecken, einfach sie selbst sein können, anstatt nur Teil einer Abfertigungsreihe zu sein.

Wo im einen Abenteuer Waschbären und Baumwesen das Weltall retten müssen und damit zum dritterfolgreichsten Film des Jahres wurden, geht es in Ant-Man nun um einen Helden, der per Anzug auf Ameisengröße geschrumpft wird. Weitaus mehr Wirbel als um den Film an sich gab es dabei im Vorfeld um den Rücktritt von Edgar Wright vom Regieposten, nachdem er und Marvel sich wohl nicht auf Augenhöhe befanden. Stattdessen wurde Peyton Reed geholt, was wenig Gutes für Ant-Man versprach. Daher ist es umso überraschender, dass das Endresultat nicht nur ordentlich ausgefallen ist, sondern sogar zu Marvels besseren Filmen gehört. So endet deren Phase 2 nach dem grottigen Avengers: Age of Ultron doch auf einer positiven Note.

Inhaltlich geht es um die versuchte Wiederherstellung des Pym Partikels, mit dem Dr. Hank Pym (Michael Douglas) einst die Distanz zwischen Atomen beeinflusste – und so zum Ant-Man werden konnte, ehe er seinen Schrumpfanzug zu den Akten legte. Nun versucht sein ehemaliger Protegé Darren Cross (Corey Stoll) dasselbe, um entsprechende Anzüge ans Militär zu verkaufen. Was Pym und seine Tochter Hope (Evangeline Lilly) verhindern wollen. Hierfür ersucht der Wissenschaftler die Hilfe des Ex-Häftlings und Einbrechers Scott Lang (Paul Rudd). Der wiederum hat aber ganz andere Probleme, wird ihm doch der Kontakt zu seiner Tochter von deren Mutter (Judy Greer) und ihrem Polizei-Verlobten (Bobby Cannavale) untersagt.

Nunmehr soll Scott den Ant-Man-Anzug überstreifen und den Prototypen von Cross’ eigenem Anzug sowie dessen wissenschaftliche Daten zerstören, nachdem er dessen Firma infiltriert hat. Grundsätzlich erzählt Ant-Man somit eine Heist-Story, die sich weitaus näher am Genre orientiert als Guardians of the Galaxy, in dem ebenfalls verschiedene solche Elemente vorkamen. Zwei Drittel des Films beschränken sich dabei bloß auf die Vorbereitung zur Durchführung des Einbruchs in jenes Unternehmen, das einst Pym leitete, ehe ihn Cross und Hope aus dem Aufsichtsrat mobbten. Hopes Verhältnis zu ihrem Vater ist durch den Tod ihrer Mutter vorbelastet, der ähnlich wie das Pym Partikel die Distanz zwischen Hank und seinem Nachwuchs beeinflusste.

Ein verbindender Aspekt zwischen Scott und Pym – beides Väter, die das Beste für ihre Töchter im Blick haben. Und die ein vorbelastetes Verhältnis zu diesen unterhalten. Insofern sieht Pym in Scott nicht nur seinen Nachfolger als Ant-Man, sondern kann ihm zugleich die Chance auf Wiedergutmachung als Vater bieten, die ihm bei seiner Tochter lange verwehrt blieb. “To earn that look in your daughter’s eyes, to become the hero that she already thinks you are”, wie Pym den Ex-Häftling an einer Stelle überzeugt. Im Kern von Ant-Man findet sich folglich eine durchaus persönliche Geschichte von zwei nicht unähnlichen Männern, die ihre Fehler aus der Vergangenheit mit kathartischen Aktionen in der Gegenwart zu korrigieren gedenken.

Dabei ist die Gefahr, die von Widersacher Cross ausgeht, im großen Ganzen natürlich global. Weshalb Scotts erster Vorschlag auch lautet, man solle doch die Avengers alarmieren. Doch auch im Falle von Cross gibt es eine persönliche Komponente, sah Pym doch in diesem einst so etwas wie einen Ziehsohn, ehe die Beziehung zwischen beiden – ähnlich der zwischen Pym und Hope – Schaden nahm. Ein Hauch von Tony Stark und Ultron, wenn man so will. Ansonsten ist Cross jedoch ein relativ typischer Marvel-Bösewicht, motiviert von Macht, Geld und der Idee, sich die Erfindung des Gegenspielers zum eigenen Nutzen zu machen. Auch dies kennt der Zuschauer bereits von Tony Stark und dessen Gegnern aus Iron Man sowie Iron Man 2.

Generell darf man auch Ant-Man vorwerfen, dass die Skizzierung der Charaktere – selbst bei den Hauptfiguren – trotz zweistündiger Laufzeit rein oberflächlich bleibt. Mit hehren Zielen wollte Scott einst zu einer Art Robin Hood werden – und landete im Gefängnis. Das macht noch keinen Meisterdieb, selbst wenn die Figur, wie in einer Szene zum Ende des ersten Akts zu sehen ist, durchaus das Talent besitzt. Die daraus resultierende Entfremdung zur Mutter seiner Tochter wirkt insofern ebenso überzogen wie Hopes – nicht erklärte – Entscheidung, ihren Vater aus seiner eigenen Firma zu mobben, nur weil er ihr nicht die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter sagt. Und auch Pyms spätere Erläuterung dieser Umstände wirkt reichlich halbgar.

Das Drehbuch von Edgar Wright und Joe Cornish, mit Ergänzungen von Paul Rudd selbst sowie Adam McKay, beschränkt sich darauf, uns nur so viel über die Figuren zu erzählen, wie für den Verlauf der Geschichte notwendig ist. Bösewicht will Böses, Helden müssen sich vereinen und in Aktion treten. Was etwas schade ist, da der Film im Gegensatz zu anderen Marvel-Filmen doch weitaus entschleunigter daherkommt. Und sich generell in seinen besten Momenten weniger wie ein Werk vom Fließband anfühlt als schlicht wie ein gelungener Action-Spaß. Dies hängt, ähnlich wie in Guardians of the Galaxy, damit zusammen, dass die Figuren – mit Ausnahme von Hope – trotz der existierenden Gefahr dem Geschehen mit humorvoller Lockerheit begegnen.

Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Handlung durch drei weitere Schmalspurganoven ergänzt wird, von denen aber eigentlich nur Scotts ehemaliger Zellenmitbewohner Luis (Michael Peña) erwähnenswert ist. Zu dritt sind sie als Sidekicks zwar zuviel des Guten und nicht zwingend notwendig, Peyton Reed setzt den Fokus aber bewusst meist auf Peñas etwas verpeilten Luis. Der verkommt in der Folge beinahe zum heimlichen Highlight des Films, gerade dann, wenn er als Voice-over-Erzähler für Expositionen dient und sich dabei in unwichtigen Details verliert. Dass Luis allerdings ebenso wenig wie Hope zu unterschätzen ist, dürfen beide Figuren in verschiedenen Action-Situationen eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Überraschender ist dagegen schon, dass Paul Rudds bereits in den Trailer vorweggenommenen Einzeiler im Film selbst wenig bis gar nicht zünden wollen. Was am Charme der Figur und der Sympathie für diese wenig ändert, genauso wie am Humor des Films. Gerade im Schlussakt wartet Ant-Man mit ein paar wirklich gelungenen visuellen Gags auf, wie auch die finale Auseinandersetzung zwischen Cross und Scott – selbst wenn sie in ihrer Minigröße nicht immer übersichtlich gerät – mal etwas anderes aus dem sonstigen Marvel-Einheitsbrei ist. Ohnehin wirken die Action-Set-Pieces hier originärer, was auch an dem verkleinerten Umfeld und der Einbindung der verschiedenen Ameisen als Helfershelfer für Scott und Co. liegen dürfte.

Die Spezialeffekte selbst wissen zu gefallen, auch wenn sie keinen Wow-Faktor mit sich bringen. Ant-Man gehört dabei zu Marvels eher günstigeren Filmen, mit einem geringeren Budget als selbst Iron Man vor sieben Jahren. Grundsätzlich hat man schon schlechtere VFX zu selben (wenn nicht höheren) Summen gesehen. Zumindest wirkt das Gezeigte glaubwürdiger als die CGI-Dinosaurier in Jurassic World, mit dem sich Ant-Man auch den neuen Hollywood-Trend zu teilen scheint, Judy Greer als Sideline Movie Mum zu besetzen. Greer bekommt dabei weniger zu tun als ihr Film-Verlobter Bobby Cannavale oder sogar dessen von Wood “Avon Barksdale” Harris gespielter Polizei-Partner. Hier wäre – wie so oft – weniger mal wieder mehr gewesen.

Ansonsten ist Ant-Man jedoch ein kurzweiliger Action-Spaß mit netten Figuren geworden, dem es zugute kommt, dass er keine Figur an die Avengers heran- oder weiterführen muss. Selbst wenn es im Mittelteil eine Action-Szene mit Anthony Mackies Falcon gibt, die dazu dient, Paul Rudd später in das Charakter-Event Captain America: Civil War einzubinden. Wenn alle humorig angehauchten Marvel-Filme über ihre schrulligen Randfiguren so erträglich ausfallen wie Ant-Man oder Guardians of the Galaxy, dann bitte mehr davon. Und dafür weniger semi-ernste Avengers-Sülze, die lediglich auf ausufernde Actionszenen aus ist. Oder einfach Michael Peña ab sofort in jedem Marvel-Film die Ereignisse mit eigener Stimme nacherzählen lassen.

6.5/10

1. April 2013

Filmtagebuch: März 2013

THE BAD LIEUTENANT: PORT OF CALL - NEW ORLEANS
(USA 2009, Werner Herzog)
6.5/10

BEETLEJUICE
(USA 1988, Tim Burton)
7.5/10

THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI
(USA/UK 1957, David Lean)
9/10

THE CABLE GUY
(USA 1996, Ben Stiller)
5.5/10

CHILLERAMA
(USA 2011, Adam Green u.a.)
8/10

DOCTOR ZHIVAGO
(USA/I 1965, David Lean)
6.5/10

DUMB AND DUMBER
(USA 1994, Peter Farrelly)
8.5/10

FUN WITH DICK AND JANE
(USA 2005, Dean Parisot)
4/10

THE GATEKEEPERS [TÖTE ZUERST]
(IL/D/F/B 2012, Dror Moreh)
7/10

IN BRUGES [BRÜGGE SEHEN... UND STERBEN?]
(UK/USA 2008, Martin McDonagh)
8/10

JACK AND JILL
(USA 2011, Dennis Dugan)
3.5/10

KNOWING
(USA/UK/AUS 2009, Alex Proyas)
2.5/10

LAWRENCE OF ARABIA
(UK 1962, David Lean)
9/10

THE LOVED ONES
(AUS 2009, Sean Byrne)
3/10

EL ORFANATO [DAS WAISENHAUS]
(E/MEX 2007, Juan Antonio Bayona)
2/10

POLICE ACADEMY
(USA 1984, Hugh Wilson)
5/10

REALITY BITES
(USA 1994, Ben Stiller)
5.5/10

DE ROUILLE ET D’OS [DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN]
(F/B 2012, Jacques Audiard)
7/10

SMASHED
(USA 2012, James Ponsoldt)
4.5/10

THIS IS SPINAL TAP
(USA 1984, Rob Reiner)
8/10

TMNT [TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES]
(HK/USA 2007, Kevin Munroe)

6.5/10

TROPIC THUNDER
(USA/UK/D 2008, Ben Stiller)
5.5/10

VERONICA MARS - SEASON 1
(USA 2004/05, Nick Marck u.a.)
7/10

VERONICA MARS - SEASON 2
(USA 2005/06, John Kretchmer u.a.)
6/10

VERONICA MARS - SEASON 3
(USA 2006/07, John Kretchmer u.a.)
5.5/10

THE WALKING DEAD - SEASON 3
(USA 2012/13, Greg Nicotero u.a.)
7/10

WAR HORSE [GEFÄHRTEN]
(USA 2011, Steven Spielberg)

5/10

WHEN THE WIND BLOWS [WENN DER WIND WEHT]
(UK 1986, Jimmy T. Murakami)

5.5/10

WHO FRAMED ROGER RABBIT
(USA 1988, Robert Zemeckis)
8.5/10

Werkschau: Judd Apatow


THE 40-YEAR OLD VIRGIN [UNRATED VERSION]
(USA 2005, Judd Apatow)

4.5/10

KNOCKED UP [UNRATED VERSION]
(USA 2007, Judd Apatow)

5/10

FUNNY PEOPLE
(USA 2009, Judd Apatow)
6.5/10

THIS IS 40 [UNRATED VERSION]
(USA 2012, Judd Apatow)

6.5/10

Werkschau: The Coens


BLOOD SIMPLE. [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1984, Joel Coen)

8/10

RAISING ARIZONA
(USA 1987, Joel Coen)
6/10

MILLER’S CROSSING
(USA 1990, Joel Coen)
8/10

BARTON FINK
(USA/UK 1991, Joel Coen)
7/10

THE HUDSUCKER PROXY
(UK/D/USA 1994, Joel Coen)
7.5/10

FARGO
(USA/UK 1996, Joel Coen)
8/10

THE BIG LEBOWSKI
(USA/UK 1998, Joel Coen)
10/10

O BROTHER, WHERE ART THOU?
(UK/F/USA 2000, Joel Coen)
5.5/10

THE MAN WHO WASN’T THERE
(USA/UK 2001, Joel Coen)
6/10

INTOLERABLE CRUELTY
(USA 2003, Joel Coen)
5.5/10

THE LADYKILLERS
(USA 2004, Ethan Coen/Joel Coen)
7/10

NO COUNTRY FOR OLD MEN
(USA 2007, Ethan Coen/Joel Coen)
7/10

BURN AFTER READING
(USA/UK/F 2008, Ethan Coen/Joel Coen)
6.5/10

A SERIOUS MAN
(USA/UK/F 2009, Ethan Coen/Joel Coen)
6.5/10

TRUE GRIT
(USA 2010, Ethan Coen/Joel Coen)
6.5/10

11. Oktober 2010

Vorlage vs. Film: Romeo and Juliet

Romeo and Juliet (1595/96)

Für die einen ist er der größte Dramatiker aller Zeiten, für die anderen lediglich ein Pseudonym. William Shakespeare soll im April 1564 in Stratford-upon-Avon geboren worden sein und heiratete als 18-Jähriger Anne Hathaway. Mit Ende zwanzig fand er erstmals Erwähnung als Theaterautor und als er am 23. April 1616 verstarb, waren 18 seiner 37 Stücke publiziert worden. Galt Ende des 16. Jahrhunderts Christopher Marlowe als der größte Dramatiker des elisabethanischen Zeitalters, zog Shakespeare zumindest was die Bekanntheit angeht über die Jahrhunderte hindurch an seinem Zeitgenossen vorbei. Glaubt man Ulrich Suerbaum, so war Romeo and Juliet seiner Zeit für Shakespeare sein „erster großer und dauerhafter Erfolg“ im Tragödienfach. Inzwischen gelten die beiden „star-cross’d lovers“ als „das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur“ - was sich auch dadurch zeigt, dass es seit seiner Entstehung kontinuierlich aufgeführt wurde. De facto war es zwischen 1751 und 1800 mit 399 Aufführungen sogar Shakespeares meistgespieltes Stück.

Der Ruhm, der dem Stück gebührt, ist bemerkenswert. Nicht zuletzt, weil es nicht in seiner Originalfassung vorliegt. Die meisten Versionen greifen auf die zweite Quartfassung zurück, eine Rohfassung von Shakespeare, die bisweilen durch die schlechte erste Quarto, basierend auf Erinnerungen der Schauspieler, ergänzt wird. Wäre Romeo and Juliet also ein Drehbuch, müssten wir uns mit einem First Draft begnügen, während Shakespeares Final Draft im 16. Jahrhundert verschollen bleibt. Wie angesprochen handelt es sich bei seinem vermutlich berühmtesten Werk neben Hamlet und Macbeth um eine Tragödie. Erzählt wird von der „death-mark’d love“ zweier Kinder aus verfeindeten Häusern im würdevollen Verona. Die Handlung entstammt der italienischen Novellenliteratur des 16. Jahrhunderts, zu der neben Luigi Da Portos A Story Newly Found of Two Noble Lovers von 1530 auch Matteo Bandellos Romeo e Guilietta aus dem Jahr 1554 zählt. Von ihnen ließ sich Arthur Brooke zu The Tragicall Histroye of Romeus and Juliet (1562) inspirieren.

Shakespeare nahm die zugrunde liegenden Werke und bearbeitete sie nach seinem Gusto. Wie der Titel schon sagt, handelt das Stück von Romeo und Juliet. Beide werden, wie es sich für die Tragödie des elisabethanischen Zeitalters gehört, durch Fortunas Zutun zu Fall und damit zu Tode kommen. Mehr schlecht als recht leben die verfeindeten Häuser Montague und Capulet in Verona. Als mal wieder ein Streit ausbricht, droht der Verona regierende Prinz Escales mit drastischen Konsequenzen bei einem weiteren Friedensbruch. Sorgen, die den jungen Romeo nicht plagen. Stattdessen wird der einzige Sohn des Grafen Montague vom Liebeskummer heimgesucht, versagt sich ihm doch die schöne Rosaline. „He makes himself an artificial night“, bemerkt auch sein Vater (1. Aufzug, 1. Szene). Um seine Stimmung anzuheben und Rosaline zu verdrängen, schlägt Romeos Cousin Benvolio vor, eine abendliche Veranstaltung der Capulets zu besuchen. Dieser willigt, ahnt jedoch: „Some consequence yet hanging in the stars“ (1. Aufzug, 4. Szene).

Ein Ölgemälde von Fort Maddox Brown aus dem Jahr 1870 zeigt die berühmte Balkonszene
Das Schicksal nimmt auf der Feier seinen Lauf. Romeo erblickt Juliet, die Tochter des Grafen Capulet, der diese - insofern sie zustimmt - mit dem Grafen Paris vermählen will. Doch die Jugendlichen verlieben sich sofort und auf Initiative von Juliet wird noch in derselben Nacht der verfeindeten Familien zum Trotz die Ehe beschlossen. Da Juliets heißblütiger Cousin Tybalt jedoch Romeo auf der Feier erkannte und seine Anwesenheit als Affront empfand, sucht er diesen am nächsten Tag auf, um sich mit ihm zu duellieren. Der frisch Vermählte weicht aus, was von seinem besten Freund, dem nicht minder erregbaren Mercutio, zum Anlass genommen wird, Tybalt Einhalt zu gebieten. Durch Romeos unbeholfenes Einschreiten wird Mercutio tödlich verletzt und stellt das erste Opfer im Familienzwist dar („A plague o’ both your houses!“, 3. Aufzug, 1. Szene). Romeo rächt den Freund und flieht nach dem Mord an Tybalt und der nachgeholten Hochzeitsnacht mit seiner Angetrauten ins Exil nach Mantua.
Die Ereignisse überschlagen sich. Juliets Vater setzt nun die Hochzeit mit Paris fest. Um einen Suizid des Mädchens zu vermeiden, beginnt Bruder Lawrence, der die Jugendlichen getraut hat, ein gewagtes Spiel. Per Anästhetikum soll Juliet wie tot erscheinen, derweil ein Brief ihren Mann aus Mantua zum Grabe locken. Wäre da nicht das Schicksal. Der Brief erreicht Romeo nicht, der seine junge Frau für verstorben hält. Er erwirbt eine Ampulle Gift, tötet durch ein Missverständnis noch Paris am Grabe Juliets, und seine beiden Opfer um Vergebung bittend, begeht er neben seiner Liebsten Selbstmord. Diese erwacht und folgt dem Beispiel Romeos, indem sie sich mit seinem Dolch ersticht. Die Tragödie fordert ein weiteres und letztes Opfer, als Graf Montague am Grab erscheint und vom Tod seiner Frau ob der Gram von Romeos Verbannung berichtet. Die Wahrheit der jungen Ehe kommt ans Licht, die verfeindeten Grafen versöhnen sich. „For never was a story of more woe / Than this of Juliet and her Romeo”, schließt Prinz Escales (5. Aufzug, 3. Szene).

Im Gegensatz zu Brooke, dessen Werk laut Suerbaum „ein langes und langatmiges Versepos“ ist, komprimiert Shakespeare die tragische Liebe der Jugendlichen von neun Monate auf vier Tage, indem er alle wichtigen Plot-Elemente in eine Folge von Szenen packt. Wo Brooke Partei für die Seite der Eltern ergriff, lässt Shakespeare das Publikum sich mit den Verliebten identifizieren. Shakespeare gelang ein bemerkenswertes Stück, welches mit den Ehe-Vorstellungen seiner Zeit brach und die Liebe pries. Des Weiteren etablierte Shakespeare mit Juliet eine überaus starke Frauenfigur, deren Sachlichkeit Romeos romantischen Träumereien gegenübersteht. Sie ist es, die die Vermählung ins Spiel bringt („If that thy bent of love be honourable / Thy purpose marriage”, 2. Aufzug, 2. Szene). Im Vergleich zu Romeo erscheint Juliet als die reifere Figur, was angesichts ihres Geschlechts und ihres Alters ein durchaus hervorstechendes Merkmal ist. Somit ist Romeo and Juliet letztlich mehr ein Stück über Juliet, denn über ihren Romeo.

Was Shakespeares Stück neben seiner tragischen Liebesgeschichte und den starken Figuren auszeichnet, sind seine Verse. Umso erstaunlicher, da sie - wie angesprochen - aus einer Rohfassung stammen. Auch hier ist es Julia, der die stärksten Zeilen zufallen. Sei es bei der ersten Begegnung („For saints have hands that pilgrims’ hands do touch / And palm to palm is holy palmers’ kiss”, 1. Aufzug, 5. Szene) oder dem ersten Abschied („My only love sprung from my only hate! / Too early seen unknown, and known too late! / Prodigious birth of love it is to me / That I must love a loathed enemy”, ebd.) mit Romeo. Auch sonst wartet Shakespeare mit unsterblichen Sätzen wie „Do you bite your thumb at us, sir?“ (1. Aufzug, 1. Szene) oder dem Klassiker „It was the nightingale, and not the lark“ (3. Aufzug, 5. Szene) auf. Kein Wunder also, dass Romeo and Juliet seit jeher als Stück gilt, „mit dem ein Regisseur alles machen kann“, so Suerbaum. Von seinen rund drei Dutzend Filmadaptionen sollen zwei an dieser Stelle näher beleuchtet werden.


Romeo and Juliet (1968)

Where civil blood makes civil hands unclean.

Laurence Oliviers Stimme leitet mit dem Prolog Franco Zeffirellis Adaption von 1968 ein (und aus). Auf einem Markplatz begegnen sich Sampson, Gregory, Abraham und Balthasar und aus spielerischer Neckerei wird beim italienischen Regisseur schnell eine riesige Schlacht, in die sich der alte Montague mit gezücktem Schwerte stürzt. Ein probates Mittel, um früh die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu gewinnen. Dass Shakespeares Stück in der Tat dem freien Willen seines Regisseurs unterliegen kann, zeigt Zeffirelli dann in den folgenden zwei Stunden. Insbesondere was seinen Romeo angeht, ist der Italiener variabel. So gehen Romeo, Benvolio, Mercutio und Co. einfach zur Feier der Capulets, ohne dass dies Benvolio zuvor gegenüber seinem Cousin vorgeschlagen hat, um ihn von Rosaline abzulenken. Es verwundert dann auch nicht, dass Romeo sich hier - im Gegensatz zu Shakespeares Stück („I am not for this ambling“, 1. Aufzug, 4. Szene) - zum Mittanzen entschließt. Nicht die einzige problematische Szene mit dem Sohne Montagues.

In Zeffirellis Adaption ist Romeo (Leonard Whiting) unverkennbar die bereits bei den Literaten identifizierte passio. Wie ein Besessener knutscht Whiting seine Juliet (Olivia Hussey) während der Balkonszene ab, das Sexuelle der Beziehung steht für ihn stets im Vordergrund. Umso hervorstechender gerät Juliets ratio-Part, den die junge (und atemberaubende) Hussey über weite Strecken des Filmes beeindruckend und überzeugend zur Schau stellt. Ihre Besetzung als junge Schönheit ist vermutlich Zeffirellis größter Trumpf (umso ironischer, dass er sie ursprünglich nicht besetzen wollte, weil sie ihm zu dick war); vermag sie doch nicht nur die starke Persönlichkeit von Juliet mit ihrer unschuldigen Schönheit zu paaren, sondern zugleich Whitings weitestgehend unpassendes Spiel zumindest in den gemeinsamen Szenen auf ein gewisses Niveau zu heben. Auch in der übrigen Besetzung bewies Zeffirelli ein gemischtes Händchen. Ist Michael Yorks aggressiver Tybalt noch akzeptabel, so gerät John McEnerys Mercutio zur nervlichen Belastung.

Hinzu kommt, dass Zeffirelli die Auseinandersetzung zwischen Tybalt, Romeo und Mercutio als öffentliches Spektakel erneut auf dem Markplatz inszeniert. Was eine Vielzahl an Zuschauer zur Folge hat und folglich später Benvolios Zeugensaussage - die von Zeffirelli ohnehin stark beschnitten wird - bedeutungslos macht. Umso interessanter jedoch wird der Kampf zwischen Tybalt und Mercutio gezeigt, der erneut mehr spielerische Neckerei denn ernstes Duell sein will. Es ist ein Geben und ein Nehmen, ein Vorführen und Lächerlich Machen, das die beiden Großmäuler hier propagieren. Ernst wird erst daraus, als sich Romeo einmischt: „Why the devil came you between us?“. Ganz im Gegensatz zum anschließenden Gefecht mit Romeo, das durchaus von einem tödlichen Trieb beseelt ist und letztlich in Tybalts Tod endet, der mehr aus Romeos Selbstverteidigung resultiert, denn aus einem gezielten Angriff. Insofern passt Romeos Ausspruch „O, I am fortune’s fool!“ dementsprechend gut zur Interpretation der Szene.

Durch die ausufernde Darstellung der Kampfszenen hat Zeffirelli nun jedoch Zeit verloren, was Kürzungen an anderen Stellen nach sich zieht. Beispielsweise fehlen nahezu vollständig Juliets brillante Wortwindungen gegenüber ihrem Vater und designiertem Gatten, wie auch Romeo nach seiner Rückkehr aus dem Exil einfach das Gift des Apothekers (wobei hier nicht geklärt wird, woher er es eigentlich hat) sein eigen nennt - was ebenfalls die gelungenen Verse Shakespeares („I pay thy poverty, and not thy will“, 5. Aufzug, 1. Szene) obsolet macht. Bei all dem Fokus auf die Kämpfe überrascht es dann, dass das blutige Treffen Romeos und Paris’ am Grabe Juliets entfällt. Stattdessen folgt die finale Szene der Liebenden, die auch durch Husseys etwas überpointiertes Spiel einen „camp“-Stempel verdient. Viel bedauerlicher ist allerdings die fehlende „Moral der Geschichte“, insofern sich das Schicksal von Romeo und Juliet als solche überhaupt missbrauchen lässt. Ihr Tod führt für die Montagues und Capulets zu keinem „glooming peace“ und war somit letztlich vergebens.

Nun sind Bearbeitungen von Romeo and Juliet keine Seltenheit, wurde das Stück doch 200 Jahre lang fast ausschließlich in Bearbeitungen gespielt (die Mercutios Part reduzierten oder Juliet vor Romeos Tod erwachen ließen). Dennoch verliert Zeffirelli sich zu sehr in seinen exaltierten Markplatzszenen (seien es die Gefechte oder die Botschaftsübermittelung der Amme) sowie den Tanzeinlagen bei Capulets Feier - zu Lasten einiger gewitzter Verse Shakespeares. Dafür besticht seine Adaption durch ihre Ausstattung und Kostüme, die sich schön traditionell geben. Schauspielerisch ist Romeo and Juliet ein zweischneidiges Schwert, auf dessen Klinge lediglich Hussey mit sicheren Schritten zu tanzen versteht. Dass seine Ensemblewahl nicht immer die gelungenste ist, untermauerte Zeffirelli später erneut in seiner Verfilmung von Hamlet, in der Mel Gibson den depressiven Dänenprinzen gab. Somit kann am Ende konstatiert werden, dass Franco Zeffirellis Version optisch Akzente setzt, denen sie inhaltlich nicht entsprechend gerecht wird.

6/10


William Shakespeare’s Romeo + Juliet (1996)

Reason will not reach a solution.
(“Lovefool”, The Cardigans)

In die Filmgeschichte ging Baz Luhrmanns zweiter Spielfilm nach dem campigen aber durchweg gelungenen Strictly Ballroom als die MTV-Version des Stoffes ein, die quasi naturbedingt wie im Fall von Roger Ebert nicht jedem gefiel. Wie Suerbaum sagte, ist Romeo and Juliet ein Stück, „mit dem ein Regisseur alles machen kann“. In diesem Fall bedeutet dies: Jump Cuts, knallige Farben und ein poppiger Soundtrack (angeführt von „Lovefool“ der Cardigans). Das Setting ist Verona Beach, die verfeindeten Häuser werden zu Konkurrenzunternehmen, die sich auf offener Straße mit Knarren unter ihren Hawaiihemden begegnen. Der größte Verdienst Luhrmanns ist dann sicherlich, dass er der Sprache Shakespeares treu geblieben ist und somit im positiven Sinne eine moderne Version des Stoffes darbietet, dem dennoch weitestgehend treu geblieben wurde. Präsentiert wird das Ganze dann zu Beginn kongenial als Nachrichtensendung in einer mise-en-abyme, wenn die Moderatorin „now the two hours’ traffic of our stage“ ankündigt.

Grundsätzlich eint Romeo + Juliet viel mit seinem ´68er Kollegen, sei es die überbordende Exposition (bei der die Montagues gegenüber ihren Vertretern als Weichlinge karikiert werden), die Gesangseinlage bei der capulet’schen Feier, die zwei Gesichter Romeos, Juliets fehlende Wortspiele sowie das Streichen von Paris’ Tod und des Vergebens der Montagues und Capulets. Zusätzlich hat Luhrmann das Stück stark bearbeiten lassen - nicht immer zu dessen Vorteil. So verliebt sich Romeo (Leonardo DiCaprio) beispielsweise unter Drogeneinfluss in seine Juliet (Claire Danes), was der Schicksalhaftigkeit ihrer Liebe ein wenig den Wind aus den Segeln nimmt. Im Folgenden ist auch die erste Begegnung der beiden Jugendlichen nicht so romantisch eingefangen wie bei Zeffirelli, auch wenn die Aquariumsspiegelung zumindest von Seiten der Kameraführung ein Lob verdient. Auch die Verlagerung der Balkonszene in den Pool wirkt ob ihrer Tradition gar wie eine Sünde und etabliert relativ früh, dass es eigentlich Baz Luhrmann’s Romeo + Juliet heißen müsste.

Sehr viel problematischer ist jedoch die Entwicklung, die der Australier für seinen Romeo bereit hält. Nachdem ein wutentbrannter Tybalt (John Leguizamo) auf Romeo losgeht und diesen richtiggehend verdrischt, wird er nach Mercutios (Harold Perrineau) Tod - der auch hier mehr einem Versehen gleichkommt - vom Sohne Montagues weniger getötet als vielmehr exekutiert, zieht sich Tybalt doch vor Romeo zurück. Da passt es dann ganz gut, dass der aus Mantua eilende Romeo im Finale gar eine Geisel nimmt und auf die staatliche Gewalt in Person von Captain Prince (Vondie Curtis-Hall) schießt, als dieser mit seinem S.W.A.T.-Team die Kirche umzingelt. Dass Luhrmann dann einer der klassischen Bearbeitungen folgt, in der Juliet vor Romeos Tod erwacht und dieser somit ebenfalls Zeuge des jugendlichen Irrtums wird, kann da kaum noch negativ aufstoßen. Auch mit der fehlenden Reue ob der Tode Tybalts (und Paris’) wird der Figur ein essentieller Bestandteil ihrer Reife genommen, die bei ihrer Einführung noch vorhanden war.

Spielte Whiting seinen Romeo neben Husseys Juliet besser, tritt bei DiCaprio das Gegenteil auf. Es sind seine Momente fernab von Danes, in denen er sich auszeichnet. Sei es beim Schreiben seines Tagebuchs (eine sehr gelungene Integration) oder mit Benvolio in der Pool-Halle. Allgemein ist die Besetzung auch in Romeo + Juliet eine zwiespältige Angelegenheit. Besonders Paul Sorvino ist mit seinem Fulgencio Capulet vollkommen überfordert und scheint sich an seinem Part aus Goodfellas orientiert zu haben. Brian Dennehy (als Ted Montague) wäre die bessere Wahl gewesen - hätten beide ihre Rollen einfach getauscht. Auch Danes vermag mit ihrem teils hysterischen Spiel und Dauergrinsen nicht an die unschuldige Schönheit und charakterliche Reife von Hussey heranzureichen. Die Verschwendung von Figuren wie Benvolio (ebenfalls fehlbesetzt: Dash Mihok) ist da schon kaum der Rede wert. Akzente setzen können zumindest Pete Postlethwaite (als Friar Lawrence), Harold Perrineau und Diane Venora (als Gloria Capulet).

Als Gesamtwerk kann Baz Luhrmanns Adaption allerdings als gelungen erachtet werden. Selbst wenn die überbordende christliche Metaphorik stört, gefällt am meisten die pop-kulturelle Einbettung. Romeo + Juliet ist schrill und bunt, zudem überaus stark untermalt von Songs wie Stina Nordenstams „Little Star“, Radioheads „Talk Show Host“ oder „You and Me Song“ von The Wannadies bereithält. Dass es Luhrmann mit der Treue zur romeo’schen Figur nicht so ernst genommen hat, mag man daher verzeihen können, auch wenn der Film mit weniger Bearbeitungen vielleicht noch besser geworden wäre. Letztlich ist William Shakespeare’s Romeo + Juliet weniger eine Adaption für die MTV-Generation - das natürlich auch -, als vielmehr eine opulente und gutgelaunte zeitgenössische Interpretation. Und so sei es Shakespeares Stück gewünscht, dass es auch noch in weiteren 400 Jahren aufgeführt wird. Schließlich ist es ein Stück, „mit dem ein Regisseur alles machen kann“.

7/10

Verwendete Literatur:
• Pulverness, Alan: Romeo and Juliet: Interpretationshilfe, Berlin 2007.
• Suerbaum, Ulrich: Der Shakespeare-Führer, Stuttgart 2006.

17. Dezember 2009

Role Models

The Get Out of Jail Free Card: Is that real?

Glaubt man Wikipedia, gibt es seit über einem Jahrhundert bereits in den Vereinigten Staaten von Amerika die soziale Hilfsorganisation Big Brothers Big Sisters. Hierbei kümmern sich Erwachsene um (oftmals) elternlose Kinder und dienen ihnen als Mentoren auf ihrem weiteren Lebensweg. Das System dürfte wohl auf unterschiedliche Art funktionieren, unter anderem sicherlich auch, wenn ein Problemkind von einem Erwachsenen betreut wird, der in seiner eigenen Jugend mit denselben Widrigkeiten zu kämpfen hatte. Somit bilden die großen Brüder und Schwestern eine Vorbildfunktion für die Jugendlichen, die zu einer Abkehr von Drogen und Schulabbruch führen kann oder soll. Die meisten Nicht-Amerikanern dürfte das Programm des „Big Brother“ durch die Simpsons-Folge Brother from the Same Planet bekannt sein, in der Bart aufgrund von Homers Vernachlässigung in die freizeitliche Obhut des perfekten Tom gebracht wird. Das filmische Schema, einen Slacker als chaotisches Vorbild zu präsentieren, war in Hollywood nun schon in Beiträgen wie Big Daddy abgehandelt worden. Nichtsdestotrotz versprach der Trailer und die Besetzung von Role Models, wenn schon nichts Neues, dann doch einige gelungene Momente aufwarten zu können.

Die beiden Hauptfiguren Danny (Paul Rudd) und Wheeler (Seann William Scott) könnten dabei eigentlich unterschiedlicher nicht sein. Danny hasst nicht nur seinen Job als Promoter der Energy-Drink-Kette Minotaur („Taste the beast!“), sondern auch zahlreiche andere Dinge. Zum Beispiel die Coffee-Shop-Verkäuferin die ihm einen Kaffee venti statt groß verkaufen will oder Menschen die Abkürzungen wie ASAP oder FYI verwenden. Seinen rettenden Anker scheint er dabei in seiner langjährigen Freundin Beth (Elizabeth Banks) gefunden zu haben, da sie dieselben Dinge hasst, wie Danny. Doch auch Beth geht seine negative Denkweise allmählich auf die Nerven. Umso überraschender, dass seinen Arbeitskollegen Wheeler dies relativ wenig stört. Als sprichwörtliches Party Animal liebt Wheeler nicht nur seinen Job im Minotaurus-Kostüm, sondern auch die Frauen lieben ihn…im Minotaurus-Kostüm. So wirkt es durch den ganzen Film hindurch eher so, als ob Danny mit Wheeler abhängt, weil er eben da ist und weniger, weil er es will. Als jedoch Beth einen unromantischen Heiratsantrag von Danny ablehnt und dieser bei einer der Promotion-Kurse an einer High School ausflippt, sieht er sich gemeinsam mit Wheeler plötzlich mehreren Gesetzesverstößen und potentiellen dreißig Jahren Gefängnis gegenüber. Der einzige Ausweg scheinen 150 Sozialstunden im Sturdy-Wings-Programm von Gayle (Jane Lynch) zu sein.

Im Folgenden teilt sich Role Models dann in die zwei notwendigen Hälften, die für die Katharsis aller beteiligten Figuren notwenig sind. Nachdem die Paarung erfolgt, Danny kriegt den Fantasy-Nerd Augie (Christopher Mintz-Plasse) und Wheeler den vulgären Ronnie (Bobb’e J. Thompson), müssen sich die Parteien erstmal beschnuppern und ablehnen können, bevor dann im dritten Akt des Filmes die große Akzeptanz und Versöhnung von Statten geht. Um das Schiff auf Kurs zu halten, gibt es dann gelegentlich zusammen geschmissene Szenen mit Rudd und Scott, damit das Publikum auch etwas von seinen Hauptdarstellern im Team hat. Generell ist hierbei den Aktivitäten von Wheeler und Ronnie der Vorzug zu geben, da beide etwas besser harmonieren, bedenkt man, dass sie ähnliche Interessen haben („I like your take on boobies“) und sich daher eher ein gemeinsamer Nenner findet. Zudem ist Ronnie einfach eine Figur mit sehr viel mehr freiwillig komischen Charakter („Fuck you, Miss Daisy“), während Mintz-Plasse die Michael-Cera-Schiene des liebenswerten Losers zu fahren scheint. Doch Augies Faszination fürs mittelalterliche Rollenspiel wirkt automatisch auch für den Zuschauer – oder den Teil der Zuschauer, die nicht selbst auch eine Affinität für Mittelalter-Rollenspiele haben – sehr befremdlich.

Ein Problem, an dem Role Models zu knabbern hat, ist die gegenwärtige „Vetternwirtschaft“ im Comedy-Genre. Kaum noch ein Film, in dem nicht ein oder zwei Frat-Packler auftauchen (zu denen inzwischen auch die neue Generation rund um Rogen und Co. zu zählen scheint) und in Nebenrollen Kumpels von früheren Arbeiten auftauchen. So auch hier, indem Regisseur David Wain gleich vier Schauspieler besetzt hat, die er bereits in seinem Kultfilm Wet Hot American Summer inszenierte. Hinzu kommen dann Schauspieler wie Jane Lynch oder Ken Jeong, die in allerlei Frat-Pack-Filmen in Nebenrollen auftauchen. Da fällt Jorma Taccones Cameo gar nicht weiter auf. Grundsätzlich wäre das nicht allzu kritisch zu sehen, doch wenn man im fertigen Film die Nebenrolle von Lynch derart ausbaut, ohne dass diese die Leinwandzeit durch entsprechenden Humor auszufüllen weiß, leidet der Film darunter. Was in The 40 Year Old Virgin in einer wahrhaftigen Nebenrolle noch funktionierte, misslingt nunmehr in ausgedehnter Form wegen Lynchs kaum vorhandenem Humor. Selbiges trifft auch auf die erweiterte Präsenz von Jeong zu, was besonders in einer der gekürzten Szenen nochmals überdeutlich wird. Umso bezeichnender, wenn dann hierfür die Rolle von Banks beschnitten wird, die hinter Lynch und auch Jeong zurückfällt.

Aus moralischer Sicht erfindet Wains Film natürlich das Rad nicht neu. Wheeler muss lernen, für etwas in seinem Leben – wenn schon nicht für dieses selbst – Verantwortung zu übernehmen. Bedenkt man jedoch, dass die Vorfälle zu Beginn im Grunde nicht seine, sondern Dannys Schuld sind, fokussiert sich auch der Gedanke der Katharsis eher auf Rudds Figur. Für Danny gilt es, nicht alles derart pessimistisch zu sehen und wieder Spaß am Leben zu entwickeln. Das wird dann nur bedingt wirklich transferiert, denn weder der eine Wandel, noch der andere wirken schon aufgrund der schwachen Prämisse besonders authentisch. Was alles nicht bedeuten soll, dass Role Models keinen Spaß bereiten würde, denn dafür sind sowohl Rudd als auch Scott zu erfahren, als dass nicht mehrere treffsichere Gags zu landen wüssten. Es ist daher eigentlich ausschließlich ihnen zu verdanken, dass der Film nicht in seinen überlangen Nebenfigurauswälzungen verloren geht. Mintz-Plasse gibt den nerdigen Loser wie schon in Superbad ziemlich gelungen, doch leidet die Figur unter ihrem eigenen Karma. Thompson hingegen merkt man an, dass der Junge Spaß gehabt haben muss, auf dem Set unentwegt zu fluchen und Scott zu ohrfeigen. Letztlich ist Wains Auftragsarbeit nichts Überragendes und nicht einmal etwas besonders gutes, weiß sich aber durch seine Hauptdarsteller weitestgehend über Wasser zu halten.

6/10

20. April 2009

I Love You, Man [Trauzeuge gesucht!]

Slappa da bass mon!

Erste Schritte sind nicht immer die sichersten. Das ist nicht nur bei Babys der Fall, sondern auch bisweilen bei Regie-Anfängern – gerade wenn sie aus einem anderen Teil der Branche stammen. Zwar konnte Drehbuchautor John Hamburg mit Meet the Parents sowie dessen Fortsetzung Meet the Fockers zwei Filme mit relativ hoher Gagdichte hervorzaubern, doch sein Regie-Werk Along Came Polly erwies sich anschließend als eher trockenes Vergnügen. Mit I Love You, Man – in Deutschland unter dem Titel Trauzeuge gesucht! vertrieben – verbündet sich der Judd-Apatow-Zögling nun mit anderen Kollegen aus Apatows Stall. Was dabei herausgekommen ist, kann als halbe Strecke zwischen Hamburgs bisherigen Projekten erachtet werden.

Frauen sehnen sich nach einfühlsamen und ehrlichen Männern, die bereit sind, Verpflichtungen einzugehen und nach acht Monaten Beziehung bereits die Ehe anzustreben. Die das Unternehmen ihrer Verlobten weiterbringen wollen oder am Frauenabend der gesamten Runde ganz aufmerksam etwas zu Trinken zubereiten. Doch solche Männer können auch anhänglich werden, speziell dann, wenn sie keine eigenen Freunde haben. Zwar ist sich Zooey (Rashida Jones) gewiss, dass Peter (Paul Rudd) ihr nicht am Rockzipfel hängen wird, er selbst ist sich da aber nicht ganz so sicher. Ein bester Freund muss also her, der dann zugleich als Trauzeuge fungieren darf. Das einzige Problem: Peter kann nicht so wirklich gut mit Männern umgehen.

Das auffälligste Szenario, das I Love You, Man beschwört, ist die Umkehrung einiger gängiger Klischees der romantischen Komödie. Nach mehreren Verabredungen mit männlichen Kandidaten ist Peter stets unsicher, was er eigentlich am Telefon sagen soll – falls er überhaupt anruft. So verkommt es zum Running Gag, wenn er stets den Abschluss seines Satzes vermasselt und sich in kumpelhafte, umgangssprachliche Verabschiedungen zu flüchten. Was beim ersten Auftreten noch zu amüsieren weiß, wirkt jedoch bei weiteren Wiederholungen etwas redundant. Schon alleine da von Peter zu erwarten wäre, dass er fortschreitender Vertrautheit zwischen ihm und seinem Neu-Kumpel Sydney (Jason Segel) selbstsicherer auftreten würde.

Das generelle Problem von Hamburgs dritter Regearbeit ist jedoch seine Unfähigkeit, rechtzeitig auszublenden. Immer wieder lässt er Szenen länger laufen als es diesen gut tut. Sei es wenn Peter und Zooey im Auto über ihr Sexleben sprechen oder Peter seiner Verlobten seine Luftgitarren-Solos vorführt. Der Film überreizt es mit der Darstellung seiner – wenn auch oft guten – Komik, indem er sie richtiggehend zu Tode reitet. Bedauerlicherweise zieht sich jener Aspekt durch den ganzen Film hindurch bis zu seinem Finale. So muss unter dem Strich gesagt werden, dass I Love You, Man weitaus kompakter und harmonischer ausgefallen wäre, hätte man ihn durch knappere Einstellungen insgesamt um etwa zehn Minuten gekürzt.

Im Gegensatz zu Apatows Produktionen kommt Hamburgs Film zum Glück ziemlich ruhig daher. Die Gagdichte ist relativ gering, stattdessen versucht I Love You, Man sich etwas ernster anzubiedern. Wieso genau sowohl Peter als auch Sydney kaum Freunde, sowohl männliche wie weibliche, haben, versäumt der Film aber zu erläutern. Die Tatsache, dass Sydneys Clique inzwischen aus Ehemännern und Vätern besteht, lässt offen, wieso er in der Zwischenzeit nicht andere Freunde gefunden hat. Ebenso offen bleibt, weshalb Peter, selbst wenn er besser mit Frauen kann, dennoch keine wirklich intensive Freundschaft mit einer solchen hat.  So lebt der Film primär von pop-kulturellen Referenzen und seinem charmanten Ensemble.

Andy Samberg war sich nicht zu schade wie auch J.K. Simmons in einer Nebenrolle aufzutreten, während Rashida Jones durch ihre warme Art ein Gewinn für jeden Film ist. Am überzeugendsten ist I Love You, Man jedoch stets in den Szenen, die sich Paul Rudd und Jason Segel (hier in ihrer dritten Zusammenarbeit) teilen. Einen kleinen Höhepunkt stellt dann das Rush-Konzert dar, selbst wenn auch dieses wieder mehr Zeit bekommt, als für die Geschichte im Nachhinein verträglich ist. Insgesamt handelt es sich um eine solide Komödie, die zum einen aufzeigt, dass sowohl Hamburg als auch Segel zu Steigerungen fähig sind, aber auch die Tatsache offenlegt, dass Rudd (noch) nicht im Stande ist, einen Film als Hauptdarsteller alleine zu tragen.

6.5/10

24. Oktober 2008

Clueless

I can't find my Cranberries CD. I gotta go to the quad before anyone snags it.

Es waren fast dreizehn Jahre vergangen, ehe Regisseurin Amy Heckerling zurück zur Schule ging. Nach ihrem Kulthit Fast Times at Ridgemont High aus dem Jahr 1982 lieferte sie quasi 1995 mit Clueless eine Fortsetzung. Dabei hatte Clueless inhaltlich nichts mit „Fast Times“ gemein und doch jede Menge Übereinstimmungen. Nachdem sich Heckerling mit Filmen wie European Vacation und den beiden Look Who’s Talking-Werken fest in der neuen Welle von Komödienregisseuren etabliert hatte, folgte 1995 nun dieses gewagte Clueless-Experiment. Die Intention des Filmes strebte eine Mischung aus Jane Austens Emma und Aaron Spellings Beverly Hills 90210 an. Der Roman von Austen bildete hierbei die Grundlage für den eigentlichen Handlungsrahmen, während die 90210-Einflüsse unweigerlich Einzug in die lose Adaption von Heckerlings Kulthit fanden. Dabei ist Clueless weniger ein Abziehbild von Fast Times, als vielmehr als Neuerfindung zu sehen. Beide Filme passen perfekt in ihre Zeit und spiegeln ihre jeweilige Epoche blendend wieder. Der Erfolg des Filmes hielt sich dabei in Grenzen, reichte jedoch wie im Falle von Fast Times aus, um eine Fernsehserie hervorzubringen.

Beschäftigte sich Heckerling in Fast Times mit den Erlebnissen einiger Teenager, die mit den Problemen des Erwachsenwerden und somit der teen angst zu kämpfen hatten, wendet sich Clueless einer anderen Zielgruppe zu. Hier sind es die Schönen und Reichen denen die Aufmerksamkeit geschenkt wird. Im Gegensatz zu Brad, Stacy, Linda und Rat müssen die Pubertierenden hier keineswegs arbeiten, das merkt man bereits zu Beginn, wenn sich Cher (Alicia Silverstone) ihr tägliches Outfit von einem Computer zusammenstellen lässt. Um ihren Kindern extravagante Namen zu verpassen, erhielten Cher und ihre beste Freundin Dionne (Stacey Dash) auch noch die Namen berühmter Sängerinnen, auch Mitschüler Elton (Jeremy Sisto) trägt einen solchen Namen. Sorgenlose Schüler, in deren Leben es nur um eines geht: ihr soziales Standing. Dieses lässt sich insbesondere durch ihr Outfit bestimmen, ein Trend wie man ihn selbst heute noch findet. Wer neu an die Schule kommt und in heruntergekommenen Klamotten durch die Gänge läuft, wird wie Tai (Brittany Murphy) schief angesehen – insbesondere in einer so oberflächlichen Kultur wie sie in Clueless zum Tragen kommt. Ein Fremdkörper ist hier dann Chers Stiefbruder Josh (Paul Rudd): existentialistisch, politisch engagiert und frei von Vorurteilen. Wie grundverschieden beide sind, zeigt sich in ihrer gemeinsamen Fernsehserie: während es Cher nach Beavis & Butthead gelüstet, möchte Josh Waldbrände auf CNN verfolgen.

Doch auch Clueless ist ein coming-of-age-Drama und beansprucht somit seine Portion an teen angst. Hinter den teuren Kostümen und dem vielen bling bling muss man die natürlich erst mal suchen, aber sie ist durchaus da. „He does dress better than I do, what would I bring to the relationship?”, fragt sich Cher voller Selbstzweifel, als sie ihren Traummann Christian trifft. Dieser wiederum ist selbst ein Kind der 90210-Generation, ein sprichwörtliches Abziehbild von Jason Priestley. Ihr Aussehen hat für die Mädchen in Clueless also eine ausgesprochene wichtige Bedeutung, bildet sogleich Schutz für Angriffsfläche. Emanzipierter ist hier noch Dionne, die sich im Gegensatz zu Cher und Tai weniger unterkriegen lässt. Dies hat sicherlich damit zu tun, dass sie ihre Ängste und Sorgen auf etwas anderes projiziert, als Cher und Tai: ihren Freund Murray (Donald Faison). Mit den offensichtlichen Problemen einer Beziehung müssen sich die beiden kaukasischen Mädchen nicht herumschlagen, was ihr Liebesleben jedoch nicht unbedingt einfacher macht. Hier findet sich das Austensche Element des sozialen Aufstiegs über sein Liebesleben. Als sich der Stoner Travis (Breckin Meyer) für Tai interessiert, blocken Cher und Dionne total ab. Ohnehin erachtet Cher jeden Kerl aus ihrer High School für unter ihrer Würde.

Die Ähnlichkeiten zu Austens Emma sind dabei natürlich offensichtlich, die Identifikation mit den Figuren schnell gefunden. Klassische Literatur für die lesefaule Jugend aufzubereiten hat sich bereits in Baz Lurhmanns Romeo + Juliet positiv bewährt. Auffallen dürften die Verweise auf Jane Austen den wenigsten Zuschauern, die nicht unbedingt mit dem Roman vertraut sind. Für diese sind die Parallelen zu Fast Times dagegen präsenter. Hier wie dort zelebriert Heckerling das Mekka der Teenager, das örtliche Einkaufszentrum. Ebenso verhält es sich mit der Figur von Travis, die – trotz Heckerlings Widersprüchen – stark an Kultfigur Spicoli erinnert. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Travis ein kiffender Skater ist, sondern wegen seiner Etablierung in den Kontext von Clueless, als Gegenpart des Lehrers in der Aufmerksamkeit des Klassenzimmers. Im Gegensatz zu Spicoli haucht Heckerling Breckin Meyers Figur jedoch mehr Leben ein, mehr Wünsche und Träume jenseits des Hasch. Unabhängig von der gelungenen Interpretation von Emma ist Clueless, wie zuvor Fast Times, ein amüsantes Portrait der Jugend dieser Zeit. Ihr Denken, ihre Interessen, Ansichten und Erwartungen werden zum größten Teil authentisch transferiert, obschon es sich natürlich um die Oberschicht der amerikanischen Westküste handelt.

War Fast Times weitestgehend inhaltsfrei, so scheitert Clueless über weite Strecken seiner Laufzeit an dem Versuch einer stringenten Handlung. Insbesondere Silverstones Erzählstimme ist hier ein großes Übel, da sie wenig bis gar keine Emotion rüberbringt. Wo Serien wie Grey’s Anatomy oder Scrubs von den Erzählstimmen ihrer beiden Hauptprotagonisten leben, versackt Clueless ein ums andere Mal. Beim Schauspiel sieht das wiederum besser aus, hier kann Silverstone – zuvor berühmt geworden durch ihre drei Musikvideoauftritte für Aerosmith – als oberflächliche Blondine durchaus punkten. Auch die vielen anderen Gesichter (Rudd, Murphy, Sisto) machen Spaß, selbst wenn diesen Darstellern eine weniger ruhmreiche Karriere vorbehalten blieb, wie ihren Fast Times-Kollegen. Die Pausen im Film sind jedoch bemerkbar und vor allem zu groß, die großartigen Momente fehlen. Zudem scheitert Heckerling auch dabei, ihren klischeehaften Figuren eine spezielle Tiefe verleihen zu wollen. Insgesamt gesehen lässt sich Clueless als Anbeginn von Heckerlings Verabschiedung der Top-Elite sehen. Selbst wenn Clueless keine sonderliche Enttäuschung ist, verebbte die Karriere der Regisseurin anschließend. Als Portrait seiner Zeit funktioniert der Film dennoch wie als Interpretation von Emma.

7.5/10

11. Juni 2008

Forgetting Sarah Marshall

When life gives you lemons, just say ‘fuck the lemons’ and bail.

Das Rat Pack bestand seiner Zeit aus Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr., Peter Lawford und Joey Bishop die in den Sechzigern in Filmen wie Ocean’s Eleven zusammen gespielt haben. Als Anlehnung an dieses Rat Pack wurde Anfang des neuen Jahrtausends eine weitere Gruppierung benannt, das Frat Pack, bestehend aus Ben Stiller, Owen und Luke Wilson, Vince Vaughn, Will Ferrell und Jack Black, zudem mehr oder weniger auch Steve Carell und Paul Rudd. In seiner kompletten Besetzung lässt sich das Frat Pack in Anchorman: The Legend of Ron Burgundy begutachten. Involviert mit dieser Gruppe ist auch der Erfolgsproduzent Judd Apatow, der für Filme wie The Cable Guy oder Anchorman verantwortlich war. Apatow selbst hat wiederum ebenfalls eine kleine illustre Runde um sich herum aufgebaut, zu der neben seiner Mitproduzentin Shauna Robertson die Schauspieler Seth Rogen, Jonah Hill und Jason Segel gehören.

Ein besonderes Dream Team bildet er hierbei mit Seth Rogen, die beide nicht nur in den Serien Freaks and Geeks und Undeclared, sondern auch in The 40-Year Old Virgin, Knocked Up und Superbad zusammengearbeitet haben. Freaks and Geeks war auch die Serie, die Apatow mit Jason Segel zusammenführte und nun in Forgetting Sarah Marshall mündet, der Verfilmung von Segels Debütskript. Segel selbst ist inzwischen in der erfolgreichen Sitcom How I Met Your Mother tätig und Apatow begnügt sich vermehrt damit, die Karrieren seiner Freunde voran zu bringen. Nachdem er in Superbad bereits das Drehbuch von Seth Rogen verfilmt hat, folgt nun die Adaption von Jason Segels Skript, die Regie übertrug Apatow dem Neuling Nicholas Stoller, der einst mit ihm bei Undeclared gearbeitet hat. Nicht zu schade für kleine Gastrollen waren sich die Apatow-Spezis Jonah Hill, Paul Rudd und Bill Hader, der auch zur Apatow-Clique zählt.

Der Titel von Stollers Film ist alles andere als Programm, denn nachdem der TV-Star Sarah Marshall (Kristen Bell) mit dem Komponisten ihrer Serie, Paul Bretter (Jason Segel), Schluss macht, bricht diesem das Herz. Der Versuch, vor seiner Ex davon zu rennen, führt in nach Hawaii und dort sogleich wieder in die Arme von Sarah. Diese verbringt ihren Liebesurlaub mit dem britischen Rocker Aldous Snow (Russell Brand) in demselben Hotel wie Paul. Mitleid bekommt er von dessen Angestellten geschenkt, allen voran von Concierge Rachel (Mila Kunis). Wie die Geschichte nun verläuft, kann sich jeder denken. Der Film, der sich selbst als Mischung aus Liebes- und Desasterfilm propagiert, ist dabei jedoch sehr viel durchschnittlicher als er den Anschein erweckt. Den Zufall außen vor gelassen, dass Peter von allen Hawaii-Inseln auf derselben Urlaub macht wie Sarah (und noch dazu im selben Hotel), ist schon im Genre begründet.

Was folgt, ist ein Hin und Her, ein ständiges über den Weglaufen, Kummer, Gram, gelegentlich überschattet von arglosem Geflirte. Daher kann Forgetting Sarah Marshall lediglich durch seine Witze und Schauspieler überzeugen, ob er dies auch wirklich immer vermag, ist wieder eine andere Angelegenheit. Den meisten Menschen wird im Laufe ihres Lebens das Herz gebrochen, es ist ein Vorurteil, dass dies hauptsächlich bei den Damen zutrifft. Die Beziehung stagniert, einer der beiden Partner beginnt eine Affäre und irgendwann ist das Ultimative unausweichlich: eine Trennung muss her. In vielen Fällen kann eine solche Trennung auch wieder zu einer neuerlichen Beziehung führen, wie in Definitely, Maybe. Den Kummer, den Peter im Film darstellt, erscheint einem dann doch sehr überzogen, sicherlich auch speziell intensiviert. Dass das ganze jedoch nach dem zweiten Mal schon an Witz verliert, ergibt sich von selbst.

Segel hebt wie ein kleines Kind verschiedene Plot-Elemente auf, beginnt mit ihnen zu spielen und lässt sie achtlos fallen, als er ein anderes Objekt der Begierde findet. Zu den unnötigen Szenen gehört eigentlich alles, was sich nicht um Peter oder Sarah Marshall dreht. Sei es der stalkende Aldous Snow-Fan und Kellner Matthew (Jonah Hill) oder der geistig abwesende Surflehrer Chuck (Paul Rudd), auch bekannt unter seinem hawaiianischen Namen Kunu (was übersetzt so viel heißt wie „Chuck“). Am unnötigsten fällt jedoch ein frisch verheiratetes Ehepaar (Jack McBrayer aus 30 Rock und Maria Thayer) aus, welches sexuelle Startschwierigkeiten hat, da es über einen christlichen Hintergrund verfügt. Die Witze sind in Forgetting Sarah Marshall, wie sollte es bei einer Apatow-Produktion auch anders sein, zumeist sexuell motiviert und wirken speziell nach seinen vorherigen Film(produktion)en allmählich ausgelutscht – no pun intended.

Hinzu kommt noch, dass Segel schauspielerisch sehr begrenzt ist, zumindest jedoch mit seiner Figur überfordert. Rudd und Hill spielen ihre Figuren gewohnt gekonnt herunter, auch Kristen Bell weiß gemeinsam mit ihrer Kollegin Mila Kunis zu überzeugen. Kleine Perle ist der britische Stand-Up-Comedian Russell Brand, dessen reales Äußeres Vorlage für seine Filmfigur war. Amüsant und durchaus gelungen sind die Anspielungen auf die TV-Landschaft rund um den Hype der forensischen Serien wie Criminal Minds und CSI. Ein weiterer kleiner Pluspunkt ist die Musikauswahl des Soundtracks, gerade durch die beiden hawaiianischen Künstler Israel Kamakawiwo’ole und Daniel Ho, dessen Prince-Adaption von „Nothing Compare 2 U“ begeistert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Forgetting Sarah Marshall mit einer handvoll netter Ideen aufwartet, sich eigentlich aber nicht von einer durchschnittlichen Rom-Com unterscheidet.

6.5/10

13. August 2007

Knocked Up

Isn't it weird how chairs exist even when you're not sitting on them?

Diesen Sommer kommen, bzw. kamen, drei Pärchenkomödien heraus: License to Wed (mit Mandy Moore und Robin Williams), The Ex (mit Zach Braff) - einst Fast Track genannt - und dieses kleine Schmankerl, Knocked Up von Judd Apatow, dem Regisseur von Jungfrau (40), männlich, sucht. License to Wed kann man getrost den Hasen geben und ob The Exin Deutschland überhaupt ins Kino kommt kann ich an dieser Stelle nicht mal sagen. Knocked Up wurde jedenfalls bei jeder Gelegenheit und an jedem Ort gelobt, teilweise sogar vergöttert. Eine der intelligentesten Komödien seit Jahren und eine der Top-Komödien der letzten zwanzig Jahre, usw. Neben den Kritiken stimmte hierbei sogar das Einspielergebnis, welches in den USA bereits das fünffache seiner Kosten eingespielt hat und international demnächst veröffentlicht wird. Nicht schlecht also, dieser Film - könnte man meinen (und keine Angst, ich werde ihn in den folgenden Absätzen auch nicht runtermachen).

Knocked Up erzählt die Liebesgeschichte von dem kiffenden Arbeitslosen Ben (Seth Rogen) und der karrierebewussten Moderatorin Alison (Katherine Heigl). Diese lernen sich bei Alkohol in einem Club kennen, sind so besoffen, dass sie miteinander Sex haben und als sie sich acht Wochen später wiedersehen, eröffnet Alison Ben dass sie schwanger ist. Wäre das nicht schon schlimm genug, ist sie es eben auch noch von Ben, der erfolglos mit seinen vier Freunden versucht eine Internetseite zu erstellen, die aufführt in welchen Filman man an welcher Stelle Schauspielerinnen nackt sehen kann. Als sich beide entschließen das Kind zu bekommen, müssen sie sich nicht nur mit der Schwangerschaft auseinandersetzen, sondern auch mit den gegenseitigen Persönlichkeiten.

Soviel zur Geschichte und es sollte klar sein, dass am Ende natürlich alles gut wird. Wäre ja noch schöner, wenn dem nicht so wäre. Es geht also nicht darum was passiert, sondern wie es passiert. Dies geschieht in den meisten Fällen äußerst witzig (auch wenn in der deutschen Sprachfassung einiges an Witz verloren geht) und es ist erfrischend zu sehen, dass besonders in der Wortwahl kein Rückzieher wegen des PG-13 Ratings gemacht wurde und der Film dementsprechend R-Rated (in Deutschland nur FSK 12) ist. In Knocked Up wird geflucht und geschimpft das sich die Balken biegen und das ist auch gut so, denn gegen wir es zu, Fluchen gehört zum Alltag einfach dazu. Der kruden Erziehungspolitik der Amerikaner muss jedoch vor allem das Eltern-Kind-Verhältnis von Alison's Schwester und ihrem Mann (Leslie Mann und Paul Rudd köstlich wie immer) ein Dorn im Auge gewesen sein, denn hier wird locker flockig von vorehelichem Sex, sowie Mord und Totschlag gefaselt. Einfach aufrichtig ehrlich!

Die Moral von zwei völlig verschiedenen Menschen, die durch Alkohol zusammengeführt werden und schließlich als glückliche Familie enden ist natürlich in unserer heutigen Zeit bei einer Scheidungsrate von 50% beinah als hahnebüchern anzusehen, aber wer will auch schon eine Liebeskomödie sehen die böse endet? Da ist sicherlich auch viel Klischee mit dabei, aber diese entsprechen auch größtenteils den Tatsachen. Wie der Film jedoch zeigt, leben wir aber nicht in einer perfekten Welt in der alles so läuft, wie wir das gerne hätten. Das fängt Knocked Up in der Tat sehr gut ein und kann sich neben dieser Schwangerschaftsthematik in einem kleinen Nebenplot Seitenhiebe auf die Fernsehindustrie und ihre Ideale (ich sage nur "straffen") nicht verkneifen. Dies wird dann noch mit vielen kleinen Cameos (u.a. Steve Carell, Eva Mendes, James Franco und Harold Ramis) unterstützt - wieso jedoch ausgerechnet Britney Spears' "Toxic" auf dem Soundtrack landete bleibt mir ein Rätsel.

Weswegen ich dann aber doch nicht ganz in den Chor der Jubelstürme einstimmen will, ist, dass Knocked Up gelegentlich im Sand verläuft, die Witze, die allesamt lustig und gut sind, bilden den roten Faden durch den Film, der einen in seinen ruhigen Momenten jedoch fast zu verlieren scheint. Vielleicht liegt dies auch nur daran, dass ich ein Mann bin und mich das Thema der bevorstehenden Schwangerschaft nicht genug interessiert (oder zu arg abschreckt), aber nach ein, zwei Minuten wartet man wirklich sprichwörtlich auf den nächsten Witz, um wieder ebenjenes Aha-Moment zu haben. Dies ist nicht weiter schlimm und hindert den Film auch nicht daran, ein nahezu perfektes Date-Movie zu sein, macht ihn aber in meinen Augen auch nicht zu dem von den Medien erhobenen Top-20-Komödien Gipfelstürmer. Ich hatte mich sehr unterhalten gefühlt und Katherine Heigl tut dabei ihr übriges (auch wenn mir vorher in Grey's noch nie aufgefallen ist, wie groß ihre Brüste eigentlich sind).

7.5/10