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8. September 2017

Twin Peaks: The Return

When you get there, you will already be there.

Der Duden beschreibt Nostalgie als Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit. Sie ist zur Zeit wieder in Mode, die Nostalgie – speziell die 1980er Jahre, die als Schablone für filmische Produkte wie Stranger Things, das It-Remake oder Steven Spielbergs kommenden Ready Player One dienen. Auch die Erinnerung an 80er-TV-Shows wie 21 Jump Street und Baywatch wurde zuletzt im Kino gepflegt und die sind dabei keinesfalls die Ausnahme von der Regel. Revival ist das magische Wort der Fernsehlandschaft im Moment, so gab es nach acht Jahren die Rückkehr von Prison Break, 14 Jahre hatten The X Files geruht und auf Netflix herrscht nach 21 Jahren plötzlich wieder Leben in der Bude des Fuller House.

Ebenfalls ein Revival, wenn auch eines der etwas ungewollt stringenteren Form, ist Twin Peaks: The Return. Anfang der 1990er Jahre veränderte die Serie von David Lynch und Mark Frost mit der Aufklärung des mysteriösen Todesfalls um Teenager Laura Palmer das Fernsehen. Vor den Insel-Rätseln von Lost und den ungelösten X-Akten des FBI war es Twin Peaks, das auf sehr ungewöhnlich-gewöhnliche Art mit verschiedenen Genre-Konventionen spielte und seine Grenzen auslotete. Kulminierend in einem wahnwitzigen Serienfinale und dem atmosphärisch ähnlichen Prequel-Film Twin Peaks: Fire Walk With Me. Zu dem Zeitpunkt als Twin Peaks endete, war zwar aufgelöst, wer Laura Palmer getötet hatte. Doch viele andere Fragen blieben zugleich.

“I’ll see you again in 25 years”, hatte sich Laura (Sheryl Lee) damals in Episode Twenty-Nine von FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) im Red Room der Black Lodge verabschiedet. Und nun, quasi exakt jene 25 Jahre später, knüpfen David Lynch und Mark Frost in Part 1 von Twin Peaks: The Return an jenen Abschied an. Konzipiert als beinahe 18-stündiger Film, der in 18 Teilen erzählt wird, hat das Revival allenfalls oberflächlich und in Facetten etwas mit Twin Peaks gemein. Zwar nimmt es direkt Bezug auf das Serienfinale und Fire Walk With Me, zuvorderst ordnet sich The Return aber eher in Lynchs jüngere Filmografie ein: Quasi als experimentelles serielles Erzählen im Stile seiner Werke wie Mulholland Drive oder Lost Highway.

Twin Peaks: The Return ist eine Verquickung dieser beiden Lynch-Welten. Es gibt ein Wiedersehen mit vielen der Figuren aus der Serie und dem Film – nicht alle von ihnen verlaufen glücklich. Genauso wie nicht jede Figur zwingend einen Platz im Revival hat, egal ob sie neu zum Ensemble dazu stößt oder von Anfang an dabei war. So leitet Norma (Peggy Lipton) weiter ihr Double-R-Diner, wo Shelly (Mädchen Amick) ebenfalls weiter den Kaffee ausschenkt und Kuchen serviert. Während Erstere sporadisch ihre Romanze mit Big Ed (Everett McGill) weiterspinnen darf, verliert sich Letztere primär in einem weitestgehend unbedeutenden Nebenplot um ihre Tochter Becky (Amanda Seyfried), die dieselben Fehler macht, wie ihre Mutter einst.

Viele der früheren Twin Peaks-Figuren tauchen hierbei in derartigen Handlungssträngen auf, so auch James (James Marshall) als schmachtend Verliebter oder Dr. Jacoby (Russ Tamblyn), der sich in einer amüsanten Alex-Jones-Persiflage im Internet als “Dr. Amp” über die Regierung und den Ist-Zustand generell aufregt. “We all live in the mud”, erklärt Jacoby in einem Werbeclip, der dazu dient, von ihm mit Goldfarbe besprühte Schaufeln zu verkaufen. “Shovel your way out of the shit!”, ermuntert er seine Zuschauer. Und spricht unwissentlich durchaus in gewisser Weise über die Thematik, die Twin Peaks: The Return über weite Strecken innewohnt. Zumindest für Agent Cooper gilt diese Aufforderung, sich aus einem Ärgernis befreien zu müssen.

Dale Cooper steckt weiter in der Black Lodge fest – zumindest bis MIKE (Al Strobel) ihm einen Weg aufzeigt, den Red Room zu verlassen. “Is it future? Or is it past?”, wird Cooper von dem Einarmigen in Part 2 gefragt. Die Zeit steht still in der Black Lodge, auch wenn dies nicht ohne Folgen bleibt. Zwar gelingt Cooper bereits in Part 2 die Flucht aus dem verfluchten Ort, doch seine Rückkehr – nicht nur nach Twin Peaks, sondern zu seiner eigenen, alten Identität – wird beinahe die gesamte Laufzeit des Revivals in Anspruch nehmen. Eine Odyssee der absurd-redundanten Irrelevanz gewissermaßen, als Agent Cooper schließlich den Platz und das Leben eines weiteren von BOB fabrizierten Doppelgängers von sich in Las Vegas beansprucht.

Die Passagen rund um Dougie Jones (Kyle MacLachlan) entsprechen dem ins Extreme verschobenen komödiantischen Stilmittel der Repetition wie sie sich in Family Guy oder auch den Komödien von Will Ferrell oft findet. Als Versicherungsvertreter befindet sich Cooper fortan den Großteil der Serie im Dauerzustand einer katatonischen Apathie. In dieser ist er weder zu motorischen Bewegungen noch verbalem Austausch fähig – seine Liebe zum Kaffee behält er jedoch. Der Humor liegt dabei einerseits in MacLachlans perfekter Darbietung, unter anderem als Spielautomaten-Rain Man Mr. Jackpots (“Hello-oooooo”), aber auch in der unglaublichen Akzeptanz seiner sozialen Umwelt wie Gattin Janey-E (Naomi Watts) ob seines Zustands.

Immer wieder beobachten wir Ereignisse oder treffen Figuren, von denen zuerst unklar ist, ob sie von irgendeiner Relevanz sind – oder es noch sein werden. Sei es Ashley Judd als neue Assistentin Beverly von Ben Horne (Richard Beymer) in dessen Great Northern Hotel und ihr pflegebedürftiger Ehemann, Balthazar Getty als Drogendealer Red mit Hang zu Zaubertricks oder Charlyne Yi als junge Frau, die eines Abends im Roadhouse plötzlich von Panik befallen wird. Wiederholt wird von einer Figur namens Billy gesprochen, ohne dass wir diese jemals sehen oder erklärt bekommen, welche Bedeutung ihr zukommt. “I feel like I’m somewhere else”, entfährt es da Audrey Horne (Sherilyn Fenn) in Part 13. Und so geht es wohl vielen.

In vereinzelten, verstörten Äußerungen teilten Zuschauer online mit, dies sei nicht ihr Twin Peaks aus den 1990er Jahren. Die Rückwendung in die verklärte Zeit misslingt – natürlich weil Lynch und Frost sie auch nicht bemühen. Stellenweise versuchen sie sich am Entmystifizieren des Mythos’ der Serie, verfolgen dies aber in der Regel nicht weiter. So widmet sich nahezu der ganze Part 8 in einer kongenialen Inszenierung der Entstehung von BOB (Frank Silva) und der Rolle von Laura. Eingestreut in Atomwaffen-Tests im New Mexico von 1945, überwechselnd ins Jahr 1956, wenn am selben Ort Froschkäfer aus Wüsteneiern schlüpfen und ölige Holzfäller aus der anderen Dimension mordend eine lokale Radiostation aufsuchen.

Ähnlich skurril war zuvor schon Coopers Flucht in die Wirklichkeit in Part 3 inszeniert worden. In Schwarzweiß gehaltener Optik, oft visuell und auditiv verzerrt, lebt Lynch hier seinen Avantgardismus aus. Evoziert Frühwerke wie Eraserhead und schert sich sichtlich keinen Deut darum, Antworten zu liefern oder selbst da, wo er sie beginnt, auch abzuschließen. “This is the water, and this is the well”, verkündet der Holzfäller in der Radiostation in Part 8 kryptisch. “Drink full, and descend.” – Trinkt dich voll und steig hinab in die Untiefen des Twin Peaks-Universums, könnte er genauso gut zum Zuschauer sprechen. So wie Sarah Palmer (Grace Zabriskie) später in Part 14, als sie einen aufdringlichen Bar-Gast fragt: “Do you really wanna fuck with this?”

Eine Frage, die sich auch viele Figuren in Twin Peaks stellen könnten, sei es Audreys soziopathischer Sohn Richard Horne (Eamon Farren), der wie sein Großvater im lokalen Drogengeschäft involviert ist, oder auch das FBI-Duo um Gordon Cole (David Lynch) und Albert (Miguel Ferrer). Aufgerüttelt durch mysteriöse Mordfälle in New York und dem scheinbaren Auftauchen der kopflosen Leiche von Major Briggs sowie von Coopers bösem Doppelgänger (Kyle MacLachlan) in South Dakota beginnen sie mit der jungen Agentin Tammy (Chrysta Bell) die Ermittlungen in einem neuen “Blue Rose”-Fall. Zu diesem stößt wenig später auch Diane dazu, die nach zahlreichen Cooper-Referenzen dank Lynch-Muse Laura Dern nach 25 Jahren ein Gesicht erhält.

Ihre eigenen Ermittlungen verfolgen die Beamten in Twin Peaks um Hawk (Michael Horse), Andy (Harry Goaz) und Lucy (Kimmy Robertson). Mit Sheriff Frank Truman (Robert Forster), Bruder des an Krebs erkrankten Harry, rollen sie den Fall um Laura Palmer und Dale Cooper wieder auf. Unterstützt von Bobby Briggs (Dana Ashbrook), der, wie es der Zufall so will, inzwischen selbst für das Sheriff’s Department arbeitet. Twin Peaks: The Return jongliert weitestgehend überaus geschickt all diese Handlungsstränge, die nur peripher im Zusammenhang zueinander stehen. Sei es, wenn Tim Roth und Jennifer Jason Leigh ein Tarantino-eskes Auftragskiller-Duo mimen oder Robert Knepper und Jim Belushi gutmütige Casino-Gangster-Brüder.

Über allem schwebt natürlich dennoch die Frage nach dem Warum und Wieso dieser Welt. “Our world is a magical smoke screen”, hatte die Log Lady (Catherine E. Coulson) in Episode Twenty-Seven gesagt. Aufgrund des Ablebens der Darstellerin in 2015 – nicht der einzige Verlust im Ensemble, so verstarb Miguel Ferrer Anfang des Jahres – kommuniziert diese im Revival ausschließlich mit Hawk per Telefon. Ist aber kryptisch wie eh und je. “Now the circle is almost complete”, teilt sie Hawk in Part 10 mit. Die zeitliche Einordnung der Ereignisse ist von Bedeutung, nun, 25 Jahre später. Weshalb auch immer. “If we’re not at the right place at exactly the right time, we won’t find our way in”, wusste schon Cooper in Episode Twenty-Eight.

Twin Peaks: The Return gebiert sich hier stellenweise als vorherbestimmtes Schicksal in Lost-Manier. Wo Ereignisse der Gegenwart lange in der Vergangenheit bereits vorausgedeutet und Figuren wie Wachmann Freddie (Jake Wardle) in Position gebracht wurden. Wenn wir dann erleben, wie Phillip Jeffries über Judy spricht, erscheint es so, als würden Lynch und Frost uns Antworten geben, stattdessen werfen sie aber eher neue Fragen auf. Im Kern geht es in den beiden finalen Part 17 und Part 18 dann erneut darum, dass Agent Cooper irgendwie – und: irgendwann – doch noch Laura Palmer retten kann. Denn wie die Log Lady in Part 15 in einer Selbstreferenz gegenüber Hawk deutlich macht: der Tod sei “just a change, not an end”.

Was die Zuschauer mit dem Revival tatsächlich sehen, bleibt offen. Lynch macht hier wie schon in Fire Walk With Me Andeutungen, es könnte sich nur um einen (Fieber-)Traum handeln. “We live inside a dream!”, hatte Phillip Jeffries (David Bowie) im Prequel-Film behauptet. Eine Vermutung, die Gordon Cole in einem Traum von Monica Bellucci bestätigt zu werden scheint. “We are like the dreamer who dreams and then lives inside the dream”, teilt die italienische Schauspielerin dem FBI-Direktor darin mit. Und stellt die entscheidende Frage: “But who is the dreamer?” Ob Traum oder Realität, die Welt von Twin Peaks meint es so oder so mit vielen ihrer Figuren nicht allzu gut. Wenn auch stets mit einer gewissen Prise schwarzem Humor.

“Things can happen!”, erregt sich da Sarah Palmer in Part 12 im Supermarkt. “Something happened to me!” Damit steht sie natürlich nicht allein, auch mit Dale Cooper und Audrey Horne geschah etwas, das sie veränderte. Genauso wie mit Diane. Echtes Glück blieb nur wenigen Charakteren vorbehalten, allen voran Andy und Lucy mit ihrem Sohn Wally “Brando” (Michael Cera) oder – wenn auch spät – Norma und Big Ed. Für viele andere wartet dagegen nur der Tod oder der Weg hin zu diesem, deutlich am Krebstod vieler der Darsteller wie Catherine E. Coulson und Miguel Ferrer vor der Ausstrahlung. Es bleibt nur die Hoffnung, dass diese Traurigkeit nicht von zu langer Dauer ist. “One day the sadness will end”, sagte die Log Lady in Episode Three.

Wie bereits in den ersten beiden Staffeln haben David Lynch und Mark Frost mit diesem ungewöhnlichen Revival erneut die Grenzen des Fernsehens ausgelotet. Voller abstrakt-genialer Momente wie in Part 3 oder Part 8, kulminierend in einem starken kryptisch-mystischen Finale rund um Part 15, Part 16 sowie dem brillanten Ausklang in Part 18. Wer sich von Twin Peaks: The Return eine nostalgische Rückbesinnung zu den Anfängen der Serie erhoffte, muss jedoch genauso enttäuscht werden wie diejenigen, die nach ultimativen Antworten auf offene Fragen lechzten.“Is there an answer? Of course there is”, verriet allerdings schon in Episode Thirteen die Log Lady. “As a wise person said with a smile: ‘The answer is within the question.’”

9/10

15. Oktober 2016

Certain Women

I wonder how much more there might be buried here.

Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist ein Thema, dass immer noch unsere Gesellschaft dominiert. Weil sie leider auch im Jahr 2016 noch nicht erreicht ist. Frauen verdienen weniger Geld für dieselbe Arbeit und werden zugleich bei dieser benachteiligt. Davon können auch die Damen in Hollywood ein Lied singen, wo sich unter anderem Jennifer Lawrence für ihr Geschlecht stark macht. Und auch wenn wohl in Kürze mit Hillary Clinton erstmals eine Frau die Vereinigten Staaten von Amerika anführen wird und Comic-Superhelden wie Thor und Iron Man ihr Y-Chromosom verlieren, sind Filme wie Kelly Reichardts Certain Women die Ausnahme der Regel.

In drei Geschichten, die sehr lose Bezug zueinander nehmen, rückt die Regisseurin – wie der Titel impliziert – Frauen in den Fokus. So sieht sich Rechtsanwältin Laura (Laura Dern) mit einem Mandanten (Jared Harris) konfrontiert, der gegen seine Entlassung juristisch vorgehen will. Gina (Michelle Williams) versucht derweil nach einem Camping-Trip mit Ehemann und Tochter für Bauzwecke einem Einsiedler seinen begehrten Sandstein abzuschwatzen. Die junge Anwältin Beth wiederum gibt widerwillig die Dozentin in einem Kurs für Schulrecht und weckt dadurch das Interesse der zufällig daran teilnehmenden Pferdehof-Rancherin Jamie (Lily Gladstone).

Nacheinander widmet sich Kelly Reichardt in rund halbstündigen Segmenten jeder der drei Geschichten, die thematisch von den beruflichen wie privaten Beziehungen der Figuren erzählen. Zugleich aber auch von der Rolle der vier Frauen und ihrer Wahrnehmung in der Gesellschaft. So hat Laura ihrem Mandanten über Monate mehrfach die Aussichtlosigkeit seines Falles vor Augen geführt, wahrhaben will er diese jedoch erst, als sie ihn für eine zweite Meinung zu einem männlichen Kollegen schleppt. Auch Gina muss sexuelle Diskriminierung erleben, wenn der Einsiedler mehr Wert auf die Worte ihres Mannes legt, obschon sie es ist, die beruflich die Hosen anhat.

Aber auch ihre eigene jugendliche Tochter reagiert rebellisch gegenüber der Mutter – etwas, mit dem sich diese scheinbar inzwischen abgefunden hat. Die Beziehung innerhalb ihrer Familie scheint gestört, was sich auch dadurch äußert, dass Ehemann Ryan (James LeGros), wie zu Beginn zu sehen, eine Affäre mit Laura unterhält. Gänzlich weiblich, aber nicht minder kompliziert, ist das Verhältnis zwischen Beth und Jamie. Erstere hat aus einem Missverständnis heraus den Nachhilfekurs angenommen, für den sie zweimal die Woche insgesamt gut 16 Stunden pendeln muss. Für die zurückgezogen lebende, introvertierte Jamie ist der Kurs derweil das Highlight ihrer Woche.

Keine der Figuren, ob Mann oder Frau, wirkt wirklich glücklich. Eher konsterniert gehen Laura, Gina, Beth und Jamie die Dinge in ihrem Alltag an. Einblick in ihr Innenleben schenkt Certain Women seinem Publikum nicht, verrät aber auch so genug über die vier Frauencharaktere und ihren Platz im Leben. Fast schon meditativ verfolgt der Zuschauer die Entwicklungen, die mal mehr (Laura) und mal weniger (Gina) dramatische Züge annehmen. Zwar sind Laura, Gina und Beth beruflich selbstbestimmte Frauen, zugleich werden sie als solche aber nicht richtig von ihrem Umfeld wahrgenommen und akzeptiert. Außer eben, wie im Fall von Jamie, von anderen Frauen.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Kelly Reichardt hier zeichnet, sind glaubhaft – nicht zuletzt dank des starken Ensembles. Wo Reichardt-Veteranin Michelle Williams etwas untergeht (jedoch in der undankbarsten der vier Rollen), untermauern besonders die tolle Laura Dern sowie Kristen Stewart erneut ihre Klasse. Auch Lily Gladstone und Jared Harris setzen Akzente, sodass Certain Women vorzügliches Charakterkino ist. Es wäre leicht gewesen, die Geschichten aus der Perspektive der Männer zu erzählen. Dass dem nicht so ist und der Film von vier starken Frauenrollen dominiert wird, ist ein weiterer Weg hin zur Gleichberechtigung. Zumindest im Kino.

7/10

3. April 2008

Jurassic Park

I spared no expenses.

Ein dumpfes Trommeln ertönt, begleitet von einer leichten Erschütterung und es bilden sich zaghafte konzentrische Kreise in einem Wasserbecher auf der Amatur. Der Regeln prasselt gegen die Fensterscheibe und es bilden sich nochmals konzentrische Kreise im Wasserbecher. Und wo ist eigentlich die Ziege? Geschildert wird die Einleitung zu einer der großartigsten und bedeutendsten Filmszenen aller Zeiten, wenn nicht sogar die Mutter aller Filmszenen. Ein blutiger Ziegenschenkel knallt auf das Dach eines Mercedes Geländewagens und im strömenden Regen lösen sich die Vergitterungen eines über zwölf Meter hohen Zaunes. Die Menschheit wird Zeuge etwas bis dato nie da gewesenen: zögerlich stampft das Tyrannosauros rex Weibchen aus seinem Gehege und schenkt dem Publikum einen von George Lucas gestifteten markerschütternden Schrei.

Dieser „Schrei“ ist im Grunde die Aufnahme einer Flugzeugturbine und wer hätte gedacht, dass Flugzeugturbinen solche Geräusche machen können? In der ungewohnten Umgebung beschnuppert die Riesenechse den Geländewagen, als sie von Licht abgelenkt wird. Auftakt zu einem spannungsreichen ersten Klimax in einer Geschichte, die zu einem instant classic wurde und es im Grunde schon war, ehe sie das Licht der Leinwand erblickt hat. Der Angriff des Tyrannussauros auf den Mercedes Geländewagen ist unbestreitbar eine der großen Szenen der Filmgeschichte, gelang es erstmalig einen Dinosaurier glaubhaft auf die Leinwand zu zaubern. In und durch Jurassic Park schaffte Steven Spielberg den Traum aller kleinen Jungen auf Zelluloid zu bannen: einen Themenpark mit Dinosauriern, ein Meisterwerk der Filmgeschichte.

Für zwei Millionen Dollar sicherte sich Universal Pictures die Rechte an Michael Crichtons Roman Jurassic Park (bei uns als Dino Park erschienen) und beendete dadurch einen enormen Studio-Konkurrenzkampf. Während Universal mit Steven Spielberg um den Stoff buhlte, biederte sich Warner Bros. mit Tim Burton, Columbia mit Richard Donner und 20th Century Fox dagegen mit Joe Dante an. Universal obsiegte und bezahlte Crichton nochmaly eine halbe Million, damit er mit Drehbuchautor David Koepp das Drehbuch zum Film entwarf. Dabei begann die Vorproduktion sogar schon ehe Crichtons Roman überhaupt erschien, so sehr vertraute man auf den Erfolg der Geschichte. 1989 begann das Vorstadium des Filmes, ein ganzes Jahr bevor der Roman auf dem Markt kam. Später würde dies bei den zweiten Fortsetzungen eine noch bizarrere Steigerung erfahren.

Dabei wäre es fast nie zum Dinosaurier-Themenpark gekommen, hatte Crichton die Geschichte zu Beginn aus der Perspektive eines Kindes erzählt und dadurch das Interesse seiner Lektoren geschmälert. Erst nachdem er ein Erwachsenen zum Protagonisten wurde, kam deren Akzeptanz. Auf den Hawaii-Inseln begannen die Dreharbeiten zu diesem spektakulären Projekt, welches die interessantesten Casting-Pläne durchgemacht hatte. Die Hauptrolle des Dr. Alan Grant wurde zuerst Harrison Ford (den man nur zu gern als griesgrämigen Paläontologen erlebt hätte) und William Hurt angeboten, später wäre es fast Richard Dreyfuss geworden. Für die Figur der Ellie Sattler trat man an Robin Wright Penn und Juliette Binoche heran, als John Hammond war Sean Connery im Gespräch. Letztlich fielen die Namen aber eine Nummer kleiner aus.

Bereits den Auftakt hat Spielberg spannend gewählt, mit der Verfrachtung des Velociraptorweibchens in das Gehege und dem daraus resultierenden Unfall. Ein sicher besser gewählter Anfang wie der von Crichton, der ruhiger und wissenschaftlicher daherkommt. Exzellent geraten ist die Szene in der Bob Peck entgegen seiner Richtlinien ein “Shoot her!“ ruft und die Hand seines Angestellten allmählich durch seine Arme entgleitet. In der Folgeszene wird dann die Basis für den Rest des Filmes geschaffen: Der Unfall sorgt für eine Inspektion. Erste Zweifel werden also wach, ob es so schlau war, Dinosaurier in unsere Zeit zu katapultieren. Nunmehr konfrontiert Spielberg den Zuschauer mit seinem Hauptdarsteller, präsentiert diesen Charakter und seine anschließende Reise als Held.

Ein in seine Arbeit verliebter, Kinder verabscheuender Mann, dessen Arbeit von jemanden subventioniert wird, den er nicht kennt. Dr. Alan Grant, überzeugend gespielt von Sam Neill, ist sicher nicht der perfekte Held und im Gegensatz zu seinem Kollegen Indiana Jones kein Adrenalingeiler Abenteurer, kein „Rockstar“, sondern Wissenschaftler. Wie in Jurassic Park III wird ihn auch hier eine versprochene Finanzspritze zu einer gefährlichen Reise bewegen. Hier allerdings noch ins Unbekannte. Die erste Viertelstunde einschließlich der Ankunft auf Isla Nublar ist geprägt von John Williams kongenialem Score, einem seiner gelungensten Werke und durchzogen von den richtigen Stimmungsmomenten. Die exakt richtige tonale Ergänzung zu Spielbergs visuellem Bilderreigen.

Atmosphäre gewinnt der Film auch durch seine Ausstattung, dies zeigt sich bereits bei der Ankunft auf der Insel, wenn ocker-rote Geländewagen mit “Jurassic Park“-Emblem die Besucher abholen. Einen ersten Höhepunkt bildet dann der Auftritt des Brachiosauriers. Die Effekte überraschten, auch wenn sie inzwischen schlecht gealtert sind. Die Farbpunkte des Sauriers beißen sich mit der Umgebung, seine Animation ist überdeutlich. Wie bei allen anderen Dinosauriern tricksten die Macher schließlich, um die Tiere für das Publikum interessanter zu machen, der auf den Hinterbeinen stehende Brachiosaurus, der T-Rex mit eingeschränkter Sicht, der giftspuckende Dilophosaurier oder die Türen öffnenden Velociraptoren sind allesamt Abwandlungen für das Handlungsgeschehen (Crichton ließ die Raptoren in seinem Roman noch viel verrücktere Dinge machen).

Im Gesamtbild stört es schließlich auch nicht weiter, wenn der Raptor die Tür öffnet und die Kamera zur Klinke fährt. Spielberg zählt im Grunde zu den Regisseuren, die B-Movies auf Blockbuster-Niveau gedreht haben. Es soll unterhalten und soll fesseln, die Abänderungen an den Dinosauriern erfüllen diesen Zweck. Löblich dass Spielberg nicht dem Actiongehabe der Vorlage verfällt, auch wenn dies vordergründig an den technischen und finanziellen Engpässen gelegen haben dürfte. Doch gerade die Mitte mit der Verschanzung vor den Raptoren ist bei Crichton extrem unglaubwürdig ausgefallen (insofern man bei einem Themenpark mit Dinosauriern von Glaubwürdigkeit sprechen kann). Das Finale mit dem Raptorennest hätte man dann aber dennoch gerne gesehen, war es auch in den Kontext des Nintendo-Videospiels oder den nicht-kanonischen Comic-Band integriert.

Einziger Wermutstropfen sind die Kinderfiguren, Timmy und Alex, die den Handlungsablauf verzögern und ein typisches Spielberg-Merkmal darstellen (wobei man sich auch im Roman an ihnen stört). Dafür ist ihre Küchenszene mit den Raptoren außerordentlich stark und auch beim T-Rex-Ausbruch leisten sie ihren Beitrag. Die Rücksichtnahme, die durch sie erforderlich ist, hemmt die Geschichte jedoch zu einem astreinen Thriller zu geraten. Geradezu lachhaft im Grunde, wie Crichton dieses Schema in The Lost World exakt übernommen hat (Computernerd, Junge + Mädchen) und ironisch, dass es von Spielberg im Film nur halb übernommen wurde. Hervorzuheben sind hier direkten Vergleich neben den Dinosaurier-Auftritten besonders die Anfangsmomente, wenn die drei Wissenschaftler mit Hammonds Magnus opus vertraut gemacht werden.

Wie Sam Neill und Laura Dern ihre Überraschung beim Anblick des Brachiosaurier spielen ist ebenso herzlich, wie die spätere Begutachtung der Dinosauriereier im Genlabor. Auch ihr Moment bei der Rundtour, wenn sie ganz bockig und Wissenschaftler durch und durch sofort ins Labor wollen und die Sitzsperrung aufbrechen, zeugt wie vieles andere für Spielbergs hier löblichen Peter-Pan-Komplex. In jene Kategorie gehört auch die oben gelobte Ausstattung, die Inneneinrichtung des Besucherzentrums wie die grün-roten Tourwagen, die Infotour, das Raptor-Gehege, die Einbeziehung des Merchandise in der Hammond-Sattler-Einstellung. Der Film funktioniert einfach als Ganzes, als Symbiose aus Effekten, Musik und Ausstattung. Dabei ist Jurassic Park kein reines Entertainment-Kino, sondern trägt durchaus auch sozial-kritische Ansätze.

In dieser Hinsicht agiert speziell die Figur des Mathematikers Ian Malcom (Jeff Goldblum). Malcom ist nicht nur comic relief in Spielbergs Abenteuer, sondern das Gewissen der Handlung. Er verurteilt die Idee des Parks von Beginn an und fällt als Chaos-Theoretiker die treffende Diagnose, dass die Natur immer einen Weg findet. In bester Nietzsche-Manier gefällt auch seine Evolutionstheorie: Gott erschafft Dinosaurier, Gott zerstört Dinosaurier, Gott erschafft Adam, Adam zerstört Gott, Adam erschafft Dinosaurier. Seine These, dass zwei dominante Spezies verschiedener Zeitepochen nicht demselben Raum teilen können, teilen Grant und Sattler. Richtigerweise beschreibt Malcolm den Park als „Vergewaltigung der Natur“. Der menschliche Drang Gott zu spielen, gekoppelt mit seine, Gier nach Kapitalismus, hier personifiziert von Gennaro (Martin Ferrero).

Der Anwalt sieht nur das Vermögen, welches sich mit dem Park verdienen lässt, während Hammond im Grunde die Leinwandposition von Spielberg einnimmt und sehr viel sympathischer gezeichnet wird, als von Crichton in seinem Roman entworfen. Konsequenterweise ist der Gott-Komplex des Menschen zum Scheitern verurteilt, aufgrund des Drangs mehr zu wollen als man bereits hat. Diese Überheblichkeit findet sich in vielen der Figuren wieder, sei es Nedry, Gennaro oder Muldoon. Letzterer weiß zwar um die Gefahr der Raptoren weiß, schreitet dennoch nicht effektiv gegen diese ein. Natürlich stellt sich hier die Frage, warum man überhaupt zwei gefährliche Dinosaurierarten präsentieren musste, ebenso wie die Tatsache, dass es den Dinosauriern innerhalb weniger Wochen bereits gelingt, die von InGen kreierte Chromosombarriere zu überwinden.

Diese Logiklöcher - angeführt von dem größten, nämlich der Schlucht beim Tyrannosauros-Gehege - stören den Fluss der Handlung glücklicherweise nicht, der total von den Dinosauriern vereinnahmt wird. Spielberg gelingt es exzellent die schwachen Momente mit seinen Spannungsbögen zu übertünchen, sodass man sie bereitwillig vergisst. Jurassic Park ist einwandfreies und perfekt inszeniertes Mainstreamkino, ein fast makelloser Blockbuster und 1993 der erfolgreichste Film aller Zeiten. Bereits nach der ersten Woche hatte er 73% seiner Kosten gedeckt und gewann später noch drei Oscars. Die Dreharbeiten verliefen zudem so reibungslos, dass man zwölf Tage früher fertig war, als geplant, was umso erstaunlicher ist, da man das ursprüngliche Finale änderte und sich keine Mühe machte, die erste Variante zur Sicherheit dennoch zu drehen.

Der erste Rohschnitt ohne die Effekte war dann bereits nach wenigen Tagen fertig, weswegen sich Spielberg kurz darauf an Schindler’s List machen konnte. Die Studiobosse taten gut daran, Spielberg sein überschätztes Lebenswerk erst nach der Arbeit an Jurassic Park drehen zu lassen, wobei seine spätere Arbeit sich von der Glaubwürdigkeit auch nichts genommen hätte. So markierte Jurassic Park den letzten großen spielbergschen Entertainmentfilm, der als gelungen ertrachtet werden kann. Im Gegensatz zum zwar gut gemachten, aber auch extrem manipulativen und verklärenden Schindler’s List. Alle Filme nach Jurassic Park (The Lost World eingeschlossen) sind dann das, was Spielberg seither ausmacht: Ein familientauglicher Michael Bay, dessen Filme an seinen Stars festgemacht werden. Der alte Steven Spielberg ist ausgestorben.

8.5/10