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20. Februar 2017

Billy Lynn’s Long Halftime Walk

Just another normal day in America.

„Kennst du einen, kennst du alle“ ist eines der Sprichwörter, das man nur ungern auf einen Genre-Film anwendet. Gerade im Kriegsfilm begegnet einem jedoch immer wieder der Aspekt, dass der oder die heimkehrenden Soldaten aus einem Krieg sich nicht mehr mit dem Land identifizieren können, das sie im Ausland verteidigen. Und sich einfach wieder zurück an die Front sehen, welche die Daheimgebliebenen froh sind, allenfalls in den Nachrichten erblicken zu müssen. Ang Lees Adaption Billy Lynn’s Long Halftime Walk nach dem gleichnamigen Roman von Ben Fountain macht da keine Ausnahme, wenn die Geschichte einen Tag im Leben einer Infanterie-Einheit in der Heimat zwischen zwei Diensttouren im Irakkrieg begleitet.

Als er im Gefecht seinem Staff Sergeant rettend zur Seite springt und die Kamera einer Gruppe Journalisten dies festhält, wird Specialist Billy Lynn (Joe Alwyn) mit dem Silver Star ausgezeichnet und seine Einheit zu einer zweiwöchigen Propaganda-Tour in die Heimat geholt. “Right now, by the grace of God and the media, we’re the face of the American military”, fasst es Sergeant Dime (Garrett Hedlund) zusammen. Zum Abschluss ihrer Tournee sollen Billy und seine Einheit in der Halbzeit-Show eines Footballspiels an Thanksgiving mit Destiny’s Child auftreten. Zur selben Zeit versucht Hollywood-Produzent Albert (Chris Tucker), die Filmrechte der heldenhaften Mission zur finanziellen Absicherung der Jungs zu verkaufen.

Billy und seine Kameraden sind sichtlich irritiert ob des Lärms, der um sie gemacht wird. Dass sie als Helden gefeiert werden, während das betreffende Gefecht ihren Vorgesetzten Staff Sergeant Shroom (Vin Diesel) das Leben kostete. Bezeichnend, dass ihre Tournee weniger ein Ausflug von der Front ist, als eher eine Art weitere Mission. Zum einen stehen die acht jungen Männer repräsentativ für die Armee und dürfen sich nichts zu Schaden kommen lassen. Zugleich sehen sie in der Aufmerksamkeit die Chance, einen finanziellen Vorteil für sich ziehen zu können, zeigt laut Albert doch Hilary Swank Interesse daran, Billy in einer Filmadaption des Gefechts zu spielen. Was ihm und den anderen jeweils eine Beteiligung von $100,000 brächte.

Die Hauptfigur sieht sich jedoch einem anderen Konflikt gegenüber, treibt ihn doch seine ältere Schwester Kathryn (Kristen Stewart) dazu an, sich einer zweiten Diensttour in Irak zu verweigern. Er habe seine Schuldigkeit getan, sogar ausgezeichnet mit dem Silver Star. Im Verbund mit einem Arzt will sie, dass Billy zum Ende der Halbzeit-Show mit Verweis auf PTSD seinen Kriegsdienst verweigert. Dass der 19-Jährige im Stadion die liebenswerte Cheerleaderin Faison (Makenzie Leigh) kennengelernt hat, befeuert seine Zweifel nur noch, während Ang Lee immer wieder zu Rückblenden in den Irak schneidet, in denen insbesondere die Beziehung zwischen der gutmütigen Vaterfigur Shroom und seinen Männern um Billy im Fokus steht.

Im Kern erzählt Billy Lynn’s Long Halftime Walk dabei keine schlechte Geschichte. Ganz im Gegenteil, blitzen immer wieder die guten Ansätze der Handlung auf. Nur: Ang Lee weiß sie nicht wirklich zu nutzen, verliert sich stattdessen in einem pathetischen Schwulst romantischer Verklärung, gipfelnd in einer Rückblende, in der Shroom vor einem Gefecht jedem Kamerad seine Liebe gesteht. Lees Film will alles gleichzeitig haben: romantisches Drama sein und Anti-Kriegsfilm, aber ein solcher, der Respekt vor der Kameradschaft der Soldaten hat, während das alles in eine perfide Satire eingebettet ist. Leider ist der Film nichts davon wirklich respektive nicht genug von dem, was er sein sollte: ein satirischer Anti-Kriegsfilm.

Fountains Roman, den ich selbst nicht kenne, führt Wikipedia als eine solche Satire. Und jener Aspekt, dass Dime und Billy gemeinsam mit Albert versuchen, jemanden zu finden, der ihnen während ihrer 15 Minuten Ruhm die $900,000 für die Filmrechte zahlt, wäre der bedeutendste für Billy Lynn’s Long Halftime Walk gewesen. Dafür hätte Ang Lee den Film jedoch weg von The Hurt Locker und mehr in Richtung Wag the Dog steuern müssen. Was nicht bedeutet, die absurden Momente sind im fertigen Produkt nicht vorhanden – nur eben eher subtil eingestreut. Zum Beispiel wenn Billy und Kamerad Montoya (Arturo Castro) einen Joint mit einem Stadionmitarbeiter rauchen, der ihnen anvertraut, er überlege, sich ebenfalls zu verpflichten.

Es erwarte ihn dafür eine Prämie von $6,000 – was $6,000 mehr sind, als Billy und Montoya bekommen haben. Sowieso zeichnet die Infanterie aus, dass sie all jene anzieht, die es in der normalen Gesellschaft nicht weiterbringen. So will der Stadionangestellte mit seinem Militärdienst seine Familie unterstützen – aus einem ähnlichen Grund trat auch Billy ein. Kathryn hatte einst einen Autounfall, der ihr Gesicht entstellte, woraufhin sie ihr Verlobter verließ. Billy ramponierte dessen Wagen und kam um eine Anzeige nur herum, indem er sich zur Armee meldete. Dort, so macht Dime in einer Rückblende deutlich, scheint er gut aufgehoben. Hier hat er eine Bestimmung, die ihm in seiner Kleinstadt zuhause wohl verwehrt bliebe.

Über die anderen Männer der Einheit erfahren wir wenig bis nichts, auch Dime wird eher über seine Autorität als neuer Leader nach Shrooms Ableben charakterisiert. Shroom hingegen kommt im Film beinahe hagiographisch verklärt daher, stets lächelnd und spirituell angehaucht ist Diesels Figur schwer verdaulich. Genauso wie die Rückblenden zum Irakkrieg unnötig sind, da Lee in ihnen kaum den Konflikt vor Ort bebildert. Was der Krieg mit den sieben jungen Männern um die 20 angestellt hat, wird im Film abseits von Shrooms Tod nicht deutlich. Weshalb es gereicht hätte, davon zu reden, statt es mit leblosen Bildern zu untermalen. Vielmehr hätte Lee es für seinen Film und den Aspekt des verfolgten Films im Film sogar verklären können.

Was wirklich passiert wäre, bliebe ein Mysterium, da es Billy, Dime und Albert bei jedem Pitch variieren würden. Getreu dem Vorwurf, die Menschen daheim interessiert der Krieg im mittleren Osten gar nicht wirklich. Wie es ist, jemanden zu töten, wird Billy da in einer Szene vom Football-Team gefragt und auch Tim Blake Nelson stellt beim Mittagessen eine ähnliche Frage an die Soldaten. “If we didn’t enjoy killing people then what would be the point?”, erwidert Dime zynisch. “You might as well send the Peace Corps in to fight the war.” Die Dissonanz zwischen Soldat und Zivilist ist aber wie das meiste in Billy Lynn’s Long Halftime Walk nur eine Randnotiz. Und verpufft wie Kathryns Bestrebung, ihren Bruder aus der Armee zu lotsen.

Es bleibt somit offen, was Ang Lee letztlich seinen Zuschauern mitgeben möchte. Wir erfahren nicht genug von den Gräueln des Kriegs, als dass der Kontrast zwischen der alltäglichen Normalität daheim im Kontrast dazu stünde. Genauso wenig wie wir sehen, dass das Militär den jungen Männern eine Form von Stabilität und Halt gibt, die ihnen zuhause abging. Auch die Perversität, die Männer für das schlimmste Erlebnis ihres Lebens zu Helden zu stilisieren, während diese unter diesem Umstand versuchen, finanzielles Kapital daraus zu schlagen, indem sie Football-Besitzern wie Norm Oglesby (Steve Martin) die Filmrechte an ihrer Geschichte verkaufen wollen, geht letztlich in dem 0815-Kriegsheimkehrer-Schmalz von Lees Film unter.

Der behandelt die etwas aus dem nichts kommende Liebes-Romanze zwischen Billy und Faison etwas übertrieben aufrichtig, was konterkariert wird von Momenten, wenn die junge Frau ernsthaft vom spirituellen Aspekt des Cheerleadings faselt. Billy Lynn’s Long Halftime Walk ist somit weder Fisch noch Fleisch, von allem ein wenig, aber von nichts genug. Was etwas schade ist, da sich gerade Newcomer Joe Alwyn, Garrett Hedlund und die wie immer starke Kristen Stewart sichtlich Mühe geben, ihren teils flachen Charakteren ausreichend Leben einzuhauchen. Das übrige Ensemble schlägt sich ordentlich, vielmehr sind es gerade die namhafteren unter ihnen wie Chris Tucker, Steve Martin und Vin Diesel, die eher negativ auffallen.

Dass der neue Film von Ang Lee floppte, verwundert nicht wirklich. Nicht nur ist die Handlung zu unausgegoren und unfokussiert, der Taiwanese scheint sich zu sehr auf das Visuelle versteift zu haben. Von den 120 FPS und 3D ist in meiner Heimkino-Sichtung nichts geblieben, Sinn und Zweck würde ich aber auch aufgrund des Filmmaterials in Frage stellen wollen. Der digitale Look der F65 CineAlta von Sony trägt seinen Teil zur leblosen Künstlichkeit des Konstrukts bei. Billy Lynn’s Long Halftime Walk atmet kein Leben und wirkt nicht authentisch – dabei wäre das alles prinzipiell in den Händen der richtigen Leute vermeidbar gewesen. Was bleibt ist ein Werk, das man nicht gesehen haben muss. Auch das sagt man eher ungern über einen Film.

5.5/10

16. Januar 2017

Personal Shopper

R u alive or dead ?

Klassischer Weise bekunden Menschen ihr Missfallen im Theater oder Kino, indem sie Werke statt mit Applaus mit Buhrufen beschenken. Viel Aufhebens wurde gemacht, als vergangenes Jahr Olivier Assayas’ neuer Film Personal Shopper bei seiner Premiere auf dem Filmfestival Cannes ausgebuht wurde. Dabei sind Buhrufe speziell in Cannes kein wirklich schlechtes Zeichen – das Gegenteil ist sogar fast der Fall. Schließlich wurden seiner Zeit auch schon Martin Scorseses Taxi Driver und Terrence Malicks The Tree of Life auf dem französischen Filmfest ausgebuht und gewannen am Ende doch die Palme d’Or. Für die reichte es am Ende zwar bei Personal Shopper nicht, dafür wurde Assayas für seine Regie des Geister-Thrillers ausgezeichnet.

Dieser dreht sich um die titelgebende persönliche Einkäuferin Maureen (Kristen Stewart), die für das Model Kyra (Nora von Waldstätten) in Paris Modeartikel und Accessoires verschiedener Boutiquen ausleiht. Ein Job, der Maureen wenig Freude bereitet, es ihr aber immerhin ermöglicht, vorerst in der französischen Hauptstadt zu bleiben. Dort wartet sie auf ein spirituelles Zeichen ihres drei Monate zuvor verstorbenen Zwillingsbruders Lewis, der wie sie ein Medium war. Die Geschwister versprachen sich, das derjenige, der zuerst stirbt, dem anderen ein Zeichen aus dem Jenseits gibt. Zwar erhält Maureen kurz darauf Rückmeldungen, allerdings von einem Unbekannten via iMessage. Ein Kontakt, der bald immer intensivere Ausmaße annimmt.

An sich besteht Personal Shopper aus drei Akten, angefangen mit Maureens Suche nach einer Botschaft von Lewis. Der erlag einem angeborenen Herzleiden, das auch seinen Zwilling befallen hat. Was erklären mag, wieso diese so auf eine Antwort des verstorbenen Bruders fixiert ist. Derweil sind dessen Freunde interessiert an Lewis’ Haus, das dieser renoviert hat. Wollen aber zuvor von Maureen wissen, wie es um einen Geist auf dem Anwesen bestellt ist. “We need to know if it’s benevolent or not”, so ihre Intention. Der Tod von Lewis ist offensichtlich etwas, mit dem auch sein Bekanntenkreis und seine Freundin (Sigrid Bouaziz) abschließen müssen. “I just need to see it to the end”, gesteht Maureen ihrem eigenen Freund Gary (Ty Olwin).

Die Geister-Story des ersten Akts weicht dann im zweiten einem sich langsam entwickelnden Thriller-Element, wenn Maureen auf einer Geschäftsreise nach London erstmals von einem vermeintlich Unbekannten per iMessage kontaktiert wird. Obschon für den Zuschauer keine Zweifel an der Identität von Maureens Gegenüber bestehen und sie selbst im Grunde auch keine haben sollte, inszeniert Assayas die Sequenz so, als wäre Maureen im Ungewissen, ob sie mit Lewis schreibt oder jemand anderem. Ärgerlich wird es dann, wenn der Film im Folgenden immer wieder zu Maureens iPhone zurückschneidet, während diese ein persönliches Frage-Antwort-Spiel mit ihrem Gegenüber beginnt, in dem sie sich verstärkt öffnet.

Stewarts Figur will jemand anderes sein, weiß aber nicht genau wer. Es reizt sie, all die Kleidung anzuprobieren, die sie für Kyra organisiert, was diese ihr jedoch untersagt hat. Von Waldstätten ist die meiste Zeit nicht präsent, über ihre Kyra wird mehr geredet als diese selbst zu Wort kommt. Als “pain in the ass” beschreibt sie Maureen gegenüber Kyras Liebhaber Ingo (Lars Eidinger), vom Ruf als “monster” berichtet eine Fotografin bei einem bevorstehenden Shooting. “No desire if it’s not forbidden”, neckt ihr Chat-Partner Maureen später, sodass diese sich in voller Montur in Kyras Outfit wirft, während die Szene von Conradin Kreutzers „Hobellied“ unterlegt wird. Der Geister-Aspekt und Lewis sind zu diesem Zeitpunkt bereits in den Hintergrund gerückt.

Das zuvor eher seichte Thriller-Element nimmt in der ersten Hälfte des Schlussaktes dann zu, ehe die Anspannung gelöst wird und Personal Shopper in seinen Epilog übergeht, der wieder zu dem spiritualistischen Thema zu Beginn zurückkehrt. Olivier Assayas versucht in seinem jüngsten Werk (zu) viele Ideen und Genre-Aspekte zu vermengen, was an sich interessant ist und gerade im ersten und dritten Akt weitestgehend funktioniert, nur verheddert er sich dabei bisweilen auch derart, dass manches auf der Strecke bleibt. Getragen wird der Film dabei durchweg von der wie immer überzeugenden Kristen Stewart, die aus dem Material das Maximum herausholt. Zumindest sie wird wohl keine Buhrufe befürchten müssen.

7/10

15. Oktober 2016

Certain Women

I wonder how much more there might be buried here.

Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist ein Thema, dass immer noch unsere Gesellschaft dominiert. Weil sie leider auch im Jahr 2016 noch nicht erreicht ist. Frauen verdienen weniger Geld für dieselbe Arbeit und werden zugleich bei dieser benachteiligt. Davon können auch die Damen in Hollywood ein Lied singen, wo sich unter anderem Jennifer Lawrence für ihr Geschlecht stark macht. Und auch wenn wohl in Kürze mit Hillary Clinton erstmals eine Frau die Vereinigten Staaten von Amerika anführen wird und Comic-Superhelden wie Thor und Iron Man ihr Y-Chromosom verlieren, sind Filme wie Kelly Reichardts Certain Women die Ausnahme der Regel.

In drei Geschichten, die sehr lose Bezug zueinander nehmen, rückt die Regisseurin – wie der Titel impliziert – Frauen in den Fokus. So sieht sich Rechtsanwältin Laura (Laura Dern) mit einem Mandanten (Jared Harris) konfrontiert, der gegen seine Entlassung juristisch vorgehen will. Gina (Michelle Williams) versucht derweil nach einem Camping-Trip mit Ehemann und Tochter für Bauzwecke einem Einsiedler seinen begehrten Sandstein abzuschwatzen. Die junge Anwältin Beth wiederum gibt widerwillig die Dozentin in einem Kurs für Schulrecht und weckt dadurch das Interesse der zufällig daran teilnehmenden Pferdehof-Rancherin Jamie (Lily Gladstone).

Nacheinander widmet sich Kelly Reichardt in rund halbstündigen Segmenten jeder der drei Geschichten, die thematisch von den beruflichen wie privaten Beziehungen der Figuren erzählen. Zugleich aber auch von der Rolle der vier Frauen und ihrer Wahrnehmung in der Gesellschaft. So hat Laura ihrem Mandanten über Monate mehrfach die Aussichtlosigkeit seines Falles vor Augen geführt, wahrhaben will er diese jedoch erst, als sie ihn für eine zweite Meinung zu einem männlichen Kollegen schleppt. Auch Gina muss sexuelle Diskriminierung erleben, wenn der Einsiedler mehr Wert auf die Worte ihres Mannes legt, obschon sie es ist, die beruflich die Hosen anhat.

Aber auch ihre eigene jugendliche Tochter reagiert rebellisch gegenüber der Mutter – etwas, mit dem sich diese scheinbar inzwischen abgefunden hat. Die Beziehung innerhalb ihrer Familie scheint gestört, was sich auch dadurch äußert, dass Ehemann Ryan (James LeGros), wie zu Beginn zu sehen, eine Affäre mit Laura unterhält. Gänzlich weiblich, aber nicht minder kompliziert, ist das Verhältnis zwischen Beth und Jamie. Erstere hat aus einem Missverständnis heraus den Nachhilfekurs angenommen, für den sie zweimal die Woche insgesamt gut 16 Stunden pendeln muss. Für die zurückgezogen lebende, introvertierte Jamie ist der Kurs derweil das Highlight ihrer Woche.

Keine der Figuren, ob Mann oder Frau, wirkt wirklich glücklich. Eher konsterniert gehen Laura, Gina, Beth und Jamie die Dinge in ihrem Alltag an. Einblick in ihr Innenleben schenkt Certain Women seinem Publikum nicht, verrät aber auch so genug über die vier Frauencharaktere und ihren Platz im Leben. Fast schon meditativ verfolgt der Zuschauer die Entwicklungen, die mal mehr (Laura) und mal weniger (Gina) dramatische Züge annehmen. Zwar sind Laura, Gina und Beth beruflich selbstbestimmte Frauen, zugleich werden sie als solche aber nicht richtig von ihrem Umfeld wahrgenommen und akzeptiert. Außer eben, wie im Fall von Jamie, von anderen Frauen.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Kelly Reichardt hier zeichnet, sind glaubhaft – nicht zuletzt dank des starken Ensembles. Wo Reichardt-Veteranin Michelle Williams etwas untergeht (jedoch in der undankbarsten der vier Rollen), untermauern besonders die tolle Laura Dern sowie Kristen Stewart erneut ihre Klasse. Auch Lily Gladstone und Jared Harris setzen Akzente, sodass Certain Women vorzügliches Charakterkino ist. Es wäre leicht gewesen, die Geschichten aus der Perspektive der Männer zu erzählen. Dass dem nicht so ist und der Film von vier starken Frauenrollen dominiert wird, ist ein weiterer Weg hin zur Gleichberechtigung. Zumindest im Kino.

7/10

1. September 2015

Filmtagebuch: August 2015

’71
(UK 2014, Yann Demange)
6.5/10

BALLERS – SEASON 1
(USA 2015, Julian Farino u.a.)
6.5/10

BOBBY FISCHER AGAINST THE WORLD [ZUG UM ZUG IN DEN WAHNSINN]
(USA/UK 2011, Liz Garbus)

6/10

CAKE
(USA 2014, Daniel Barnz)
5.5/10

CAMP X-RAY
(USA 2014, Peter Sattler)
6/10

THE FARM: ANGOLA, USA
(USA 1998, Liz Garbus/Jonathan Stack)
5/10

GINGER SNAPS
(CDN 2000, John Fawcett)
4/10

GIRLHOOD
(USA 2003, Liz Garbus)
5.5/10

GREY’S ANATOMY – SEASON 2
(USA 2005/06, Peter Horton u.a.)
7/10

THE GUEST
(USA/UK 2014, Adam Wingard)
10/10

THE IMITATION GAME
(UK/USA 2014, Morten Tyldum)
4.5/10

LOVE, MARILYN
(USA/F 2012, Liz Garbus)
4.5/10

MAY
(USA 2002, Lucky McKee)
5/10

A MOST VIOLENT YEAR
(USA/UAE 2014, J.C. Chandor)
6/10

PIRANHA
(USA 1978, Joe Dante)
3.5/10

PIRANHA 3D
(USA 2010, Alexandre Aja)
5.5/10

PONTYPOOL
(CDN 2008, Bruce McDonald)
5.5/10

RESIDENT EVIL
(USA/UK/D/F 2002, Paul W.S. Anderson)
5/10

RESIDENT EVIL: APOCALYPSE
(USA/UK/D/F/CDN 2004, Alexander Witt)
4/10

RESIDENT EVIL: EXTINCTION
(USA/UK/D/F/AUS 2007, Russell Mulcahy)
3/10

RESIDENT EVIL: AFTERLIFE
(USA/D/F/CDN 2010, Paul W.S. Anderson)
3.5/10

RESIDENT EVIL: RETRIBUTION
(USA/D/F/CDN 2012, Paul W.S. Anderson)
1/10

SELMA
(USA/UK 2014, Ava DuVernay )
6/10

STILL ALICE
(USA/F 2014, Richard Glatzer/Wash Westmoreland)
6.5/10

TRUDNO BYT BOGOM [ES IST SCHWER, EIN GOTT ZU SEIN]
(RUS 2013, Aleksey German)

3/10

TRUE DETECTIVE – SEASON 2
(USA 2015, Justin Lin/John Crowley u.a.)
6.5/10

WET HOT AMERICAN SUMMER
(USA 2001, David Wain)
9/10

WET HOT AMERICAN SUMMER: FIRST DAY OF CAMP
(USA 2015, David Wain)
7/10

WHAT HAPPENED, MISS SIMONE?
(USA 2015, Liz Garbus)
5/10

ZOMBEAVERS [ZOMBIBER]
(USA 2014, Jordan Rubin)

3/10

Retrospektive: Die Top Five 2012


DRIVE
(USA 2011, Nicolas Winding Refn)
8.5/10

THE IMPOSTER [DER BLENDER]
(UK 2011, Bart Layton)

8.5/10

AMOUR [LIEBE]
(F/D/A 2012, Michael Haneke)

8/10

BEASTS OF THE SOUTHERN WILD
(USA 2012, Benh Zeitlin)
8/10

THE INTERRUPTERS
(USA 2011, Steve James)
10/10

13. Oktober 2012

Snow White and the Huntsman vs. Mirror Mirror

Kreativität in Hollywood ist seit längerem eine eher rare Sache. Und wenn es eine Idee für einen Film gibt, haben sie oftmals mehrere Personen gleichzeitig. Sozusagen. Daher veröffentlichten 1998 sowohl Pixar als auch DreamWorks je einen Film über Ameisenhelden (A Bug’s Life vs. Antz). Im selben Jahr drohte zudem sowohl in Deep Impact als auch in Armageddon ein Meteorit die Erde auszulöschen. Auch sonst leuchten die Glühbirnen gerne mal doppelt auf. So waren ursprünglich zwei unterschiedliche Filme über Frida Kahlo als auch Sherlock Holmes geplant, produziert wurden letztlich nur Frida und Sherlock Holmes, während die Projekte um Jennifer Lopez beziehunsweise Sacha Baron Cohen auf Eis gelegt wurden.

Die Liste der filmthematischen Doppelgänger ließe sich fortsetzen mit den 2006er Zauberer-Mysterien The Prestige und The Illusionist, den Mars-Missionsfilmen aus dem Jahr 2000, Mission to Mars und Red Planet, oder den Vulkan-Dramen Dante’s Peak und Volcano von 1997. Dieses Jahr erschienen im Abstand von wenigen Wochen Snow White and the Huntsman und Mirror Mirror, zwei unterschiedliche Adaptionen der Schneewittchen-Mär der Gebrüder Grimm. Der eine Film war düster gehalten, der andere dagegen bunt. Aber welcher ist nun besser oder gut? An dieser Stelle soll anstatt eines gewöhnlichen Reviews ein Head-to-Head feststellen, wer die Schönste (Verfilmung) im ganzen Land ist.

Snow White

Auf der einen Seite haben wir Twilight-Vamp Kristen Stewart, die mit Schnutengesicht im Kerker gehalten und dennoch eines Tages vom Zauberspiegel zur “fairest of them all” gekürt wird. Es zählen eben die inneren Werte. Anschließend auf der Flucht und in steter Not, ist sie bis zum Finale abhängig von ihren männlichen Protagonisten, sodass Snow White and the Huntsman gar nicht so emanzipiert daherkommt, wie man zuvor vielleicht hätte vermuten können. Stewart bleibt dabei ähnlich blass wie in ihren bisherigen Filmen, mit einer pathetischen Kriegsrede à la Jeanne d’Arc als grausigem Highlight. Sex-Appeal-Faktor: 15%

Weitaus puppenhafter und lebendiger kommt dagegen Phil Collins’ Tochter Lily daher, die ebenfalls eine Gefangene der bösen Königin ist, wenn auch sehr viel sauberer im privaten Schlafgemach gehalten. Wieso beide Königinnen die Mädchen am Leben erhalten, bleibt allerdings offen. Die Snow White in Mirror Mirror ist sehr viel selbstbestimmter und aktiver als die stewartsche Version. Sie übernimmt das Kommando im Zwergenhaushalt, wird per Montage zur kampferprobten Mini-Amazone und wirkt besser ausgearbeitet, was vielleicht daran liegt, dass die Figur näher an der Disney-Version orientiert ist. Sex-Appeal-Faktor: 85%

The Evil Queen

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann schreit Charlize Theron noch heute. Sich total der Hysterie hingebend, keift die Südafrikanerin den Großteil ihrer Dialogzeilen und ist angetrieben vom Wahn nach ewiger Jugend. Oder ewiger Macht. Oder beidem. Scheinbar mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet, die nie vollends erklärt werden (ihr Bruder hat jedenfalls keine), lässt ihre tyrannische Ravenna das Land vor die Hunde gehen, weil das eben das ist, was Tyrannen so machen. Da Geschrei aber nicht sonderlich maliziös ist und Theron jegliche Selbstironie abgeht, fehlt es auch dieser Figur schlicht an Charakter. Bitch-Faktor: 30%

Völlig von der Erde losgelöst spielt dagegen Julia Robert genüsslich ihre böse Königin mit ordentlich Hang zur Selbstironie (“They’re not wrinkles. They’re just crinkles”) und einem gehörigen Schuss Sarkasmus. Zwar fehlt auch ihrer Figur die Motivation, ebenso wie ihre Beziehung zum Zauberspiegel offene Fragen zurücklässt, aber Roberts ist einer der Höhepunkte des Films. Insbesondere ihre Dialoge mit Nathan Lane, aber auch ihr im Übermaß ausgelebter Hang zum Narzissmus zeichnen die Figur aus, die letztlich nur darunter leidet, dass ihr das Drehbuch ein ausgesprochen schwaches Finale zugestanden hat. Bitch-Faktor: 70%

The Love Interest

Es ist schon bemerkenswert, dass Kristen Stewart auch in Snow White and the Huntsman wieder gleich zwei love interests an die Backe geschmiert bekommt. Das kennt sie ja bereits aus den Twilight-Filmen oder Adventureland. Ähnlich wie dort sind sie einem auch hier ziemlich Jacke wie Hose, sowohl Chris Hemsworths charmefreier Antiheld „Eric“ aka der Jägersmann als auch Sam Claflins aufrechte Jugendliebe. Ersterer versucht sich (und scheitert) als verwitweter Alkoholiker in einer Rolle, für die er zu jung scheint. Letzterer hat von vorneherein den Kürzeren gezogen, da er in der Friend Zone festhängt. Mr. Right-Faktor: 50%

Ein völlig anderes Kaliber ist dagegen Armie Hammers Prinz Alcott, der als treudoofer Naivling zum Liebesobjekt für Snow White und zum Goldesel für die Königin avanciert. Letztlich dient Hammers Prinzenrolle eher dem comic relief, sodass ihm zumindest Hemsworths Macho-Figur bei einer direkten Konfrontation problemlos den Gar ausmachen würde. Da in Mirror Mirror jedoch weniger aufgesetzte Pseudo-Seriosität von Bedeutung ist, denn selbstironische Persiflage, fällt Alcotts peinliches Welpenverhalten weniger negativ auf als man erwarten würde. Zudem wirkt seine Zuneigung zu Snow White aufrichtiger. Mr. Right-Faktor: 50%

The Dwarves

Welche Rolle die Zwerge in Snow White and the Huntsman spielen, merkt man bereits am Titel: Sie wurden schlichtweg ersetzt. Zwar prominent gecastet sind sie jedoch extrem unpräsent, abgesehen vom Übergang des zweiten zum dritten Akts. An und für sich würde der Film auch ohne sie genauso funktionieren, da sie einem schlicht nicht in Erinnerung bleiben. Einige von ihnen wie Ian McShane, Ray Winstone oder Nick Frost sind eklatant unterfordert, außer Eddie Marsan und Toby Jones kriegt auch keiner von ihnen – bis auf den achten Zwerg, dessen Schicksal vorhersehbar war – wirklich einen Charakter. Heigh-Ho-Faktor: 15%

Anders dagegen in Mirror Mirror, wo schon allein die Tatsache ins Auge springt, dass es sich um eine Multi-Ethnische-Zwergentruppe handelt. Vom Asiaten über den Latino bis hin zum Kaukasier stellen sie hier mehr eine Art Zusammenschluss dar, weniger einen Familienverbund. Außerdem sind sie auch weitaus mehr in die Handlung eingebunden und verfügen dementsprechend über klar erkennbare Persönlichkeiten – was sie am meisten von ihren Pendants des anderen Films unterscheidet. Bis auf den etwas nervigen Wolf sind sie auch allesamt ziemlich liebenswert in ihrer oftmals anarchischen Art und Weise. Heigh-Ho-Faktor: 85%

The Mirror

Nun zum Zauberspiegel, der als eine Art Schönheits-11880 die eigentliche Handlung erst lostritt und damit zumindest eine untergeordnete Rolle einnimmt. In Snow White and the Huntsman ist er ein riesiger Gong aus dem heraus sich eine verhüllte Gestalt herausmorpht. Matrix trifft Herr der Ringe. Er ist es, der die in ihrem eigenen Dreck dahinvegetierende Snow White zur “fairest of them all” erhebt – und sie damit zur Zielscheibe macht. Ähnlich übertrieben aufwendig inszeniert wie Tarsems Pendant, bedenkt man, dass der Spiegel im weiteren Verlauf kaum eine Rolle spielt und hier in der 2. Hälfte somit fehlt. Wiedererkennungs-Faktor: 40%

Wie in allen anderen Bereichen gerät der Spiegel in Mirror Mirror weitaus lebendiger. Hier ist er ein Doppelspiegel, in welchem sich Roberts’ böse Königin mit sich selbst konfrontiert sieht, was dem Ganzen eine weitaus psychologischere Ebene verleiht. Warum der Spiegel in einer Art Resort-Hütte im Meer beheimatet ist, bleibt allerdings ebenso offen wie seine Herkunft und Funktionsweise. Immerhin wird er aber im Finale nochmals zur Sprache gebracht und mit dem Geschehen in der „Realität“ verknüpft und ist durch seine Doppeldeutigkeit nicht nur Hokuspokus, sondern eine Art Meta-Kommentar. Wiedererkennungs -Faktor: 60%

The Minion

Was wäre ein Bösewicht ohne seinen Lakai als treuen Diener? Ravenna hat in Finn ein blondes Brüderlein mit bescheuerter Frisur, der auf irgendeine Art und Weise von seiner Schwester über die Jahre hinweg jung gehalten wurde – zumindest relativ gesehen. Ihm ist es zu verdanken, dass Snow White zur Mitte des ersten Akts hin ausbrechen kann und auch später ist er seiner Schwester keine sonderlich große Hilfe. Offen bleibt, wozu man den Jägersmann engagiert hat, wenn Finn und Co. ohnehin auch in den dunklen Wald gehen. Dass er von Depri-Alki Eric später problemlos kalt gemacht wird, spricht auch nicht wirklich für ihn. Support-Faktor: 40%

Ein völlig anderes Kaliber ist dagegen Nathan Lane als passend benannte Ulknudel Brighton. Gekonnt spielt er sich mit Roberts die Bälle hin und her und fungiert als vergnüglicher aber nie lächerlich werdender Hilfsdiener. Genauso wie im Zwillingsfilm ist es dem Lakaien zu verdanken, dass Snow White entkommen kann und ihrem Tod entgeht. Brighton wird dafür auch in kafkaesker Weise bestraft. Mit seinem komödiantischen Charme passt Lane sehr viel besser in Mirror Mirror als auf der Gegenseite der mürrisch dreinblickende Sam Spruell. Letztlich hätte Tarsems Film wohl von noch mehr Lane-Roberts-Momenten sogar profitiert. Support-Faktor: 60%

The Monster

Paradoxerweise trumpfen beide Filme auch mit einer Bestie im Wald auf. In Snow White and the Huntsman ist sie Wikipedia zufolge ein Troll, der von seiner Gestaltung so aussieht, als hätten die Designer zu viele Filme von Guillermo del Toro geschaut. Optisch zwar durchaus ansprechender und zudem bedrohlicher wirkend als sein Kollege in Mirror Mirror, taucht der Troll jedoch so plötzlich auf wie er verschwindet – letztlich ohne einen Zweck zu erfüllen. Damit ist er Bestandteil eines ohnehin ziemlich unsinnigen zweiten Akts, in welchem Rupert Sanders’ Adaption auf einmal märchenhaft wirken will – und dabei scheitert. Freak-Faktor: 50%

Dem Schema treu bleibend erinnert die Bestie bei Tarsem eher an einen Bastard aus Fuchur der Unendlichen Geschichte und Mushu aus Mulan. Ein Kuddelmuddel aus verschiedenen Tieren, sucht die Bestie hier den Wald heim – zumindest laut Brighton. Da man das Monster aber bis zum Finale nicht zu Gesicht kriegt und ansonsten sogar die Zwerge als die weitaus „gefährlicheren“ Waldbewohner anmuten, erfüllt auch dieses Monster im Grunde keinen rechten Zweck. Das ist der schwachen Exposition geschuldet, aber auch dem Finale, das wie bereits mehrfach angesprochen in Mirror Mirror leider ziemlich verschenkt wird. Freak-Faktor: 50%

The Castle

Ein Großteil beider Handlungen spielt in dem jeweiligen königlichen Schloss. Die Chance für Snow White and the Huntsman auch mal eine Rubrik für sich zu entscheiden. Das Schloss am Strand kommt genauso düster daher wie der Rest des Films, macht jedoch strategisch um einiges mehr Sinn als die Version von Tarsem. Abgeschottet mit dem Meer im Rücken ist es sehr gut zur Verteidigung gedacht, bedenkt man, dass Angreifer nur über einen schmalen Sandstreifen und auch hier scheinbar nur während Ebbe attackieren können. Snow White und ihre Zwergenarmee schaffen es dennoch. Märchenschloss-Faktor: 80%

Weitaus unsinniger und zudem optisch nicht besonders ansprechend gerät das Schloss in Mirror Mirror. Wie ein liebloser Hinterhof-Kreml sieht es aus und ist am Ende eines Felsvorsprungs beheimatet. Damit ist auch dieses Schloss nur von einer Seite aus zu attackieren, sodass es sich zwar gut verteidigen, allerdings auch gut abschotten lässt. Würde man sich bemühen, die kurze Felsverbindung zu zerstören, wäre das Königshaus erstmal auf sich allein gestellt, während man sich das Königreich einverleibt. Strategisch wie optisch zieht Tarsems ziemlich lieblose Variante klar den Kürzeren – enttäuschend. Märchenschloss-Faktor: 20%

The Tone

Abschließend soll nochmals auf den Grundton der zwei Filme eingegangen werden. Snow White and the Huntsman versucht sich als düstere und seriöse Adaption des Schneewittchen-Stoffs, macht aber speziell im zweiten Akt viel falsch. Sei es Snow Whites drogeninduzierter Spaziergang durch den dunklen Wald, die Begegnung mit dem Troll oder die darauf folgende quietschbunte und somit farbharmonisch beißende Episode im “happy place”. Der Film ist voller unsinniger oder verschenkter Momente, denen bei aller Ernsthaftigkeit ein gewisses Maß an Selbstironie oder Aufgelockertheit nicht geschadet hätte. Atmosphäre-Faktor: 25%

Wie man es – zumindest zu einem Großteil – richtig macht, zeigt dagegen Tarsem Singh mit Mirror Mirror. Einer optisch wie narrativ quietschbunten Verfilmung derselben Story, die sich zu keinem Zeitpunkt ernst nimmt, sondern im Gegenteil mit einigen Elementen des Märchens wie dem vergifteten Apfel geschickt spielt. Letztlich hätte noch mehr Anarchie dem Film gut getan, überzeugt er doch gerade in seinen Gaga-Momenten. Warum das Finale so in den Sand gesetzt wurde, bleibt zwar rätselhaft, aber der herrliche Bollywood-Abspann macht dann wieder ordentlich Spaß und passt zur vorherigen Tonalität. Atmosphäre-Faktor: 75%

Fazit

Tarsem wusste, was er erzählen wollte und wie er es erzählen wollte. Über weite Strecken hat dies auch perfekt funktioniert. Dagegen kommt Rupert Sanders’ Film als Kuddelmuddel daher, das zwar erfolgreicher an den Kinokassen lief, bei dem der Regisseur aber aufgrund anderer Umstände nicht mehr beim kolportierten Sequel mit an Bord sein wird. Die Frage, welches der schönste Schneewittchen-Film im Land ist, lässt sich somit nach einem klaren 8:3-Sieg aus dem Head-to-Head-Direktvergleich ziemlich eindeutig beantworten. Winner by defeat: Mirror Mirror!

6. Februar 2008

Into the Wild

Wind in my hair, I feel part of everywhere.
(Eddie Vedder - “Guaranteed")

Wer kennt sie nicht, die 68er Generation, rund um Rockmusik und Rebellion, Aufstand gegen das Altbewährte und für das Neue. Eines dieser Gesichter in Deutschland war Rudi Duttschke, stehend für eine junge Generation mit Zug zur Freiheit. Ein Film begleitete jahrelang dieses Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit: Easy Rider, unter der Regie von Dennis Hopper 1969 in die amerikanischen Kinos gebracht. Zwei Männer, zwei Motorräder und die weite Leere der amerikanischen Straßen vor sich, dabei von einem Drogenrausch in den nächsten düsend. „Wir sehnen uns nach der absoluten Freiheit, und der Weg dorthin führt immer gen Westen“, schrieb einst Wallace Stegner und spricht damit dem Ur-Instinkt eines jeden Lebewesens aus der Seele.

Freiheit. Was Hopper seiner Zeit gemäß als Drogenrausch und Widersetzung gegen das Establishment inszenierte, ist heute nur noch im Kontext seiner Zeit begreifbar, identifizieren kann man sich damit nicht mehr. Das ändert jedoch nichts am menschlichen Wunsch nach Freiheit, ist in den meisten Ländern wie Deutschland doch eine Gefängnisstrafe die höchste Bestrafung die jemand drohen kann, der gegen die Gesetze seiner Gesellschaft verstößt. Wer sich nicht fügt, der büßt seine Freiheit ein und um diese zu wahren, muss man nach den Regeln spielen. Es ergibt sich von selbst, dass das, was dem Otto-Normalbürger als Freiheit vorkommt, nichts weiteres ist, als ein weiteres, selbstauferlegtes Gefängnis. Dahingestellt ob Gesetze gut oder schlecht sind, gibt jeder Bürger und jede Bürgerin einen Teil seiner beziehungsweise ihrer Freiheit auf innerhalb einer sozialen Gesellschaft.

Sommer 1990: der 22-jährige Christopher McCandless (Emile Hirsch) hat seinen Universitätsabschluss in Politik gemacht und spielt mit dem Gedanken an ein Jurastudium in Harvard. Doch dazu kommt es nicht, denn der junge Mann, der jahrelang mit seiner Schwester unter den elterlichen Streitereien und einem dunklen Familiengeheimnis litt, hat seinen eigenen Plan gefasst. Seine Ersparnisse von $24.000 spendet er wohltätigen Zwecken, alle seine Ausweise und Papiere vernichtet er. Gegenüber seinen Eltern verliert er kein Wort, wohlwissend, dass diese ihn niemals unterstützen würden – zu spießig sind sie. Auch sein Auto verliert Chris bald und an einer Raststätte lässt er sogar seine alte Identität zurück. Fortan nennt er sich Alexander Supertramp und lebt von dem Inhalt seines Rucksacks, schläft in einem Campingzelt.

Sein Ziel ist Alaska, wo er mehrere Monate frei in der Wildnis leben will, fernab von der verrotteten Gesellschaft, in der jeder Mensch sich nur Böse verhält. Auf seiner Reise begegnet Chris immer wieder verschiedenen Personen: wie Wayne (Vince Vaughn), einem vom FBI-gesuchten Farmer, zwei flippigen Dänen oder dem Alt-Hippie-Pärchen und vermutlichen 68ern Jan (Catherine Keener) und Rayne (Brian Dierker). Über Mexiko gelangt Chris nach Kalifornien und schließlich gen Norden, an die Grenze der USA. Zu allen seinen Bekanntschaften wie Wayne, Jan, dem Trailer-Park-Girl Tracy (Kristen Stewart) oder dem verwitweten Ex-Soldaten Ray (Hal Halbrook) entwickelt Chris enge zwischenmenschliche Beziehung, dennoch ist er bestrebt, seiner Reise nach Alaska keinen Einhalt zu gewähren.

Die Geschichte von Christopher McCandless erzählt wahre Begebenheiten. Am 18. August 1992 wurde er tot in einem alten Bus mitten in der Wildnis gefunden. Vollkommen abgemagert sowie einen leeren Fünf-Kilo-Reissack und ein Jagdgewehr neben sich. Die genaue Todesursache ist bis heute ungeklärt, der Journalist Jon Krakauer, der die Erlebnisse des Twen 1993 in einem Artikel im Outside Magazin und drei Jahre später in dem Roman Into the Wild verarbeitete, sieht eine Vergiftung von Pflanzensamen als Todesursache. Sean Penn sicherte sich die Rechte an Krakauers Roman und verarbeitet den Stoff in seiner vierten Regiearbeit. Bis in die Nebenrollen namhaft besetzt und mit einem Soundtrack von Pearl Jams-Frontmann Eddie Vedder ausgestattet, orientierte sich der Film an Krakauers Roman sowie an Interviews mit den Personen, denen Chris auf seiner Reise begegnete.

Wie alle von Penns Filmen zeichnet sich auch Into the Wild vor allem durch seine Bildstärke aus. Chris’ Reise wird von dem Regisseur mit vielen großartigen Landschaftsaufnahmen porträtiert, die allesamt an den Originalschauplätzen stattgefunden haben. Die ganze Schönheit Alaskas oder der Felder South Dakotas, die Chris selbst wahrgenommen haben dürfte, transferiert Penn nunmehr auf die Leinwand. Unterstützt wird dieses Gefühl bildhafter Freiheit von einem entsprechend gelungenen Soundtrack Vedders. Zudem haben sich Penn und Francine Maisler selbst übertroffen, denn es gelingt dem Schauspielensemble erschreckend authentisch, die Tiefe der zwischenmenschlichen Beziehungen darzustellen – besonders in den Szenen zwischen Hirsch und Halbrook, dessen Oscarnominierung konsequent war.

Bilder, Musik und Darstellung bilden hier eine fast perfekte Symbiose, die kaum Wünsche offen lässt. Ein schöner Moment zeigt wie Chris in Los Angeles eintrifft, sich in einem Obdachlosenheim einquartiert und dann durch die Strassen wandert. Als er jedoch die von der Gesellschaft eingepferchten Menschen sieht, in ihren Anzügen und gegelten Haaren, eilt er zurück und zieht schnell weiter. Denn in der Stadt scheint Freiheit nicht möglich. Um wahrhaft frei zu sein, muss er zu den Wurzeln des Menschen zurückkehren – zurück in die Wildnis. Chris hat afrikanische Gesellschaftspolitik studiert, sich also damit beschäftigt, wie Menschen mit anderen Menschen umgehen (können). Die Schuld schreibt er der Zivilisation zu und daher will er fern von dieser sein. Fern von Ausweisen, Anträgen oder einem Geldsystem.

Wirklich frei lebt Chris dabei jedoch nicht, stets muss er Gelegenheitsjobs übernehmen, um seine Reise zu finanzieren. Interessanterweise kann er sich auch bis zu seinem Tod nicht von seiner Uhr trennen, dem letzten Relikt seines Gefangenendaseins. Vielleicht ist dies auch der letzte Rettungsanker vor der Verwahrlosung, von Geld selbst und Einzäunung hält der junge Uniabsolvent jedoch rein gar nichts. Als er einen Fluss mit einem Kajak hinunterfahren will, reagiert er mit Unglauben als der Park-Ranger nicht nur $2.000 dafür verlangt, sondern ihn auch noch auf eine 12-jährige Warteliste setzt – all das, um einen Fluss hinunterzufahren, der an sich niemandem gehört und jedem frei zur Verfügung stehen müsste, sodass Chris dann auch auf eigene Faust ins Kajak steigt und ohne Lizenz gen Mexiko padelt.

Es spricht für sich, dass Chris während seiner zweijährigen Reise nur freundliche Menschen trifft. So gesehen hat Chris seinen Wunsch von Freiheit ausgelebt, wohl in der heutzutage reinstmöglichen Form – denn als er in Alaska auf sich selbst gestellt ist, versagt er an seinen Fehlern. Die schlimmste Tragödie seines Lebens wird das Schießen eines Elches sein, den er nicht vor den Fliegen retten kann und dessen Tod somit vergeudet wurde. Auch dies eine sehr starke Szene. Penn interpretiert Krakauers Gedanken zu Chris’ Tod nochmals eindringlicher und lässt diesen schließlich aus einem Leichtsinnsfehler des jungen Mannes resultieren. Gegen Ende ist der einst gesunde junge Mann nur noch ein Skelett und Schatten seiner selbst. In der Einsamkeit der Wälder Alaskas seine letzte Erkenntnis findend.

Penn gelingt es, diese Wanderung einer verstörten Seele mit brillanten Bildern einzufangen, verschiedene atemberaubende landschaftliche Großaufnahmen unterstützen dieses in gewissem Sinne spirituelle Road-Movie, ohne in Kitsch abzugleiten. Dabei werden die gut zweieinhalb Stunden spielend überbrückt und im Gegensatz zu Easy Rider wird kein Freiheitsbild einer Generation gezeigt, eher ein allgemein-verständlicher Ansatz eines durch und durch menschlichen Gefühles dargestellt. Als Pünktchen auf dem I gelingt es Sean Penn dann schließlich noch, seinem Film diesen gewissen Hauch von Magie beizusteuern. Into the Wild ist ein ganz besonderer Film über einen ganz besonderen Menschen und eine ganz besondere Tat.

9/10