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5. Mai 2008

Speed Racer

Cool beans.

Das Wort Anime entstammt dem lateinischen animare: zum Leben erwecken. Als Animes gelten im Westen Zeichentrickfilme aus dem japanischen Raum, dort gelten alle Zeichentrickfilme als Animes, die eigenen, wie auch die fremden. Die Wurzeln der Animes in Japan erkennt man an den bis zu 200 Serien, die jedes Jahr entstehen. Schaltet man nachmittags auf RTL 2, springen einem Dragonball Z, Pokémon und viele mehr entgegen. Einer der Pioniere des Anime-Genres ist dabei Yoshida Tatsuo (†1977), der in den 1960ern einen Manga mit dem Titel Pilot Ace schuf und ihn 1967 in den Anime Mach GoGoGo umwandelte. Dabei bezog er Inspiration aus dem Westen, orientierte sich bei seinem Helden an Elvis Presley in Viva Las Vegas und bei der Technik an Goldfinger.

Held dieser Serie war der junge Mifune Gō, ein passionierter Rennfahrer im überlegenen Wagen Mach 5. So leitet sich auch der Titel der Serie ab, steht das “Mach” für den Mach 5 und die Dreifachnennung von “Go” setzt sich aus der japanischen Bezeichnung für die Zahl 5, Mifunes Namen und dem englischen “go” zusammen. In den USA wurden die 52 Folgen der Serie von 1967 bis 1968 als Speed Racer ausgestrahlt und halfen, Animes in den USA zu etablieren. Mit Speed Racer als einer der erfolgreichsten. In Deutschland ist die Serie den meisten unbekannt, die ARD strahlte zwar die ersten drei Folgen Anfang der Siebziger aus, stellte sie jedoch anschließend ein, da sie angeblich zu gewalttätig war und von der deutschen Presse reißerisch als „Horror Comic“ verschrien wurde.

Fünf Menschen, die mit Speed Racer respektive Mach GoGoGo aufwuchsen, sind Andy und Lana Wachowski, John Goodman, Emile Hirsch und Hiroyuki Sanada. Produzent Joel Silver vereinte sich mit erneut mit den Wachowski-Geschwistern, um die Live-Action-Version des Anime in die Kinos zu bringen. Ironischerweise spielt hierbei auch Deutschland eine große Rolle, jenes Land, das die Serie nie richtig zu schätzen wusste. Die Macher entschiedenen sich für das Studio Babelsberg, um dort während 60 Tagen vor Greenscreen zu filmen. Hierfür verwendeten die Wachowskis die HD-Kamera F-23 von Sony, die damals noch gar nicht auf dem Markt erhältlich war. Für die von den Geschwistern gewünschte bunt-artifizielle Optik des Films war das Medium High Definition jedoch wie geschaffen.

Und da der Film schon in Deutschland gedreht wurde, war sich die deutsche Filmförderung auch nicht zu schade, stolze 13 Millionen Dollar deutscher Steuergelder in diese 120 Millionen Dollar teure US-Produktion zu stecken. Da 13 Millionen im Vergleich zu 120 relativ irrelevant sind, kann man diese Summe eher als eine Art Bestechungsgeld verstehen, um einige deutsche B-Promis im Film unterzubringen. Neben Cosma Shiva Hagen und Benno Fürmann tummeln sich daher noch Moritz Bleibtreu, Ralph Herforth, Christian Oliver, Oscar Ortega Sanchez und so manch anderer in Nebenrollen. Doch dazu später mehr, zumindest dürfen sich die deutschen Zuschauer den Film auch mit leicht stolz geschwellter Brust zu Gemüte führen – schließlich haben sie Speed Racer (mit-)finanziert.

Realisieren sollte das Projekt ursprünglich Alfonso Cúaron, nach einem Drehbuch von J.J. Abrams. Stattdessen engagierte Silver die Wachowskis, mit denen er bereits die Matrix-Trilogie und V for Vendetta gedreht hatte. Spekulierte man anfangs noch mit Joseph Gordon-Levitt oder Shia LaBeouf in der Hauptrolle, vertraute man diese dann doch Emile Hirsch an, einem Fan der Serie. Hatte Keanu Reeves seinen bereits wieder verbleichenden Ruhm den Wachowskis zu verdanken, lehnte er dennoch den Part des Racer X ab. Auch Vince Vaughn, der eine Zeit lang für die Rolle und als ausführender Produzent vorgesehen war, verließ das Projekt wieder vor den Dreharbeiten. Letztlich engagierte man Lost-Star Matthew Fox für die mysteriöse und verschwiegene Figur als talentierten Fahrer Racer X.

Weder Kate Mara noch Elisha Cuthbert bekamen den Zuschlag als Speeds Freundin Trixie, dafür angelte sich die inzwischen auf Charakterrollen festgelegte Christina Ricci diesen Charakter. Allgemein kann man bei der Besetzung also nicht meckern, bei der sich sehr an die Figuren der Originalserie gehalten wurde. Egal ob John Goodman als Pops Racer oder die liebreizende Susan Sarandon als Mom Racer, die Ähnlichkeit ist vorhanden, auch dank der Kostümtreue zu dem Anime aus den Endsechzigern. Diesem wird schließlich vollends in Speeds Beteiligung am Casa Cristo 5000 gewürdigt, wenn er darin sein obligatorisches blaues Hemd mit weißem Kragen und roten Halsband tragen darf. Und auch beim schicken, weißen Mach 5 bewahrte die Macher die Treue zur Vorlage.

Was die Wachowskis zu Speed Racer trieb, war ihr Wunsch, einen Familienfilm zu machen. Und genau das ist der Film geworden, ist er nicht nur für die ganze Familie, sondern die Familie steht zentral im Mittelpunkt. In der World Racing League (WRL) bestimmen einzelne Hersteller das Geschehen, egal ob Togokhan Motors oder die Firma von Mr. Musha (Hiroyuki Sanada). An der Spitze steht jedoch Royalton Industries von Arnold Royalton (Roger Allam). In diesem Klassen-System behauptet sich das Familienunternehmen von Pops Racer und seinen Söhnen. Dessen ältester Sprößling, Rex Racer, suchte nach einem Zwist mit dem Vater jedoch den Weg in die WRL. Dort fand er schließlich den Tod und hinterließ in seiner Familie eine Kluft, die diese noch enger zusammenschweißte.

Von einer besonderen Stärke ist die Anfangsphase gezeichnet, wenn Speed das Rennen in Thunderhead quasi gegen die Erinnerung an Rex fährt. Und egal was im Film geschieht, die Racers halten zusammen. Dabei sind sie nicht vor Meinungsverschiedenheiten gefeit, aber sie gehen die Probleme gemeinsam an. Hierbei hat man es jedoch nicht mit einer Heile-Welt-Familie zu tun, die von klischeehafter US-amerikanischer Harmonie getragen wird, sondern es ist gerade jener Tod von Rex, der diese Gemeinschaft erschaffen hat. Es ist bewundernswert, wenn die beiden Wachowskis am Ende des Films dann nicht denselben Weg wie zuvor die Anime-Serie beschreiten, damit in ihrer Geschichte individuell bleiben und auf diese Weise mit den Erwartungen der Zuschauer spielen.

Neben dem Familienelement wird die andere Hälfte von Speed Racer natürlich von den verschiedenen Rennszenen eingenommen. Und im Gegensatz zu George Lucas’ wenig immersiver Pod-Race-Szene machen die Choreographien der Wachowskis enorm viel Laune, soviel sei verraten. Das Thunderhead-Rennen zu Beginn ist hierbei nicht mehr als ein Appetizer und Vorgeschmack auf das, was die Zuschauer in den kommenden knapp zwei Stunden noch erwarten wird. Denn bereits das zweite Rennen des Fuji Helexicon Kurses schlägt einen allein wegen seiner Aufmachung in den Bann. Hier bekommt man nun nochmals einen besseren Eindruck, welches Potential in Speed Racer tatsächlich steckt und der Höhepunkt des Films lässt ab da nicht mehr lange auf sich warten.

Speed nimmt an einer Querfeldein-Rallye über mehrere Kontinente teil, genannt: ‘The Crucible’ (dt. die Feuertaufe). Ihr offizieller Name lautet Casa Cristo 5000 und sie ist das Rennen, das Rex das Leben kostete. Hier hat der Film seinen stärksten Moment, kurz vor den Malteser Eishöhlen. Es kommt alles zusammen, die Action, der Charme, die Kamera, der Schnitt und das wunderbare Theme von Michael Giacchino – die Rennszenen des Casa Cristo sind dabei zum Niederknien und werden auch im Final-Grand-Prix nicht mehr erreicht. Was auf der Leinwand als Mischung als Days of Thunder und Cars daherkommt, ist weitaus weniger gefährlich als es den Anschein hat, aber trotz allem nicht frei von Spannung. Speziell hier haben sich die Wachowskis außerordentliche Mühe gegeben.

Der Grund das Speed Racer funktioniert, ist seine Optik. Die ist knallig, bunt, schrill, einfach eine Phantasiewelt, in die man sich hineinversetzen muss. Der Film verwendet mitunter zwar auch originale Landschaftsbilder und orientiert sich an den Skylines aufstrebender Städte wie Shanghai und Hongkong, erhebt jedoch nicht den Anspruch, ein authentisches Bild wiedergeben zu wollen. Die Farbgebung ist dabei gewollt intensiver als üblich und vom Effekt-Mann Dan Glass daher auch treffend als “pop-timistic” und “Techno-Color” bezeichnet. Hierbei handelt es sich nicht um die einzigen Wortneuschöpfungen. Der dargestellte Motor-Extremsport wurde von den Wachowskis liebevoll “Car-Fu” getauft, da es sich teilweise – und die Bilder bestätigen das – um Martial Arts mit Autos handelt.

Obschon Settings wie die Malteser Eishöhlen oder die Megastadt Cosmopolis durch ihre intensive Farbgebung mehr als unnatürlich wirken, gewinnen sie dadurch erst den Charme. Es ist ein poppiges buntes Spektakel, das sich selbstverständlich in vorderster Linie an Kinder richtet. Unerklärlich ist, dass die Visuellen Effekte von Dan Glass und John Gaeta bei den Oscars nicht einmal nominiert wurden. Das auditive Yang zum visuellen Yin liefert dann Michael Giacchino, der an verschiedenen Stellen Abwandlungen des Speed Racer-Anime-Themes einbringt und mit seiner ganzen Erfahrung die Stimmung einfängt. Hiervon ausgenommen sind die mit Vocals bedachten Pop-Songs, die sich an die Miley-Cyrus-Generation wenden, abgesehen vielleicht vom rap-haften Abspannsong.

Wenn man sagt, dass das Schlechteste an Speed Racer die Auftritte seiner deutschen Gaststars ist, spricht das für die gelungene restliche Arbeit aller Beteiligten. Neben der poplastigen Musik stören gelegentlich die Szenen mit Spritle und Chim-Chim, bei denen die Grenzen des comic relief sehr weit ausgelastet werden. Beide gehören natürlich zum Franchise dazu und sorgen auch für einige Lacher, doch gerade in der klimatischen Szene zwischen Royalton und Speed stören ihre ständigen Unterbrechungen den Erzählfluss ungemein. Vor allem wenn man bedenkt, dass ihre eigene kleine „Geschichte“, für das große Ganze keinerlei Zweck erfüllt. Erträglich und charmant sind die beiden jedoch allemal und ein klares Zugeständnis an das junge Publikum, welches ihnen sofort anheim fallen dürfte.

Der wahre Dorn im Auge sind dagegen unsere deutschen Schauspieler. Cosma Shiva Hagen kann in ihrer Rolle als Quasi-Hostess mit wenig Text kaum etwas falsch machen und selbst Benno Fürmann, wenn auch total fehlbesetzt, schlägt sich relativ gut. Da weiß am ehesten schon Christian Oliver in der Rolle von Speeds Erzfeind Snake Oiler zu gefallen, etwas das Ralph Herforth nicht zu gelingen vermag. Herforth muss in einem Schlafsack in den Babelsberger Studios wohnen, anders lässt sich nicht erklären, wieso sein völlig talentfreies Gesicht in jeder US-Produktion von dort (siehe hierzu auch Æon Flux) auftaucht. Doch wer sich zu früh freut, den bestraft das Leben. Denn das Unmögliche tritt dann doch noch ein: Herforths schauspielerische Leistung wird sogar unterboten.

Selbstverständlich kommt dafür nur ein weiterer deutscher Schauspieler in Frage und es ist der gute Moritz Bleibtreu, der mit seiner Darstellung von Grey Ghost so ziemlich sicher einen vorderen Platz in den Top Ten der miesesten schauspielerischen Leistungen des Jahres inne haben dürfte. Bleibtreus nerviges Spiel trübte zumindest mein Kinoerlebnis, außerdem verlieren sich die Wachowskis mitunter etwas im eigenen Erzählfluss, insbesondere deshalb, da ihre Profil-Nahaufnahmen mit der Zeit ebenso redundant wirken, wie der Beginn des Grand Prix. Trotz allem ist Speed Racer aber ein vergnüglicher und gerade optisch beeindruckender Spaß geworden, der nicht nur eine der gelungeneren Comicverfilmungen ist, sondern neben Pixars Wall-E wohl der Familienfilm des Jahres.

7.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

14. März 2008

Kurz & Knackig: Shinema Ajia

Koroshi no rakuin

Wenn man einem Regisseur zu attributiert, er mache „Filme die keinen Sinn machen und kein Geld einspielen“, dann denkt man vielleicht zuerst an Edward D. Wood Jr., gesagt wurde dies jedoch über Suzuki Seijun und seine eigenmächtigen Veränderungen an dem japanischen Kultfilm Koroshi no rakuin (Branded to Kill). Für heutzutage lächerliche $200.000 inszenierte Suzuki seine anarchische Yakuza-Farce mit einem seiner Lieblingsschauspieler in der Hauptrolle, Joe Shishido, einen der wenigen männlichen Schauspieler auf diesem Planeten, die sich für ihre Karriere ihre Wangenknochen plastisch vergrößern lassen. Suzukis Geschichte eines Auftragskillers der schließlich von seinem eigenen Syndikat gejagt wird ist in seiner Grundlage nicht sonderlich spannend, gewinnt seinen Charme jedoch durch die Inszenierung. Hanada (Shishido) ist ein sehr seltsamer Auftragskiller, der sich im wahrsten Sinne des Wortes am Geruch von kochendem Reis aufgeilt (muss man mehr zur Figur sagen?). Der Film, der große Genreregisseure inspirierte (Jim Jarmusch verweist auf ihn in einer Szene in Ghost Dog), wirkt bisweilen als eine Mischung aus John Woo und Jean-Luc Godard, ist gewöhnungsbedürftig und sicher ohne Frage ein Arthouse-Mafia-Film (großer Anteil daran geht allein an Annu Maris Charakter). Da ich beim ersten Sehen eher etwas in Richtung Woo denn Godard und ähnliches erwartet habe, war meine Reaktion etwas platt und daher dürfte der Film bei einer zweiten Rezeption sicherlich nochmals an Wirkung gewinnen.

8/10

Kaze no tani no Naushika

Als Atheist kann man höchstens zu einem Gott finden und der heißt Miyazaki Hayao. Kaze no tani no Naushika (Nausicaä of the Valley of the Wind) war zwar nicht mein erster Ghibli (auch wenn er streng genommen kein Ghibli ist, aber für die Gründung des Studios verantwortlich war), aber er hat mir mal wieder gezeigt, welche Magie und Kraft doch in den Werken des japanischen Studios steckt, dass sich nicht hinter Disney oder Pixar zu verstecken braucht, im Gegenteil. Miyazaki brachte 1984 (!) diese Adaption seines eigenen zwei Jahre zuvor entstandenen Mangas in die Kinos und erzählte die Geschichte der Prinzessin Naushika, die zu verhindern versucht, dass die Königreiche Tolmekia und Pejite einen Gotteskrieger wiedererwecken, der den Kampf gegen die Ohmu (japanisch für König der Insekten) und die Natur aufnehmen soll, nachdem diese die Welt beherbergen und in ihrem giftigen Griff hat. Zweifellos gehört Miyazaki zu den größten Geschichtenerzählern unserer Zeit und es gelingt ihm spielend eine packende, bedeutsame und tiefsinnige Geschichte zu entwickeln, die zugleich actionreich sein kann. Hier könnten Bay und Emmerich eine Menge lernen, gerade letzterem ist es mit seinem The Day After Tomorrow weitaus weniger gelungen Aspekte der Umwelt und Action unter einen Hut zu bekommen wie es bei Naushika der Fall ist. Einfach eine unglaubliche Ausgeburt an Liebe, Einfallsreichtum und sozialer Kritik.

10/10

Saibogujiman kwenchana

Sehr bizarre, dass scheinbar fast jeder asiatische Schauspieler oder Schauspielerin nebenher als Pop-Star arbeitet, wie bei Eastwoods Letters from Iwo Jima wird auch hier die Rolle des jungen Protagonisten von einem solchen übernommen, der gute Mann nennt sich Rain, auch wenn er eigentlich Jeong Ji Hoon heißt. Spielen tut er den notorischen Dieb Park Il-sun, der in der Nervenheilanstalt auf Young-goon (Im Su-jeong) trifft, die sich selbst für einen Cyborg hält. Ihre Mission ist ihrer Großmutter (die sich für eine Maus hält) ihre dritten Zähne zurückzugeben – Young-goon ist dafür allerdings total geschwächt, da sie jegliche Nahrung verweigert, schließlich ist sie ein Cyborg. Nachdem mir Park Chan-wooks letzter, Sympathy for Lady Vengeance, ziemlich wenig gefallen hat, macht er mit dieser verqueren Komödie wieder alles gut. Man wird zwar den Eindruck nicht los, dass Michel Gondry One Flew over the Cuckoo’s Nest mit Koreanern gedreht hat, aber eine gewisse Schrägheit bringt ja auch Park mit sich. Neben den knalligen und farbenfrohen Szenen sind es besonders die phantastischen Elemente die zu unterhalten wissen, gerade wenn Young-goon auf Terminator-Art durch die Flure spaziert und alles niedermäht was einen weißen Kittel trägt, bis hin zur Szene wenn ihr Park Il-sun etwas vorjodelt. Das ist alles, einschließlich dem Ende, so herzhaft schräg, das den Anderson-, Jonze- und Gondry-Fan das Herz aufgeht, und man Saibogujiman kwenchana allein wegen des englischen Verleihtitels (I’m a Cyborg, but that’s OK) in sein Herz schließen muss.

8.5/10

Bôkoku no îgisu

Wie hat es Janusz Gora am 18.3.2000 bei Ulms 1:9 Debakel gegen Leverkusen so schön gesagt: Skandal! Ich klage Sie an, Herr Kleriker, der mir hier Pathos und ich weiß nicht was versprochen hatte, als ich mir die DVD auslieh (dennoch an dieser Stelle Dank für die anderen DVDs). Skandal trifft mich jedoch auch selber, hab ich in der Hauptrolle des Sengoku schließlich nicht einmal Sanada Hiroyuki erkannt! So kann das gehen, lag vielleicht auch daran, dass die Geschichte von Bôkoku no îgisu (Aegis) irgendwie eine totale Schlaftablette ist. Die japanische Version von The Rock trifft Under Siege. Ein Ausländer namens Yuong Fan will ein Nervengas in Tokio hochgehen lassen und kapert einen japanischen Zerstörer, auf diesem befindet sich neben Petty Officer Sengoku auch der Geheimagent Kisaragi. Beide Männer versuchen fortan im Untergrund des Schiffes die Terroristen zu stoppen und den desillusionierten Kapitän Miyazu von seinem Handeln umzustimmen, bla bla, schnarch. Das wäre ja recht nett, wenn man sich eben nicht die Handlung von Michael Bay und Andrew Davis erklaut hätte. Am Ende des Films, der genrebedingt vorhersehbar ist wie der Sekundenzeiger, folgt dann die Erkenntnis, dass Japaner wohl kein gescheites Kunstblut erschaffen können und dass sie zudem zu doof sind zum Schießen. Abschließend verrät ein Blick in das Ex-Blog des Klerikers, dass ich scheinbar Bôkoku no îgisu mit The Sinking of Japan verwechselt habe (was den Film aber auch nicht besser macht).

5.5/10

Tonari no Totoro

Wie bereits Naushika ist man auch bei Tonari no Totoro (My Neighbour Totoro) restlos begeistert und hat nur noch ein Grinsen auf den Lippen, welches dem von Totoro in nichts nachsteht. Miyazaki-sans zweiter Film fürs Ghibli-Studio erzählt von den beiden Schwestern Satsuki und Mei, die im Japan der fünfziger Jahre mit ihrem Vater in ein scheinbar spukendes Haus ziehen. Da ihre Mutter im Krankenhaus liegt, vertreiben sich die Schwestern ihre Zeit im Garten wo sie auf den Waldgeist Totoro und dessen Freunde treffen. Aber plötzlich verschlechtert sich der Zustand der Mutter. Die Handlung basiert auf eigenen Erfahrungen von Miyazaki, dessen Mutter als er klein war an Tuberkulose erkrankt war. Umgesetzt wird diese liebevolle Geschichte mit vielen Referenzen zu Lewis Carrolls Alice in Wonderland und wie alle Ghiblis lebt sie von ihrer Wärme und Phantasie. Allein der Katzenbus reicht schon aus um auf jedes Gesicht ein Lächeln zu zaubern und fortan sollte jede Person suspekt sein, die einem Ghibli nichts abgewinnen kann. Miyazaki gelingt es mühelos nicht nur einen Film für Kinderherzen zu erschaffen, sondern auch etwas an dem sich Erwachsene erfreuen können. Im Übrigen ist davon abzuraten, einen Ghibli in der englischen Synchronfassung zu sichten (hier empfiehlt sich Original mit Untertiteln), und wer dies nicht glaubt, soll versuchen, mehr als ein paar Minuten Mononoke-hime mit den Stimmen von Billy Crudup und Claire Danes zu ertragen.

10/10

Mou gaan dou III: Jung gik mou gaan

Neulich wurde bereits angesprochen, dass Mou gaan dou einer der beste Hongkong-Filme aller Zeiten ist und jeder, der das das müde US-Remake höher einstuft, nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Was die Sequels angeht, hatte der zweite Teil durchaus noch zu funktionieren gewusst und etwas Licht in die Vergangenheit von Yan und Ming gebracht, zudem auch Sam und Wong gebührend Respekt gezollt. In China kam der dritte Teil bereits einen Monat nach dem zweiten in die Kinos und lief äußerst erfolgreich. Mal außen vorgelassen, dass bei diesem Asia-Import die Tonspur nicht 1:1 zu den Lippenbewegungen passt (sowohl im Kantonesischen wie Mandarin), bietet Mou gaan dou III: Jung gik mou gaan (Infernal Affairs 3) ein Pre- wie Sequel in einem. Verfolgt werden die letzten Monate vor Yans (Tony Leung Chiu-Wai) Tod und zugleich die Monate nach diesem, während Ming (Andy Lau) versucht, Sams übrig gebliebene Spitzel ausfindig zu machen. Sein Verdacht fällt dabei auf den zwielichtigen Yeung (Leon Lai), der in der Tat mit Sam in Kontakt stand, wie man aus Yans Rückblenden erfährt. Wirklich viel zu tun mit dem ersten Teil hat die erzählte Geschichte dann aber nicht, die Figur von Yeung wird erst hier eingeführt und offene Fragen gab es im Grunde auch nicht. Der Film funktioniert also als Ausfüller, konzentriert sich mehr auf Yans Beziehung zu Dr. Lee (Kelly Chen) und Mings Bestreben, endlich ein guter Polizist zu werden. Die Auflösung passt wiederum sehr gut in das Gesamtbild und auch die Friedhofszenen sind wie in den vorherigen Teilen äußerst schön geworden.

7/10

25. April 2007

Sunshine

Who is the fifth crew member?

Im Weltraum hört dich keiner schreien. So lautete der Untertitel von Ridley Scotts Meisterwerk Alien aus dem Jahr 1979. Dabei ist diese Äußerung so nicht einmal zutreffend, zumindest nicht wenn man sie auf die Science Fiction Filme oder Alien selbst bezieht. In den Raumschiffen, in welchen meist der Horror wie in Alien oder Event Horizon zelebriert wird, sind die Schreie durchaus hörbar. Dabei fungieren sie als Katalysator von Angst zugleich für deren Förderung. Dass im Weltraum geschrieen wird, scheint dabei im Grunde unabkömmlich zu sein. Jenseits der Erde scheint der Mensch nichts verloren zu haben, und wenn er sich dann in ungeahnte Sphären aufmacht, erwartet ihn oftmals, 2001: A Space Odyssey oder Solaris lassen grüßen, Horror und Gefahr.

Die Wege ins All finden oft, wie in Deep Impact, keine Rückkehr nach Hause und wenn, dann nur unter großen Verlusten. Dass der Mensch auf ungewohntem Terrain nur sein Verderben finden kann, schildert bereits der griechische Mythos des Ikaros. Der Knabe, dessen Vater und Erfinder Daedalos sich selbst und seinem Sohn Flügel aus Wachs anband, flog in seinem naiven Übermut zu nah an die Sonne heran. Seine Wachsflügel schmolzen daraufhin und Ikaros stürzte ins Meer. Die hierbei bestimmende Frage lautet, ob es sich der Mensch anmaßen sollte, Gott zu spielen und sich selber in Sphären zu versetzen, die ihm die Natur nicht zugeordnet hat? Jene Frage transferierten Autor Alex Garland und Regisseur Danny Boyle 2007 auf die Kinoleinwand in ihrem Sci-Fi-Thriller Sunshine.

Mit großer wissenschaftlicher Authentizität gingen Garland und Boyle an ihre Geschichte heran. Ihre Einbindung von schwarzer Materie als Ursache für ein Erlischen der Sonne ist gegenwärtig Diskussionsstoff der Astrophysik. In fünfzig Jahren soll die Sonne durch eine nukleare Reaktion mit Hilfe einer Bombe der Größe Manhattans wiederbelebt werden. Dabei offenbart bereits die Einführung der Icarus II zu Beginn, dass es eine Icarus I gegeben haben muss. Durch dieses Detail bringen Garland und Boyle ihr Publikum sofort auf den vorgegebenen Kurs, vermitteln die Tragweite des gesamten Geschehens. Die Notwendigkeit einer zweiten Mission setzt voraus, dass eine erste zum Scheitern verurteilt war. Dies wiederum zieht nach sich, dass auch der Erfolg der zweiten Mission nicht als selbstverständlich zu erachten ist.

All dies wird durch die ersten Sekunden der Einführung vermittelt, ein exzellentes Beispiel für die hohe Kunst der Geschichtenerzählung. Im Gegensatz zu Filmen wie Lost in Space hält sich Danny Boyle auch nicht mit der hoffnungsvollen Abreise der Crew auf, sondern setzt mitten in der Mission ein. Genauer gesagt tritt die Mission nunmehr in ihre kritische Phase. Nach sechzehn Monaten im All überschreitet die Icarus II den Punkt, an welchem der Kontakt zur Erde verloren geht. Gewissermaßen überschreitet man hier den Rubikon. Stellvertretend für alle Crew-Mitglieder zeigt Boyle dem Publikum lediglich die letzte Botschaft von Physiker Robert Capa (Cillian Murphy), welcher den Missionsinhalt Revue passieren lässt: So if you wake up one morning and it's a particularly beautiful day, you'll know we made it.

Woher nimmt der Mensch das Recht am Universum herum zu spielen? Und ist es nicht vorhersehbar, dass dabei etwas schief gehen muss? Berechtigte Fragen und ihre Antworten dürften der Prämisse zufolge bekannt sein. Hierbei funktioniert Sunshine deshalb so gut, da sich Autor Alex Garland viel Mühe mit seiner Charakterausarbeitung gab. Mit wem es das Publikum hier tatsächlich zu tun hat, wird durch das bloße Betrachten des Filmes nicht klar. Was ist die Agenda der Crew, was sind ihre Ängste und ihre Erwartungen? Da ist zum einen Corazon (Michelle Yeoh), welche für den biologischen Garten der Sauerstoffproduktion zuständig ist. Ihr Name (span. Herz) bezieht sich dabei mehr auf ihren Garten, denn auf ihre eigene Persönlichkeit. Corazon ist nicht wirklich kaltherzig, ihren wahren pragmatischen Charakter sieht man erst, als ihr Garten zerstört wird. Letztlich stirbt vielleicht mit ihrem Garten auch ihr eigenes Herz.

Als eigentliches Herz der Mannschaft fungiert vielmehr Pilotin Cassie (Rose Byrne), die eigene Opfer auf sich nahm, um an dieser Mission teilzunehmen. In den entscheidenden Szenen agiert Cassie im Grunde als das Gewissen der Icarus II. Dieses lässt sich nicht unbedingt als rational bezeichnen, jedoch als menschlich, sodass Cassie im Grunde die Stellvertretung der gesamten Menschheit auf der Mission einnimmt. Wo Cassie die Rationalität abgeht, ordnet sich Techniker Mace (Chris Evans) ganz dem Ziel der Mission unter. Hierbei zählt nur der Transfer der Bombe zur Sonne und zugleich die Aufrechterhaltung von Capas Leben, der als der Bord-Physiker als einziger mit der Bombe umgehen kann.

Auch in den entscheidenden Szenen -beispielsweise am Luftschloss der Icarus I - zögert Mace daher nicht eine Sekunde sein Leben hinter das von Capa zu stellen. Obschon er mit diesem - ist Capa doch der einzige nicht ausgebildete Astronaut an Bord - mehrfach Auseinandersetzungen hat. Als zwei erfahrene Figuren findet sich noch Psychologe Searle (Cliff Curtis) und Kapitän Kaneda (Hiroyuki Sanada). Beide haben sich mit dem Scheitern der Vorgängermission eindringlich beschäftigt, allen voran Kaneda. Zum Zünglein an der Waage wird letztlich Mathematiker Trey (Benedict Wong), dessen Genie ihm zum Verhängnis wird. Das gesamte Ensemble agiert den Film hindurch nach Garlands Vorgaben, auch wenn diese bei Figuren wie Harvey (Troy Garity) bedauerlicherweise im Film nicht zur Genüge zur Geltung kommen.

Auf ihrem Weg zur Sonne stößt die Icarus II auf das Schiff ihrer Vorgängermission. Die logische Konsequenz: man birgt die Bombe der Icarus I. Das ganze Projekt ist auf Theorie gegründet, sollte etwas schief gehen, sind zwei Bomben besser wie eine. Es ist keine demokratische Entscheidung, vielmehr fällt sie allein Physiker Capa zu. Sein „Oh shit“ ist dabei die wohl treffendste Äußerung, welche die Figur in diesem Moment von sich geben könnte. Ein unbedeutender Umweg bringt die Planungen von Wochen und Monaten durcheinander. Navigator Trey, ein mathematisches Genie, will die neue Berechnung nicht dem Bordcomputer überlassen, vernachlässigt bei seiner eigenen Kalkulation jedoch etwas. Die logische Entscheidung führt zum menschlichen Versagen, die von langer Hand geplante Routine zum Opfer der Spontaneität.

Der Moment fordert ein menschliches Leben, ein Verlust der im Grunde für den Rest des Filmes unerheblich ist. Schließlich wird es nicht Treys Fehler sein, der zur Tragik verkommt, sondern Capas Entscheidung die Icarus I aufzusuchen. Was hatte die erste Mission zum Scheitern verurteilt? Capa und die anderen werden es herausfinden und die Geister, die sie riefen, nicht mehr loswerden. Auf ihrer gottesgleichen Mission, der Erschaffung eines Sternes, werden der Crew ihre menschlichen Fehler zum Verhängnis werden. Dabei werfen Garland und Boyle jedoch keineswegs moralische Fragen oder Dilemmas auf, sondern schildern einfach die Ereignisse dieser acht Personen auf ihren Weg zur Rettung eines ganzen Planeten.

Es gelingt Danny Boyle mit Sunshine einen ruhigen und teilweise sogar elegischen Thriller zu drehen. Die Stärken seines Filmes sind die optischen respektive technischen Szenen. Die Symbiose zwischen den Bildern und dem Ton ist faszinierend, die Einstellungen der Sonne und der Icarus II im All, der Raumschiffgänge, dies alles mit der musikalischen Untermalung von Underworld. Exzellent auch der Übergang der Crew zur Icarus I, bei welchem jedes Mal, wenn die Taschenlampen die Kamera treffen, Bilder der verstorbenen Crewmitglieder übergeschnitten werden. Mit Sunshine schuf Garland eine stylische Mischung aus 2001 und seinem eigenen Werk The Beach. Auf klaustrophischen Raum werden über eine längere Zeit hinweg unterschiedliche Persönlichkeiten konzentriert.

Kein Entkommen und Loslösen voneinander teilweise Anwesenden zu denen man ein gespanntes Verhältnis hat. Die erste Hälfte des Filmes ist hier ob ihrem phantastischen Look und der Intelligenz des Drehbuchs berauschend. Die Wendung, welche Sunshine anschließend nimmt, ist diskutabel. Manche Einstellungen folgen so rasch aufeinander, dass man das Gefühl hat, Boyle hätte die eine oder andere Szene geschnitten - gerade im Finale. Zur Hinterfragung des Plots und somit des Filmes ist die Wendung allerdings nur konsequent. Mit Sunshine ist Garland und Boyle ein Science-Fiction Film gelungen, der letztlich zwar mehr style over substance ist, aber dennoch auch durch seine Atmosphäre zu überzeugen weiß und zu den besten Filmen des Genres zählt.

8.5/10