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20. Mai 2014

X-Men: Days of Future Past

Is the future truly set?

Man kann die Marvel-Filme um die Avengers mögen oder nicht, zumindest kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie nicht bestrebt sind, eine gewisse Kohärenz aufrecht zu erhalten. Ineinander zu laufen, sich gegenseitig zu referieren – aus einem Guss zu sein. Damit sind die Marvel-Filme von Paramount im Prinzip das komplette Gegenteil zu den Marvel-Filmen von 20th Century Fox. Denn deren X-Men-Werke sind sicherlich einiges, aber nicht sonderlich stringent. Mit X-Men: Days of Future Past kehrte Bryan Singer zu jenem Franchise zurück, das er nach X2 verließ. In einem Anfall von Ehrgeiz versucht er sich dabei nicht nur an einer der meist geschätzten X-Men-Storylines, sondern auch an der totalen Kohärenz.

Days of Future Past ist neben der Dark Phoenix Saga – die zum Teil in X-Men: The Last Stand integriert wurde – eine der populärsten Story Arcs im X-Men-Universum. Die Handlung präsentiert eine dystopische Zukunft, in der Mutanten von Robotern, den Sentinels, fast komplett ausradiert oder interniert worden sind. Der Auslöser dieser Misere ist ein Attentat, das in den 1970er Jahren von einem Mutanten auf Senator Kelly verübt wird. Im Comic reist daher Kitty Pryde (in der 1990er Animationsserie wiederum Bishop) in die Vergangenheit, um die X-Men zu warnen und das Attentat sowie die daraus resultierende Zukunft zu verhindern. Oder zumindest eine alternative Zeitachse zu erschaffen, wo dies dann der Fall ist.

Mit jener dystopischen Zukunft, die an die der Terminator-Filme erinnert, beginnt Singer seinen dritten und den insgesamt siebten X-Men-Film. Professor X (Patrick Stewart), Magneto (Ian McKellen), Wolverine (Hugh Jackman) und Storm (Halle Berry) treffen sich in China mit Kitty Pryde (Ellen Page), Iceman (Shawn Ashmore), Bishop (Omar Sy) und anderen. Die Zeit drängt, denn die Sentinels können sie jeden Moment ausfindig machen. Kitty soll Wolverines Bewusstsein durch die Zeit in sein jüngeres Ich schicken, damit dieses im Jahr 1973 Kontakt mit Charles Xavier (James McAvoy) und Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) aufnimmt, um ein Attentat zu verhindern aus dem schließlich die Sentinels resultieren.

Verübt wird das Attentat von Mystique (Jennifer Lawrence) an Bolivar Trask (Peter Dinklage), dem Erfinder der Sentinels, der für deren Verbesserung an Mutanten experimentiert. Obschon Mystiques Attentat Erfolg hat, gerät sie dabei in Gefangenschaft. Und ihre Mutation der Replikation erlaubt es den Sentinels, in der Zukunft unbesiegbar zu werden. Nur gemeinsam können Charles und Erik jene Frau stoppen, die sie in X-Men: First Class elf Jahre zuvor entzweite. Weil Charles, von den Vorfällen damals querschnittsgelähmt, aber nicht gut auf Erik, der seit zehn Jahren unter dem Pentagon in Einzelhaft sitzt, zu sprechen ist, bedarf es viel Geduld für Wolverine, seinen jungen Mentor zu überzeugen.

“Patience”, raunt Wolverine, “isn’t my strong suit”. Daher kriegt Beast (Nicholas Hoult) auch erstmal eins auf die Nase, als dieser ihn an der Tür zu Charles’ Villa zu lange aufhält. Nach etwas Überzeugungsarbeit willigt der Professor, der dank eines Serums zu Lasten seiner Mutation wieder Gehen kann, ein, Wolverine zu unterstützen. Doch damit beginnen die eigentlichen Probleme erst, müssen sich die Figuren fortan immer wieder mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft auseinandersetzen, während sie ihre Suche nach Mystique von Amerika nach Paris und zurück treibt. Ein Szenario, das letztlich auch Bolivar Trask in die Karten spielt und somit das eigentliche Sentinel-Problem der X-Men nur weiter verstärkt.

Soviel zur Prämisse des Films, die im Grunde relativ simpel ist. Die Komplexität von Days of Future Past liegt entsprechend weniger in ihrer Jahrzehnte umspannenden Zeitreise-Handlung, sondern im Bestreben von Bryan Singer, seinen Film kanonisch geraten zu lassen. Als Folge vereint er nicht nur die Ensembles der X-Men-Trilogie und von X-Men: First Class, sondern auch deren inhärente Widersprüche. Im Nachhinein ein Unterfangen, das Singer lieber hätte lassen sollen, geraten seine Erklärversuche doch oft wenig plausibel, während er zugleich neue Fragen aufwirft. Immerhin, wäre man gewillt zu sagen, präsentiert sich seine Handlung auch abseits der rückwirkenden Stringenz meist wenig plausibel.

So bietet der Film keine Erklärung, wieso Professor X, nachdem er in X-Men: The Last Stand pulverisiert wurde, nun wieder lebt (aber dennoch nicht laufen kann). Oder warum Wolverine plötzlich wieder Adamantium auf seinen Krallen hat, obwohl ihm diese in The Wolverine doch abgetrennt wurden. Passend ist da natürlich, dass es für den Film irrelevant ist, ob die Dinger aus Adamantium sind oder nicht. Dafür verrät Patrick Stewart plötzlich, dass er mit Mystique (wie in First Class gesehen) gemeinsam aufwuchs. Wovon in X-Men, als Mystique Charles vergiftete, wenig zu spüren war. Aber in jenem Film erinnerte sich auch Sabretooth nicht an Wolverine, obwohl er laut X-Men Origins: Wolverine sein Bruder ist.

In jenem Film, der 1981 spielt, begegnete der Zuschauer auch erstmals Emma Frost, damals Anfang 20. Die von January Jones gespielte Version der Figur von 1962 in First Class war dagegen um die 30, in Days of Future Past erfahren wir nun, dass die Figur vor Jahren als eines von Trasks Versuchsopfern verstarb. Ein Großteil dieser Widersprüche, von denen an dieser Stelle nur ein paar aufgeführt wurden, verdankt sich fraglos First Class. Dass Bryan Singer dennoch etwaige Kurskorrekturen probiert, verschlimmbessert allerdings einiges. Genauso, wenn Figuren aus den vorherigen Filmen wie Stryker, Havok oder Toad in unerheblichen Nebenrollen auftauchen, obwohl sie in der Handlung keine Rolle spielen.

Damit sind sie nicht die einzigen. Denn auch Hugh Jackmans Wolverine ist im Grunde für den Film ohne jeden Belang. Abseits seiner Funktion als Übermittler der Botschaft wird er die meiste Zeit zum Beobachter degradiert. Dass er statt Kitty Pryde oder Bishop zurückgeschickt wurde, erklärt sich somit weniger mit seiner regenerativen Mutation, sondern eher mit Hugh Jackmans Star-Appeal. Nicht von ungefähr gilt der Australier beziehungsweise Wolverine als das Gesicht der X-Men, spielten seine beiden Solo-Filme mehr ein als First Class. Insofern fungiert Wolverine hier mehr zum Zweck des comic relief, als one liner ausspuckende Type aus der Zukunft, der nochmals die Flower-Power-Generation erleben darf.

Somit steht eigentlich Mystique mehr im Vordergrund, was aufgrund des Hypes um Jennifer Lawrence ebenso verständlich ist. Die meistert die Rolle, die dankenswerter Weise mit verbessertem Make-up daherkommt, ziemlich überzeugend, auch wenn die Motivation und Aktionen der Figur wie das meiste in Days of Future Past nur bedingt Sinn ergeben. Der Fokus auf sie ist ebenso erfreulich wie die Szenen der neu eingeführten Charaktere von Blink (Fan Bingbing) und Quicksilver (Evan Peters). Gerade die beiden letzteren erinnern in Aktion von der Qualität her an Nightcrawlers Intro in X2, einem Höhepunkt der X-Men-Serie. Generell lässt sich Days of Future Past technisch kaum ein Vorwurf machen.

Und trotz aller logischen Unebenheiten in der Handlung ist diese, manche Längen außen vor, fast durchweg mitreißend und spannend inszeniert. Die Interaktion der Figuren gefällt, die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Erfreulicherweise wird Action weniger pompös eingesetzt als vergleichsweise in The Last Stand. Als Folge wirkt das Finale beinahe antiklimatisch in seiner simplen Auflösung – gerade nach dem Tamtam seiner Exposition. Allerdings wäre vielleicht etwas mehr Zeit in der Zukunft nicht verkehrt und möglich gewesen, wenn Singer dafür einen belanglosen Ausflug in ein Militärlager in Vietnam ausgespart hätte. Von der für die Menschen so bedrohlichen Zukunft sehen wir also nur bedingt etwas.

Letztlich zeigt sich, dass das X-Men-Universum in den Händen von Bryan Singer am besten aufgehoben ist. Allem Kuddelmuddel in Stringenz, Logik und historischer Einordnung zum Trotz. Wenn man mag, kann man X-Men: Days of Future Past dank seines Zeitreise-Elements auch als das Star Trek-Reboot des X-Men-Franchises sehen. Diskutabel genug ist das Ende des Films jedenfalls ausreichend. Selbst wenn Singer also nicht wirklich darin reüssiert, hiermit alle Vorgänger unter einem Dach zu vereinen, ist der Versuch aller Ehren wert und eines der meist ambitionierten Bestreben des Genres. Und das Ergebnis allemal unterhaltsamer als die kohärenteren Marvel-Filme von Paramount. Das ist doch schlussendlich auch was.

6.5/10

17. August 2008

X-Men: The Last Stand

You, of all people, know how fast the weather can change.

Manche Projekte stehen unter keinem guten Stern und dies gilt auch für den Abschluss der X-Men-Trilogie. Ursprünglich hatte Bryan Singer mit 20th Century Fox einen Vertrag über drei Teile, überwarf sich dann jedoch während der Planungen für X-Men: The Last Stand mit dem Studio. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, dass sich der Film um Dark Phoenix drehen würde. Singer verließ schließlich das Projekt, als ihm Warner Bros. anbot, Superman Returns zu inszenieren, von dem zuvor unter anderem McG und Brett Ratner abgesprungen waren. Singer, ein selbst erklärter Fan des Man of Steel, nahm dann nicht nur seinen Drehbuchautoren mit, sondern auch Cyclops-Mime James Marsden. Als potentieller Ersatz auf dem Regiestuhl handelte Fox anschließend verschiedene Namen.

Zu diesen gehörten auch Alex Proyas und Zack Snyder, Ersterer hatte jedoch kein Interesse und Letzterer war mit 300 beschäftigt. Schließlich konnte Matthew Vaughn engagiert werden, der durch sein Debüt Layer Cake zu überzeugen wusste. Vaughn besetzte Kelsey Grammer als Beast und Vinnie Jones als Juggernaut, verließ jedoch nach wenigen Wochen das Filmprojekt wieder. Offiziell aus familiären Gründen gab Vaughn später zu, sich dem Druck von Fox nicht gewachsen gefühlt zu haben, zudem sei das Drehbuch sehr schwach gewesen. Als Ersatz für Vaughn wurde letzten Endes ebenjener Brett Ratner engagiert, der einst bei Superman Returns hätte Regie führen sollen und nun mit seinem persönlichen Freund Bryan Singer die Stühle der jeweiligen Comic-Verfilmungen getauscht hatte.

Zwei Regisseure und über zwei Dutzend Drehbuchentwürfe später konnten die Dreharbeiten zu X-Men: The Last Stand dann endlich beginnen - mit Halle Berry. Dies geschah jedoch unter der Voraussetzung, dass Berry weitaus mehr Leinwandzeit erhalten würde als bei den Vorgängern der Fall. Für sagenhafte 210 Millionen Dollar durfte Brett Ratner, der sich bis dahin hauptsächlich durch die beiden Rush Hour-Filme ausgezeichnet hatte ein Effektgewitter loslassen, welches unterm Strich wenig glaubwürdiger wirkte, als es bei Singers X-Men und einem Budget mit einem Drittel des Umfangs der Fall war. Dennoch gelang es Ratners Film an seinem Startwochenende, wenn auch kurzfristig, Rekorde aufzustellen und im Nachhinein weltweit rund das Doppelte seiner Kosten wieder einzuspielen.

Bei vielen Kritikern und vor allem Fans fiel der Film jedoch durch und das sicherlich nicht unverdient. Löblich sind zwar die Ansätze, die Handlung des Trilogie-Abschlusses auf den Comicbänden The Dark Phoenix Saga von Chris Claremont und Gifted von Joss Whedon zu basieren. Es finden sich auch Querverweise zu anderen Ausgaben aus dem X-Men-Universum, doch das alles tröstet am Ende nicht über das katastrophale Drehbuch von Simon Kinberg und X2-Veteran Zak Penn hinweg. Dieses verstrickt sich den ganzen Film über in Widersprüche und Logiklöcher. Bedauerlicherweise machte der Trilogieabschluss viel von dem kaputt, was Bryan Singer zuvor aufgebaut hatte, was angesichts der Klasse der beiden Vorgänger umso enttäuschender ist. Was man falsch machen konnte, machte Ratner falsch.

Wenige Wochen nach dem Tod von Jean (Famke Janssen) einsetzend, befindet sich Scott (James Marsden) immer noch in einem emotionalen Loch. Die Mutanten scheinen mit der Regierung auf einen gemeinsamen Nenner gelangt zu sein, wurde Hank McCoy (Kelsey Grammer) doch inzwischen zum Kabinettsminister ernannt. Aufgrund eines Mutanten mit besonderen Fähigkeiten lässt sich zudem ein Serum gewinnen, welches als Heilung gegen das Mutanten-Gen verstanden wird. Eine Nachricht, die die Mutantengesellschaft spaltet, allen voran Magneto (Ian McKellen), der eine Armee aufzubauen beginnt. Die X-Men müssen sich derweil entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen, in diesem scheinbar letzten Gefecht. Dabei müssen beide Lager etwaige Todesfällen und Verluste auffangen.

Das große Manko von X-Men: The Last Stand ist, dass die Dark Phoenix-Handlung rund um Jean, sowie die Gifted-Storyline bezüglich der Heilung weitestgehend aneinander vorbeilaufen, ohne miteinander zu interagieren. Sinnbildlich hierfür steht Famke Janssen, die in den Gifted-Segmenten nutzlos neben Ian McKellen wartet, bis sie sich wieder der anderen Haupthandlung widmen darf. Gefördert wird das Fiasko von den praktisch als Gastauftritte zu bezeichnenden Nebenrollen von Marsden und Rebecca Romijns Mystique, aber auch in verschenkten neuen Rollen wie die des Ur-X-Men Angel (Ben Foster). Ratner scheitert in fast jeder Einstellung daran, mehr als zwei Figuren simultan ins Zentrum rücken zu können, zudem schiebt er auch noch die falschen Figuren in den Fokus.

Den Vogel schießt Ratner dabei vor allem mit den Charakteren von Cyclops und Angel ab. So entgegenkommend es auch ist, Cyclops in die Geschichte einzubeziehen, so unsäglich verkommt dessen Auftritt. Ganze vier Minuten ist Marsden im Bild und darf dabei beeindruckende vier Sätze von sich geben. Da Singer bereits die Figur des X-Men-Leaders zu Gunsten von Wolverine (Hugh Jackman) verschenkt hat, hätte man auf dieses Armutszeugnis getrost verzichten können. Noch erbärmlicher wird das Ganze bei bei der neuen Figur von Angel, der wie Beast/Hank McCoy zu den Gründungsmitgliedern der X-Men zählt. Foster, der extra Krafttraining für die Rolle absolvierte, bringt es auf etwas mehr als zwei Minuten und drei Sätze und wird ebenso verschenkt wie die geopferte Mystique.

Besser wäre es hier gewesen, auf Mystique und Cyclops schlichtweg zu verzichten oder die Rollen neu zu besetzen, wenn man sie in die Geschichte zu integrieren beabsichtigt. Stattdessen muss man sich mit eindimensionalen und uninteressanten Figuren wie Pyro (Aaron Stanford) herumschlagen, die bereits im Vorgängerfilm nicht überzeugte. Auch die Neuzugänge überzeugen nur bedingt. So sorgt Vinnie Jones als Juggernaut zumindest für den ein oder anderen Lacher (obschon Juggernaut gar kein Mutant ist). Serienfans dürfen sich zudem auf Eric Dane als Multiple Man freuen, sowie Ken Leung als Kid Omega und Dania Ramirez als Callisto. Dennoch werden sie alle darauf beschränkt, hilflos neben Magneto zu stehen, während sich die Handlung um sie herum fortentwickelt.

Den Unterschied zwischen X-Men: The Last Stand und seinen Vorgängern merkt man bereits beim Vorspann, der nicht unmittelbar einsetzt, sondern erstmal die Themen vorstellt (passend zum Film individuell und chronologisch). Immerhin schlägt das Fan-Herz bei der nächsten Sequenz stärker, wenn der Zuschauer zumindest eine Ahnung vom Danger Room inklusive Sentinels erhält. Nur ist diese Szene fast schon der Höhepunkt. Während die Phoenix-Saga verschenkt wird, überzeugen mitunter wenigstens die Gifted-Elemente. Was wäre, wenn tatsächlich eine Heilung existieren würde? Für Mutanten wie Storm und Magneto unverständlich, bringt es Beast auf den Punkt: Nicht jeder gliedert sich mühelos in die menschliche Gesellschaft ein. Das lebende Beispiel: Rogue (Anna Paquin).

Da neben der Heilung aber noch ein weiterer Plot besteht und Ratner versucht, das Ganze in 90 Minuten abzuvespern, bleibt nicht viel Zeit, um dieser subversiven moralischen Frage nachzukommen. Die Kräfte wandern stattdessen ins Filmfinale, das durch schwachsinnige und unnötige Einfälle auftrumpft (Warum bewegt Magneto die Golden Gate Bridge, um damit nicht mal 200 Mutanten nach Alcatraz zu bewegen? Ist Angel die ganze Zeit über der Insel geflogen, darauf wartend, dass jemand seinen Vater vom Dach schmeißt? Etc.) Das alles wird abgerundet von schmalzigen Dialogen und weiteren verschenkten Darstellern wie Patrick Stewart (Professor X) und Ellen Page (Kitty Pryde). So ist X-Men: The Last Stand der Abschluss der X-Men-Trilogie, den man dieser nie gewünscht hat.

4/10

19. Juli 2008

X2

Have you ever tried...not being a mutant?

Nachdem Edeltrash-Filme wie Batman & Robin Ende der 1990er Jahre die Comic-Adaptionen an den Rande des Aussterbens brachten, bildete bereits 1998 die Verfilmung von Blade die Umkehr zum Besseren. Bei einem Budget von 45 Millionen Dollar Budget wurde das Dreifache der Kosten eingespielt, weshalb für die nächste Marvel-Verfilmung X-Men 75 Millionen Dollar zur Verfügung standen. Auch wenn der Film ein etwas verhaltener Erfolg war, prophezeite er doch eine neue Welle gut gemachter Comic-Adaptionen, deren Budgets im Verlauf exponentiell steigen sollten. Kein Wunder, dass man Bryan Singer mit einer Fortsetzung beauftragte, für die David Hayter und Zak Penn individuell Drehbücher verfassen sollten, um diese anschließend zu einem gemeinsamen Werk zu kombinieren.

Dieses Drehbuch wurde im Jahr 2002 von Michael Dougherty und Dan Harris überarbeitet und strich die Involvierung von Figuren wie Beast oder Angel. Aus Budgetgründen - das Studio gewährte Singer dieses Mal 110 Millionen Dollar - wurden auch Szenen mit den Sentinels und dem Danger Room entfernt. Zudem erhielt Halle Berry nachträglich mehr Leinwandzeit, war sie doch im Vorjahr für Monster’s Ball mit dem Oscar als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet worden. Am Ende brauchte es 27 Drehbuchentwürfe bis zum finalen Skript, also ähnlich viele wie für den ersten Teil. Da Singer in jenem bereits das Erscheinen von Phoenix angedeutet hatte, verwundert es ein wenig, dass so viel Korrektur nötig war, bis das Drehbuch zur Fortsetzung X2 zufrieden stellend war.

Im selben Jahr erschienen wie Hulk, war X2 erfolgreicher als Ang Lees Film, spielte er in den USA doch das Doppelte und weltweit das Vierfache seiner Kosten ein. Im Handlungsgeschehen selbst tauchen lediglich drei neue Figuren auf: Colonel William Stryker (Brian Cox) als Antagonist, sowie Lady Deathstrike (Kelly Hu) als dessen Handlangerin und Nightcrawler (Alan Cumming) als Neuzugang bei den X-Men. Letzterer setzte sich gegenüber Beast oder Gambit als Zugang durch, da er durch sein Erscheinungsbild nochmals die Außenseiterrolle der Mutanten untermauerte. Da der Schotte Alan Cumming deutsche Sprache beherrscht, war er Bryan Singers erste Wahl für die Darstellung der deutschstämmigen Figur, die eigentlich auf den Namen Kurt Wagner hört.

Mit Cummings und Cox wurde das Set nach Patrick Stewart (Professor X) und Ian McKellen (Magneto) um zwei weitere Darsteller der Royal Shakespeare Akademie erweitert. Leider avancierte Nightcrawler nicht zu einem festen Mitglied der Mutanten, fehlt er doch in X-Men: The Last Stand, was weniger mit dem fehlenden Interesse des Darstellers, als dem Produktionsaufwand seines Make-ups zu tun hat. Da kann man es verschmerzen, dass X2 nicht auf die Tatsache einging, dass Nightcrawler der Sohn von Mystique ist (obschon beide Figuren eine nette kleine Szene erhalten). In Rebecca Romijn hatte Cummings dann auch gleich eine Leidensgenossin gefunden, verbrachte er immerhin doppelt so viel Zeit (bis zu zehn Stunden) in der Maske wie die Mystique-Darstellerin.

Mit viel Brimborium hält sich Singer in X2 dann auch nicht auf, wird dem Publikum doch innerhalb der ersten fünf Minuten bereits die erste Actionsequenz präsentiert. Spektakulär wird die neue Figur Nightcrawler vorgestellt und in einer Szene positioniert, die bereits zu Beginn des Filmes dessen Höhepunkt darstellt. Dagegen sind die beiden späteren Kämpfe von Wolverine (Hugh Jackman) gegen Strykers Männer und Lady Deathstrike nur ein laues Lüftchen. Zudem beeindruckt Nightcrawlers Einführung auch durch ihre digitalen Effekte, stehen diese ebenso wie die Choreographie der Szene die Qualität der Handlungsexposition. So wünscht man sich als Zuschauer die Wundermaschine Kino, wobei auch Wolverines Ein-Mann-Feldzug im Internat über seine Stärken verfügt.

Vielleicht auch weil Singer hier die Schere ansetzte, um ein jugendfreies Rating zu erhalten, kommt die Szene nicht an den Anfang heran. Noch weniger gelingt dies dem Kampf von Wolverine und Lady Deathstrike, der schon deswegen an Spannung einbüßt, da Wolverine hier gegen sein weibliches Pendant kämpft. Ohnehin haben sich die Macher mit Lady Deathstrike keinen Gefallen getan, beschränken sich Kelly Hus Dialoge im gesamten Film auf eine einzige Zeile. Gerade hier hätte man eine Figur wie Gambit einbauen können, trägt dieser doch seine eigenen dunklen Geheimnisse mit sich herum. Viel mehr handfeste Action kriegt das Publikum dann auch nicht zu sehen, was angesichts der diesbezüglichen Steigerung in Brett Ratners X-Men: The Last Stand etwas beschämend ist.

Dabei eignen sich die X-Men aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten doch so gut, um verschiedenste Kämpfe darzustellen. Aufgrund ihrer Quantität besteht nicht mal die Notwendigkeit jede Figur mit ihrer Historie einzuführen. Generell gebührt Singer Lob dafür, dass er es schafft, erfolgreich eine Geschichte zu erzählen, die um ein Dutzend Figuren konstruiert ist. Dennoch kommen dabei einige Figuren wie Lady Deathstrike, aber auch Pyro (Aaron Stanford) etwas zu kurz, obschon sie in vielen Einstellungen auftauchen. Hier wäre weniger mehr gewesen, trägt Rogue (Anna Paquin) zum Beispiel wieder einmal wenig bis gar nichts zur Entwicklung der Handlung bei, ähnliches lässt sich auch Iceman (Shawn Ashmore), Cyclops (James Marsden) und Storm (Halle Berry) vorwerfen.

Allgemein spielt das X-Men-Universum nur bedingt eine Rolle in Singers Verfilmungen, geht dieser doch sehr spielerisch mit dem Erbe Stan Lees um. Anstatt mit Kitty Pryde impliziert man eine tiefere Beziehung zwischen Rogue und Wolverine, zusätzlich befindet sich Rogue in einer Liebesbeziehung zu Iceman, wo dies in den Comics mit dem in den Filmen abwesenden Gambit der Fall ist. Auch familiäre Beziehungen (hier: die Mutterschaft von Mystique zu Rogue und Nightcrawler, später die Verwandschaft von Professor X und Juggernaut) werden außen vor gelassen. Dabei hätten diese Punkte X2 mehr Tiefe verleihen können, als sich auf Stryker zu fokussieren, der seinen Ursprung ohnehin mehr in einer Origin-Story von Wolverine hat, als im X-Men-Universum.

Zudem hat X2 an demselben Problem wie Hulk: zu knabbern: die Handlung ist zu komplex. Für eine Comic-Doppelausgabe von circa 80 Seiten funktioniert das fraglos einfacher, in einer Verfilmung fehlt dem Zuschauer jedoch die nötige Bindung zur Geschichte wie auch den betreffenden Figuren. Viel Lärm um Nichts wird erneut um Wolverines mysteriöse Vergangenheit gemacht, ohne dass man dieser auch nur einen Deut näher auf die Spur kommt. Künstlich werden Verbindungen zu Figuren wie Lady Deathstrike und Nightcrawler hergestellt, letzten Endes versucht, irgendwie auch noch die Antagonisten aus X-Men nunmehr als Verbündete in X2 einzubauen. Das alles mit zusätzlicher Gewichtung auf Cerebro, der bereits im ersten Teil zur Genüge gezeigt wurde.

Dem übergeordneten Thema des Rassismus wird im zweiten Teil wenig nachgegangen. Man baut zwar eine Drama-Szene zwischen Iceman und seiner Familie ein, die seinem Coming Out als Mutant dient. Nur dauert dies erstens zu lange und führt zweitens nirgendwo hin. Übertroffen wird das nur noch vom wenig überzeugenden Finale, in welchem sich Jean aus unerfindlichen Gründen für die Gemeinschaft opfert, obschon sie fünf X-Men (Nightcrawler, Storm, Iceman, Cyclops und Professor X) hätten retten können. Löblich, dass Singer hier die Plattform für die Geburt von Phoenix im dritten Teil bilden wollte, bloß entbehrt die Szene entbehrt jeglicher Glaubwürdigkeit. X2 ist also in vieler Hinsicht eine Verbesserung zu seinem Vorgänger, allerdings mit einigen Mängel im Drehbuch.

8.5/10