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20. Mai 2014

X-Men: Days of Future Past

Is the future truly set?

Man kann die Marvel-Filme um die Avengers mögen oder nicht, zumindest kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie nicht bestrebt sind, eine gewisse Kohärenz aufrecht zu erhalten. Ineinander zu laufen, sich gegenseitig zu referieren – aus einem Guss zu sein. Damit sind die Marvel-Filme von Paramount im Prinzip das komplette Gegenteil zu den Marvel-Filmen von 20th Century Fox. Denn deren X-Men-Werke sind sicherlich einiges, aber nicht sonderlich stringent. Mit X-Men: Days of Future Past kehrte Bryan Singer zu jenem Franchise zurück, das er nach X2 verließ. In einem Anfall von Ehrgeiz versucht er sich dabei nicht nur an einer der meist geschätzten X-Men-Storylines, sondern auch an der totalen Kohärenz.

Days of Future Past ist neben der Dark Phoenix Saga – die zum Teil in X-Men: The Last Stand integriert wurde – eine der populärsten Story Arcs im X-Men-Universum. Die Handlung präsentiert eine dystopische Zukunft, in der Mutanten von Robotern, den Sentinels, fast komplett ausradiert oder interniert worden sind. Der Auslöser dieser Misere ist ein Attentat, das in den 1970er Jahren von einem Mutanten auf Senator Kelly verübt wird. Im Comic reist daher Kitty Pryde (in der 1990er Animationsserie wiederum Bishop) in die Vergangenheit, um die X-Men zu warnen und das Attentat sowie die daraus resultierende Zukunft zu verhindern. Oder zumindest eine alternative Zeitachse zu erschaffen, wo dies dann der Fall ist.

Mit jener dystopischen Zukunft, die an die der Terminator-Filme erinnert, beginnt Singer seinen dritten und den insgesamt siebten X-Men-Film. Professor X (Patrick Stewart), Magneto (Ian McKellen), Wolverine (Hugh Jackman) und Storm (Halle Berry) treffen sich in China mit Kitty Pryde (Ellen Page), Iceman (Shawn Ashmore), Bishop (Omar Sy) und anderen. Die Zeit drängt, denn die Sentinels können sie jeden Moment ausfindig machen. Kitty soll Wolverines Bewusstsein durch die Zeit in sein jüngeres Ich schicken, damit dieses im Jahr 1973 Kontakt mit Charles Xavier (James McAvoy) und Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) aufnimmt, um ein Attentat zu verhindern aus dem schließlich die Sentinels resultieren.

Verübt wird das Attentat von Mystique (Jennifer Lawrence) an Bolivar Trask (Peter Dinklage), dem Erfinder der Sentinels, der für deren Verbesserung an Mutanten experimentiert. Obschon Mystiques Attentat Erfolg hat, gerät sie dabei in Gefangenschaft. Und ihre Mutation der Replikation erlaubt es den Sentinels, in der Zukunft unbesiegbar zu werden. Nur gemeinsam können Charles und Erik jene Frau stoppen, die sie in X-Men: First Class elf Jahre zuvor entzweite. Weil Charles, von den Vorfällen damals querschnittsgelähmt, aber nicht gut auf Erik, der seit zehn Jahren unter dem Pentagon in Einzelhaft sitzt, zu sprechen ist, bedarf es viel Geduld für Wolverine, seinen jungen Mentor zu überzeugen.

“Patience”, raunt Wolverine, “isn’t my strong suit”. Daher kriegt Beast (Nicholas Hoult) auch erstmal eins auf die Nase, als dieser ihn an der Tür zu Charles’ Villa zu lange aufhält. Nach etwas Überzeugungsarbeit willigt der Professor, der dank eines Serums zu Lasten seiner Mutation wieder Gehen kann, ein, Wolverine zu unterstützen. Doch damit beginnen die eigentlichen Probleme erst, müssen sich die Figuren fortan immer wieder mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft auseinandersetzen, während sie ihre Suche nach Mystique von Amerika nach Paris und zurück treibt. Ein Szenario, das letztlich auch Bolivar Trask in die Karten spielt und somit das eigentliche Sentinel-Problem der X-Men nur weiter verstärkt.

Soviel zur Prämisse des Films, die im Grunde relativ simpel ist. Die Komplexität von Days of Future Past liegt entsprechend weniger in ihrer Jahrzehnte umspannenden Zeitreise-Handlung, sondern im Bestreben von Bryan Singer, seinen Film kanonisch geraten zu lassen. Als Folge vereint er nicht nur die Ensembles der X-Men-Trilogie und von X-Men: First Class, sondern auch deren inhärente Widersprüche. Im Nachhinein ein Unterfangen, das Singer lieber hätte lassen sollen, geraten seine Erklärversuche doch oft wenig plausibel, während er zugleich neue Fragen aufwirft. Immerhin, wäre man gewillt zu sagen, präsentiert sich seine Handlung auch abseits der rückwirkenden Stringenz meist wenig plausibel.

So bietet der Film keine Erklärung, wieso Professor X, nachdem er in X-Men: The Last Stand pulverisiert wurde, nun wieder lebt (aber dennoch nicht laufen kann). Oder warum Wolverine plötzlich wieder Adamantium auf seinen Krallen hat, obwohl ihm diese in The Wolverine doch abgetrennt wurden. Passend ist da natürlich, dass es für den Film irrelevant ist, ob die Dinger aus Adamantium sind oder nicht. Dafür verrät Patrick Stewart plötzlich, dass er mit Mystique (wie in First Class gesehen) gemeinsam aufwuchs. Wovon in X-Men, als Mystique Charles vergiftete, wenig zu spüren war. Aber in jenem Film erinnerte sich auch Sabretooth nicht an Wolverine, obwohl er laut X-Men Origins: Wolverine sein Bruder ist.

In jenem Film, der 1981 spielt, begegnete der Zuschauer auch erstmals Emma Frost, damals Anfang 20. Die von January Jones gespielte Version der Figur von 1962 in First Class war dagegen um die 30, in Days of Future Past erfahren wir nun, dass die Figur vor Jahren als eines von Trasks Versuchsopfern verstarb. Ein Großteil dieser Widersprüche, von denen an dieser Stelle nur ein paar aufgeführt wurden, verdankt sich fraglos First Class. Dass Bryan Singer dennoch etwaige Kurskorrekturen probiert, verschlimmbessert allerdings einiges. Genauso, wenn Figuren aus den vorherigen Filmen wie Stryker, Havok oder Toad in unerheblichen Nebenrollen auftauchen, obwohl sie in der Handlung keine Rolle spielen.

Damit sind sie nicht die einzigen. Denn auch Hugh Jackmans Wolverine ist im Grunde für den Film ohne jeden Belang. Abseits seiner Funktion als Übermittler der Botschaft wird er die meiste Zeit zum Beobachter degradiert. Dass er statt Kitty Pryde oder Bishop zurückgeschickt wurde, erklärt sich somit weniger mit seiner regenerativen Mutation, sondern eher mit Hugh Jackmans Star-Appeal. Nicht von ungefähr gilt der Australier beziehungsweise Wolverine als das Gesicht der X-Men, spielten seine beiden Solo-Filme mehr ein als First Class. Insofern fungiert Wolverine hier mehr zum Zweck des comic relief, als one liner ausspuckende Type aus der Zukunft, der nochmals die Flower-Power-Generation erleben darf.

Somit steht eigentlich Mystique mehr im Vordergrund, was aufgrund des Hypes um Jennifer Lawrence ebenso verständlich ist. Die meistert die Rolle, die dankenswerter Weise mit verbessertem Make-up daherkommt, ziemlich überzeugend, auch wenn die Motivation und Aktionen der Figur wie das meiste in Days of Future Past nur bedingt Sinn ergeben. Der Fokus auf sie ist ebenso erfreulich wie die Szenen der neu eingeführten Charaktere von Blink (Fan Bingbing) und Quicksilver (Evan Peters). Gerade die beiden letzteren erinnern in Aktion von der Qualität her an Nightcrawlers Intro in X2, einem Höhepunkt der X-Men-Serie. Generell lässt sich Days of Future Past technisch kaum ein Vorwurf machen.

Und trotz aller logischen Unebenheiten in der Handlung ist diese, manche Längen außen vor, fast durchweg mitreißend und spannend inszeniert. Die Interaktion der Figuren gefällt, die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Erfreulicherweise wird Action weniger pompös eingesetzt als vergleichsweise in The Last Stand. Als Folge wirkt das Finale beinahe antiklimatisch in seiner simplen Auflösung – gerade nach dem Tamtam seiner Exposition. Allerdings wäre vielleicht etwas mehr Zeit in der Zukunft nicht verkehrt und möglich gewesen, wenn Singer dafür einen belanglosen Ausflug in ein Militärlager in Vietnam ausgespart hätte. Von der für die Menschen so bedrohlichen Zukunft sehen wir also nur bedingt etwas.

Letztlich zeigt sich, dass das X-Men-Universum in den Händen von Bryan Singer am besten aufgehoben ist. Allem Kuddelmuddel in Stringenz, Logik und historischer Einordnung zum Trotz. Wenn man mag, kann man X-Men: Days of Future Past dank seines Zeitreise-Elements auch als das Star Trek-Reboot des X-Men-Franchises sehen. Diskutabel genug ist das Ende des Films jedenfalls ausreichend. Selbst wenn Singer also nicht wirklich darin reüssiert, hiermit alle Vorgänger unter einem Dach zu vereinen, ist der Versuch aller Ehren wert und eines der meist ambitionierten Bestreben des Genres. Und das Ergebnis allemal unterhaltsamer als die kohärenteren Marvel-Filme von Paramount. Das ist doch schlussendlich auch was.

6.5/10

1. August 2010

Inception

Inception is not about being specific.

“I truly have no idea what so many people are raving about”, gestand US-Filmkritiker David Edelstein in seiner Besprechung von Christopher Nolans neuem Film, Inception, im New York Magazine. Es ist 2010 und der Filmhype hat eine neue Ebene erreicht. Was bereits 2008 mit The Dark Knight ausuferte und 2009 mit Avatar noch eine Steigerung erfuhr, ist im Grunde ein laues Lüftchen, wenn es um Inception geht. Roland Huschke bezeichnet das Werk in der Süddeutschen als den am „sehnlichsten erwarteten Film des Jahres“, für on3-radio ist Inception „ein Kinowunder“ und Claudius Seidl stellte sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die unsinnige Frage: „Habe ich von diesem Film oder hat der Film von mir geträumt?“ Was im Grunde noch verhaltene Urteile waren, im Vergleich zu manchem Blogger. Der Eine erblickte „Bilder, wie sie das Kino bisher noch nicht gesehen hat“, ein Anderer will einen „Anwärter für sämtliche All-Time-Listen“ erkannt haben und anderswo stieß man auf den „intelligentesten und innovativsten Film aller Zeiten“.

Womit ein Stichwort für Inception bereits fällt: Intelligenz. Sie wird vielerorts nicht nur dem Film zugeschrieben („intelligentes Actionkino“, schreibt Andreas Borcholte im Spiegel), sondern zuvorderst seinem Regisseur. Christopher Nolan, der amerikanische Brite beziehungsweise der britische Amerikaner, sei “the brainiest of Hollywood directors”, so Caryn James in der Newsweek. Ein „Genie“ und „Wunderkind“, geht es nach Roland Huschke. Also der lebende Beweis, dass man Mainstream-Blockbuster-Kino nach amerikanischem Rezept in Verbindung bringen kann mit intelligentem Arthouse aus Europa. Eben „intelligentes Actionkino“, was der Regisseur bereits mit The Dark Knight unter Beweis gestellt haben soll und ihm ein Einspielergebnis von einer Milliarde Dollar bescherte. Eine Marke, die damals noch etwas galt, zuletzt aber sowohl von Avatar als auch Alice in Wonderland problemlos überschritten wurde. Nolan, ein Zeichen von Zuverlässigkeit. Zum einen für die Feuilletonisten und Zuschauer, die ihn stets aufs Neue abfeiern. Zum anderen für die Studiobosse, die sich sicher seien dürfen, dass ihr investiertes Geld mit entsprechendem Gewinn wieder auf dem Konto eintrudelt.

Wie viel Nolan für seinen jüngsten Film zur Verfügung gestellt wurde, ist ungewiss. Das Budget schwankt, glaubt man Gebhard Hölzl von BR-Online, sind es 150 Millionen Dollar. Vertraut man Frank Schnelle von epd-film, summieren sich die Kosten auf 200 Millionen Dollar. Huschke spekuliert in der SZ auf 180 Millionen, Nev Pierce in der Empire auf 170 Millionen. Vielleicht sind es dann doch eher die 160 Millionen Dollar, die häufiger genannt werden, zum Beispiel auf Box Office Mojo oder von Seidl und Borcholte. Wie viel Geld genau Nolan ausgeben konnte, ist im Grunde auch irrelevant. Er hat es bereits in den USA wieder eingespielt. Konträr zum Ausmaß des Hypes dürfte es Inception jedoch schwer fallen, die Milliarden-Dollar-Grenze zu überschreiten. Was nichts daran ändert, dass Nolan nun Hollywoods neuer Liebling ist, jetzt wo Jon Favreau mit Iron Man 2 und Peter Jackson mit The Lovely Bones enttäuschten. James Cameron sitzt vielleicht auf dem Box-Office-Thron (das Einspiel von Avatar dürfte durch den kommenden Re-Release nochmals enorm steigen), aber Nolan ist eigentlich der Meister der Herzen.

Aber was ist es nun eigentlich, “what so many people are raving about”? Warum ist Inception ein Kinowunder, der innovativste und intelligenteste Film aller Zeiten, mit Bildern, die das Kino in über 100 Jahren Existenz noch nie gesehen hat? Wo die Wachowski-Brüder sich für The Matrix durch René Descartes’ Meditationes de prima philosophia inspirieren ließen, wagte sich Nolan an Traumdeutungen von Sigmund Freud und seines Schülers Carl Gustav Jung heran. Zwei bemerkenswerte Psychoanalytiker, deren Arbeiten in ebenjener Traumforschung auch Jahrzehnte später noch Standardwerke sind. „Wenn man einen Traum verstehen will, dann muss man ihn ernst nehmen“, schrieb Jung in Traum und Traumdeutung. Für Nolan sind Träume nun Aufhänger und Aufenthaltsorte für Inception, der sich trotz seiner Prämisse weniger ins Science-Fiction-, denn Heist-Genre einordnen lassen will. Dementsprechend folgt der Film auch bestimmten Genreregeln, von der Exposition des geplanten Diebstahls, über die Verwicklung der jeweiligen Beteiligten, die für den Diebstahl von Nöten sind, hin zur Kulmination – dem eigentlichen Diebstahl selbst, und letztlich zur Lysis, der Auflösung des Filmes.

Exposition, Verwicklung, Kulmination, Lysis. Bei näherer Betrachtung fallen natürlich Jungs vier Traumphasen auf. In der Exposition lernen wir Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) kennen. Einen extractor, wie er sich selbst nach seiner Profession nennt - ein Industriespion. Eine Erfindung seines Schwiegervaters Miles (Michael Caine), Architekturprofessor an einer Pariser Universität, ermöglicht es Cobb, das Unterbewusstsein eines Menschen in einen „Traumraum“ zu transportieren, der dem Opfer vorgaukeln soll, sein eigener Traum zu sein, in Wirklichkeit jedoch von einem Architekten gestaltet wurde. Was komplizierter klingt, als es ist. Das Publikum wird nun eingeführt in Cobbs Wirken und die Begebenheiten, die den Film in den kommenden zwei Stunden begleiten werden. Der Inhalt ist zweitrangig, wichtiger sind die Elemente. Ein Traum innerhalb eines Traums, Industriemagnat Saito (Ken Watanabe), Cobbs verstorbene Frau Mal (Marion Cotillard), die als Projektion seines Unterbewusstseins zum Saboteur der Mission avanciert. Was erneut komplizierter klingt, als es ist.

Die Mission scheitert und gelingt zugleich, die Exposition transformiert sich frühzeitig zur Verwicklung. Saito liefert die Filmhandlung, die Titelgebende inception. Cobb, der Industriespion, soll nichts aus dem Unterbewusstsein seiner Opfer stehlen, sondern etwas einfügen. Eine Idee, im Kopf von Saitos schärfsten Konkurrenten – Robert Fischer Jr. (Cillian Murphy). Unmöglich, findet Arthur (Joseph Gordon-Levitt), Cobbs rechte Hand. Dieser wiederum sieht es als einzige Möglichkeit, wieder nach Hause zu kommen. „Nach Hause“ sind die USA, die Cobb den Tod von Mal als Mord zur Last legen, aus Gründen, die für das Verständnis des Filmes von Bedeutung sein sollen, für die Ausgangsbasis jedoch an sich unerheblich sind. Cobb nimmt Saitos Auftrag an, da dieser verspricht, dass die Anklage gegen Cobb fallen gelassen wird und dieser wieder seine Kinder sehen kann, die er in Los Angeles zurücklassen musste. Nun gilt es, ein Team zu formen, für diesen Coup aller Coups.

An Bord geht Ariadne (Ellen Page), eine begabte Architektin, die für die Gestaltung der falschen Träume verantwortlich ist. Zudem noch Eames (Tom Hardy), ein Fälscher von Traumidentitäten, und Yusuf (Dileep Rao), ein Apotheker, der für die Anästhetika zuständig ist, die einen in die Träume in Träumen katapultieren. Sind alle notwendigen Figuren in die Geschichte verwickelt, kann diese in die Kulminationsphase übergehen. Womit Inception seine vermeintliche Intelligenz zu Gunsten des Actionkinos allmählich aufgibt. Die angeblich unmögliche inception verkommt zur Nebensache. Fischer soll die Firma seines Vaters auflösen – so die einzupflanzende Idee. „Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches“, definierte Freud. Eine Definition, mit der Jung brach, indem er den Traum als „subliminalen Prozeß“ beschrieb, der „keine klar umrissenen Gedanken hervorbringen“ kann. „Es sei denn, er höre auf, Traum zu sein, und würde sofort zum Bewusstseinsinhalt“, so Jung.

Für Nolan ist dies unerheblich. Die Einpflanzung der Idee geschieht auf psychologisch simple Weise. Quasi ad hoc kommt Eames mit dem Plan für die inception auf, die somit an die Stelle des nicht zu knackenden Casinos aus Ocean’s Eleven tritt, dessen Planungsprozess weit weniger wichtig ist, als die Probleme, die sich während des Diebstahls einstellen. Womit nämlich niemand gerechnet hat: Fischer hat ein Bewusstseinssicherheitstraining hinter sich. Sprich: Unterbewusst erschafft er Projektionen, die versuchen, jenes Unterbewusstsein vor dem Zugriff einer anderen Person zu schützen. Fortan geht es in Inception nicht so sehr um die inception wie die Erwehrung dieser schwer bewaffneten Fischer-Projektionen. “Most of the time, one group of guys chases another”, beschrieb dies A. O. Scott in der New York Times. Schießereien, die für Katja Nicodemus in der Zeit „nicht interessanter werden, nur weil sie auf verschiedenen Traumebenen stattfinden”. Ihr Sinn will sich nicht wirklich erklären, was jedoch nur der Inkohärenz von Nolans gesamtem Film entspricht. Denn intelligent, ist hier leider ausgesprochen wenig.

Das Traumschema in Inception ist ein Unübersichtliches. Grundsätzlich loggen sich andere Personen in den Traum einer Ursprungsperson ein, die wiederum die Vorlage des Architekten nutzt. Was an sich schon Jungs Traumkonzeption aushebelt, wenn mehrere Personen ihr Unterbewusstsein teilen, alle also träumen, aber nur eine Person den Traum gestalten kann. Die angreifenden Projektionen von Fischer entstammen also seinem Unterbewusstsein, inmitten des Unterbewusstseins der jeweils Anderen. Diese können sich jedoch Waffen erträumen, mit denen sie sich der Projektionen erwehren. Maschinengewehre zum Beispiel. Oder Granatwerfer. “You mustn't be afraid to dream a little bigger”, trällert Eames in einem Gefecht Arthur entgegen, als er sich eine Großkaliber-Waffe erträumt. Warum jedoch keinen Airstrike erträumen? Oder die Straße hochklappen, wie es Ariadne in einem Versuch getan hat? Es erschließt sich einem nicht, warum Cobb und Co. ballern müssen, anstatt ihre Umgebung zu beeinflussen. Schließlich sind es Yusuf, Arthur, Eames, und so weiter, die träumen. Aus Spannungsgründen versucht Nolan seiner phantastischen Welt physikalische Eckpfeiler zu verpassen – die letztlich seine gesamte Narration zu Boden reißen.

Beiläufig wird erklärt, fünf Minuten in der Realität entsprechen einer Stunde in der Traumwelt, sowie jeweils mehr, je tiefer man ins Unterbewusstsein eindringt. Willkürliche zeitliche Eingrenzungen, wie Nicolas Cages Zwei-Minuten-Visionen aus Next. Wer aus Träumen erwachen will, muss einfach Suizid begehen, heißt es zu Beginn. Bis Saito später angeschossen wird, und Cobb erklärt, aufgrund der Anästhesie wacht niemand auf, wenn er im Traum stirbt, sondern landet im Limbus (dem man nur entkommt, wenn man in ihm stirbt). Regeln werden im Vorbeilaufen aufgestellt und folgen keinem logischen Schema. Vielleicht versucht Nolan auch nur Jung zu folgen, wenn dieser sagt, dass „der Traum ein sonderbares und fremdartiges Gebilde [sei], das sich durch (…) Mangel an Logik, (…) und offensichtliche Widersinnigkeit (…) auszeichnet“. Was allerdings in seinem Versuch, einen Traum als realen Thriller zu erzählen – jegliche Träume innewohnende Surrealität wird in Inception quasi negiert, sodass jeder Film von David Lynch, Jim Jarmusch oder Alejandro Jodorowsky eher wie ein Traum wirkt, als Nolans Kreationen –, nicht übertragen werden kann.

Allein die Tatsache, dass die Idee der Firmenauflösung direkt als solche in Fischers Unterbewusstsein etabliert wird, entfernt sich von Freud und Jung und ist ein müder Versuch anzudeuten, dass Fischer sie in die Tat umsetzen wird. Als ob jeder, der im Traum einen Wagen kauft, am nächsten Tag zum Autohändler fährt. Wären Träume so offensichtlich wie „Lös die Firma deines Vaters auf“, hätte es der Traumdeutungen von Freud und Jung überhaupt nicht bedurft. Hinzu kommt, dass obschon mit Ariadne eine Figur ausschließlich als Statthalter des Zuschauers erschaffen wird, Nolan viel erzählt, aber nichts wirklich erklärt. Von den zehn Traumsekunden, die in der nächsten Stufe drei Minuten darstellen (wenn fünf reale Minuten sechzig im Traum repräsentieren, gibt es also kein festes Schema einer Multiplikation mit Zwölf, was es Cobb umso schwieriger machen müsste, über mehrere Traumebenen hinweg den jeweiligen Countdown auszurechnen), bis hin zu den scheinbar nur existenten drei Traumstufen, an welche sich dann der Limbus anschließt.

Nichts in Nolans Traumkonstruktionen hat Hand und Fuß und selbst die angebliche „reale“ Welt ist voller Unsinnigkeiten. So nimmt Cobb das Angebot von Saito nur an, um wieder zu seinen Kindern nach Los Angeles fliegen zu können, ohne je auf die Idee zu kommen, seine Kinder einfach durch deren Großvater abholen und nach Paris bringen zu lassen. Was angesichts der Tatsache, dass sie über eine französische Mutter verfügen (die obschon sie die Tochter von Caines Figur ist, dennoch kein akzentfreies Englisch beherrscht), kein juristisches Problem sein sollte. Ein weiterer Mangel an Logik, eine neuerliche Widersinnigkeit, eine frühzeitige Sinnlosigkeit. Eigenschaften, die Cobbs Realität zum sonderbaren Gebilde machen und Jung zufolge darauf hindeuten würden, dass seine Realität in Wirklichkeit ein Traum ist. Was natürlich ein absehbarer Schachzug von Nolan ist, der sich nicht erst in der betreffenden Szene verrät, sondern schon bevor der Vorspann zu Ende gelaufen ist. Man kennt das letzte Frame von Inception somit im Grunde schon, bevor man das Erste abgespeichert hat. Selten traf man einen Film, der derart vorhersehbar und in seiner Gesamtheit uninspirierter war, als bei Inception der Fall.

Weder ist der Film spannend aufgebaut, noch zu irgendeinem Zeitpunkt sonderlich originell. Nolan präsentiert ein leb- und liebloses Konstrukt, befüllt mit Figuren, die ohnehin nicht sterben können, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wo Nolan darauf bauen muss, dass der Zuschauer sich emotional am Geschehen beteiligt. Immer wieder also neue Regeln, gefolgt von widersprüchlichen Sub-Regeln, die ihre Vorgänger aus dramaturgischer, nicht jedoch logischer, Sicht einschränken müssen. Was generell vertretbar wäre, wenn Nolan sich zumindest bemüht hätte, nicht eine Armada eindimensionaler Charaktere zu erschaffen. Keine der Figuren kommt über ihre Typisierung hinaus. Page gibt den Publikumsersatz, der dem Helden folgt und Fragen stellen darf, Gordon-Levitt und Hardy sind die Sidekicks, die etwas Coolness und Humor beitragen sollen. Andere, wie Rao oder Watanabe, sind nichts als schmuckes Beiwerk. Seinen Anfang findet Inception dabei in Leonardo DiCaprio als innerlich zerrissenen Mann, der von seiner toten Frau geplagt wird. Eine Rolle die der Schauspieler aus dem Effeff beherrscht, hat er sie doch erst zuletzt in Shutter Island gespielt.

Alle Schauspieler würden sich „die Seele aus dem Leib“ spielen, lobt Marius Zekri bei Bayern3. Dabei spult DiCaprio dasselbe Programm runter, wie in jedem seiner Filme. Sei es Gangs of New York, Blood Diamond, The Departed oder Body of Lies. Die Mimik ist stets gleich und ändert sich nie. Im Gegensatz zu den übrigen Komparsen, bemüht sich der Hollywood-Star immerhin, selbst wenn es ihm nicht sonderlich gelingen will. Auch der müßige, wenn auch für Nolans Plottwist notwendige, Sub-Plot mit Cotillard vermag kaum emotionale Momente auf DiCaprio herauszukitzeln. Dabei ist es in einem Heist-Film wenn schon nicht unabdingbar, dann doch hilfreich, wenn der Zuschauer mit den Figuren mitfiebert und sich um sie sorgt. So funktioniert die Spannung, so werden Emotionen geweckt. Doch die Cobbs, Arthurs, Ariadnes, Eames’, Saitos und Yusufs in Inception sind einem egal. Sterben sie, werden sie wieder aufgeweckt. Es ist wie in der 2008er Version von Prince of Persia, wo der Prinz nie sterben konnte, stets gerettet wurde, und somit nie mehr war, als ein Mittel zum Zweck, aber niemand, mit dem man sich identifizierte.

Wo also weder die leidliche Handlung mit all ihren Fehlern, noch die müde aufspielenden Darsteller überzeugen können, ist es immerhin der Look von Inception, der bisweilen gefällt. Weniger das Zusammenklappen von Paris oder der Kampf in der Schwerelosigkeit, allenfalls die Limbus-Szenen. In seiner Gesamtheit erinnert Nolans jüngster Film dabei an seinen Vorgänger. „Ein liebloses Stück Film ist das, welches versucht Komplexität zu evozieren, ohne in irgendeiner Weise tatsächlich komplex zu sein“, schrieb ich zu The Dark Knight. Sowie: „Geradezu bedauernswert, diese eindimensionale Charakterausarbeitung der gesamten Figuren.“ Bedauernswert auch, dass sich die gesammelten Kritikpunkte des Batman-Teiles auch in Inception wiederfinden. “It feels like Stanley Kubrick adapting (…) William Gibson (…) like The Matrix mated with Synecdoche, New York”, meinte Nev Pierce, während Andreas Borcholte den Vergleich heranzog von „Reservoir Dogs im Lummerland“.

Am Ende ist Inception eher eine prätentiöse Version von The Italian Job, angereichert mit Versuchsideen basierend auf Freud und Jung, ohne diese jedoch auch nur ansatzweise so gut für seine Handlung zu verwenden, wie es den Wachowskis mit Descartes’ Meditationes in The Matrix gelang. Der angeblich intelligente Film widerspricht sich  meist selbst, zumindest in den Momenten, wo er nicht von vorneherein ohnehin keinen Sinn ergibt. Das eigentliche Wunder an Inception ist also weder sein überschätzter Regisseur, noch der Film selbst, sondern der unverständliche Hype, der ihm folgt und vorausgeht (Edelstein bezeichnet den Film völlig richtig als “metaphor for the power of delusional hype – a metaphor for itself”). Was Nolan jedoch mit seinem Film erreicht, ist ein kollektives Aha-Erlebnis im Kino und ein anschließendes Diskutieren vor den Eingängen. Etwas, das in heutigen Zeiten rar geworden ist. Inception ist ansonsten “something you may forget as soon as it’s over”, wie es Scott treffend formuliert. Ganz anders dagegen der nächste Hype. Denn der kommt bestimmt. Spätestens mit dem nächsten Projekt von Christopher Nolan.

3.5/10

17. August 2008

X-Men: The Last Stand

You, of all people, know how fast the weather can change.

Manche Projekte stehen unter keinem guten Stern und dies gilt auch für den Abschluss der X-Men-Trilogie. Ursprünglich hatte Bryan Singer mit 20th Century Fox einen Vertrag über drei Teile, überwarf sich dann jedoch während der Planungen für X-Men: The Last Stand mit dem Studio. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, dass sich der Film um Dark Phoenix drehen würde. Singer verließ schließlich das Projekt, als ihm Warner Bros. anbot, Superman Returns zu inszenieren, von dem zuvor unter anderem McG und Brett Ratner abgesprungen waren. Singer, ein selbst erklärter Fan des Man of Steel, nahm dann nicht nur seinen Drehbuchautoren mit, sondern auch Cyclops-Mime James Marsden. Als potentieller Ersatz auf dem Regiestuhl handelte Fox anschließend verschiedene Namen.

Zu diesen gehörten auch Alex Proyas und Zack Snyder, Ersterer hatte jedoch kein Interesse und Letzterer war mit 300 beschäftigt. Schließlich konnte Matthew Vaughn engagiert werden, der durch sein Debüt Layer Cake zu überzeugen wusste. Vaughn besetzte Kelsey Grammer als Beast und Vinnie Jones als Juggernaut, verließ jedoch nach wenigen Wochen das Filmprojekt wieder. Offiziell aus familiären Gründen gab Vaughn später zu, sich dem Druck von Fox nicht gewachsen gefühlt zu haben, zudem sei das Drehbuch sehr schwach gewesen. Als Ersatz für Vaughn wurde letzten Endes ebenjener Brett Ratner engagiert, der einst bei Superman Returns hätte Regie führen sollen und nun mit seinem persönlichen Freund Bryan Singer die Stühle der jeweiligen Comic-Verfilmungen getauscht hatte.

Zwei Regisseure und über zwei Dutzend Drehbuchentwürfe später konnten die Dreharbeiten zu X-Men: The Last Stand dann endlich beginnen - mit Halle Berry. Dies geschah jedoch unter der Voraussetzung, dass Berry weitaus mehr Leinwandzeit erhalten würde als bei den Vorgängern der Fall. Für sagenhafte 210 Millionen Dollar durfte Brett Ratner, der sich bis dahin hauptsächlich durch die beiden Rush Hour-Filme ausgezeichnet hatte ein Effektgewitter loslassen, welches unterm Strich wenig glaubwürdiger wirkte, als es bei Singers X-Men und einem Budget mit einem Drittel des Umfangs der Fall war. Dennoch gelang es Ratners Film an seinem Startwochenende, wenn auch kurzfristig, Rekorde aufzustellen und im Nachhinein weltweit rund das Doppelte seiner Kosten wieder einzuspielen.

Bei vielen Kritikern und vor allem Fans fiel der Film jedoch durch und das sicherlich nicht unverdient. Löblich sind zwar die Ansätze, die Handlung des Trilogie-Abschlusses auf den Comicbänden The Dark Phoenix Saga von Chris Claremont und Gifted von Joss Whedon zu basieren. Es finden sich auch Querverweise zu anderen Ausgaben aus dem X-Men-Universum, doch das alles tröstet am Ende nicht über das katastrophale Drehbuch von Simon Kinberg und X2-Veteran Zak Penn hinweg. Dieses verstrickt sich den ganzen Film über in Widersprüche und Logiklöcher. Bedauerlicherweise machte der Trilogieabschluss viel von dem kaputt, was Bryan Singer zuvor aufgebaut hatte, was angesichts der Klasse der beiden Vorgänger umso enttäuschender ist. Was man falsch machen konnte, machte Ratner falsch.

Wenige Wochen nach dem Tod von Jean (Famke Janssen) einsetzend, befindet sich Scott (James Marsden) immer noch in einem emotionalen Loch. Die Mutanten scheinen mit der Regierung auf einen gemeinsamen Nenner gelangt zu sein, wurde Hank McCoy (Kelsey Grammer) doch inzwischen zum Kabinettsminister ernannt. Aufgrund eines Mutanten mit besonderen Fähigkeiten lässt sich zudem ein Serum gewinnen, welches als Heilung gegen das Mutanten-Gen verstanden wird. Eine Nachricht, die die Mutantengesellschaft spaltet, allen voran Magneto (Ian McKellen), der eine Armee aufzubauen beginnt. Die X-Men müssen sich derweil entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen, in diesem scheinbar letzten Gefecht. Dabei müssen beide Lager etwaige Todesfällen und Verluste auffangen.

Das große Manko von X-Men: The Last Stand ist, dass die Dark Phoenix-Handlung rund um Jean, sowie die Gifted-Storyline bezüglich der Heilung weitestgehend aneinander vorbeilaufen, ohne miteinander zu interagieren. Sinnbildlich hierfür steht Famke Janssen, die in den Gifted-Segmenten nutzlos neben Ian McKellen wartet, bis sie sich wieder der anderen Haupthandlung widmen darf. Gefördert wird das Fiasko von den praktisch als Gastauftritte zu bezeichnenden Nebenrollen von Marsden und Rebecca Romijns Mystique, aber auch in verschenkten neuen Rollen wie die des Ur-X-Men Angel (Ben Foster). Ratner scheitert in fast jeder Einstellung daran, mehr als zwei Figuren simultan ins Zentrum rücken zu können, zudem schiebt er auch noch die falschen Figuren in den Fokus.

Den Vogel schießt Ratner dabei vor allem mit den Charakteren von Cyclops und Angel ab. So entgegenkommend es auch ist, Cyclops in die Geschichte einzubeziehen, so unsäglich verkommt dessen Auftritt. Ganze vier Minuten ist Marsden im Bild und darf dabei beeindruckende vier Sätze von sich geben. Da Singer bereits die Figur des X-Men-Leaders zu Gunsten von Wolverine (Hugh Jackman) verschenkt hat, hätte man auf dieses Armutszeugnis getrost verzichten können. Noch erbärmlicher wird das Ganze bei bei der neuen Figur von Angel, der wie Beast/Hank McCoy zu den Gründungsmitgliedern der X-Men zählt. Foster, der extra Krafttraining für die Rolle absolvierte, bringt es auf etwas mehr als zwei Minuten und drei Sätze und wird ebenso verschenkt wie die geopferte Mystique.

Besser wäre es hier gewesen, auf Mystique und Cyclops schlichtweg zu verzichten oder die Rollen neu zu besetzen, wenn man sie in die Geschichte zu integrieren beabsichtigt. Stattdessen muss man sich mit eindimensionalen und uninteressanten Figuren wie Pyro (Aaron Stanford) herumschlagen, die bereits im Vorgängerfilm nicht überzeugte. Auch die Neuzugänge überzeugen nur bedingt. So sorgt Vinnie Jones als Juggernaut zumindest für den ein oder anderen Lacher (obschon Juggernaut gar kein Mutant ist). Serienfans dürfen sich zudem auf Eric Dane als Multiple Man freuen, sowie Ken Leung als Kid Omega und Dania Ramirez als Callisto. Dennoch werden sie alle darauf beschränkt, hilflos neben Magneto zu stehen, während sich die Handlung um sie herum fortentwickelt.

Den Unterschied zwischen X-Men: The Last Stand und seinen Vorgängern merkt man bereits beim Vorspann, der nicht unmittelbar einsetzt, sondern erstmal die Themen vorstellt (passend zum Film individuell und chronologisch). Immerhin schlägt das Fan-Herz bei der nächsten Sequenz stärker, wenn der Zuschauer zumindest eine Ahnung vom Danger Room inklusive Sentinels erhält. Nur ist diese Szene fast schon der Höhepunkt. Während die Phoenix-Saga verschenkt wird, überzeugen mitunter wenigstens die Gifted-Elemente. Was wäre, wenn tatsächlich eine Heilung existieren würde? Für Mutanten wie Storm und Magneto unverständlich, bringt es Beast auf den Punkt: Nicht jeder gliedert sich mühelos in die menschliche Gesellschaft ein. Das lebende Beispiel: Rogue (Anna Paquin).

Da neben der Heilung aber noch ein weiterer Plot besteht und Ratner versucht, das Ganze in 90 Minuten abzuvespern, bleibt nicht viel Zeit, um dieser subversiven moralischen Frage nachzukommen. Die Kräfte wandern stattdessen ins Filmfinale, das durch schwachsinnige und unnötige Einfälle auftrumpft (Warum bewegt Magneto die Golden Gate Bridge, um damit nicht mal 200 Mutanten nach Alcatraz zu bewegen? Ist Angel die ganze Zeit über der Insel geflogen, darauf wartend, dass jemand seinen Vater vom Dach schmeißt? Etc.) Das alles wird abgerundet von schmalzigen Dialogen und weiteren verschenkten Darstellern wie Patrick Stewart (Professor X) und Ellen Page (Kitty Pryde). So ist X-Men: The Last Stand der Abschluss der X-Men-Trilogie, den man dieser nie gewünscht hat.

4/10

11. März 2008

Juno

You're being really immature.

„Mein Name ist Diablo Cody – naja, nicht wirklich. Aber was soll’s?“. Quizfrage: Wo würde man diese Person am ehesten antreffen? Oder anders, würde es Hollywood nicht geben, hätte es für diese Frau erfunden werden müssen. Eine Frau namens Brook Busey, die ihren Job aufgibt um ganztägig als Stripperin zu arbeiten, nur um auch das aufzugeben und sich stattdessen Telefonsex zuzuwenden, die sich selbst nach der spanischen Bezeichnung für „Teufel“ und einem Ort in Wyoming benennt, ihren Mann im Internet kennen lernt und nicht mal zwei Jahre später von ihm scheiden lässt. Während sie neben dem Strippen Artikel für Zeitungen schrieb, veröffentlichte sie mit 24 Jahren ihre Memoiren (heutzutage immer früher, bald wird man welche von 10-Jährigen lesen können).

Sie eröffnete bei Blogspot ihr eigenes Blog, Pussy Ranch, das anschließend sechs Monate von einem Hollywoodproduzenten gelesen wurde und ihr schließlich den Auftrag ein Filmdrehbuch zu schreiben bescherte. Von der Stripperin zur Oscargewinnerin – das ist der viel gerühmte American Way of Life. Nachdem sie sich bei den diesjährigen Academy Awards wohl dank des Sympathiefaktors gegenüber den besser geschriebenen Büchern von Nancy Oliver und Tamara Jenkins durchgesetzt hat, wird sie im Herbst dieses Jahres für eine Fernsehserie schreiben, mit Toni Colette in der Hauptrolle nach einer Idee des großen Steven Spielberg. Die gute Frau wird sich fortan also wohl nicht mehr auszuziehen haben, um ihr täglich Brot zu verdienen und wer schon immer mal einen Blick in den Kopf einer ehemaligen Stripperin werfen wollte, der ist hier an der richtigen Adresse.

Wie so viele Autoren verarbeitet auch Miss Cody eigene Erlebnisse in ihrem Skript, als sie selbst zur Schule ging war sie Tochter einer Mittelstandsfamilie und ihre 16jährige Freundin wurde schwanger. Ein kleiner Crossover und fertig ist Juno MacGuff, hier gespielt von der talentierten Ellen Page, deren Oscarnominierung jedoch – das sei vorweg genommen – ebenso lächerlich ist, wie die der Autorin, des Regisseurs, des ganzen Filmes eigentlich. Juno ist Tochter des Mittelständlers mit dem netten Namen Mac MacGuff (J.K. Simmons) und im Besitz eines Hamburgertelefons (welches eigentlich ein Cheeseburgertelefon ist), das aus dem Besitz der Autorin selbst stammt. Der Film leitet sich selbst ein mit dem Stuhl, auf dem Juno ihre Jungfräulichkeit verlor, als sie mit ihrem besten Freund Paulie Bleeker (Michael Cera) schlief. Wie das bei ungeschütztem Sex vorkommen kann, wird Juno prompt schwanger und vertraut sich erstmal ihrer besten Freundin Leah an, ehe sie zur nächsten Abtreibungsklinik geht, um das Kind loszuwerden.

Tut sie dann aber doch nicht, wieso wird nicht klar, spielt ja auch keine Rolle, denn die restliche Spielzeit verbringt Cody damit dem Publikum einen ausgewählten Soundtrack ans Herz zu legen und nebenher irgendwas zu erzählen, was komisch sein soll. Die Komik des ganzen liegt darin, dass sie der 16jährigen Juno Worte in den Mund legt, die sie selbst wohl sagen würde, die lustig und cool sein sollen, aber es irgendwie nie sind. Was die Autorin hier betreibt ist äußerst paradox, denn einerseits erschafft sie eine Figur, die ihrem Intellekt nach und ihrer (zumindest teilweisen) Ausdrucksweise aus dem Universum von Kevin Williamson (Dawson’s Creek) stammen könnt, die jedem der es hören will – oder nicht schnell genug wegkommt – einen Vortrag darüber hält warum die Hochzeit des Rocks 1977 war und The Stooges einer der besten Bands sind.

Sie ist weder dumm, noch auf den Kopf gefallen, diese Figur Juno, scharfsinnig, ehrlich und direkt. Zugleich jedoch von einer unbeschreiblichen und für amerikanische Verhältnisse typischen Naivität, die nichts von Verhütung weiß und ihr Kind den ganzen Film hindurch als „Ding“ bezeichnet, welches sie am liebsten „wie in den guten alten Zeiten“ in einem Korb loswerden würde. Die potentielle Adoptiveltern nach dem Coolheitsschema auswählt, Graphikdesigner wären zum Beispiel angesagt (Codys Ex-Mann und Pages Vater sind Graphikdesigner). Mit ihrem Mundwerk und ihrer Art kommt sie dabei genauso gut bei dem designierten Adoptivvater (Bateman) an, wie es umgekehrt der Fall ist – Grund hierfür ist das beide Figuren praktisch identisch sind. Mark wie Juno teilen denselben Humor, hören dieselbe Musik, machen sich gegenseitig Mixtapes, haben ein Faible für Gore-Filme und wollen an sich nichts mit Kindern zu tun haben. Dies führt wiederum zu dem Paradox von Marks Ehe mit Vanessa (Jennifer Garner), die nicht verschiedener sein könnte als er. Die Frage wieso sich ein so freiheitsvernarrter Mensch wie Mark mit dem Kontrollfreak Vanessa einlässt, in dem versnobten Vorstadthaus und dem Wunsch nach Kindern, beantwortet die Autorin nicht. Ebenso wenig wie alle anderen Fragen, die das von ihr skizzierte Thema stellt. (Wem das jetzt schon zu bunt wird, dem empfehle ich die positive Kritik zum Film von Marcus).

Gerade die Szene in der Abtreibungsklinik ist eine der entscheidenden des Filmes, warum Juno aber schließlich so handelt wie sie handelt wird nicht erläutert. Man könnte wohl behaupten, dass der Film nicht wirklich ernst genommen werden will – alleine der Name von Junos Vater spricht dafür -, sondern der lediglich etwas Spaß machen will, eine kleine Indie-Komödie sein möchte die eine schwangere sechzehnjährige zeigt, die sagt was sie denkt und denkt was sie sagt. Im Cinefacts-Thread hab ich mich zu der Aussage hinreißen lassen, dem Film eine bedenkliche, gefährliche Tendenz zuzusprechen, durch seine Aussage „Schwanger! Na und?“ (O-Ton Filmverleih) ein falsches Bild von Schwangerschaft bei Minderjährigen zu vermitteln. Die Worte „bedenklich“ und „gefährlich“ sind hierbei etwas hart gewählt, wie ich im Nachhinein feststellte, nichtsdestoweniger ist es kritisch zu betrachten, wie der Film mit dem Thema Schwangerschaft umgeht.

Das hängt nicht unbedingt mit Konservativismus zusammen, denn niemand erwartet dass der Film eine Katharsis wie Knocked Up durchmacht, aber ein etwas rationalerer Umgang wäre sicher nicht zuviel verlangt gewesen. Vor allem wenn man seine Figur so frühreif zeichnet wie es Cody tut und ihr dann dümmliches Cheerleader-Geschwätz in den Mund legt. Gut möglich, dass es sich hierbei aber auch um ein reales Bild des heutigen Amerikas handelt, ein Cinefacts-User meinte zumindest man könnte nicht einmal in einem Wal-Mart Kondome kaufen, Sexualaufklärung findet anscheinend (entgegen der Darstellung in Definitely, Maybe) weder in der Schule noch zu Hause statt. Immerhin befinden sich die USA bei den Zahlen für minderjährige Mutterschaften auf einem Niveau mit Indonesien und Südafrika (55 Schwangerschaften kommen auf 1.000 Teenager).

Wird es in Juno mal ernst, dann weiß Regisseur Jason Reitman, der mit Thank You For Smoking nicht ein äußerst passables Regiedebüt hingelegt hatte – stets penetrant den Soundtrack drüber zu legen und Lieder von Kimya Dawson sowie andere Indie-Hits neben Veteranen wie Buddy Holly und The Kinks abzuspielen. Bei diesem schlecht geschriebenen Skript versucht Reitman dennoch zu retten, was noch zu retten ist und was am meisten überzeugen kann ist dann doch das Casting. Bedenkt man die Charaktere für sich genommen, sind alle sehr gut besetzt, von Bateman über Garner zu Cera, gerade bei letzterem sind speziell die Szenen mit Page sehr gelungen und wirken von allen im Film dargestellten am authentischsten.

Juno
ist so ein Film, bei dem vorausgesetzt wird, das man das Gesehen nicht hinterfragt, sich einfach von dem Charme verzaubern lässt und ohnehin alles richtig cool und dufte findet. Das dabei alle Figuren überzeichnet sind, die Dialoge konstruiert und die eigentliche Geschichte gar keine ist, eher ein Napoleon Dynamite mit einer Schwangeren, politisch unkorrekt, frisch, witzig – in einem Wort: Hollywood. Da verwundert es nicht, dass der Film alleine in den USA das zwanzigfache seiner Kosten eingespielt hat, mit vier Oscarnominierungen bedacht wurde, gerade in den Kategorien Bester Film und Beste Regie Konkurrenten wie Zodiac, David Fincher, Joe Wright und andere hinter sich gelassen hat. Juno ist dann doch nur das, was die Allgemeinheit als Feel-Good-Movie bezeichnet, auch wenn er bei näherer Betrachtung in fast allen Bereichen versagt.

4/10