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11. März 2013

Spring Breakers

Hit Me, Baby, One More Time.

Harmony Korine macht es einem nicht leicht, was durchaus seine Berechtigung hat, ist der Auteur nicht von ungefähr dem Avantgardefilm zuzurechnen. Zuletzt irritierte er den gewöhnlichen Kinozuschauer, insofern der das Werk überhaupt zu Gesicht bekam, mit dem vergnüglichen VHS-Found-Footage-Porträt Trash Humpers. Am bekanntesten ist er aber für sein Varieté-inspiriertes Debüt Gummo von 1997. Stets abstrakt und meist non-linear verdichtet Korine gerne surreale Episoden über soziale Außenseiter. Mit Spring Breakers legt der Amerikaner nun seinen in gewisser Weise zwar unpersönlichsten und zugleich doch reifsten Film vor. Ein nahezu perfektes Amalgam aus Avantgarde, Arthouse und Mainstream. Und damit womöglich nicht mehr und nicht weniger als sein opus magnum.

Denn Spring Breakers kann durchaus als filmisches Spiegelbild des Rezipienten gelesen werden. So erzählt der Film auf der einen Seite natürlich „nur“ die Geschichte von vier heißen Studentinnen (u.a. Vanessa Hudgens und Selena Gomez), die in den Frühlingsferien leichtbekleidet dem Hedonismus in Florida frönen, um dem Uni-Alltag zu entkommen. Und die dabei letztlich vom regionalen Rapper Alien (James Franco) für sein Crime-Start-up rekrutiert werden. Sex, Drogen und Dubstep für die Facebook-Generation. Unter der Oberfläche werden jedoch malicksche Themen wie die Suche einer Generation nach einem versprochenen und verlorenen Paradies sowie einer eigenen Identität in einer Kultur, der man nur auf der Überholspur auf Augenhöhe zu begegnen vermag, behandelt.

“That’s what life is about”, proklamiert Alien später in seinem Strandhaus, während sich Candy (Vanessa Hudgens) auf einem Bett voller Dollar-Scheine wälzt und der bling-bling-Rapper stolz seine Sammlung an Uzis und AK-47 präsentiert. Die Botschaft des Films, das machen seine Figuren deutlich, ist, dass der American Dream nicht von selbst kommt. Man muss ihn sich nehmen. Oder konkreter: Man muss ihn anderen wegnehmen. Das fängt schon damit an, dass Brit (Ashley Benson), Candy und Cotty (Rachel Korine) aufgrund finanzieller Ebbe zu Beginn die Reisekosten nach Florida erstehlen müssen. “Pretend like it’s a videogame”, sagen sie sich und driften fortan verstärkt in eine surreale Parallelwelt ab, voll von Koks, Alkohol, schweren Waffen, Schalldämpfer-Fellatio und Britney Spears.

Korine kontrastiert dabei die abgedunkelten Hörsäle anonymisierter Hochschulen inmitten eines trostlosen und verregneten Nirgendwo mit den paradiesischen Vorstellungen eines von Sonne durchfluteten Floridas, in welchem die Zukunftssorgen und der Alltagsstress in der Heimat gelassen wurden und man stattdessen eine einzige große Party feiert, damit sich persönlich sowie alle anderen und letztlich das Leben selbst zelebrierend. Dieses findet nicht in der Ungewissheit des tomorrowland statt, sondern right here, right now. Wenn Faith (Selena Gomez) dann ihrer Bibelgruppe entflieht, um in nächtlichen Telefonanrufen ihre Oma zum Spring Break einzuladen und im Hotelpool philosophiert, ist die menschliche Suche nach dem Paradies gleichzeitig so nah und doch so fern wie möglich.

Natürlich lässt sich der Sorglosigkeit nicht lange entfliehen, die Realität ist in Spring Breakers immer nur zwei Schritte hinterher und so landen die Mädchen unweigerlich durch die Begegnung mit James Francos – jenseits des overactings in teilweise brillante Sphären kalibrierten – Alien in einer fremden Welt. Und damit in einem ausgewachsenen Bandenkrieg. Denn wie sich zeigt, ist Francos Figur auf ihre Weise eher ein “illegal alien” in Korines selbstgeschaffenem Garten Eden, den jeder der Charaktere in Spring Breakers für sich selbst beanspruchen will. Im Folgenden werden die neu geschaffenen Identitätsbilder der Mädchen und von Alien zur Prüfung auf die Waage gelegt. Und sie alle müssen sich entscheiden, ob sie ihrer „Realität“ standhalten können: “Pretend like it’s a videogame”.

Sowohl inhaltlich auch inszenatorisch hat Harmony Korines jüngster Film wenig mit seinen früheren Werken gemein. Das zeigt sich zuvorderst im Visuellen, das sich in klaren, scharfen, knackigen und bunten Farben widerspiegelt. “There’s this obsession nowadays with technology and with the fact that everything looks so clear”, hatte Korine zum Start von Trash Humpers noch im Gespräch mit Vulture kritisiert. “Everything needs to be so high-definition.” Mit Spring Breakers legt er nun selbst den totalen Gegenentwurf zu seinem Dogma 95-Film Julien Donkey-Boy vor. Kongenial von einem Score Cliff Martinez’ sowie Songs von Musikern wie Skrillex unterlegt, orientiert sich Spring Breakers formal wie narrativ eher an Korines Kurzfilmen Umshini Wam oder Lotus Community Workshop.

Das Beste aus zwei Welten, könnte man so sagen. Denn nur weil sich Korine visuell wie narrativ eher an den Mainstream anschmiedet, was sich allein durch die Besetzung zeigt, heißt dies nicht, dass man auf korineske Elemente verzichten muss. Während der Film in der Tat eher Erinnerungen an seine Kurzfilme, darunter auch Act da Fool, weckt, wird immer noch eine Geschichte von Vandalismus treibenden Außenseitern erzählt. Von einer Rebellion gegen das Establishment, sozusagen. Der „Wahnsinn“ des Regisseurs ist in diesem Fall an die Leine genommen, vergleichbar mit geerdeteren Filmen von Seelenverwandten wie Werner Herzog. Was Spring Breakers also auszeichnet, ist, dass die kreativen Auswüchse des Auteurs zur Abwechslung hier also nicht Amok, sondern ineinander laufen.

Das Ergebnis sind avantgardistische Ideen, kombiniert mit Elementen des Arthouse-Kinos im Gewand des Mainstream-Films. Der Wolf im Schafspelz, gewissermaßen. Aber wenn sich der so sexy und kokett verkleidet wie Ashley Benson und Vanessa Hudgens, um sich lasziv zu bunten Bildern von ins Nirvana hämmerndem Dubstep unterlegt zu räkeln, ist man gerne das Rotkäppchen. Am Ende kann – oder muss – konstatiert werden, dass Harmony Korine mit Spring Breakers nicht nur den bisher vorläufigen Höhepunkt seines Schaffens erreicht hat, sondern mit seinem jüngsten Auswuchs einen der großen Filmen von 2013 abliefert – wahrscheinlich sogar darüber hinaus. Oder wie es James Franco an einer Stelle so schön sagt: “Spring Break. Spring Break. Spring Break forever, bitches”.

10/10

5. April 2011

Sucker Punch

If you don’t stand for something, you’ll fall for anything.

Träume sind Schäume, heißt es so schön. Sprich: Traumwelten besitzen nicht den Charakter des Realen. Doch wo wäre da der Jux für hollywood’sche Narrationseskapaden? So kommt es, dass man selbst in einer virtuellen Realität wie der Matrix sterben kann. “Your mind makes it real“, weiß Morpheus, und: “The body cannot live without the mind”. Ähnlich emanzipiert ging im vergangenen Jahr Inception vor, als Cobb erklärt: “Dreams feel real while we’re in them. It’s only when we wake up that we realize something was actually strange”. Dementsprechend verwundert es wenig, wenn uns Carla Gugino in Sucker Punch verrät: “What you are imagining right now, that place can be as real as any pain”.

Mit seinem jüngsten Film versucht Regisseur Zack Snyder den Pfaden von Christopher Nolan und Martin Scorsese zu folgen, die sich im Vorjahr auf unterschiedliche und doch nicht unähnliche Weise in ihren jeweiligen Werken dem menschlichen Verstand näherten. Wie bei seinen Vorgängern ist sein Unterfangen zum Scheitern verurteilt, schon alleine deshalb, da die Freiheit des Geistes in einer massenkompatiblen Kanalisierung wie sie Hollywood anstrebt weder begreifbar noch durchführbar wäre. Worin sich Snyders Film, und darin folgt er mehr Scorseses Beitrag denn Nolans, auszeichnet, ist sein Vorhaben, einen Metafilm zu erschaffen. Einen Unterhaltungsfilm über Unterhaltungsmedien - und ihre Mechanismen.

Das Resultat, Sucker Punch, ist wie von Andrew O’Hehir treffend beschrieben “a ridiculously ambitious and perhaps fatally flawed mashup of ideas”. Snyder versucht viel, was ihn einerseits ehrt, andererseits jedoch in seinem Unterfangen oftmals ein Bein stellt. Denn Sucker Punch kritisiert, was er zugleich ist, beziehungsweise er ist, was er kritisiert. Sicherlich gewollt, nur fällt es dem Film schwer, Kritiker und Kritikobjekt zugleich zu sein. “This is your journey. If you succeed, it will set you free”, sagt Scott Glenns Figur in Snyders Film. Und hätte Snyder mit Sucker Punch reüssiert, könnte der Film auch als Loslösung der hollywood’schen Ketten gelten und ansatzweise das sein, was sein Titel propagiert.

Ein sucker punch, das ist laut dem Oxford Dictionary “an unexpected punch or blow”. Das Unerwartete am Film ist, dass Snyder ironisiert, was ihn und seine Branche auszeichnet beziehungsweise von ihnen erwartet wird. Dass es Sucker Punch hierbei an Schlagkraft fehlt, ist der größte Makel, den man ihm vorwerfen kann. Angel Wars, einer der Alternativtitel, wäre dem Film möglicherweise besser gerecht geworden. “Everyone has an angel”, erinnert uns Abbie Cornish zu Beginn. “Yet they’re not here to fight our battles. But to whisper from our hearts. Reminding that it’s us.” Auf seiner narrativen Ebene eint Snyders fünfter Spielfilm fortan weniger mit dem Sci-Fi-Heist-Movie Inception als mit James Mangolds Identity.

Nach einem inhaltlich überflüssigen Prolog wird eine 20-Jährige (Emily Browning) Mitte der 1950er Jahre von ihrem Stiefvater in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert. Dem  Erbe der verstorbenen Mutter standen ihre zwei Töchter im Weg. Der Versuch, die kleine Schwester zu retten, scheiterte. Mittels Bestechung organisiert der Stiefvater eine Lobotomie, die vom zuständigen Arzt (Jon Hamm) einige Tage später durchgeführt wird. Zur Identitätswahrung flüchtet sich die Patientin als „Baby Doll“ in den eigenen Geist, einem Nachtclub als Traumebene, in der sie mit Hilfe von vier anderen „Patientinnen“ die Freiheit ihres Verstandes anstrebt: “This is your journey. If you succeed, it will set you free.”

Der Ausbruch aus der Anstalt ist nur ein vermeintlicher, ein Imaginärer. Die Lobotomie ist unausweichlich, der eigentliche Film selbst spielt sich im Bruchteil einer Sekunde ab. Baby Doll projiziert sich selbst auf fünf Charaktere, von denen besonders das Schwesterpaar Sweet Pea (Abbie Cornish) und Rocket (Jena Malone) hervortreten, was angesichts der Vorgeschichte naheliegend ist. Für die Bewahrung ihrer Persönlichkeit bedarf es in der ersten Phantasieebene eines zweiten Levels. Während die inhaltliche Gestaltung des Films nun den Konventionen  der Branche zu folgen versucht, dient die äußerliche Präsenz von Sucker Punch Snyders Gegenwartskommentar über Nerds, Geeks und insbesondere Pop-Kultur.

Das Ergebnis präsentiert sich wie die Schablone eines ungemein unterhaltsamen Videogames, wenn sich Baby Doll als vollmundiger Sailor-Moon-Klon mit Schwert und Wumme gegen übermenschliche Samurais, Dampfbetriebene deutsche Soldaten, Orks und Roboter behaupten muss. Snyder “gives us what we want (or what we think we want, or what he thinks we think we want)”, beschreibt O’Hehir richtig. Wenn die Figuren hier Blondie (Vanessa Hudgens) und Sweet Pea heißen, wenn sie knapp bekleidet wie Amber (Jamie Chung) rumrennen, dann hat das nichts mit Baby Dolls Selbstbild oder dem von Snyder zu tun, sondern mit dem des Publikums, das sich nach solchen Darstellungen sehnt und lechzt.

Wenn sich Browning und Co. in knappen Röcken durch die Gegend kämpfen, ist das nur eine Fortführung etwaiger Figuren wie der vollbusigen Lara Croft und wenn die deutschen Soldaten mittels Uhrwerk und Dampf von den Toten zurückgeholt werden, spiegelt dies die Tradition Hollywoods wieder, das die Deutschen als emotionslose Maschinerie zum unsterblichen Bösewicht verklärt. Zeitlupe, MG-Salven, Orks, Drachen, Roboter, ferne, futuristische Welten - ein Potpourri der Pop-Kultur unserer Zeit, von The Matrix über Lord of the Rings und so weiter und so fort. Snyder bedient diese Bilder nicht, weil ihm keine besseren einfallen (das vielleicht auch), sondern weil es Bilder sind, die der Zuschauer sehen will.

Schlecht geklaut, behaupten die einen, wobei es unzureichend umgesetzt sicherlich besser trifft. Im vergangen Jahr avancierte Tim Burtons gerade im Finale bemitleidenswert zusammengeklaubter Alice in Wonderland zum zweiterfolgreichsten Film des Jahres. Hollywoods Ideenarmut und Repetitionswut von marktforscherisch ermittelten Sicherheitsankern der Unterhaltungsmedien werden von Snyder plakativ zur Schau gestellt und seiner eigenen Handlung untergeordnet. “I still want it to be a cool story and not just like a video game where you’re just loose and going nuts”, so Snyders Ziel, mit dem er sich letztlich jedoch zweifelsohne zu viel zugemutet und aufgelastet hat. Ridiculously ambitious and fatally flawed.

Verkauft man dem Publikum cineastische Mangelware in pompösem Gewand inklusive 3D-Verkleidung, scheint der Erfolg vorprogrammiert. Zeigt man dem Publikum, womit es sich eigentlich abspeisen lässt, was es im Grunde für seine acht bis zehn Euro goutiert, dann verhält es sich wie mit der Lebensmittelbranche in Food Inc.: “If you knew, you might not want to eat it“. In seiner Darstellung des hollywood’schen Status Quo ist Sucker Punch als Unterhaltungsfilm (insbesondere der Marke „Snyder“) objektiv gesehen quasi zum Scheitern verurteilt, will er nicht als Husarenstück gelten und damit den neuen Prototyp geben, dem die Studiobosse von Warner, Universal und Fox geflissentlich nacheifern.

Zwar bedient sich Snyder wie gewohnt in seiner Werkzeugkiste, dem cobain’schen Mantra (“here we are now, enterain us“) wird er damit im Vergleich zu seinem Meisterwerk 300 jedoch nur bedingt gerecht. Dazu fehlt es der Musik von Tyler Bates an Martialität und Wumms, was sich durch den Soundtrack erklären lässt, der aufgrund seiner doppeldeutigen Lyrics ausgewählt wurde. Ähnlich wie die Musik vermisst auch der Film oft Tempo, speziell in den Actionszenen, die meist in der Leere stattfinden. Besonders überzeugen können Baby Doll und Co., wenn sie auf engem Raum gegen mehrere Gegner kämpfen, wie zum Teil gegen die Deutschen in den Grabenkämpfen oder speziell im Zugwagon gegen die Roboter.

Das alles macht Sucker Punch nicht zum schlechten Film (er kann fraglos mit einigen seiner Vorbilder mithalten), auch wenn Snyder seine eigentliche Geschichte eher schleppend erzählt, da sie als Ballast seinen Kontemporärkommentar mitschleppt. Als visual happening, wie es 300 war, steht sich der Film daher oft selbst im Weg. Die Ingredienzien für einen guten Film sind oftmals sichtbar, sodass Sucker Punch ein falsch zusammengesetztes Puzzle ist, bei dem man erkennt, was es sein sollte. Dennoch sind die Ambitionen, mit denen Snyder an dieses Projekt heranging, beachtens- und lobenswert. Getreu dem im Film proklamierten Leitspruch: If you don’t stand for something, you’ll fall for anything.

4.5/10