1. August 2008

Wag the Dog

This is nothing. Piece of cake, walk in the park. This is nothing.

„I did not have sexual relations with that woman”, sprach US-Präsident Bill Clinton 1998 an sein Volk - und gab später reumütig seine Affäre mit der Sekretärin des Oval Office zu. Eine heikle Angelegenheit war dies zu der damaligen Zeit, es gab anschließend sogar zu einem Amtsenthebungsverfahren, nach welchem Clinton jedoch im Amt bleiben konnte. Um von der Lewinsky-Affäre abzulenken, soll Clinton einen Militärschlag gegen den Irak (Operation Desert Fox) initiiert haben. Das Ironische hierbei ist die Tatsache, dass diese Ereignisse ein Jahr zuvor in einem Hollywood-Film erschienen waren, fünf Jahre zuvor in einem Roman. In Wag the Dog wird dem Präsidenten - der während des gesamten Filmes hindurch gesichtslos bleibt - eine sexuelle Affäre mit einer minderjährigen Schülerin nachgewiesen. Dummerweise geschieht das alles elf Tage vor seiner Wiederwahl, weshalb der gegnerische Kandidat, Senator Neal (Craig T. Nelson), Hoffnung wittert.

Um von dem Sexskandal abzulenken, wird Imageberater Conrad Brean (Robert De Niro) engagiert, der gemeinsam mit Winifred Ames (Anne Heche), der Beraterin des Präsidenten, versuchen soll die Wahl zu retten. Kurzerhand erfindet Brean eine kriegerische Auseinandersetzung mit Albanien, für deren mediale Inszenierung er den erfolgreichen Hollywood-Produzenten Stanley Motss (Dustin Hoffman) engagiert. In den kommenden elf Tagen versucht die Truppe durch gefälschte Kriegsberichte, pathetische Musik und gestelzte Helden die Blicke des amerikanischen Volkes von einer minderjährigen Schülerin hin zu der Terrorzelle Albanien zu lenken. Doch können Brean und Co. damit neben dem Volk auch Senator Neal und CIA-Agent Young (William H. Macy) an der Nase herumführen? Und was findet der psychisch-labile Häftling Schumann (Woody Harrelson) eigentlich davon, zum Kriegshelden „Old Shoe“ abgestempelt zu werden? Die Antworten präsentiert Oscarpreisträger Barry Levinson.

Den Roman American Hero verfasste Autor Larry Beinhart 1993 und befasste sich in diesem mit George H. W. Bush und seiner Vermutung, dass dieser die Operation Desert Storm nur initiierte, um seine Wiederwahl zu sichern. Dass es sich beim 2. Golfkrieg nur leidlich um einen „echten“ Krieg gehandelt habe, argumentiert auch Jean Baudrillard in seinem Buch The Gulf War Did Not Take Place. Baudrillard führt darin an, dass im Golfkrieg weniger amerikanische Soldaten gestorben waren, als rein statistisch der Fall gewesen wäre, wenn sie alle zu Hause geblieben und bei Autounfällen umgekommen wären. Welche Farce dieser Krieg in der Tat war, dokumentierte Oscarpreisträger Sam Mendes 2005 mit seinem Film Jarhead, in welchem Scharfschütze Swoff ganze vier Tage im Kriegseinsatz war und dabei keine einzige Kugel abgefeuert hatte. Unabhängig davon, ob man den Zweiten Golfkrieg als echten Krieg sehen möchte oder nicht, ist unbestritten, dass Kriege und ihre Abläufe in heutiger Zeit von den Medien mitbestimmt werden.

Offensichtlich wurde dies erst wieder im Dritten Golfkrieg, von welchem dem amerikanischen Volk nur die Bilder gezeigt wurden, die vorher vom Militär und der Regierung abgesegnet wurden. Dass ein Krieg jedoch gar nicht stattfindet, obschon angekündigt, ist in Zeiten von Google und YouTube äußerst unwahrscheinlich. Anfang der Neunziger waren Google und YouTube jedoch noch nicht präsent und das Geschehen, welches Levinson in Wag the Dog skizziert, ist in seiner Form so absurd, dass es schon wieder wahr sein könnte. Zumindest in der damaligen Zeit. Ein Krieg gegen ein kleines Volk, irgendwo im Niemandsland, von dem keiner weiß wie es heißt und wo es liegt. Glaubhaft möglich ist dies natürlich in den USA, wo man auch gerne mal Austria und Australia verwechselt.

Winifred Ames: Why Albania?
Conrad Brean: Why not?
Winifred Ames: What have they done to us?
Conrad Brean: What have they done for us? What do you know about them?
Winifred Ames: Nothing.
Conrad Brean: See? They keep to themselves. Shifty. Untrustable.

Innerhalb weniger Stunden entscheidet sich Brean für den fiktiven Krieg gegen Albanien. Ein Land, das dem Durchschnittsamerikaner nicht bekannt sein dürfte, scheinbar in Hollywood jedoch gerne als Antagonist herhalten muss (z.B. in der Simpsons-Folge The Crepes of Wrath). Albaner sind verschlagen und ihnen kann nicht getraut werden - ohnehin, was hat Albanien je für die USA getan? Ein vom Hass getriebenes Land, welches den Amerikanern ihre Freiheit neidet. Daher wird versucht eine nukleare Kofferbombe über die kanadische Grenze in die Vereinigten Staaten zu schleusen. Wird deswegen der B3-Bomber zum Einsatz kommen? Was für ein B3-Bomber überhaupt? Wenn Brean erst einmal mit seinem perfiden Plan in Fahrt kommt, ist die zynische Stärke des Filmes kaum noch zu stoppen. Es ist kein perfekter Plan, aber Brean hat lieber heute einen guten Plan, als morgen einen perfekten. Wie er schließlich seinen Krieg inszeniert, ist beeindruckend einfach. Ein paar „Journalisten“ stellen bei der Pressekonferenz die richtigen Fragen, ein Lied wird aufgenommen, künstlich gealtert und in die dreißiger Jahre Abteilung der Kongressbibliothek verfrachtet.

Bilder und Videos werden den Medien zugespielt, die genau das beinhalten, was Brean den Zuschauern zeigen möchte. Nicht von ungefähr halten sich seit jeher die Gerüchte, die Mondlandung von Neil Armstrong wäre tatsächlich im Studio nachgedreht worden. Ähnliche Kommentare gibt Brean auch in Bezug auf den Zweiten Golfkrieg von sich. Doch Brean ist kein medialer Fachmann, weshalb er den Filmproduzent Motss aufsucht. Motss weiß war er will, weiß wie er das Bewusstsein der Bevölkerung auf sich ziehen kann. Das Trauma muss offensichtlich, der Beschützerinstinkt der USA geweckt werden. Eine Schauspielerin (Kirsten Dunst) wird engagiert eine albanische Flüchtige zu spielen. Inklusive Kätzchen auf dem Arm. Dieses ist in Wirklichkeit eine Tüte Chips, der Hintergrund ein Bluescreen, die Effekte aus dem Computer. Genau wie beim letzten Schwarzenegger-Film, erklärt Motss stolz.

Entstanden ist Wag the Dog in der Drehpause der Michael Crichton-Adaption Sphere. Levinson versammelte sich mit dem dortigen Hauptdarsteller Dustin Hoffman, der gemeinsam mit Robert De Niro in dieser Satire nicht nur umsonst, sondern auch als Produzent auftrat. Beide Kinolegenden gemeinsam vor der Kamera zu sehen macht ungemein Spaß, ihre jeweiligen Figuren - der manische Motss und der grimmige Brean - werden von den Altstars mit entsprechend glaubhaftem Leben gefüllt. Levinsons Regie ist solide, jedoch weit entfernt von Vollkommenheit. Hier ein dilettantischer Zoom, dort eine unglückliche Einstellung – scheinbar war der Regisseur nicht so geistig anwesend wie seine Darsteller. Diese werden kongenial komplettiert von Anne Heche, Woody Harrelson, William H. Macy und Denis Leary. In einer Gastrolle ist zudem Folks-Star Willie Nelson zu sehen, die Musik zum Film stammt dagegen von Kultmusiker Mark Knopfler. Der Leim, der den Film zusammenhält, ist jedoch sein grandioses Drehbuch, welches vor intelligent-witzigen Dialogen respektive Monologen nur so platzt.

Beispielsweise wenn Brean CIA-Agent Young erklärt, dass ohne seinen fiktiven Krieg Young überhaupt keinen Job hätte („When there’s no threat...what good are you?“). Frei von Mängeln ist der Film, abgesehen von Levinsons Regie, aber nicht. Die Auslandspresse wird außen vor gelassen, die Glaubwürdigkeit des Krieges beim Volk selbst beziehungsweise einer anderen Partei als den Initiatoren wird nicht hinterfragt. Diese Einseitigkeit schadet dem Film etwas, vor allem da er sich als politische Satire durchaus ernst nimmt. Das lässt sich an seiner finalen Einstellung erkennen, die durch ihre Zweideutigkeit nicht klar zu interpretieren ist. Ein neuer Schachzug der Regierung oder hat man sich unbewusst ein Monster geschaffen? Levinson lässt diesen Moment so stehen und für das Publikum zur Interpretation. Wer wedelt am Ende mit wem? Der Hund mit dem Schwanz oder doch der Schwanz mit dem Hund? Mit Wag the Dog ist Levinson jedenfalls eine großartige Satire gelungen, vermutlich sein gelungenstes Werk.

9/10

Kommentare:

  1. Ja, ein wirklich amüsanter und nachdenklich stimmender Film. Seine größte Stärke ist sicherlich der nicht zu übersehende Spaß des Ensembles. 7,5 Punkte hätten zwar ausgereicht, aber Du bist ja eh meist 1-2 Punkte über oder unter meinen Wertungen;)

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  2. Es gab mal Zeiten, da war das noch anders *schnief*

    Bei mir sind die Bewertungen doch nur subjektive Einschätzungen der Filme. WTD unterhält mich jedesmal wie beim ersten Mal. Objektiv gesehen wären das vielleicht 7.5 oder ggf. auch weniger. Aber wenn man ein objektives Blog führen will, kann man es im Grunde ja auch gleich lassen ;)

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  3. Diese objektiv-subjektiv-Sache geht mir gewaltig aufn Senkel. ;)

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  4. Das war von mir doch keine Kritik sondern ein Hinweis darauf Deine Bewertungsphilosophie verstanden zu haben;)

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  5. Hab ich ja auch nicht als Kritik empfunden ;)

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  6. Klingt wirklich Gut. Ist vorgemerkt! Eine vernünftige Satire findet man ja nun auch nicht sooo häufihg...

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  7. Jetzt erst gesehen. Thx für die Verlinkung ;-)

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