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2. März 2012

John Carter

„Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde.“
(Friedrich Schiller – Wallensteins Tod, I, 1)

Die technische Revolution des Kinos im vergangenen Jahrzehnt wirkte Wunder für das Genre des Fantasy-Films. Peter Jacksons Lord of the Rings-Verfilmungen generierten ein Einspiel in Milliardenhöhe, James Cameron zog mit Avatar vor ein paar Jahren nach. Eine ganze phantastische Welt, gerendert aus Rechnern, bestehend aus Bits und Bytes. Wenn nicht jetzt, wann dann sollte also das Projekt A Princess of Mars aus seiner fast 80 Jahre währenden development hell auferstehen? Denn der Fantasy-Roman von Tarzan-Schöpfer Edgar Rice Burroughs, zuerst 1912 als Under the Moons of Mars publiziert, sollte bereits in den 1930er Jahren als erster Animationsfilm der Geschichte umgesetzt werden.

Stattdessen lag das Projekt Jahrzehnte lang auf Eis, während unter anderem Filme wie Star Wars und ebenjener Avatar von Burroughs’ sogenannten Barsoom-Romanen, die A Princess of Mars einläutete, inspiriert wurden. Wie passend, dass Disney nun zum 100-jährigen Jubiläum von Burroughs’ erstem literarischen Erzeugnis mit John Carter, dem Spielfilmdebüt des Pixar-Regisseurs Andrew Stanton, aufwartet. Mit einem Budget von 250 Millionen Dollar und gefühlt ebenso vielen digitalen Effekten könnte John Carter nach The Hobbit: An Unexpected Journey das Fantasy-Highlight des Kinojahres 2012 werden. Und eines dürfte sicher sein: Edgar Rice Burroughs wäre mit dem Film wohl mehr als zufrieden.

Vordergründig geht es in John Carter um Existenzpolitik auf dem Mars, von Burroughs Barsoom genannt. Die übernatürliche Rasse der Therns rund um Matai Shang (Mark Strong) stattet Sab Than (Dominic West), Anführer der Stadt Zodanga, mit einer gewaltigen Waffe aus. Den Untergang seiner Stadt Helium vermag deren Anführer Tardos Mors (Ciarán Hinds) nur zu verhindern, indem er seine Tochter Dejah Thoris (Lynn Collins) mit Than vermählt. Auf ihrer darauf folgenden Flucht wird sie von John Carter (Taylor Kitsch) gerettet, einem Erdenmenschen und Veteran des US-Bürgerkriegs aus Virginia, der nach dem Verlust seiner Familie dem Krieg abgeschworen hat und zufällig nach Barsoom transportiert wurde.

Mars ist in der römischen Mythologie der Gott des Krieges und seinem Namensgeber wird Barsoom im Folgenden auch gerecht. Denn von einem Bürgerkrieg scheint Carter direkt zum nächsten zu gelangen. Bemerkenswert gerät hierbei die Darstellung des Helden. Aufgrund der geringeren Schwerkraft des Mars verfügt Carter über eine gesteigerte (Sprung-)Kraft. Was ihn in gewisser Weise zu einer Art Proto-Superman macht: Ein Fremdling von einem anderen Planeten, der in seiner neuen Umgebung gegenüber deren Einwohnern über enorme Kräfte verfügt. Diese erregen die Aufmerksamkeit des grünen Marsianers und Anführers der Tharks, Tars Tarkas (Willem Dafoe), der Carter gefangen nimmt.

Es sind nun seine übernatürlichen Kräfte, die den Erdenmenschen sowohl für Tars Tarkas als auch für Dejah Thoris so interessant machen. Denn als er die Prinzessin während einer Luftschlacht mit Sab Than rettet und sein Kraftpotential zur Schau stellt, ernennt ihn Tarkas zum Thark ehrenhalber. Nur will der als kriegsmüde eingeführte Carter weder für die Tharks noch für Helium kämpfen – trotz des Bittens und Drängens von Thoris. Diese soll ihn stattdessen zu einer heiligen Stätte der Therns führen, wo sich Carter Anleitungen für seine Heimkehr erhofft. Dabei dürfte es wenig überraschen, dass sich der Kriegsveteran nach einer Katharsis letztlich doch noch auf die Seite der gefährdeten Marsianer schlagen wird.

Unweigerlich fallen in John Carter also der Aspekt des Fremden in einer fremden Welt und die Ähnlichkeit zu Camerons Avatar auf. In beiden Fällen hilft ein US-Kriegsveteran einer außerirdischen Rasse bei ihrem Kampf gegen einen übermächtig erscheinenden tyrannischen Gegner – und verliebt sich in die Prinzessin ebenjener Rasse. Ist John Carter folglich nur der Avatar von 2012? Nicht wirklich. Dafür ist Stantons Film zu sehr im Fantasy-Genre verhaftet, trotz seiner vorhandenen SF-Elemente wie der wandernden Stadt Zodanga und den Fluggeräten der roten Marsianer. Vielmehr erinnert die Geschichte auch aufgrund ihres Wüstensettings an He-Man oder eine jugendgerechte Version von Conan der Barbar.

Dabei gelang Burroughs eine interessante Verschmelzung von futuristischen und antiken Vorstellungen. Leicht bekleidete Marsianer kämpfen mit Schwertern auf fliegenden Luftschiffen, Dejah Thoris ist einerseits ganz klassische Prinzessin, andererseits kundig in den Wissenschaften, insbesondere der Astronomie. Wie das alles genau funktioniert, versucht John Carter erst gar nicht zu beantworten. Und das kann er vermutlich auch gar nicht, erscheint Burroughs hier erschaffene Welt zu groß und komplex für einen zweistündigen Film. Etwas unter geht da zum Beispiel die Bedeutung, dass Tars Tarkas in Sola (Samantha Morton) eine Tochter hat, obschon Tharks keine Elternschaft billigen.

Ähnlich verhält es sich mit der Mitteilung zu Beginn, dass Barsoom im Sterben liegt. Dies ist weniger für die folgende Handlung von imminenter Bedeutung, sondern eher ein roter Faden für eine sicherlich intendierte Fortsetzung, sollte der erste Film von Erfolg gekrönt sein. Zwar gibt sich John Carter reichlich Mühe, offene Fragen ausreichend – sowohl was die Inanspruchnahme der Laufzeit als auch den Erklärungsbedarf angeht – zu beantworten, völlig zufriedenstellend gerät das allerdings nicht immer. Weniger mit einem „aha!“ als mit einem „okay...“ bedenkt man als Zuschauer daher dann, wenn Matai Shang gegenüber Carter später die Intentionen und Aktivitäten der Therns auf Barsoom erkärt.

Allzu störend gerät dies jedoch nicht, da Stanton gekonnt die Welt von Burroughs auf die Leinwand transferiert. Nicht zuletzt verdankt sich dies der überzeugenden Digitaleffekte, die für die glaubwürdige Kreation der Tharks zuständig sind. Aber auch sonst wirkt die Welt von John Carter lebendig, obschon stets zu erkennen ist, was aus dem Rechner stammt und was sich tatsächlich im Studio vor dem green screen befunden hat. Möglich macht dies auch die Tatsache, dass die Tharks abgesehen vom ersten Akt und Solas späterer Involvierung weitaus weniger präsent sind als man vermuten würde, und der Film speziell in seinem Mittelteil eher den Genres des Road Movie und Abenteuerfilm zuzurechnen ist.

Wer sich also auf den Fantasy-Aspekt der Geschichte einlässt, dürfte kaum enttäuscht werden. Ähnlich wie im Dezember sein Pixar-Kollege Brad Bird mit Mission: Impossible - Ghost Protocol reüssiert auch Andrew Stanton mit seinem ersten Ausflug in die Gefilde des Live-Action-Films. Hierbei beschränkt er sich auf die Erzählung der inzwischen 100 Jahre alten Geschichte, ohne sich allzu sehr in einem politischen Subtext zu verlieren wie beispielsweise Avatar. John Carter hat keine direkte Moral, auch wenn sich Parallelen zur Zeitgeschichte finden lassen würden. So lernt Carter, dass es durchaus wert sein kann Kriege zu führen, solange es etwas gibt, das es zu bewahren gilt. Selbst wenn dies nur ein love interest ist.

Erwähnenswert ist dabei die Rolle von Lynn Collins’ Mars-Prinzessin, die zwar auch love interest ist, zusätzlich jedoch nicht nur über reichlich wissenschaftliche Kenntnisse verfügt, sondern auch über ansprechende Schwertkünste. Genauso sind die übrigen zentralen Figuren des Films mehr als nur Abziehbilder aus dem Blockbuster-Panini-Heft. Tars Tarkas darf sich ebenso wie Sola von ihrem Volk durch empathische Züge abgrenzen, James Purefoys merklich unterforderter Kantos Kan hinterlässt einen charmanten Eindruck als loyaler Captain von Helium und selbst Bryan Cranstons lediglich zu Beginn auftauchender Konföderierten-Colonel erlebt in seinen wenigen Minuten eine sympathische Wandlung.

Somit ist Disneys John Carter in seiner Summe ein imposantes und vergnügliches Fantasy-Epos, dem man allenfalls vorwerfen kann, mehr in seinen zwei Stunden erzählen zu wollen, als ihm vielleicht gut tut. Womöglich wäre es einfacher gewesen, die Handlung von A Princess of Mars nicht noch durch den komplexen Subplot mit Matai Shang und den Therns zu erweitern. An der gelungenen Adaption von Andrew Stanton ändert dies allerdings wenig, die neben einer spannenden neuen Welt mit sympathischen Figuren und überzeugenden Digitaleffekten (sowie einer zwar überflüssigen, aber nicht störenden 3D-Konvertierung) aufwartet. Die fast 80 Jahre andauernde development hell hat sich folglich gelohnt.

8/10

26. April 2010

Kick-Ass

Okay, you cunts...let’s see what you can do!

Das britische Empire gibt es nicht mehr. Die einstige Großmacht, inzwischen - wenn man so will - durch die Vereinigten Staaten von Amerika abgelöst, verfügt zwar noch über ein großes Britannien und ein Commonwealth, aber so wie früher ist das alles nicht mehr. Man könnte jedoch sagen, dass in der Comic-Branche durchaus noch ein britisches Empire regiert. Bestimmten doch in den letzten Jahrzehnten Briten wie Alan Moore (Watchmen), Neil Gaiman (The Sandman), Garth Ennis (Preacher) oder Warren Ellis (Transmetropolitan) den Markt, während in Form von Andy Diggle (The Losers) oder Mark Millar (Wanted) andere Talente nachrückten. Jerry Siegel, Stan Lee und Frank Miller waren gestern. Heute inszenieren die Tommys die Comic-Landschaft Amerikas. Und das sehr erfolgreich. Über Umsetzungen ihrer Werke auf der Filmleinwand denken die Künstler sehr unterschiedlich. Ein Moore reagiert verärgert, ein Millar enthusiastisch.

Mark Millar gilt in Fan-Kreisen als Hollywood-Hure, da er bereitwillig seine eigenen Werke ausschlachtet, solange die Kasse und die entsprechende Anerkennung stimmt. Wie im Falle von Wanted, eine der unsäglichsten Comic-Verfilmungen, die man im letzten Jahrzehnt gesehen hat. Ähnlich scheint es nun mit seinem neuesten Werk Kick-Ass zu gehen, welches von Manchem als „Nerdcomic-Overkill“ eingeordnet wird, während sich die Masse in Buh-Rufer - ob der obszönen Sprache und Gewaltdarstellung - und Ja-Sager - wohl aus demselben Grund - einteilt. Im Vorfeld hoben die Beteiligten explizit hervor, dass niemand in Hollywood seine Finger auf das Material legen wollte. Zu viel Gewalt, zu viel Diskussionsstoff sei enthalten. Nun strahlen sie, die Messr. Mark Millar und Matthew Vaughn. Letzterer ist Drehbuch-Tippse und Regisseur des Filmes, in Deutschland hauptsächlich als Ehemann von Claudia Schiffer bekannt, der vom Gatten in dessem neuen Film auch gleich eine sekundenlange Hommage gewidmet wird.

Trotz all den Lobhudeleien startete Kick-Ass dann in den USA äußerst verhalten, wobei es sich hierbei auch um einen sogenannten „R“-Rated-Film handelt. Ein Minderheiten-Film, was man schlecht glauben will, wenn man sich all das überschwängliche Lob im Internet vor Augen führt. Was Millar dazu verleitet, Marvels Strategie, den Helden aus der zweiten Reihe - Thor und dergleichen - ein Filmabenteuer zu spendieren, als altbacken abzukanzeln. Kick-Ass gibt die Melodie vor, eine Comic-Verfilmung, die in Produktion ging, ehe das Comic fertig war. Weshalb sich Film und Comic auch unterscheiden, insofern, dass Vaughns Film weit weniger zynisch ist, als Millars Comic. Aber das kannte man bereits von Wanted. Das traditionelle Prozedere geht los, Kick-Ass endet auf einer Sequel-Note (herrlich dämlich von Austin Powers übernommen), könnte/dürfte sich aber so versanden wie Wanted 2 oder Sin City 2. Die groß angekündigten Nachfolger, die es bis heute nicht in das Stadium der Vorproduktion geschafft haben.

Kick-Ass nunmehr also ein „Nerdcomic-Overkill“, was man zwar nicht wirklich sagen kann, da dies wenn dann auf Scott Pilgrim vs. the World zutreffen könnte, ist Kick-Ass doch eigentlich reichlich profan. Eine trashigere Variante von Watchmen, angesiedelt in der Gegenwart. Normalos in Kostümen, nur eben das Ganze ohne Nuklearen Holocaust und Dr. Manhattan. Aaron Johnson spielt Tobey Maguire wie er Peter Parker spielt, nur dass Peter Parker hier Dave Lizewski heißt. Ein schlaksiger Nerd, dessen einzige Superkraft nach eigener Aussage darin besteht, unsichtbar für Frauen zu sein. Und weil Dave ein Nerd ist, liebt Dave Comics. Weshalb er sich fragt, warum es eigentlich niemanden gibt, der sich als Superheld versucht. Was dazu führt, dass er sich einen Tauchanzug ordert, um selbst einer zu sein. Es folgt ein Unfall, eine körperliche Beeinträchtigung (oder Verbesserung, je nach Blickwinkel) und eine neue Prämisse, die dem Film dann anschließend abhanden kommt. Die versuchte Geschichte in Kick-Ass ist vorbei, ehe sie losgeht.

Eine „Rettungsaktion“ führt zu einem YouTube-Video, dies wiederum zu einer Nachrichtenmeldung, resultierend in einer MySpace-Seite (man mag sich fragen, warum Dave nicht das in den USA weit verbreitetere Facebook nutzt). Der nächste Auftrag ist so herrlich dämlich in filmische Form verpackt, dass ein von Millar zu Grunde liegender Zynismus total abhanden kommt. Unwissentlich macht Dave a.k.a. Kick-Ass mit dem Ex-Freund seines High-School-Schwarmes (Lyndsy Fonseca) Schluss: einem Drogen dealenden Afroamerikaner um die 30. Die Situation wird durch das Auftreten von Hit Girl (Chloë Moretz) und ihrem Vater Big Daddy (Nicolas Cage) deeskaliert. Was den Ärger von Drogen-Boss Frank D’Amico (Mark Strong) auf sich zieht, der Kick-Ass für den Verursacher hält. Um sich die Sympathien des Vaters zu sichern, initiiert Chris D’Amico (Christopher Mintz-Plasse) das Superhelden-Alter-Ego Red Mist und nimmt Kontakt mit Kick-Ass auf. Fortan springt Vaughn willkürlich zwischen den Handlungssträngen.

Das große Problem von Kick-Ass ist, das er nichts zu erzählen hat. Vaughn verfügt über einzelne Szenen, die mal mehr und mal weniger unterhalten. Manche betreffen Big Daddy und Hit Girl, andere die D’Amicos. Vaughn versucht, sie zu einer stringenten Handlung zusammenzuschnüren, scheitert jedoch grandios. Der Film beginnt mit einer reichlich langen Exposition, der jegliche Grundlage fehlt. In einer Einstellung stirbt Daves Mutter am Frühstückstisch. Wieso? Ist das erheblich für den Film? Nach seiner Superhelden-Frage wird er auf einem Parkplatz ausgeraubt. Später führt ihn seine erste Kick-Ass-Mission auf denselben Parkplatz, zu denselben Typen. Sie möbeln Dave auf, schlagen ihn Krankenhausreif. Anschließend werden sie ignoriert. Kick-Ass verfolgt sie nicht, die Polizei anscheinend auch nicht. Dabei wäre der erste Ansatzpunkt, auf jenem Parkplatz nachzusehen, auf dem sie sich anscheinend immer herumtreiben. Vaughn arbeitet die „Origin“-Story des Helden ab und wechselt die Szenerie.

Hier sind Big Daddy und Hit Girl. Zwei Figuren mit Potential, allerdings nimmt sich der Film keine Zeit für sie, sondern lässt sie vorerst zu kurzen Randerscheinungen verkommen. Als Vaughn ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkt, integriert er eine vollkommen unerhebliche - und zudem grauenhaft klischeebehaftete und uninspirierte - „Origin“-Story, die liebevoller Weise im Comic-Stil erzählt wird. Jetzt kennt man die Vorgeschichte, die einem eigentlich absolut egal war. Vaughn setzt ein Häkchen und wechselt die Szenerie. Man lernt die D’Amicos kennen, die eigentlich nur aus Frank und Chris bestehen, verschwindet die Mutter doch irgendwann und taucht anschließend auch nicht mehr auf. Christopher Mintz-Plasse erhält eine ambivalente Figur, derer man sich widmen könnte oder gar müsste, was Vaughn sich allerdings erspart. Sein Chris D’Amico ist ein Nerd. Und weil Chris ein Nerd ist, liebt er Comics. Es gibt eine wunderbare Szene, in der Dave im Comic-Laden auf den einsamen Chris zugeht, dann aber von dessen bulligem Bodyguard abgewiesen wird. Chris ist einsam. Chris sucht Freunde.

Dann die Kehrtwende. Chris sitzt in Franks Büro mit dessen Wumme und spielt Gangster-Boss. Später biedert er sich seinem Vater als Spitzel an (die Beziehung der Beiden wirkt so unnatürlich, dass man eigentlich erwartet, dass Frank lediglich Chris’ Stiefvater ist). Später thematisiert Vaughn nochmals die Ambivalenz des Jugendlichen, allerdings nur für einen Bruchteil, um sie dann erneut zu negieren. Kick-Ass ist zu diesem Zeitpunkt bereits eine lose Aneinanderreihung von Bildern ohne wirklichen Zusammenhang, die jederzeit enden oder auch unendlich weiterlaufen könnte. Irgendwo dazwischen glaubt Daves Schwarm dann noch, dass er schwul sei, adoptiert ihn urplötzlich als besten Freund - alle Frauen sehnen sich scheinbar nach einem schwulen besten Freund - und die absurde Situation bildet den Aufhänger für einige weitere Szenen, die in jenes Potpourrie geschmissen werden, das Vaughn inzwischen angesammelt hat.

Nun muss nicht jeder Film eine Geschichte erzählen, man kann wie Michael Bay ganz darauf verzichten oder wie James Cameron einfach eine bereits bekannte und etablierte nahezu identisch übernehmen. Was man Kick-Ass vorwerfen kann, ist, dass er so tut, als ob er eine Geschichte erzähle, dies in Wahrheit jedoch nicht der Fall ist. Der Film ist so belanglos für den Zuschauer, dass man ihn getrost auch „Lame-Ass“ nennen könnte. Die einzige Konstante ist der vorherrschende Gewaltpegel, der die in Ansätzen vorhandenen Obszönitäten - die im Vergleich zu jedem Film eines Kevin Smith und Judd Apatow nicht mal eine Erwähnung wert sein dürften - deutlich in den Schatten stellt. Und auch die Gewalt ist im Grunde keiner Diskussion wert. Hier knallen Teenies von Hausdächern auf Autos, landen Gangster in Autopressen und Riesenmikrowellen. Dazwischen wird speziell Hit Girl als kleinwüchsiger Wesley-Gibson-Verschnitt durch die Hausflure gejagt, was cool sein soll, es aber auch durch die musikalische Untermalung nur selten ist.

Und wo es gerade zur Sprache kommt, hier und da war man sich einig, dass Vaughns Kompilationstalent was die Musik für den Film angeht, an Tarantino herankommt. Was dieser als schallende Ohrfeige empfinden darf, versprühen Gnarls Barkley und Co. selten etwas von dem kongenialen Einsatz, wie ihn QT pflegt. Die Musik ist charmant, durchaus, aber mehr auch nicht. Keines der Lieder bleibt einem im Ohr hängen wie „Little Green Bag“ oder „Stuck in the Middle With You“. Grundsätzlich gehört Kick-Ass in seiner Gesamtheit wie auch schon andere Filme vor ihm - man denke an Zombieland -, in die Sparte „Don’t believe the hype“. Nicht mal die allseits gelobte Moretz will wirklich gefallen, sodass der Film eigentlich nahezu vollständig auf den Schultern von Mark Strong lastet (dessen Bösewicht-Typisierung inzwischen auch langweilig wird). Wo Chloë Moretz und Aaron Johnson bisweilen mit der Situation überfordert scheinen, sind Nic Cage und Christopher Mintz-Plasse brillant fehlbesetzt.

Es gibt Regisseure, die starten mit einem bescheidenem Debüt. Darunter fallen Darren Aronofsky und Wes Anderson, die sich anschließend stetig steigerten. Konträr dazu gibt es auch Kollegen, die stark beginnen und dann merklich abbauen. Wie Guy Ritchie oder nun auch Matthew Vaughn. Zeugte dessen Layer Cake noch von einer mitunter beeindruckenden Brillanz, verkam sein Nachfolger Stardust bereits zum müden Aufguss. Mit Kick-Ass ist Mr. Schiffer nun an seinem bisherigen Tiefpunkt angelangt, was Böses für den weiteren Verlauf seiner Karriere ahnen lässt. Dass ein Film, der sich damit preist, anders zu sein und anzuecken, dennoch nicht die zynische Konsequenz der Vorlage vollends durchhalten kann und stattdessen die Hollywood-Marschroute wählt, sollte Zeugnis seines heuchlerischen Charakters sein. Was am Ende bleibt, ist die Erkenntnis, dass es das britische Empire scheinbar wirklich nur noch in der Comic-Szene zu geben scheint.

5.5/10

18. März 2009

RocknRolla

Whisky is the new vodka.

“There is no spring without a winter”, erklärt uns Archy (Mark Strong) am Ende von RocknRolla und reflektiert damit nicht nur die zuvor gesehene Geschichte, sondern an sich auch die Karriere von Regisseur Guy Ritchie. Mit seinen beiden Erstlingswerken Lock, Stock & Two Smoking Barrels sowie Snatch gelang es diesem innerhalb von zwei Jahren zum angesagtesten Regisseur Großbritanniens zu avancieren. Dann kam die Ehe mit Madonna und der Karriereknick. Sein drittes Filmprojekt Swept Away, mit der Gattin in der Hauptrolle, war zum Scheitern verurteilt und stellte einen herben Wintereinbruch in Ritchies Sommermärchen dar. Revolver war ein erster zaghafter Schritt zurück ins Licht, und in RocknRolla fokussiert sich der Engländer auf das, was er am besten kann: Einen humoristischen Blick in die Unterwelt Londons zu werfen.

Hier verwebt Ritchie drei Geschichten miteinander: Da wäre zum einen Lenny (Tom Wilkinson), ein geldgieriger Kredithai, der London kontrolliert, weil Lenny jeden in London kontrolliert. Immer loyal an seiner Seite: Archy. Dieser ist für seine berüchtigten Ohrfeigen bekannt, seine bevorzugte Foltermethode. “Keep your receipts, cos this ain’t the Mafia”, gibt er seinen Jungs mit auf den Weg, als diese sich auf die Suche nach einem Bild machen. Nicht irgendein Bild, sondern das Glücksbild von Uri Omovich (Karel Roden) – einem russischen Oligarchen, der nicht von ungefähr an Roman Abramovich erinnert. Uri und Lenny machen einen Deal und der Russe hat Lenny als Zeichen des guten Willens jenen Bild überlassen. Doch als sich der Deal und die Rückgabe des Bildes in die Länge ziehen, wird die Beziehung beiden Männer zum Pulverfass.

Dass mit Lenny nicht zu Spaßen ist, weiß auch dessen Stiefsohn und Rockstar Johnny Quid (Tobey Kebbell), wurde er doch als Kind ins Internat abgeschoben. Um seine Ruhe zu haben und zugleich seine Plattenverkäufe anzukurbeln, hat Johnny mal wieder sein eigenes Ableben inszeniert und vertreibt sich in einem verfrackten Loft die Zeit, indem er jenes Bild bestaunt, dass Uri Lenny geliehen und Johnny Lenny gestohlen hat. Die letzten im Bunde sind The Wild Bunch. Eine Gruppe von Kleinkriminellen, die bei einem Immobiliendeal von Lenny „gefickt“ wurden. Nun haben One Two (Gerard Butler), Mumbles (Idris Elba) und Handsome Bob (Tom Hardy) nicht nur das Grundstück verloren, sondern auch noch Schulden bei Lenny. Daher willigt One Two ein, für Uris Buchhalterin Stella (Thandiwe Newton) unwissentlich einen von Lennys Geldtransporten zu überfallen.

Wo Ritchies ersten beiden Kinofilme den Mut besaßen, ihre simple und primitive Geschichte durch ihre Charaktere, Tempo und Wortwitz auszeichnen zu lassen, fehlen diese Aspekte in RocknRolla bisweilen. So wirken durch die sommerliche Platzierung die Bilder meist zu freundlich und aufgehellt, infolgedessen dann die ganze Atmosphäre weniger bedrohlich. Hinzu kommt, dass Ritchie seinen Heist-Film zu elegant daherkommen lässt. RocknRolla biedert sich zu sehr wie eine Mainstream-Version eines Films von Guy Ritchie an, weshalb es mitunter so wirkt, als würden sich Snatch und Match Point auf halber Strecke treffen. Alles verläuft zu reibungslos, ist zu einfach und wirkt dadurch weniger gefährlich. Nichts, womit The Wild Bunch nicht klar käme, keine Tendenzen, welche die ewigen Drahtzieher verraten würden.

Das größte Problem von RocknRolla jedoch ist die Tatsache, dass er zu selten Tempo aufnimmt. Zwar steht der Film sichtbar in der Tradition von Lock, Stock & Two Smoking Barrels und Snatch – nur vermisst er ihre Stärken. Es verwundert also nicht, dass gerade jene Szene den Höhepunkt des Filmes darstellt, die am meisten von Ritchies Eigenschaften zu transferieren weiß. Als One Two, Mumble und Handsome Bob ihren zweiten Geldtransporterüberfall durchziehen, beschenkt Ritchie sein Publikum mit einer brillanten sechsminütigen Heist-Szene, die alles besitzt, was Ritchie auszeichnet. Liebenswerte, schräge Figuren. Treffende Einzeiler. Tempo, Witz, Charme. Insbesondere Gerard Butler läuft hier zur Hochform auf. Es ist also weniger ein verhunztes Rezept, dass einem etwas sauer aufstößt. Das Fleisch schmeckt nicht schlecht, nur ist es ein wenig zu lang gebraten.

Nichtsdestotrotz ist RocknRolla ein gelungener Film, mit sympathischen Figuren in einem tollem Ensemble.  Zudem genoss es Ritchie sichtlich, etwaige Filmreferenzen zu Jaws, Pulp Fiction, Terminator 2, The Italian Job und Hitchcock (das ominöse Bild fungiert als bloßer MacGuffin) in seine Geschichte einzubauen. Deren Herzstück ist wie so oft ihr Soundtrack. Egal ob „Bankrobber“ von The Clash, „I’m a Man“ von Black Strobe oder Wanda Jacksons „Funnel of Love” – im Grunde ist der gesamte Soundtrack außergewöhnlich und ein einziger 54-minütiger Ohrwurm. Wenn man also mit den richtigen Erwartungen in Guy Ritchies letztes Werk geht und keinen neuen Snatch erwartet, wird man Unterhaltung finden die zwar nicht meisterlich, aber überdurchschnittlich ist. Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Sommer, aber Guy Ritchies Frühling hat sichtbar eingesetzt.

7/10

9. März 2009

Kurz & Knackig: Guy Ritchie

Lock, Stock and Two Smoking Barrels

Guy Ritchies Debütfilm war 1998 wohl der Überraschungshit schlechthin in Großbritannien, wo es der charmanten Gangsterkomödie gelang das Siebenfache ihres Budgets wieder einzuspielen. Insbesondere die Karrieren von Regisseur und Drehbuchautor Ritchie, sowie Produzent (jetzt Regisseur) Matthew Vaughn und Schauspieler Jason „The Stath“ Statham (den ich liebevoll wie Filmdrunk.com Stafam nenne) wurden hiermit gestartet und im Nachhinein ist das doch recht beachtlich. Zwar ist in Guy Ritchies Debüt nicht alles „lock, stock and barrel“ (dt. mit allem Drum und Dran), aber dennoch ist der erste Spielfilm des gelernten Werbefilmers äußerst ansehnlich. Die Kritiker kamen dann auch nicht umhin, ihn sofort als den englischen Quentin Tarantino zu bezeichnen. Ein Vergleich, der sich mir bis heute nicht unbedingt erschließen will.

Ritchie eröffnet den Film, der um eine romantische Nebenhandlung gekürzt wurde, auf seine für sich klassische Weise. Sein visueller Stil wird schon in der ersten Szene deutlich, wenn er mit Bacon (The Stath) und Eddie (Nick Moran) zwei seiner Protagonisten in Zeitlupe präsentiert, um dann zahlreiche andere seiner Charaktere kurz und knapp einzuführen. Hier offenbart sich einem bereits Ritchies Talent für seine Besetzung, welches auch seine nachfolgenden Filme (abgesehen von Madonnas Part in Swept Away, aber man soll ja auch nie die Hand beißen, die einen füttert) überdeutlich wird. Die eigentliche Story ist wie so oft im Prinzip recht simpel, lebt weniger von ihrem Inhalt als vielmehr von ihrer Umsetzung. Ein gezinktes Kartenspiel soll Hatchet Harry (P.H. Moriarty), der gerne mal Angestellte mit Dildos erschlägt, die Bar von Eddies Vater (Sting in einem unnötigen aber irgendwie auch nett anzusehenden Cameo) sichern. Allerdings wollen sich Eddie, Bacon, Soap (Dexter Fletcher) und Fat Tom (Jason Flemyng) nicht so leicht geschlagen geben.

Problematisch wird das Geschehen nur dann, wenn der Regisseur etwas das Tempo schleifen lässt. Dies trifft speziell auf den Mittelteil zu. Immerhin wird der Zuschauer dann im Finale des Filmes wieder entlohnt, wenn die letzte halbe Stunde richtig Fahrt aufnimmt und das Tempo bis zum Abspann durchgehalten werden kann. Viele kleine Höhepunkte finden sich meist in Ritchies pointierten Dialogen, es muss jedoch eingestanden werden, dass sein verqueres Abenteuer wohl ohne seine farbigen Figuren nicht einmal die Hälfte wert wäre. Sei es Willie, Barry der Täufer, Nick der Grieche, Big Chris (Vinnie Jones) und Little Chris oder Rory Breaker. Von letzterem stammt auch mein Lieblingszitat des Filmes: If the milk turns out to be sour, I ain’t the kinda pussy to drink it. Keine Sorge, Rory, Lock, Stock and Two Smoking Barrels kann man sich unbesorgt zu Gemüte führen.

8/10

Snatch

Eines steht mal fest: Guy Ritchie Filme werden vom Publikum weitaus besser aufgenommen, als von den Filmkritikern. Durch die Bank schneiden die Werke des Briten beim Endverbraucher besser ab. Dabei ist Snatch nicht unbedingt eine Weiterentwicklung seit Lock, Stock – muss es aber auch nicht. Der Film lebt wie sein Vorgänger von seiner Inszenierung, während der Inhalt nicht wirklich dazu einlädt, eine Runde Schlittschuh drauf zu laufen. Sonst bestünde die Gefahr, dass man einbricht. Allerdings beherrscht Ritchie die Bildkomposition und Soundtrack-Auswahl hier schon eine Spur besser. Das fetzt, das passt, das biedert sich so an, dass man nicht anders kann, als irgendwie das Gesehene ziemlich gut zu finden. Seine Klimax findet dies schließlich in der Bareknuckle Fight Sequenz zu Beginn, wenn Ritchie „Golden Brown“ von The Stranglers ertönen lässt, während Tommy (Stephen Graham) sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand steht. Tränen auf den Wangen, da die ”fuckin’ pikeys“ entscheiden, ob sie ihn die Radieschen von unten ansehen lassen soll. Kudos, Mr Ritchie.

Jetzt ist die Kacke am Dampfen, denn Gorgeous George ist erst mal am Arsch. Ritchie nutzt die Atmosphäre, um genüsslich mit Box-Spitznamen zu spielen. Schließlich können George weder John „The Gun“ noch „Mad Fist“ Willy ersetzen. The Gun hat sich erschossen und Mad Fist sitzt in der Klapse. What's happening with them sausages, Charlie? Im Gegensatz zu seinem Debüt präsentiert Ritchie nunmehr einen Ensemble-Film. Zwar ist Turkish (Jason Statham) irgendwie der Held der Geschichte, aber letztlich ist auch er nur ein Rädchen im großen Uhrwerk von Snatch. Und sowieso, der Star des Filmes ist Brad Pitt als nuschelnder Zigeuner, der eine Affinität zu Hunden hat. Das Schauspiel des Hollywood-Stars lässt jedoch bisweilen zu wünschen übrig, da weiß sein Traumfabrik Pendant Benicio del Toro als Fuckin’ Franky Four Fingers (Viva Las Vegas!) doch besser zu gefallen. Aber wenn man schon so anfängt, kann man gleich für jeden der Charaktere in Snatch ein eigenes Spin-Off drehen. So herrlich schräg sind sie, die Ausgeburten von Ritchies Phantasie.

Bedenkt man, dass die Handlung in Mary ‚Fucking’ Poppins London spielt, sind die zufälligen Begegnungen aller Protagonisten hier doch etwas stark überzogen. Zumindest trägt das Gros an Figuren nicht sonderlich zur Glaubwürdigkeit bei. Generell verfügt Snatch zwar über ein schnelleres Tempo als Lock, Stock, doch wird dieses wiederum von den vielen einzelnen Handlungen gebremst. Im Nachhinein ergibt sich so eine Art Gleichgewicht, dass den Film über Wasser hält, allerdings meist auch nicht mehr schafft. Es wirkt oft so, als habe sich Ritchie an nicht unbedingt versucht weiterzuentwickeln, sondern eher probiert, das was er schon kann, noch etwas auszufeilen. Neben einigen Selbstzitaten (Bullet Tooth Tony scheint ein Verwandter von Big Chris zu sein) gefällt speziell auch die Hasenjagd-Szene. Hier stellt Ritchie die Jagd der beiden Hunde auf den Hasen der Jagd von Errol auf Tyrone (Ade) gegenüber (phänomenal untermalt von Mirwais „Disco Science“). Und was passiert, wenn der Hase geschnappt wird? Er wird gefickt, und zwar bevor „ze Germans“ auf der Bildfläche erscheinen.

Weitaus mehr als Lock, Stock lebt Snatch von seinen Figuren, die allesamt zum Verlieben sind. Seien es Bullet Tooth Tony (Vinnie Jones), Boris the Blade a.k.a. Boris the Bullet Dodger (”Because he dodges bullets, Avi”) oder Tyrone, der gerne mal Kleinlaster übersieht, wenn sie im toten Winkel stehen. Zudem hat man wohl selten einen bedrohlicheren Untergrundboss gesehen als Alan Fords Brick Top. Somit sollte Ritchies zweiter Film als bloße Fingerübung betrachtet werden, ein Vorgeschmack auf mehr. Nur kam anschließend nicht wirklich mehr. Eher weniger. Besser machen sollte es der Brite dann mit Revolver, der zwar im Prinzip an inhaltlicher Tiefe gewinnt, dafür jedoch seine brillanten Dialoge und liebenswürdigen Charaktere vernachlässigt. Da war RocknRolla vielleicht der einzig richtige Schritt, ehe nun mit Sherlock Holmes ein neues Genre auf ihn wartet. Zuletzt sei gesagt, dass Snatch nicht sonderlich gut altert (von dem schlechten Bild der deutschen DVD einmal abgesehen). Die siebte Sichtung zeigte einige Schwächen auf, sodass man sich das Teil lieber nur alle paar Schaltjahre geben sollte. Dann fetzt es auch besser. What's happening with them sausages, Charlie?

8/10

Swept Away

Ritchies dritter Spielfilm hält bei Rotten Tomatoes starke 5% und sowieso liest man eigentlich nur, dass das Teil scheiße sein soll. Wenn man sich dann mal die DVD einlegt, ist man doch überrascht, beginnt der Brite den Film nämlich sehr ordentlich. Eingeleitet von Goldfrapps „Lovely Heads“ erinnert die Eröffnung fast schon an die Bond-Reihe. Und wenn ich dann Namen wie Bruce Greenwood und Elizabeth Banks lese – letztere spielt übrigens grandios eine Paris Hilton-Persiflage -, steigt meine Laune doch schon mal. Und bis die Leighton (Madonna) und Guiseppe a.k.a Pepe a.k.a Pipi a.k.a Guido (Adriano Giannini) auf der einsamen Insel crashen, ist Swept Away auch okay. Belanglos, aber nun auch kein Verbrechen an der Menschlichkeit. Das ändert sich schließlich für den restlichen Verlauf des Filmes. Aber mahalo.

Den Schachzug Madonna als reiche, versnobbte, arrogante, narzisstische Schlampe zu besetzen (sie spielt sich also praktisch selbst), ist von der Idee her in Ordnung. Das Problem ist nur, dass Madonna nicht schauspielern kann. Selbst ein gesichtsamputiertes Kapuzineräffchen würde da mehr Glaubwürdigkeit erzeugen. Wenn ich’s mir recht überlege, wäre mit ein solches gesichtsamputiertes Äffchen in der Rolle auch lieber gewesen. Zwar zeigt die rüstige Frührentnerin hier und da ihre Nippel, doch kann sie Zeitzeugen ihrer Musikkarriere damit niemanden mehr hinter dem Busch hervorlocken. Höhepunkte des Filmes sind dann bezeichnenderweise jene Szenen, in denen Giannini Ritchies Ehefrau eine schmieren darf. Von solchen Momenten hätte man sich mehr gewünscht.

Auf der Insel geht dann alles den Bach runter. Zwar amüsiert es zu Beginn noch, dass Guiseppe den Spieß umdreht und Madonna schuften lässt, doch rutscht das Ganze nach einigen Minuten dann auf ein „Szenen einer (italienischen) Ehe“-Niveau. Die Botschaft ist auch recht bedenklich, berücksichtigt man, dass Madonna sich schließlich in Giannini verliebt, als dieser sie wie den letzten Dreck behandelt. So sind sie halt, die Südländer. Oder die Frauen. Wahrscheinlich beide. Eventuell wollte Ritchie sich auch nur mal ein bisschen austoben, weil er Daheim nie die Hosen anhatte. Man weiß es nicht, scheint aber noch am plausibelsten. Denn was der Brite mit diesem Film bezwecken wollte, erschließt sich wahrscheinlich niemandem. Eine Konstante birgt Swept Away dann aber doch: der Soundtrack passt und die Bilder sind sehr hübsch photographiert. Und grundsätzlich hat Ritchie den Film auch gut besetzt (man beachte Alec Baldwin-Klon David Thornton). Dennoch fraglos der schlechteste Film vom ehemaligen Werbefilmer Ritchie. Aber mit Madonna ist es jetzt ja vorbei, sodass etwas derartiges nie wieder vorkommen dürfte.

2/10

Revolver

Fick dein Ego, bevor dein Ego dich fickt. So ließe sich in etwa Guy Ritchies Versuch beschreiben, wie Phönix aus der Asche zu steigen. Nach seinem Flop mit Swept Away bildet Revolver die Rückkehr ins Gangster-Milieu. Allerdings so ganz ohne Humor dieses Mal. Bei der ersten Sichtung war ich müde und hatte ein, zwei Gläser Wein getrunken. Keine guten Voraussetzungen für Ritchies Letzten. Kaltduscher meinte, besser zweimal als einmal schauen. Ich habe das beherzigt. Ich wurde belohnt. Irgendwie. Denn Revolver ist zugleich viel und im Prinzip doch so wenig.

Die erste Stunde ist stark inszeniert, sehr kompromisslos, einfach und doch komplex. Die Geschichte von Jake Green (Jason Stafam) und dem Casinobesitzer Macho, auch bekannt als Mr. D (Ray Liotta) entfaltet sich allmählich, während die beiden Kredithaie Avi (Andre 3000) und Zach (Vincent Pastore) ihr eigenes mindfuck-Süppchen mit dem Briten kochen. Das alles funktioniert bisweilen recht gut, Ritchies „Kabbala – The Movie“. Der Übergang zum dritten Akt gelingt dann auch noch verhältnismäßig passabel, immerhin hat The Stath hier endlich die Chance etwas zu schauspielern. Auch das Farbspiel zelebriert Ritchie hier recht ordentlich und verstärkt damit bis ins Finale hinein die Intention des Regisseurs.

In der letzten halben Stunde rutscht Revolver dann aber etwas ab. Hier wird offensichtlich, dass Ritchie mal eben auf die Schnelle The Usual Suspects und Fight Club vermischen wollte, nur schafft er es leider mit seiner Auflösung wer Sam Gold ist, und um was es in seiner Geschichte eigentlich geht, nicht wirklich auf dieselbe Metaebene zu gelangen, wie in Finchers Meisterwerk geschehen. Sein prätentiöser Abspann reitet ihn da nur noch mehr in die Scheiße hinein. Da wird dann groß einer auf dicke Hose gemacht und einige Beckenrandschwimmer gezeigt, die sich viel zu sehr in Freuds Thesen versteifen, diese grenzenlos überinterpretieren und bestimmt kurz nach Veröffentlichung mit der DVD in die Mensa gerannt sind, um den Kollegen zu zeigen, was sie doch für geile Stecher sind.

Was mit einer gespaltenen Persönlichkeit funktioniert, klappt recht schlecht mit irgendwelchen ominösen (oder bösen) unterbewussten Elementen. Wie bereits gesagt: fick dein Ego, bevor es dich fickt. Trotz des schwachen Finales ist Revolver jedoch ein enormer Schritt in die richtige Richtung, auch wenn hier nicht alles Gold ist was glänzt. The Stath, Ritchies Haus- und Schoßhund, spielt hier mit depperten langen Haaren und Truckerbart ordentlich, aber ähnlich wie Liotta eher auf Durchzug. Dabei wirken sie jedenfalls überzeugender als Rapper Andre 3000, den ich immer noch nicht gerne in Filmen sehe. Da soll er lieber mit Justin ein neues Album aufnehmen. Star des Filmes, der zugleich die besten Szenen beansprucht, ist vielmehr Mark Strong als Auftragskiller Solter. Strong muss man im Auge behalten, der ist inzwischen ganz groß im Kommen. Ähnlich wie Southland Tales ist Ritchies Letzter also ein Film, den man besser mehrmals goutiert. Wie Oma schon sagte, zweimal gekaut ist besser verdaut.

7/10

16. November 2008

Body of Lies

Nobody's innocent in this shit.

Wenn ein Mann als größten Erfolg Gladiator vorzuweisen hat, sollte man seine Karriere mit etwas Vorsicht beäugen. Wenn selbiger Mann einst innerhalb von drei Jahren zwei Filme wie Alien und Blade Runner gedreht hat, wächst der Unglauben ins Unermessliche. Was ist eigentlich aus Ridley Scott geworden? Zwar besitzen Filme wie Legend, White Squall oder Black Hawk Dawn durchaus ihren Charme und Momente, doch der Großteil von Scotts Œuvre ist gerade innerhalb des letzten Jahrzehnts doch eher zum Heulen. Filmen wie G.I. Jane oder Kingdom of Heaven fehlt jegliche Substanz und Tiefe. Ein Manko das inzwischen exemplarisch für Scotts Filme geworden ist. Dass er innerhalb von sieben Jahren vier Mal mit dem Neuseeländer Russell Crowe zusammengearbeitet hat (davon allein drei Filme in den letzten zwei Jahren) gereicht wohl weder dem einen noch dem anderen zum Vorteil. Was bei Martin Scorsese und Bobby De Niro oder Tim Burton und Johnny Depp gut geht, wirkt bei Scott und Crowe allmählich etwas ausgelutscht und war vielleicht selten deutlicher als in Body of Lies, dem neuen Film der beiden Freunde und Künstler. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des US-Journalisten David Ignatius aus dem vergangenen Jahr beschäftigt sich der Film mit einer Thematik, die aktuell nicht präsenter sein könnte im amerikanischen Kino. Der 11. September findet in seinen Auswirkungen vermehrt Einzug in Filme, die jedoch meist zugleich ihrem amerikanischen Pathos zum Opfer fallen. Weder Home of the Brave noch In the Valley of Elah oder Rendition konnten ihrer eigenen Thematik gerecht werden. Von der momentanen politischen Situation ganz zu schweigen. Dass dies auch Ridley Scott nicht zu gelingen vermag, sollte und dürfte deshalb niemanden überraschen. Doch auch als Thriller gelingt es dem Film nicht zu überzeugen, viel zu sehr orientiert sich Scott dazu an konventionellem Hollywood-Kitsch.

Ein Sondereinsatzkommando pirscht sich in Manchester an ein Gebäudekomplex heran. Im selbigen befinden sich einige Araber und jede Menge Sprengstoff. Als diese die Anwesenheit des SoKo bemerken, sprengen sie sich und damit auch das Gebäude kurzerhand in die Luft. Der Krieg gegen den Terror ist in voller Aktion und einer der tapferen amerikanischen „Krieger“ findet sich in Roger Ferris (Leonardo DiCaprio), einem Agenten der CIA. Im Irak ist Ferris auf der Jagd nach Al-Saleem (Alon Abutbul), genannt „der weiße Wal“, der hinter all jenen Anschlägen in Europa steckt. Während Ferris im Irak bei seiner Untersuchung auf einen möglichen Informanten stößt, will sein Vorgesetzter in Washington, Ed Hoffman (Russell Crowe), diesem keinen Schutz gewähren. Die Situation eskaliert beinahe und Ferris’ wird schwer verletzt auf einen Militärstützpunkt gebracht. Dort offeriert ihm Hoffman den Posten des Geheimdienstchefs in Jordanien. Als eine erste Operation schief geht, landet Ferris erneut in einem Krankenhaus. Dort verliebt er sich in iranische Schwester Aisha (Golshifteh Farahani) und beginnt eine riskante Beziehung mit dieser. Gleichzeitig versucht er sich das Vertrauen des jordanischen Geheimdienstchefs Hani (Mark Strong) zu sicheren. Doch ein ums andere Mal fährt ihm Hoffman in die Parade. Ferris beginnt einen komplizierten Plan auszuhecken, um Al-Saleem aus der Reserve zu locken. Doch die Frage ist, wer hier eigentlich wen aus welchen Gründen benutzt. Und wer am Ende lebend aus der ganzen Situation herauskommen wird.

Wenn man die zwei Stunden Laufzeit von Body of Lies überstanden hat, fragt man sich wahrscheinlich zu Recht, was Scott hier seinem Publikum eigentlich erzählen wollte. Der Realismus, den er versucht zu erzielen, wird durch die offensichtliche Unlogik in den Handlungen der Protagonisten konterkariert. Allen voran erschließt sich nicht, weshalb Ferris stets alles schluckt, was ihm Hoffman in den Rachen wirft. Kein Aufbegehren von Seiten des Agenten, der außerhalb der Hoffman-Szenen trieft von Idealen, diese jedoch stets verrät, wenn es darum geht sie geltend zu machen. Das Hoffman dabei die eigene Mission sabotiert nimmt Ferris nie zum Anlass Beschwerde bei dessen Vorgesetzten einzureichen. In einer Szene erläutert Ferris gegenüber einer anderen Figur, dass Hoffman nur deshalb über die Lage im Mittleren Osten informiert ist, da Ferris ihn informiert. Einer seiner Vorgänger bestätigt dann auch zwischen den Zeilen, dass der CIA-Agent innerhalb der Agency einen renommierten Ruf hat, stetig aufgestiegen ist. Die Tatsache, dass er sich daher von Hoffman alles gefallen lässt, erklärt sich somit lediglich dadurch, dass die Handlung am Laufen gehalten werden muss. Rückschlag um Rückschlag muss sich Ferris nach vorne arbeiten, dass sich die USA dabei eher selbst im Wege stehen, scheint keiner der Figuren klar zu werden.

Aktuell sehr beliebt: Leo mit Bart und Knarre - vorzugsweise auch mit Kappe.

Amüsanterweise zelebriert auch Scott das Bild des bärtigen Leonardo DiCaprio mit Knarre in der Hand, welches man zuvor bereits in dessen letzten beiden Filmen The Departed und Blood Diamond begutachten konnte. Somit hat DiCaprio sich seine eigene kleine „Bearded Weapon“-Trilogie geschaffen. Während The Departed scheint er sich zudem von Jack Nicholson beeinflusst haben zu lassen. Vermehrt finden sich in Body of Lies Gesten und Mimiken des Altstars wieder, was immerhin für einige nostalgischen Momente sorgt. Differenzierungen zu DiCaprios beiden vorherigen Rollen sind schwer erkennbar, zu ähnlich die Rollen in ihrer Struktur und Aufbau. Obschon er die meiste Leinwandzeit inne hat, kann er dem Film schwerlich seinen Stempel aufdrücken. Selbiges gilt, mit Ausrufezeichen, für Russell Crowe. Abgesehen von zwei Szenen darf dieser stets mit Kopfhörer durch das Bild stapfen und seine dazu gefutterten 30 Kilo präsentieren. Sein Charakter Ed Hoffman ist bedauerlicherweise eine statische Figur, ohne Tiefe und Erläuterung. Lediglich einige Züge lassen sich erahnen, zum Beispiel, dass Hoffman Arbeit gerne von anderen erledigen lässt. Bevorzugt kommuniziert er über das Telefon, und bespricht hier gerne auch geheime Militärschläge, während er seine Kinder in die Schule bringt oder ihnen beim Sport zuschaut. Auch seine Arbeiten diktiert er und den Kofferraum seines Wagens lässt sich ebenso elektrisch schließen. Dass Hoffman ein bequemer Mensch ist, der sich die Arbeit anderer – wie Ferris’ – zu Eigen macht, sieht man auch an seiner Körperfülle. Seine politische Motivation jedoch, seine Interessen an der augenblicklichen Lage, all diese Elemente, die zum Verständnis des Filmes beitragen könnten oder sollten, fehlen Hoffman. Dass Crowe sich darin gefällt, grinsend den „Bösewicht“ zu geben, macht die Figur nicht sonderlich glaubwürdiger. Es ist daher Mark Strong, der als Hani Salaam das beste Bild aller Beteiligten abgibt. Er weiß seiner Figur zugleich ein enormes Maß an Würde wie auch Bedrohung zu verleihen.

Letztlich krankt Body of Lies jedoch sowohl an seiner „Verhollywoodisierung“ als auch an ebenjenen Schwächen, die bereits American Gangster ausgemacht haben. Dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Ferris irgendwo in irgendeine Frau rennt, mit der er anschließend eine Romanze beginnen kann, ist so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche. Natürlich muss es sich hier noch um eine Vertreterin des Islam handeln, die als Krankenschwester nur darauf gewartet hat, dass/bis ein tougher Amerikaner auf ihrer Trage Platz nimmt. Es ist dann auch diese Romanze, die den Film unnötigerweise streckt, gerade weil sie zum einen ohne Bedeutung ist und andererseits nirgendwo hinführt. Dies trifft im Übrigen auf die gesamte Handlung zu, die schließlich eine derartig dämliche Wendung nimmt, dass man sich an den Kopf schlagen muss. Selten hat man einen unglaubwürdigeren Plan gehört, um einen Terroristen zu jagen. Dass man sich darüber nicht einmal wirklich aufregen will, liegt an der fehlenden Substanz des Filmes. Wie in American Gangster tangiert einen hier alles lediglich peripher. Man folgt zwar dem Geschehen auf der Leinwand, nimmt jedoch nicht wirklich daran Teil. Dass dies von Scott aus technischer Sicht alles gut gelöst ist, hilft einem dann nicht sonderlich weiter. Schnitt und musikalische Untermalung unterstützen den Film zwar, tragen diesen jedoch nicht. Die eigentliche Krise des Anti-Terrorkrieges versucht Scott dabei nicht mal anzusprechen. Sie dient ihm lediglich als Kulisse für einen konventionellen Thriller, in welchem jeder jeden versucht auszuspielen. Das wirkt alles derartig belanglos, dass man sich wirklich fragt, wie jener Mann Alien und Blade Runner drehen konnte. Und dass es für sein nächstes Projekt Nottingham nicht besser bestellt sein dürfte, erahnt man bereits. Übrigens, Russell Crowe spielt dann auch wieder mit. Wie überraschend.

5.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

17. Oktober 2007

Stardust


We always knew you were a whoopsie.

In Hollywood boomt das Geschäft mit Fantasyfilmen. Nicht nur wird alles verfilmt, was jemals auf eine Serviette gekritzelt wurde und Superhelden-kompatibel ist, nein, jede Märchenähnliche Geschichte mit Elfen und Tralala hat so sicher wie ein bestätigtes Budget, denn jeder Film könnte der neue Herr der Ringe oder Chroniken von Narnia sein. Selbst deutsche Literatur wie Cornelia Funkes Tintenherz wird verfilmt, und wenn die Amis was aus Deutschland verfilmen kann man sich sicher sein, dass das Genre heiß ist, verdammt heiß. Da ist es bereits Schmeichelei, dass man bereits 1998 auf Neil Gaiman zuschritt, als dessen Phantasiemär Stardust erschien. Miramax wollte sich die Rechte sichern, hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn Gaiman war mit deren Vorschlägen ziemlich unzufrieden und lehnte folgerichtig ab – da muss Hollywood erstmal geschluckt haben, passiert es ja nicht alle Tage, dass jemand ihre Millionen ausschlägt. Später diskutierte Gaiman eine Verfilmung mit Terry Gilliam – der schließlich The Brothers Grimm machte – und Matthew Vaughn, den deutschen Bunte-Lesern als Claudia Schiffers Mann bekannt.

Auch Vaughn trat zunächst von dem Projekt zurück und machte stattdessen Layer Cake. Mit Gaiman befreundet kam er jedoch nach seinem Film wieder auf das Stardust-Thema zu sprechen und erklärte sich bereit den Stoff zu verfilmen und sagte dafür sogar X-Men: The Last Stand ab (sicherlich keine falsche Entscheidung). Das Projekt landete bei Paramount Pictures und wurde mit 65 Millionen Dollar veranschlagt (spielte bisher gerade seine Kosten wieder ein). Gaimans Vorlage ist im Gegensatz zum Film eher ein Märchen für Erwachsene, inklusive Gewalt und Sex, wovon Vaughn jedoch etwas Abstand nehmen wollte und daher mehr Witz und Humor beifügte. Für diese Szenen, insbesondere die romantischen, schlug ihm Gaiman Jane Goldman vor und so ist Stardust eine wilde Mischung aus Sex, Gewalt und Humor – doch dazu später mehr. Die Besetzung hatte Vaughn selbst zu großen Teilen bereits selber vorgenommen und konnte für sein Werk Stars wie Robert De Niro, Michelle Pfeiffer, Ricky Gervais, Sienna Miller, Claire Danes und weitere gewinnen – äußerst viel versprechend also.

Vor 150 Jahren lebte in einem kleinen englischen Städtchen namens Wall der Junge Dunstan Thorn. Dieser schaffte es die sagenumwobene Mauer außerhalb von Wall zu überschreiten und landete in dem Märchenreich Faerie. Dort traf er auf einem Markt die hübsche Hexensklavin Una und verbrachte eine Nacht mit ihr – um neun Monate später Unas Geschenk und seinen Sohn Tristan zu erhalten. Als dieser in Dunstans Alter ist, versucht Tristan (Charlie Cox) alles um die Liebe der hochnäsigen Victoria (Sienna Miller) zu gewinnen. Selbst einen Stern will er ihr besorgen, nur dumm, dass dieser gerade jenseits der Mauer niedergegangen ist. Doch Tristan schafft es in das Märchenreich und zu dem Stern, der sich in der Gestalt der hübschen Yvaine (Claire Danes) manifestiert. Diese trägt das königliche Amulett von Stormhold um ihren Hals, hinter welchem die königlichen Erben Septimus (Mark Strong) und Tertius (Jason Flemyng) her sind. Während Tristan mit Yvaine zurück nach Wall zu Victoria möchte, versuchen nicht nur die beiden Prinzen ihrer habhaft zu werden, sondern auch die böse Hexe Lamia (Michelle Pfeiffer), die gemeinsam mit ihren Schwestern Yvaines Herz zur ewigen Jugend essen will. Unterstützung erfahren Tristan und Yvaine in dem Luftpiraten Captain Shakespeare (Robert De Niro), welcher selber ein kleines Geheimnis mit sich herumträgt.


In Zeiten von Tolkien und Rowling, von Frodo und Harry Potter, ist es schwer das Publikum noch groß zu überraschen, der Markt gesättigt. Doch auf seine eigene Art weiß es Stardust zu gelingen, was an den Überbleibseln von Gaimans Werk liegen mag, denn Stardust ist obschon seiner mitunter kindischen Handlung eben doch an ein erwachseneres Publikum ausgerichtet. Spätestens wenn die königliche Familie von Stormhold frenetisch den Mord an ihrem Mitglied Secundus (Rupert Everett) feiert, wird einem klar, dass dies kein übliches Märchen ist. Und der Erzähler geht zweifellos nicht zimperlich mit seinen Figuren um, auch wenn einem mit Tristan und Yvaine zwei typische Kinderfiguren offeriert werden. Mit seiner naiven Art gelingt es Tristan unglaubwürdigerweise immer wieder seinen Kontrahenten einen Schritt voraus zu sein und so liebreizend eine immer noch scharfe Michelle Pfeiffer mit ihrer böswilligen Art anzusehen ist, ist ihre Figur Lamia doch eine Niete auf ganz großen Niveau. Ähnlich verhält es sich mit Septimus, denn beide agieren nicht wirklich in der Handlung, sondern mehr so nebenher, bis am Ende alle aufeinander treffen. Diese Nebenplots dienen der spaßigen Erheiterung, lassen die Handlung jedoch ein ums andere Mal stocken.

Ohne Frage ist Stardust eine erfreuliche Erscheinung, wobei sie jedoch sehr viel besser hätte sein können, wenn Matthew Vaughn nicht versucht hätte sie amüsanter zu gestalten. Denn die Sprüche zünden nicht immer (besonders Dexter Fletchers Kommentare aus dem Off nerven) und erheitern auch nicht, wirken stattdessen stümperhaft armselig und machen Stardust zu einem Film, der für Erwachsene zu kindisch und für Kinder zu erwachsen ist. Dieser Versuch zwischen Skylla und Charybdis durchzusegeln führt dazu, dass Stardust sein Potential nicht ausschöpft und vermuten lässt, dass der Mann hinter Guy Ritchie mit diesem phantastischen Stoff, dem Budget und den Erwartungen überfordert gewesen zu sein scheint. Das reißt auch ein im Tutu herumhüpfender Robert De Niro (was Travis Bickle wohl mit dem angestellt hätte!) nicht heraus, obschon er sich in seiner Rolle zu gefallen mag und damit seine Kinder ebenso beeindrucken dürfte wie es Johnny Depp mit der Figur von Jack Sparrow bei den seinen gelang. Gut möglich, dass diese erzählerische Schwächen auf die Synchronisation zurückzuführen sind, denn wenn De Niro seinen Namen Shakespeare im Film frivol als mit Speer schüttelnd erläutert, stößt einem dass dann doch sauer auf (auch wenn es sinnlich richtig ist). Stardust ist also kein Film für die Ewigkeit und keiner der Preise gewinnen wird, aber es gelingt ihm in der Menge nicht unterzugehen und kurzweilig zu unterhalten.

7/10

10. Juni 2007

Syriana

This is a fight to the death.

Selten lässt sich über einen Hollywood-Film sagen, dass er intelligent ist. Und sicherlich darf darüber gestritten werden, ob Kino nicht zum Abschalten dienen soll nach einem harten Arbeitstag. Anstatt die Köpfe mit geopolitischen Ränkespielen zum Rauchen zu bringen. Wozu stumpfes „Glotzen“ verkommen kann, hat Bernward Wember vor drei Jahrzehnten mit seiner Bild-Text-Schere zu warnen versucht. Umso verdienstvoller gerät also Syriana, der Polit-Thriller von Stephen Gaghan (Traffic). Sicherlich auch dank seiner hochkarätigen Besetzung mit George Clooney und Matt Damon gelang es dem Film in den USA sogar seine Kosten wieder einzuspielen. Was angesichts seiner Thematik durchaus erstaunt.

Denn gut drei Jahre nach dem Ende des Irakkriegs übt Gaghan ganz unsubtil an der Politik seiner Heimat, die Strukturen im Mittleren Osten nach ihrem Gusto umzumodellieren. Als Episodenfilm lässt Syriana hierbei vier Handlungsstränge parallel und bisweilen auch zusammenlaufen. Im Zentrum steht dabei ein fiktives Emirat im persischen Golf, das über Erdöl verfügt und in dem sich ein Machtwechsel anbahnt. Auf der einen Seite steht Prinz Nasir (Alexander Siddig), der progressive Sohn des Emirs, der den Fortschritt seines Landes zum Ziel hat und sich hierbei vom Energie-Analytiker Bryan Woodman (Matt Damon) beraten lässt, nachdem dessen Sohn bei einer Privatfeier von Nasirs Vater unglücklich zu Tode kam.

Auf der anderen Seite steht Nasirs jüngerer Bruder Meshal (Akbar Kurthaas), den eher Luxusgüter als Politik interessieren. Weil Nasir Bohrungsrechte an die Chinesen vergeben will, zieht er sich den Zorn der US-Lobby auf sich. Der Fernost-Agent Bob Barnes (George Clooney) soll das Nasir-Problem aus der Welt schaffen, während in der Heimat der Anwalt Bennett Holiday (Jeffrey Wright) versucht, die Fusion des Öl-Unternehmens Connex Oil mit Jimmy Popes (Chris Cox) Firma Killen durch potentielle Korruptionsvorwürfe zu schiffen. Die Entscheidung von Connex wiederum, eine Ölraffinerie im Mittleren Osten lahmzulegen, hat für pakistanische Arbeitsmigranten wie Wasim (Mazhar Munir) Folgen.

Gaghans Film ist bevölkert von dutzenden Figuren und jede von ihnen hat ihr eigenes Päckchen zu schultern. Da ist Julie Woodman (Amanda Peet), die den Tod ihres Sohnes betrauert und plötzlich auch ihren Mann zu verlieren scheint, der in den Reuebekundungen des Emirats die Chance auf eine historische Wende und zugleich privaten Reichtum für seine Firma sieht. Und außerdem Danny Dalton (Tim Blake Nelson), ein korrupter Lobbyist, dessen Vergangenheit die Fusion von Conney und Killen gefährden könnte, was nicht zuletzt der verantwortlichen Anwaltskanzlei von Dean Whiting (Christopher Plummer) ein Dorn im Auge wäre, die so wie alle amerikanischen Figuren ein Stück vom Kuchen haben will.

Fortan bewegt sich Syriana wie ein politischer Strom. Von Teheran wandern wir nach Washington, von dort nach Genf über Marbella bis nach Beirut. Die Protagonisten sind global player, Vermittler zwischen dem Öl im Osten und den Interessenten im Westen. Und alles dazwischen verkommt zu Kollateralschaden. Der tote Sohn avanciert zum subversiven Druckmittel, eine an Ägypter verkaufte Rakete wird zum Stolperstein für einen aufmerksamen CIA-Agenten. In dieser geopolitischen und von ökonomisch-industriellen Werten geprägten Welt kommt derjenige weiter, der zuerst an sich denkt. Und dadurch lebt er auch länger, wie Außendienst-Agent Barnes später im Libanon feststellten muss.

Adaptieren ist das Schlagwort für die Figuren. So ist der Auftragskiller Mussawi (Mark Strong) inzwischen zu den Iranern übergewandert (“This is a war!“), wie sich auch Barnes’ Vorgesetzte (u.a. Tom McCarthy) stets danach richten, wo aktuell der Wind herweht. Ähnlich verhält es sich für Bennett Holiday, der zwar sympathische Züge trägt, letztlich jedoch zu merken scheint, dass man als Hai im Fischbecken sicherer schwimmt (“Our real client, is, after all, us, the American people“). Zur Säule der Loyalität und Stimme der Räson verkommt da - neben Amanda Peets Gattin – lediglich Alexander Siddigs Prinz, der schon allein aufgrund seiner Progression zum Scheitern verurteilt scheint. Und das ist die Tragik.

Wenn man so will, liefert Syriana den (oberflächlichen) Hintergrund für den Irakkrieg, für all die politischen Tumulte im arabischen Raum. Die USA wollen Öl, die Arbeiter im Persischen Golf wollen Jobs und jeder will mehr Macht und Geld. Als Folge drohen Mord und Totschlag, Terror, Folter und Tragödien. Ein Intrigenspiel, bei dem Gutmenschentum nicht belohnt, sondern bestraft wird. Denn der Kampf um das Öl hat begonnen. “It’s running out. And ninety percent of what’s left is in the Middle East”, erklärt Woodman einem (ver-)zweifelnden Prinzen. “This is a fight to the death.” Und als solchen inszeniert Gaghan seinen Film auch – allerdings mit amerikanischen Figuren in der Rolle als Bösewichter und Henker.

Dass Syriana derart überzeugend ausfällt, verdankt sich nicht nur seinem komplexen und informationslastigen Drehbuch, sondern auch dem Ensemble, das seine Figuren zum Leben erweckt. Zwar wurde lediglich Clooney für einen Oscar nominiert (den er auch gewann), aber die Damons, Peets, Siddigs und Co. müssen sich nicht hinter ihm verstecken. Gaghan gelingt es, uns einen Plot zu servieren, der konventionell genug ist, damit wir ihm folgen, und smart genug, damit wir von ihm möglicherweise sogar noch etwas lernen. Oder um sich der Szene zwischen Holiday und dem Justizministerium zu bedienen: “I used to think there’s something wrong here. Now I know there’s something wrong here”.

8/10

25. April 2007

Sunshine

Who is the fifth crew member?

Im Weltraum hört dich keiner schreien. So lautete der Untertitel von Ridley Scotts Meisterwerk Alien aus dem Jahr 1979. Dabei ist diese Äußerung so nicht einmal zutreffend, zumindest nicht wenn man sie auf die Science Fiction Filme oder Alien selbst bezieht. In den Raumschiffen, in welchen meist der Horror wie in Alien oder Event Horizon zelebriert wird, sind die Schreie durchaus hörbar. Dabei fungieren sie als Katalysator von Angst zugleich für deren Förderung. Dass im Weltraum geschrieen wird, scheint dabei im Grunde unabkömmlich zu sein. Jenseits der Erde scheint der Mensch nichts verloren zu haben, und wenn er sich dann in ungeahnte Sphären aufmacht, erwartet ihn oftmals, 2001: A Space Odyssey oder Solaris lassen grüßen, Horror und Gefahr.

Die Wege ins All finden oft, wie in Deep Impact, keine Rückkehr nach Hause und wenn, dann nur unter großen Verlusten. Dass der Mensch auf ungewohntem Terrain nur sein Verderben finden kann, schildert bereits der griechische Mythos des Ikaros. Der Knabe, dessen Vater und Erfinder Daedalos sich selbst und seinem Sohn Flügel aus Wachs anband, flog in seinem naiven Übermut zu nah an die Sonne heran. Seine Wachsflügel schmolzen daraufhin und Ikaros stürzte ins Meer. Die hierbei bestimmende Frage lautet, ob es sich der Mensch anmaßen sollte, Gott zu spielen und sich selber in Sphären zu versetzen, die ihm die Natur nicht zugeordnet hat? Jene Frage transferierten Autor Alex Garland und Regisseur Danny Boyle 2007 auf die Kinoleinwand in ihrem Sci-Fi-Thriller Sunshine.

Mit großer wissenschaftlicher Authentizität gingen Garland und Boyle an ihre Geschichte heran. Ihre Einbindung von schwarzer Materie als Ursache für ein Erlischen der Sonne ist gegenwärtig Diskussionsstoff der Astrophysik. In fünfzig Jahren soll die Sonne durch eine nukleare Reaktion mit Hilfe einer Bombe der Größe Manhattans wiederbelebt werden. Dabei offenbart bereits die Einführung der Icarus II zu Beginn, dass es eine Icarus I gegeben haben muss. Durch dieses Detail bringen Garland und Boyle ihr Publikum sofort auf den vorgegebenen Kurs, vermitteln die Tragweite des gesamten Geschehens. Die Notwendigkeit einer zweiten Mission setzt voraus, dass eine erste zum Scheitern verurteilt war. Dies wiederum zieht nach sich, dass auch der Erfolg der zweiten Mission nicht als selbstverständlich zu erachten ist.

All dies wird durch die ersten Sekunden der Einführung vermittelt, ein exzellentes Beispiel für die hohe Kunst der Geschichtenerzählung. Im Gegensatz zu Filmen wie Lost in Space hält sich Danny Boyle auch nicht mit der hoffnungsvollen Abreise der Crew auf, sondern setzt mitten in der Mission ein. Genauer gesagt tritt die Mission nunmehr in ihre kritische Phase. Nach sechzehn Monaten im All überschreitet die Icarus II den Punkt, an welchem der Kontakt zur Erde verloren geht. Gewissermaßen überschreitet man hier den Rubikon. Stellvertretend für alle Crew-Mitglieder zeigt Boyle dem Publikum lediglich die letzte Botschaft von Physiker Robert Capa (Cillian Murphy), welcher den Missionsinhalt Revue passieren lässt: So if you wake up one morning and it's a particularly beautiful day, you'll know we made it.

Woher nimmt der Mensch das Recht am Universum herum zu spielen? Und ist es nicht vorhersehbar, dass dabei etwas schief gehen muss? Berechtigte Fragen und ihre Antworten dürften der Prämisse zufolge bekannt sein. Hierbei funktioniert Sunshine deshalb so gut, da sich Autor Alex Garland viel Mühe mit seiner Charakterausarbeitung gab. Mit wem es das Publikum hier tatsächlich zu tun hat, wird durch das bloße Betrachten des Filmes nicht klar. Was ist die Agenda der Crew, was sind ihre Ängste und ihre Erwartungen? Da ist zum einen Corazon (Michelle Yeoh), welche für den biologischen Garten der Sauerstoffproduktion zuständig ist. Ihr Name (span. Herz) bezieht sich dabei mehr auf ihren Garten, denn auf ihre eigene Persönlichkeit. Corazon ist nicht wirklich kaltherzig, ihren wahren pragmatischen Charakter sieht man erst, als ihr Garten zerstört wird. Letztlich stirbt vielleicht mit ihrem Garten auch ihr eigenes Herz.

Als eigentliches Herz der Mannschaft fungiert vielmehr Pilotin Cassie (Rose Byrne), die eigene Opfer auf sich nahm, um an dieser Mission teilzunehmen. In den entscheidenden Szenen agiert Cassie im Grunde als das Gewissen der Icarus II. Dieses lässt sich nicht unbedingt als rational bezeichnen, jedoch als menschlich, sodass Cassie im Grunde die Stellvertretung der gesamten Menschheit auf der Mission einnimmt. Wo Cassie die Rationalität abgeht, ordnet sich Techniker Mace (Chris Evans) ganz dem Ziel der Mission unter. Hierbei zählt nur der Transfer der Bombe zur Sonne und zugleich die Aufrechterhaltung von Capas Leben, der als der Bord-Physiker als einziger mit der Bombe umgehen kann.

Auch in den entscheidenden Szenen -beispielsweise am Luftschloss der Icarus I - zögert Mace daher nicht eine Sekunde sein Leben hinter das von Capa zu stellen. Obschon er mit diesem - ist Capa doch der einzige nicht ausgebildete Astronaut an Bord - mehrfach Auseinandersetzungen hat. Als zwei erfahrene Figuren findet sich noch Psychologe Searle (Cliff Curtis) und Kapitän Kaneda (Hiroyuki Sanada). Beide haben sich mit dem Scheitern der Vorgängermission eindringlich beschäftigt, allen voran Kaneda. Zum Zünglein an der Waage wird letztlich Mathematiker Trey (Benedict Wong), dessen Genie ihm zum Verhängnis wird. Das gesamte Ensemble agiert den Film hindurch nach Garlands Vorgaben, auch wenn diese bei Figuren wie Harvey (Troy Garity) bedauerlicherweise im Film nicht zur Genüge zur Geltung kommen.

Auf ihrem Weg zur Sonne stößt die Icarus II auf das Schiff ihrer Vorgängermission. Die logische Konsequenz: man birgt die Bombe der Icarus I. Das ganze Projekt ist auf Theorie gegründet, sollte etwas schief gehen, sind zwei Bomben besser wie eine. Es ist keine demokratische Entscheidung, vielmehr fällt sie allein Physiker Capa zu. Sein „Oh shit“ ist dabei die wohl treffendste Äußerung, welche die Figur in diesem Moment von sich geben könnte. Ein unbedeutender Umweg bringt die Planungen von Wochen und Monaten durcheinander. Navigator Trey, ein mathematisches Genie, will die neue Berechnung nicht dem Bordcomputer überlassen, vernachlässigt bei seiner eigenen Kalkulation jedoch etwas. Die logische Entscheidung führt zum menschlichen Versagen, die von langer Hand geplante Routine zum Opfer der Spontaneität.

Der Moment fordert ein menschliches Leben, ein Verlust der im Grunde für den Rest des Filmes unerheblich ist. Schließlich wird es nicht Treys Fehler sein, der zur Tragik verkommt, sondern Capas Entscheidung die Icarus I aufzusuchen. Was hatte die erste Mission zum Scheitern verurteilt? Capa und die anderen werden es herausfinden und die Geister, die sie riefen, nicht mehr loswerden. Auf ihrer gottesgleichen Mission, der Erschaffung eines Sternes, werden der Crew ihre menschlichen Fehler zum Verhängnis werden. Dabei werfen Garland und Boyle jedoch keineswegs moralische Fragen oder Dilemmas auf, sondern schildern einfach die Ereignisse dieser acht Personen auf ihren Weg zur Rettung eines ganzen Planeten.

Es gelingt Danny Boyle mit Sunshine einen ruhigen und teilweise sogar elegischen Thriller zu drehen. Die Stärken seines Filmes sind die optischen respektive technischen Szenen. Die Symbiose zwischen den Bildern und dem Ton ist faszinierend, die Einstellungen der Sonne und der Icarus II im All, der Raumschiffgänge, dies alles mit der musikalischen Untermalung von Underworld. Exzellent auch der Übergang der Crew zur Icarus I, bei welchem jedes Mal, wenn die Taschenlampen die Kamera treffen, Bilder der verstorbenen Crewmitglieder übergeschnitten werden. Mit Sunshine schuf Garland eine stylische Mischung aus 2001 und seinem eigenen Werk The Beach. Auf klaustrophischen Raum werden über eine längere Zeit hinweg unterschiedliche Persönlichkeiten konzentriert.

Kein Entkommen und Loslösen voneinander teilweise Anwesenden zu denen man ein gespanntes Verhältnis hat. Die erste Hälfte des Filmes ist hier ob ihrem phantastischen Look und der Intelligenz des Drehbuchs berauschend. Die Wendung, welche Sunshine anschließend nimmt, ist diskutabel. Manche Einstellungen folgen so rasch aufeinander, dass man das Gefühl hat, Boyle hätte die eine oder andere Szene geschnitten - gerade im Finale. Zur Hinterfragung des Plots und somit des Filmes ist die Wendung allerdings nur konsequent. Mit Sunshine ist Garland und Boyle ein Science-Fiction Film gelungen, der letztlich zwar mehr style over substance ist, aber dennoch auch durch seine Atmosphäre zu überzeugen weiß und zu den besten Filmen des Genres zählt.

8.5/10