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13. Januar 2014

Hachi: A Dog’s Tale

If it’s all right, could I wait with you for the next train?

Er gilt als der beste Freund des Menschen – der Hund. Speziell in Europa wird er als treuer Begleiter gesehen und damit als Sinnbild von Loyalität. Mancher Besucher aus dem arabischen oder chinesischen Raum mag ob der Fürsorge und „Vermenschlichung“ der Caniden in der westlichen Zivilisation die Stirn runzeln, kümmern sich viele Menschen um ihre Hunde doch weitaus mehr als um ihre Mitmenschen und Artgenossen. Vielleicht jedoch nicht zu Unrecht, wie das Beispiel mancher wahrhaft loyaler Hundebegleiter zeigt, die ihren Herrchen auch Jahre nach deren Ableben noch treu blieben. Einer ihrer berühmtesten Vertreter ist Hachikō, dem zuletzt 2009 in Hachi: A Dog’s Tale Ehrerbietung erwiesen wurde.

Hierbei wurde die Originalgeschichte vom Tokio der 1920er Jahre in die modernen USA versetzt, wenn Richard Geres Musikprofessor Parker Wilson eines Abends am Bahnhof seines Vorortes über einen Akita-Welpen stolpert. Kurzerhand nimmt er diesen mit nach Hause, dem Widerwillen seiner Gattin Cate (Joan Allen) zum Trotz. Bald schon sind Parker und Hachi ein Herz und eine Seele, sodass der Hund ihn morgends zum Bahnhof begleitet und von diesem Schlag 17 Uhr auch wieder abholt. Bis zu jenem Tag, an dem er vergebens wartet, da Parker während einer Vorlesung an Herzversagen stirbt. Nichtsdestotrotz erscheint Hachi aber auch die kommenden neun Jahre Tag für Tag pünktlich am Bahnhof.

Entsprechend drückt Lasse Hallström mit seinem Film natürlich auf die Tränendrüse – insofern man denn eine besitzt. Schließlich handelt es sich bei Hachi: A Dog’s Tale um eine berührende Geschichte eines treuen Begleiters, dessen Loyalität die Grenzen des Lebens zu überbrücken scheint. Basierend auf jenem Akita, der Anfang der 1920er Jahre im Besitz des Tokioter Professor Ueno Hidesaburō war, der täglich von der Bahnstation Shibuya ins Zentrum von Tokio fuhr. Bis er 18 Monate später im Mai 1925 an einer Hirnblutung verstarb. Dennoch tauchte Hachikō auch die folgenden neun Jahre täglich in Shibuya auf, ehe er selbst dem Krebs erlag. Dabei ist die Geschichte von Hachikō keineswegs ein Einzelfall.

Ähnlich verlief das Erlebnis um den Hütehund Shep, der sechs Jahre lang täglich an eine Bahnstation im US-amerikanischen Fort Benton kam, wo er die Rückkehr seines verstorbenen Herrchens erwartete, dessen Leichnam von hier den Bahnhof verließ, ehe Shep selbst 1942 von einem Zug erfasst wurde. Stolze 14 Jahre wartete der italienische Straßenhund Fido im toskanischen Borgo San Lorenzo auf seinen Herrn Carlo Soriani, nachdem dieser während eines Bombardements der Stadt am 30. Dezember 1943 ums Leben kam. Die Liste ließe sich noch fortführen, insofern ist Hachi: A Dog’s Tale keine originäre Erzählung, sondern eine von vielen. Was ihr aber dank Hallströms Inszenierung nichts von ihrer Stärke raubt.

Bemerkenswert ist, dass der Film die Geschichte einer bloßen Freundschaft erzählt, frei vom Versuch, Geres Figur durch den Hund charakterlich wachsen oder in neue Bahnen lenken zu lassen. Ohnehin beruht der einzige Konflikt des Films auf dem Ableben der zweiten Hauptfigur zum Ende des zweiten Akts, während zuvor lediglich die Beziehung zwischen Mensch und Hund im Mittelpunkt stand. Der missglückte Versuch, dem japanischen Spitz das Apportieren beizubringen, die freudige Erwartung, den Gefährten am Bahnhof zu sehen. Die übrigen Figuren wie Parkers Tochter Andy (Sarah Roemer), Bahnvorster Carl (Jason Alexander) oder Hot Dog Verkäufer Jasjeet (Erick Avari) sind da nur Staffage.

Daran kann man sich natürlich stören, an dieser konfliktfreien Idylle, die nicht in die Welt mancher Zuschauer passen will. Vergessen werden sollte jedoch nicht, dass der Film selbst lediglich eine Binnenerzählung ist, die Parkers Enkelsohn zu Beginn seiner Klasse berichtet. Die Geschichte wird folglich dem Zuschauer durch die Augen eines Kindes übermittelt und wenn Figuren wie Parker und dessen Familie zu sehr wie „heile Welt“ wirken, mag dies daran liegen, dass sie dem Enkelsohn als solche vermittelt wurde. Es geht Hallström trotz der wahren Geschichte als Vorlage nicht um ein authentisches oder unperfektes Bild der Realität, sondern darum, das Gefühl der Hingabe (engl. devotion) zu transportieren.

Getragen wird Hachi: A Dog’s Tale dabei weniger von seinem überzeugend aufspielenden (menschlichen) Ensemble als von der nuancierten Darstellung der drei Akitas, die Hachi in den drei entscheidenden Stadien seines Lebens mimen. Speziell die alte Version nach dem Ableben von Parker spielt die übrige Besetzung mühelos an die Wand, wenn mit hängender Rute und hoffnungslos-hingebungsvollem Blick bei eisiger Kälte die Rückkehr des Freundes erwartet wird. Zugleich wohnt der finalen Präsentation von Hachi natürlich eine gewisse Tragik inne, ist sie doch Ausdruck dessen, dass der Akita am Verlust seiner Bezugsperson zu Grunde ging. Entsprechend ergreifend gerät daraufhin das Schlussbild.

Diskutabel ist sicherlich, ob es der Form der Binnenerzählung und damit der etwas leblosen Figur des Neffen bedurfte, auch an der finalen Szene von Hachi dürften sich die Geister streiten, attestiert Hallström doch darin, dass der Akita mehr als nur ein Tier ist. Vielmehr wird ihm hier endgültig eine Seele zugeschrieben, der Hund und seine Emotionswelt somit auf eine Stufe mit seinen menschlichen Begleitern gestellt. Sicher keine leichte Kost für all jene, denen jeglicher Respekt gegenüber Tieren abgeht. Dennoch ist Hachi: A Dog’s Tale nicht nur ein Film für Hundehalter oder –liebhaber, sondern ein bewegendes Manifest von Hingabe und Treue. Glücklich darf sich somit jede/r schätzen, die über jemand wie Hachi im Leben verfügt.

8/10

13. September 2010

1 Movie, 1 Definition: Hachiko

DEVOTION /dɪˈvəʊʃ(ə)n/ noun: [mass noun] love, loyalty, or enthusiasm for a person or activity. Also: religious worship or observance. (devotions) prayers or religious observances.

OXFORD DICTIONARY
Copyright © 2010

18. September 2009

Daredevil - Director’s Cut

How do you kill a man without fear?

Nach Bryan Singers gelungenem Comic-Reboot X-Men oblag es 2001 Sam Raimis Spider-Man, den damals erfolgreichsten Kinostart aller Zeiten hinzulegen. Inzwischen sind Superhelden-Verfilmungen zur Regel geworden und vormerklich die bekannten Helden finden ihren Weg auf die Leinwand. Außerhalb der USA weiß man wenig mit Iron Man, Ghost Rider oder Daredevil anzufangen. Letzterer steht nicht zuletzt auch aufgrund seines Wohnortes im Big Apple stets im Schatten von Spider-Man. Dieser erblickte zwei Jahre zuvor das Licht der Welt, ehe sein Schöpfer Stan Lee Daredevil aus den Angeln hob. Im April 1964 feierte der rechtschaffene Held seine Geburt und vergnügt sich somit seit 45 Jahren im New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen. Dabei verdient Daredevil besonderes Augenmerk, ist er doch ein etwas anderer Superheld, der mit anderen Umständen zu kämpfen hat als zum Beispiel ein Wolverine, Spider-Man oder Hulk.

Von seinem Vater dazu ermutigt strebsam zu lernen, um einmal als Arzt oder Anwalt zu arbeiten, sollte eine Heldentat das Leben des jungen Matt Murdock für immer verändern. Als er einen Mann vor einem Laster mit radioaktivem Material rettet, sorgt der daraus resultierende Unfall dafür, dass Murdock selbst erblindet. Die Radioaktivität verändert dafür seine restlichen Sinne, so sind sein Geruchs- und Tastsinn verbessert und an die Stelle der Augen tritt eine Echoortung. Diese dient ihm fortan als Sicht durch die Straßen New Yorks. Als sein Vater von Gangstern ermordet wird, stürzt sich der Junge in seine Studien und wird später gemeinsam mit seinem Studienkommilitonen Frank ‘Foggy’ Nelson eine Pro-Bono-Anwaltskanzlei aufmachen. Doch Justitia ist ebenso blind wie Murdock selbst, weshalb er des Nachts kostümiert den Verbrechen in seinem Viertel nachgeht, um die zur Strecke zu bringen, die das Gesetz nicht erreicht.

Eine Renaissance erfuhr Daredevil als sich 1979 der 24-jährige Frank Miller an der Figur versuchte. Er war es, der den Kingpin als Antagonisten aus dem Spider-Man-Universum entlieh und zudem in seiner ersten Tätigkeit als Autor (er war zuvor bereits an einigen Ausgaben als Zeichner beteiligt) Murdocks große Liebe, Elektra Natchios, einführte. Zugleich bescherte er der Serie einen lockeren Humor, der bisweilen die Vierte Wand durchbrach. “Exit Matt Murdock, attorney-at-law – enter Daredevil, man without fear, bane of the underworld, champion of the oppressed – and so on”, scherzt da sein maskierter Held – der sich Anfangs jeder Ausgabe stets nochmals kurz vorstellt – zum Beispiel in Daredevil goes berserk (#173). “I don’t care how many cop shows you’ve seen it on. You can’t tell if somebody is following you”, wendet sich Auftragskiller Bullseye in Last Hand (#181) ans lesende Publikum, als er selbst im Taxi gerade jemanden verfolgt.

Ohnehin ist Daredevil ein besonderer Superheld – schon allein, weil er nicht wirklich ein Superheld ist. Speziell sein Moralbewusstsein fällt auf, tötet Daredevil doch nie. Nicht einmal seine Nemesis Bullseye – was mehrmals zu Reueempfindungen führt, wenn dieser anschließend Zivilisten ermordet. “The moment one man takes another man’s life in his own hands, he is rejecting the law -- (…) But I’m not God -- I’m not the law -- and I’m not a murderer”, erklärt Daredevil in Devils (#169). Dies unterscheidet ihn von zwiegespaltenen Helden wie Batman oder Wolverine, deren Weste nicht unbedingt rein ist. Und wenn man Daredevil schlägt, trifft man ihn auch. Er blutet und leidet und verfügt nicht über abnormale oder regenerierende Kräfte. Murdocks Echolot ist somit letztlich nicht unbedingt eine Gabe, sondern nur Ersatz für den Verlust seiner Augen. Was ihn schon mal menschlicher als andere Marvel-Helden macht.

Das Budget des Films bewegt sich auf X-Men-Niveau, während Spider-Man und Hulk (ebenfalls von 2003) fast das doppelte Budget erhielten. Hier zeigt sich der Stellenwert der Figur innerhalb der Comic-Welt, entsprechend wirken gerade die Spezialeffekte im Film ziemlich unsauber. Johnson erklärt es im Audiokommentar damit, dass eben zu wenig Geld zur Verfügung stand, was sich gerade im Orgel-Kampf zwischen Daredevil (Ben Affleck) und Bullseye (Colin Farrell) zeigt. Dennoch lag es nicht an den Effekten, dass der Film trotz 100 Millionen Dollar Gewinn floppte. Aus Pacinggründen forderte das Studio, dass Johnson eine Nebenhandlung und die Gewalt trimmte. “Too much punching and kicking”, rezitiert Johnson lakonisch im Audiokommentar. Die fertige Fassung konnte dann PG 13-gerecht an die Kinos geliefert werden. Ein Modus operandus, den Marvel auch bei Iron Man und The Incredible Hulk anwandte.

Umso erfreulicher, dass Johnson die Chance gegeben wurde, sich mit seinem Director’s Cut zu rehabilitieren. “It’s a different movie”, erklärt der Regisseur gleich zu Beginn und fasst die um 30 Minuten erweiterte Fassung als “the story-version of the story” zusammen. Und wie in vielen Fällen steht diese dem Film gut zu Gesicht, was nicht kaschieren soll, dass Daredevil weiterhin über Mängel verfügt. Generell problematisch ist die Tatsache, dass der Film einfach zu over-styled ist. Dies merkt man besonders an der musikalischen Untermalung, die jedes Mal, wenn sie den instrumentalen Score verlässt, durch ihren Pop-Faktor unpassend wirkt. Lediglich Evanescences „My Immortal“ gefällt, während die restlichen Tracks eher abstoßend wirken. Im Grunde sind alle Annäherungen an die Sehgewohnheiten der Zuschauer etwas misslungen, selbst wenn Johnson sie bisweilen durch nette Referenzen geschickt zu überspielen weiß.

Der Film beginnt mit der Geburt des Helden und folgt hier weitestgehend der Vorlage. Ein Vertrauensbruch zwischen Vater (David Keith) und Sohn (Scott Terra) führt zum tragischen Unfall und die veränderte Moral von Jack Murdock schließlich zu seinem Tod. Diesen verbindet Johnson in Batman-Manier im Finale mit Kingpin (Michael Clarke Duncan). Der Wendung, dass der Antagonist für den Vater-Tod verantwortlich ist, musste man bereits bei Burton kritisch gegenüberstehen. Umso erstaunlicher, wie gerne dieser Kniff in Comicverfilmungen Verwendung findet, so auch in Rob Bowmans Adaption von Elektra. Anschließend springt die Geschichte in die Gegenwart und stellt sich der problematischsten Änderung zum Comic. Murdock und Partner Foggy (Jon Favreau) sind nicht im Stande, den angeklagten Triebtäter Quesada dem Recht zu überführen.

Dies obliegt also Daredevil und was folgt, ist eine schöne Reminiszenz an Devils, wenn Daredevil Quesada in die U-Bahn-Station verfolgt, wo er sein Echolot nicht zum eigenen Vorteil nutzen kann. Problematisch wird es, als der Mann ohne Angst Quesada auf die Gleise stürzen und dort liegen lässt, während ein Zug einfährt. Selbst wenn Daredevil aus Selbstverteidigung reagiert, verkommt die Szene letztlich zu vorsätzlichem Mord – wie Produzent Avi Arad zurecht im Audiokommentar anmerkt. “It was the right thing to happen. But it shouldn’t have been a choice”, fasst er das Dilemma zusammen. Was Johnson nun so sympathisch macht, ist sein Bewusstsein für diese Problematik. Für ihn stellt diese Szene den Beginn einer Katharsis dar, die mit der Verschonung von Kingpin im Finale abgeschlossen wird. “I’m still trying to convince myself”, gesteht Johnson, wenn er erklärt, es war das Richtige für den Film, aber nicht für die Figur.

Nicht weniger prekär ist jedoch auch die Szene zwischen Bullseye und Daredevil, als Ersterer gehandicapt um Gnade bettelt (“Show mercy”) und anschließend von Daredevil aus dem Fenster geschmissen wird. Zwar handelt es sich auch hier um ein (indirektes) Zitat aus Last Hand, doch ging dem im Comic eine längere Vorgeschichte voraus. Verzeihlich ist da, das die erste halbe Stunde durch ihre vielen Referenzen gefällt, zum Beispiel wenn Quesada nach Joe Quesada, ehemals Autor für Daredevil und inzwischen Chefredakteur des Marvel-Verlags, benannt wurde. Oder wenn Murdock auf seinem Anrufbeantworter die Abschiedsworte von Heather, seiner Langzeitfreundin, hört. Ähnliche Verweise werden später eingebaut, wenn einer von Murdocks Klienten „Mr. Lee“ heißt, Frank Miller persönlich einen Cameo als Opfer von Bullseye hat oder Kevin Smith – ebenfalls Autor einer Daredevil-Reihe – als Pathologe glänzt.

An dieser Stelle tritt mit dem Mord an Lisa Tazio nun erstmals deutlich der Director’s Cut in Aktion. Und mit ihm auch die Nebenrolle von Coolio als Tatverdächtiger Dante Jackson. Seine Referierung von Turk (einer Figur der Comics) weiß sehr zu gefallen und Tazios Fall dient wiederum hauptsächlich dazu, im Finale Wilson Fisk als Kingpin zu überführen. Zudem bieten die zusätzlichen Szenen mehr Raum für Favreau als Foggy Nelson, der in einer weiteren Referenz an Gantlet (#175) den Fall letztlich auch ohne die Hilfe Murdocks für sich zu entscheiden weiß. Die zusätzlichen Szenen bieten etwas comic relief, der größtenteils durch Favreau transportiert wird, wie auch dessen Alligator-Anekdote erneut ein Querverweis zu einer Daredevil-Ausgabe, in diesem Fall The Damned (#180), ist. Ansonsten bietet der Director’s Cut ausführlichere Einblicke, so auch in die Beziehung zwischen Murdock und Elektra (Jennifer Garner).

Ist ihre erste Begegnung, etwas infantil Elektra (#168) entlehnt, verliert sich Johnson aber in überbordenden Humor, wenn sich beide Figuren auf einem Schulhof eine Prügelei liefern. Gelungen ist die Abwandlung der Regen-Szene, die im Gegensatz zur Kinoversion nicht mit dem Beischlaf beider Figuren endet, sondern im Gegenteil Matt die Romanze hinter seine Pflichten als Daredevil zurückstellt. Johnson verleiht ihrer Beziehung weitaus tragischere Konturen. Es sind zwei Menschen, die sich brauchen und verdienen, aber aufgrund ihrer Umstände nicht zusammen sein können, weil Matt alles hinter Daredevil zurückstellt und der Verlust ihres Vaters Elektra zur Abwendung von der Gesellschaft führt. Mit den neuen Szenen wirken alle Begegnungen zwischen beiden sehr viel harmonischer, romantischer und glaubwürdiger. Da weiß selbst die Abwandlung von Natchios’ Mord nicht zu stören, da sie glaubwürdig inszeniert wird.

Von allen Figuren macht Bullseye wohl die größte Wandlung durch. In Daredevil verkommt er zu einem irischen Punk, dessen Gesichtszüge oft schizophrene Ausmaße annehmen. Die Tatsache, dass Bullseye ohne Kostüm auftritt, wird von Johnson auch in bester Singer-Manier selbst referiert. “I want a fucking costume”, fordert Bullseye nach seiner ersten Begegnung mit Daredevil von Kingpin. Dessen angeordnetes Attentat auf Natchios ist auch einer der Höhepunkte des Films. Zwar weiß weder Daredevils Kampf gegen Elektra sonderlich zu überzeugen, noch Elektras Auseinandersetzung mit Bullseye, doch dieser erste von drei Finalkämpfen überzeugt allein durch seine Vorlagentreue. Praktisch Panel für Panel übernimmt Johnson hier Elektras Tod aus Last Hand, der in der erweiterten Fassung des Films – wie auch später der Kampf zwischen Daredevil und Kingpin – sehr viel runder daherkommt als noch in der Kinofassung.

Dagegen wirkt der Kampf in der Kirche zwischen Daredevil und Bullseye etwas schwach, hier ist es eher eine Referenz an Gangwar (#172), die den Moment zu retten weiß. Letztlich ist Bullseye nichts mehr,als der letzte Gegner vor dem Endboss, der sich in etwas platter Form (“I was raised in the Bronx.”) dem finalen Kampf stellt, der selbst in der erweiterten Fassung recht kurz geraten ist. Hier bringt Johnson nun die Katharsis zu Ende, die als solche für die Erzählung der Geschichte nicht unbedingt von Nöten war. Alle gewalttätigen Begegnungen sind eher enttäuschend geraten, doch ist dies kein Problem, dem sich allein Daredevil ausgesetzt sieht. Auch seine Vorgänger X-Men, Spider-Man und Hulk wussten in ihren Kampfinszenierungen nicht unbedingt zu glänzen (am ehesten noch Spider-Man). Man ist jedoch dankbar für die ausführlicheren Einstellungen, die im Vergleich zur Kinofassung mehr zur jeweiligen Szene beitragen.

Der Director’s Cut besticht durch seine Handlungsstringenz, die auch in den Ermittlungen von Ben Urich (Joe Pantoliano) zum Tragen kommt. Hier weicht Johnson seltsamerweise ab, wenn er entgegen der zahlreichen anderen Referenzen Urich als Reporter der New York Post darstellt. Diese ersetzt ohnehin den Daily Bugle, was hinsichtlich der cross reference zu Spider-Man ein kleines Sahnebonbon gewesen wäre. In vielen Bereichen macht Johnson nahezu alles richtig. Die Romanze zwischen Murdock und Elektra ist schön herausgearbeitet, ebenso wie der Mord an Natchios und die daraus resultierenden Umstände. Wenig überzeugen will dagegen so manche Charakterausarbeitung, muss doch gerade Wilson Fisk/Kingpin zurückstecken, aber auch Bullseye wirkt etwas verschenkt. Beides wäre vermeidbar gewsen, hätte man beispielsweise ein Crossover aus The Assassination of Matt Murdock, Gangwar und Last Hand gewählt.

Insgesamt geht die Besetzung in Ordnung. Ben Affleck macht seine Sache weitestgehend gut. Er ist nicht ganz so charismatisch wie Millers Murdock, weiß jedoch ebenso wie Favreau als Foggy seine Funktion zu erfüllen. Jennifer Garner spielt die Elektra etwas zu weiblich, wobei auch hier berücksichtigt werden muss, dass Johnsons Elektra noch nicht ihren Reifeprozess durchschritten hat. Colin Farrell als Bullseye ist ein kleiner Höhepunkt für sich, verdankt dies allerdings auch dem Potential der Figur. Eine kleine Enttäuschung ist dagegen Michael Clarke Duncan als Kingpin, selbst wenn die Entscheidung, die Rolle mit einem Afroamerikaner zu besetzen, löblich war. Aber natürlich leidet Duncan unter der geringen Präsenz seiner Figur. Ingesamt ist Daredevil im Director’s Cut jedoch eine gute Comicverfilmung, die zwar so ihre Fehler hat, dafür aber besonders durch ihre Vorlagentreue und Referenzen zur Materie gefällt.

7/10