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6. Juni 2011

X-Men: First Class

Go fuck yourself.

Im Kontext der Geschichte war 1962 das Jahr der Kuba-Krise, die die Welt an den Rand des Abgrunds brachte und kurz hinunter schielen ließ. Aber auch das Jahr der US-Bürgerrechte, wurde James Meredith doch am 1. Oktober der erste schwarze Student im Bundesstaat Mississippi, was dort zu Ausschreitungen und zwei Toten führte. Welche Periode als die Sechziger eignete sich also besser in ihrer Zweideutigkeit, um als Bühne für die X-Men-Reihe zu dienen? Schließlich standen die in der Gesellschaft diskriminierten Mutanten dort nicht nur aber auch für die Jahrhunderte lang unterdrückte Minderheit der Afroamerikaner. Umso überraschender daher, dass Matthew Vaughns X-Men: First Class die Bürgerrechtsfrage vollständig negiert.

Stattdessen versucht sich der Film als Charakterexposition für zwei seiner profiliertesten Figuren: Professor X (James McAvoy) und Magneto (Michael Fassbender). Die Freunde und späteren Gegner aus der X-Men-Trilogie werden hier zusammengeführt, aber ohne deswegen gleich zum Kanon zu gehören. Was nicht bedeutet, dass man sich nicht bei diesem bedienen kann. So übernimmt Vaughn das Intro aus X-Men, um seinem eigentlichen Hauptdarsteller seine spätere Motivation zu verleihen. Als Opfer emotionaler Folter trifft der junge Erik Lehnsherr auf einen maliziösen Kevin Bacon, der versucht Deutsch zu sprechen, ohne sich zu verschlucken. Es fallen Schüsse, es sterben Menschen und die Welt ist um einen Größenwahnsinnigen reicher.

Dies führt zum späteren Antrieb von Magneto: Rache und Vergeltung. Über die Schweiz und Argentinien foltert er sich nach Florida, wo er auf die anderen Figuren trifft. Zum Beispiel Moira MacTaggert (Rose Byrne), die von einer schottischen Genetikerin zur Strapse tragenden CIA-Agentin mutiert (nicht buchstäblich). Aber auch Charles Xavier, ein saufender Schürzenjäger, der von Klein auf mit Mystique (Jennifer Lawrence) aufgewachsen ist. Die beiden streben nun danach, den Sebastian Shaws (Kevin Bacon) Hellfire Club aufzuhalten. Was das eigentlich ist, warum Professor X und Mystique zusammen aufwuchsen und wieso CIA-Agentinnen auf Missionen ein kleines Schwarzes drunter tragen, hat das Publikum nicht zu interessieren.

Oder anders gesagt: der Film interessiert sich nicht dafür. Weder für die kleinen Details seiner arg konstruierten Handlung (der Hellfire Club plant den nuklearen Holocaust, weil dann alle Menschen sterben und nur die Mutanten überleben), noch für deren Struktur oder für seine Figuren. Über Professor X erfährt man abgesehen von der Sandkasten-Freundschaft zu Mystique lediglich, dass er stinkreich ist und ihm seine Mama früher keinen Kakao gemacht hat. Des Weiteren ist er für den restlichen Filmverlauf eine gehende Version der Patrick-Stewart-Figur und erhält zwar mehr Leinwandzeit, aber deswegen nicht mehr Charaktertiefe als die übrigen Figuren wie Mystique, Beast, Havok, Banshee, Angel, Riptide, Emma Frost und Konsorten.

Sie alle sind austauschbare Gesichter, deren Auswahl durch Xavier und Lehnsherr man nicht wirklich nachvollzieht. Ein willkürliches Ensemble, da sie für die Erzählung der Geschichte unerheblich sind. Ihre Kräfte sind dabei unterschiedlich von Belang, von geht so (Beast) bis gar nicht (Mystique). Speziell die von Jennifer Lawrence porträtierte Gestaltwandlerin geht völlig unter, was umso bedauerlicher ist, da sie abgesehen von Jason Flemyngs Azazel die einzige (!) Figur repräsentiert, deren Mutation für das bloße Auge sichtbar ist. Und selbst dieses wahre Äußere wird die meiste Zeit über unterdrückt, was sicher auch mit der Maske zu tun hat und allein deswegen dankbar ist, da diese im Vergleich zur Trilogie unfassbar hässlich gerät.

Ein nicht minder großes Ärgernis ist die ADHS-Handlung, die während der ersten 90 Minuten keine fünf am Stück an ein und demselben Ort mit ein und denselben Charakteren verbringen kann. Man fragt sich, warum Vaughn nicht die exorbitante Zahl der langweiligen Figuren reduziert und sich auf zwei bis drei eindringlicher konzentriert hat. Statt dem lahmen Alex Summers (Lucas Till) zum Beispiel dessen Bruder Scott a.k.a. Cyclops (beide verfügen ohnehin über dieselbe Kraft), dazu eine junge Jean Grey und notfalls noch Beast. Man hätte mehr Zeit für weniger Figuren und könnte seine Handlung für 10, 15 Minuten an einem Ort entfalten, ohne dauernd von London nach Argentinien nach Moskau und Las Vegas zu hopsen.

Selbst die zum Ziel gesetzte Entfaltung der Freundschaft von Charles und Erik misslingt, da Vaughn sich ihr mit derselben Aufmerksamkeit widmet wie den übrigen Mutanten. Warum hier eine Freundschaft entsteht, die auch noch in 60 Jahren existiert – berücksichtigt man den semi-kanon-artigen Charakter von X-Men: First Class mit der X-Men-Trilogie – bleibt unklar, hat die Freundschaft doch kaum Raum zur Entfaltung. Letztlich gelang Vaughn ein Film über irgendwie nichts, taugt die Geschichte doch weder über eine divergierende Freundschaft, noch über gesellschaftlichen Rassismus und Diskriminierung. Allenfalls als Analogie auf den Kalten Krieg mit Mutanten als kleinsten gemeinsamen Nenner für Kapitalisten und Kommunisten.

Hinzu kommt ein leicht missratener Look, speziell in der Gestaltung der Mutanten. Dass es die 68 Personen aus dem Make-Up-Department nicht schafften, insbesondere Mystique, aber auch Azazel und Beast ansehnlich umzusetzen, ist erstaunlich und bedauerlich. Auch die visuellen Effekte variieren, von peinlich berührend in der ersten Zurschaustellung der Kräfte von Erik bis solide (mit Abstrichen das Finale). Erfreulich ist dagegen, dass das Endprodukt nicht mit nutzlosem und fehlerhaftem 3D-Effekt in den Kinos startet, wie es heutzutage gang und gäbe ist. Dies könnte jedoch auch damit zusammenhängen, dass es zeitlich einfach nicht mehr für eine Konvertierung gereicht hat. Was bei den unumgänglichen Fortsetzungen anders sein dürfte.

Doch was ist gut an X-Men: First Class oder zumindest besser als an X-Men: The Last Stand und/oder X-Men Origins: Wolverine? Zum einen gibt Kevin Bacon – vom Finale abgesehen – einen gelungenen, charismatischen Antagonisten, der in gewisser Weise tatsächlich eine Bedrohung für die Mutanten und die normale Bevölkerung darstellt. Zum anderen trumpft der Film gelegentlich mit charmanten Ideen auf, seien es Cameos von Figuren und Darstellern aus früheren X-Men-Abenteuern oder etwaige Einbindungen der Mutantenkräfte, die besonders gut in Fassbenders ersten Szenen zum Tragen kommen. Auch das Ensemble schlägt sich wacker, von Bacon über Fassbender bis hin zu den Jungdarstellern der blassen Nebenrollen.

Am Ende reicht das nicht, um die wenig inspirierte und ausgearbeitete Geschichte im Slideshow-Format inklusive unbeachteter Figuren zu überdecken. Dass dann im Abspann Musik von Take That runtergedudelt wird, ist der negative Höhepunkt. Somit setzt Matthew Vaughn, der einst den Trilogie-Abschluss inszenieren sollte (was er sich dann aber nicht zutraute), seine abfallende Karriere seit dem starken Layer Cake bis hin zum mauen Kick-Ass fort. Ein Schicksal, das Bryan Singer, der seiner Zeit Superman Returns den Vorzug gab und hier als ausführender Produzent zurückkehrte, ebenso blüht, wie der gesamten Reihe. Denn auf X-Men: First Class lässt sich ein Zitat aus dem Film münzen: Es ist schlimmer als wir dachten.

4.5/10

11. Februar 2009

Frost/Nixon

It’s like Paris without the French.

Ron Howard ist ja so ein Fall für sich. Ich mag Parenthood und The Paper (hauptsächlich wegen Keaton), ohne zugleich sagen zu wollen, dass sie gut sind. Bei How the Grinch Stole Christmas ist es eher so, dass ich aufgrund der Tatsache, dass ich Dr. Seuss Charakter vorher nicht kannte, Howards Arbeit schlecht einschätzen kann, obschon ich auch diesen Film mag. Über seine restlichen Filme – allen voran The Da Vinci Code – hülle ich lieber den Deckmantel des Schweigens. Was ich lustig finde, wo ich grad IMDb offen hab, ist, dass der gute Mr. Howard vor Frost/Nixon erst zweimal für einen Academy Award nominiert war (mit A Beautiful Mind). Dabei hatte ich eigentlich das Gefühl, dass das Ginger Kid so ein Kandidat ist, denn die depperte Academy jedes gefühlte zweite Jahr nominiert. So kann man sich irren.

Seinen neuesten Film findet jeder toll. So im Querschnitt pauschalisier ich jetzt mal und sag, dass er als 9/10 gehandelt wird. Und wenn ich so was hör, bin ich immer sehr skeptisch und meistens auch (siehe The Wrestler) auch zu Recht. Howard adaptiert Peter Morgans gleichnamiges Bühnenstück von 2006, welches wiederum die Ereignisse des Jahres 1977 adaptiert, in welchem der britische TV-Moderator David Frost in einem Fernsehinterview ein Quasi-Geständnis vom ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon bezüglich der Watergate-Affäre entlocken konnte. Das bedeutsamste Fernsehinterview in der Geschichte, unken manche über jenes Ereignis, dessen Inhalt sich mir selbst nicht sonderlich erschließen will. Dass Nixon etwas zugibt, von dem eh jeder weiß, dass er es getan hat, revolutioniert nun mal nicht mein Weltbild.

Frost/Nixon beginnt mit dem Rücktritt des 37. amerikanischen Präsidenten Richard Nixon (Frank Langella), verfolgt vom britischen Fernsehmoderator David Frost (Michael Sheen). Letzterer lässt sich die Quoten für Nixons Abschiedsrede geben und spürt, dass ein Interview mit dem großen Mann ein Hit werden könnte. Doch selbstverständlich will Tricky Dick nicht unbedingt über Watergate reden. Frost fragt also an und blitzt zuerst ab. Allerdings sind eine halbe Million Dollar immer noch eine halbe Million Dollar und in Anbetracht der Tatsache, dass Entertainer Frost nicht wirklich als Bedrohung empfunden wird, sagt Nixon letztlich zu. Dumm nur, dass Frost das Interview nicht an den Mann bringen konnte und nun auf den Ausgaben sitzen bleibt, während er sich mit seiner Freundin (Rebecca Hall) vergnügt und seine Experten (Sam Rockwell, Oliver Platt) sowie sein Produzent (Matthew Macfadyen) in der Zwischenzeit die Interviewrunden vorbereiten.

Die meiste Zeit des Filmes über bestätigt sich das Bild, welches Nixon und seine Berater (u.a. Kevin Bacon) von Frost hatten. Er ist ein stümperhafter Journalist, der sich unvorbereitet in die Interviews stürzt und dabei auch prompt auf die Nase fliegt. Für Frost zählt nicht der Inhalt des Interviews, sondern seine Quote. Da diese sich jedoch erst dadurch definieren lässt, dass das Interview an den Mann gebracht wird, was wiederum auf seinem Inhalt basiert, ist es relativ unverständlich, weshalb Frost erst kurz vor knapp anfängt sich mit der Materie vertraut zu machen. Howard selbst schenkt dem Publikum hierzu keinen wirklichen Einblick, sondern fokussiert sich eher darauf die klassische Underdog-Story zu propagieren. Frost, von vielen belächelt, rafft sich auf und zeigt allen was eine Harke ist. Und weil die letzte Interviewrunde so gut lief, erklärt er, spielt der Dilettantismus in den übrigen drei keine Rolle. Eine komische Einstellung, aber scheinbar hat sie funktioniert, wie die Rezeption in der Geschichte zeigt.

Historisch genau scheint die Portraitierung von Nixon nicht immer zu sein, wie einige seiner Biographen bemerkten. Aber es geht auch weniger um historical correctness, sondern darum eine Art Mediendrama zu inszenieren. Der Versuch von Howard, dem ganzen einen dokumentarischen Touch zu geben, misslingt dabei. Selbstverständlich wirken die gespielten Interviews der Beteiligten, welche die Ereignisse reflektieren, mehr als gestelzt. Sowieso eignet sich die Thematik des Filmes besser für einen Dokumentarfilm oder einen Essay, denn einen Abendfüllenden Spielfilm. Zu belanglos ist das Gesehene und zu uninteressant die Verpackung. Das bisweilen auftauchende Getue auf Thriller ist da nur die Spitze des Eisberges.

Getragen wird Frost/Nixon, der Titel sagt es schon, von den beiden historischen Persönlichkeiten Frost und Nixon. Sheen wiederum gibt den dauergrinsenden Stümper auch recht überzeugend und Langella wirkt zwar nicht unbedingt wie Nixon, aber spielt nichtsdestotrotz intensiv. Die belanglosen Nebenfiguren wie Bacon, Hall, Rockwell und Co. fallen nicht weiter auf, müssen sie ja aber auch nicht. Insgesamt betrachtet zählt der Film also innerhalb von Howards Biographie zu seinen besseren (oder wenn man will: guten) Werken. Allerdings hätte es hinsichtlich der Thematik nicht wirklich eines zweistündigen Kinofilmes bedurft, eine zweiseitige Retrospektive in einem größeren Magazin hätte denselben Effekt erzielen können. Oder die Sichtung des Originalinterviews. Wobei, da ist ja nur ein Teil interessant. Und der wiederum nicht unbedingt informativ. Somit dürfte Frost/Nixon ein Film sein, der keinem wirklich wehtut. Wo der Hype herkommt, frag ich mich trotzdem.

7/10

11. November 2007

Mystic River

Things lookin’ any better on the Sprite?

Drei Jungen spielen Straßenhockey, da verschlägt Dave den Ball und er rollt in einen Gulli hinunter – das Spiel der drei ist beendet. Jimmy schlägt vor ein Auto zu knacken und es um den Block zu fahren, Sean ist jedoch dagegen. Stattdessen wollen die drei ihre Namen in frischen Zement schreiben, werden aber durch das Eintreffen zweier Zivilpolizisten dabei unterbrochen. Der Polizist fragt wo die Jungs wohnen, Dave ist der einzige, der nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt. Seine Autorität ausnutzend zwingt der Polizist Dave auf seine Rückbank, Jimmy und Sean schauen zu wie ihr Freund Dave eskortiert wird. In kurzen Schnitten wird nun offenbart, dass es sich nicht um Polizisten, sondern Pädophile gehandelt hat, welche Dave in einem Keller missbrauchten, ehe es im gelang zu fliehen. Mehrere Jahre später sieht man nunmehr einen sichtlich verstörten Dave (Tim Robbins) mit seinem Sohn an ebenjener Strasse vorbeilaufen, an der eins seine eigene Jugend zerstört wurde. Dave ist mit Celeste (Marcia Gay Harden) verheiratet, einer Cousine von Annabeth (Laura Linney), der Frau von Jimmy (Sean Penn). Dieser ist seiner kriminellen Natur anheim gefallen, beweist sich jedoch als liebevoller Vater seiner drei Töchter. Als seine älteste eines Nachts ermordet wird tritt Sean (Kevin Bacon), nunmehr Kriminalbeamter im Staatsdienst, auf und muss gemeinsam mit seinem Partner Whitey (Laurence Fishburne) Dave als Tatverdächtigen untersuchen.

Die Geschichte von Mystic River basiert auf einem Roman von Dennis Lehane und wurde für die Kinoleinwand von dem Oscarpreisträger Brian Helgeland (L.A. Confidential) adaptiert. Im Jahr 2003 wurde Clint Eastwoods Film für sechs Oscar nominiert, neben dem besten Film, dem besten adaptierten Drehbuch, der besten Nebendarstellerin (Marcia Gay Harden) und der besten Regie konnte er in den Kategorien bester Haupt- (Penn) und Nebendarsteller (Robbins) auch zwei Preise entgegennehmen. Mit einem tollen und perfekt aufspielenden Schauspielerensemble erzählt Eastwood seine Geschichte über Rache und Sühne in den Arbeitervierteln von Boston vor allem durch die Verwendung von Kamerakränen. In fast jeder Szene verwendet er eine solche Kamerafahrt, am liebsten für die Übergänge zwischen den Szenen. Zwar nett anzusehen, jedoch ziemlich überflüssig. Seinen eigenen Angaben nach wusste Eastwood sofort als er das Buch von Lehane (dessen weiterer Roman Gone Baby Gone dieses Jahr von Ben Affleck inszeniert worden ist) gelesen hatte, dass dies sein nächster Regiestoff werden sollte und konnte hierfür viele Stars bis in die Nebenrollen (Emmy Rossum, Eli Wallach) gewinnen. Mit seiner Einleitung schafft der Film ein Paradebeispiel für einen Vorfall, welcher selbst Autor Lehane widerfahren ist: Kinder, steigt nicht zu fremden Männern ins Auto! Nur weil sich jemand als Polizist ausgibt, heißt dies nicht, dass er einer ist. Und wie Jimmy und Sean dem Auto hinterher blicken, offenbart dies ihre zukünftige Einstellung und Karriere. Jimmy, der designierte Autoknacker, scheint sein Vertrauen in das Gesetz verloren zu haben und nun nach seinen eigenen Richtlinien zu leben, während Sean den Polizeiberuf wählte, um gerade solches Unrecht nicht mehr auftreten zu lassen. Dave dagegen lebt gefangen in seiner eigenen Welt voller Angst.

An zwei Abenden sollen sich die Schicksale aller Charaktere treffen und das Leben von allen verändern. Jimmys Tochter will mit ihrem Freund nach Las Vegas ausbüchsen und feiert ein letztes Mal mit ihren Freundinnen, kommt danach jedoch nicht mehr lebend nach Hause. Am selben Abend hat Dave sie noch gesehen und kehrte anschließend verletzt und blutüberströmt nach Hause, erklärt seiner Frau jedoch, dass er einem Überfall entkommen ist. Jimmy, von Schmerz verzerrt, will das Gesetz in die eigenen Hände nehmen und beordert seine Jungs nach Beweismaterial zu suchen. Auch Sean und sein Partner Whitey untersuchen den Fall, möglichst bevor Jimmy etwas Dummes tun kann. Während Sean den Freund der Toten verdächtigt, hat Whitey sein Augenmerk auf Dave gerichtet, auch Celeste hegt allmählich Verdachtsmomente gegen ihren Mann und so nimmt die Geschichte langsam einen dunklen Verlauf, hinüber ins Misstrauen. Dass alle drei Freunde hierbei im Laufe des Filmes von sich behaupten, nicht miteinander befreundet zu sein, spricht für ebenjenen Tag, an welchem nicht nur Daves Unschuld, sondern die Unschuld aller drei geraubt wurde und die Bande zwischen ihnen zerstört hat.

Daves Schicksal wird schließlich zweimal in einander gegenübergestellten Szenen bestimmt, denn zweimal steigt er zu zwei Männern ins Auto ein, die ihm nichts Gutes wollen. Verraten und verkauft ist Dave, dessen wahres Ich damals in Keller gestorben zu sein scheint. Keiner will ihm glauben, manches spricht gegen ihn, z. B. Blut in seinem Kofferraum. Seltsam ist jedoch, dass die forensische Abteilung keine DNA-Untersuchung an dem Blut vornehmen kann, um festzustellen, ob es sich tatsächlich um Katies (Emmy Rossum) Blut handelt. Dies hätte Dave mit Sicherheit entlastet, auf diese Idee kommt jedoch keine der Figuren. Die Tatwaffe wird gefunden und zu einem gewissen Ray Harris zugeordnet, ebenjener Ray Harris, der Jimmy einst verraten und danach scheinbar seine Familie, seinen Sohn Brandon, verlassen hat, welcher nun mit Katie zusammen war. Auch dieses Indiz bleibt ohne wirkliche Berücksichtigung. Genauso wie der Notruf am Tatabend, den sich die ermittelnden Polizisten erst Tage später anhören! Schlampiger kann man wohl nicht arbeiten und allgemein plätschert die Geschichte nur so vor sich hin, dreht sich im Kreis, macht keinen Sinn und stagniert. Hier hat man Dave als Tatverdächtigen, mit Blut im Kofferraum, welches man jedoch nicht untersuchen will. Die Tatwaffe wird mit jemanden aus Jimmys Vergangenheit in Verbindung gebracht – Pustekuchen, warum groß ermitteln. Dehane schreibt seine Geschichte so, dass kein anderer Ausweg übrig bleibt, als der, welchen er schließlich in seiner Geschichte offeriert. Dabei ignoriert er alle logischen Lösungen für das von ihm gestellte Problem.

So gut die Schauspieler und Schauspielerinnen auch spielen, das Ambiente, die Optik stimmt – so sehr hadert Mystic River mit seiner inkonsequenten und schlechten Handlung. Die Charaktere verhalten sich unnatürlich, sehen nur dass, was sie sehen wollen und lassen ins Auge fallendes Beweismaterial einfach außer Acht. Dave wird dabei als klassisches Sexualopfer inszeniert und ist damit für Whitey schon im Vorfeld vorverurteilt. Die finale Auflösung ist dabei in ihrer Aussage nicht nur absolut unwahrscheinlich, da sich alles auf die reinsten Zufälle – oder absurdes Schicksal – beruft, sondern auch vollkommen profan, billig, armselig. Wie die Figuren am Ende nicht nur mit dem Verlauf der Handlung, sondern auch mit sich selbst umgehen, ist logische Konsequenz aus den ganzen anderen unlogischen Handlungen durch den Film hinweg. Nach dem Motto „nach mir die Sinflut“ widmet sich alles wieder den alten Gepflogenheiten, auf ebenjener Strasse, in der einst ihre Freundschaft und ihre Kindheit jäh beendet wurden. Mystic River will vieles sein, was er nicht ist, spannend, gewichtig – was am Ende bleibt, ist ein technisch gut gemachter, sehr gut gespielter, durchschnittlicher und überbewerteter Krimi, mit einer äußerst schwachen Story und Nebenhandlungen (Seans Frau), die irrelevant für die Handlung und langweilig sind. Das beste am Film sind in der Tat die Darstellungen von Penn und Robbins – der Rest ist Schweigen.

5.5/10

10. September 2007

Death Sentence

Go with God, and a bag full of guns.

Eigentlich müsste man ja sagen, dass ich Glück gehabt habe, dass unter dem Thema “Spannung” in meiner Sneak nicht The Lookout, Disturbia oder Premonition lief, welche ich alle drei bereits auf US-DVD begutachten konnte. Ob es tatsächlich Glück war ist nach dem Kinobesuch jedoch wieder diskussionswürdig. Autor Brian Garfield schrieb 1972 einen Roman, welcher zwei Jahre später mit Charles Bronson unter dem Titel Death Wish (Ein Mann sieht rot) in die Kinos kam und als Selbstjustizthriller anzusehen ist. Dabei war dieser ein großer Erfolg und zog noch vier Fortsetzungen bis Anfang der 90er nach sich. Drei Jahre nach besagtem Roman schrieb Garfield 1975 eine Fortsetzung, Death Sentence, welcher logischerweise erneut ein Selbstjustizthriller ist und jetzt in den Kinos startet. Regie hierbei führte James Wan, der sich mit Saw für den Dominostein des Gewaltpornokinos verantwortlich zeigen darf.

Dabei hat Wan’s Film - welchen Garfield übrigens für einen „erstaunlich guten Film hält“ - mit Garfield’s Roman überhaupt nichts zu tun (was dessen Haltung und Zitat zum Film noch unverständlicher macht), den letzterer war wie oben erwähnt eine Fortsetzung zu dem drei Jahre zuvor geschriebenen Death Wish. Im Prinzip ist Death Sentence also eine Interpretation von Death Wish, die den Namen von Death Sentence trägt (was evtl. an den Filmrechten liegen kann, die Paramount gehören). Die Hauptrolle wurde mit Charakterkopf Kevin Bacon besetzt, in Nebenrollen sind John Goodman und Aisha Tyler, sowie Matt O’Leary zu bewundern. Die Frau von John Travolta spielt auch mit (das dürfte den meisten Leuten mehr sagen, als wenn ich Kelly Preston schriebe, die selten Filme dreht und wenn, dann solche von der Qualität wie Death Sentence).

Nick Hume (Bacon) hat eine tolle Familie, eine tolle Frau (Mrs. Travolta) und zwei tolle Söhne. Dabei ist der eine Sohn, Brandon, noch toller als der andere Sohn, Lucas. Was ein tolles Leben (zu dem noch ein tolles Auto, ein tolles Haus und ein toller Job gehören)! Hier hat sich jeder dolle lieb und da wird auch jede Sekunde auf der Videokamera festgehalten. Hach, ist das schön…jedenfalls so lange bis Brandon während eines Tankstellenstops im Ghetto von einem Gangster ermordet wird. Nick kann den Täter zwar identifizieren, aber da dieser höchstens fünf Jahre bekommen würde, verweigert Nick vor Gericht die Aussage und nimmt das Gesetz in die eigenen Hände. Er kann den Täter, Joe Darling, zwar töten, hat dafür allerdings dessen Bruder und Gangführer Billy im Nacken, die dann schon mal am helllichten Tag wild rumballernd hinter Nick herhetzen. So hat sich der gute Nick mal eben schnell einen schönen Bandenkrieg ins Haus geholt - nur dass Nick eben keine Bande hat und folglich auf sich allein gestellt ist.

Einen schlechten Film erkennt man bereits in seiner Eröffnung und so wirkt Nicks Videoglück so übertrieben aufgesetzt und unglaubwürdig, dass es einen richtig anwidert. Wieso muss Wan Nick ein solch hohes Podest bilden? Damit der Zuschauer nachvollziehen kann, was sich im Verlauf abspielt? Um zu zeigen, was Nick alles verloren hat und damit rechtfertigt, welche Mittel er ergreift? Absolut unnötig und unglaubwürdig das ganze. Das gilt auch für den Rest der Eröffnung, wenn Nick das Benzin ausgeht und er im Ghetto an der einzigen Tankstelle in den USA ohne Videokamera hält (O-Ton Film). Da wird dann Brandon als Initiationsritus von einer Gang ermordet (mit subtiler und extrem makabrer Vorankündigung von Nick). Der Täter wird dann schließlich von einem Auto überfahren, kommt dann aber vor Gericht davon, da man ihn scheinbar nur drei Jahre hinter Gitter bringen könnte. Zur Erinnerung, hierzulande droht man Internetpiraten auch mal gerne fünf Jahre Zuchthaus an, im Zweifelsfall also lieber jemanden ermorden, bevor man sich beispielsweise Death Sentence aus dem Internet runterlädt.

Diese Reihe lässt sich noch beliebig fortsetzen, der Angriff auf Nick ist so ein Paradebeispiel. Da rennen Billy und seine acht Kumpels mit gezückten Pistolen auf Nick zu und feuern was das Zeug hält. Am helllichten Tag und auf offener Straße, vor gut zwanzig Zeugen. Und dennoch kann die Polizei nichts gegen die Kerle ausrichten? Wenn dem so ist, dann gut Nacht. Aber die Polizei, im Film denkbar schlecht verkörpert von Aisha Tyler, ist hier ohnehin so eine Nummer, wenn die ermittelnde Beamtin (Tyler) mit altklugen Muttersprüchen wie „Wer hat denn angefangen?“ und „Na, haben Sie jetzt genug?“ ankommt. Sollte die amerikanische Polizei in den USA auch nur ansatzweise so stümperhaft sein, wie sie hier im Film dargestellt ist, braucht man sich über den 11. September nicht wundern. Lächerlich das ganze, jede einzelne Figur ist unglaubwürdig und armselig gezeichnet, dabei macht von allen nur Nick eine Entwicklung durch, alle anderen Charaktere stagnieren.

Die Botschaft des Films ist dabei ziemlich eindeutig: beschütze was deins ist (Untertitel). Der Zweck heiligt hiermit die Mittel und bei so einer Polizei ist das nur verständlich, wenn Nick sein Konto auflöst um sich Waffen zu kaufen (wieder unterlegt mit einem subtil makabren Satz). Die Affinität der Amerikaner zu Waffen (siehe Nicks Scheune) wird dabei überdeutlich und wenn man will, dass etwas richtig gemacht wird, muss man es eben (immer noch) selber machen. Der Verlauf des Films zeichnet sich hier klar ab und eine wirkliche Handlung - geschweige denn richtige Dialoge - sind nicht vorhanden. Gesteigert wird das ganze noch von falsch platzierten, verwackelten Handkamerabildern, sinnlosen Einstellungen und Nahaufnahmen und beinahe jede Szene untermalt von der entsprechenden rockigen Musik. Dazu eine Traumsequenz, die am Ende keine Traumsequenz war und das dilettantische Highlight des Films darstellt. Ich könnte mich noch stundenlang über Details auslassen, will ich aber nicht und tue es deshalb auch nicht. Death Sentence ist vielleicht nicht der schlechteste Film des Jahres, ohne Frage ist er jedoch der dümmste von ihnen (bisher).

1.5/10