Posts mit dem Label Rebecca Hall werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rebecca Hall werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

30. Januar 2017

Christine

Yes, but...

Gleich zwei Filme befassten sich vergangenes Jahr mit dem Fernseh-Suizid der Reporterin Christine Chubbuck aus dem Jahr 1974. Während Robert Greene mit Kate Plays Christine eine avantgardistische Mockumentary-Annäherung wählte, folgt Antonio Campos’ Spielfilm-Drama Christine der klassischen Herangehensweise. Letztendlich versagen beide Werke jedoch darin, dem Mysterium hinter Chubbucks Selbsttötung während einer Live-Fernsehübertragung ein paar Antworten zu entlocken. Was genau die damals 29-jährige Journalistin aus Sarasota bewegte und in den Tod trieb, vermag Christine in seiner zweistündigen Laufzeit nicht wirklich auszuarbeiten. Dafür bewegt sich Campos’ Film die meiste Zeit viel zu sehr an der Oberfläche.

Christine Chubbuck soll von enormen Selbstzweifeln geplagt gewesen sein, sie war depressiv und hatte Probleme, sich sozial zu integrieren. Ihre Depressionen und Suizidgedanken kamen nicht von heute auf morgen, sondern waren ihrer Mutter bekannt, wie auch Chubbuck selbst seit jungen Jahren in psychotherapeutischer Behandlung war. Aspekte, für die sich Christine nicht allzu sehr interessiert, vielmehr manövriert sich Campos’ Film teils gefährlich in ein Fahrwasser, das versucht, den Suizid von Chubbuck mit dem verstärkten Sensationalismus im Fernsehjournalismus zu erklären. Was den Hintergründen für die tragische Entscheidung Chubbucks nicht nur nicht gerecht wird, sondern sie im Prinzip ohne gebührenden Respekt behandelt.

So sehen wir Christine Chubbuck (Rebecca Hall) zu Beginn als Reporterin, die von einem Interview mit Präsident Nixon träumt. Stattdessen schickt sie ihr Chef (Tracy Letts) zu einem Unfall, getreu dem Motto “if it bleeds, it leads”. Das eigene Nachrichtenprogramm kämpfe mit den Quoten, “we gotta lighten things up around here”. Christine dagegen will jedoch “issue orientated, character based pieces” produzieren – ihre Kollegen haben dies so oft gehört, sie sprechen es unisono mit ihr mit. Im Lauf der Wochen fügt sich Christine schließlich den neuen Wünschen ihres Sendeleiters. Auch, weil der Besitzer des Lokalsenders eine neue Nachrichtensendung in Baltimore plant und hierfür Moderatoren aus dem Sarasota-Sender sucht.

Christine lauscht nun nachts dem Polizeifunk, filmt Brandopfer und opfert ihre “positive think pieces” für “darker, juicier stories”. Alles für die Quote, alles für die Beförderung. Als dies alles nichts hilft, folgt dann eben der Ausweg zum Live-übertragenen Selbstmord. “In living color, you are going to see another first”, wie es Chubbuck 1974 selbst formulierte, ehe sie den Abzug drückte. Die Sensationsgier der Zuschauer, die “juicier stories” wollen und mit ihren Einschaltquoten Einfluss auf die journalistische Arbeit nehmen, wird so zum stillen Komplizen für Chubbucks Selbsttötung. Dass die 29-Jährige suizidal war, Wochen vorher bereits Selbstmordmethoden recherchierte, wird in Christine nicht thematisiert – und so letztlich negiert.

Was nicht heißt, es gibt keinen sozialen Einblick. Wir sehen Christines Besuche und Puppenspiele für Krankenhauskinder, wir erfahren von ihrer Schwärmerei für den Moderatoren-Kollegen George Peter Ryan (Michael C. Hall). Können uns ihren stillen Wunsch nach einer Beziehung denken und den Frust und Ärger verstehen, wenn ihre Mutter (J. Smith-Cameron), mit der sie zusammen lebt, einen Mann kennenlernt – während sie selbst Single ist. Aber selbst wenn George Peter Ryan mal Interesse an ihr zeigt, reagiert Christine abweisend-brüsk, ohne dass wir erfahren, wieso. Die Beziehung zu ihrer Umwelt und Kollegen (Maria Dizzia, Timothy Simons) bleibt unklar, noch sehr viel unklarer bleibt die Beziehung der Figur jedoch zu sich selbst.

Hinzu kommt, dass das Sensationalismus-Element selbst nicht wirklich fokussiert wird. Inwiefern das Programm boulevardesker gerät, welche Bestrebungen im Sinne der Quotenerhöhung erfolgen – der Film lässt den Zuschauer im Dunkeln. Bis auf Christines Bemühungen scheint sogar alles seinen bisherigen Verlauf zu nehmen, was es umso unverständlicher macht, wieso Campos dem Film eine derartige Richtung für Christines mögliche Motivation gibt. Ratsamer wäre es gewesen, die Depressionen Chubbucks mehr hervorzuheben, ihre Geschichte und ihr Ausmaß zum Beispiel mit ein, zwei Szenen bei ihrem Psychiater zu beleuchten. Genauso wie die zum Ende hin fortschreitenden Planungen für den bevorstehenden Selbstmord.

Über all diese Kritik erhaben ist Rebecca Hall, die eine starke Leistung abliefert, selbst wenn sie nur unmerklich mehr physikalische Ähnlichkeit mit Chubbuck besitzt als Kate Plays Christine’s Kate Lyn Scheil. Halls hingebungsvolles Spiel hält die Aufmerksamkeit hoch und ist letzten Endes das Haupt- wenn nicht sogar das einzige Kriterium für eine Sichtung von Antonio Campos’ Christine. Dass der als intensive Depressionsstudie weniger zugänglich für ein Massenpublikum wäre, ist klar, aber dieser subtile Ansatz einer Medienkritik à a Nightcrawler funktioniert irgendwie noch weniger. Somit sind die Zuschauer auch nach zwei Filmen und fast vier Stunden nicht schlauer, wer Christine Chubbuck war. Das Mysterium bleibt bestehen.

6/10

28. April 2013

Iron Man 3

Heroes – there is no such thing.

Die perfekte Tagline für einen Film von Shane Black wäre wohl dem Kaiser entlehnt: „Ja ist denn heut scho Weihnachten?!“ Immerhin spielten bisher vier seiner sieben Drehbücher zur Festtagszeit im Dezember, von Lethal Weapon bis hin zu Kiss Kiss Bang Bang. Auch Kidnapping ist ein wiederkehrendes Motiv in seinen Geschichten, weshalb es also nicht überrascht, dass in Blacks zweitem Film als Regisseur, Iron Man 3, ein Kidnapping in der Weihnachtszeit integriert ist. Auch sonst ist der dritte Teil um den narzisstischen Helden Tony Stark spürbar eine Schöpfung seines Regisseurs, was sich nicht zuletzt an dem Humor dieser Comicverfilmung zeigt, der sich selbst in den dramatischsten Momenten nicht zurückhält.

Inhaltlich knüpft Iron Man 3 an die Ereignisse aus Avengers an. Einige Monate nach der Alien-Invasion in New York und seinem Nahtoderlebnis suchen Tony Stark (Robert Downey Jr.) verstärkt Panikattacken heim. Umso ungeschickter kommt ihm der wahnsinnige Terrorist Mandarin (Ben Kingsley), der Exekutionen und Bombenanschläge inszeniert, um eine Rechnung mit dem US-Präsidenten zu begleichen. Als es Stark zu blöd wird und er Mandarin vor laufenden Kameras zur Privatfehde reizt, löst der schwerreiche Playboy eine Ereigniskette aus, die nicht nur sein Leben und das seiner Freundin Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) gefährdet, sondern die ihren Ursprung wie sich zeigt in Starks eigener Vergangenheit hat.

Dabei bleibt auch der dritte Teil den Themen der Reihe treu, wenn mal wieder Tony Starks Sterblichkeit im Zentrum steht und es diese für unseren Helden zu akzeptieren gilt. Dies mag zwar nicht immer vollends nachvollziehbar sein, da Starks zynische Frohnatur am Ende von Avengers nicht den Eindruck machte, sonderlich von dem Erlebten mitgenommen zu sein. Allerdings etablierte bereits Iron Man 2, dass Stark im Angesicht des Todes durchaus bereit ist, seine Maske fallen zu lassen. Hinzu kommt, dass hier diejenigen Menschen die Konsequenzen für Starks Handeln tragen müssen, die ihm am nahesten stehen. Zum einen ist das natürlich Pepper, zum anderen sein Freund und Bodyguard Happy Hogan (Jon Favreau).

Beide bekommen dieses Mal weitaus mehr zu tun als in den Vorgängern. Gerade Paltrows Rolle gewinnt an Verantwortung und Bedeutung – nicht nur für Tony Stark. Aber auch Don Cheadle, der von War Machine zu Iron Patriot wird, darf – wenn auch erst im Finale – endlich präsenter sein. Es ist dabei so überraschend wie erfreulich, dass sowohl Iron Man als auch Iron Patriot hinter Tony Stark und Rhodey zurückstehen. Das wiederum verleiht Iron Man 3 auch aufgrund der Hautfarbe der beiden Charaktere eine kaum zu leugnende Ähnlichkeit zu anderen Filmen von Black wie Lethal Weapon und Last Boy Scout, auch wenn das Zusammenspiel der Figuren im Finale eher an Blacks Debüt Kiss Kiss Bang Bang erinnert.

An sich wäre der Filmtitel mit Tony Stark treffender gewählt als mit Iron Man 3, denn Downey Jr. verbringt fast den gesamten zweiten und dritten Akt außerhalb seines Anzugs, um sich unter anderem im verschneiten Tennessee mit einem Jungen auf die Suche nach Antworten zu machen. Denn nicht nur Mandarin ist auf der Bildfläche erschienen, auch Starks ehemaliger One-Night-Stand, Botanikerin Maya Hansen (Rebecca Hall), der von Stark ignorierte Wissenschaftler Aldrich Killian (Guy Pearce) und dessen Regenerations-Virus „Extremis“ sowie die von Extremis zu Supersoldaten umfunktionierten Veteranen rund um Eric Savin (James Badge Dale) verlangen die Aufmerksamkeit unseres Superhelden.

Sowohl die Darstellung von Pearce als Aldrich Killian als auch Ben Kingsleys Porträt des Mandarin sind dabei für Fans gewöhnungsbedürftig. Gerade der Mandarin erscheint als eine Art Phönix aus der Asche des Nichts, ein Terrorist der Marke Osama bin Laden, ohne Skrupel und ethische Moral. So hat es zumindest den Anschein, doch Black hat für Iron Mans Nemesis eine ganz besondere Rolle in diesem Trilogieabschluss vorgesehen. Pearce hingegen gibt einen eher gewöhnlichen Bösewicht, auch wenn sein verrückter Wissenschaftler alles andere als gewöhnlich ist. Rebecca Hall hingegen wirkt etwas brachliegend, ist ihre ambivalente Maya Hansen doch eine der blassesten und unausgereifsten Figuren.

Vollends stimmig gerät das Endergebnis also nicht. Wie bisher leiden die Marvel-Filme unter ihren schwachen Antagonisten. Zumindest kriegt es Iron Man in diesem Fall nicht erneut mit einem Bösewicht in einem Iron Man-ähnlichen Anzug zu tun, sein diesmaliger Gegenspieler und die Supersoldaten erreichen trotzdem ein ganz neues Level der Lächerlichkeit, speziell in einer mehr als absurden Szene. Ohnehin sind Supersoldaten nicht erst seit der finalen Staffel von X Files eine eher delikate Angelegenheit, allerdings sind sie in Iron Man 3 glücklicherweise nur Mittel zum Zweck. Die Handlung ist in diesem Fall zweitrangig, weshalb man sich auch nicht wundern sollte, dass S.H.I.E.L.D. durch Abwesenheit glänzt.

Dabei hätte man gedacht, Angriffe auf ein Avengers-Mitglied oder den US-Präsidenten würden Nick Fury veranlassen, zumindest Maria Hill auszusenden. Stattdessen ist Stark auf sich allein gestellt – mit hilfreicher Unterstützung seiner künstlichen Intelligenz JARVIS und Anzüge. Diese geraten nunmehr buchstäblich zu solchen, kann Stark doch nach Belieben aus ihnen schlüpfen (in einer Szene „parkt“ er einen außerhalb eines Bistros) oder Elemente von ihnen per Fernsteuerung überstreifen und lenken. Das Ganze garantiert speziell im ersten Akt einige Lacher im Publikum und ohnehin liegt der Fokus von Iron Man 3 nicht nur auf Starks Katharsis, sondern auch auf deren humorvoller Darbietung.

Blacks bissiger Witz kommt perfekt zum Tragen und kaum jemand eignet sich für den Vortrag von Blacks Zeilen besser als Downey Jr. Selbst der zweite Akt und Starks ausgiebige Interaktion mit einem zehnjährigen Jungen gerät so zum amüsanten Fest der Dialoge, aber auch die so namen- wie charakterlosen Handlanger im dritten Akt dürfen einige so grandios-authentische Sätze von sich geben, dass sie fast die vierte Wand durchbrechen. Somit verspricht Iron Man 3 trotz einiger Logik-Planstellen im Extremis-Handlungsstrang und der generellen Darstellungsschwäche der Antagonisten eine über weite Strecken höchst vergnügliche Action-Komödie, die nicht nur der bisher gelungenste Teil der Iron Man-Reihe ist, sondern sich auch wunderbar in das Œuvre von Shane Black einfügt.

6/10 – erschienen bei Wicked-Vision

22. September 2010

The Town

No deal, no compromise.

Sprichwörter haben oftmals etwas für sich, zum Beispiel „Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall“. Das weiß vermutlich in Hollywood niemand besser als Ben Affleck. Vier Jahre lang, von 1998 bis 2002, war Affleck obenauf. Einer der kommenden Stars Traumfabrik, mit Millionengehältern und Freundinnen, die auf die Namen Gwyneth Paltrow und Jennifer Lopez hörten. Mit den Bruckheimer-Filmen Armageddon und Pearl Harbour spielte er Hunderte Millionen Dollar ein, doch nach der Jahrtausendwende sollten um 2002/2003 Werke wie Daredevil oder auch Gigli, das gemeinsame Filmprojekt mit „Bennifer“-Verlobten Jennifer Lopez, floppen. Und Afflecks Karriere die nächsten Jahre in Nebenrollen wie Smokin’ Aces verdammen.

Als es mit den Schauspielangeboten mauer wurde, orientierte sich Affleck vor einigen Jahren einfach neu. In Gone Baby Gone, einer Romanadaption von Dennis Lehane, versuchte sich Affleck erstmals als Regisseur – und beeindruckte. Auch wenn der Film nach der ersten Hälfte an seiner kruden Geschichte (typisch für die Werke Lehanes) scheitert. Affleck jedenfalls entdeckte eine Nische für sich, und besetzte sie nun dieses Jahr erneut. In The Town führte Affleck erneut Regie und heuerte erneut einen Affleck für die Hauptrolle an. Anstelle seines Bruders Casey dieses Mal sich selbst. Und wo Affleck sich zwar schauspielerisch nicht unbedingt rehabilitieren kann, gelingt es ihm, einen weiteren, sicheren Schritt ins Regiefach zu machen.

Was ein Mal funktioniert, funktioniert auch ein zweites Mal. Für The Town lag erneut ein Roman als Vorlage zu Grunde. Zwar nicht von Dennis Lehane, aber dennoch im Bostoner Umfeld beheimatet. Chuck Hogans drittes Buch “Prince of Thieves” ist 400 Seiten dick und beschäftigt sich mit einer Gruppe von vier Jugendfreunden, die im Bostoner Vorort Charlestown groß wurden. Einem Stadtteil, der pro Kopf gesehen mehr Bankräuber hervorgebracht hat, als jeder andere Ort in den USA – mit dieser Information und Voraussetzung beginnen Hogan wie Affleck die Geschichte. Hauptprotagonist ist Doug MacRay (Ben Affleck), der gemeinsam mit seinem besten Freund, dem heißblütigen Jem (Jeremy Renner), Geldtransporter und Banken überfällt.

Bei einem dieser Überfälle trifft Doug die Bankmanagerin Claire (Rebecca Hall), die wie die Jungs aus Charlestown kommt – und diese daher eventuell identifizieren könnte. Während Jem sie buchstäblich kaltstellen will, kümmert sich Doug um die Angelegenheit. Als sich die Zwei näher kommen, beginnen sie, Gefühle füreinander zu entwickeln. Unterdessen zieht FBI-Ermittler Adam Frawley (Jon Hamm) die Schlinge um Doug, Jem und Co. immer enger. Der Film selbst ist ein klassischer Heist-Thriller. Es geht um Überfälle, die geplant und überlebt werden müssen. Wer hier im Verlaufe des Filmes stirbt, wer überlebt und an welcher Gabelung sich die jeweiligen Figuren am Ende der Geschichte wiederfinden, sollte daher niemanden überraschen.

In The Town ist also der Weg einmal mehr das Ziel und Affleck erweist sich als überaus guter Führer auf diesen bekannten Pfaden. Die Inszenierung der Handlung ist schnörkellos, zwar vorhersehbar, aber dennoch spannend. Es ist ein großer Verdienst, dass Affleck gar nicht erst versucht, irgendwelche überraschenden Wendungen einzubauen. Dass er die Geschichte runter erzählt, ohne Sperenzchen zu treiben. Sicherlich, die Figuren bleiben weitestgehend gesichtslos und eindimensional. Doug, das Eishockeytalent, das an seinem Temperament und der Tatsache gescheitert ist, dass er nicht rückwärts Schlittschuhlaufen kann. Jem, die getrieben Seele aus dem Viertel, gefangen in der Spirale der Gewalt, in die er sich selbst begeben hat.

Die beiden anderen Kumpel erhalten nicht einmal so viel Tiefe, ebensowenig wie Claire, die letztlich bloß der personifizierte Wendepunkt für den Romanhelden ist. Auch Jon Hamms FBI-Ermittler bleibt relativ konturenlos. Das Interesse an Claire aus Hogans Roman verschwindet, ebenso die unsympathische Freundin, die eigentlich Bestandteil seines Lebens ist. Ein tiefgründiger Blick hinter die Figuren, wie es Michael Mann in Heat für die Protagonisten pflegte, fehlt Afflecks Film. Hamms Figur empfindet keine Sympathien für Doug und Jem – genauso wie Frawleys Partner (Titus Welliver), der auch aus Charlestown stammt. Da ein 120-Minuten-Film kein 400-Seiten-Roman ist, spart Affleck viel über die Charaktere aus.

Auch Blake Livelys drogensüchtige, alleinerziehende White-Trash-Schwester von Jem und Ex von Doug existiert eigentlich nur aus einem einfachen, profanen Grund – und reiht sich damit neben die anderen, charakterlich weitestgehend blassen Figuren ein. Wer sich also erhofft, die Figuren in The Town näher kennenzulernen, wird wohl enttäuscht werden. Sie sind bloß Schachfiguren in einem Spiel, das seit Jahrzehnten gespielt wird. Weshalb sie ihre Funktion auch zufriedenstellend erfüllen. Der Zuschauer wird bis zum Schluss unterhalten, fiebert mit, ist gespannt – mehr kann man bei einem derart vorhersehbaren Genre wie dem Heist-Thriller vermutlich nicht erwarten. Auch schauspielerisch holt das Darstellerensemble alles raus.

Renner gibt den gewaltaffinen Heißsporn und genießt es wie Mad Men-Mime Hamm, sich im Kino austoben zu dürfen. Halls Leistung verschwindet fast hinter der faszinierenden Ähnlichkeit zwischen ihr und Scarlett Johansson, während Alteingesessene wie Pete Postlethwaite und Chris Cooper mit ihren Rollen kaum Probleme haben. Überraschenderweise überzeugt sogar Gossip Girls Blake Lively als heruntergekommene Blondine, während Afflecks Rolle seiner „gutherzige Männer mit Problemen“-Kiste entstammt, der schon seine Figuren aus Reindeer Games, Man About Town und Co. angehörten. Somit ist The Town letztlich ein durchaus gelungener Beitrag zum Genre und auch zu Ben Afflecks Vita. Getreu dem Motto: Was lange währt, wird endlich gut.

7/10

11. Februar 2009

Frost/Nixon

It’s like Paris without the French.

Ron Howard ist ja so ein Fall für sich. Ich mag Parenthood und The Paper (hauptsächlich wegen Keaton), ohne zugleich sagen zu wollen, dass sie gut sind. Bei How the Grinch Stole Christmas ist es eher so, dass ich aufgrund der Tatsache, dass ich Dr. Seuss Charakter vorher nicht kannte, Howards Arbeit schlecht einschätzen kann, obschon ich auch diesen Film mag. Über seine restlichen Filme – allen voran The Da Vinci Code – hülle ich lieber den Deckmantel des Schweigens. Was ich lustig finde, wo ich grad IMDb offen hab, ist, dass der gute Mr. Howard vor Frost/Nixon erst zweimal für einen Academy Award nominiert war (mit A Beautiful Mind). Dabei hatte ich eigentlich das Gefühl, dass das Ginger Kid so ein Kandidat ist, denn die depperte Academy jedes gefühlte zweite Jahr nominiert. So kann man sich irren.

Seinen neuesten Film findet jeder toll. So im Querschnitt pauschalisier ich jetzt mal und sag, dass er als 9/10 gehandelt wird. Und wenn ich so was hör, bin ich immer sehr skeptisch und meistens auch (siehe The Wrestler) auch zu Recht. Howard adaptiert Peter Morgans gleichnamiges Bühnenstück von 2006, welches wiederum die Ereignisse des Jahres 1977 adaptiert, in welchem der britische TV-Moderator David Frost in einem Fernsehinterview ein Quasi-Geständnis vom ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon bezüglich der Watergate-Affäre entlocken konnte. Das bedeutsamste Fernsehinterview in der Geschichte, unken manche über jenes Ereignis, dessen Inhalt sich mir selbst nicht sonderlich erschließen will. Dass Nixon etwas zugibt, von dem eh jeder weiß, dass er es getan hat, revolutioniert nun mal nicht mein Weltbild.

Frost/Nixon beginnt mit dem Rücktritt des 37. amerikanischen Präsidenten Richard Nixon (Frank Langella), verfolgt vom britischen Fernsehmoderator David Frost (Michael Sheen). Letzterer lässt sich die Quoten für Nixons Abschiedsrede geben und spürt, dass ein Interview mit dem großen Mann ein Hit werden könnte. Doch selbstverständlich will Tricky Dick nicht unbedingt über Watergate reden. Frost fragt also an und blitzt zuerst ab. Allerdings sind eine halbe Million Dollar immer noch eine halbe Million Dollar und in Anbetracht der Tatsache, dass Entertainer Frost nicht wirklich als Bedrohung empfunden wird, sagt Nixon letztlich zu. Dumm nur, dass Frost das Interview nicht an den Mann bringen konnte und nun auf den Ausgaben sitzen bleibt, während er sich mit seiner Freundin (Rebecca Hall) vergnügt und seine Experten (Sam Rockwell, Oliver Platt) sowie sein Produzent (Matthew Macfadyen) in der Zwischenzeit die Interviewrunden vorbereiten.

Die meiste Zeit des Filmes über bestätigt sich das Bild, welches Nixon und seine Berater (u.a. Kevin Bacon) von Frost hatten. Er ist ein stümperhafter Journalist, der sich unvorbereitet in die Interviews stürzt und dabei auch prompt auf die Nase fliegt. Für Frost zählt nicht der Inhalt des Interviews, sondern seine Quote. Da diese sich jedoch erst dadurch definieren lässt, dass das Interview an den Mann gebracht wird, was wiederum auf seinem Inhalt basiert, ist es relativ unverständlich, weshalb Frost erst kurz vor knapp anfängt sich mit der Materie vertraut zu machen. Howard selbst schenkt dem Publikum hierzu keinen wirklichen Einblick, sondern fokussiert sich eher darauf die klassische Underdog-Story zu propagieren. Frost, von vielen belächelt, rafft sich auf und zeigt allen was eine Harke ist. Und weil die letzte Interviewrunde so gut lief, erklärt er, spielt der Dilettantismus in den übrigen drei keine Rolle. Eine komische Einstellung, aber scheinbar hat sie funktioniert, wie die Rezeption in der Geschichte zeigt.

Historisch genau scheint die Portraitierung von Nixon nicht immer zu sein, wie einige seiner Biographen bemerkten. Aber es geht auch weniger um historical correctness, sondern darum eine Art Mediendrama zu inszenieren. Der Versuch von Howard, dem ganzen einen dokumentarischen Touch zu geben, misslingt dabei. Selbstverständlich wirken die gespielten Interviews der Beteiligten, welche die Ereignisse reflektieren, mehr als gestelzt. Sowieso eignet sich die Thematik des Filmes besser für einen Dokumentarfilm oder einen Essay, denn einen Abendfüllenden Spielfilm. Zu belanglos ist das Gesehene und zu uninteressant die Verpackung. Das bisweilen auftauchende Getue auf Thriller ist da nur die Spitze des Eisberges.

Getragen wird Frost/Nixon, der Titel sagt es schon, von den beiden historischen Persönlichkeiten Frost und Nixon. Sheen wiederum gibt den dauergrinsenden Stümper auch recht überzeugend und Langella wirkt zwar nicht unbedingt wie Nixon, aber spielt nichtsdestotrotz intensiv. Die belanglosen Nebenfiguren wie Bacon, Hall, Rockwell und Co. fallen nicht weiter auf, müssen sie ja aber auch nicht. Insgesamt betrachtet zählt der Film also innerhalb von Howards Biographie zu seinen besseren (oder wenn man will: guten) Werken. Allerdings hätte es hinsichtlich der Thematik nicht wirklich eines zweistündigen Kinofilmes bedurft, eine zweiseitige Retrospektive in einem größeren Magazin hätte denselben Effekt erzielen können. Oder die Sichtung des Originalinterviews. Wobei, da ist ja nur ein Teil interessant. Und der wiederum nicht unbedingt informativ. Somit dürfte Frost/Nixon ein Film sein, der keinem wirklich wehtut. Wo der Hype herkommt, frag ich mich trotzdem.

7/10

12. Dezember 2008

Vicky Cristina Barcelona

Only unfulfilled love can be romantic.

Er ist eine lebende Kinolegende und sein Name ist Woody Allen. Seit 42 Jahren dreht der gebürtige New Yorker, dessen Filme zumeist in seiner Heimatstadt spielen, nunmehr schon Filme. Dabei ist Allen schon längst zu einer Institution geworden, zeichnete sich der hagere kleine Mann mit Brille doch allein in den letzten 31 Jahren mit Ausnahme von 1991 jedes Jahr für einen Film verantwortlich. Insgesamt finden sich in seiner Vita über drei Dutzend Filme, die unter seiner Regie entstanden sind. Hierbei sprangen für den Autor und Regisseur sagenhafte 21 Oscarnominierungen heraus, 14 davon allein in der Sparte „Bestes Originaldrehbuch“. Wenn in Hollywood also jemand die Kraft des gewitzten Wortes beherrscht, dann mit Sicherheit der 73-jährige New Yorker. Während der siebziger und achtziger Jahre hatte Allen bevorzugt zwei Musen, denen er in seinen Filmen eine Plattform bot: Diane Keaton und Mia Farrow.

Doch mit seinen beiden Ex-Freundinnen dreht der Regisseur schon seit Jahren nicht mehr, stattdessen engagierte er in den Neunzigern eine Vielzahl von namhaften Darstellern, für die es bis heute eine Ehre ist, unter der Regie von Allen aufzutreten. Bis vor vier Jahren, als Allen (s)eine neue Muse fand. Als er 2004 zum ersten Mal außerhalb Amerikas einen Film drehte, entwickelte sich am Set von Match Point eine Freundschaft zwischen ihm und Nebendarstellerin Scarlett Johansson, die anschließend noch in Scoop und nun in Vicky Cristina Barcelona Früchte tragen sollte. Nach seiner Europareise von vier Filmen, die drei Johansson-Werke sowie der Abschluss seiner London-Mord-Trilogie mit Cassandra’s Dream, kehrte Allen dieses Jahr nach New York City zurück, um dort seinen aktuellen Film Whatever Works zu drehen. Zuvor drehte er jedoch noch Vicky Cristina Barcelona, der unter anderem als Liebeserklärung an die andalusische Stadt Oviedo zu verstehen ist, die vor fünf Jahren eine Statue des Regisseurs aufstellte.

Es soll ein unvergesslicher Sommer werden für die beiden amerikanischen Touristinnen Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson). Und in der Tat dürfte dieser Sommer beiden wohl für immer in Erinnerung bleiben, eint die beiden Frauen doch gerade ein Aspekt, der sie sonst immer unterscheidet. Vicky besucht eine Freundin (Patricia Clarkson) der Familie, wenige Wochen bevor sie ihren Verlobten Doug heiraten wird. Doug ist ein gut verdienender Geschäftsmann, für den es aktuell speziell darum geht, in welches Haus er mit Vicky nach der Hochzeit ziehen soll. Da Vicky in Barcelona ihre Masterarbeit in katalonischer Kultur abschließen will, verbindet sie die Arbeit mit dem Vergnügen. Ihre beste Freundin Cristina hingegen hat weit weniger Ziele in ihrem Leben als Vicky. Ihr 12-minütiger Debütfilm, bei welchem sie Regie geführt und das Drehbuch geschrieben hat, lief nicht besonders gut.

In Spanien will sie sich nun etwas entspannen. Während es Vicky nach einer festen Bindung sehnt, ist Cristina, wie es Doug beschreibt, „leicht ins Bett zu kriegen“. Als beide nach einer Vernissage zusammen Essen gehen, nehmen ihre beiden Leben neue Wendungen. Der Maler und Boheme Juan Antonio (Javier Bardem) lädt die beiden Amerikanerinnen kurzerhand zu einem Wochenende in seiner Heimatstadt Oviedo ein – inklusive Sex. Während Vicky entrüstet ablehnt, fühlt sich Cristina zu dem Spanier hingezogen. Letztlich nimmt das Geschehen seinen Lauf und beide fliegen gemeinsam mit Juan Antonio nach Oviedo. Dort führt er sie durch die Stadt und erzählt von seiner Scheidung. Seine Ex-Frau Maria Elena (Penélope Cruz) hatte versucht ihn zu töten bzw. andersherum oder sowohl als auch. Als ein Magengeschwür Cristina in die Parade fährt, sind Juan Antonio auf sich alleine gestellt und es kommt, was kommen muss. Doch hier fangen die Probleme erst an, während Juan Antonio sich letztlich mit drei Frauen gleichzeitig auseinandersetzen muss.

Auteur Woody Allen bedient sich in Vicky Cristina Barcelona bisweilen der Dienste eines klassischen allwissenden Erzählers, der speziell die beiden Protagonistinnen zu Beginn der Handlung dem Publikum vorstellt. Obschon der Filmtitel ihre Namen enthält, ist im Grunde jedoch Javier Bardem der eigentliche Star des Filmes. Als sorgloser Künstler, der ganz dem Klischee entspricht, philosophiert er über das Leben, die Schönheit und Sex im Allgemeinen sowie im Speziellen. Man merkt es dem Film in den Szenen des Spaniers an, dass Allen ihm die Rolle auf den Leib geschrieben hat. Ohnehin besticht das gesamte Schauspielensemble, welches voll und ganz in den einzelnen Rollen aufgeht. So wie Allens neue Muse Scarlett Johansson, die sich zwar zu Beginn noch etwas schwer tut, dann jedoch gerade in der Dreiecksbeziehung ihr Können unter Beweis stellt.

Auch Rebecca Hall, die Hin und Her gerissen ist zwischen dem moralische Richtigen und ihren eigentlichen Gefühlen. Komplettiert wird die Besetzung von einer hinreißenden Patricia Clarkson sowie Penélope Cruz, der die Rolle der hysterischen und paranoiden Ex-Frau sichtlich Spaß gemacht hat. Und da Allens Filme zuvorderst Charakter- und Dialogfilme sind, steht und fällt der Film stets entsprechend mit seinen Darstellern. Das Ergebnis in Vicky Cristina Barcelona ist einfach nur glänzend. Das Ensemble glänzt durch die Handlung und die Handlung glänzt wiederum durch das Ensemble. Hier macht sich erneut deutlich, wie sehr es Allen beherrscht natürliche und aus dem Leben gegriffene Charaktere zu erschaffen, die seinen Filmen die nötige Glaubwürdigkeit verleihen, zugleich dabei jedoch nie in eine lästige Seriosität abdriften.

In Vicky Cristina Barcelona tauscht Allen das triste London gegen das sonnige Spanien ein. Und in der Tat besticht der Film durch eine warme Atmosphäre voll von katalanischem Charme. Die Drehorte, die Allen gewählt hat, beeindrucken durch ihre offensichtliche Schönheit. Speziell Oviedo, jene Stadt, die Allen selbst eine Liebeserklärung gemacht hat, wird von dem New Yorker besonders liebevoll ins Licht gerückt. Und es ist jene Szenerie, die Allens Geschichte, die dieser zuvor sicherlich auch schon das eine oder andere Mal in seinen New Yorker Filmen präsentiert hat, ihre romantische Aura verleiht. Wo sonst würde man den narzisstischen Worten Juan Antonios mehr Glauben schenken können, als im sinnlichen Spanien. Hier kann Woody Allen sich auch zugleich austoben in derartig simplen und charmant prätentiösen Dialogen, dass dem Publikum das Herz lacht. Gerade die Beziehung von Juan Antonio und Maria Elena rückt hier ins Zentrum, wenn ersterer Aussagen trifft wie „We are meant for each other and not meant for each other. It's a contradiction“.

Ebenso passend ist sein Beziehungsresümee für den gesamten Film, wenn nur unerfüllte Liebe wahrhaft romantisch ist. Somit knüpft Vicky Cristina Barcelona wieder an die alten Allenschen Liebesphilosophie-Filme an, nachdem sowohl Match Point als auch Cassandra’s Dream Ausflüge ins Thrillerfach bedeuteten und Scoop zu den klassischen Screwballkomödien der Drehbuchlegende zu zählen ist. Die Geschichte um die Fünfachbeziehung aller Beteiligten und deren Wünsche und Träume bezüglich der Liebe und des Lebens wird perfekt in neunzig Minuten verpackt. Ohnehin versteh es Allen wie kaum ein anderer seine Erzählungen im nötigsten Rahmen zu präsentieren und sich nicht in Nebenhandlungen zu verlieren, wie es heutzutage oft der Fall ist. Beeindruckend zu sehen, dass die Kreativität den 73-jährigen nach vier Jahrzehnten Filmgeschäft nicht verlassen hat und er weiterhin seine Publikum dermaßen zu unterhalten weiß, wie es hier der Fall ist.

8.5/10

18. August 2007

The Prestige

You don't really want to know the secret... You want to be fooled.

Jetzt gibt es endlich auch ein Review zu The Prestige, den ich im Kino zwar innerhalb von fünf Tagen zweimal gesehen, aber damals noch nicht diesen Blog geführt hatte. Ich war so angetan von Nolans Ende, dass ich mir den Film direkt noch einmal ansah. Inzwischen ist der Film auf DVD raus und dies gab mir die Möglichkeit auch dem letzten Film meiner bisherigen Top 5 von 2007 ein Review zu schenken und ihn mir auch in der Originalfassung anzusehen. The Prestige ist die Filmadaption des gleichnamigen Romans aus dem Jahr 1995 von Christopher Priest, der im selben Jahr auch den World Fantasy Award gewann. Ursprünglich hatte Sam Mendes Interesse an einer Verfilmung gezeigt, aber Priest bestand darauf, dass Christopher Nolan Regie führte, da er dessen Following und Memento so faszinierend fand. Gedreht wurde der Film dann sozusagen als Zwischenhänger zwischen Batman Begins und The Dark Knight, in welchen Nolan ebenfalls mit den beiden Schauspielern Christian Bale und Sir Michael Caine zusammenarbeitete.

The Prestige erzählt die Geschichte zweier miteinander rivalisierender Magier Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Der eine ist der wohlhabende und unter einem Alias auftretende Robert Angier (Hugh Jackman), ein Showman erster Güte – der andere ist der von der Straße stammende und talentiertere Alfred Borden (Christian Bale). Beide werden von dem Ingenieur Cutter (Michael Caine) zusammengeführt, der sichtlich Respekt vor Bordens Talent hat, aber wärmer mit Angier geworden ist. Die Rivalität und der in ihr aufkeimende Hass der beiden Männer füreinander, findet seine Begründung in dem Tod von Angiers Frau Julia (Piper Perabo), der scheinbar von Borden verschuldet wurden. Als Borden einen neuen Trick entwickelt und mit Frau und Kind das Glück seines Lebens gefunden hat, setzt Angier mit Cutter und seiner Assistentin Gloria (Scarlett Johansson) alles daran, hinter Bordens Geheimnis zu kommen und es ihm zu stehlen.

Nolan erzählt die Geschichte einer grenzenlosen Obsession mittels drei Zeitebenen, die ineinander verschachtelt sind. Neben der Thematik der Obsession geht es in Prestige auch um Opfer, die man für seinen Erfolg zu bringen bereit ist. Borden sieht die Aufgabe eines Magiers darin, einen Zaubertrick zu erfinden, über den sich alle anderen Magier die Köpfe zerbrechen. Einen solchen Trick glaubhaft darzustellen fordert seiner Ansicht nach jedoch Opfer und zu Beginn sehen wir in dem chinesischen Magier Ching Ling Foo ein Beispiel für den Magier, der sein eigenes Leben nach seinem Trick ausrichtet. Doch Angier ist kein Mann, der sich gerne die Hände schmutzig macht, scheut er sich doch selbst davor, einem Vogel für einen alltäglichen Trick das Leben zu nehmen. Als Borden jedoch seinen neuen Trick vorführt und Angier, als er ihm nach einer Vorstellung folgt, sieht, dass Borden mit einer Frau und einer Tochter all das erreicht hat, was er selbst erreichen wollte, tritt die Rivalität der beiden Männer in eine neue Phase.

Der entscheidende Wendepunkt ist der Tod von Angier’s Frau Julia. Borden scheint bei einem Zaubertrick statt des üblichen einen schwereren Knoten gewählt zu haben – mit Einverständnis von Julia. Diese kann sich anschließend nicht befreien und ertrinkt. Der Hass von Angier auf Borden entsteht dadurch, dass dieser nicht bereit ist, (s)eine Schuld einzugestehen. Fortan sabotieren beide immer wieder die Vorführungen des anderen, ehe Angier auf den neuen Trick von Borden stößt und zu dessen Ursprüngen in die USA reist. Dort trifft Angier den Physiker Nikola Tesla (David Bowie), der später Angier treffend als Sklave seiner Obsession bezeichnet. Dies alles erzählt Nolan makellos, in perfekten Bildern, mit toller Ausstattung, passender Musik und den richtigen Schauspielern. An dieser Stelle breche ich die Besprechung für all diejenigen ab, welche den Film noch nicht gesehen haben. Nach dem folgenden Bild werde ich noch näher auf Prestige eingehen, wobei sich an dieser Stelle keine Spoiler mehr vermeiden lassen.

Die Faszination von Prestige geht von seinem Finale, seinen Plottwists aus. Wie funktioniert Teslas Maschine, was ist Bordens Geheimnis? Das sind die großen Fragen, die am Ende in Rückblenden aufgelöst werden. Viele Diskussionen sind entstanden bezüglich Angiers Real Transported Man, ich persönlich kann nur sagen, dass ich zu denjenigen gehöre, die der Ansicht sind, dass Angier jeden Abend starb und sein „Klon“ im Prestigio erschien. Dies ist das große Opfer, welches Angier bereit war zu bringen: nämlich jeden Abend zu ertrinken. Dies löst auch noch mal die letzte Einstellung auf, wobei gerade in dieser Einstellung die Diskussion beginnt. Nolan wäre nicht Nolan, wenn er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte. Der Zuschauer will an der Nase herumgeführt werden, sagt Cutter und Borden weist uns immer wieder darauf hin, genau hinzusehen. Daher habe ich auch beim dritten Sehen noch das Gefühl, dass etwas an mir vorbei gegangen ist, dass ich das Geheimnis nicht gelüftet habe. Gerade das macht The Prestige für mich so interessant.

Die Auflösung findet sich den ganzen Film hindurch. Mal kann Borden den Knoten, mal nicht, sagt Cutter. Sarah, Bordens Frau, meint zu ihm, dass er es nicht immer ernst meint, wenn er sagt, dass er sie liebt. Der Vogeltrick, den Sarahs Neffe durchschaut, ist ein Hinweis auf einen Doppelgänger, einen Bruder (Borden) und es nicht sicher ist, welcher von beiden zu sterben hat (Angier). Bordens Wunde blutet nach Wochen erneut, Gloria glaubt Freddie nicht, dass er sie liebt, da er nur ein halbes Leben führen kann. Viele kleine Hinweise, die einen auf die richtige Fährte zu führen. Angier macht sich am Ende die Hände schmutzig, einzig und allein wegen seiner Sucht nach Ruhm. Er will die verwunderten Gesichter der Zuschauer sehen, er will den Applaus genießen. Ein Opfer wie es Borden gebracht hat, war er aber nie im Stande zu bringen – bis er alles verloren zu haben scheint. Auch Freddie begeht den Fehler und läuft Angier in die Falle, nachdem Alfred einsah, dass es nichts bringt. Freddie geht zur Vorführung und wird des Mordes angeklagt.

Es bleiben jedoch Fragen offen: Woher wusste Angier, wann Borden unter die Bühne gehen würde und wann „er“, beziehungsweise sein Klon nicht fürs Prestigio erscheinen dürfe? Das wird nicht aufgelöst, ebenso wenig wie genau Teslas Maschine funktioniert. Wird Angier reproduziert und wird das Original dabei transportiert oder bleibt es wo es ist? Angier sagt, er selber wusste es nie, ob er der Mann in der Box oder der im Prestigio sein würde. Vielleicht gibt es auf diese Fragen allerdings auch keine Antwort – zumindest nicht im Film. Der Beigeschmack der Unlogik und die an manchen Stellen vorhandene Länge (der Film hätte auch 15 Minuten kürzer sein können) kosten den Film schließlich eine volle Wertung, auch wenn Christopher Nolan ohne Zweifel ein Film gelungen ist, der eindrucksvoll gerät, zu Wiederholungssichtungen anregt und alles hat, was ein guter Film braucht.

9/10