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3. März 2008

10,000 BC

Bring them down.

Es herrscht das Jahr 10.000 vor Christus - daher der Titel - und die Menschen bzw. ein Bergstamm schöpft sein Überleben aus der Jagd nach Mammuts. Diese sind in den letzten Jahren jedoch relativ rar geworden, weswegen vermehrt das eigene Orakel befragt wird. Als ein blauäugiges Mädchen zum Stamm stößt, eröffnet sich eine Prophezeiung, dass diese einst mit einem tapferen Krieger vermählt werden und ihr Volk in eine bessere Zukunft führen wird. Da sich der junge D’Leh in die kleine Evolet verliebt, bleibt ihm nichts anderes übrig als der beste Jäger seiner Altersklasse hervorzutreten. Einige Jahre später ist der Zeitpunkt der letzten Jagd gekommen und tatsächlich geht D’Leh (Steven Strait), der an sich nicht der optimale Führer seines Stammes ist, als Sieger aus der Jagd hervor. Kurz darauf treffen allerdings berittene höher zivilisierte Männer ein und nehmen die Mehrheit des Stammes als Sklaven, darunter auch Evolet (Camilla Belle). Das kann D’Leh nicht auf sich sitzen lassen und macht sich gemeinsam mit dem Dorfältesten Tic Tic (Cliff Curtis) und zwei anderen Jäger auf zur Verfolgungsjagd, während der Anführer der Fremden sich beginnt in Evolet zu verlieben. Nach einem halsbrecherischen Ausbruchsversuch verlieren D’Leh und Tic Tic ihre beiden Gefährten und müssen nun versuchen die umliegenden Stämme dazu zu bewegen, in eine finale Schlacht gegen die Unterdrücker zu ziehen.

Riesige Krawumm-Filme, die von ihrer Action und ihren Spezialeffekten leben, dafür steht eigentlich Michael Bay, allerdings bildet dies auch immer die Grundlagen vom German Master of Desaster, dem Regisseur Roland Emmerich. Mit Independence Day wurde er berühmt und lieferte seiner Zeit den erfolgreichsten Film aller Zeiten ab (auch wenn dieser natürlich inzwischen überboten wurde). Anschließend ließ er in chronologischer Reihenfolge erst Godzilla, dann Mel Gibson und schließlich die Erderwärmung auf die amerikanische Bevölkerung los, um sich dieses Mal ein nicht-amerikanisches Thema vorzunehmen, ohne Star Spangled Banner aber deswegen nicht gleich ohne Patriotismus. Für sein 130 Millionen Dollar teures Spektakel holte sich Emmerich unverbrauchte Gesichter für die beiden Hauptrollen an Bord und fand sie in Steven Strait (The Covenant) und Camilla Belle (When a Stranger Calls), als Drehbuchpartner engagierte er seinen österreichischen Komponisten Harald Kloser und drehte an Originalschauplätzen in Neuseeland und Namibia. Für die Trickeffekte zeichnen sich gleich zwei Effektstudios verantwortlich und arbeiteten zwei Jahre an den im Film auftretenden Mammuts, Säbelzahntiger und der landschaftlichen Umgebung. Dabei arbeitet Emmerich zum ersten Mal seit Indepence Day wieder mit einem so geringen Budget (auch wenn es noch aufgestockt worden zu sein scheint) wie bei 10,000 BC, während er für seine letzten drei Filme immer über hundert Millionen Dollar zur Verfügung gestellt bekommen hat.

Wie der Trailer verlautbart, erzählt Emmerichs neuester Film die erste (fiktive) Heldengeschichte der Menschheit und dass mit totaler Berechnung. Schließlich trägt Protagonist D’Leh einen Namen, der rückwärts gesprochen das deutsche Wort „Held“ ergibt. D’Leh ist also bereits ein Held, bevor er es selber weiß und während des Filmes zweifelt er durchweg an sich selbst und seiner Bestimmung. Vor allem da ihm mit dem besten Freund seines Vaters – der den Stamm vor Jahren verlassen hat, um nach einem Ausweg zu suchen – Tic Tic und dem designierten Stammesführer Ka’Ren zwei vollwertige mutige Krieger gegenüberstehen. D’Leh hingegen ist ein Romantiker, der an die große Liebe glaubt und diese in der von der Prophezeiung vorherbestimmten Evolet gefunden zu haben glaubt. So sehr, dass er ohne zu zögern den Mut aufbringt, einem ganzen fremdländischen Heer (das nach Tic Tics Andeutungen die Atlanter sein könnten) um ihretwillen nach zu jagen. Um was für ein Volk es sich hierbei handelt, woher sie kamen und was genau ihre Bestimmung ist, das wird nicht erklärt und spielt an sich auch kaum eine Rolle. Es ist eben da und versklavt die umliegenden nieder entwickelten Volksstämme zur Errichtung seiner Pyramiden und Stadtstrukturen.

Wie eingangs erwähnt muss man bei Emmerich dieselbe Schablone anlegen wie bei einem Michael Bay, seine Filme leben von ihren Spezialeffekten und werden von diesen zusammengehalten, da sie inhaltlich eher schwach sind. Letzteres ist auch hier erneut der Fall. Die Figuren in Emmerichs Werk sind schwach gezeichnet, wenn überhaupt und diejenigen die so etwas wie einen Charakter besitzen, sind nach Klischee strukturiert. Der inhaltliche Aufbau wird dabei Stück für Stück von deutschen Regisseur selbst sabotiert, D’Lehs Vater, der auszieht für letztendlich nichts und wieder nichts, das Orakel, die Prophezeiungen durch den ganzen Film hindurch, alles wirkt so konstruiert wie es ist, vorhersehbar und jegliche Spannung vermissend. Die Tatsache, dass man es hier mit verschiedenen menschlichen Kulturstämmen zu tun hat, die allesamt mit Mammuts, Säbelzahntiger und Riesensträußen co-existieren sind selbstverständlich historisch gesehen ganz großer Mumpitz.

Zudem dienen letztgenannte Geschöpfe für keinerlei höheren Zweck in Emmerichs Geschichte, allen voran der Säbelzahntiger, der einen Großteil der digitalen Effekte ausgemacht hat. Auch wie die Mammuts dargestellt werden, die wie kleine Hunde bei ihrer Flucht hüpfen und dabei jegliche physikalischen wie anatomischen Gesetze widerlegen, sorgt für ziemlichen Unmut. Der Gipfel des ganzen ist dann die hoch entwickelte Kultur der Sklaventreiber, die Pyramiden auf die Beine stellen und mit Schiffen fahren, auf welche die erste ägyptische Dynastie, die sechstausend Jahre später entstehen sollte, vor Neid erblasst wäre. Da versteht es sich von selbst, dass in dieser Kultur Mammuts als Nutztiere verwendet werden und irgendwie würde es einen auch nicht wundern, wenn eines von ihnen eine steinerne Variante eines Tomtom umgebunden hätte.

Inhaltlich bewegt sich Emmerichs klischeebeladener Film, der reichlich bei Steven Spielberg und Peter Jackson klaut und am Ende Emmerichs erstes Hollywoodvehikel Stargate zitiert, somit auf einem äußerst schwachen Gerüst. Verlassen tut er sich auf seine Spezialeffekte, die verschneite Schneelandschaften neben tropische Dschungel und ausgetrocknete Wüsten setzen. Auch die nahezu perfekt gebaute Stadt der Sklaventreiber wirkt ebenso wie die animierten Ur-Tiere ziemlich unglaubwürdig und wird allerhöchstens noch überboten von der missratenen Green-Screen-Einlage zu Beginn, als man D’Lehs Stammesdorf besucht. Gegen einen Transformers oder King Kong sehen Emmerichs Effekte aus als hätte er sie in einem Secondhand-Laden ersteigert.

Und bedenkt man dass sein Budget genauso hoch war, wie damals für Independence Day, jedoch nicht so namhafte Schauspieler (Will Smith, Jeff Goldblum, Bill Pullman) aufwarten kann, fragt man sich doch, was er stattdessen mit den ganzen Millionen gemacht hat. Wenn man sich schließlich gerade den Säbelzahntiger ansieht, der nicht billig gewesen sein dürfte, die Handlung allerdings kein Stück voranbringt oder spannend macht, wäre es besser gewesen, das Geld etwas geschickter zu verteilen. Der größte Fehler des Filmes dürfte jedoch gewesen sein, den Komponisten Kloser am Drehbuch mitschreiben zu lassen, was logischerweise dessen erste literarische Arbeit war (bedauerlicherweise jedoch nicht seine letzte, da er an Emmerichs neuestem Werk mitschreiben wird). Gegen 10,000 BC sieht The Patriot aus wie ein kleines Meisterwerk und Emmerich dürfte ohne Frage auf seinem (künstlerischen) Karrieretiefpunkt angekommen sein.

2.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

22. Mai 2007

The Fountain

Together we will live forever.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts fand in Hollywood eine Revolution der unabhängigen und innovativen Filmemacher statt. David Fincher kratzte 1999 mit Fight Club an dem Konzept der Heldenidentität, die Wachowskis brachen mit The Matrix im selben Jahr in neue Science-Fiction Welten vor, Spike Jonze sprengte mit Being John Malkovich die Regeln des linearen Erzählens und Darren Aronofsky schickte das Publikum im Jahr 2000 mit seinem Indie-Hit Requiem for a Dream auf eine Bilderachterbahn mit über 3.000 Schnitten, großartiger Musik und einer fabelhaften Geschichte nach dem Roman von Hubert Selby. Der Film tauchte auf über 150 Top Ten-Listen auf und verschaffte ihm einen grandiosen Ruf, der bereits durch sein Debüt π von 1998 Nahrung erhalten hatte. Wie so viele Arthouse-Regisseure wollten die Studios auch Aronofsky für einen Blockbuster gewinnen und boten ihm an, Frank Millers Batman: Year One zu verfilmen. Das Projekt kam jedoch nie zu Stande, da sich Warner Bros. gegen eine von Aronofsky intendierte Mitarbeit Millers verwehrte. Fünf Jahre später sollte sich dies bei Sin City ändern, Batman dagegen wanderte mit Christopher Nolan zu einem anderen Indie-Regisseur.

Aronofsky wollte dennoch einen Sci-Fi-Film drehen, der mit den bisherigen Konventionen brach und ähnlich wie Star Wars, 2001: A Space Odyssey und The Matrix in neue Regionen stieß. Ein Jahr nach Requiem for a Dream stieg er mit Warner Bros. Pictures in Verhandlungen zu The Fountain ein, für das ein Budget von 70 Millionen Dollar veranschlagt wurde und für das Brad Pitt in der Hauptrolle vorgesehen war. Pitt selber wurde, ebenso wie die für die weibliche Hauptrolle angedachte Cate Blanchett, durch ein Screening von Requiem for a Dream gewonnen. Die Planungen begannen und für 20 Millionen Dollar wurde in Australien ein Set gebaut. Im Frühsommer 2002, sieben Wochen vor Drehstart, verließ Pitt dann nach Differenzen mit Aronofsky bezüglich des Drehbuchs das Projekt ab. Die Vorproduktion wurde eingestellt, das Set bei einer Aktion verkauft und Blanchett entschädigt. Doch Aronofsky ließ The Fountain nicht ruhen und nahm die Verhandlungen zwei Jahre später erneut auf. Für die Hälfte des zuvor veranschlagten Budgets wurde der Film nun mit Hugh Jackman und Aronofskys damaliger Lebensgefährtin Rachel Weisz in den Rollen angegangen und kam schließlich nach sechs Jahren endlich in die Kinos.

In der Gegenwart versucht Neurowissenschaftler Tommy (Hugh Jackman) an Rhesusaffen eine Heilung gegen Hirntumore zu finden, um seine eigene Frau, die Autorin Izzie (Rachel Weisz), von ihrer eigenen Krebsdiagnose zu befreien. Während eine erfolglose Operation der nächsten folgt, verschlechtern sich Izzies Symptome zusehends. Derweil schreibt sie, von der Milchstrasse fasziniert, eine Historiennovelle über das frühneuzeitliche Maya-Volk. Im Jahr 1500 wird der spanische Conquistador Tomas (Hugh Jackman) von der spanischen Königin Isabella (Rachel Weisz) ausgesandt, um den Baum des Lebens zu finden, damit die von der Heiligen Inquisition als Häretikerin gebrandmarkte Königin nicht sterben muss. In einem Maya-Tempel erreicht Tomas letztlich dann sein Ziel. Mit einer Esche macht sich derweil im Jahr 2500 der Astronaut Tom (Hugh Jackman) auf den Weg in einen Nebel innerhalb der Milchstrasse, wo er Xibalba vermutet. Die Unterwelt der Maya, in welcher der Legende nach die Seelen der Verstorbenen wiedergeboren werden sollen. Diese drei ineinander verschachtelten Handlungsstränge werden am Ende letztlich auf einen gemeinsamen, sie zusammenführenden, Nenner gebracht.

Entsprechend der narrativen Vorlage – und seiner visuellen Konzeption – ist der Vorwurf, The Fountain könne prätentiös geraten, naheliegend. So kam Aronofskys dritter Spielfilm beispielsweise bei den Redakteuren des Spiegels gar nicht gut an. Von Birgit Glombitza wurde der Film mit den Worten „nervig“, „anmaßend“, „Kitsch“ und „Hokuspokus“ bedacht, ihr Kollege Daniel Sander kam zu dem Schluss, es handele sei ein „zur Katastrophe mutierter Kunstfilm“. Nun stimme ich selten mit den Kino-Rezensenten des Spiegels überein und in diesem Fall schon gar nicht. The Fountain ist weder nervig oder anmaßend noch kitschig oder Hokuspokus. Die Äußerung von Sander dagegen lässt erahnen, dass man es hier wohl mit einem Vertreter des Männerkinos zu tun hat, der vermutlich bei müden shot-for-shot-Remakes wie The Departed besser aufgehoben ist. Denn The Fountain ist ein Kunstfilm und somit zu einem gewissen Grad durchaus prätentiös. Und das muss er auch sein. Wenn schon bezahlte Kritiker dem Film keine Liebe entgegen bringen, muss diese ihm zumindest inhärent sein. Dabei kann man Aronofskys Werk durchaus belanglos, langatmig oder uninteressant finden, dem großen Ganzen kann man sich nicht verschließen. Was er für 40 Millionen Dollar hier auf die Leinwand bannt, sucht in der Filmgeschichte seinesgleichen.

Die übergeordnete Thematik von The Fountain ist der Tod und die Angst der Menschen davor, diesen zu akzeptieren. Insbesonders wenn Liebe mit im Spiel ist. Tommy will Izzie nicht verlieren und verbringt seine gesamte Freizeit im Labor, um eine Heilung gegen ihren Krebs zu finden. Immer wieder spielt Aronofsky dabei einen Moment ab, in welchem Izzie ihn dazu verleiten will, gemeinsam mit ihr den ersten Schnee zu sehen. Die Zeit, die bleibt, miteinander zu verbringen. Doch er wimmelte sie ab, arbeitet lieber an einer Heilung, damit ihnen mehr Zeit bleibt. Es ist bittere Ironie, dass Tommy jene Heilung später findet, dies für Izzie allerdings bereits zu spät ist. Tommy steht hierbei symbolisch für die gegenwärtige Menschheit, die ihren Gott in der Wissenschaft gefunden glaubt. Für Tommy ist der Tod nur eine Krankheit, die man wie jede andere auch heilen und sich vor ihr schützten kann. Dieser Glauben wird erschüttert, als er schließlich an Izzies Grab steht und lediglich ein “there is no hope, only death“ hervorpresst. Mit dem Tod will er sich nicht abfinden, ihn nicht als das finale Ende akzeptieren und Izzies Worten, dass die Mayas den Tod als einen Akt der Erschaffung ansahen, schenkt er wenig Beachtung.

In der Zukunft scheint Tom(my) selbst seine biologische Uhr abgeschaltet zu haben und reist mit einer Esche, in der er Izzies Seele glaubt, in einem seifenblasenartigen Gebilde zu jenem sterbenden Stern, in welchem die Maya ihre Unterwelt Xibalba vermuteten. Dabei wird er immer wieder von jenem Moment verfolgt, in dem er sich nicht Zeit für Izzie nahm. Schließlich schreibt er ihre Geschichte des spanischen Conquistadors Tomas zu Ende, als er dieses auch für sich akzeptiert. Dessen Verständnis vom ewigen Leben wird auf eine harte Probe gestellt und Aranofsky schlägt eine inhaltliche Brücke über ein ganzes Jahrtausend hinweg. Ohne Frage ist The Fountain von einem spirituellen Verständnis durchzogen, das jedoch nicht nur von christlicher Natur ist. Denn der Baum des Lebens findet sich in verschiedenen Kulturen wieder, wie in Yggdrasil aus der nordischen Mythologie. Es geht Aronofsky nicht um religiösen Glauben, sondern um Glauben per se. Was den Menschen menschlich macht, ist für Aronofsky die Tatsache, dass er stirbt. Es ist mehr ein menschliches als ein religiöses Verständnis, dass nach dem Tod noch etwas folgt. Dass der Körper nur ein Gefängnis für unsere Seelen ist, wie es im Film heißt.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Zuschauer durch The Fountain zur Religion hingeführt oder zum Glauben gebracht werden sollen. Der Film behandelt lediglich den Tod des Menschen und dessen sich im Zwiespalt befindende Akzeptanz jener Tatsache, die er nicht ändern kann, nicht einmal durch die Wunder der Wissenschaft. Aronofsky schuf dabei eine bildgewaltige Oper, in der die Galaxie durch Aufnahmen chemischer Reaktionen ersetzt wurde und dennoch glaubhafter aussieht, als in den meisten Science-Fiction-Filmen aus Hollywood. Der stete Wechsel zwischen den Zeitebenen gelingt dabei nahtlos, nicht zuletzt auch dank der einfallsreichen Repetition verschiedener Bildmotive und Symbole. Unterstützt wird diese Bilderflut zudem vom großartigen Soundtrack Clint Mansells, der sich speziell im Finale selbst zu übertreffen scheint. Ähnlich wie 2001: A Space Odyssey dürfte Aronofskys Film der Rezeption seiner Zeit voraus sein, veranschaulicht an den beiden Redakteuren des Spiegel. Und so kann man The Fountain sicher übertriebene Prätention, Religiosität oder Spiritualität unterstellen – wie eigentlich fast jedem Film, der je gedreht wurde – oder man kann ihn ganz einfach nur genießen.

9/10

25. April 2007

Sunshine

Who is the fifth crew member?

Im Weltraum hört dich keiner schreien. So lautete der Untertitel von Ridley Scotts Meisterwerk Alien aus dem Jahr 1979. Dabei ist diese Äußerung so nicht einmal zutreffend, zumindest nicht wenn man sie auf die Science Fiction Filme oder Alien selbst bezieht. In den Raumschiffen, in welchen meist der Horror wie in Alien oder Event Horizon zelebriert wird, sind die Schreie durchaus hörbar. Dabei fungieren sie als Katalysator von Angst zugleich für deren Förderung. Dass im Weltraum geschrieen wird, scheint dabei im Grunde unabkömmlich zu sein. Jenseits der Erde scheint der Mensch nichts verloren zu haben, und wenn er sich dann in ungeahnte Sphären aufmacht, erwartet ihn oftmals, 2001: A Space Odyssey oder Solaris lassen grüßen, Horror und Gefahr.

Die Wege ins All finden oft, wie in Deep Impact, keine Rückkehr nach Hause und wenn, dann nur unter großen Verlusten. Dass der Mensch auf ungewohntem Terrain nur sein Verderben finden kann, schildert bereits der griechische Mythos des Ikaros. Der Knabe, dessen Vater und Erfinder Daedalos sich selbst und seinem Sohn Flügel aus Wachs anband, flog in seinem naiven Übermut zu nah an die Sonne heran. Seine Wachsflügel schmolzen daraufhin und Ikaros stürzte ins Meer. Die hierbei bestimmende Frage lautet, ob es sich der Mensch anmaßen sollte, Gott zu spielen und sich selber in Sphären zu versetzen, die ihm die Natur nicht zugeordnet hat? Jene Frage transferierten Autor Alex Garland und Regisseur Danny Boyle 2007 auf die Kinoleinwand in ihrem Sci-Fi-Thriller Sunshine.

Mit großer wissenschaftlicher Authentizität gingen Garland und Boyle an ihre Geschichte heran. Ihre Einbindung von schwarzer Materie als Ursache für ein Erlischen der Sonne ist gegenwärtig Diskussionsstoff der Astrophysik. In fünfzig Jahren soll die Sonne durch eine nukleare Reaktion mit Hilfe einer Bombe der Größe Manhattans wiederbelebt werden. Dabei offenbart bereits die Einführung der Icarus II zu Beginn, dass es eine Icarus I gegeben haben muss. Durch dieses Detail bringen Garland und Boyle ihr Publikum sofort auf den vorgegebenen Kurs, vermitteln die Tragweite des gesamten Geschehens. Die Notwendigkeit einer zweiten Mission setzt voraus, dass eine erste zum Scheitern verurteilt war. Dies wiederum zieht nach sich, dass auch der Erfolg der zweiten Mission nicht als selbstverständlich zu erachten ist.

All dies wird durch die ersten Sekunden der Einführung vermittelt, ein exzellentes Beispiel für die hohe Kunst der Geschichtenerzählung. Im Gegensatz zu Filmen wie Lost in Space hält sich Danny Boyle auch nicht mit der hoffnungsvollen Abreise der Crew auf, sondern setzt mitten in der Mission ein. Genauer gesagt tritt die Mission nunmehr in ihre kritische Phase. Nach sechzehn Monaten im All überschreitet die Icarus II den Punkt, an welchem der Kontakt zur Erde verloren geht. Gewissermaßen überschreitet man hier den Rubikon. Stellvertretend für alle Crew-Mitglieder zeigt Boyle dem Publikum lediglich die letzte Botschaft von Physiker Robert Capa (Cillian Murphy), welcher den Missionsinhalt Revue passieren lässt: So if you wake up one morning and it's a particularly beautiful day, you'll know we made it.

Woher nimmt der Mensch das Recht am Universum herum zu spielen? Und ist es nicht vorhersehbar, dass dabei etwas schief gehen muss? Berechtigte Fragen und ihre Antworten dürften der Prämisse zufolge bekannt sein. Hierbei funktioniert Sunshine deshalb so gut, da sich Autor Alex Garland viel Mühe mit seiner Charakterausarbeitung gab. Mit wem es das Publikum hier tatsächlich zu tun hat, wird durch das bloße Betrachten des Filmes nicht klar. Was ist die Agenda der Crew, was sind ihre Ängste und ihre Erwartungen? Da ist zum einen Corazon (Michelle Yeoh), welche für den biologischen Garten der Sauerstoffproduktion zuständig ist. Ihr Name (span. Herz) bezieht sich dabei mehr auf ihren Garten, denn auf ihre eigene Persönlichkeit. Corazon ist nicht wirklich kaltherzig, ihren wahren pragmatischen Charakter sieht man erst, als ihr Garten zerstört wird. Letztlich stirbt vielleicht mit ihrem Garten auch ihr eigenes Herz.

Als eigentliches Herz der Mannschaft fungiert vielmehr Pilotin Cassie (Rose Byrne), die eigene Opfer auf sich nahm, um an dieser Mission teilzunehmen. In den entscheidenden Szenen agiert Cassie im Grunde als das Gewissen der Icarus II. Dieses lässt sich nicht unbedingt als rational bezeichnen, jedoch als menschlich, sodass Cassie im Grunde die Stellvertretung der gesamten Menschheit auf der Mission einnimmt. Wo Cassie die Rationalität abgeht, ordnet sich Techniker Mace (Chris Evans) ganz dem Ziel der Mission unter. Hierbei zählt nur der Transfer der Bombe zur Sonne und zugleich die Aufrechterhaltung von Capas Leben, der als der Bord-Physiker als einziger mit der Bombe umgehen kann.

Auch in den entscheidenden Szenen -beispielsweise am Luftschloss der Icarus I - zögert Mace daher nicht eine Sekunde sein Leben hinter das von Capa zu stellen. Obschon er mit diesem - ist Capa doch der einzige nicht ausgebildete Astronaut an Bord - mehrfach Auseinandersetzungen hat. Als zwei erfahrene Figuren findet sich noch Psychologe Searle (Cliff Curtis) und Kapitän Kaneda (Hiroyuki Sanada). Beide haben sich mit dem Scheitern der Vorgängermission eindringlich beschäftigt, allen voran Kaneda. Zum Zünglein an der Waage wird letztlich Mathematiker Trey (Benedict Wong), dessen Genie ihm zum Verhängnis wird. Das gesamte Ensemble agiert den Film hindurch nach Garlands Vorgaben, auch wenn diese bei Figuren wie Harvey (Troy Garity) bedauerlicherweise im Film nicht zur Genüge zur Geltung kommen.

Auf ihrem Weg zur Sonne stößt die Icarus II auf das Schiff ihrer Vorgängermission. Die logische Konsequenz: man birgt die Bombe der Icarus I. Das ganze Projekt ist auf Theorie gegründet, sollte etwas schief gehen, sind zwei Bomben besser wie eine. Es ist keine demokratische Entscheidung, vielmehr fällt sie allein Physiker Capa zu. Sein „Oh shit“ ist dabei die wohl treffendste Äußerung, welche die Figur in diesem Moment von sich geben könnte. Ein unbedeutender Umweg bringt die Planungen von Wochen und Monaten durcheinander. Navigator Trey, ein mathematisches Genie, will die neue Berechnung nicht dem Bordcomputer überlassen, vernachlässigt bei seiner eigenen Kalkulation jedoch etwas. Die logische Entscheidung führt zum menschlichen Versagen, die von langer Hand geplante Routine zum Opfer der Spontaneität.

Der Moment fordert ein menschliches Leben, ein Verlust der im Grunde für den Rest des Filmes unerheblich ist. Schließlich wird es nicht Treys Fehler sein, der zur Tragik verkommt, sondern Capas Entscheidung die Icarus I aufzusuchen. Was hatte die erste Mission zum Scheitern verurteilt? Capa und die anderen werden es herausfinden und die Geister, die sie riefen, nicht mehr loswerden. Auf ihrer gottesgleichen Mission, der Erschaffung eines Sternes, werden der Crew ihre menschlichen Fehler zum Verhängnis werden. Dabei werfen Garland und Boyle jedoch keineswegs moralische Fragen oder Dilemmas auf, sondern schildern einfach die Ereignisse dieser acht Personen auf ihren Weg zur Rettung eines ganzen Planeten.

Es gelingt Danny Boyle mit Sunshine einen ruhigen und teilweise sogar elegischen Thriller zu drehen. Die Stärken seines Filmes sind die optischen respektive technischen Szenen. Die Symbiose zwischen den Bildern und dem Ton ist faszinierend, die Einstellungen der Sonne und der Icarus II im All, der Raumschiffgänge, dies alles mit der musikalischen Untermalung von Underworld. Exzellent auch der Übergang der Crew zur Icarus I, bei welchem jedes Mal, wenn die Taschenlampen die Kamera treffen, Bilder der verstorbenen Crewmitglieder übergeschnitten werden. Mit Sunshine schuf Garland eine stylische Mischung aus 2001 und seinem eigenen Werk The Beach. Auf klaustrophischen Raum werden über eine längere Zeit hinweg unterschiedliche Persönlichkeiten konzentriert.

Kein Entkommen und Loslösen voneinander teilweise Anwesenden zu denen man ein gespanntes Verhältnis hat. Die erste Hälfte des Filmes ist hier ob ihrem phantastischen Look und der Intelligenz des Drehbuchs berauschend. Die Wendung, welche Sunshine anschließend nimmt, ist diskutabel. Manche Einstellungen folgen so rasch aufeinander, dass man das Gefühl hat, Boyle hätte die eine oder andere Szene geschnitten - gerade im Finale. Zur Hinterfragung des Plots und somit des Filmes ist die Wendung allerdings nur konsequent. Mit Sunshine ist Garland und Boyle ein Science-Fiction Film gelungen, der letztlich zwar mehr style over substance ist, aber dennoch auch durch seine Atmosphäre zu überzeugen weiß und zu den besten Filmen des Genres zählt.

8.5/10