Posts mit dem Label Rachel Weisz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rachel Weisz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

8. Februar 2011

Constantine

That’s called pain. Get used to it.

Seit fast 20 Jahren gibt es das DC-Imprint Vertigo, welches 1993 das Licht der Welt erblickte, um Comics mit etwas reiferem Inhalt inklusive graphischer Gewalt für ein älteres Publikum interessant zu machen. Für Vertigo entstanden dabei so geschätzte Werke wie Y: The Last Man, 100 Bullets, sowie Neil Gaimans The Sandman und Garth Ennis’ Preacher. Doch das bekannteste Kind des Imprints ist Hellblazer, das seine ersten Schritte 1988 noch unter Leitung von DC tätigte, ehe es zu Vertigo überging und damit zu dessen längstwährendem Titel avanciert. Dabei verdankt Hellblazer seine Existenz keinem Geringeren als Comic-Guru Alan Moore.

Denn es war Moore, der John Constantine 1985 als Nebenfigur für The Saga of the Swamp Thing erfand, ehe dem okkultistischen Detektiv drei Jahre später unter Federführung von Jamie Delano eine eigene Comic-Reihe gewährt wurde. Über die Jahre hinweg würden sich auch Neil Gaiman, Brian Azzarello, Andy Diggle sowie Garth Ennis an dem Liverpooler Kettenraucher versuchen. Speziell der von Ennis geschriebene Handlungsbogen Dangerous Habits wurde zu einem Klassiker der Hellblazer-Serie und bildete elf Jahre nach seinem Erscheinen 2005 das Handlungsgerüst der Comic-Adaption Constantine von Francis Lawrence.

Was seine Charakterzeichnung angeht, ist John Constantine - dessen äußeres Erscheinungsbild dem britischen Sänger Sting nachempfunden wurde - nicht zwingend eine ausgesprochen sympathische Figur. Für Constantines eigensinnige Handlungen zahlen letztlich oft seine Freunde und Bekannten den Preis. Wenn es in der nach dem Titelhelden benannten Kinoversion an einer Stelle (aus dem Kontext) gerissen heißt: “I don’t need another ghost following me around”, dann ist dies als Anspielung auf die unzähligen Geister von Constantines Freunden zu verstehen, die ihn in Hellblazer verfolgen und kontinuierlich an seine Fehler erinnern.

“He’s more about manipulating people than using magic”, beschreibt Karen Berger, Chefredakteurin von Vertigo, den englischen Anti-Helden. So ist Constantine auch kein klassischer Comic-Held mit übermenschlichen Fähigkeiten, sondern ein Kerl aus Fleisch und Blut, der mittels schwarzer Magie, Okkultismus sowie Esoterik und, vielmehr noch, dank Cleverness dem Teufel und Co. immer wieder ein Schnippchen schlägt. Anders dagegen in Constantine, der umbenannt wurde, um Verwechslungen des Publikums mit der Hellraiser-Serie (wie Hellblazer ursprünglich heißen sollte) und dem im Jahr zuvor gestarteten Hellboy vorzubeugen.

So wurde der blonde Okkultist aus dem Liverpool der Thatcher-Ära zum schwarzhaarigen Exorzisten aus Los Angeles. Seinen Job übt Constantine (Keanu Reeves) auch nur deswegen aus, weil er als Kind von seiner Fähigkeit - er kann Engel und Dämonen sehen - in den Suizid getrieben wurde und sich nun versucht, (s)einen Weg in den Himmel zu erheilen. Adrett gekleidet im schwarzen Anzug gibt Reeves den Helden wider Willen. Besonders dramatisch wird das religiöse Erbe der begangenen Todsünde, da Constantine, hier wird das Handlungsgerüst von Garth Ennis aus Dangerous Habits aufgegriffen, an Lungenkrebs im Endstadium leidet.

Eine überzeugende Wahl, repräsentiert der Erzählbogen doch im Grunde alles, wofür Hellblazer steht. Ausgesprochen schwarzhumorig zeigt sich Constantine hier im Finale von seiner besten Seite, wenn er dem Tod vorerst von der Klinge springt, indem er Luzifer, Azazel und Belzebub gegeneinander ausspielt. Besonders interessant wird Ellis’ Geschichte dadurch, dass Constantine angesichts seines drohenden Todes Hilfe nicht nur bei der einen Seite (in Form von Erzengel Gabriel), sondern auch der anderen (die Dämonin Ellie) sucht. In Constantine scheitert die Einbindung von Dangerous Habits letztlich am Versuch, mehr zu erzählen als nötig ist.

So macht Francis Lawrence, der mit diesem Film sein Regiedebüt feierte, erfreulicherweise keinen Hehl daraus, dass Constantine entgegen der Gewohnheit anderer Comic-Verfilmungen keine Origin-Story erzählen will. Zumindest so halb, wird später schließlich dennoch, wenn auch per Rückblende, eine fiktive Origin-Story eingebaut und versucht, mit der Haupthandlung in Korrespondenz zu bringen. Knapp zusammengefasst ist dies auch der Grund, warum Constantine als stimmig-stringentes Werk zum Scheitern verurteilt ist. Anstatt sich auf das individuelle Schicksal seines Helden zu fokussieren, wird die ganze Welt in Gefahr gebracht.

In einer vollkommen unerheblichen Nebenhandlung stößt ein Mexikaner in der Wüste auf die von den Nazis entdeckte Heilige Lanze, im Englischen weitaus plakativer “Spear of Destiny” genannt. Mit ihr stapft er nach Los Angeles, wo sie im perfiden Plan von Erzengel Gabriel (Tilda Swinton) dazu dienen soll, Luzifers (Peter Stormare) Sohn Mammon aus dem Leib eines Mediums, hier: Mordkommissarin Angela (Rachel Weisz), zu befreien, damit dieser die Hölle auf Erden entfacht und nur noch diejenigen in den Genuss von Gottes Gnade kommen, die sie auch verdienen. Und das alles nur, damit die Weltenrettung zur Katharsis des Helden verkommen kann.

“I love the fact that the movie never bothered to try to explain itself”, ist Produzent Akiva Goldsman voll des Lobes. Was an sich in Ordnung ginge, wenn das, was der Film zeigt, zumindest einem bestimmten Sinn folgt. Stattdessen wird Constantine vollgemüllt (anders lässt es sich nicht sagen) mit eigens erfundenen Figuren wie Hennessy (Pruitt Taylor Vince) und Beeman (Max Baker), die zwar, wie im Finale auch Chas (Shia LaBeouf), für die Handlungen von Constantine ihr Leben lassen dürfen, ohne dass dies jedoch entsprechend innerhalb der Geschichte gewürdigt würde. So sterben sie lediglich den obligatorischen Tod der ersetzbaren Figuren.

Selbst wenn Hennessys Tod eine charmante Hommage an Jamie Delanos erste Hellblazer-Ausgabe Hunger darstellt (wie auch später noch nett aber durchweg nutzlos weiter reminisziert wird, zum Beispiel aus Feast of Friends), negiert Lawrences Debüt nahezu alles, was das Vertigo-Comic eigentlich auszeichnet. Da zeigt sich Constanine zu Beginn als lässig-cooler Exorzist, von dem es dann später für den Comic-fremden Zuschauer plötzlich heißt, dass seine Seele für Luzifer so begehrenswert ist, dass er sie sich persönlich abholen würde. Was im Finale dann nur dazu dient, eine Situation zu klären, die Constantine alleine nicht bereinigen konnte.

Das trostlose und heruntergekommene Liverpool der achtziger Jahre weicht der erstaunlich leeren Multikulti-Metropole Los Angeles, wo sich Constantine in sinnlosen Szenen vor Tankstellen mit Fliegenmonstern kloppt oder andernorts Gwen Stefanis Ehemann Gavin Rossdale mit einem christlichen Schlagring die Dämonenfresse poliert. Die Handlung bringt das genauso wenig weiter wie die überflüssigen Integrationen bekannter Hellblazer-Figuren wie Papa Midnite (Djimon Hounsou) oder Shia LaBoeufs Chas. Dass die viel interessantere Figur, Ellie (Michelle Monaghan), der Schere zum Opfer fiel (bis auf eine Szene im dritten Akt), spricht Bände.

Vom düsteren Charakter der Vorlage, die sehr viel mehr in der Realität verordnet war als dies bei Constantine mit seinen pseudo-Schock-Elementen der Fall ist, bleibt nicht mehr viel übrig oder geht unter in all den Weihwasser-Granaten- und Halbkopf-Dämonen-Szenen. Zudem will die schlecht ausgearbeitete (da von den Drehbuchautoren erdachte) Handlung um die Heilige Lanze nicht mit dem von Ennis’ übernommenen Gerüst bezüglich Constantines Krebs harmonisieren. Hinzu kommt, dass Figuren wie Hennessy oder Beeman schlicht zu wenig eingeführt wurden, als dass sie für das Publikum (oder Constantine) von Bedeutung wären.

Dabei hat der Film seine Momente, sei es die durchaus stimmige Charaktereinführung mittels des Exorzismus (“This is John Constantine, asshole”), der immerhin interessant inszenierte Ausflug in die Hölle, sowie zuvorderst die vielen Anspielungen zu Dangerous Habits, allen voran die exzellent besetzte Tilda Swinton. Den Engel Gabriel androgyn mit einer derart passenden Person zu besetzen war vielleicht der gelungenste Schachzug der Comic-Adaption. Wo mit Abstrichen auch Weisz und Stormare (Letzterer mit ordentlichem Camp-Faktor) überzeugen, bleibt LaBeouf fehlbesetzt wie eh und je und Reeves gewohnt austauschbar.

Constantine scheitert bereits an seiner Marktausrichtung. Erst als die Titelfigur vom Briten zum US-Amerikaner wurde, zeigten die Produzenten überhaupt Interesse. Der Wechsel über den Atlantik tat dem Hellblazer-Universum zusätzlich Abbruch und ließ den Plot am Ende so austauschbar werden, wie die darstellerischen Fähigkeiten ihres Hauptdarstellers. Eine reine, in Liverpool lokalisierte, Adaption von Dangerous Habits mit Daniel Craig oder Rhys Ifans in der Hauptrolle wäre dem Film sicher zum Vorteil gereicht. “There’s more than one road to hell”, erklärt Constantine am Ende von Going for It zynisch. Und Constantine ist eine dieser Straßen.

4.5/10

12. August 2010

The Lovely Bones

I was here for a moment, and then I was gone.

Der Limbus ist dieser Tage ein sehr beliebtes narratives Mittel in Hollywood. Er spielte eine große Rolle in der Hit-Serie Lost und auch in Christopher Nolans Inception. Auch für Alice Sebolds Roman The Lovely Bones von 2002 spielt ist der Limbus von Bedeutung, auch wenn er hier als Zwischenwelt bezeichnet wird. Nicht mehr am Leben, aber noch nicht im Himmel. Definitorische Augenwischerei, die letztlich auf dasselbe hinausläuft. Unruhige Seelen, „geparkt“ zwischen dem Hier und Da. Wo in Lost jener Raum relativ unspektakulär aussieht - sicher auch dem Budget geschuldet -, lassen Nolan und Peter Jackson, verantwortlich für Sebolds Adaption, die Spezialeffektmuskeln spielen. Angesichts des deutschen Titels, In meinem Himmel, sollte man meinen, dass jene Zwischenwelt eine besondere Rolle spielt, was jedoch, speziell im direkten Vergleich zu Lost, nicht der Fall ist. Die planlose Integration der Zwischenwelt fügt sich dabei geschickt ein, in einen Film, der eigentlich alles falsch macht, was man falsch machen kann.

Sebold erzählt die Geschichte von Susie Salmon (Saoirse Ronan), „Salmon, like the fish“. Ein lebenslustiges Mädchen, eine begeisterte Fotografin, die einst ihrem kleinen Bruder das Leben rettete, weil sie ihn als Zwölfjährige ins Krankenhaus fuhr. „We weren’t those people. Those unlucky people to whom bad things happened for no reason“, lässt Susie später wissen. Kurz bevor ihrer Familie etwas Schlimmes widerfuhr. So ganz ohne Grund. Es war ein Tag wie jeder andere, sollte man meinen, an dem Susie stirbt. Sie darf zwar nicht alle ihre Filme entwickeln lassen und muss eine hässliche Mütze tragen, aber immerhin hätte sie fast ihren Schulschwarm Ray (Reece Ritchie) geküsst. Eine Abkürzung über ein zugefrorenes Maisfeld führt sie jedoch in die Arme ihres Nachbarn George Harvey (Stanley Tucci), der Susie anschließend vergewaltigt und ermordet. Beziehungsweise in Jacksons Filmversion nur ermordet, vermutlich, weil das ja schon schlimm genug ist. Susie Tod bringt erwartungsgemäß die Familienharmonie durcheinander. Ihr Vater (Marky Mark) ist am Boden zerstört, die Mutter (Rachel Weisz) verlässt die Familie, um in Kalifornien Obst zu pflücken und der Großmutter (Susan Sarandon) ist der Tod der Enkelin eigentlich schnuppe.

Während das Leben also auf der Erde weitergeht, landet Susie in der Zwischenwelt. Zu Beginn installierte Jackson eine Analogie, als die kleine Susie eine Schneekugel mit Pinguin betrübt bestaunt, ehe ihr Vater ihr erklärt, er sei gefangen „in a perfect world“. Was an sich schon eine reichlich behämmerte Formulierung ist, denn wie perfekt kann eine Welt sein, wenn man in ihr gefangen ist? Susie jedoch übernimmt den väterlichen Hinweis und erachtet ihr Dasein in der Zwischenwelt als Wink des Schicksals. „I was alive in my own perfect world”, erklärt sie und vergnügt sich mit einem Inuit-Mädchen in einer phantasiereichen Welt, wo sie Pop-Star sein kann und Hundeschlittenrennen zelebriert. Gelegentlich schaut sie dann mal auf der Erde vorbei, hat aus unerfindlichen Gründen Einblicke in das Innenleben ihres Mörders und stalkt ihren alten Schwarm Ray, der inzwischen mit der verschrobenen Ruth Connors (Carolyn Dando) angebandelt hat, die mit Susie seit der Nacht ihres Mordes ein besonderes Band verbindet.

Man würde nun meinen, dass es in The Lovely Bones darum geht, dass Susie aus der Zwischenwelt ihren Beitrag dazu leistet, Harvey als ihren Mörder zu überführen und ihre Familie somit Ruhe findet. Pustekuchen. Zwar entbrennt irgendwann eine Verfolgung von Harvey durch Susies Vater und ihre Schwester, doch wird diese so unmotiviert begonnen, wie irgendwann auch wieder fallengelassen. Jackson will also keinen Krimi, keine Überführung des Täters, erzählen. Allerdings auch kein Drama über die emotionale Aufarbeitung der Hinterbliebenen. Vater Jack lässt Monat für Monat einen von Susies Filmen entwickeln, ehe er - natürlich - ausgerechnet in den letzten Bildern einen Hinweis entdeckt. Zuvor hatte er bereits jeden in der Nachbarschaft beim polizeilichen Ermittler (Michael Imperioli) angeschwärzt - außer selbstverständlich den eigentlichen Täter. Angetrieben dabei von Susies Hass auf Harvey, der irgendwann in ihrer perfekten Welt anscheinend plötzlich aufgekommen ist.

Mal ist die Zwischenwelt also dufte, dann aber doch irgendwie nicht. Wieso und warum erfährt man nicht so recht, denn Susies Innenleben ist obschon sie als allwissende Erzählerin fungiert, relativ selten Inhalt der jeweiligen Szenen. Womit man immer noch mehr über sie erfährt, als über die anderen Charaktere, die diese Bezeichnung im Grunde nicht verdienen. Marky Mark, der erst kurz vor knapp Ryan Gosling ersetzt hat, animiert eher zum Lachen, wie er mal wieder am Unterfangen, Schauspiel zu betreiben, grandios scheitert. Und Weisz wirkt ohnehin wie ein Fremdkörper dank einer Figur, die nie beleuchtet und bei der erstbesten Gelegenheit aus der Szenerie befördert wird. Susan Sarandon gibt dagegen die durchgeknallte Oma, die so inkompetent ist, dass man sich fragt, wie sie jemals ihr eigenes Kind großziehen konnte. Der Sinn und Zweck der übrigen Figuren von Imperioli, Dando und Ritchie erschließt sich einem ebenfalls nicht wirklich, während Tuccis Serienmörder mit seiner brummigen Stimme und dem Look eines heruntergekommenen Jason Schwartzman in seinen Fünfzigern wie im Falle von Marky Mark eher amüsiert.

Jackson präsentiert blasse Figuren, zu denen man nie Zugang erhält. Die Geschichte selbst wiederum wird leidlich unterhaltsam und ausgesprochen uninspiriert wie willkürlich erzählt. Die Integration von Susie in ihrer Zwischenwelt ist dabei häufig völlig fehl am Platz beziehungsweise ohne Mehrwert. Mit The Lovely Bones ist Peter Jackson an seinem bisherigen Tiefpunkt angelangt, auf den er bereits die letzten Jahre mit The Two Towers über The Return of the King bis hin zu seinem unnötigen King Kong-Remake zugesteuert war. Allenfalls Christopher Nolan wird noch ähnlich überschätzt und der Misserfolg von The Lovely Bones erhöht nach dem Ausscheiden von Guillermo del Toro die Wahrscheinlichkeit, dass Jackson sich auf das besinnt, was er zu können glaubt: Die Werke von J.R.R. Tolkien zu verhunzen. Die beiden Hobbit-Filme, sollten sie denn in absehbarer Zeit grünes Licht erhalten, würden Jackson die Chance geben, wieder über den Klee gelobt zu werden. Denn mit effektlosem Drama scheint der Neuseeländer inzwischen überfordert.

2/10

19. März 2008

Definitely, Maybe

What's a threesome?

Man schrieb das Jahr 1998 und eine kleine Serie wurde aus dem Boden gestampft, die da hieß: Two Guys, a Girl and a Pizza Place. Diese hatte neben sympathischem Humor und netten Geschichten (zumindest in den ersten beiden Staffeln) auch zwei Schauspieler aufzubieten, von denen damals wohl kaum einer dachte, dass sie ihr heutiges Standing erreichen würden. Als schräger Medizinstudent Berg stolzierte Ryan Reynolds über den Bildschirm, sich für keinen Ekel zu schade, was Reynolds dann auch in so Filme wie National Lampoon’s Van Wilder oder dem Remake von The In-Laws weiterführte. Von diesem eher ärmlichen Humor schien er sich dann mit Blade: Trinity entfernen zu wollen und untermauerte seinen Action-Held-Status anschließend mit Joe Carnahans Smokin’ Aces.

Inzwischen gab er in Gavin Hoods Wolverine den Deadpool, demnächst für Martin Campbell den Green Lantern und dazwischen war er mit Scarlett Johansson verheiratet. Wer hätte das 1998 von Berg gedacht? Und auch der etwas naive Johnny, gespielt von Nathan Fillion, entwickelte sich zu einer Art Kultschauspieler, nicht zuletzt dank seiner Rolle als Malcolm Reynolds in Firefly/Serenity. Selbst die kleinste Nischen-Sitcom kann somit Stars oder zumindest Sternchen produzieren, in diesem Fall den guten Mr. Reynolds der in Definitely, Maybe genreuntypisch als männlicher Protagonist Zentrum einer Jahrzehnte umspannenden Liebesgeschichte ist. Die Story: Aus welcher seiner drei ernsthaften Beziehungen resultierte schließlich seine neugierige 10-jährige Tochter Maya (Abigail Breslin)?

Weshalb Sexualkundeunterricht die Frage nach sich zieht, wieso sich Dad von Mum hat scheiden lassen, erschließt sich einem nicht, bildet jedoch den Aufhänger für eine Liebesgeschichte, die einst mit Bill Clinton begann (wie viele Liebesgeschichten können das schon von sich behaupten?). Der in die Großstadt flüchtende Will verliert schließlich durch die Distanz seine College Freundin Emily (Elizabeth Banks). Die zweite Beziehung zu der Journalistin Summer (Rachel Weisz) scheitert an beruflichen Differenzen und die dritte Beziehung zu April (Isla Fisher) ist ohnehin über Jahre von freundschaftlicher When Harry Met Sally Natur. Für die kecke Maya stellt sich also die Frage, wie sich ihr Vater und ihre Mutter ursprünglich ineinander verliebt haben und weshalb sie sich folglich scheiden lassen.

Da eine einfache Antwort des Vaters an die Tochter keinen ganzen Film ausfüllen würde, wird das ganze investigativ verpackt und Maya darf es selbst rausfinden. Hierbei wird sie feststellen, dass Beziehungen und die Liebe nicht immer so einfach sind, wie man sich das vielleicht denkt. Die hier aufgezeigten Probleme sind natürlich nicht sonderlich einfallsreich, ebenjene Distanz, das Auseinanderleben beendet die eine Beziehung, die Kollision von Beruf und Privatleben dann später die zweite und die dritte wiederum wird von wechselnden Gefühlswandlungen zu verschiedenen Zeiten blockiert. Insgesamt werden hier typische Beziehungsformen abgespult, die jeder im Laufe seines Lebens einmal kennen gelernt haben wird und dem Film somit einiges nachempfinden zu können.

Die vorherrschende Frage des Publikums ist dieselbe wie die von Maya: Welche der drei Damen wird sich als ihre Mutter herausstellen? Dabei lockt einen der Film auf eine ziemlich falsche Fährte, der zumindest ich bis zum Ende auf den Leim gegangen bin. Wie das Ganze verpackt ist, kann man dabei sehr kritisch betrachten. Definitely, Maybe ist gefühlte zweieinhalb Stunden lang, was er besonders seiner Mitte zu verdanken hat, in welcher alle Charaktere eine zweite Runde drehen dürfen. Letzten Endes führt dies irgendwie nirgendwo hin, wiederholt sich zu sehr und zögert das Unweigerliche hinaus. Insofern hätte die gesamte Geschichte sich auch gut wenn nicht gar besser in einem anderthalb Stunden dauernden Film erklären lassen und hätte auf dieselbe Art und Weise gepunktet.

Selbstverständlich befriedigt der Film dabei die Erwartungen der Zuschauer, indem er sie mit den typischen RomCom-Zutaten füttert. Roter Faden für die Damen dürfte der sympathische Ryan Reynolds sein, hübsch anzuschauen und überhaupt, so fürsorglich. Die Männer hingegen erwartet ein Aufmarsch attraktiver Frauen, welche sich nicht nur auf die drei in die Prämisse  integrierten Elizabeth Banks, Rachel Weisz und Isla Fisher beschränken, sondern bis in die Nebenrollen weiterreichen. Besonders zwischen Reynolds und Fisher stimmt die Chemie, was deshalb günstig ist, da die beiden von allen drei Paarungen am meisten Screentime abbekommen haben und ebenjene Chemie ausspielen können.

Verantwortlich für den Film ist primär Regisseur Adam Brooks, sekundär dann dieselben Leute, die hinter britischen RomComs wie Love Actually, Wimbledon und Notting Hill standen. In dieselbe Schublade lässt sich auch problemlos Definitely, Maybe einordnen. Kameramann-Erbe Florian Ballhaus orientiert sich in seiner Arbeit an Videoclip-Ästhetik und Clint Mansells Score geht überraschend irgendwie unter. Der Cast weiß, bedenkt man die Charaktere, zu überzeugen. Highlight des Filmes ist hierbei Isla Fisher, welche die charmanteste Figur abbekommen hat. Weshalb ich am Ende dann auch durchaus neidisch auf Sacha Baron Cohen war, der nicht nur mit Isla Fisher liiert ist, sondern sogar eine Tochter mit ihr hat. Außer er erzählt ihr in zehn Jahren etwas anderes.

7/10

30. Januar 2008

My Blueberry Nights

So what’s wrong with the blueberry pie?

Ein Mann und eine Frau sitzen sich gegenüber, sie unterhalten sich und obwohl sie einander eigentlich fremd sind, sind sie es irgendwie doch nicht. Beide kennen sich nicht oder glauben sich nicht zu kennen, da fragt der Mann die Frau nach ihrer Vergangenheit. Doch die Frau antwortet nicht, zückt stattdessen einen Stapel Karten und breitet diese auf dem Tisch vor sich aus. Wenn ihr Gegenüber die höhere Karte zieht, wird sie ihm ihre Frage beantworten. Der Mann zieht eine Karte und es ist die Kreuz Acht, während die Frau die oberste Karte wählt…das Pik As. Sie steht auf und geht. Einst saß der Mann ebenfalls vor einem Kartenspiel und verlor ebenfalls gegen das Pik As, vor einer Zeit, die lange her ist und ihm damals das Herz gebrochen hat. Und sein Herz kann auch jetzt nicht gekittet werden, denn der Augenblick ist vorüber gegangen. Wenig später wird der Mann sagen „Man erkennt eine verwandte Seele nicht, wenn man sie zu früh trifft…oder zu spät“. Es sind die Worte von Chow Mo-Wan, der einst verliebt war und nun nur noch einsam ist. Es sind die Worte einer Figur, die zu den beiden letzten Filmen von Wong Kar-Wai gehört. Mit Fa yeung nin wa spätestens gelang ihm im Jahr 2000 der Durchbruch und diese hoch gelobte Geschichte erzählte er wenige Jahre später mit 2046 weiter. Dabei ist die Geschichte noch nicht zu Ende gelangt, denn für Wong Kar-Wai zählen alle seine Filme nur als Szenen eines einzigen großen Filmes und in gewissem Sinne ist Chow Mo-Wans Zyklus noch nicht zu Ende erzählt, er hat lediglich Raum, Zeit und Ort gewechselt und bildet die Grundlage für My Blueberry Nights.

Ein Mann und eine Frau sitzen sich gegenüber, sie unterhalten sich und obwohl sie einander eigentlich fremd sind, sind sie es irgendwie doch nicht. Elizabeth (Norah Jones) kam in das Café von Jeremy (Jude Law) weil sie ihren Freund sucht, muss jedoch durch Jeremy erfahren, dass dieser sie mit einer anderen betrügt. Wutentbrannt hinterlässt sie im Café die Schlüssel zu der Wohnung ihres Freundes, erscheint dann allerdings noch in derselben Nacht, um sich nach seinem Erscheinen zu erkundigen. Sie taucht auch die nächsten Nächte in Jeremys Café auf und isst dabei jedes Mal ein Stück Blaubeerkuchen mit Vanilleeis. Doch ihr Ex-Freund lässt Elizabeth nicht los und so gibt es für ihr Problem nur eine Lösung: sie muss New York verlassen. Sie macht sich auf nach Memphis und arbeitet dort zwei Jobs gleichzeitig, begegnet dabei tagsüber in einem Café dem Streifenpolizisten Arnie (David Strathairn), der sich abends wegen seiner Frau Sue Lynne (Rachel Weisz) den Kopf zuschüttet. Es ist eine zum Scheitern verurteilte Beziehung und Elizabeth, die sich Lizzie nennt, zieht wenige Wochen später bereits wieder weiter und landet in Nevada. Auch hier arbeitet sie als Bedienung und lernt unfreiwillig die egozentrische Leslie (Natalie Portman), mit welcher sie daraufhin einige Zeit verbringt. Auch Leslie leidet unter einer zum Scheitern verurteilten Beziehung und Elizabeth, die sich Beth nennt, muss die Erfahrung machen, dass es nicht immer eine Veränderung des Charakters ist, die einen im Leben weiterbringt.

Für Wong Kar-Wai stand von Anfang an fest, dass nur Musikerin Norah Jones, ihres Zeichens mehrfache Grammy-Preisträgerin, die Hauptrolle in seinem ersten englischsprachigen Kinofilm spielen könne. Und Jones fügt sich auch bestens ein, bewerkstelligt ihre Figur problemlos neben den anderen Darstellern, die alle bereits einmal für einen Academy Award nominiert waren. Man nimmt Jones diese stur-vertrauensvolle junge Frau in jeder Minute ab, auch wenn man selbst manche ihrer Entscheidungen kopfschüttelnd in Frage stellen mag. Auch die anderen Darsteller von Jude Law bis hin zu David Strathairn spielen ihre Rollen überzeugend, selbst wenn sie nicht wirklich hineinpassen wollen in das Schema, das doch viel zu sehr amerikanisch ist, als dass es in Wong Kar-Wais Gedankenwelt Platz nehmen könnte. Gewiss, die Geschichte spielt diesmal nicht im Hongkong oder Singapur der 60er Jahre, sondern im Amerika des Hier und Jetzt, dementsprechend bunt und knallig sind meistens die Farben welche WKW für seine Blueberry Nights auswählt. Unterlegt werden diese bunten und mitunter schrillen Bilder von passender Musik der im Film auftretenden Norah Jones und Cat Power selbst, sowie hauptsächlich von Jazzmusiker Ry Cooder.

Aber irgendwie wollen Bilder, Musik und die Darsteller, bzw. die Geschichte keine richtige Symbiose eingehen, zu gekünstelt wirkt das ganze, besonders in den Memphis Szenen um Arnie und Sue Lynne. Hier beginnt man sich zu fragen, was das ganze eigentlich soll, bzw. wo WKW eigentlich mit seiner Geschichte hin möchte. Doch man erinnere sich daran, dass alle seine Filme nur Szenen eines Filmes sind und an einen weiteren Moment mit Chow Mo-Wan, in welchem er der Prostituierten Bai Ling gegenüber erklärt „Ich habe nur Zeit und die muss ich mir vertreiben“, worauf ihm die Frage gestellt wird „Und das tun Sie mit Menschen?“. Wie vertreibt sich also der chinesische Meisterregisseur seine Zeit, er tut es mit Menschen, sprich mit Schicksalen. In Memphis dreht sich alles irgendwie nicht mehr um Elizabeth/Lizzie, sondern hier ist Arnie der Star. Arnie, der die Nacht durch trinkt, um nicht an seine gescheiterte Ehe zu Sue Lynne erinnert zu werden und der tagsüber den Mann von Recht und Ordnung gibt, bis die Spannung zwischen beiden zu eskalieren droht. Wie es genau zu der Beziehung der beiden kam und wie diese Beziehung ursprünglich mal aussah, davon verrät uns WKW nichts, zumindest nichts genaues und Elizabeth ist während der ganzen Szenerie eigentlich selbst auch lediglich ein Zuschauer der Zeuge dieser Szenen einer Ehe wird. Strathairn spielt den Arnie gut, will aber nicht so recht in die Figur passen, bzw. die Figur wirkt lediglich schemenhaft, zu undurchsichtig. Wer ist Arnie, das ist die Frage die sich einem stellt und die man doch nicht richtig beantwortet bekommt. Weisz sah selten mit einem Haarschnitt heißer aus als hier, doch auch zu kann ihrer Figur nicht recht Leben einhauchen.

Dies gelingt Natalie Portman dann schon etwas besser, ihre Rolle der Leslie gleichzeitig mit einer Wildheit, als auch mit einer gewissen Verletzlichkeit rüberzubringen. Ihre Figur wirkt echt und real, passt in die Umgebung und gefällt – wären da nicht die Pokerszenen, denn diese passen einfach absolut nicht zu Leslie, bzw. zumindest nicht zu Portman selbst. Hier hätte WKW besser ein anderes Medium gewählt, in dem er Leslie als die Persönlichkeit darstellen könnte, wie er sich das gedacht hat. Im Gegensatz zu dem trostlosen Leaving Las Vegas Ambiente aus Memphis weiß die hier gewählte Thelma & Louise Thematik durchaus wieder besser zu gefallen, auch wenn hier immer noch Elizabeth im Hintergrund steht, weiterhin selbst Zuschauer ist. Wong Kar-Wai präsentiert seinem Publikum in Elizabeth eine Katharsis, die irgendwie doch keine ist, denn weiterentwickeln tut sie sich während des Filmes nicht. Sie bleibt dieselbe Person, bleibt ihrem Charakter treu und wird lediglich mit ihren Erinnerungen fertig. Die Frage ist, ob sie dies nach dreihundert Tagen nicht auch in New York selbst geschafft hätte, denn früher oder später wird jeder mit einer gescheiterten Beziehung fertig. Elizabeth, wie WKW auch eingesteht, wählt den langen und den umständlichen Weg, anstatt den einfachen zu nehmen. Eine Lektion lernt sie dabei nicht, weshalb ihr die dreihundert Tage unterwegs lediglich Erfahrung gebracht haben, aber keinen Wandel. Somit ist My Blueberry Nights nur zur Hälfte eine Geschichte über Elizabeth, bzw. Chow Mo-Wan, und zeigt dem Publikum zudem noch, dass es auch andere gescheiterte Beziehungen gibt, mit denen wir alle fertig werden müssen, um weiterzugehen im Leben.

My Blueberry Nights fehlt die poetische Subtilität eines 2046 und die bittersüße Melancholie eines Fa yeung nin wa, das Problem hierbei stellt wohl sicherlich das Ambiente, bzw. die Darsteller dar, denn so recht reinpassen nach Amerika tut WKW (bisher noch) nicht. Das Drehbuch ist gut und die Dialoge sind bedeutungsschwanger wie man es von ihm gewöhnt ist, doch der knallige Look, und der amerikanische Cast passen irgendwie nicht zu der gewünschten Melancholie von gescheiterten Beziehungen. Weisz, Law, Strathairn und Portman sind irgendwie natürlich gut, ohne jedoch wirklich ins Bild passen zu wollen, auch die Geschichte selbst will irgendwie nicht ins Bild passen, sich nicht mit dem Rest des Gesamtfilms vereinen. Das „Würdest du mit mir kommen?“ eines Chow Mo-Wan hat dem Film eventuell gefehlt, sodass My Blueberry Nights hinter seinen beiden letzten Filmes zurückfällt, ohne dabei unbedingt schlecht zu sein oder zu enttäuschen. Das größte Mysterium des Filmes bleibt jedoch seine deutsche Synchronisation, denn wieso Blaubeer-, Käse- und Apfelkuchen nicht so heißen dürfen und stattdessen mit ihren englischen Übersetzungen angesprochen werden, dass kommt mir dann doch wieder Chinesisch vor.

7.5/10

22. Mai 2007

The Fountain

Together we will live forever.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts fand in Hollywood eine Revolution der unabhängigen und innovativen Filmemacher statt. David Fincher kratzte 1999 mit Fight Club an dem Konzept der Heldenidentität, die Wachowskis brachen mit The Matrix im selben Jahr in neue Science-Fiction Welten vor, Spike Jonze sprengte mit Being John Malkovich die Regeln des linearen Erzählens und Darren Aronofsky schickte das Publikum im Jahr 2000 mit seinem Indie-Hit Requiem for a Dream auf eine Bilderachterbahn mit über 3.000 Schnitten, großartiger Musik und einer fabelhaften Geschichte nach dem Roman von Hubert Selby. Der Film tauchte auf über 150 Top Ten-Listen auf und verschaffte ihm einen grandiosen Ruf, der bereits durch sein Debüt π von 1998 Nahrung erhalten hatte. Wie so viele Arthouse-Regisseure wollten die Studios auch Aronofsky für einen Blockbuster gewinnen und boten ihm an, Frank Millers Batman: Year One zu verfilmen. Das Projekt kam jedoch nie zu Stande, da sich Warner Bros. gegen eine von Aronofsky intendierte Mitarbeit Millers verwehrte. Fünf Jahre später sollte sich dies bei Sin City ändern, Batman dagegen wanderte mit Christopher Nolan zu einem anderen Indie-Regisseur.

Aronofsky wollte dennoch einen Sci-Fi-Film drehen, der mit den bisherigen Konventionen brach und ähnlich wie Star Wars, 2001: A Space Odyssey und The Matrix in neue Regionen stieß. Ein Jahr nach Requiem for a Dream stieg er mit Warner Bros. Pictures in Verhandlungen zu The Fountain ein, für das ein Budget von 70 Millionen Dollar veranschlagt wurde und für das Brad Pitt in der Hauptrolle vorgesehen war. Pitt selber wurde, ebenso wie die für die weibliche Hauptrolle angedachte Cate Blanchett, durch ein Screening von Requiem for a Dream gewonnen. Die Planungen begannen und für 20 Millionen Dollar wurde in Australien ein Set gebaut. Im Frühsommer 2002, sieben Wochen vor Drehstart, verließ Pitt dann nach Differenzen mit Aronofsky bezüglich des Drehbuchs das Projekt ab. Die Vorproduktion wurde eingestellt, das Set bei einer Aktion verkauft und Blanchett entschädigt. Doch Aronofsky ließ The Fountain nicht ruhen und nahm die Verhandlungen zwei Jahre später erneut auf. Für die Hälfte des zuvor veranschlagten Budgets wurde der Film nun mit Hugh Jackman und Aronofskys damaliger Lebensgefährtin Rachel Weisz in den Rollen angegangen und kam schließlich nach sechs Jahren endlich in die Kinos.

In der Gegenwart versucht Neurowissenschaftler Tommy (Hugh Jackman) an Rhesusaffen eine Heilung gegen Hirntumore zu finden, um seine eigene Frau, die Autorin Izzie (Rachel Weisz), von ihrer eigenen Krebsdiagnose zu befreien. Während eine erfolglose Operation der nächsten folgt, verschlechtern sich Izzies Symptome zusehends. Derweil schreibt sie, von der Milchstrasse fasziniert, eine Historiennovelle über das frühneuzeitliche Maya-Volk. Im Jahr 1500 wird der spanische Conquistador Tomas (Hugh Jackman) von der spanischen Königin Isabella (Rachel Weisz) ausgesandt, um den Baum des Lebens zu finden, damit die von der Heiligen Inquisition als Häretikerin gebrandmarkte Königin nicht sterben muss. In einem Maya-Tempel erreicht Tomas letztlich dann sein Ziel. Mit einer Esche macht sich derweil im Jahr 2500 der Astronaut Tom (Hugh Jackman) auf den Weg in einen Nebel innerhalb der Milchstrasse, wo er Xibalba vermutet. Die Unterwelt der Maya, in welcher der Legende nach die Seelen der Verstorbenen wiedergeboren werden sollen. Diese drei ineinander verschachtelten Handlungsstränge werden am Ende letztlich auf einen gemeinsamen, sie zusammenführenden, Nenner gebracht.

Entsprechend der narrativen Vorlage – und seiner visuellen Konzeption – ist der Vorwurf, The Fountain könne prätentiös geraten, naheliegend. So kam Aronofskys dritter Spielfilm beispielsweise bei den Redakteuren des Spiegels gar nicht gut an. Von Birgit Glombitza wurde der Film mit den Worten „nervig“, „anmaßend“, „Kitsch“ und „Hokuspokus“ bedacht, ihr Kollege Daniel Sander kam zu dem Schluss, es handele sei ein „zur Katastrophe mutierter Kunstfilm“. Nun stimme ich selten mit den Kino-Rezensenten des Spiegels überein und in diesem Fall schon gar nicht. The Fountain ist weder nervig oder anmaßend noch kitschig oder Hokuspokus. Die Äußerung von Sander dagegen lässt erahnen, dass man es hier wohl mit einem Vertreter des Männerkinos zu tun hat, der vermutlich bei müden shot-for-shot-Remakes wie The Departed besser aufgehoben ist. Denn The Fountain ist ein Kunstfilm und somit zu einem gewissen Grad durchaus prätentiös. Und das muss er auch sein. Wenn schon bezahlte Kritiker dem Film keine Liebe entgegen bringen, muss diese ihm zumindest inhärent sein. Dabei kann man Aronofskys Werk durchaus belanglos, langatmig oder uninteressant finden, dem großen Ganzen kann man sich nicht verschließen. Was er für 40 Millionen Dollar hier auf die Leinwand bannt, sucht in der Filmgeschichte seinesgleichen.

Die übergeordnete Thematik von The Fountain ist der Tod und die Angst der Menschen davor, diesen zu akzeptieren. Insbesonders wenn Liebe mit im Spiel ist. Tommy will Izzie nicht verlieren und verbringt seine gesamte Freizeit im Labor, um eine Heilung gegen ihren Krebs zu finden. Immer wieder spielt Aronofsky dabei einen Moment ab, in welchem Izzie ihn dazu verleiten will, gemeinsam mit ihr den ersten Schnee zu sehen. Die Zeit, die bleibt, miteinander zu verbringen. Doch er wimmelte sie ab, arbeitet lieber an einer Heilung, damit ihnen mehr Zeit bleibt. Es ist bittere Ironie, dass Tommy jene Heilung später findet, dies für Izzie allerdings bereits zu spät ist. Tommy steht hierbei symbolisch für die gegenwärtige Menschheit, die ihren Gott in der Wissenschaft gefunden glaubt. Für Tommy ist der Tod nur eine Krankheit, die man wie jede andere auch heilen und sich vor ihr schützten kann. Dieser Glauben wird erschüttert, als er schließlich an Izzies Grab steht und lediglich ein “there is no hope, only death“ hervorpresst. Mit dem Tod will er sich nicht abfinden, ihn nicht als das finale Ende akzeptieren und Izzies Worten, dass die Mayas den Tod als einen Akt der Erschaffung ansahen, schenkt er wenig Beachtung.

In der Zukunft scheint Tom(my) selbst seine biologische Uhr abgeschaltet zu haben und reist mit einer Esche, in der er Izzies Seele glaubt, in einem seifenblasenartigen Gebilde zu jenem sterbenden Stern, in welchem die Maya ihre Unterwelt Xibalba vermuteten. Dabei wird er immer wieder von jenem Moment verfolgt, in dem er sich nicht Zeit für Izzie nahm. Schließlich schreibt er ihre Geschichte des spanischen Conquistadors Tomas zu Ende, als er dieses auch für sich akzeptiert. Dessen Verständnis vom ewigen Leben wird auf eine harte Probe gestellt und Aranofsky schlägt eine inhaltliche Brücke über ein ganzes Jahrtausend hinweg. Ohne Frage ist The Fountain von einem spirituellen Verständnis durchzogen, das jedoch nicht nur von christlicher Natur ist. Denn der Baum des Lebens findet sich in verschiedenen Kulturen wieder, wie in Yggdrasil aus der nordischen Mythologie. Es geht Aronofsky nicht um religiösen Glauben, sondern um Glauben per se. Was den Menschen menschlich macht, ist für Aronofsky die Tatsache, dass er stirbt. Es ist mehr ein menschliches als ein religiöses Verständnis, dass nach dem Tod noch etwas folgt. Dass der Körper nur ein Gefängnis für unsere Seelen ist, wie es im Film heißt.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Zuschauer durch The Fountain zur Religion hingeführt oder zum Glauben gebracht werden sollen. Der Film behandelt lediglich den Tod des Menschen und dessen sich im Zwiespalt befindende Akzeptanz jener Tatsache, die er nicht ändern kann, nicht einmal durch die Wunder der Wissenschaft. Aronofsky schuf dabei eine bildgewaltige Oper, in der die Galaxie durch Aufnahmen chemischer Reaktionen ersetzt wurde und dennoch glaubhafter aussieht, als in den meisten Science-Fiction-Filmen aus Hollywood. Der stete Wechsel zwischen den Zeitebenen gelingt dabei nahtlos, nicht zuletzt auch dank der einfallsreichen Repetition verschiedener Bildmotive und Symbole. Unterstützt wird diese Bilderflut zudem vom großartigen Soundtrack Clint Mansells, der sich speziell im Finale selbst zu übertreffen scheint. Ähnlich wie 2001: A Space Odyssey dürfte Aronofskys Film der Rezeption seiner Zeit voraus sein, veranschaulicht an den beiden Redakteuren des Spiegel. Und so kann man The Fountain sicher übertriebene Prätention, Religiosität oder Spiritualität unterstellen – wie eigentlich fast jedem Film, der je gedreht wurde – oder man kann ihn ganz einfach nur genießen.

9/10