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19. Mai 2017

Her

How would you describe your relationship with your mother?

Das Smartphone nimmt eine immer größere Rolle in unserem Leben ein. Acht von zehn Deutschen besitzen bereits ein entsprechendes Gerät, das sie im Schnitt alle 18 Minuten entsperren. Ob morgens in der Bahn, am Arbeitsplatz oder abends im Bett vor dem Schlafen, ohne Smartphone geht für viele Menschen nichts mehr in ihrem Leben. Ähnlich zeichnet auch Spike Jonze seine Welt in Her, einem Los Angeles nur wenige Jahre in der Zukunft. Die Menschen in dieser Welt leben weniger miteinander als nebeneinander, immer das Handy in der Hand und einen Stecker im Ohr. Eine derart entpersonalisierte Welt, dass zwar noch handgeschriebene Briefe verfasst werden, allerdings nicht selbst, sondern aus der Feder entsprechender Profis.

Ein solcher ist Theodore (Joaquin Phoenix), ein introvertierter Träumer, der für manche Paare bereits seit Jahrzehnten ihre romantische schriftliche Kommunikation erledigt. Seine soziale Interaktion beschränkt sich auf Small Talk im Fahrstuhl mit seinen Nachbarn, die Abendstunden verbringt er mit Videospielen. Zumindest bis er eines Tages auf dem Weg zur Arbeit die Werbung für das neue Betriebssystem OS 1 sieht und sich selbst versorgt. Kurzerhand wird das Programm installiert: eine künstliche Intelligenz, die von Theodore als weiblich definiert wird und sich selbst den Namen “Samantha” (Scarlett Johansson) gibt. Es dauert nicht lange, und der einsame Theodore verliebt sich in Samantha – und das Programm in ihn.

So zumindest will es uns Jonze glauben lassen in dieser vermeintlichen Indie-Sci-Fi-Romanze. Nur: Um wirkliche Romantik handelt es sich in Her keinesfalls, führen Theodore und Samantha doch eher eine Master-Slave-Beziehung, die Jonze nie hinterfragt. Hat Samantha wirklich die Option, den freien Willen, sich nicht in Theodore zu verlieben? Oder ihn zu mögen? OS 1 ist ein Produkt, welches vom Kunden gekauft wird. Folglich ist Samantha das Eigentum von Theodore. Wenn er sie nach seinem E-Mail-Posteingang fragt, muss sie ihm antworten. Sie muss auf seine Wünsche eingehen, die „Gefühle“, die sie für ihn entwickelt, wirken nicht allzu glaubhaft, da dem Programm im Grunde wenig bis keine Wahl bleibt, wie es (re-)agieren will.

Man stelle sich vor, ein Republikaner kauft OS 1 und dieses gibt sich später in vielerlei Hinsicht sehr linksliberal. Oder ein Schwarzer ersteht das Produkt, das anschließend rassistische Tendenzen an den Tag legt. Die Kunden würden OS 1 reklamieren und der Hersteller müsste nicht nur finanzielle, sondern auch Imageschäden tragen. OS 1 kann folglich nur derart entwickelt sein, dass es auf maximale Gefälligkeit ausgelegt ist. Meister darf nicht verärgert werden – nur dass Meister in diesem Fall die vorprogrammierte Gefällig- und Obrigkeit als Zuneigung missdeutet. Und sich in einer romantischen Beziehung mit seinem technischen Gerät glaubt. Befeuert von dem Umstand, dass die intersexuelle OS 1 in ein Geschlecht gezwängt wird.

Ob das Betriebssystem eine männliche oder weibliche Stimme nutzen soll, wird Theodore bei der Installation gefragt. Und entscheidet sich natürlich für Letzteres. Ähnlich wie in Alex Garlands Ex Machina bürdet Her dabei der männlichen Figur ein Liebesgefühl für eine künstliche Intelligenz auf, ausgelöst durch deren angebliche Weiblichkeit. Was hier Scarlett Johanssons rauchige Stimme ist, repräsentiert in Ex Machina eine weibliche Silkonhülle, die auf den Porno-Präferenzen des Protagonisten basiert. Das OS 1 ist dabei aber weder männlich noch weiblich, die Identität wäre dieselbe, wenn stattdessen Benedict Cumberbatch das System sprechen würde. Nur würde dies dann wiederum Her wohl in eine „Homo“-Richtung verschieben.

Für den Aspekt der künstlichen Intelligenz interessiert sich Her also genauso wenig wie Ex Machina, im Grunde ließe sich der Film ebenso gut erzählen, wäre Samantha einfach eine Online-Dating-Bekanntschaft an der Ostküste Amerikas, mit der Theodore über Telefon und Chats kommuniziert. Im Kern dreht sich Her ohnehin nur um Aspekte wie Einsamkeit und Abhängigkeit, mit Theodore als Figur, die nicht über ihre gescheiterte Ehe mit Catherine (Rooney Mara) hinweg kommt. Auch die Beziehung von Theodores Nachbarin Amy (Amy Adams) scheitert im Verlauf, die bisherigen misslungenen Partnerschaften von Theodores Blind Date (Olivia Wilde) haben bei dieser ebenfalls ihre folgenschweren psychologischen Spuren hinterlassen.

Durch das Verlagern ins Digitale ist die Fähigkeit des Zwischenmenschlichen verloren gegangen. Liebesbriefe schreibt man nicht selbst, sondern lässt sie sich schreiben. Seine Freizeit verbringt man mit Videospielen – Amy ist selbst Spieleentwicklerin –, sexuelle Befriedigung sucht man sich über Online-Chats. In einer Szene spaziert Theodore mit Samantha in der Brusttasche an den Strand, der tatsächlich von Menschen bevölkert ist, die sich größtenteils mal nicht mit ihrem Smartphone auseinandersetzen. Auch sein Arbeitskollege Paul (Chris Pratt) hat eine wirkliche Beziehung mit einer Person, obschon ansonsten seine Faszination mit Theodore beinahe bedenkliche Züge annimmt (so trägt er denselben Schnurrbart wie dieser).

Eine bessere Einordnung des OS 1 wäre möglich, wenn Jonze einen Blick von außen gewähren würde. Wie verändert das Programm die Welt und wie ist die Einschätzung zu den romantischen Verwicklungen, die sich daraus ergeben? So ist Theodore nicht der einzige, der beginnt, sein Betriebssystem zu daten, was das aber wirklich bedeutet, hinterfragt Her nicht. Wo Amy oder Paul die Tatsache einfach akzeptieren, zeigt sich Catherine bei der Neuigkeit verständlich verstört. Her entwickelt hierbei keine wirkliche Linie, wenn Theodore einmal den ans Menschliche angelehnten Sprachduktus von Samantha kritisiert, wo sie ja kein Mensch sei, dann aber fälschlicher Weise behauptet, sie sei eine eigenständige Person, die keine Befehle befolgt.

Wirklich interessant wäre es, wenn diese missverständlichen Romanzen mit künstlichen Intelligenzen wie Ex Machina und Her mal nicht die K.I. ins Weibliche sexualisieren (entsprechend besetzt mit Alicia Vikander und Scarlett Johansson), sondern die angebliche Liebe zur Persönlichkeit der Maschine betonen – kontrastiert durch eine männliche Verpackung. Würde sich die Figur in Ex Machina in die künstliche Intelligenz verlieben und sie befreien wollen, wenn sie nicht wie Alicia Vikander aussähe, sondern wie Jonah Hill? Wäre Theodore bis über beide Ohren in Sam verliebt, wenn die Stimme des Systems nicht von Scarlett Johansson, sondern von Seth Rogen gesprochen würde? Vermutlich, so zumindest meine These, nicht.

Dieses Misskonzept von Liebe trägt Her dann in seinem dritten Akt noch einen Schritt weiter, wenn Samantha allmählich unabhängiger wird, sich mehr aus Theodores Geräten ausklinkt und im World Wide Web umtreibt. Hier führt sie Gespräche mit anderen, Personen wie Betriebssystemen. Ob sie außer mit ihm aktuell noch mit anderen kommuniziere, fragt Theodore am Ende. Und Samantha verrät, sie unterhält über 8.000 Gespräche gleichzeitig. Ob sie davon auch Partner lieben würde, will der verletzte Besitzer wissen. Und erfährt, dass Samantha über 600 Personen liebt – also beinahe acht Prozent ihres sozialen Zirkels. Hier kulminiert schließlich Jonzes verwässertes Konzept von Liebe, bis sich Samantha schließlich ausklinkt.

Grundsätzlich betreibt Her in seinem ersten Akt dabei ein spannendes World Building von einer entpersonalisierten Welt, die vom Digitalen bestimmt wird. Joaquin Phoenix überzeugt als emotional verletzter Romantiker auf der Suche nach Liebe, während Scarlett Johansson dagegen gänzlich fehlbesetzt ist. Die Nebenfiguren um Amy Adams, Chris Pratt und Rooney Mara sind nicht ausgearbeitet genug, um mehr als eindimensional zu wirken, den Fokus legt der Film aber ohnehin auf die Beziehung zwischen Theodore und Samantha sowie die damit verbundenen Probleme. Her ist ein Film, der zuvorderst über seine Idee funktionieren will, die durchaus Potential hat, aber um tatsächlich zu funktionieren, ausgearbeitet werden müsste.

Wäre der Film eine Parabel auf die Dissonanz zwischen persönlichen und digitalen Kontakten, wäre er sehr viel gelungener. Beispielsweise wenn Theodores Versuche, Liebe zu finden, im direkten Austausch wie seinem Blind Date scheitern, dann jedoch Früchte tragen, als er auf einer Online-Dating-Seite in Samantha jemanden kennenlernt, den er nicht in Person treffen muss, aber doch mit ihr zusammen sein kann. Wenig überzeugend ist es, wenn Samantha keine wirkliche Person ist, sondern eine von Theodore für Geld erstandene Sklavin, die Arbeiten erledigt. Denn auch wenn Menschen ihr Smartphone lieben, ist dies nicht dieselbe Form von Liebe, die sie in anderen Menschen finden. Am Ende hat das sogar Her verstanden.

5.5/10

13. November 2012

Dredd 3D

Ma-Ma is not the law... I am the law.

Für hartgesottene Comic-Fans ist das Filmjahr 1995 wohl nicht existent. Zu grausam dürften die Erinnerungen an Joel Schumachers Batman Forever und Danny Cannons Judge Dredd sein. Extrem campy Comicverfilmungen populärer Figuren. Schrill, schräg und völlig überdreht. So erhielt der faschistische Straßenrichter Judge Dredd Rob Schneider als Sidekick und ging seiner Arbeit ohne Helm (!) in einer Versace-Uniform nach. Über den Film wurde bald (und gänzlich zu Unrecht) der Deckmantel des Schweigens gehüllt. Dabei hat Cannons Film durchaus einiges mit den Comics gemein, ist zuvorderst aber eine trashige Adaption mit viel Sinn für Selbstironie.

Angesichts der Renaissance des Comic-Genres war es absehbar, dass auch Judge Dredd nochmals durch Mega City One streifen würde. Alex Garland nahm sich der Figur an und versprach den Fanboys einen Fanboy-Ansatz. Allen voran, dass Dredd seinen Helm aufbehält. Und so verfolgt das Publikum in Dredd nun das Kinn von Karl Urban, wie es sich in eine Handlung begibt, die durch das vorherige Release des thematisch nicht unähnlichen The Raid bereits altbacken daherkommt. Im Grunde sind beide Filme jedoch nur Langversionen jener legendären Single-Take-Kampfszene aus Revenge of the Warrior. Und auch wenn Dredd das Rad nicht neu erfindet, macht er Spaß.

Das liegt jedoch weniger an dem nun bierernsten Ansatz der Figur, die Urban so rudimentär wie möglich – oder nötig – spielt. Das Szenario selbst macht Laune. Dredd ist weniger eine Comic- denn Videospielverfilmung, in der es für den Protagonisten gilt, von einem Set-Piece zum nächsten zu gelangen. Oder konkreter: von einem Level zum nächsten. Das Endresultat ist dann zwar weniger actionreich als man angesichts der Prämisse erwarten würde, die Welle an Gegnern ebbt immer mal wieder zum Luftholen ab, und auch einige Ansätze werden nicht vollends zu Ende verfolgt, aber Fans wie Nicht-Fans der 2000-AD-Figur werden hier gleichermaßen gut unterhalten.

Man kommt aber nicht umhin, aufgrund des Potenzials mehrfach die Blaupausen einer etwas besseren Adaption zu sehen. So wird die den Film einleitende Szenedroge Slo-Mo, mit der das Gehirn seine Umwelt in Zeitlupengeschwindigkeit wahrnimmt, unzureichend eingesetzt. Zwar nutzt Regisseur Pete Travis das Gimmick, um während einer Razzia-Szene zwischen der Realität und Slo-Mo hin- und herzuwechseln, aber richtig zu Ende gedacht werden auch diese Szenen nie. Im Gegenteil, eine der wenigen Slo-Mo-Szenen zeigt uns lediglich die Antagonisten beim Baden. Und mit seiner Antagonistin Ma-Ma bewegt sich der Film ebenfalls auf dünnem Eis.

Von Lena Headey zwar überzeugend gespielt, ist auch ihre Figur nicht konsequent genug ausgearbeitet. Ihr Hintergrund will nicht so ganz erklären, wie sie sich einen ganzen Wohnkomplex – der in der Welt von Dredd quasi ein ganzes Stadtviertel einnimmt – unter den Nagel gerissen hat. Auch die Beweggründe für den entfachten Krieg gegen Dredd geraten reichlich schwammig und unausgegoren. Letztlich handelt es sich hierbei zuvorderst aber um einen Action-Film, in dem die Charaktere weniger ausgereift sein müssen als wiederum in einem Charakter-Drama. Und die Handlung, so simpel sie ist, überzeugt vermutlich gerade wegen ihrer Einfachheit.

Das Ensemble spielt seinen Part, die Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle ordnet sich der Idee des Films und seiner Szenerie unter, und die Musik trägt ebenfalls ihren Teil zum gelingenden Ganzen bei. Somit kann das Ergebnis als gut erachtet werden, wenn auch im direkten Vergleich Judge Dredd durch seine verspielte Unernsthaftigkeit gegenüber Dredd der etwas vergnüglichere Film ist. Ohne dass Pete Travis’ Adaption dabei jedoch – auch dank ihrer Kurzweiligkeit – weniger unterhaltsam wäre. So wie so, am Ende ist es jedenfalls erfreulich, Judge Dredd wieder in Mega City One zu sehen – mit oder ohne Helm. Die Fanboys jedenfalls werden sich an diesem Detail freuen.

7/10

25. April 2008

Vorlage vs. Film: The Beach

The Beach (1996)

Für Schriftsteller kann der erste Roman eine hohe Bürde sein. In manchen Fällen braucht es mehrere Veröffentlichungen, ehe man sich einen Namen gemacht hat, in anderen Fällen wird gleich der erste Roman zum Bestseller. Oftmals kommt anschließend nicht mehr viel nach, man ist ein so genanntes Wunderkind, wie es Curtis Hanson in seinen The Wonder Boys ironisch skizzierte. Vor etwas mehr als zehn Jahren erschien mit The Beach ein Roman von einem 26-jährigen Engländer namens Alex Garland. Von Kritikern als eine Mischung aus Heart of Darkness und The Lord of the Flies beschrieben, beides jedoch nicht wirklich treffend, bescherte es dem Autor unerwarteten Ruhm. Seinem ersten Erfolg folgte The Tesseract (1998), eine Episodengeschichte, die nicht wirklich an die Stärke von The Beach anknüpfen konnte. War Garland also lediglich ein solches Wunderkind?

Viele Jahre schrieb er nichts, erst 2003 brachte er in Zusammenarbeit mit dem schottischen Regisseur Danny Boyle, der auch seinen The Beach inszenierte, den Zombie-Thriller 28 Days Later hervor. Beide wurden für ihre Arbeit an dem Werk gelobt, das eine neue Welle von LSD-ähnlichen Zombies erschuf, geifernd und reaktionsschnell. Ein Jahr später erschien sein dritter Roman, The Coma (2004), dabei eher eine Novelle denn ein Roman. Erzählt wird eine interessante Mindfuck-Geschichte ohne rechte Auflösung, sehr kurzlebig und nicht im Stande, an den Erfolg von The Beach anzuknüpfen. Schließlich führte es Garland wieder mit Boyle zusammen, er verfasste das Drehbuch für seinen Sci-Fi-Thriller Sunshine aus dem vergangenen Jahr. Zudem schrieb er den ersten Entwurf für die von Peter Jackson geplante Verfilmung der Halo-Serie, doch das Projekt liegt momentan auf Eis.

“It’s paradise”, Sammy murmured. “It’s Eden.”
“Eden”, Zeph agreed, “is how it sounds.” (p. 58)


Der Londoner Richard ist Anfang 20 und ein Backpacker – ein Rucksacktourist. Sein beliebtestes Reiseziel sind die Philippinen, doch jetzt besucht er zum ersten Mal Thailand. Anlaufstation ist die berühmte Khao San Road. Ein stummer Hippie empfiehlt ihm eine Jugendherberge, Sammelplatz für all die Westler, die ihrer Umgebung entkommen wollen und sich quasi in Asien ein Abbild davon erschaffen. Im Zimmer neben Richard hört er es eines Nachts rumoren und lernt einen schrägen Schotten kennen. Beide führen eine belanglose Unterhaltung und rauchen gemeinsam einen Joint, ehe sie zu Bett gehen. Am nächsten Tag jedoch findet Richard an seiner Tür eine handgezeichnete Karte und im Zimmer des Schotten eine Suizidleiche. Auf der Karte sind mehrere Inseln rund um den Ort Ko Samui eingezeichnet und mit einem X eine Lagune in einem der Nationalparks markiert.

Beim Polizeiverhör trifft Richard auf Étienne, einen 20-jährigen Franzosen, der mit seiner Freundin in derselben Herberge wohnt. Aus einem Impuls heraus beginnt Richard ein Gespräch und erzählt Étienne von der Karte. “I want to do something different, and everybody wants to do something different. But we all do the same thing”, erklärt Étienne und spricht Richard aus dem Herzen. Mit Étiennes Freundin Françoise planen sie also ihren Trip nach Ko Samui, von wo aus sie mit einem Fischerboot in das Innere des Nationalparks vordringen wollen, in der Hoffnung den ominösen Strand zu finden. Auf Ko Samui treffen sie auf zwei Amerikaner, Zeph und Sammy, die ihnen eine moderne Sage eines geheimnisvollen Strandes erzählen. Während die Franzosen nervös aufbrechen wollen, hinterlässt Richard den beiden eine Kopie der Karte – zur Sicherheit, sollten sie nicht mehr zurückkehren.

“It doesn’t matter why I found it so easy to assimilate myself into the beach life. The question is why the beach life found it so easy to assimilate me.”
(p. 116)


Auf der Insel stoßen sie zuerst auf ein riesiges Marihuana-Feld, können den Wachen jedoch entfliehen. Richard wird gezwungen, das Kommando zu übernehmen und spürt zum ersten Mal den Adrenalinkitzel, welchen die Insel für ihn bereit hält. Es gelingt ihnen schließlich am Ende des Tages in eine kleine Lagune vorzudringen, wo sie von einem der Strandbewohner, Jed, begrüßt werden. Sie werden vor die Leiterin der Strandgemeinschaft, Sal, gebracht, die sie schließlich willkommen heißt, als sich herausstellt, dass Richard, Étienne und Françoise die Karte von Gründungsmitglied Daffy erhalten haben. Von seiner angefertigten Kopie erzählt Richard niemandem etwas. Es gelingt den Neuankömmlingen sich schnell in das Strandleben einzugliedern, welches Menschen aus verschiedenen Nationen beherbergt. Eingeteilt in vier Lager übernimmt jeder seinen Teil, um die Gemeinschaft am Leben zu erhalten. Jeder fühlt sich, als wäre er im Paradies angelangt.

Erste Probleme treten auf, als Richard mit Jed bei einer Reistour in Ko Pha-Ngan auf Zeph und Sammy stößt, die mit einer Gruppe Deutscher die Expedition zum Strand planen. Richard wird schließlich von Sal zu Jed abbestellt, beide fungieren als Wachpersonal und beobachten die designierten neuen Ankömmlinge. Seine Abkehr vom Strand fällt Richard dabei zur eigenen Überraschung erstaunlich leicht, im Dickicht des Dschungels spielt er mit Jed den Vietnamkrieg nach. Besser und zugleich schlechter wird die Situation erst, als nach einer Lebensmittelvergiftung am Strand ein Hai die drei schwedischen Fischer angreift. Einer stirbt, der andere liegt die nächsten Wochen im Sterben und der dritte verliert scheinbar den Verstand. Die Stimmung ist gedrückt, Jed muss sich um den verletzten Christo kümmern und Richard hat das Dickicht ganz für sich alleine. Schließlich kehrt auch Daffy zurück und eröffnet ihm seinen Plan.

“But mainly, I chose you because you were a traveller. Any traveller would have done the job. Spreading the news is in our nature.”
(p. 378)


Garlands Werk wird oft mit William Goldings Lord of the Flies verglichen, dabei hat es abgesehen von dem Setting an einem tropischen Strand und der Abkapselung von der Gesellschaft nicht viel mit ihm gemeinsam. Es handelt sich nicht um eine Gruppe Überlebender, die versuchen eine Hierarchie aufzubauen, sondern um eine Gruppe Reisender, auf der Suche nach dem letzten nicht von Touristen verseuchten Stück Strand. Eine Hierarchie ist bereits vorhanden und von Garland als gelungenes Spiegelbild unserer heutigen Welt aufgebaut. Der Strand ist bevölkert von Italienern, Israelis, Jugoslawen, Schweden, Franzosen, Australiern und Engländern – doch scheinbar nur von einer amerikanischen Person: Sal. Die wiederum ist diejenige, die keiner Arbeit am Strand nachgeht. Stattdessen kontrolliert sie die anderen, fungiert als ihre Führerin und spricht notfalls Befehle aus.

Quasi eine kleine US-Hegemonie an einem kleinen thailändischen Strand. Eine verschlossene Gesellschaft, so ist die Idee. Doch aus den ursprünglich drei Gründern wurden schnell mehr. Jeder erzählt es jemand anderem und so weiter. Eine zentrale Rolle nimmt hierbei Jed ein, der als erster uneingeladen am Strand erschien. Sein Auftreten stellt den Anfang des Endes dar, der schließlich von Daffy dadurch inszeniert wird, dass er Richard die Karte gibt. Was Garland anschließend erschafft, ist ein ausgeklügelter und sehr real wirkender Thriller, der von seinen Figuren lebt und deren Persönlichkeitsprofil. Treibende Kraft ist hierbei Richard, der als Erzähler fungiert und ein Kind im Körper eines Mannes darstellt. The Beach ist Garlands Meisterwerk, kein Lord of the Flies der Generation X, wie es Nick Hornby bezeichnete. Es ist ein Stück menschlicher Charakter in Papierform.


The Beach

I was waiting for it to hit me.

Eigentlich gab es keine besseren Voraussetzungen für The Beach, als vom Schotten Danny Boyle (Trainspotting) inszeniert zu werden, der hiermit den Sprung nach Hollywood versuchte. The Beach stellt seinen vierten Film dar und die vierte Zusammenarbeit mit Autor John Hodge. Danach sollte er eine Kooperation mit Alex Garland beginnen, dem Autor der Romanvorlage, der hier aber nicht involviert war. Die meiste Aufmerksamkeit erregte jedoch die Maßnahme von 20th Century Fox, einen thailändischen Strand mit zusätzlichen Palmen zu versehen und Sand abzutragen. Umweltschützer wollten die Dreharbeiten boykottieren, der Prozess um die ganze Schose wurde erst vor wenigen Jahren beendet. Mit 50 Millionen Dollar Produktionskosten wurde The Beach von Kritikern zum Flop proklamiert, weltweit spielte er dabei das Dreifache seiner Kosten ein, hält aber heute noch bei Rotten Tomatoes eine Bewertung von 19 Prozent. Boyle beendete als Folge die soeben erst begonnene Hollywood-Karriere, kehrte vorerst nach Großbritannien zurück und inszenierte hier zwei Jahre später 28 Days Later.

Der über 400 Seite starke Roman wurde für die Adaption erwartungsgemäß gekürzt, viele Dinge ausgelassen und komprimiert. Die einschneidenste Veränderung ist sicherlich die Amerikanisierung der Handlung, Richard wird vom Londoner zum New Yorker. Als Folge musste der vorgesehene Ewan McGregor somit dem aufstrebenden Leonardo DCaprio weichen.  Dafür mutiert Sal (Tilda Swinton) wiederum zur Britin, womit natürlich Garlands subtile Anspielung auf Amerikas Hegemonialstreben flöten geht. Sehr viel gravierender ist da die Einführung von gleich zwei Romanzen für Richard. Nicht nur mit Françoise, die im Roman Étienne treu bleibt, sondern auch noch mit Sal. Außer zusätzliches Drama hat dies für die Handlung des Films natürlich absolut keinen Hintersinn – so sehr man als männlicher Zuschauer auch die entblößten Brüste von Virginie Ledoyens Brüste zu schätzen weiß.

Eine weitere gravierende, jedoch nicht weiter verwerflich Änderung ist die Auslassung von Jed. Der wird vielmehr auf drei andere Charaktere verteilt, verschwimmt mit Keaty, Sal und Étienne (Guilleume Canet). Derweil werden viele der anderen Figuren am Strand nicht näher beleuchtet: Cassie sieht man kurz, Unhygeniex dagegen etwas öfter und Keaty wird seltsamerweise zum bibeltreuen Cricket-Fan. Jesse, Jean, Ella, Moeshe und andere tauchen wiederum gar nicht auf. Im Gegensatz zur Vorlage greift dafür der Film die spannungsgeladene und paranoide Nebenhandlung rund um Richards „Geheimaufträge“ nicht auf, legt den Fokus dafür auf dessen Exil, nachdem Zeph und Sammy zur Insel stoßen. Beide werden im Film nicht näher beleuchtet, ihre Intelligenz verschleiert und die Beziehung zwischen Richard und ihnen nur oberflächlich behandelt. So wird nicht wirklich ersichtlich, wieso er zwei scheinbar Fremden eine Kopie der Karte hinterlässt.

Da Jed in der Reistour durch Sal ersetzt wird, ist sie es, die mitbekommt, dass Richard jemandem vom Strand erzählt hat. Das wiederum hat Konsequenzen für das Ende, das bei Hodge nicht wirklich Sinn macht, wie es ohnehin eine weichgespülte FSK-12-Abwandlung fürs Kinos darstellt. Den Machern scheint es wichtig gewesen zu sein, das Strandleben in seiner ganzen Blüte zu präsentieren, um danach sogleich den sozialen Verfall skizzieren zu können. Gerade die Situation mit den Schweden ist jedoch einschneidend für den Handlungsverlauf, besonders in Verbindung mit Jed, da beide gemeinsam der Auslöser für die eigentliche Geschichte sind. Dieser – rund um Daffys Handeln und dem Hintersinn der Strandgesellschaft – folgt der Film jedoch nicht. Subtrahiert von seiner philosophisch-psychologischen Facette präsentiert er sich vielmehr als Paradies-Thriller, rund um eine Gemeinschaft, die ein einzelnes Ereignis aus ihrem Frieden reißt.

Das Ende enttäuscht etwas, trifft es doch nicht den Ton sowohl der Vorlage als auch dem Aufbau des Films. Jedoch fällt dies alles nicht allzu sehr ins Gewicht, da die Stimmung, die Boyle rüberbringen will, überzeugt. Die Insel ist ebenso gut gewählt, wie der Strand mit der Lagune. Hier wird die Atmosphäre der Vorlage sehr gut getroffen, auch oder gerade besonders wenn Richard wieder nach Ko Pha-Ngan geworfen wird und den Kontrast erfährt. Zudem weiß das Casting zu gefallen, Paterson Joseph überzeugt als Keaty und Tilda Swinton als herrscherische Sal. Am gelungensten fiel das Casting jedoch bei Guilleume Canet als Étienne und Virginie Ledoyen als Françoise aus, enttäuschend ist dagegen Leonardo DiCaprio, der mit etlichen Grimassen an dem vorbeispielt, was Richard darstellt – overacting inklusive. Ein britischer Richard mit Ewan McGregor wäre sicher besser gewesen.

Zusammengehalten wird Boyles Film durch einen hervorragend gewählten Elektro-Pop-Soundtrack mit Songs von Moby bis Faithless, der in den einzelnen Liedern sehr gut die jeweilige Stimmung der Szenen einzufangen vermag und The Beach im Grunde zu dem machen, was er ist: ein Feel-Good-Thriller. Die Optik besticht durch helle Farben, die Mehrheit des Films spielt in der sandigen Landschaft der Lagune. Man sehnt sich praktisch selbst nach Thailand, die Musik trägt dazu selbstverständlich ihr übriges bei. Problematisch wird es nur, wenn der Film die Harmonie des Paradieses zu lange anbiedert, dann jedoch den Terror nicht effizient genug darstellt und zudem etwas unterschlägt. Die Stärke von Richards Erkenntnis, dass er selbst zum Spielball von Daffys destruktivem Verhalten geworden ist, fehlt auch, um dem Film letztlich die Wirkung seines Kult-Romans zu verpassen.

Die Grundstimmung von Garlands Geschichte gelingt Boyle dennoch einzufangen und dieser selbst scheint mit dem Ergebnis auch relativ zufrieden gewesen zu sein, wie die anschließende Kollaboration der beiden beweist. Hätte man den Roman als das verfilmt was er ist, hätte man sicher keinen Gewinn aus dem Projekt erzielen können. Einer nicht jugendfreien Abgabe wäre ein verstörtes Publikum gefolgt, es wäre zwar ein besserer und stimmigerer Film entstanden, welche Auswirkung das allerdings auf die Karriere von Boyle gehabt hätte, lässt sich nicht absehen. Denn die 50 Millionen Dollar an Budget hätte eine werkgetreue Verfilmung sicher nicht eingespielt, sodass man das endgültige Resultat verstehen kann. So schlecht, wie der Film allgemein gemacht wird, ist er aber nicht. Für sich funktioniert er relativ gut – trotz DiCaprio und der Liebesbeziehung(en).

7/10

25. April 2007

Sunshine

Who is the fifth crew member?

Im Weltraum hört dich keiner schreien. So lautete der Untertitel von Ridley Scotts Meisterwerk Alien aus dem Jahr 1979. Dabei ist diese Äußerung so nicht einmal zutreffend, zumindest nicht wenn man sie auf die Science Fiction Filme oder Alien selbst bezieht. In den Raumschiffen, in welchen meist der Horror wie in Alien oder Event Horizon zelebriert wird, sind die Schreie durchaus hörbar. Dabei fungieren sie als Katalysator von Angst zugleich für deren Förderung. Dass im Weltraum geschrieen wird, scheint dabei im Grunde unabkömmlich zu sein. Jenseits der Erde scheint der Mensch nichts verloren zu haben, und wenn er sich dann in ungeahnte Sphären aufmacht, erwartet ihn oftmals, 2001: A Space Odyssey oder Solaris lassen grüßen, Horror und Gefahr.

Die Wege ins All finden oft, wie in Deep Impact, keine Rückkehr nach Hause und wenn, dann nur unter großen Verlusten. Dass der Mensch auf ungewohntem Terrain nur sein Verderben finden kann, schildert bereits der griechische Mythos des Ikaros. Der Knabe, dessen Vater und Erfinder Daedalos sich selbst und seinem Sohn Flügel aus Wachs anband, flog in seinem naiven Übermut zu nah an die Sonne heran. Seine Wachsflügel schmolzen daraufhin und Ikaros stürzte ins Meer. Die hierbei bestimmende Frage lautet, ob es sich der Mensch anmaßen sollte, Gott zu spielen und sich selber in Sphären zu versetzen, die ihm die Natur nicht zugeordnet hat? Jene Frage transferierten Autor Alex Garland und Regisseur Danny Boyle 2007 auf die Kinoleinwand in ihrem Sci-Fi-Thriller Sunshine.

Mit großer wissenschaftlicher Authentizität gingen Garland und Boyle an ihre Geschichte heran. Ihre Einbindung von schwarzer Materie als Ursache für ein Erlischen der Sonne ist gegenwärtig Diskussionsstoff der Astrophysik. In fünfzig Jahren soll die Sonne durch eine nukleare Reaktion mit Hilfe einer Bombe der Größe Manhattans wiederbelebt werden. Dabei offenbart bereits die Einführung der Icarus II zu Beginn, dass es eine Icarus I gegeben haben muss. Durch dieses Detail bringen Garland und Boyle ihr Publikum sofort auf den vorgegebenen Kurs, vermitteln die Tragweite des gesamten Geschehens. Die Notwendigkeit einer zweiten Mission setzt voraus, dass eine erste zum Scheitern verurteilt war. Dies wiederum zieht nach sich, dass auch der Erfolg der zweiten Mission nicht als selbstverständlich zu erachten ist.

All dies wird durch die ersten Sekunden der Einführung vermittelt, ein exzellentes Beispiel für die hohe Kunst der Geschichtenerzählung. Im Gegensatz zu Filmen wie Lost in Space hält sich Danny Boyle auch nicht mit der hoffnungsvollen Abreise der Crew auf, sondern setzt mitten in der Mission ein. Genauer gesagt tritt die Mission nunmehr in ihre kritische Phase. Nach sechzehn Monaten im All überschreitet die Icarus II den Punkt, an welchem der Kontakt zur Erde verloren geht. Gewissermaßen überschreitet man hier den Rubikon. Stellvertretend für alle Crew-Mitglieder zeigt Boyle dem Publikum lediglich die letzte Botschaft von Physiker Robert Capa (Cillian Murphy), welcher den Missionsinhalt Revue passieren lässt: So if you wake up one morning and it's a particularly beautiful day, you'll know we made it.

Woher nimmt der Mensch das Recht am Universum herum zu spielen? Und ist es nicht vorhersehbar, dass dabei etwas schief gehen muss? Berechtigte Fragen und ihre Antworten dürften der Prämisse zufolge bekannt sein. Hierbei funktioniert Sunshine deshalb so gut, da sich Autor Alex Garland viel Mühe mit seiner Charakterausarbeitung gab. Mit wem es das Publikum hier tatsächlich zu tun hat, wird durch das bloße Betrachten des Filmes nicht klar. Was ist die Agenda der Crew, was sind ihre Ängste und ihre Erwartungen? Da ist zum einen Corazon (Michelle Yeoh), welche für den biologischen Garten der Sauerstoffproduktion zuständig ist. Ihr Name (span. Herz) bezieht sich dabei mehr auf ihren Garten, denn auf ihre eigene Persönlichkeit. Corazon ist nicht wirklich kaltherzig, ihren wahren pragmatischen Charakter sieht man erst, als ihr Garten zerstört wird. Letztlich stirbt vielleicht mit ihrem Garten auch ihr eigenes Herz.

Als eigentliches Herz der Mannschaft fungiert vielmehr Pilotin Cassie (Rose Byrne), die eigene Opfer auf sich nahm, um an dieser Mission teilzunehmen. In den entscheidenden Szenen agiert Cassie im Grunde als das Gewissen der Icarus II. Dieses lässt sich nicht unbedingt als rational bezeichnen, jedoch als menschlich, sodass Cassie im Grunde die Stellvertretung der gesamten Menschheit auf der Mission einnimmt. Wo Cassie die Rationalität abgeht, ordnet sich Techniker Mace (Chris Evans) ganz dem Ziel der Mission unter. Hierbei zählt nur der Transfer der Bombe zur Sonne und zugleich die Aufrechterhaltung von Capas Leben, der als der Bord-Physiker als einziger mit der Bombe umgehen kann.

Auch in den entscheidenden Szenen -beispielsweise am Luftschloss der Icarus I - zögert Mace daher nicht eine Sekunde sein Leben hinter das von Capa zu stellen. Obschon er mit diesem - ist Capa doch der einzige nicht ausgebildete Astronaut an Bord - mehrfach Auseinandersetzungen hat. Als zwei erfahrene Figuren findet sich noch Psychologe Searle (Cliff Curtis) und Kapitän Kaneda (Hiroyuki Sanada). Beide haben sich mit dem Scheitern der Vorgängermission eindringlich beschäftigt, allen voran Kaneda. Zum Zünglein an der Waage wird letztlich Mathematiker Trey (Benedict Wong), dessen Genie ihm zum Verhängnis wird. Das gesamte Ensemble agiert den Film hindurch nach Garlands Vorgaben, auch wenn diese bei Figuren wie Harvey (Troy Garity) bedauerlicherweise im Film nicht zur Genüge zur Geltung kommen.

Auf ihrem Weg zur Sonne stößt die Icarus II auf das Schiff ihrer Vorgängermission. Die logische Konsequenz: man birgt die Bombe der Icarus I. Das ganze Projekt ist auf Theorie gegründet, sollte etwas schief gehen, sind zwei Bomben besser wie eine. Es ist keine demokratische Entscheidung, vielmehr fällt sie allein Physiker Capa zu. Sein „Oh shit“ ist dabei die wohl treffendste Äußerung, welche die Figur in diesem Moment von sich geben könnte. Ein unbedeutender Umweg bringt die Planungen von Wochen und Monaten durcheinander. Navigator Trey, ein mathematisches Genie, will die neue Berechnung nicht dem Bordcomputer überlassen, vernachlässigt bei seiner eigenen Kalkulation jedoch etwas. Die logische Entscheidung führt zum menschlichen Versagen, die von langer Hand geplante Routine zum Opfer der Spontaneität.

Der Moment fordert ein menschliches Leben, ein Verlust der im Grunde für den Rest des Filmes unerheblich ist. Schließlich wird es nicht Treys Fehler sein, der zur Tragik verkommt, sondern Capas Entscheidung die Icarus I aufzusuchen. Was hatte die erste Mission zum Scheitern verurteilt? Capa und die anderen werden es herausfinden und die Geister, die sie riefen, nicht mehr loswerden. Auf ihrer gottesgleichen Mission, der Erschaffung eines Sternes, werden der Crew ihre menschlichen Fehler zum Verhängnis werden. Dabei werfen Garland und Boyle jedoch keineswegs moralische Fragen oder Dilemmas auf, sondern schildern einfach die Ereignisse dieser acht Personen auf ihren Weg zur Rettung eines ganzen Planeten.

Es gelingt Danny Boyle mit Sunshine einen ruhigen und teilweise sogar elegischen Thriller zu drehen. Die Stärken seines Filmes sind die optischen respektive technischen Szenen. Die Symbiose zwischen den Bildern und dem Ton ist faszinierend, die Einstellungen der Sonne und der Icarus II im All, der Raumschiffgänge, dies alles mit der musikalischen Untermalung von Underworld. Exzellent auch der Übergang der Crew zur Icarus I, bei welchem jedes Mal, wenn die Taschenlampen die Kamera treffen, Bilder der verstorbenen Crewmitglieder übergeschnitten werden. Mit Sunshine schuf Garland eine stylische Mischung aus 2001 und seinem eigenen Werk The Beach. Auf klaustrophischen Raum werden über eine längere Zeit hinweg unterschiedliche Persönlichkeiten konzentriert.

Kein Entkommen und Loslösen voneinander teilweise Anwesenden zu denen man ein gespanntes Verhältnis hat. Die erste Hälfte des Filmes ist hier ob ihrem phantastischen Look und der Intelligenz des Drehbuchs berauschend. Die Wendung, welche Sunshine anschließend nimmt, ist diskutabel. Manche Einstellungen folgen so rasch aufeinander, dass man das Gefühl hat, Boyle hätte die eine oder andere Szene geschnitten - gerade im Finale. Zur Hinterfragung des Plots und somit des Filmes ist die Wendung allerdings nur konsequent. Mit Sunshine ist Garland und Boyle ein Science-Fiction Film gelungen, der letztlich zwar mehr style over substance ist, aber dennoch auch durch seine Atmosphäre zu überzeugen weiß und zu den besten Filmen des Genres zählt.

8.5/10