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9. November 2010

Easy A

Just once I want my life to be like an 80's movie.

In Richard Linklaters Dazed and Confused lehnt Wooderson in einer Szene an einer Bowlinghalle und sagt beim Anblick der vorbeilaufenden Mädchen sagt: “That's what I love about these high school girls, man. I get older, they stay the same age“. Eine passende Paraphrasierung eines Genres, welches sich wie kein anderes kaum gewandelt hat. Egal ob The Last Picture ShowClueless oder Superbad - überall lassen sie sich finden: die Jocks, die Nerds, die Stoners. Die High School ist für die einen die beste Zeit, die sie vielleicht jemals haben werden, für die anderen dagegen eine Hölle, die durchstanden werden muss. Die Sprache und Umgebung ändert sich, doch die Struktur der High School bleibt gleich. Umso schwerer für einen Genrefilm, aus der Masse herauszustechen. Mit Easy A ist Regisseur Will Gluck dies gelungen: eine herausragende High-School-Komödie.

Hier haben wir Olive (Emma Stone), eine liebenswerte Bilderbuch-Teenagerin, die gut aussieht und als Einzige in ihrer Klasse das zu behandelnde Buch (The Scarlet Letter) gelesen hat. Zudem verfügt sie über Eltern (Stanley Tucci, Patricia Clarkson), für die die Beschreibung „liberal“ noch eine Beleidigung wäre. Problematisch wird Olives Leben, als sie ihr Wochenende allein in ihrem Zimmer verbringt und Natasha Bedingfields „Pocketful of Sunshine“ lauscht. Von ihrer Freundin Rhiannon (Alyson Michalka) befragt, lässt sich Olive jedoch zu der Behauptung hinreißen, sie hätte ihre Jungfräulichkeit an einen Studenten verloren. Ihre christliche Mitschülerin Marianne (Amanda Bynes) überhört dies und verbreitet das Gerücht wie ein Lauffeuer. Fortan gilt die unscheinbare Olive als Schulhofschlampe und denkt sich daher: Ist der Ruf erst ruiniert…

Amüsanterweise ist Easy A eine Teenie-Komödie, in der dauernd über Sex geredet wird, ohne dass die Figuren (zumindest nicht Olive) Sex haben. Während Olive mit ihrer neuen Bekanntheit relativ gut leben kann, verselbstständigt sich diese bald. Von der Schulhof-Hierarchie geplagte Jungs wie der homosexuelle Brandon (Dan Byrd) entlohnen Olive dafür, dass sie behaupten können, sexuelle Beziehungen mit ihr gehabt zu haben. Was sich als soziale Bereicherung für die Jungs herausstellt, wird für Olive zum Problem. Sie verliert durch ihr Verhalten nicht nur Rhiannon, sondern macht sich auch noch Marianne zur Nemesis. Glucks Film spielt sehr gelungen mit der Macht, die Worte an einer High School haben. Ähnlich wie so mancher seiner Genrevorgänger - man denke nur an Finchs Reputation in American Pie - spielt Easy A gekonnt mit Gerüchten.

Dabei hat der Film natürlich fraglos Schwachpunkte in seiner Konstruktion, angefangen mit der Interaktion aller Figuren. Dass Olive nur mit den Nerds, Dorks und Geeks in die Kiste zu steigen scheint, fällt der Beletage scheinbar nicht auf. Genauso wie das Interesse von Olives Jugendschwarm Todd (Penn Badgley) an ihr so plötzlich auftaucht, dass sie selbst nachfragt, wo es herrührt. Auch ihre Unfähigkeit, mit ihren ultraliberalen und unkomplizierten Eltern oder ihrem charmant-freundlichen Lieblingslehrer (Thomas Hayden Church) über die Verselbstständigung ihres Rufes zu reden, überrascht. Und ohnehin ist Olives Familie geradezu pervers perfekt (bis hin zum adoptierten afroamerikanischen Bruder). Dass man all diese Dinge einfach schluckt und sie, obschon sie einem auffallen, nicht hinterfragt, liegt an dem gefälligen Darstellerensemble.

Während sich Penn Badley, Thomas Hayden Church, Malcolm McDowell und Cam Gigandet mit ihren kleineren Nebenrollen zufrieden geben, spielen Stanley Tucci und Patricia Clarkson erfrischend charmant. Dennoch steht und fällt Easy A mit Emma Stone in ihrer ersten Hauptrolle, die sie mit einer Leichtigkeit schultert, die man ihr nach ihren Rollen in Superbad oder The House Bunny problemlos zugetraut hat. Man folgt ihr durch all die Ungerechtigkeiten der High-School-Welt, beobachtet amüsiert, wie sie auf einer Party versucht mit Brandon Sex zu vertonen oder verfolgt bewegt, wie sie einen ihrer „Kunden“ darauf hinweist, dass er tatsächlich die Chance auf ein echtes Date mit ihr gehabt hätte. Denn letztlich will auch Olive nur von jemandem geliebt werden. Nicht für das, was man von ihr denkt oder gehört hat, sondern für die Person, die sie wirklich ist.

Allzu tiefsinnig will Glucks Schulkomödie dann aber doch nicht sein. Vielmehr versucht Easy A eine unbekümmerte Komödie zu sein, die gerne so wäre wie die Werke von John Hughes und daher vermutlich auch ihre natürliche Unnatürlichkeit bezieht. Trotz der vorhandenen inhaltlichen Mängel überzeugt der Film jedoch durch seinen Charme, den nicht nur das Ensemble ausstrahlt. So ist das Finale eine einzige Aneinanderreihung von netten Hommagen an einige 80er-Genrevertreter und auch Natasha Bedingfields „Pocketful of Sunshine“ verkommt zum gelungenen Running Gag. Insofern ist Easy A nicht nur ein würdiger Genre-Vertreter, sondern durch seine Inszenierung und Besetzung gar ein Herausragender. Oder wie es Wooderson vermutlich ausdrücken würde: That's what I love about these high school movies, man. I get older, they stay the same.

7.5/10

19. Mai 2010

Gossip Girl - Season Three

We can never be boring.

Das Problem von Serien mit jungen Charakteren ist, dass diese ab irgendeiner Staffel nicht mehr allzu jung sind. Es sei denn, sie gehören einer Animationsserie wie The Simpsons oder South Park an. In manchen Fällen, wie Malcolm in the Middle, endet eine Serie ab dem Zeitpunkt, wo ihr Protagonist aus seiner Umgebung gewachsen ist beziehungsweise an ein College wechselt. In anderen Fällen, wie Dawson’s Creek, kam eben der Berg zum Propheten, wenn der Prophet nicht zum Berg kommen konnte. Doch der Ortswechsel der letzten beiden Staffeln bekam der Serie, die sich um eben jenen Bach der Hauptfigur beziehungsweise deren Leben in Capeside drehte, nicht sonderlich gut. Auch wenn nach wenigen Folgen auch jene Figuren, die beruflich woanders ihr Glück suchten, wieder bei ihren Freunden landeten. Weshalb es natürlich einfacher war, im Falle von Gossip Girl alle Charaktere einfach da zu lassen, wo sie waren: in New York City. In gewissem Sinne also bleibt alles beim Alten.

Am Ende der zweiten Staffel war die Zeit an der High School vorbei. Und da ohnehin lediglich drei der Figuren nun überhaupt studieren - praktischerweise alle drei an der NYU -, ändert sich bis auf einiges Schulhof-Gehänsel und Gossip-Girl-Getwittere relativ wenig. Was nach zwei Jahren jedoch auch reichlich unkreativ ist. Obschon nur mit 22 Folgen ausgestattet, bedarf es in der dritten Staffel gleich mehrere Handlungsstränge, um das Feuer am Laufen zu halten. Da ist zum einen im ersten Drittel der verlorene, später tot geglaubte, Sohn von Rufus (Matthew Settle) und Lily (Kelly Rutherford), sowie einige Episoden darauf die tot geglaubte, dann verlorene, Mutter von Chuck (Ed Westwick). Beziehungsprobleme von Serena (Blake Lively) und Dan (Penn Badgley) dürfen natürlich auch nicht fehlen. Die beiden bitchigsten Figuren, Blair (Leighton Meester) und Jenny (Taylor Momsen) dürfen … naja, rumbitchen und Nate (Chace Crawford) gibt es neben Vanessa (Jessica Szohr) selbstverständlich auch noch.

Die Charaktere von Gossip Girl waren noch nie Kinder von Traurigkeit, aber dieses Jahr fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Wenn Chuck und Blair dann das konstanteste Paar sind, drückt das bereits eine Menge über das unsinnige Paarungsverhalten finanziell abgesicherter Yuppie-Kids zur Paarungszeit aus. Gerade Serena, die neben Chuck und Nate zu den Figuren gehört, die auf eine höhere Bildung pfeifen, schläft sich tapfer durch die Betten der Upper Eastside. Grundsätzlich verknallt sie sich scheinbar in jeden Typen, mit dem sie mehr als fünf Worte wechselt, kommen doch neben Carter Baizen auch - mal wieder - Nate und zudem noch dessen Cousin Tripp zum Zuge. Dan hingegen darf sich zuerst mit Gastdarstellerin Hilary Duff vergnügen, dann kommt in einem flotten Dreier noch Vanessa dazu (die Ausgangsbasis des Dreiers ist reichlich unausgegoren), bevor diese dann Duff vollends ersetzt. Ganz so turbulent geht es bei Nate nicht zu und Jenny hat in der Hinsicht sowieso die Arschkarte der Serie.

Der Absatz deutet es an: die Serie wird allmählich redundant. Wenn wie früher bei Melrose Place irgendwann jeder mit jedem zwei Mal geschlafen hat, und man darauf verzichtet, neues Frischfleisch (sprichwörtlich) einzuführen, wird eine Hybris schnell erreicht. Wieso nicht eine Staffel lang mal überhaupt zumindest ein Paar ohne Probleme zusammenbleiben kann - jene konstante Inkonstanz ist die einzige Konstante -, ist ebenso bedauerlich, wie eine fehlende Weiterentwicklung der Figuren. Deutet sich diese zumindest bisweilen an, Chuck Bass lässt grüßen, ist Gossip Girl auf Strebsamste bemüht, schon kurz darauf wieder (und vor allem aus heiterem Himmel und ohne wirklichen Sinn) in alte Muster zu verfallen. Da ist Jenny mal das pubertäre Biest, das Drogen dealt, und anschließend wieder ein Liebe suchendes Heimchen. Hier streiten Rufus und Lily nur, um sich vor dem nächsten Streit ein, zwei Episoden zu vertragen. In einer Sitcom können sich die Figuren treu bleiben, in einer Drama-Serie darf aber gereift werden.

Insofern funktioniert Gossip Girl zwar immer noch seiner Prämisse gemäß bisweilen gut, ist jedoch schon im Vorjahr in die Durchschnittlichkeit abgerutscht und im Vergleich zur starken Debütstaffel nicht mehr wiederzuerkennen. Eine Abfolge von fünf bis sechs Mini-Handlungen über verlorene Söhne, Mütter und Liebhaber ersetzt eben keine wirkliche Handlung. Dabei ist die erste Hälfte der dritten Staffel sogar (oder: immerhin) besser geraten als die Zweite, und mit Enough About Eve, The Grandfather: Part II sowie They Shoot Humphreys, Don’t They? liefen drei der vier besten Folgen nahezu direkt hintereinander. In welche Richtung die vierte Staffel abdriftet, bleibt nach diesem Staffelfinale (First Tango, Then Paris) abzuwarten. Der erhoffte Schockeffekt wollte nicht so recht eintreten, vielmehr spielte man das letzte Blatt, das es noch zu spielen gab, in dem Wissen, sich jederzeit wieder zurück ins Spiel kaufen zu können. Somit mutiert Gossip Girls “You know you love me” immer mehr zu “You know you loved me”.

7/10

26. Mai 2009

Gossip Girl - Season Two

Ain’t karma a bitch? We know Blair Waldorf is.

Letztes Jahr war die erste Staffel von Josh Schwartz’ neuer Serie, Gossip Girl, von mir zur Serie des Jahres gekürt worden. Hatte ich zuerst etwas Anlaufschwierigkeiten, nahm mich der Drama-Faktor der Show kurz darauf richtig an. Hier legt wahrlich jede/r jede/n aufs Kreuz – gerne auch mehrfach. Zwar war die Auflösung des großen Geheimnis’ von Serena van der Woodsen (Blake Lively) letztlich nicht wirklich spektakulär (sie glaubte einen Menschen auf dem Gewissen zu haben), aber im Grunde wurde die Startstaffel ohnehin von Blair Waldorf (Leighton Meester) getragen. Mit ihren Kabalen reihte sie sich ganz weit oben ein, in der Liste der intriganten Schlampen (vis a vis mit Heather Locklears Amanda aus Melrose Place). Ihre kleinen und großen Machenschaften – mal mit, mal ohne Chuck Bass (Ed Westwick) – ließen bisweilen die Kinnladen zu Boden knallen. Aber man weiß ja, die unschuldigsten Gesichter bergen die größten Teufel. Inhaltlich folgte Gossip Girl zuvorderst den Erlebnissen des mittelständischen Dan Humphrey (Penn Badgley), sowie seiner Schwester Jenny (Taylor Momsen) und dem gemeinsamen Vater (Matthew Settle).

Am Ende der ersten Staffel gab es nun jede Menge Drama. Serena ehemalige Freundin Georgina (Michelle Trachtenberg) trieb sich wie ein Keil zwischen das Paar, während auch Chuck und Blair ihr Glück nicht gegönnt sein wollte. Die zweite Staffel setzt nun in den letzten Wochen der Sommerferien an, wenn Serena und Nate (Chace Crawford) vorgeben, wieder zusammen zu sein, während Nate eigentlich eine Affäre mit einer verheirateten Frau (Mädchen Amick) unterhält. Währenddessen trumpft Jenny in der Modefirma von Blairs Mutter auf, Blair lernt einen charmanten britischen Adeligen kennen und Dan genießt sein Praktikum bei einer renommierten Zeitung. Doch wer Gossip Girl kennt, der weiß, dass sich die Charaktere nur dann wohl fühlen, wenn sie im gegenseitigen Elend baden können. Inhaltlich versucht die zweite Staffel dabei mehrere Erzählstränge zu stemmen. Sei es Blairs Affäre mit Marcus, Dans Recherchen hinsichtlich Chucks Kindheit oder der unerwartete Tod von Chucks Vater, sowie die On-Off-Beziehung zwischen Rufus und Lily (Kelly Rutherford). Ganz besonders delikat wird das Ganze dann, als Dan eine Liaison mit Serenas Lehrerin Ms Carr (Laura Breckenridge) beginnt, während Blairs Zukunft den Bach runter zu gehen scheint.

Während der ersten fünfzehn Episoden weiß die Drama-Serie gut zu unterhalten, baut jedoch im Vergleich zum Vorgänger bereits eine Spur ab. Mit Pret-a-Poor-J und Gone With the Will wollen auch lediglich zwei Folgen so richtig überzeugen, wobei es – traurigerweise – gerade die Storyline um Mädchen Amicks Figur ist, die der Serie zu Beginn großen Schaden zufügt. Das Intrigenmuster - welches frei von jeglicher Motivation ist - will nicht wirklich unterhalten, sondern langweilt mit der Zeit eher. Derartige Nebenhandlungen baute Gossip Girl in den vergangenen Monaten öfters auf. Hatte Dans Affäre mit Ms Carr noch ansatzweise einen Zweck, so waren Serenas Anbandlungen mit Aaron, Gabriel und Co. nur leidliches Balsam auf die Drama-Haut der Serie. Ohnehin verkommt Schwartz’ Schöpfung inzwischen zu einer kleinen Melrose Place-Kopie, von im wörtlichen Sinne praktisch jeder einmal mit jedem ins Bett steigen darf. Besonders für Chace Crawford hatte man dieses Jahr einiges im Peto, durfte sich sein Charakter im Laufe der 25 Folgen neben Mädchen Amicks Figur auch noch mit Jenny, Blair und Vanessa (Jessica Szohr) vergnügen. Die Liebesschwüre ändern sich hierbei schneller, als für gewöhnlich das Wetter im April. Dass dabei die ungewöhnlichsten Durchmischungen zu Stande kommen, macht die Sache nur noch abstruser.

Mit den finalen zehn Episoden bricht die Show dann grandios ein, wobei hier die Schüler-Lehrerin-Affäre noch das Beste ist. Teilweise nehmen die Handlungsbögen wie in You’ve Got Yale! desaströse Formen an, wenn sich Chucks Cousin während einer Opernpause auf die Damentoilette mit Lily van der Woodsen einsperrt, um diese dort zu vergewaltigen. Fast genauso schlecht, weil total überflüssig, ist die vorletzte Folge Valley Girls, die, wie schon in Grey’s Anatomy vor zwei Jahren gepflegt, das im Herbst startende Spin-Off der Serie rund um die Jugendjahre von Lily einführen sollte. Eigentlich sind die letzten zehn Folgen bis auf das Staffelfinale The Goodbye Gossip Girl eine Beleidigung für die Ereignisse der ersten Staffel, hatte diese doch ein außerordentliches Niveau an den Tag gelegt. Es sollte somit nicht verwundern, dass die Serie - selbst wenn die Zuschauerzahlen in den USA im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind - im zweiten Jahr stark nachlässt. Oder drastischer gesagt, kaum wieder zu erkennen ist.

Sinnbildlich für die Inhaltsfreiheit der letzten Staffel kann man Lilys und Rufus’ Beziehung nehmen. Stets führt die kleinste Auseinandersetzung dazu, dass sich Rufus von Lily abwendet, um ein, zwei Folgen später doch wieder von Hochzeit und Zusammenziehen zu sprechen. Das wiederholt sich dann selbstverständlich mehrfach, fast genauso oft, wie Chuck und Blair versuchen anzubandeln, aber scheinbar aufgrund ihrer inneren Verrottung nicht dazu fähig sind, zu ihren Gefühlen zu stehen. Da brauchen sich die Charaktere nicht wundern, wenn sie im Finale Gossip Girl (Kirsten Bell) in aller Öffentlichkeit ob ihrer Geheimnisse und Fehltritte bloßstellt. Im Nachhinein sind die einzigen besonderen Vorzüge der zweiten Staffel - allerdings ausschließlich in optischer Hinsicht - die Gastrollen von der umwerfenden Mädchen Amick und der ihr kaum nachstehenden Tamara Feldman. Über die Nachfolgerstaffel, die kaum ein Kandidat für den Titel der Serie des Jahres ist, hüllt man besser den Deckmantel des Schweigens. Immerhin suggeriert das Staffelfinale, dass einige der Figuren in ihrem Charakter gewachsen sind. Ob sich diese Charaktere festigen werden, wird man im Herbst sehen. Inwieweit sich die Serie hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Locations fortführen lässt - die fünfte Staffel von Dawson’s Creek lässt grüßen -, bleibt abzuwarten.

7/10

31. Juli 2008

Gossip Girl - Season One

You know you love me. XOXO. Gossip Girl. 

Was war das Geschrei nicht groß in den Internetforen, als Josh Schwartz The O.C. einstellte und stattdessen zu einer ominösen Serie namens Gossip Girl abwanderte. Irgendwelche High Society Teens, das klang doch stark nach einem The Hills-Abklatsch - aber hey, erinnerte The O.C. nicht auch an Laguna Beach? Dass ich mich der Serie zugewandt habe, verdankt sich dem Kommentar von Hirngabel bei der vierten Staffel von Grey’s Anaytomy. Ob er das ironisch gemeint hat oder nicht weiß ich nicht einmal. Einen Blick wert war mir die Serie dann doch allemal. Ohnehin erscheint es mir unverständlich, dass sich Blogger (diese sind in ihrer Mehrheit wohl Männer) so gegen scheinbar „feminine“ Dinge verwehren. Aber zugegeben, an Gossip Girl schreckt einiges ab. Wie bereits bei Entourage muss man sich durch die Pilotfolge erst einmal quälen. Denn diese neue Welt wirkt nicht nur fremd, sondern auch abstoßend. Lauter kleine versnobbte New Yorker Teenies, die ihr Dasein in Reichtum an der Upper East Side verbringen.

Dazu auch noch diese ulkigen Namen, heißt doch die Hauptprotagonistin Serena van der Woodsen. Vielleicht war der Name ja inspiriert durch Cecily von Ziegesar – in ihr findet sich die Autorin von knapp ein Dutzend Gossip Girl-Romanen (auch wenn die letzten Bände von Ghostwritern stammen). Von Ziegesar entstammt selbst einer reichen Familie und wuchs im Herzen von New York auf, somit kennt sie sich hinsichtlich etwaiger Charaktere ihres Kulturkreises gut aus. Der erste Roman erschien 2002, im Herbst des letzten Jahres feierte die Serie ihr Debüt im amerikanischen Fernsehen und beginnt in wenigen Wochen mit ihrer zweiten Staffel. Zur Serie selbst wäre es fast nie gekommen, hatte Warner Bros. Pictures ursprünglich doch den Plan gehabt, einen Film mit Lindsay Lohan in der Hauptrolle zu produzieren. Letztlich vertraute man aber dem Händchen von Schwartz und entwickelte 18 TV-Episoden.

Wieso hat Serena van der Woodsen (Blake Lively) New York verlassen? Und wieso ist sie plötzlich zurück gekommen? Und wie wird ihre beste Freundin Blair Waldorf (Leighton Meester) auf ihre Rückkehr reagieren? Die High Society Teens der New Yorker Upper East Side stellen sich diese Fragen und die Antworten kennt nur eine Person: Gossip Girl. Doch wer ist Gossip Girl? Dies ist ein Geheimnis, dass sie nie verraten wird – und dennoch lieben sie alle. Im Gossip Girl - gesprochen von Kristen Bell - hat die neue Serie von The CW eine omnipräsente und allwissende Erzählerin. Sie meldet sich selten zu Wort, aber wenn, dann kann man sich auf zynische Zusammenfassungen gefasst machen. Wie ihr Name schon sagt, ist Gossip Girl eine Tratschtante. In dieser Funktion betreibt sie einen Internetblog, welchen sich die High Society Jugendlichen auf ihren Handys haben abonnieren lassen. Jeder Klatsch wird hier sofort verbreitet – manchmal schneller als selbst die beteiligten Personen erahnen mögen.

Von Deutschland aus lässt es sich schlecht beurteilen, aber denkbar wäre eine Person wie Gossip Girl im wahren Leben durchaus. Und wer weiß, vielleicht gibt es sie in den USA ja auch. Die Serie jedenfalls beginnt mit der Rückkehr von Serena, die sich einer neuen alten Umgebung gegenüberstellen muss. Ihr Bruder Eric ist wegen eines Selbstmordversuchs in ein Rehabilitationszentrum eingewiesen worden. Ihre ehemals beste Freundin Blair wendet ihr die kalte Schulter zu. Ohne Worte des Abschiedes ist Serena einst verschwunden und aus einem anderen Grund, wie sich zu Beginn enthüllen soll. Nicht der One Night Stand mit Blairs Freund Nate Archibald (Chace Crawford) trieb sie weg, sondern ein Geheimnis, das sich zum Ende der Staffel hin enthüllen soll. Doch nicht nur Serena hat mit Blair zu kämpfen, auch die neue Schulanfängerin Jenny Humphrey (Taylor Momsen) will zu den Angesagten dazu gehören, wird jedoch nur schikaniert. Da hilft es ihr auch nicht, dass ihr älterer Bruder Dan (Penn Badgley) das Interesse von Serena weckt. Denn Intrigen lauern überall.

Einen wirklichen Star im Sinne einer Hauptfigur hat Gossip Girl nicht. Zwar ist Serena der Mittelpunkt, aber nur weil sie als Bindeglied zwischen zwei Welten fungiert. Zum einen ist sie Teil der High Society, zum anderen wird sie geerdet durch ihre Beziehung mit Dan. Im Grunde lässt sich die Serie daher vom Blickwinkel der Familie Humphrey gut verfolgen, die wie keine andere Familie der Serie tiefere Einblicke erfährt. Der Apfel fällt nämlich nicht weit vom Stamm respektive wie der Vater so der Sohn. Auch Dan und Jennys Vater Rufus (Matthew Settle) hatte einst dieselben Erfahrungen wie sein Sohn gemacht, sich aber letztlich für seine Frau Allison entschieden. Diese lebt inzwischen getrennt von der Familie und scheint nicht zurück zu kommen. Ein Fakt, den bisher nur Dan zu realisieren scheint. Disfunktionale Familien sind in der Serie jedoch Gang und Gebe.

Denn während Nates Vater finanzielle Probleme hat (Tate Donovans Rolle aus The O.C. lässt grüßen), ist Serenas Mutter nach drei Ehen Single und Blairs Vater hat die Familie für ein Model verlassen. Ein männliches Model. Diese Jugendlichen besitzen zwar Unmengen von Geld, kennen jedoch kein liebendes Elternhaus. Serena und Eric fühlen sich von ihrer Mutter Lily (Kelly Rutherford) nicht verstanden, Blair hingegen wird von ihrer Mutter - trotz Anorexie - außen vor gelassen. Nates Vater will ihn zwingen auf das Dartmouth College zu gehen und Chuck Bass (Ed Westwick) ist ohnehin eine einzige Enttäuschung für seinen Vater. Ohnehin fällt mir soeben auf, dass die Mädchen in der Serie unter abwesenden Vätern leiden (Serena, Blair), während die Herren (Dan, Nate, Chuck) zum größten Teil auf ihre Mütter verzichten müssen.

Die Thematik der Serie lässt sich in „Sex, Drugs & Lies“ zusammenfassen, doch Gossip Girl ist in der Tat auch more than meets the eye. Wer sich durch diese fremde Welt in den ersten vier Episoden durchwurschtelt und Gefallen findet, wird belohnt werden. Kaum eine Folge kommt ohne die Intrigenspinnerei von Blair oder Chuck aus. Beide sind so abgrundtief fies, dass sie im Grunde die heimlichen Stars sind. Ohnehin kennt man ja die eine Kultfigur, die jede Serie zu bieten hat. Sei es ein Barney Stinson oder ein Todd. Fraglos kultig ist Chuck Bass, der von Ed Westwick grandios gelackt verkörpert wird. Sein lakonisches „I’m Chuck Bass“, um sich und sein Handeln zu rechtfertigen ist simpel und doch genial. Vordergründig ist die Serie aber natürlich um die Schönen und Reichen strukturiert, gewürzt mit zeitgenössischer angesagter R’n’B-Musik von Rihanna und Konsorten. Ein edler Look und viele fiese Matenten bestechen in Schwartz’ neuer Serie. Doch außer Drogen, Lügen und Intrigen haben die Charaktere auch mehr zu bieten.

Um in ihre Seele zu schauen, muss man ihnen aber eine Chance geben. Die meisten Figuren verfügen auch über eine sympathische Seite, viele verstecken sich lediglich hinter einer Maske, welche sie ob ihrer Status gezwungen sind aufzusetzen. Bezeichnend hierfür auch Blairs Albträume, die aus Variationen von Szenen des Filmes Breakfast at Tiffany’s bestehen. Am gelungensten sind die Episoden Poison Ivy und The Thin Line Between Chuck and Nate, welche vom Drama-Faktor - um es mit den Worten von Bruce Darnell zu umschreiben - Höchstwerte erzielen konnten. Etwas enttäuschend kam dagegen das Staffelfinale daher, relativ eintönig und ideenlos. Auch was letztlich Serenas Geheimnis war, ist spektakulär unspektakulär. Dennoch zählt Gossip Girl zu den Überraschungen des vergangenen Jahres, wusste die Serie doch weitaus besser zu gefallen als beispielsweise ihr Genrevertreter Dirty Sexy Money. Wer jedoch um seine Männlichkeit fürchtet, wenn er solch eine Serie sieht, der ist besser bei „harten“ Serien wie 24 und Konsorten aufgehoben.

8.5/10