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26. März 2016

Daredevil – Season Two

One batch, two batch... Penny and Dime.

“We don’t need another hero”, plärrte Tina Turner im Jahr 1985 – aber weder die Film- und Serienlandschaft, noch die Welt der Netflix-Show Daredevil mag sich so wirklich daran halten. Nach lobenden Kritiken zur ersten Staffel von Daredevil und nicht minder überschwänglichen zu ihrem Folgeprojekt Jessica Jones setzt Daredevil nun mit seiner zweiten Staffel die Messlatte noch eine Spur höher. Mit Elektra und Punisher fügen Douglas Petrie und Marco Ramirez, die Steven S. DeKnight als Showrunner ablösen, dem Daredevil-Universum zwei seiner populärsten Charaktere hinzu. Für beide galt dabei dasselbe Prinzip wie für den Man Without Fear vergangenes Jahr: sich nach wenig berauschenden Filmausflügen zu rehabilitieren.

Die zweite Staffel springt dabei direkt ins Metier: nach der Inhaftierung von Wilson Fisk versuchen sich die Gangs in Hell’s Kitchen in Position zu bringen. Doch hat es jemand auf sie abgesehen: Der Punisher (Jon Bernthal) radiert einen Kriminellen nach dem anderen aus, auf der Suche nach den Mördern seiner Familie. Ein zweiter vermeintlicher Ordnungshüter, dessen so kalte wie umbarmherzige Methoden Daredevil (Charlie Cox) jedoch nicht gutheißen kann. Nicht die einzige Überraschung, die sein Stadtteil für Matt Murdock bereithält, taucht nach dem ersten Drittel der Staffel doch in Elektra (Élodie Yung) doch auch eine alte Verflossene auf, die Murdocks Alter Ego für einen Kampf gegen den Ninja-Clan The Hand zu rekrutieren versucht.

Wo Steven S. DeKnight sowohl Daredevil als solchen wie auch Wilson Fisk als seinen Gegenspieler allmählich aufbaute, versehen Petrie und Ramirez die zweite Staffel von Daredevil mit ein paar kleineren Handlungsbausteinen. Als perfekter Wiedereinstieg erweist sich da in Bang das Erscheinen von Punisher oder genauer gesagt: Frank Castle. Die ersten vier Folgen widmen sich ganz dem Konflikt zwischen ihm und Daredevil, wenn die Show die zwei Kultfiguren und ihren unterschiedlichen Ansatz zur Verbrechensbekämpfung diametral gegenüberstellt. “Some cops want him off the street, others think he’s making our job a whole lot easier”, resümiert Polizeisergeant Brett (Royce Johnson) in Dogs to a Gunfight die Haltung zur Punisher-Situation.

Die, so implizieren die Showrunner, ist wie so oft in Comics ein Frankenstein-Szenario. “Maybe we created him”, sinniert Matts Anwaltsgehilfin Karen (Deborah Ann Woll). “Men who think that the law belongs to them.” Was natürlich auch auf Daredevil selbst zutrifft. “I think you’re a half measure”, wirft Castle wiederum diesem in New York’s Finest vor. “I think you’re a man who can’t finish the job.” In einer ausgiebigen Dialogszene, eines der vielen Highlights des zweiten Jahres, wird einer der zentralen Daredevil-Konflikte angesprochen. “The moment one man takes another man’s life in his own hands, he is rejecting the law – and working to destroy that structure”, legte Frank Miller bereits einst Daredevil in Devils (#169) in den Mund.

Ähnlich wie in Batman V Superman und Captain America: Civil War zeigt also auch Daredevil nun den physischen Konflikt zweier eigentlicher Helden. Mit dem Fokus auf Punisher in den ersten vier Folgen bietet die Serie der Figur viel Raum sich zu entfalten. Hart und kompromisslos ist Castle, ein Superkräfte-freier Gegenspieler, der sich gegenüber Daredevil behaupten kann. Wie so oft überzeugen die Actionszenen in Daredevil dabei, weitaus stärker gerät die Show jedoch, wenn sie die Figuren einfach nur reden lässt. So folgt auf den tollen Dialog in New York’s Finest ein stark gespielter Monolog zum Ende von Penny and Dime. Wer hier denkt, er hat den Punisher bereits gesehen, wird aber im Verlauf noch eines Besseren belehrt.

Was es heißt, ein Held zu sein, macht einen der Aspekte der zweiten Staffel aus. Auch, als später Elektra auf der Bildfläche erscheint. Weder sie noch der Punisher sind Helden im eigentlichen Sinne, ihre Widersacher sind lediglich krimineller Natur. Für Castle geht es bloß darum, den Tod seiner Familie zu rächen, während Elektra im Grunde nur eine Schachfigur in einem seit jeher herrschenden Konflikt darstellt. Indem Daredevil zur Mitte der Staffel Castle buchstäblich den Prozess macht, wird das Helden-Thema zentral in den Mittelpunkt gestellt. “Avengeance is not justice”, sagt Matt in Semper Fidelis, als er mit Kanzlei-Partner Foggy (Elder Henson) den Castle-Fall übernimmt. “This isn’t about vigilantes, it’s about failures of the justice system.”

Auch das System als solches wird immer mehr zum Thema für Matt, der sich verstärkt in einem Zwiespalt sieht, zwischen den theoretischen Idealen von Matt Murdock und den praktischen Ergebnissen von Daredevil. “There was always this glorious darkness inside you”, schwärmt Elektra in Kinbaku. Aber auch sie findet sich gegen Ende der Staffel in einem Zwiespalt, sieht ihre Welt und ihre Rolle darin erschüttert. Etwas, das auch Figuren wie die zurückkehrende Claire (Rosario Dawson) sowie etwas stärker Karen und Foggy betrifft. Wo Foggy mit dem Doppelleben seines Freundes und dessen Folgen für sein berufliches Leben hadert, lässt sich Karen von ihren Gefühlen für Matt, aber auch von Castle und seiner Vendetta vereinnahmen.

Als Vorlage für das zweite Jahr dient wohl zumindest in Ansätzen Frank Millers Gantlet (#175), wo Daredevil und Elektra es gemeinsam mit The Hand aufnehmen. Aber auch Parallelen zum – zu Unrecht – verschmähten Kinofilm lassen sich ausmachen. Darunter als Matt im Gericht Foggy versetzt (ebenfalls Thema in Gantlet) und sein Privatleben immer stärker hinter den Aufgaben von Daredevil zurückstellt. Dass Netflix’ Daredevil gerade wegen seiner düsteren Gewalt gelobt wird, ist in der Hinsicht auch leicht ironisch, bedenkt man, dass seinerzeit Mark Steven Johnson Gewalt aus seinem Daredevil-Film schneiden sollte, um diesen PG13-gerecht zu machen. “The tide raises all ships”, wie Elektra in Seven Minutes in Heaven bemerkt.

Speziell im Schlussdrittel der Staffel wirft dann das erste Jahr seine Schatten voraus. Bekannte Gesichter treten auf, darunter Stick (Scott Glenn) oder auch – der mit Anleihen von Elektra-Widersacher Kirigi versehene – Nobu (Peter Shinkoda). Inhaltlich stellt die Handlung nun die Castle- und Elektra-Segmente parallel zueinander auf. Es vermischen sich also der beinharte Ton des von Punisher-bestimmten ersten Akts mit dem etwas mystischer angehauchten um The Hand. Und wie so oft der Fall bei umfangreicher Exposition, vermag die Auflösung in beiden Fällen in The Dark at the End of the Tunnel nicht vollends zu befriedigen. Wo es sich Petrie und Ramirez bei Punisher etwas leicht machen, lassen sie bei The Hand vieles offen.

Entsprechend ist dann auch das Staffelfinale A Cold Day in Hell’s Kitchen wenig mehr als ein Rundumschlag, der ähnlich wie der Abschluss zum ersten Jahr etwas „enttäuscht“, da die Folgen zuvor bereits viel Handlung abschlossen. “What if this isn’t the end?”, darf da sogar eine Figur fragen, wenn die Schlussbilder sich zum einen des klassisches Cliffhangers bedienen und andererseits Marvel-Kollegen wie Iron Man nachäffen. Manches funktioniert besser – ein aus Millers Hunters (#176) entlehnter Tod –, anderes wie Karens neue Position als Ben Urich Ersatz und Star-Reporterin überhaupt nicht. So gehört das Finale zu den wenigen eher „schwächeren“ Folgen einer ansonsten aber auf sehr hohem Niveau operierenden Staffel.

So unnötig die Romanze zwischen Matt und Karen auch erscheint, gibt sie Letzterer bis zum Castle-Fall zumindest etwas zu tun. Anders dagegen ist die Sachlage bei Foggy, der gerade in der ersten Hälfte mehrfach untermauern darf, dass es für heldenhaftes Handeln keines Kostüms bedarf. Petrie und Ramirez finden dabei die richtige Mischung aus Charaktermomenten und simpler Action. Die tritt meist mit dem Punisher auf den Plan, jener Figur, die der eigentliche Star der zweiten Staffel ist. Roh und rau interpretiert Bernthal die Figur, die jedoch nie unsympathisch daherkommt. Kein Wunder, dass die herausragenden Episoden wie Guilty as Sin oder auch .380 durchweg die sind, in denen Castle und seine Vendetta im Zentrum der Handlung stehen.

Insofern können Punisher und Elektra, die beide wie Daredevil keinesfalls grottige Kinoableger erfahren hatten, sich dennoch für enttäuschte Fans im Netflix-Format reinwaschen. Höher schlägt das Nerd-Herz immer dann, wenn unterschiedliche Marvel-Figuren aufeinander treffen (so wie eine starke Gefängnisbegegnung von Castle) oder gemeinsam in die Schlacht ziehen (Daredevil, Elektra und Stick versus The Hand). In ihrem zweiten Jahr kann Daredevil also nicht nur den Vorgänger toppen, sondern liefert zugleich mit das Beste ab, was Comicadaptionen bis dato vorweisen können. Oder um es mit einem Zitat aus Bang zu sagen: “Sheesh. Every time we think we’ve seen it all… Hell’s Kitchen manages to sneak up, kick me right in the balls.”

8.5/10

5. August 2013

Trance

Remember, do not be a hero.

Wie in Trance fühlt man sich, wenn man Dinge erledigt, ohne sich ihrer Ausübung wirklich bewusst zu sein. Ein Dämmerzustand also, der vorübergehend die Aufmerksamkeit ändert und eine Entspannung einleitet – ausgelöst durch Hypnose. Unterschwellig lassen sich auf diese Weise Verhaltensänderungen vornehmen. “Do you want to remember or do you want to forget?”, fragt Hypnotiseurin Elizabeth Lamb (Rosario Dawson) am Ende von Danny Boyles jüngstem Film Trance eine der Figuren. Sich an Vergessenes erinnern steht im Mittelpunkt von Boyles Psycho-Thriller, den dieser während seiner Vorbereitungen für die Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in London im vergangenen Jahr drehte.

In dem Quasi-Remake eines britischen TV-Films von 2001 muss sich der Kunstauktionator Simon (James McAvoy) daran erinnern, wo er Francisco Goyas „Hexen in der Luft“ versteckt hat. Dieses wollte der Kriminelle Franck (Vincent Cassel) stehlen, nachdem ihm Simon, von Wettschulden geplagt, über dessen Wert und Auktionstermin informierte. Als der Überfall nicht wie geplant verläuft und Simon nach einem Kopfstoß und der anschließenden Operation vergessen hat, wo er den Goya unterbrachte, engagiert Franck kurzerhand Dr. Lamb, um dem Gedächtnis von Simon auf die Sprünge zu helfen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen während der folgenden Sitzungen dann immer mehr.

“Everyone knows amnesia is bollocks”, ächzt Franck zwar zuerst noch ob Simons Kondition, macht dann allerdings doch gute Miene zum bösen Spiel. Fünf Prozent der Bevölkerung seien empfänglich für Hypnose habe er in einem Buch gelesen, konfrontiert Franck in einer Szene Lamb. Deren Beweggründe, sich mit ihm und seiner Gang einzulassen, überraschen derweil noch zu Beginn, um erst gegen Ende von Trance eine – allerdings wenig eindrucksvolle – Erklärung zu erhalten. Boyle versucht sich ziemlich deutlich an einem Film, in welchem nichts so sein soll, wie es zu sein scheint. Warum weint Lamb als sie über Simons Angriff im Auktionshaus liest und wird dieser von einer imaginären Frau bis in die Realität verfolgt?

Dass die rassige Hypnotiseurin dabei nicht nur Simon, sondern bald auch Franck den Kopf verdreht, verkompliziert die Sache nur noch. Gerade weil Simon, zuvor bereits durch Franck und seine Männer eingeschüchtert, nun zusätzlich eifersüchtig wird und sich mental noch mehr abschirmt. Sehr zur Ungeduld von Francks Handlanger Nate (Danny Sapani), der zu einem gewissen Zeitpunkt die Dinge selber in die Hand nimmt. Was folgt sind Blut, Mord und Totschlag, aufklärende Rückblenden, Twists und das ganz große Drama. Eben wie man das so kennt, aus Thrillern, in denen Figuren Wahrnehmungsstörungen haben. Problematisch ist nur, dass jenes Tabula rasa in Danny Boyles finalem Drittel allerdings wenig überzeugen will.

Das liegt zum einen daran, dass die Twistwendung relativ früh erahnbar ist und Trance, wie bereits Christopher Nolans Inception, kaum etwas aus seinen Gedankenspielereien zu machen versteht. Hypnose funktioniert bei Boyle als bloßes Drauflosquatschen, ihr anheim fällt dann, wer seinen Geist nicht bei Drei auf die Bäume bringt. Dass der Brite zudem versucht, mit visuellen Kameraspielereien einige Szenen in der Realität möglichst doppeldeutig erscheinen zu lassen – gewünschte Zuschauerreaktion: Ist das jetzt Trance oder real? – macht das Ganze nicht wirklich besser und schon gar nicht cleverer. Stattdessen bürdet sich der Film in bester Manier eines Damon Lindelof mehr Antizipation auf als er letztlich einlösen kann.

Auch zuvor schon fehlt dem Film eine rechte atmosphärische Einordnung, inszeniert Boyle sein jüngstes Werk doch teils mit der Verve seiner Anfangsjahre, wenn McAvoy wie einst Ewan McGregor als Erzähler direkt in die Kamera spricht, während die visuelle farbintensive Kameraarbeit eines Anthony Dod Mantle jenen lässigen Charakter des Films unterstützt. Ein Feel-Good-Thriller irgendwie, der zwar in seinen ersten beiden Akten streckenweise durchaus Spaß macht, nach hinten raus jedoch immer mehr abbaut. So merkt man Trance an, dass das Ausgangsmaterial eher auf TV-Niveau zu verordnen ist und dass Olympia-Regisseur Danny Boyle mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen zu sein scheint. Wie in Trance.

6/10

4. Juli 2010

Clerks II

You never go ass to mouth!

Man kann es drehen und wenden wie man will, aber dass sich Kevin Smith nach zwölf Jahren zurück zu seinen Wurzeln orientierte, hängt unweigerlich mit dem Kritiker-Fiasko zum Vorgängerfilm Jersey Girl zusammen. Während die Öffentlichkeit es so wahrnahm, dass Smith sich auf eine Geschichte besinnen wollte, die er tatsächlich im Stande war zu erzählen, erklärte der New Jerseyer, dass er statt mit Stars lieber wieder primär mit seinen Freunden arbeiten wollte. Die Aussage ist schon allein deswegen etwas in Zweifel zu ziehen, da Jersey Girl mit Ben Affleck und George Carlin ebenfalls Freunde des Regisseurs besetzte und sein Nachfolger Zack and Miri Make a Porno mit Seth Rogen und Elizabeth Banks kaum „persönlicher“ gewesen sein konnte, als hier nun Clerks II. Von Smiths erstem Studiofilm Cop Out (hier immerhin Jason Lee und Seann William Scott) ganz zu schweigen.

Die (unberechtigte) Kritik an Jersey Girl hatte dem dicklichen Auteur fraglos zugesetzt. Da traf es sich gut, dass er bereits im Abspann von Dogma angekündigt hatte, dass es eine Fortsetzung zu seinem Debütfilm Clerks. geben würde. Weg also von den teuren Produktionen voller Stars (Jay & Silent Bob Strike Back kostete 20, Jersey Girl 35 Millionen US-Dollar) und zurück zum Filmen vor Ort mit altbekannten Gesichtern. Dennoch lagen die Kosten für Clerks II bei einem Budget von fünf Millionen Dollar fast zweihundert Mal so hoch, wie zwölf Jahre zuvor für Smiths Debütfilm, was eine Nostalgiestimmung unwahrscheinlich gemacht haben dürfte. Um nicht in alte Muster zu fallen, lässt Smith zu Beginn des Filmes den Quick Stop abbrennen, weshalb sich ein Arbeitsplatz- und damit auch Umweltwechsel für die beiden Hauptprotagonisten anschickt.

Und was trifft sich da besser, als Mooby’s, die eigene fiktive Fast-Food-Kette des Askewniverse. Grundsätzlich geändert hat sich dennoch nicht viel. Randal (Jeff Anderson) ist immer noch der vorlaute, Kunden vergraulende Mitarbeiter der er immer war und vor dem Laden lungern weiterhin Jay (Jason Mewes) und Silent Bob (Kevin Smith) herum - wenn auch inzwischen clean. Die Parallelen ziehen sich auch in Dantes (Brian O’Halloran) Leben, der sich erneut zwischen zwei Frauen sieht, was neben dem Publikum auch Randal verwundert („You're the most hideous fucking chud I've ever met, and you always have a pair of girls fighting over you“). Immerhin variiert Smith das Szenario, indem er Dante sich diesmal gegen die aktuelle Freundin und für das frühere Sexabenteuer entscheiden lässt. Auch wenn seine Entscheidung erneut zugunsten der charakterlich positiveren Dame ausfällt.

Im Gegensatz zu Clerks. versucht sich die Fortsetzung nun darin, eine zusammenhängende Geschichte zu präsentieren, die nicht durch willkürliche Episoden ständig unterbrochen wird. Zwar müssen sich Dante und Randal (erneut) mit aufgeregten Kunden oder einem ehemaligen Klassenkameraden (Jason Lee) auseinandersetzen, doch grundsätzlich verfolgt der Film die Dreiecksbeziehung zwischen Dante, seiner Verlobten Emma (Jennifer Schwalbach-Smith) und seiner Vorgesetzen Becky (Rosario Dawson). Während Randal für diese Konstellation nur gelegentlich eine präsente Rolle spielt, platziert ihn Smith ansonsten neben seinen neuen „Sidekick“ Elias (Trevor Fehrman) - einen christlichen Nerd, extremsten Lord of the Rings-Fanatiker und weiteren Mitarbeiter (bzw. Mitarbeiter des Monats) in der Fast-Food-Restaurant-Kette von Mooby’s.

Mochte man beim Vorgänger noch kritisieren, dass er eine wilde Ansammlung von kleinen, zusammenhangslosen Szenen darstellte, fällt die Kritik zur Fortsetzung nun dahingehend aus, dass versucht wird eine stringente Geschichte zu erzählen. In Verbindung mit dem Geist des Vorgängers gelingt dies nur mittelprächtig. Schon allein die Einführung von Jay und Silent Bob will nicht so recht gefallen und mit seiner Tanzeinlage hat sich Smith alles andere als einen Gefallen getan. Vieles wirkt wenig stimmig, sei es die plötzliche Butch Cassidy & the Sundance Kid-Hommage oder die Übernahme von Smiths Lord of the Rings-Anekdote aus An Evening With Kevin Smith 2: Evening Harder. Was man an inhaltlichen oder inszenatorischen Schwächen seinem Debütfilm noch verzieh, will man nun, zwölf Jahre später, nicht mehr gelten lassen.

Löblich, wenn Smith versucht sich selbst zu zitieren, doch wenn er seinen beiden nutzlosen Szenen wie den Ausflügen außerhalb des Ladens (einmal im Auto/Go-Kart, einmal aufs Dach) ein Echo schenkt, macht er letztlich nur erneut denselben Fehler. Viele der Spiegelungen sind weniger gelungen, zum Beispiel die direkte Filmreferenz (The Empire Strikes Back vs. The Return of the Jedi/Lord of the Rings vs. Star Wars) oder die Probleme Dantes mit seiner Freundin. Dafür versucht Clerks II zu sehr auf der einen Seite nicht so zu sein, wie Clerks. und auf der anderen Seite den Vorgänger unentwegt zu zitieren. Analog kann man hierzu Jay und Silent Bob lesen, die zwar zugleich das repräsentieren wollen, was sie früher waren, ohne aber identisch mit ihren vergangenen Persönlichkeiten sein zu wollen. Abgesehen von ihrer The Silence of the Lambs-Hommage tragen sie auch nicht sonderlich viel zum Film bei (im Vergleich zu den anderen Askewniverse Filmen seit Clerks.).

Dennoch weiß Smith auch hier mit einigen brillanten Einfällen aufzuwarten. Sei es zum einen Randals gesamter „porch monkey“-Plot („It’s cool, I'm taking it back“) oder aber insbesondere die Pussy-Troll-Szene zwischen Randal und Elias. Somit ist wie schon im ersten Teil Randal die Figur, die den Film zusammenhält. Allerdings sind jedoch die schauspielerischen Leistungen weitaus gefälliger als vor zwölf Jahren. Anderson und O’Halloran können nun ihre Dialoge in einem ruhigeren Tempo führen und Ergänzungen wie Fehrman und Dawson machen sich sowohl inhaltlich als auch schauspielerisch bezahlbar. Enttäuschend ist aufgrund seiner debilen Grimassen eigentlich nur Smith selbst, was sogar seine Frau - die er scheinbar nun in jedem seiner Filme besetzen muss - erträglich macht.

Im Nachhinein ist Clerks II daher eine kleine Enttäuschung, kann der Film doch weder als eigenständiger Film noch als Fortsetzung zum Vorgänger überzeugen. Dass Smith gerade noch so die Kurve kriegt verdankt er auch seinem Ende, dass zum ersten Mal wirklich Nostalgie zu erzeugen vermag, wenn Randal und Dante wieder im Quick Stop stehen, die Farbe ins Schwarz-Weiß übergeht, Walter Flanagan Zigaretten kauft und Smiths Mutter vor dem Kühlregal kniet, um das Haltbarkeitsdatum der Milchgallonen zu überprüfen. Nett war es, mal wieder vorbeigeschaut zu haben. Auch wenn das meiste nicht so war, wie man es in Erinnerung hatte. Immerhin schien es sich Smith mit Clerks II nun wieder bewiesen zu haben - wenn auch nur sich selbst gegenüber.

5.5/10

13. Juli 2009

Killshot

Nach 26 Jahren die Wiedervereinigung von Diane Lane und Mickey Rourke auf der Leinwand. Damit hat man auch schon das Positivste aus John Maddens Killshot, einer Elmore-Leonard-Adaption, herausgegriffen. Ein grenzenlos overacting betreibender Joseph Gordon-Levitt, die Nippel der Lane und Rourke als amerikanischer Ureinwohner sind gar nichts im Vergleich zu Hossein Aminis unfassbar dümmlichen Drehbuch. Was hier aufgeboten wird, zieht einem schier gar die Schuhe aus. Nicht jede Leonard-Adaption kann scheinbar so gut werden wie Jackie Brown. Aber immerhin hätten Madden und Co. ja versuchen können, einen weniger miesen Film zu Stande zu bringen. Etwas mehr Gekeife biete ich in der ausführlichen Besprechung beim MANIFEST.

3/10

6. Januar 2009

Seven Pounds

I don't want to give that man a gift he doesn't deserve.

„You know it's Big Willie style, baby”, trällerte der Rapper aus Philadelphia einst durch die Musikboxen. Und in der Tat scheint das, was sich seit geraumer Zeit in Hollywood abspielt dem Big Willie style zu entsprechen. Denn Will Smith hätte sich durchaus den Spitznamen „Der 100 Millionen Dollar Mann“ verdient, spielten doch siebzig Prozent seiner Filme allein in den USA mehr als einhundert Millionen Dollar ein und dies bereits konstant seit sieben Jahren hintereinander. Im letzten Jahr war Smith dann auch das einträglichste Zugpferd der Traumfabrik. I am Legend und Hancock gehörten zu den fünf erfolgreichsten Filmen des vergangenen Kinojahres. Somit brachte Smith alleine seinen Produzenten über 1,2 Milliarden Dollar ein. Overbrook Entertainment wird sich freuen, produzierten diese immerhin sieben der letzten acht Filme aus Smiths Filmographie. Für Seven Pounds unterstellt sich der Afroamerikaner erneut dem Italiener Gabriele Muccino, der ihm bereits in The Pursuit of Happyness eine Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller einbrachte.

Smith verkörpert einen Steuerfahnder namens Ben Thomas, der scheinbar eine eigene Agenda hat. Zu Beginn des Filmes ruft Thomas bei der Hotline einer Fleischvertriebskette an. Er spricht mit dem Telefonisten Ezra (Woody Harrelson) und macht sich über diesen lustig als er erfährt, dass dieser blind und ein Vegetarier ist. Als Ezra trotz der Beleidigungen ruhig und konsterniert bleibt, legt Ben wütend auf und beginn eine Liste zu verfassen. Wenig später sitzt Ben im Büro des Leiters einer Pflegeabteilung. Der Mann bittet Ben um finanzielle Unterstützung, Ben ist reserviert und sucht kurz darauf eine der Patientinnen auf. „Es steht in meiner Macht die Lebensumstände dieses Mannes drastisch zu beeinflussen“, erläutert Ben der alten Dame. „Sagen Sie mir, ist er ein guter Mensch?“, fragt er sie dann. Was treibt dieser Steuerfahnder und wieso sucht er fremde Menschen auf? Wir sehen Ben in einem Krankenhaus bei einem älteren Mann sitzen, so wie Ben auch mehrfach Ezra aufsucht und in einem anderen Krankenhaus die Herzschwache Emily (Rosario Dawson) verfolgt. „Würden Sie sich selbst als guten Menschen bezeichnen?“, fragt er Emily in einer Szene. Als er ihr für ihre 56.000 Dollar Staatsschulden einen Aufschub gewährt entgegnet sie mit der Gegenfrage „Wieso habe ich das Gefühl Sie haben mir soeben einen riesigen Gefallen getan?“. Ben lächelt wissend und geht. Die Agenda dieses Mannes wird deutlicher.

Hin und wieder präsentiert Muccino seinem Publikum Rückblenden aus Bens Leben. Er arbeitete als Raumfahrtsingenieur und hatte ein großes Haus am Meer mit einer hübschen Frau an seiner Seite. Mehr erfährt man über sein Privatleben nicht, Gespräche mit seinem besten Freund Dan (Barry Pepper) oder großen Bruder (Michael Ealy) verlaufen meist einseitig. Details blockt Ben ab, er sagt nur das Nötigste, spricht meist einsilbig. Unentwegt blickt Smith dabei wie ein geprügelter Hund in die Kamera, speziell in den Momenten, wo er Emily näher kommt. Was als Formalität begann, entwickelt sich hier langsam zu mehr. Wieso die junge Frau so viele Sympathien für den Mann hegt, der gekommen ist, um über fünfzig Tausend Dollar von ihr einzutreiben, wird nicht ganz klar. Als sie einen Schwächeanfall leidet ist es Ben, den sie vom Krankenhaus aus anruft. Nachts kommt dieser vorbei und wird dabei weder vom Personal aufgehalten als er Emilys Zimmer betritt noch als er die ganze Nacht in diesem zubringt. Einer Verabredung folgt die nächste und allmählich beginnt Bens Agenda zu wackeln. Während die Rückblenden vorschreiten nimmt das Bild schärfere Proportionen an. Dabei war die Prämisse des Filmes von Beginn an klar, die Agenda von Ben so offensichtlich, wie das Ende vorhersehbar ist.

So wie Muccino Seven Pounds inszeniert muss man davon ausgehen, dass er sein Publikum für dümmer hält, als dieses in Wirklichkeit ist. Der Plottwist zum Ende, wenn endlich aufgeklärt wird, welchen Zweck Ben betreibt, ist im Grunde kein solcher. Vorab deckten Interessierte im Internet auf Foren wie IMDb bereits die Struktur des Filmes auf, mit keiner anderen Vorkenntnis als dem zuvor veröffentlichten Trailer. Ein schwacher Zug eines durchschnittlichen Filmes. Die Leichtigkeit mit der Ben während des Filmes Zugang zu allerlei Personen und Einrichtungen gewinnt, wirkt so unglaubwürdig, wie sein ganzes Planspiel naiv. „Ich habe etwas schreckliches getan und mein Leben wird nie wieder so sein wie es vorher war“, schreit Ben einmal betroffen heraus. Smith spielt die leblose Figur dabei mit meist zwei Nuancen: einem leichten Lächeln und einen gequälten Gesichtsausdruck. Eine Oscarnominierung dürfte dieses Mal unwahrscheinlich sein, denn viel zu gewöhnlich ist sein Spiel, wie es auch die gesamte Handlung des Filmes ist.

Sehr löblich hingegen spielt Rosario Dawson den Part der todkranken Emily, lediglich das Verhalten ihrer Figur ist nicht immer nachvollziehbar. Grundsätzlich scheitert Seven Pounds jedoch an seiner wenig inhaltsstarken Handlung, die zudem äußerst wenig Spannung und Zug entwickelt, da sie die ganze Zeit hindurch absehbar ist. Hier wäre es empfehlenswerter gewesen, wenn Muccino die Karten zu Beginn offen gelegt hätte. Anstatt ein Brimborium um die Intention seiner Hauptfigur zu inszenieren, hätte man sich dann mehr auf dessen Innenleben konzentrieren können. Ein Charakterprofil wäre hier wünschenswerter und mannigfaltiger gewesen. Nichtsdestotrotz dürfte der Film in den USA weiterhin in Smiths Erfolgsspur fahren. Die Botschaft, die der Film in seinem Finale vermittelt, ist aufgrund ihrer moralischen Fragwürdigkeit dann ein ganz anderes Thema.

4/10 - erschienen bei Zelluloid

17. Juli 2007

Death Proof

Shots first, questions later!

Wenn sich zwei der talentiertesten und kultigsten Regisseure unserer Generation zusammentun, um ein Double Feature ins Kino zu bringen, jubelt der Filmfan. In der Tradition des Grindhouse, das zur Ertragsstreigerung zwei trashige B-Movies zum Preis von einem zeigte (sogar Kubricks The Killing lief einst im Grindhouse), wollten Robert Rodriguez und Quentin Tarantino jeweils einen Film beisteuern und als Hommage an dieses drehen, um beide Filme anschließend als Double-Feature ins Kino zu bringen. Inklusive Fake-Trailer zu weiteren Grindhouse-Filmen, gedreht von den neuen Söhnen des Horrors wie Eli Roth und Rob Zombie. Dabei liegt die Betonung aber auf wollten, denn wenn Dinge zu schön scheinen, um wahr zu sein, sind sie es meist nicht.

Das Budget von GrindHouse lag bei 53 Millionen Dollar, produziert wurde er von Tarantinos langjährigen Partnern, Bob und Harvey Weinstein. Enttäuschenderweise spielte GrindHouse am Startwochenende in den USA nicht einmal 12 Millionen Dollar ein – was angesichts des Ostertermins aber auch nicht allzu verwunderlich ist für einen R-Rated-Film. Tarantino war zwar enttäuscht, bezeichnete sich jedoch als stolz über seinen vermeintlichen Flop. Ganz anders dagegen Harvey Weinstein. Der sah sein Geld den Bach runter gehen und weil Produzenten keine Filmschaffenden, sondern Geschäftsleute sind, versuchte sich der gierigere Weinstein an Schadensbegrenzung. Vielleicht sollten er es George Lucas machen und ein und denselben Film alle paar Jahre re-digitalisiert neu veröffentlichen.

Das Schema des “Zwei Filme zum Preis von einem“ kam in den USA allerdings nicht wirklich an. Mancher verließ das Kino bereits nach Rodriguez’ Segment Planet Terror, unwissend, das Tarantinos Death Proof folgte. Harvey Weinstein sah jedenfalls sein teures Geld davon fließen, weshalb er nun außerhalb der USA GrindHouse getrennt vertreibt, dafür in erweiterten Fassungen. Seiner Begründung nach können Europäer ohnehin nichts mit der Tradition des Grindhouse-Kinos anfangen, wieso ihnen folglich die Mühe machen. Gesagt, getan und nun startet Planet Terror gut zwei Monate nach Death Proof in unseren Kinos. Statt 2 für 1 also alles wie gehabt. Ganz schön dreist eigentlich, dass man nun den doppelten Preis für ein Produkt zahlen muss, wie von den Produzenten zuvor angekündigt.

Death Proof handelt von Stuntman Mike (Kurt Russell), der in seiner Freizeit junge, scharfe Mädels kalt macht. Hierbei hat er sich als Opfer DJane Jungle Julia (Sydney Potier) und deren Freundinnen Arlene (Vanessa Ferlito) und Shanna (Jordan Ladd) ausgesucht. Nach einem Abend in der Kneipe sucht er sie schließlich mit seinem todsicheren Chevy Nova heim – nur damit sich die Handlung in der zweiten Hälfte des Filmes nochmals wiederholen kann. Dort nimmt es Stuntman Mike mit den etwas robusteren Mädels Abernathy (Rosario Dawson), Kim (Tracie Thoms) und Zoë (Zoë Bell) auf. Während vieler tiefsinniger Frauengespräche bietet Tarantino auch jede Menge Kunstblut und obschon beide Teile seines Filmes identisch wirken, sind sie prinzipiell dann doch grundverschieden.

Das der Film Tarantino Spaß gemacht hat, macht sich bemerkbar. Er zitiert sich gerne selbst, referiert des Öfteren Vanishing Point und Bullitt, stellt für eine Barszene seine private Jukebox zur Verfügung und ergötzt sich an seinen Frauendialogen. Jungle Julia und/oder Abernathy treffen sich beide mit ihren Freundinnen zu einem großen und ausführlichen Plausch zu Tisch, doch während die einen unbekümmert über Männer und Flirten tratschen, offenbart sich bei zweiter Gruppe die toughere Natur der Damen – mal abgesehen von Lee (Mary Elizabeth Winstead), die dafür das eye candy des Filmes bildet. So nett und ausgefeilt Tarantinos Dialoge auch sind – sie sind zu lang. Denn an sich führen sie nirgendwo wirklich hin und entwickeln zudem nicht einmal die dargebotenen Charaktere weiter.

Die Tonmängel und Farbfehler sind natürlich nett mitzuerleben und schön eingebaut für das richtiges Flair, welches durch Tarantinos exzellente (und erstmalige) Kameraführung unterstützt wird. Auch die Musikauswahl ist wie immer über jeden Zweifel erhaben, für einen echten Grindhouse-Film ist allerdings doch zu unkonsequent durchgezogen. Denn nur weil Death Proof sich mitunter Stilblüten des Grindhouse bedient, macht das den Film noch lange nicht zu Grindhouse. Einen guten Film auf schlecht zu trimmen, damit er den Anspruch erfüllt so schlecht zu sein, dass er schon wieder gut ist, funktioniert hier dank Tarantinos gekonnte Inszenierung nicht. Und auch die überbordende Länge spricht dafür, dass Death Proof in seiner ursprünglichen GrindHouse-Fassung sicherlich runder daherkommt.

6.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision