22. Februar 2014

Kōkaku Kidōtai [Ghost in the Shell]

There’s nothing sadder than a puppet without a ghost.

Bereits René Descartes beschäftigte sich im 17. Jahrhundert mit dem Leib-Seele-Problem und ob der Geist ohne Materie separat existieren könne. Ist der Körper nur ein Gefäß für die Seele? Zumindest in The Matrix (1999) entwickelten die beiden Wachowski-Schwestern ein anti-dualistisches Bild ihrer Welt und das Konzept eines materiellen Geistes. “Your body cannot live without the mind”, klärt Morpheus darin Neo auf. Was zwar mehr auf den Körper gemünzt ist, zugleich wird Sein jedoch über die Materie und weniger den Geist definiert. Grundsätzlich ist The Matrix aber an Fragen von Realität und Freiheit interessiert, der die Wachowskis inspirierende Kōkaku Kidōtai, Oshii Mamorus Adaption von Shirow Masamunes Manga aus dem Jahr 1991, dreht sich derweil mehr um die Themen Leben und Existenz.

Shirow konzipierte darin eine Cyberpunk-Geschichte, die im Jahr 2029 spielt. Die Vermischung zwischen Mensch und Maschine ist vorangeschritten, teils so weit, dass an manchen Figuren wie Major Motoko Kusanagi (Tanaka Atsuko) ihr “ghost” – also ihre Seele respektive ihr Bewusstsein – das einzig übriggebliebene Menschliche ist. Genauer gesagt gibt es in Kusanagis Spezieleinheit der Regierung kaum Mitglieder, die nicht über maschinelle Verbesserungen verfügen. Ihr neuer Partner Togusa (Yamadera Kouichi) ist mit seinem e-Brain, sprich: Cyber Net Implantate im Gehirn, praktisch die Ausnahme. Und wurde gerade deshalb vom Major ausgewählt. “A system where all parts react the same way is a system with a fatal flaw”, erklärt sie Togusa. Und derartige Lücken werden gnadenlos ausgenutzt.

Beispielsweise von dem Hacker-Terroristen „Puppetmaster“, einer künstlichen Intelligenz, die zu Beginn des Films auch erstmals Japan unsicher macht. Und damit Kusanagis Team rund um Togusa und Batou (Ohtsuka Akio) auf den Plan ruft. Während der Puppetmaster die Ghosts von etwaigen Bürgern hackt und manipuliert, heften sich Kusanagi und Co. an seine Fersen. Zugleich bemerkt Batou einige Wesensveränderungen bei seiner Vorgesetzten, die vermehrt an ihrer eigenen Menschlichkeit zu zweifeln beginnt. Als sich der Puppetmaster dann in Form eines Gynoiden zu Stellen scheint, werden nach und nach Verstrickungen und Motive deutlich. Und wie sich zeigt, soll Kusanagi hierbei eine ganz besondere Rolle spielen, während Kōkaku Kidōtai sich von der Action zur Philosophie wendet.

Was bedeutet es, am Leben zu sein? Dies ist eine Frage, die sich der Puppetmaster stellt und die er im Folgenden an die übrigen Figuren weitergibt. Er selbst stellt sich Kusanagis Einheit, um Asyl als politisch verfolgtes Lebewesen zu beantragen. Allerdings sprechen ihm seine menschlichen Gegenüber jene Qualifikation ab, schließlich partizipiere er nicht am Sein. “I am able to recognize my own existence”, reklamiert er und rezitiert damit Descartes’ 1. Grundsatz (“cogito ergo sum”/„Ich denke, also bin ich“). Es handele sich bloß um seine selbsterhaltene Maßnahme, wiegeln die Menschen ab – und der Puppetmaster hält ihnen vor, dass dies wiederum auch auf die menschliche DNS zutreffen würde. Was den Mensch zum Individuum mache, sei vielmehr nur seine immaterielle Erinnerung.

“And memory cannot be defined”, fährt die Künstliche Intelligenz fort, “but it defines mankind.” Man fühlt sich an eine Aussage von Batou aus dem ersten Akt erinnert, als er kommentierte: “All data that exists is both reality and fantasy”. Eine Schnittmenge, die auch Erinnerungen mit einschließt. Und was sind Daten letztlich anderes, als programmierte Erinnerungen? Bei den Figuren bleiben die Gedanken des Puppetmaster jedoch nicht hängen, lediglich der Major scheint in ihnen ein stummes Echo jener Selbstzweifel zu erkennen, die sie seit einiger Zeit selbst ergriffen haben. Die Entfremdung ihres Ghosts gegenüber ihrem gynoiden Körper wird dabei gekennzeichnet durch ihre schamlose Entblößung von Letzterem. Was wiederum speziell in ihrem Partner Batou immer wieder menschliche Züge hervorbringt.

Hoffnung wartet lediglich beim Tauchen auf Kusanagi, “as though I could change into something else”. Eine Hoffnung, die sich im Finale in der Symbiose mit dem Puppetmaster bestätigt sieht (und von den Wachowskis in The Matrix Revolutions kopiert wurde). “Maybe there was never a real ‘me’ to begin with”, sinniert der Major. Auch der Puppetmaster kritisiert den menschlichen Hang zur Individualität. “Your desire to remain as you are is what ultimately limits you”, wirft er Kusanagi vor. Während sie sich vollends von ihrem materiellen Dasein verabschiedet und im Kollektiv mit dem Puppetmaster dennoch ihren Ghost behält, gewinnt die KI durch die Assimilation des Majors letztlich jene „körperlichen“ Eigenschaften der Reproduktion und Sterblichkeit, die für sie Existenz repräsentieren.

Allerdings wird das Thema in den nur 80 Minuten Laufzeit von Kōkaku Kidōtai relativ schnell abgefrühstückt, wo Oshii sicher noch eine Viertelstunde an Exposition und Tiefe hätte draufpacken können. Manche Andeutung, darunter auch Togusas übermäßige „Menschlichkeit“ sowie die Figur generell, spielt zugleich im weiteren Verlauf des Films gar keine Rolle mehr. Immerhin verschwendet Oshii nicht zu viel Zeit auf die Action-Szenen und weiß stattdessen mit den Set-Pieces, die er präsentiert, umso mehr zu gefallen. Allen voran das gorige Attentat im Intro, aber auch die Kanal-Verfolgung wie die Auseinandersetzung mit dem Kampfroboter zum Schluss überzeugen. Was man von den CGI-Updates einiger Szenen in der vor einigen Jahren veröffentlichten 2.0-Version allerdings nicht sagen kann.

Bei der Sichtung von Kōkaku Kidōtai – der ein Sequel sowie eine TV-Serie nach sich zog – wird jedoch deutlich, wieso der Film gemeinsam mit Akira als Pfeiler im Anime- sowie Musterbeispiel im Animationsbereich gilt. Die Zeichnungen sind auch nach fast 20 Jahren noch nicht verjährt, die mystisch angehauchte chorale Musik von Kawai Kenji trägt ihren Teil dazu bei. Immerhin schafft es Oshii in seiner kurzen Zeit, einen faszinierenden – und zugleich auch von Blade Runner beeinflussten – Einblick in Shirows Cyberpunk-Welt zu verschaffen. Ohne dass man als Zuschauer hinsichtlich der inhaltlichen Verflechtungen auf der Strecke bleibt. Insofern kann konstatiert werden, dass bei Kōkaku Kidōtai der Geist fast 90 Minuten vorzüglich unterhalten wird. Soviel also zum Leib-Seele-Problem.

8/10

15. Februar 2014

State of Play vs. State of Play

Das Remake gehört wohl zu Hollywood wie das Ei zur Henne. Schließlich hat auch Originalität ihre Grenzen. Daher nutzt die Traumfabrik gerne eigene Filme – insofern genug Zeit verstrichen ist, damit das Original bei der Zielgruppe nicht zu präsent wirkt – oder Werke aus dem Ausland, die von Erfolg gekrönt waren, als Ausgangsmaterial für ihre eigenen Produktionen. So auch vor etwa fünf Jahren, als Universal mit State of Play eine zweistündige Adaption der gleichnamigen fünfeinhalbstündigen BBC-Serie von 2003 in die Kinos brachte. Ein Trend, den zuletzt David Fincher mit House of Cards und demnächst Utopia weiterführt. Nur eben mit namhaften Schauspielern, die das Publikum auch sehen möchte.

So waren für State of Play zunächst Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen geplant, ehe Meinungsverschiedenheiten und Verzögerungen kurzfristig Russell Crowe und Ben Affleck ans Set von Kevin Macdonald spülten. Und obschon seine weniger als halb so lange Version von David Yates’ Serie nach Drehbuch von Paul Abbott bei den Kritikern gut ankam, floppte der Film sowohl in den USA als auch international an den Kinokassen (trotz fehlender Konkurrenz). Dabei macht Macdonalds Remake vieles – wenn leider auch nicht alles – richtig. Aber welche Version ist nun besser oder gut? An dieser Stelle soll wieder mal ein Head-to-Head feststellen, welche Geschichte in den Druck gehen darf.

The Reporter

Das Erbe von Woodward und Bernstein tritt in Paul Abbotts Geschichte der Reporter Cal McAffrey an, in der BBC-Version von John Simm (höchstens Doctor Who-Fans hierzulande ein Begriff) gespielt. Eher klein und schmächtig ist er bemüht, seinem alten Kumpel Stephen Collins, für den er einst Wahlkampf machte, über den plötzlichen Tod seiner Geliebten zu helfen. Nur um selbst mit Collins’ entfremdeter Gattin zu korpulieren. Was mehr Zeit beansprucht, als es sollte. Wenig nuanciert wird man mit Simm nicht so recht warm, auch nicht als investigativer Journalist. Das mag auch daran liegen, dass er diesen Job mit James McAvoy – dessen Figur im Remake ausgespart wurde – teilen muss. Günter-Wallraff-Faktor: 45%

Man kann verstehen, wieso fürs Remake zuerst an Brad Pitt gedacht wurde. Stattdessen gab kurzfristig dann ein löwenmähniger Russell Crowe den Schnüffler von der Zeitung, eingeführt als sich im Auto mit Junk Food vollstopfender Radio-Gröler. Immerhin sehen wir Crowes McAffrey weitaus mehr „Investigation“ betreiben, auch der Tatsache geschuldet, dass er mit Polizeiermittler Bell (hier: Harry Lennix) bekannt ist. Wenn Crowes Figur den Killer auf sich lenkt, dann nicht, während er sich gerade verlustiert. Insofern darf dieser Cal McAffrey ein glaubwürdigerer Journalist sein als sein britischer Kollege, eben weil er – wenn auch nicht unbedingt äußerlich – mehr dessen Bild entsprechen mag. Günter-Wallraff-Faktor: 55%

The Girl

Unfairerweise verdient sich Kelly Macdonalds Version der naseweisen Della schon allein deshalb einen Sonderpunkt, weil ihr schottischer Akzent im britischen Original ein Highlight für sich ist (nie klang das Wort “murder” schöner). Allerdings erfährt die Figur – wenn auch nachvollziehbar – einen leicht extremen Wandel von der selbstbewussten Schnüfflerin zur eingeschüchterten Petze, als ihr Leben während der Recherche in Gefahr gerät. Zwar fängt sich die Figur gegen Ende wieder etwas, doch da ist der „Vertrauensbruch“ bereits geschehen. Die zudem im Verlauf verstärkt subtil angedeutete sexuelle Spannung zwischen Della und Polizeichef Bell hilft dem Ganzen auch nicht wirklich. Tamara-Dewe-Faktor: 50%

In der US-Version avanciert Della schlauerweise zur Bloggerin der Zeitung, die sich den Respekt von Cal McAffrey erst durch Rechercheerfolge verdienen muss. Insofern nimmt sie eher die Funktion eines “rookies” ein, wenn auch ihre Recherche identisch mit der ihres britischen Pendants ist. So erklärt sich vermutlich, weshalb sie nach dem Krankenhaus-Attentat weniger eingeschüchtert als bestärkt wirkt, was sicherlich dem Film dienlich ist. Zwar nicht ganz so sexy wie Kelly Macdonald überzeugt die Dynamik zwischen McAdams’ Della und McAffrey mehr als in der BBC-Fassung. Selbst wenn ihre Beziehung später fast in romantische Bahnen gelenkt wirkt, was eher verstört. Tamara-Dewe-Faktor: 50%

The Politician

Die Rolle des sichtbar steifen, aber politisch vielversprechenden Regierungsvertreters übernahm in David Yates’ Serie David Morrissey (eher bekannt als “Governor” in The Walking Dead). Hier darf Morrissey noch am ehesten die ganze Palette seiner schauspielerischen Fähigkeiten zeigen, von verunsichert über erzürnt bis am Boden zerstört. Und obschon viel für Sympathiebonus seitens der Zuschauer für ihn spricht (Geliebte und Kind tot, Ehefrau schläft mit bestem Freund), vermag dieser Stephen Collins nie recht seine ihm angeheftete gewisse Durchtriebenheit abzulegen. Dies mag auch am Wissen um Morrisseys Walking Dead-Rolle liegen. Insofern also: politically correct. John Edwards-Faktor: 60%

Wer denkt, David Morrissey ist steif, hat die Rechnung ohne Ben Affleck gemacht. Zwar überzeugt Affleck – enormes Kinn hin oder her – als Kongressabgeordneter, nur vermag sein Spiel sich nie der Figur richtig zu öffnen. Dass er und Russell Crowe Uni-Kumpels sein sollen, erfordert ordentlich “suspension of disbelief”. Immerhin ist Afflecks Stephen Collins im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen weitaus weniger präsent im US-Film und wirkt zugleich weitaus unschuldiger beziehungsweise weniger verdächtig. Was dem Twist zum Schluss sicherlich zuträglicher ist. Das fehlende Schauspiel Afflecks ist hierbei allerdings hinderlich, weshalb man mit Ed Norton besser gefahren wäre. John Edwards-Faktor: 40%

The Wife

Die Rolle der betrogenen Anne Collins fiel in der sechsteiligen Serie Polly Walker (bekannt aus der HBO-Serie Rome) zu. Was nicht ohne Probleme ist. Es mag zum Teil an ihrer Frisur liegen, aber Walkers Frau zwischen zwei Männern will in keiner Konstellation so recht überzeugen. Sie passt weder wirklich zu Morrisseys noch zu Simms Figur, was auch daran liegt, dass wir von ihrem Charakter wenig mitbekommen. Umso unerklärlicher ist ihr Wandel im Schlussakt, der sie von der Opferrolle eher in die Bitch-Ecke rückt. Sie ist im Grunde nur da, um als “sexual interest” zu fungieren – was für weibliche Figuren selten positiv endet. Insofern: viel “Screen time” für einen blassen Charakter. Jenny Sanford-Faktor: 40%

Noch blasser, wenn auch ansehnlicher, kommt Robin Wright im Spielfilm daher. Zwar hat auch ihre Figur eine Affäre mit McAffrey, immerhin jedoch nur in der Vergangenheit. So wundert man sich zwar, wieso Collins und der Reporter weiterhin befreundet sind, ist aber zugleich dankbar, dass der Film für Bettspiele keine Zeit opfert. Abgesehen von zwei Szenen, in denen auf dieser Affäre rumgekaut wird, hat Anne Collins nichts zu tun. Was sich grundsätzlich dadurch erklärt, dass die UK-Figur nur für Sex existierte und insofern für das Remake in Ordnung geht. Wrights Rolle bleibt ein Nicht-Charakter, aber immerhin einer, der nett aussieht und für den nicht mehr Zeit als nötig aufgewandt wurde. Jenny Sanford-Faktor: 60%

The Editor

Es gibt Schauspieler, die können wenig falsch machen. Der wunderbare Bill Nighy ist einer von ihnen. Denn als scharfzüngiger Herausgeber im BBC-Original ist sein Cameron Foster eher einer von der Truppe – die meist geschlossene Tür seines Büros zum Trotz. Mehr kumpelhaft kommt das Verhältnis mit McAffrey daher, zugleich hält Nighys Chef vom Dienst seiner Truppe den Rücken frei und übernimmt mehrfach aktiv eine Rolle in der Recherche. Hierbei fungiert Cameron durchaus auch als “comic relief” – gerade im Doppel mit Sohnemann Dan –, dennoch nimmt man Nighy seine redaktionelle Kompetenz durchweg ab. Entsprechend ist dies eine absolut atmende dreidimensionale Figur. Ben Bradlee-Faktor: 65%

Im Kinofilm übernimmt Helen Mirren die redaktionelle Aufgabe der Herausgeberin. Darunter leidet am meisten die Beziehung zu ihren Reportern, wirkt Mirrens Cameron doch oftmals wie der Redaktion aufs Auge gedrückt denn als Teil von dieser. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Cameron im Film weniger direkt in die Recherche eingebunden ist, somit eher eine passive Rolle einnimmt. Der Großteil der Figur wird für den Sub-Plot der heimgesuchten Medienkrise aufgewandt, was zwar seine eigenen Vorzüge hat (s. The Tone), worunter jedoch die Ausarbeitung des Charakters leidet. In ihrer Funktion als Herausgeberin ist Cameron aber durchaus glaubwürdig. Ben Bradlee-Faktor: 35%

The Middleman

Das Zünglein an der Waage in Paul Abbotts Handlung gibt derweil der windige bisexuelle Mittelsmann Dominic Foy, im Original von Marc Warren als blonder Pimp gespielt. Über mehrere Episoden müssen McAffrey, Della und Co. diesen erst in eine Position bringen, in der er die politischen Verwicklungen um Collins’ tote Geliebte aufklärt – ehe dieser ihm den Kiefer zerdeppert. Auch wenn Foy als Witzfigur angelegt ist, will man nicht so recht glauben, welche Rolle der Figur hier zugeschrieben wurde. Was zum Teil auch an Warren selbst liegt. Grundsätzlich wird auf seinen Charakter jedoch, wie auch auf den von Anne Collins, für nur bedingten Erlös generell zu viel Zeit vergeudet. Tirath Khemlani-Faktor: 40%

Weniger wie ein Zuhälter aber nicht minder flamboyant kommt Jason Batemans Interpretation der Rolle daher. Ähnlich wie bei Robin Wright wird für ihn nur wenig Zeit aufgespart. Zwar immer noch mit dem Makel der Witzfigur behaftet, wird sein Dominic Foy zumindest als das behandelt, was er ist: ein Mittel zum Zweck, um die Handlung auf die Zielgerade zu bringen. Dies geschieht zugegeben relativ schnell – und als off-screen eingefangenes Geständnis auf Videoband –, ist jedoch dadurch verzeihbar, dass man so ein wohl bis zu einstündiges Katz-und-Maus-Spiel vermieden hat. Insgesamt kommt dieser schmierige Mittelsmann dennoch kompakter und somit konsequenter daher. Tirath Khemlani-Faktor: 60%

The Tone

Ein Merkmal der 2003er BBC-Serie ist nicht nur der heutzutage fast als Standard zu findende Newsroom in der Redaktion, sondern auch die Einbindung von Humor in die Handlung. Dies mag angesichts der politischen Verschwörung und der daraus resultierenden Toten zwar verwundern, ist dennoch aufgrund der Protagonisten wie McAvoys Dan Foster, Rebekah Statons Liz oder Sean Gilders Sergeant ‘Chewy’ Cheweski ganz amüsant. All diese Figuren fehlen natürlich im US-Remake. Von Westminster und der Zeitungslandschaft kriegt der Zuschauer dennoch nur bedingt etwas mit, wenn auch zumindest Vorgehensweisen von Letzterer in der ersten Hälfte eine Rolle spielen. Reality-Check-Faktor: 40%

Zwar ist Humor in Kevin Macdonalds Version kein Fremdkörper, sondern gerade im Zusammenspiel zwischen Russell Crowe und Rachel McAdams ein wiederkehrendes Element, dennoch vergeudet der Film keine Zeit darauf. Erfrischend, wenn auch leicht altbacken, ist der in die Handlung verwobene Subplot der Medienkrise, die sich in Faktoren wie Facelifts für den Zeitungskopf oder Dellas Funktion als Bloggerin niederschlägt. Zum US-Kongress erhalten wir zwar auch hier keinen Einblick, dafür erfährt der Plot mit der Privatisierung durch Sicherheitsunternehmen à la Blackwater wie im Falle der Medienkrise ein zeitgenössisches Update. Eine gelungene Neuausrichtung der Handlung also. Reality-Check-Faktor: 60%

Fazit

Die britische TV-Fassung überzeugt dadurch, dass die Recherche über eine Woche verteilt wird, während die Adaption sie auf zwei Tage komprimiert. Aber dies schien nötig, um dieselbe Geschichte in weniger als der Hälfte der Zeit zu erzählen. Leider ging so manch liebenswerte Figur verloren, glücklicherweise aber auch viel Ballast. Die jeweilige Besetzung nimmt sich nur bedingt etwas, Andrew Macdonalds Film wirkt jedoch aktueller. Wer sich also nur für die Geschichte von State of Play interessiert, darf dem amerikanischen Film-Remake den Vorzug geben. Dieses setzt sich mit 5:3 im Head-to-Head durch. Winner on points: State of Play (US-Film)!

9. Februar 2014

Akira

Why do you always have to save me?

Keine 280 Seiten stark ist J.R.R. Tolkiens The Hobbit, was einen Mann wie Peter Jackson jedoch nicht davon abhält, daraus eine 9-stündige Filmtrilogie zu wälzen. Was der Vorlage fehlt, wird einfach durch Appendixe oder Wiederholungsszenen der Lord of the Rings-Serie aufgefüllt. In der Filmbranche ist ein derartiges Aufblähen bei einer Buchadaption eher ein Ausnahmefall. Denn in der Regel werden allerlei Charaktere und Nebenhandlungsstränge aus der Verfilmung gekürzt, notfalls zumindest der finale Band einer Romanreihe auf zwei Filme ausgedehnt. Entsprechend war 1988 klar, dass Ōtomo Katsuhiro vor einem Problem stand, als es darum ging, seinen über 2.000 Seiten starken Manga Akira zu verfilmen.

Dieser war von 1982 bis 1990 als Schwarzweißserie im Young Magazine erschienen, bei uns in Deutschland brachte ihn von 1991 bis 1996 der Carlsen Verlag in 19 Bänden auf den Markt. Insofern dürfte deutlich sein, dass Film und Manga nicht identisch miteinander sein konnten – nicht zuletzt, da der Manga zeitlich nach dem Film abschloss. Und in der Tat muss der Zuschauer in Akira auf viele Nebenhandlungen sowie -figuren ganz verzichten, während einige (big player) unter ihnen wie Miyako, Nezu oder Ryu teilweise gar karikiert und für den Handlungsverlauf ignoriert werden. Im Grunde konzentriert sich Ōtomo-san in seinem Film zuvorderst auf die erste Hälfte seines Mangas – was grundsätzlich funktioniert.

Am Anfang beider Geschichten steht jene verhängnisvolle Nacht in einem von einem Dritten Weltkrieg gebeutelten Japan der Zukunft, in der es die Motorrad-Gang von Schüler Kaneda (Iwata Mitsuo) in den Altstadtteil von Neo-Tokio zieht. Als das Gangmitglied Tetsuo (Sasaki Nozomu) dort einen Unfall erleidet, weil er mit einem ergrauten Jungen kollidiert, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Das Militär erscheint und entführt den verletzten Tetsuo mit auf die Basis. Dort stellt sich heraus, dass in dem Schüler ungeahnte telekinetische Kräfte geweckt wurden. Diese wiederum drohen in Akira jene Person zu wecken, die Jahrzehnte zuvor durch eine Gewaltentladung ihrer eigenen Kräfte jenen Dritten Weltkrieg entfachte.

Unterdessen trifft Kaneda auf die junge Kei (Koyama Mami), die Mitglied in einer terroristischen Widerstandsbewegung ist, die Akira für ihre eigenen Zwecke gewinnen will. Gemeinsam versuchen sie schließlich, Zugang zu Tetsuo und zu dem Militärkomplex zu erhalten, in dem sich er sowie andere übernatürlich begabte Subjekte wie Tetsuo und Akira aufhalten. Dort ist der leitende Colonel Shikishima (Ishida Taroh) wiederum mit seinem Forscherteam bestrebt, ein zweites Erwachen von dem seiner Zeit in Kälteschlaf versetzten Akira um jeden Preis zu verhindern, während Tetsuos unkontrollierbare Kraft mehr und mehr wächst und hierbei droht, ihren jugendlichen Wirt zu übermannen. Ist Neo-Tokio noch zu retten?

So weit die stark reduzierte Filmhandlung, die als komprimierte Version des Mangas fungiert und zuvorderst durch ihre Cyberpunk-Elemente zu beeindrucken wusste. Grundsätzlich waren für die filmische Verarbeitung einige Zugeständnisse nötig, darunter der Gore-Gehalt der Vorlage. Auch Kaneda wird im Film weitaus positiver gezeichnet als seine teils ambivalente Darstellung im Manga, dessen zahlreiche Redundanzen jedoch gestrichen wurden. Keine sich stetig wiederholenden Fluchtszenen von Kaneda und Kei, kein ewiges Hin und Her zwischen allen vertretenen Parteien, seien sie Militär, Gang oder Widerstand. Allerdings fehlt so im Film auch ein entscheidendes Merkmal: der Titelgebende Akira selbst.

Wo dessen Erwachen im Manga weitaus früher geschieht und ihn so zu einer, wenn auch eher passiven, Figur, in Akira macht, ist Akira im Anime eher eine mit Namen versehende Gefahr. Das ist auf der einen Seite bedauerlich, da der Manga seine eigentliche Stärke erst erlangt, als Ōtomo Neo-Tokio in eine postapokalyptische Dystopie stürzt. Zumindest eine Überlegung hätte es wert sein können, diesen Aspekt von Akira in einem zweiten, ebenfalls rund zweistündigen Film zu verarbeiten, gehen dem Anime hier auf der einen Seite doch viele beeindruckende visuelle Bilder verloren, allen voran jedoch eine intensivere Charakterzeichnung von Tetsuo. Denn Platz für Persönlichkeiten ist in der Anime-Fassung wenig.

Wirklich gehetzt wirkt diese immerhin nur, wenn man den direkten Bezug zum Manga kennt. Ansonsten vermag es Ōtomo-san durchaus geschickt und zufriedenstellend, die Essenz seiner Geschichte in 120 Minuten zu erzählen. Und sogar Aspekte zu integrieren, die im Manga zu kurz kamen. Denn jene “ultimative energy”, die Akira und Tetsuo bemannt, wohnt in jedem Menschen inne – man müsste sie nur anwenden. Immerhin kommen die Figuren zu dem Schluss: “Maybe we weren’t meant to meddle with that ultimate power”. Als Kommentar auf eine Nachkriegswelt und jugendliche Entfremdung funktioniert der Anime zwar insofern nur bedingt, seine Bedeutung für das Genre eint ihn jedoch mit seinem Manga-Pendant.

War dieses für den Westen einst der Türöffner für das Comic-Äquivalent, führte die Verfilmung die USA und Co. in den Anime-Bereich ein und avancierte zum Meilenstein des Zeichentricks. Nicht von ungefähr zählt Ōtomos Magnus opum neben Kōkaku Kidōtai zum Pantheon des Animations-Genres. Und so ließe sich ein Zitat des Films im Grunde auch auf diesen selbst münzen: “Buried within it is a new seed. We need only wait for the wind which will make it fall to fruition.” Da Akira nicht den Umfang des Mangas erreicht, richtet sich der Film speziell an diejenigen, die Sci-Fi und Animes nicht abgeneigt sind, denen jedoch ein 2.000-Seiten-Manga zu aufwendig ist. Insofern ist Akira quasi ein Anti-Hobbit.

8/10

1. Februar 2014

Filmtagebuch: Januar 2014

AKIRA
(J 1988, Ōtomo Katsuhiro)
8.5/10

AO NO ROKU GÔ [BLUE SUBMARINE NO.6]
(J 1998, Mahiro Maeda/Kôichi Chigira)

8/10

BLADE RUNNER [FINAL CUT]
(USA/UK/HK 1982/2007, Ridley Scott)

8/10

FINDING NEMO [FINDET NEMO]
(USA 2003, Andrew Stanton/Lee Unkrich)

9/10

HACHI: A DOG’S TALE [HACHIKO - EINE WUNDERBARE FREUNDSCHAFT]
(USA/UK 2009, Lasse Hallström)

8/10

HOTARU NO HAKA [DIE LETZTEN LEUCHTKÄFER]
(J 1988, Takahata Isao)

6/10

INOSENSU [GHOST IN THE SHELL 2 - INNOCENCE]
(J 2004, Oshii Mamoru)

8/10

THE INVISIBLE MAN [DER UNSICHTBARE]
(USA 1933, James Whale)

5.5/10

KÔKAKU KIDÔTAI [GHOST IN THE SHELL]
(J 1995, Oshii Mamoru)

8/10

KÔKAKU KIDÔTAI 2.0 [GHOST IN THE SHELL 2.0]
(J 2008, Oshii Mamoru)

7.5/10

THE MATRIX
(USA/AUS 1999, Andy Wachowski/Lana Wachowski)
7.5/10

MEGA SHARK VERSUS CROCOSAURUS
(USA 2010, Christopher Ray)
0/10

PĀFEKUTO BURŪ [PERFECT BLUE]
(J 1997, Kon Satoshi)

8.5/10

PAPURIKA [PAPRIKA]
(J 2006, Kon Satoshi)

8/10

PHANTOM OF THE OPERA [PHANTOM DER OPER]
(USA 1943, Arthur Lubin)

6/10

SAMĀ WŌZU [SUMMER WARS]
(J 2009, Hosoda Mamoru)
8/10

SHERLOCK: THE EMPTY HEARSE
(UK 2014, Jeremy Lovering)
5.5/10

SHERLOCK: HIS LAST VOW
(UK 2014, Nick Hurran)
7.5/10

SHERLOCK: THE SIGN OF THREE
(UK 2014, Colm McCarthy)
5/10

SLEEPERS
(USA 1996, Barry Levinson)
6.5/10

SPRING BREAKERS
(USA 2012, Harmony Korine)
10/10

STREET FIGHTER
(USA/J 1994, Steven E. de Souza)
6/10

SUPER MARIO BROS.
(USA/UK 1993, Annabel Jankel/Rocky Morton)
5/10

SUPERSTAU
(D 1991, Manfred Stelzer)
7/10

SUTORENJIA: MUKÔ HADAN [SWORD OF THE STRANGER]
(J 2007, Andô Masahiro)
8/10

TOKI O KAKERU SHŌJO [DAS MÄDCHEN, DAS DURCH DIE ZEIT SPRANG]
(J 2006, Hosoda Mamoru)
10/10

UP [OBEN]
(USA 2009, Pete Docter)

5.5/10

WHEN WE WERE KINGS
(USA 1996, Leon Gast)
6.5/10

WRECK-IT RALPH [RALPH REICHT’S] (3D)
(USA 2012, Rich Moore)

6.5/10

Retrospektive: Top Ten 2010


MARY & MAX
(AUS 2009, Adam Elliot)
8/10

I LOVE YOU, PHILLIP MORRIS
(F/USA 2009, Glenn Ficarra/John Requa)
8/10

AN EDUCATION
(UK/USA 2009, Lone Scherfig)
7.5/10

UN PROPHÈTE [EIN PROPHET]
(F/I 2009, Jacques Audiard)
7.5/10

THE END OF THE LINE
[DIE UNBEQUEME WAHRHEIT ÜBER UNSERE OZEANE]
(UK 2009, Rupert Murray)
8.5/10

A SINGLE MAN
(USA 2009, Tom Ford)
8/10

EXIT THROUGH THE GIFT SHOP  
[BANKSY - EXIT THROUGH THE GIFT SHOP]
(UK 2010, Banksy)
8.5/10

SIN NOMBRE
(MEX/USA 2009, Cary Fukunaga)
8.5/10

FOOD INC.
(USA 2008, Robert Kenner)
8.5/10

HERBSTGOLD
(D/A 2010, Jan Tenhaven)
8.5/10

27. Januar 2014

Pāfekuto Burū [Perfect Blue]

Excuse me... who are you?

Schon Albert Einstein wusste, dass die Realität nur eine Illusion ist – „allerdings eine sehr hartnäckige“. Das Spiel um Sein und Schein, das von René Descartes’ Erkenntnistheorie bis hin zu Philip K. Dick reicht, begleitet die Menschheit seit Jahrhunderten. Auch Kon Satoshi spielte mit erkenntnistheoretischen Ideen, darunter in Pāfekuto Burū, im Westen als Perfect Blue vertrieben. „Woher weißt du, dass du jetzt dieselbe Person bist wie vor einer Minute?“, lautet eine Frage, der sich Protagonistin Kirigoe Mima (Iwao Junko) darin stellen muss. Als sie ihre J-Pop-Gruppe Cham für eine Karriere als Fernsehdarstellerin verlässt, scheint sie sich mit der Zeit sprichwörtlich selbst zu verlieren. Mit tödlichen Konsequenzen.

Eigentlich sollte ihre Schauspielkarriere der nächste Schritt für die junge Frau sein, doch ihre Umwelt nimmt den beruflichen Wechsel nicht so gut auf wie ihr Agent Tadokoro (Tsuji Shinpachi). Während Cham wider Erwarten Charterfolge feiert, sieht sich Mima gezwungen, Kompromisse einzugehen, um in ihrer Miniserie mehr screen time zu erhalten. Auf eine Vergewaltigungsszene folgen Nacktbilder und die alte und neue Mima scheinen sich immer mehr voneinander zu entfernen. So sehr sogar, dass sie parallel zu existieren scheinen, wenn sich Mima im Internet auf einem Blog – scheinbar „ihre“ – Kritik an ihren Entscheidungen gefallen lassen muss. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen.

Hinzu kommt, dass ein vermeintlicher Stalker in Person von Uchida (Ōkura Masaaki) jede Person zu eliminieren scheint, die an dem Image von Cham-Mima kratzt. Auch Mimas Managerin Rumi (Matsumoto Rica) ist von den Veränderungen ihrer Klientin wenig begeistert, sollte Mima doch jene Sängerkarriere anstreben, die Rumi selbst ihrer Zeit verwehrt blieb. Als sich die Taten der einen Mima jedoch verstärkt auf das Leben der anderen Mima auswirken, zweifelt diese an ihrem eigenen Verstand. War sie in jenem Geschäft einkaufen, wie sie auf „ihrem“ Blog geschrieben hat? „Eine Illusion kann sich nicht materialisieren“, sagt man ihr zwar, dennoch verabschiedet sich langsam aber sicher ihr Bezug zur Realität.

Hilfreich ist es da wenig, dass Kon Satoshi seinen Film auf eine Metaebene verlagert, wenn die Geschehnisse von Mimas TV-Serie Double Bind mehr und mehr sich mit denen ihres Lebens überschneiden. Es stellt sich ferner die Frage, um welche Form von Mimesis es sich hier handelt: life imitating art oder art imitating life? Dies wird dann im dritten Akt von Perfect Blue verstärkt, wenn Mima gesagt wird, sie müsse sich „ans Drehbuch halten“. Ist ihr Leben nur eine Episode von Double Bind? Eine Mise-en-abyme? „Ich bin ich“, sagt sie sich wie ein Mantra als ihr Cham-Mima wieder mal erscheint und erinnert damit wiederum an René Descartes’ ersten unbezweifelbaren Satz seiner Erkenntnistheorie (lat. ego sum, ego existo).

Dies alles kanalisiert sich jedoch erst gegen Ende des zweiten Akts, allzu philosophisch kommt Kons Psycho-Thriller – der ursprünglich als Realfilm umgesetzt werden sollte, ehe es an der Finanzierung mangelte – dabei nicht einmal daher. Die angesprochenen Punkte spielen sich eher auf einem subtilen Level ab und wirken wie eine Melange aus Alfred Hitchcock und Philip K. Dick. Speziell im dritten Akt überschlagen sich allerdings dann die Ereignisse und Perfect Blue nimmt ein ungeahntes Tempo an. Besonderen Eindruck hat Kon mit seinem Werk dabei bei seinem Kollegen Darren Aronofsky hinterlassen, der zwei Szenen des Films in Requiem for a Dream Hommage erwies sowie allerlei Elemente in Black Swan zitierte.

Wie so oft bei japanischen Produktionen ist die Animation hierbei tadellos und lässt keine Wünsche übrig, wie auch die musikalische Untermalung vom J-Pop Cham’s bis hin zum regulären Score atmosphärisch die Geschichte verdichtet. Kon Satoshi spielt in Pāfekuto Burū gekonnt mit verschiedenen geschickten Einstellungen und Ideen, auch wenn sich der angedeutete Identitätsverlust von Mami letztlich doch zu sehr auf sie selbst beschränkt und mancher Aspekt, wie Uchidas Rolle oder das relativ eindeutige Ende, noch hätten vertieft werden können. „Ich bin echt“, sagt Mami daher zum Schluss einer Geschichte, an der sie vielleicht weniger zu sich selbst gefunden als sich womöglich schlicht neu erfunden hat.

10/10

20. Januar 2014

Ao no roku gô [Blue Submarine No. 6]

This is the end of the world.

Jedes Teilchen hat sein Antiteilchen, jede Idee somit ihren Gegenentwurf – sei es Gott und Teufel oder Krieg und Frieden. Wo es eine Utopie gibt, muss es also auch ein Dystopie geben. Eine Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt hat. Eine einprägsame Dystopie schuf Ozawa Satoru 1967 in seinem dreibändigen Manga Ao no roku gô, der bei uns im Westen als Blue Submarine No. 6 vertrieben wurde. Erzählt wird von einem verrückten Wissenschaftler, von Mensch-Tier-Hybriden und von dem Kampf zweier Parteien um Sein oder Nichtsein. Rund 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung adaptierten Chigira Kôichi und Maeda Mahiro Ozawa-sans Manga für eine gleichnamige, vierteilige Original Video Animation (OVA).

In dieser hat der Wissenschaftler Zorndyke dafür gesorgt, dass die Polkappen der Erde zerstört wurden, was einen Anstieg der Meereslevel nach sich zog. Genauso wie eine Instabilität der Erdkruste, die sich nun bewegt und das Ende der Menschheit herbeiführen könnte. Zugleich schuf Zorndyke Hybriden aus Mensch und Tier, die ihn wie einen Gott verehren, während die Überreste der Menschheit ihn mit ihrer Blue Submarine Flotte zu bekämpfen versuchen. Der Kapitän von Blue Submarine No. 6, Iga Tokuhiro, schickt derweil Offizierin Kino Mayumi aus, um den desertierten Piloten Tetsu Hayami zurück an Bord zu bringen, während Zorndykes „Sohn“ und Admiral, Verg, den nächsten Angriff auf die Blues plant.

Passenderweise ist Blue Submarine No. 6 selbst ein Hybrid, eine Mischung aus 3D-Computereffekten sowie traditioneller Animation. Was die OVA zu einem Pionier auf diesen Gebiet macht – allerdings keinem, dessen es wirklich gebraucht hätte. Denn die 3D-Elemente sind reichlich schlecht gealtert – insofern sie je überzeugt haben – und allen voran überflüssig. Denn der Film zeichnet sich durch eine ausgesprochen gelungene Animation aus, die sich auch heutzutage noch im Genre behaupten könnte. Wären da nicht die bisweilen auftretenden Computereffekte, die einen eher aus dem Moment herausreißen. Abzuwarten bliebe, ob dies bei der im Januar erscheinenden (US-)Blu-ray weiterhin der Fall sein dürfte.

Einprägsamer als die Animation ist Ozawa-sans Geschichte, um die Bedrohung von Zorndyke und seinen Geschöpfen. „Die Menschen haben sich nicht zu ihrem Vorteil entwickelt“, erläutert der Wissenschaftler später seine Motive. Zerfressen von Neid, Wut und Zorn seien sie, dabei hätte die Wissenschaft dann auch noch der Natur den Rücken zugewandt. „Und jetzt muss die Menschheit die Konsequenzen tragen“, beschließt Zorndyke. Am „Sinnvollsten“ erschien es dem Soziopathen, sie zu dezimieren – und sie für seine neue, verbesserte Rasse der Mensch-Tier-Hybriden zu perfektionieren. Eine kaum überschaubare Masse an Geschöpfen, von denen nur Verg eine erkennbare Persönlichkeit zu besitzen scheint.

Die lässt den Admiral natürlich in ihren Charakterzügen weitaus mehr seinen Widersachern ähneln, ist Verg doch von Hass und Rachsucht getrieben. Der Gott-Charakter von Zorndyke wird da verstärkt, wenn er gegen Ende offenbart, dass ihm seine Geschöpfe entwachsen sind. „Alles, was ich noch tun kann“, sagt er, „ist zusehen“. Weitaus mehr am Idealbild orientiert sich da eine Myutio, ein Exemplar einer Art Meerjungfrau, der Hayami während eines Gefechts das Leben rettet. Seine im Verlaufe der Geschichte vertiefte Beziehung zur Myutio wird es sein, die ihn in Kontakt mit einem Musuka – einem Pottwal-Pendant der Submarines – bringt und ihm veranschaulicht, was Zorndyke ursprünglich vorgehabt haben mag.

Mit Verstand und Gefühlen habe er sie ausgestattet – zwei Merkmale, die bis auf Hayami allen übrigen Figuren abzugehen scheinen. Insofern zeigt sich, dass in Blue Submarine No. 6 der Kampf für das Bestehen der Menschheit von deren Menschlichkeit abhängig ist. Trotz etwaiger Kampfszenen wird das finale Gefecht nicht offen miteinander, sondern vielmehr von den Figuren mit sich selbst ausgefochten. Dies wiederum rückt den Film speziell in seiner zweiten Hälfte verstärkt in das Genre des Antikriegsfilms, ist doch gerade die vierte Episode ausschließlich auf die Aufklärung der gewaltsamen Auseinandersetzung fokussiert. Oder wie Zorndyke zu Hayami und Kino sagt: „Ihr könnt voneinander lernen“.

Kritisiert wird der Film oftmals für seine nur geringfügig ausgearbeiteten Charaktere, allen voran Hayami als Hauptprotagonist. Sicherlich nicht ungerechtfertigt, bleiben doch die meisten Figuren, darunter auch Kino, ausgesprochen blass. Motive und Emotionen von Hayami selbst werden dabei nur grob angedeutet oder in einer Rückblende zu Beginn von Episode 3 angerissen. Grundsätzlich dürfte der fünfbändige Manga, eine Neuauflage zu seiner ursprünglichen Serie von Ozawa-san selbst Ende der 1990er Jahre verfasst, nochmals eine Vertiefung darstellen. Viel Interpretationsspielraum wird folglich dem Zuschauer überlassen, da Blue Submarine No. 6 ohnehin zuvorderst über seine Atmosphäre funktioniert.

Fans von Animationsfilmen, insbesondere von Manga, oder dystopischer Szenarien dürften dennoch ziemlich angetan von Blue Submarine No. 6 sein. Gerade hinten raus gewinnt der Film viel an Emotionalität und Tiefgang, gefällt durch seine faszinierende Geschichte und seine, gerade für eine OVA, einprägsame visuelle Gestaltung. Wenn T.S. Eliot in The Hollow Men schrieb, dies sei, wie die Welt zugrunde ginge, “not with a bang but with a whimper”, stellt Ao no roku gô zumindest im Ansatz das Antiteilchen zu dieser Aussage dar. Zwar endet dessen Welt nicht, sondern verändert sich nur. Jedoch ebenfalls nicht mit einem Knall, sondern einem Anflug von Menschlichkeit. Es besteht also Hoffnung, auch in der Dystopie.

8/10

13. Januar 2014

Hachi: A Dog’s Tale

If it’s all right, could I wait with you for the next train?

Er gilt als der beste Freund des Menschen – der Hund. Speziell in Europa wird er als treuer Begleiter gesehen und damit als Sinnbild von Loyalität. Mancher Besucher aus dem arabischen oder chinesischen Raum mag ob der Fürsorge und „Vermenschlichung“ der Caniden in der westlichen Zivilisation die Stirn runzeln, kümmern sich viele Menschen um ihre Hunde doch weitaus mehr als um ihre Mitmenschen und Artgenossen. Vielleicht jedoch nicht zu Unrecht, wie das Beispiel mancher wahrhaft loyaler Hundebegleiter zeigt, die ihren Herrchen auch Jahre nach deren Ableben noch treu blieben. Einer ihrer berühmtesten Vertreter ist Hachikō, dem zuletzt 2009 in Hachi: A Dog’s Tale Ehrerbietung erwiesen wurde.

Hierbei wurde die Originalgeschichte vom Tokio der 1920er Jahre in die modernen USA versetzt, wenn Richard Geres Musikprofessor Parker Wilson eines Abends am Bahnhof seines Vorortes über einen Akita-Welpen stolpert. Kurzerhand nimmt er diesen mit nach Hause, dem Widerwillen seiner Gattin Cate (Joan Allen) zum Trotz. Bald schon sind Parker und Hachi ein Herz und eine Seele, sodass der Hund ihn morgends zum Bahnhof begleitet und von diesem Schlag 17 Uhr auch wieder abholt. Bis zu jenem Tag, an dem er vergebens wartet, da Parker während einer Vorlesung an Herzversagen stirbt. Nichtsdestotrotz erscheint Hachi aber auch die kommenden neun Jahre Tag für Tag pünktlich am Bahnhof.

Entsprechend drückt Lasse Hallström mit seinem Film natürlich auf die Tränendrüse – insofern man denn eine besitzt. Schließlich handelt es sich bei Hachi: A Dog’s Tale um eine berührende Geschichte eines treuen Begleiters, dessen Loyalität die Grenzen des Lebens zu überbrücken scheint. Basierend auf jenem Akita, der Anfang der 1920er Jahre im Besitz des Tokioter Professor Ueno Hidesaburō war, der täglich von der Bahnstation Shibuya ins Zentrum von Tokio fuhr. Bis er 18 Monate später im Mai 1925 an einer Hirnblutung verstarb. Dennoch tauchte Hachikō auch die folgenden neun Jahre täglich in Shibuya auf, ehe er selbst dem Krebs erlag. Dabei ist die Geschichte von Hachikō keineswegs ein Einzelfall.

Ähnlich verlief das Erlebnis um den Hütehund Shep, der sechs Jahre lang täglich an eine Bahnstation im US-amerikanischen Fort Benton kam, wo er die Rückkehr seines verstorbenen Herrchens erwartete, dessen Leichnam von hier den Bahnhof verließ, ehe Shep selbst 1942 von einem Zug erfasst wurde. Stolze 14 Jahre wartete der italienische Straßenhund Fido im toskanischen Borgo San Lorenzo auf seinen Herrn Carlo Soriani, nachdem dieser während eines Bombardements der Stadt am 30. Dezember 1943 ums Leben kam. Die Liste ließe sich noch fortführen, insofern ist Hachi: A Dog’s Tale keine originäre Erzählung, sondern eine von vielen. Was ihr aber dank Hallströms Inszenierung nichts von ihrer Stärke raubt.

Bemerkenswert ist, dass der Film die Geschichte einer bloßen Freundschaft erzählt, frei vom Versuch, Geres Figur durch den Hund charakterlich wachsen oder in neue Bahnen lenken zu lassen. Ohnehin beruht der einzige Konflikt des Films auf dem Ableben der zweiten Hauptfigur zum Ende des zweiten Akts, während zuvor lediglich die Beziehung zwischen Mensch und Hund im Mittelpunkt stand. Der missglückte Versuch, dem japanischen Spitz das Apportieren beizubringen, die freudige Erwartung, den Gefährten am Bahnhof zu sehen. Die übrigen Figuren wie Parkers Tochter Andy (Sarah Roemer), Bahnvorster Carl (Jason Alexander) oder Hot Dog Verkäufer Jasjeet (Erick Avari) sind da nur Staffage.

Daran kann man sich natürlich stören, an dieser konfliktfreien Idylle, die nicht in die Welt mancher Zuschauer passen will. Vergessen werden sollte jedoch nicht, dass der Film selbst lediglich eine Binnenerzählung ist, die Parkers Enkelsohn zu Beginn seiner Klasse berichtet. Die Geschichte wird folglich dem Zuschauer durch die Augen eines Kindes übermittelt und wenn Figuren wie Parker und dessen Familie zu sehr wie „heile Welt“ wirken, mag dies daran liegen, dass sie dem Enkelsohn als solche vermittelt wurde. Es geht Hallström trotz der wahren Geschichte als Vorlage nicht um ein authentisches oder unperfektes Bild der Realität, sondern darum, das Gefühl der Hingabe (engl. devotion) zu transportieren.

Getragen wird Hachi: A Dog’s Tale dabei weniger von seinem überzeugend aufspielenden (menschlichen) Ensemble als von der nuancierten Darstellung der drei Akitas, die Hachi in den drei entscheidenden Stadien seines Lebens mimen. Speziell die alte Version nach dem Ableben von Parker spielt die übrige Besetzung mühelos an die Wand, wenn mit hängender Rute und hoffnungslos-hingebungsvollem Blick bei eisiger Kälte die Rückkehr des Freundes erwartet wird. Zugleich wohnt der finalen Präsentation von Hachi natürlich eine gewisse Tragik inne, ist sie doch Ausdruck dessen, dass der Akita am Verlust seiner Bezugsperson zu Grunde ging. Entsprechend ergreifend gerät daraufhin das Schlussbild.

Diskutabel ist sicherlich, ob es der Form der Binnenerzählung und damit der etwas leblosen Figur des Neffen bedurfte, auch an der finalen Szene von Hachi dürften sich die Geister streiten, attestiert Hallström doch darin, dass der Akita mehr als nur ein Tier ist. Vielmehr wird ihm hier endgültig eine Seele zugeschrieben, der Hund und seine Emotionswelt somit auf eine Stufe mit seinen menschlichen Begleitern gestellt. Sicher keine leichte Kost für all jene, denen jeglicher Respekt gegenüber Tieren abgeht. Dennoch ist Hachi: A Dog’s Tale nicht nur ein Film für Hundehalter oder –liebhaber, sondern ein bewegendes Manifest von Hingabe und Treue. Glücklich darf sich somit jede/r schätzen, die über jemand wie Hachi im Leben verfügt.

8/10

7. Januar 2014

Filmtagebuch: Dezember 2013

5 BROKEN CAMERAS
(PSE/IL/F/NL 2011, Emad Burnat/Guy Davidi)
7/10

ALADDIN
(USA 1989, Ron Clements/John Musker)
8/10

ALAN PARTRIDGE: ALPHA PAPA
(UK/F 2013, Declan Lowney)
8.5/10

LOS AMANTES PASAJEROS [FLIEGENDE LIEBENDE]
(E 2013, Pedro Almodóvar)

7/10

BASKET CASE
(USA 1982, Frank Henenlotter)
2.5/10

BLICK IN DEN ABGRUND
(A/D 2013, Barbara Eder)
4.5/10

THE CENTRAL PARK FIVE
(USA 2012, Ken Burns/Sarah Burns/David McMahon)
7.5/10

THE COMPANY YOU KEEP
(USA 2012, Robert Redford)
5/10

THE COUNSELOR
(USA/UK 2013, Ridley Scott)
7/10

DIRTY WARS
(USA/AFG/EAK/YAR/IRQ/SP 2013, Rick Rowley)
6/10

DRINKING BUDDIES
(USA 2013, Joe Swanberg)
6.5/10

DUPĂ DEALURI [JENSEITS DER HÜGEL]
(RO/F/B 2012, Cristian Mungiu)

3.5/10

ELYSIUM
(USA 2013, Neill Blomkamp)
5.5/10

EXIT MARRAKECH
(D 2013, Caroline Link)
6/10

LA GRANDE BELLEZZA [LA GRANDE BELLEZZA - DIE GROSSE SCHÖNHEIT]
(I/F 2013, Paolo Sorrentino)

8/10

THE GREAT GATSBY (3D)
(USA 2013, Baz Luhrmann)

8/10

GROWN UPS 2 [KINDSKÖPFE 2]
(USA 2013, Dennis Dugan)

6/10

HOME ALONE
(USA 1990, Chris Columbus)
10/10

HOME ALONE 2: LOST IN NEW YORK
(USA 1992, Chris Columbus)
8.5/10

HORS SATAN
(F 2011, Bruno Dumont)
3.5/10

L’INCONNU DU LAC [DER FREMDE AM SEE]
(F 2013, Alain Guiraudie)
6.5/10

INSIDE LLEWYN DAVIS
(USA/F 2013, Ethan Coen/Joel Coen)
6/10

THE KINGS OF SUMMER
(USA 2013, Jordan Vogt-Roberts)
1.5/10

KISEKI [I WISH]
(J 2011, Koreeda Hirokazu)

6/10

LEMALE ET HA’HALAL [AN IHRER STELLE]
(IL 2012, Rama Burshtein)

6/10

LIKE SOMEONE IN LOVE
(F/J 2012, Abbas Kiarostami)
5.5/10

LINCOLN
(USA 2012, Steven Spielberg)
5.5/10

THE LION KING [DER KÖNIG DER LÖWEN]
(USA 1994, Roger Allers/Rob Minkoff)

10/10

THE LITTLE MERMAID [ARIELLE, DIE MEERJUNGFRAU]
(USA 1989, Ron Clements/John Musker)

10/10

THE LONE RANGER
(USA 2013, Gore Verbinski)
8/10

MANQANA, ROMELIC KVELAFERS GAAQROBS
[THE MACHINE WHICH MAKES EVERYTHING DISAPPEAR]
(GE 2013, Tinatin Gurchiani)

6/10

McCULLIN
(UK 2012, David Morris/Jacqui Morris)
7/10

MINASAN, SAYONARA [SEE YOU TOMORROW, EVERYONE]
(J 2013, Nakamura Yoshihiro)

6.5/10

MUD
(USA 2012, Jeff Nichols)
8/10

MUSEUM HOURS
(A/USA 2012, Jem Cohen)
6/10

LA NOCHE DE ENFRENTE [NIGHT ACROSS THE STREET]
(RCH/F 2012, Raúl Ruiz)

4/10

ŌKAMI KODOMO NO AME TO YUKI [AME UND YUKI. DIE WOLFSKINDER]
(J 2012, Hosoda Mamoru)

7/10

O SOM AO REDOR [NEIGHBORING SOUNDS]
(BR 2012, Kleber Mendonça Filho)

6/10

À PERDRE LA RAISON [OUR CHILDREN]
(B/L/F/CH 2012, Joachim Lafosse)

6/10

A PLACE AT THE TABLE
(USA 2012, Kristi Jacobson/Lori Silverbush)
5/10

POZITIA COPILULUI [MUTTER & SOHN]
(RO 2013, Calin Peter Netzer)

5/10

PROMISED LAND
(USA/UAE 2012, Gus Van Sant)
6/10

REWIND THIS!
(USA 2013, Josh Johnson)
5.5/10

LES SALAUDS [LES SALAUDS - DRECKSKERLE]
(F/D 2013, Claire Denis)

6/10

THE SELFISH GIANT
(UK 2013, Clio Barnard)
7.5/10

SPRING BREAKERS
(USA 2012, Harmony Korine)
10/10

STOKER
(USA/UK 2013, Park Chan-wook)
9/10

SONS OF ANARCHY - SEASON 6
(USA 2013, Paris Barclay u.a.)
7/10

SOUTH PARK - SEASON 17
(USA 2013, Trey Parker)
7/10

THE SPECTACULAR NOW
(USA 2013, James Ponsoldt)
7/10

TCHOUPITOULAS
(USA 2012, Bill Ross IV/Turner Ross)
8/10

TO THE WONDER
(USA 2012, Terrence Malick)
6.5/10

THE UNSPEAKABLE ACT
(USA 2012, Dan Sallitt)
5.5/10

UPSTREAM COLOR
(USA 2013, Shane Carruth)
7/10

WHITE HOUSE DOWN
(USA 2013, Roland Emmerich)
5.5/10

LA VIE D’ADÈLE - CHAPITRES 1 & 2 [BLAU IST EINE WARME FARBE]
(F/B/E 2013, Abdellatif Kechiche)

7.5/10

VILLAGE AT THE END OF THE WORLD
(DK/UK/KN 2012, Sarah Gavron/David Katznelson)
6.5/10

THE WAY, WAY BACK [GANZ WEIT HINTEN]
(USA 2013, Nat Faxon/Jim Rash)

5.5/10

WHAT RICHARD DID
(IRL 2012, Lenny Abrahamson)
6.5/10

YI DAI ZONG SHI [THE GRANDMASTER]
(HK/CN 2013, Wong Kar-wei )

6/10

1. Januar 2014

Filmjahresrückblick 2013: Die Top Ten

It’s a beautiful, beautiful thing, this thing of cinema.
(David Lynch)

Zwar etwas später als sonst üblich soll der obligatorische Rückblick auf das zurückliegende Jahr aber auch auf diesem (Film-)Blog nicht ausbleiben. Die Veteranen unter meinen LeserInnen wissen, das nun viel Blabla über private wie internationale Sehgewohnheiten folgt, nebst Favoritenkür in verschiedenen Rubriken und ein Fazit über die Trends der vergangenen zwölf Monate. Ungeduldige – oder Desinteressierte – dürfen wie gewohnt direkt ans Ende des Beitrags zu meiner Top Ten scrollen, die Übrigen nehme ich wieder mit auf eine kleine Reise, deren Anfang sich bei meiner erneut verstärkten Verschiebung ins Heimkino finden lässt. Hier habe ich nämlich erstaunliche 139 Filme konsumiert, im Kino derweil nur 40.

Wer stark im Kopfrechnen ist, kommt somit auf 179 Filmen insgesamt, was gegenüber 2012 (161) nochmals eine Steigerung darstellt – eben auch dank Heimkinosichtungen. Als Folge ging es also weniger ins Kino (statt 46 nur 40 Mal) und dafür wurden mehr internationale Indie-Produktionen per Video-on-demand und auf Disc begutachtet. Immerhin 25 dieser 40 Kinobesuche gingen dabei auf Pressevorführungen zurück, die gerade zum Ende des Jahres hin allerdings abgenommen haben. Und somit auch der Anteil meiner „gratis“ Kinobesuche gegenüber den sonst regulären Ticketlösungen der Vorjahre. Zwei Mal lockte mich unterdessen lediglich Alfonso Cuaróns Sci-Fi-Film und Überraschungserfolg Gravity ins Kino.

Dieser wurde nicht nur bei Kritikern durch die Bank gelobt und von Kollegen wie James Cameron gar zum Meisterstück verklärt, sondern selbst die Zuschauer sprangen auf das Orbit-Abenteuer an. So schaffte es Gravity in die Top Ten der erfolgreichsten Filme des Jahres und wurde in der Internet Movie Database (IMDb) mit einer Wertung von 8.3/10 der zweitpopulärste Film des Jahres (Stand: 31.12.2013). Damit setzte er sich gegenüber Thomas Vinterbergs Pädophilie-Drama Jagten (8.2/10) durch, der auf Platz 3 einlief, allerdings hatte Gravity zugleich gegenüber Quentin Tarantinos jüngstem Erfolg Django Unchained (8.4/10) das Nachsehen. Zu den drei erfolgreichsten Filmen des Jahres zählte dennoch keiner davon.

Im Gegensatz zum Vorjahr vermochte mit Iron Man 3 nur ein Film die Grenze von einer Milliarde Dollar Einspiel zu überwinden und wurde insofern relativ ungefährdet der klare Sieger des Kinojahres 2013. Ähnlich wie Thor: The Dark World profitierte Shane Blacks Marvel-Sequel dabei wohl vom Avengers-Erfolg des Vorjahres. Wenig verwunderlich ist, dass auch Platz 3 mit einer Fortsetzung besetzt ist. Despicable Me 2 hievte sich zur Bronze und steigerte sich gegenüber seinem ersten Teil zugleich um starke 69 Prozent. Über den Jahreswechsel hinweg erklomm derweil Disneys Frozen noch den zweiten Platz und zog mit dem längeren Atem am Animationskollegen sowie The Hunger Games: Catching Fire vorbei.

Im bulgarischen Kino waren – alles Stand: 31.12.2013 – Vin Diesel und Co. die unangefochtenen Könige, nahm Fast & Furious 6 dort die Pole Position ein. Ähnliches vollbrachte auch Jennifer Lawrences Catching Fire – wenn auch nur in den schwedischen Kinos. Mehr vorzuweisen hat da schon Despicable Me 2, der nicht nur in Südafrika, sondern auch in der Schweiz, den Niederlanden sowie Frankreich und Großbritannien zum Jahressieger wurde. Im Vereinigten Königreich konnte Gru dabei Les Misérables in die Schranken weisen – die Briten hatten schon vor einigen Jahren mit Mamma Mia! ihre Affinität für Musicals zum Ausdruck gebracht. In Spanien amüsierten sich die Iberer derweil am Überraschungserfolg The Croods.

Dass die Belgier gut auf The Smurfs 2 zu sprechen waren, dürfte nicht so überraschend sein, dass die Schlümpfe jedoch auch in Balkanstaaten wie Kroatien, Serbien, Slowenien und der Slowakei die Nummer Eins wurden, schon eher. Der vierte Animationsfilm im Bunde, Pixars Monsters University, zog wiederum Argentinier, Kolumbianer und Uruguayer in seinen Bann – und machte sie zu amerikanischen Außenseitern. Denn in Brasilien, Bolivien, Venezuela, Ecuador, Mexiko und den USA schoss Iron Man 3 an die Spitze, genauso wie in Ungarn. Lachender Dritter war da Peru, das mit Asu mare unterdessen eine einheimische Produktion begünstigte. Und damit waren sie 2013 wieder einmal nicht alleine.

Fast schon Tradition ist, dass Italiener eine einheimische Komödie bevorzugen – in diesem Fall Sole a catinelle. Auch Polen (Drogówka), Tschechen (Babovřesky) und Türken (CM101MMXI Fundamentals) zeigten sich wieder mal patriotisch, wie auch die Asiaten. So erklomm in China Stephen Chows Xi you xiang mo pian die Spitze, in Südkorea 7-beon-bang-ui seon-mul, in Japan Miyazaki-sans finaler Film Kaze tachinu sowie in Thailand Pee Mak Prakanong und in Indien Yeh jawaani hai deewani. Nationale Produktionen waren auch bei den Skandinaviern der Hit. Die Dänen sahen Kvinden i buret, die Norweger Solan og Ludvig – Jul i flåklypa und die Finnen 21 tapaa pilata avioliitto. Und was war in Deutschland?

Auch hierzulande verdrängte kurz vor Jahresschluss noch ein deutscher Film Django Unchained von Platz 1. Und immerhin handelte es sich diesmal dabei nicht um ein Werk des Triumvirats des Schreckens (Schweiger, Schweighöfer, Herbig), sondern um Bora Dagtekins Pauker-Zote Fack Ju Göhte!, über die sich mehr als 4,6 Millionen Deutsche scheckig lachten. Allerdings schafften es auch die üblichen Verdächtigen in die Jahrescharts, landeten Kokowääh 2 und der Schlussmacher doch auf den Plätzen 7 und 8. Weitaus größere Exoten waren da schon Gravity, The Wolverine und Last Vegas, die sich jeweils an die Spitze der Kinocharts in den Ländern Griechenland, Nigeria und Ägypten setzten. Wer hätt’s gedacht?

Ein echter Gewinner des Jahres war allerdings auch Ben Affleck. Vor zehn Jahren bereits abgeschrieben, hielt er im Frühjahr für Argo seinen zweiten Oscar in den Händen. So groß ist wieder das Vertrauen in den Bostoner Burschen, dass man ihm das Batman-Erbe anvertraute, für Zack Snyders Fortsetzung zur Zerstörungsorgie Man of Steel. Auch Jennifer Lawrence war dank Oscargewinn und Hunger-Franchise eine Gewinnerin und zudem everybody’s darling. Ganz so ist es bei Melissa McCarthy nicht, doch mit The Heat und Identity Thief lieferte sie zwei veritable Comedy-Hits ab. Ebenso wie Regisseur James Wan, der mit seinem 20-Millionen-Grusel-Best-of The Conjuring immerhin fast 300 Millionen Dollar Gewinn einfuhr.

Zahlen, an die im Gaming-Bereich allenfalls Grand Theft Auto V, Call of Dury: Ghosts und Co. heranreichen dürften. Das unterhaltsamste Spiel war jedoch keines davon, auch nicht Batman: Arkham Origins oder The Last of Us. Allesamt keine schlechten Spiele, nur bisweilen wenig originell. Vielmehr legte Crystal Dynamics mit dem Lara Croft-Reboot Tomb Raider den klaren Sieger des Jahres vor. Und wo wir schon bei „Serien“ sind: Fand Showtimes Dexter ein unsägliches Ende, zeigte Vince Gilligan mit dem zweiten Teil der fünften Staffel von Breaking Bad nicht nur, wie ein Serienfinale auszusehen hat, sondern wie eine Serie sich Jahr für Jahr von Durchschnitt zum internationalen Klassenprimus wandeln konnte.

Internationale Klasse lieferten 2013 auch wieder zuvorderst die weiblichen Darstellerinnen ab, von denen Cate Blanchett in Woody Allens Blue Jasmine als alkoholgeschwängerte Witwe, die sich der (finanziellen) Realität stellen muss, am meisten Eindruck hinterließ. So wie der junge Conner Chapman als bester Newcomer in Clio Barnards Sozialdrama The Selfish Giant als Problemkind mit Aufmerksamkeitsdefizit und/oder Verhaltensstörung. Effektiv mit seiner Rolle verschmolz Michael Douglas als homosexueller Las Vegas-Entertainer Liberace in Steven Soderberghs HBO-Biopic Behind the Candelabra, was ihm verdientermaßen einen Emmy und vermutlich in Kürze auch einen Golden Globe einbringen wird.

Was bleibt vom Filmjahr 2013? Klar, 3D-Konvertierungen, die jedoch immer noch nirgends überzeugen. Dass Filme auch erfolgreich ohne den Aufpreis laufen können, haben Fast & Furious 6 sowie Catching Fire gezeigt. Ansonsten regieren natürlich die Sequels, auf die nun sogar Pixar augesprungen ist. Wobei auch originäre Filme wie Gravity und The Croods noch Platz in der Top Ten der einträglichsten Filme fanden. Es war letztlich kein großes, aber auch kein allzu schlechtes Jahr. Im Folgenden sollen meine zehn Jahresfavoriten vorgestellt werden, eine vollständige Liste aller von mir gesehenen Filme lässt sich auf Letterboxd einsehen, die Runner Ups und Flop Ten findet sich wie gehabt als erster Kommentar:


10. The Great Gatsby (Baz Luhrmann, USA/AUS 2013): Bildgewaltig und glamourös – willkommen in der Welt von Baz Luhrmann, Hollywoods Mann fürs extravagant Tragische. Was eignet sich also mehr für den Australier als eine Adaption von F. Scott Fitzgeralds Weltroman The Great Gatsby, einer tragischen Liebesgeschichte und zugleich kritischer Sozialkommentar zur Pervertierung des American Dream? Luhrmann gelingt erneut ein Fest für die Sinne, wenn er eine perfekte Welt für unperfekte Menschen schafft.

9. The Central Park Five (Ken Burns et al. USA 2012): Eine Aprilnacht im New York City von 1989 sollte das Leben von sechs Personen verändern als eine 28-jährige Joggerin vergewaltigt sowie fast getötet und fünf Jugendliche für das Verbrechens zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurden. Nur dass sie unschuldig waren. Dokumentarfilmer Ken Burns, seine Tochter Sarah Burns und ihr Mann David McMahon geben in The Central Park Five Einblicke in den Fall und die damalige Lage der Stadt.

8. Jeune & jolie (François Ozon, F 2013): Ähnlich wie in Luis Buñuels Belle de Jour erzählt François Ozon von der Selbstprostitution einer schönen wohlsituierten Frau, in diesem Fall einer 17-Jährigen, die ihre Sexualität entdeckt hat. Jeune & jolie wird dabei getragen vom unverbrauchten Spiel des 23-jährigen Models Marine Vacth und ist kein bloßes Pubertätsdrama. Vielmehr erzählt Ozon mittels subtilem Humor und nicht zu knapper Erotik gekonnt einen – zugegeben: ungewöhnlichen – Coming-of-Age-Film.

7. Poslednata lineika na Sofia (Ilian Metev, HR/BG/D 2012): Ist auf den Straßen eine Notarztambulanz unterwegs, kann jede Minute über Leben und Tod entscheiden. Ilian Metev begleitete in seinem Dokumentarfilm Poslednata lineika na Sofia für zwei Jahre das einzige Reanimationsteam der bulgarischen Hauptstadt, welches mit widrigen Mitteln in Ausstattung wie städtischer Peripherie zu kämpfen hat. Dennoch lassen sich Notarzt Krassi, Krankenschwester Mila und Fahrer Plamen nicht unterkriegen.

6. Frances Ha (Noah Baumbach, USA 2012): Wer von uns kennt sie nicht, die Generation Praktikum, die unsicher durchs Leben wandelt und an sich nur an der joie de vivre partizipieren will? Noah Baumbach präsentiert uns eine solche orientierungslose Figur in Person der bezaubernden Greta Gerwig, die vom Leben abgehängt worden zu sein scheint. Frances Ha ist dabei ein filmischer Pilgerschritt, als hätte Woody Allen eine Doppelfolge von Lena Dunhams Girls inszeniert. Der Feel-Good-Film des Jahres.

5. Alan Partridge: Alpha Papa (Declan Lowney, UK/F 2013): Rund 22 Jahre nach seiner Erschaffung lässt Steve Coogan sein inkompetentes Alter Ego, den Radio-Moderator Alan Partridge, auf die Kinozuschauer los. In Alan Partridge: Alpha Papa wird die Kunstfigur in ein Geiselszenario geworfen – und missbraucht dieses sogleich als “siege face” zur Reanimation ihres verlorenen Ruhmes. Herzlicher wird man 2013 nirgends lachen als bei dieser absurd-komischen Komödie von Regisseur Declan Lowney.

4. Tchoupitoulas (Bill Ross IV/Turner Ross, USA 2012): Selten hat man einen Film gesehen, der so harmonisch in seine Umgebung eintaucht und zugleich als Türöffner für das Publikum funktioniert wie Tchoupitoulas. Die Brüder Bill Ross IV und Turner Ross entlassen in ihrem Kunstprodukt drei jugendliche Brüder in einen nächtlichen Ausflug ins French Quarter von New Orleans – das Ergebnis ist ein wahrer Erlebnisfilm, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität miteinander verschwimmen.

3. La grande bellezza (Paolo Sorrentino, I/F 2013): Kaum jemand blickte derart gekonnt auf die High Society wie Federico Fellini. Diesem und seinem Meisterwerk La dolce vita setzte Landsmann Paolo Sorrentino mit La grande bellezza ein Denkmal. Ein audiovisueller Bilderrausch durch die Hautevolee Roms, der Fellini mit Terrence Malick vereint und einer verblichenen Zeit nachtrauert, während sich seine Figuren von Party zu Party hangeln und dabei selbst verlieren. Una omaggia alla bellissima.

2. Stoker (Park Chan-wook, USA/UK 2013): In seinem Debütskript ließ sich Wentworth Miller zwar von Alfred Hitchcock inspirieren, dennoch ist Stoker, zugleich das US-Regiedebüt von Park Chan-wook, sein ganz eigener Herr. Die Coming-of-Age-Geschichte der Halbwaise India, angetrieben von ihrem mysteriösen Onkel, gefällt aufgrund ihrer lebhaften Figuren, allen voran jedoch durch Parks Mise-en-scène und Bildkomposition. Als Resultat wartet ein audiovisueller Hochgenuss – Alfred Hitchcock trifft Dexter.

1. Spring Breakers (Harmony Korine, USA 2012): Mit Spring Breakers legt Harmony Korine seinen unpersönlichsten und doch reifsten Film vor. Das Ergebnis sind avantgardistische Ideen, kombiniert mit Elementen des Arthouse-Kinos im Mainstream-Gewand. Der Film selbst kann dabei als Spiegelbild des Rezipienten gelesen werden, ist je nachdem „nur“ Sex, Drogen und Dubstep für die Facebook-Generation, unter der Oberfläche aber werden malicksche Themen behandelt. Spring Break forever, y’all!