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5. März 2010

Alice in Wonderland

Off with their heads!

Die Phantasie ist eine Gabe der Kinder, was man bereits daran merkt, dass es kaum Fantasy-Literatur für Erwachsene gibt. Es sind Harry Potter und Co., die sich mit seltsamen Kreaturen und Welten auseinandersetzen müssen. Was nicht bedeutet, dass die Erwachsenen ihre Phantasie verloren haben, sie verdrängen sie nur. Filme wie Hook oder Finding Neverland präsentieren uns einen erwachsenen Mann, der sich in seine Phantasie flüchtet. Steven Spielberg setzt den Hebel um, als Peter Banning an dem fiktiven Abendessen der Verlorenen Jungs teilnimmt (“You’re playing with us, Peter.“), Marc Foster lässt seinen J.M. Barrie nach einem Gespräch mit seiner Frau in ein strahlendes Zimmer mit Landschaft abtreten, während seine Frau in ihrem kargen Realismus verschwinden muss. Es ist jener Realismus und Ernst des Lebens, der ein Kind oft zum Erwachsenen macht. “I met a man the other day who did not believe in fairy tales”, beginnt Gilbert Keith Chesterton seinen Aufsatz The Dragon’s Grandmother, einem Lanzenbruch für Märchen.

Ein Satz, auf den Barrie wohl geantwortet hätte: “Every time someone says ‘I do not believe in fairy tales’, somewhere there’s a fairy tale that dies“. Insofern war Barrie ein Mensch, der sehr wohl an das Phantastische glaubte und es für Kinder in seiner Literatur greifbar machte. Inspirationsquelle für Barries berühmteste Geschichte Peter Pan waren dann die die fünf Sohne der Llewelyn Davies Familie, allen voran vermutlich ihr drittältester Sohn Peter. Barrie lernte die Familie 1897 kennen, ein Jahr bevor Charles Lutwidge Dodgson, ein Mann, der viel mit Barrie gemein hatte, verstarb. Dodgson, ein britischer Mathematiker, ist besser bekannt unter seinem Pseudonym „Lewis Carroll“ und für seine beiden Kinderbücher Alice’s Adventures in Wonderland sowie Through the Looking Glass. Auch Dodgson war mit einer Gruppe von Kindern eng befreundet, namentlich den drei Töchtern seines Universitätsdekans Henry Liddell. Speziell dessen Tochter Alice hatte es Dodgson angetan und es war sie, die ihm als Inspirationsquelle für seine Alice-Abenteuer dienen sollte.

Nun soll an dieser Stelle dem Verdacht, dass beide Männer pädophil gewesen sein sollen oder könnten - zu Dodgsons Hobbys gehörte es, nackte Mädchen zu photographieren - nicht nachgegangen werden. Vielmehr soll Dodgsons Werk in den Fokus gerückt werden. Die Alice-Abenteuer zählen zu den beliebtesten Adaptionen der Unterhaltungsbranche. Mehrere Dutzend Mal wurde das 1865 entstandene Buch Alice’s Adventures in Wonderland bereits adaptiert. Ein Abenteuer eines kleines Mädchens, das in einer phantastischen Welt landet, in der es auf allerlei Nonsens und sie unentwegt beleidigende Kreaturen trifft. Eine Analogie nicht nur auf die viktorianische Gesellschaft selbst, sondern auch auf den Kontrast zwischen Kindern und Erwachsenen (“I was never so ordered about in all my life, never! (…) I might just as well be at school at once“, Alice’s Adventures in Wonderland). Verständlich also, dass Kinder sich auch noch nach der Viktorianischen Epoche mit Dodgsons Werk identifizieren konnten. So wie der einst acht Jahre junge Tim Burton.

Tim Burtons Filme sind einzigartig in ihrer Art, von Edward Scissorhands über Mars Attacks! bis hin zu Sleepy Hollow. In den meisten Fällen erzählen sie von einer verschrobenen, eigenartigen Figur, sei es eben Edward Scissorhands, der sich nachts als Batman verkleidende Bruce Wayne oder der Bioexorzist Beetlejuice. Dabei wurde Burton selbst stets als ebenso „weird“ erachtet, wie seine Geschichten beziehungsweise Charaktere. “Well, (…) what’s weird?“, fragte Burton den britischen Talk-Show-Host Jonathan Ross. “You (..) are”, entgegnete dieser lachend. „Weird“ wäre auch eine Beschreibung, die sich auf Dodgsons Nonsense-Werk münzen ließe, weshalb es vielen als nicht nur gelungene, sondern in gewisser Hinsicht auch konsequente Entscheidung erschien, dass Burton in diesem Jahr nun (s)eine Version/Vision von Dodgsons beiden literarischen Werken in die Kinos bringen würde. Mit Alice in Wonderland legte Burton nun jedoch einen lieb- und leblosen Aufguss vor, der sich nur selten wirklich wie ein Tim-Burton-Film anfühlen will.

Nach einer kurzen Episode zu Beginn, springt der Film zu einer viktorianischen Gartengesellschaft. Hier soll die Verlobung der 19-jährigen Alice (Mia Wasikowska) bekannt gegeben werden. Etwas, von dem Alice selbst erst vor Ort erfährt. Alice ist ein seltsames Mädchen, das sich beim Tanzen vorstellt, wie es wäre zu fliegen, und Kaninchen mit Westen sieht. Um den einschläfernden Hamish zu heiraten, fühlt sie sich natürlich nicht bereit. Stattdessen folgt sie dem weißen Kaninchen in seinen Bau, purzelt hinunter in eine ovale Halle voller Türen, trinkt und isst verzauberte Lebensmittel, ehe sie durch die einzige sich aufschließende Türe passt und sich fortan in Underland wiederfindet, einem verschrobenen Ort, in dem sie einerseits erwartet wird, andererseits dann aber doch auch irgendwie wieder nicht. Ob sie die Alice sei, fragen sie zwei kugelrunde Jungen, ein Dodo, eine Haselmaus und das Kaninchen. Alice ist verwirrt, soll das doch ihr Traum sein und dennoch scheint alles bereits vorgeschrieben zu sein. Allen voran ihr zukünftiges Schicksal.

Für Tim Burton ist sein Alice in Wonderland keine Neuinterpretation von Dodgsons beiden Werken. Und eine Fortsetzung ist es seiner Aussage nach auch nicht. Wahrscheinlich, weil es Beides ist. Neuinterpretation und Fortsetzung. Schließlich war Alice als Siebenjährige bereits in Underland und erlebte einer späteren Rückblende nach zu urteilen das Meiste aus Alice’s Adventures in Wonderland. Und zugleich ist eine Fortsetzung, weil Alice nun, zwölf Jahre später, zurückkehrt, nach Underland. Was Burton nun stets an jedweder Alice-Adaption gestört hat, war die Tatsache, dass es immer um ein Mädchen ging, „wandering around from one crazy character to another”, sodass Burton nie „any real emotional connection“ gefühlt habe. Eine weitere Aussage, die verwundert, denn im Grunde besteht auch sein Film aus einer herumwandernden Alice, die von einer verrückten Figur auf die Nächste trifft. Von Tweedledee und Tweedledum zum Caterpillar, von diesem zur Cheshire Cat, dann zu Mad Hatters (Johnny Depp) Teeparty, bis hin zur Roten Königin (Helena Bonham Carter) und letztlich ihrer Schwester, der Weißen Königin (Anne Hathaway).

Der gesamte erste Akt stellt dabei eine an verschiedenen Stellen leicht abgewandelte Adaption von Dodgons erstem Roman dar. Dem Schema seiner Bücher bleibt Burton jedoch treu. Alice trifft von einer Figur, auf die Nächste. Worin sich Drehbuchautorin Linda Woolverton nun versuchte, war dem Film einen roten Faden zu geben, sodass es gilt, von einem Punkt A zu einem Punkt B zu gelangen. Ein kläglicher Versuch, wirkt die Handlung des Films doch zu keinem Zeitpunkt wie mehr als ein müder Aufguss. Burtons „wirkliche emotionale Bindung“ besteht nunmehr aus der Tatsache, dass Alice die Auserwählte ist, die mittels eines mächtigen Schwerts einer Prophezeiung folgen und den Drachen Jabberwocky erschlagen muss. Ein Handlungsgerüst, das oberflächlich betrachtet funktionieren mag (Auftrag: Jabberwocky erschlagen), aber bei näherer Betrachtung in seiner Konstruktion zusammenbricht. Denn an den Stellen, wo Burtons emotionale Bindung beginnt, versucht man sich planlos in Fantasy-Abenteuer anderer Autoren zu retten.

Aus unerfindlichen Gründen herrscht in Underland die Rote Königin als Despotin, das Volk allein durch ihre Kontrolle über den Jabberwocky unterjochend. Abgesehen von jenem Land, in dem ihre Schwester, die Weiße Königin - vormals auch richtige Königin - unbehelligt mit ihrer Armee lebt. Wieso nun der Jabberwocky allein auf die Rote Königin hört - es wirkt nicht so, als würde er einen Nutzen aus dieser Koalition erzielen -, wird nicht klar. Auch nicht, weshalb die Königin selbst, die in einem grünen, prachtvollen Palast lebt, das restliche Umland und damit ihr eigenes Königreich abfackelt. In ihrer Darstellung erinnert sie daher ein wenig an Tolkiens Sauron, wie sie da in ihrer Bastion sitzt, während das karge Umland von ihren Schergen durchwütet wird und dabei Angst und Schrecken verbreiten. Weshalb sich die anderen Figuren nicht in das wunderschöne Reich der Weißen Königin retten, die, wie gesagt, unbehelligt mit Armee und Hof leben darf, bleibt ebenfalls ein Rätsel. Doch hier fangen die Anleihen an J.R.R. Tolkien und Co. leider erst an.

Wo die Rote Königin in ihrem von kargem Umland umschlossenen Palast sitzt, befindet sich wie Weiße Königin in einem an Minas Tirith erinnernden Schloss, das direkt an Bruchtal anzugrenzen scheint. Da gehört es sich dann auch, dass Wasikowska und Hathaway in einer Nacht wie einst Pippin und Gandalf auf dem Balkon in die Ferne zu ihren Feinden blicken. Zuvor musste sich Alice zum Palast der Roten Königin über einen mit Leichen von Soldaten der Weißen Königin gefüllten Burggraben durchschlagen, wie zuvor Frodo das Sumpfland vor Mordor zu durchqueren hatte. Und bei Tolkien hört der kreative Diebstahl nicht auf, auch sein Kollege C.S. Lewis darf kräftig Ideen beisteuern. Von der Haselmaus, die zum Degenschwingenden weiblichen Pendant von Reepicheep verkommen darf, bis hin zur finalen Schlacht im dritten Akt, wenn Alice als kleiner Achilles in Troy-Manier sich in den Kampf gegen den Jabberwocky stürzt. Und weil es so schön war, erinnert die Szenerie des Kampfes dann an Frodos Konfrontation mit dem Nazgûl-Drachen aus The Two Towers.

Es finden sich auch noch andere Filmzitate (z.B. an Mononoke-hime) wieder, die Szenen aus den Lord of the Rings- und The Chronicles of Narnia-Filmen sind jedoch die Zahlreichsten und Offensichtlichsten. Bedauernswert, mit welch geringer Kreativität Burton, ein Meister des Phantastischen, sich hier bei Anderen bedient. Dabei scheitert Alice in Wonderland nicht an jenen Referenzen und auch nicht an seiner unsinnigen finalen Schlacht, sondern gerade an dem Versuch, Dodgsons Romane in eine stringente Handlung zu pressen. Das Wonderland, ursprünglich und hier wieder eingeführt Underland benannt, ist eine Welt des Nonsense. Argumente der Logik und der Mathematik, die als Ausgangsbasis für die Gespräche eines kleinen Mädchens mit unterschiedlichen durchgeknallten Figuren dienen. Dass Burton diesen seltsamen Charakter einer ganzen Welt in die narrativen Zwänge einer stringenten Geschichte zu zwängen versucht, mutet da fast schon wie ein Kardinalsdelikt an. Dementsprechend fällt auch die Figurenzeichnung aus.

“We’re all mad here. I’m mad. You’re mad”, erklärt die Cheshire Cat in Alice’s Adventures in Wonderland. “How do you know I’m mad?”, will Alice wissen. “You must be,” said the Cat, “or you wouldn’t have come here.” Nun ist Alice bei Burton kein kleines Mädchen mehr, sondern reifer geworden. Sie weiß - oder glaubt zu wissen -, dass sie Underland lediglich träumt. Wieder und wieder weißt sie die Figuren darauf hin, speziell wenn sie von diesen herumkommandiert wird. Obschon Alice auch weit in die Geschichte hinein noch glaubt, dass alles nur ein Traum und selbst ihr sympathisch gewordene Figuren wie der Mad Hatter reine Figmente ihrer Imagination sind, hat sie panische Angst gegen den Jabberwocky, eine vermeintlich fiktive Figur ihres eigenen Traums, anzutreten. Erst als sie erfährt beziehungsweise glaubt, dass alles in Underland tatsächlich real ist, entschließt sie sich paradoxerweise gegen den Drachen zu kämpfen. Ein Faktor, den man als Nonsense bezeichnet könnte, hätte Burton dieses nicht durch seine Stringenz aus dem Film revidiert.

Dass dann Johnny Depp - wohl nur, weil es die einzige positive Figur ist, die er hätte repräsentieren können und er unter keinen Umständen nicht in dem Film mitspielen konnte - seinen Mad Hatter als Carrot-Top-artigen Charakter interpretiert, der im dritten Akt zum Schwertschwingenden Revoluzzer mutiert und wenn er aggressiv wird, den Tonfall eines verärgerten schottischen Pub-Besitzers annimmt, um in der einen Szene Alice auf die Titten zu starren und in einer anderen einen Siegestanz aufzuführen, stellt da nur die Spitze des Besetzungseisberges dar. Auch Anne Hathaway, deren Weiße Königin ständig aussieht, als würde sie unter extremen Achselschweißausdünstungen leiden, reiht sich ein zu den Charakteren, die es in diesem Film nicht wirklich gebraucht hätte. Immerhin Helena Bonham Carter scheint ihren Spaß gehabt zu haben, wenn sie ihre Lieblingsphrase „Off with the heads!“ ausrufen durfte. So vermag lediglich Wasikowska neben den Synchronsprechern (u.a. Alan Rickman, Michael Sheen und Christopher Lee) zu überzeugen.

Es gilt also wenn schon nicht narrativ, dann doch zumindest optisch zu punkten. Und wie sich das inzwischen gehört, muss dies in der dritten Dimension geschehen. Obschon der Film selbst in 2-D gedreht wurde (was James Cameron zur Äußerung verleitete: ”It doesn’t make any sense to shoot in 2D and convert to 3D“). Dementsprechend sehen dann auch die Bilder aus. Nur in seltenen Fällen kommt der 3-D-Effekt wirklich zur Geltung, während er in den meisten Anderen das traditionelle Gimmick bleibt. So nett die visuellen Effekte, egal ob mit 3-D-Effekt oder ohne, auch anzusehen sind, stellt der Film keinen optischen Rausch dar, wie Camerons Pandora-Welt, sondern mutet eher als digital animierte Variante der bekannten Alice-Geschichte an. Und so gefällig die Landschaft und Kreaturen auch anzusehen sind, desto misslungener sind die Kostüme und Maske für den Mad Hatter und die Weiße Königin ausgefallen. Gänzlich gelungen ist dafür Danny Elfmans musikalische Untermalung, die perverser Weise zum Abspann von einem Avril-Lavigne-Song abgelöst wird.

Wäre Elfmans Musik nicht, man wüsste in den meisten Szenen ohnehin nicht, dass man in einem Tim-Burton-Film sitzt. “Sometimes I’ve believed as many as six impossible things before breakfast”, lautet ein Ausspruch der Weißen Königin aus Through the Looking Glass, den Alice im Film mehrmals wiedergibt. Hätte sich auch Burton daran gehalten, wäre Alice in Wonderland vielleicht etwas kreativer und persönlicher geworden. So wirkt der Film oft, als wäre er eine Auftragsarbeit von Disney, das Burton Handlungselemente von Tolkien und Lewis aufzwängen wollte. Das Hook-sche Element des Helden, der nach einigen Jahren zurück in die Welt kehrt, die er verlassen hat, scheitert letztlich vielleicht nicht so sehr am Versuch, Dodgsons Nonsense-Welt in eine Geschichte pressen zu wollen, als vielmehr daran, dass es eine ausgesprochen schwach ausgearbeitete Geschichte ist. Und so lässt sich auf Alice in Wonderland durchaus das semantische Beispiel des Märzhasen münzen. Denn “I like what I get” ist hier leider nie dasselbe wie ”I get what I like“.

5/10

3. Januar 2008

Vorlage vs. Film: The Two Towers

The Two Towers (1954)

Ursprünglich besteht The Lord of the Rings wie bereits beim ersten Band erwähnt, aus sechs Büchern, welche später wegen der Papierknappheit des Zweiten Weltkrieges in drei Bänden erschienen, von welchen der zweite durch die Herausgeber den Namen Die Zwei Türme erhielt. Tolkien selbst äußerte sich, dass dies wohl der beste Titel ist, den man hätte wählen können, auch wenn sich der Titel nicht ausschließlich auf die meist gewählten Orthanc und Barad-dûr begrenzen lässt. Theoretisch müsste es sich vielmehr um den Orthanc und den Minas Morgul handeln – für die Verfilmung spielt dies jedoch keine Rolle, da hier der Minas Morgul nicht vorkommt. Die von Tolkien vergebenen Titel für die einzelnen Bücher lauteten für das dritte Buch, welches sich ausschließlich mit der nach Westen aufgesprengten Gruppe der Gefährten beschäftigt, Der Verrat von Isengard. Das vierte Buch, welches sich Frodos Reise mit Sam nach Mordor widmet, erhielt den Namen Die Reise der Ringträger. Da es sich um den Mittelteil eines Epos handelt, beginnen und enden die beiden Bücher abrupt, ohne ihre Charaktere erneut vorzustellen (wie es Mrs. Rowling immer bei ihren Büchern pflegte). Bestand das erste Buch noch aus einer verhältnismäßig ruhigen Einführung und das zweite Buch mit ersten ernsten Zügen, erhält der Krieg nunmehr Einzug in Mittelerde.

Im dritten Buch (Der Verrat von Isengard) findet Aragorn zuerst den sterbenden Boromir und erfährt, dass die Uruk-hai Merry und Pippin entführt haben. Schweren Herzens überlasst er Frodo und Sam sich selbst und setzt mit Legolas und Gimli zur Verfolgung an. In Rohan treffen sie schließlich nicht nur auf den tapferen Marschall Éomer, sondern können sich im Fangorn Wald auch der Sicherheit ihrer beiden Freunde sicher sein. Im Fangorn gibt es auch ein Wiedersehen der besonderen Art, denn Gandalf wurde nach seinem Sturz in die Schatten Morias wiedergeboren und führt die drei Freunde nunmehr nach Edoras. Dort ziehen sie mit König Theoden und dessen Neffen Éomer zur Schlacht gegen Sarumans Armee nach Helms Klamm. Während Merry und Pippin auf den Ent Baumbart treffen und mit ihm und seinem Volk den Angriff auf Isengard starten, organisiert Gandalf mit Erkenbrand, dem Herrn der Westfold Rohans, ein Heer und als der Kampf um Helms Klamm zu scheitern drohte, kann der Sieg doch noch errungen werden. In Isengard treffen die Gefährten wieder aufeinander und nach einem letzten Gegenüber mit Saruman ziehen sich Gandalf und die anderen zurück. Doch Pippin wagt einen Blick in Sarumans Palantir und verschafft somit Sauron das Wissen über die Anwesenheit eines Hobbits in Rohan. Während Theoden und die anderen ihre Männer sammeln, macht sich Gandalf mit Pippin auf den Weg nach Minas Tirith.

Im vierten Buch (Die Reise der Ringträger) treffen Frodo und Sam in den Emyn Muil auf ihren Verfolger Gollum. Da sie selbst sich des Weges unsicher sind, zwingen sie Gollum sie zum Schwarzen Tor zu führen. Während der erschöpfenden Reise durch die Totensümpfe nähern sich Frodo und Gollum etwas an, Frodo beginnt die Worte Gandalfs zu verstehen und empfindet Mitleid für Gollum. In das Gute in ihm glaubend, greift er auf seinen früheren Namen Sméagol zurück. Am Schwarzen Tor angekommen sehen sich die Hobbits ihrer Hoffnungslosigkeit gegenüber, lassen sich von Sméagol jedoch zur Nutzung eines geheimen Pfades am Minas Morgul überreden. In den Wäldern Ithiliens werden sie jedoch von Faramir, Gondors Kapitän und Bruder Boromirs, überwältigt. Als dieser erkennt, welche Aufgabe Frodo vollbringen muss, lässt er ihn mit frischem Proviant ausgestattet wieder auf freien Fuß. Am Minas Morgul angekommen sehen die Hobbits wie Sauron seine Armee nach Osgiliath schickt. Im letzten Stück des Pfades Cirith Ungol lässt Gollum die Hobbits in eine Falle laufen – Frodo wird scheinbar von der Riesenspinne Kankra ermordet. Sam, der zuerst die Reise alleine beenden will, flüchtet im Angesicht nahender Orks wieder an die Seite seines Herren, und indem er sich den Ring überstreift, wird auch er zum Ringträger. Die Orks offenbaren dem heimlich lauschenden Sam schließlich ein Geheimnis: Frodo lebt!

Da ich für die Zusammenfassung gerade aufgrund der Namen (Totensümpfe, Kankra) in die deutsche Übersetzung blicken musste, fiel mir fast die Kinnlade herunter, hatte ich doch erfolgreich vergessen, wie lieblos Wolfang Kreges Übersetzung ist. Egal, durch Tolkiens Teilung des Geschehens weiß man als Leser zuerst lange nicht, wie es um Frodo steht und dessen Reise verläuft. Etwas bitter aufstoßen tut dabei sicherlich Gandalfs Wiedergeburt, nachdem man ihn im zweiten Buch für tot geglaubt hat. Doch die Worte Elronds sollen sich bewähren und nicht nur Aragorn, Merry und die anderen sollen in Baumbart, Theoden und Éomer neuen Freunde auf ihrem Pfad finden, sondern auch Frodo mit Faramir in Ithilien. Die Handlung wird düsterer, Krieg liegt auf den Männern des Westens und Frodo beginnt unter dem Gewicht des Ringes erste Abnutzungserscheinungen zu zeigen. Das Auge Mordors richtet sich nunmehr auf Gondor und Minas Tirith und es ist an Gandalf und den Anderen, Frodo noch mehr Zeit zu verschaffen. Doch hierfür muss Sam Frodo erstmal auf dem Turm am Cirith Ungol befreien, ehe er nach Lugbúrz überführt wird. Und auch Gollum befindet sich weiterhin auf freiem Fuss – klimatisch lässt Tolkien seine Geschichte in der Schwebe stehen.


The Two Towers – Special Extented Edition (2002)

My business is with Isengard tonight, with rock and stone.

Am nettesten zu lesen sind die verschiedenen Casting-Debatten rund um den Herr der Ringe, denn nachdem Stuart Townsend als zu jung für Aragorn angesehen wurde, fasste Peter Jackson Russell Crowe ins Auge, was sicherlich auch eine ansehnliche Wahl gewesen ware. Éowyn und Faramir sollten eigentlich von dem damaligen Paar Uma Thurman und Ethan Hawke gespielt werden, Orlando Bloom selbst hatte ursprünglich für die Rolle Faramirs vorgesprochen und Theoden-Darsteller Bernhard Hill war zuerst für die Rolle von Gandalf vorgesehen gewesen. Am Ende kam alles doch ganz anders und die Rollen von den Geschwistern Éomer und Éowyn, sowie Faramirs gingen an die bis dahin weitgehend unbekannten Schauspieler Karl Urban, Miranda Otto und David Wenham. Ansonsten lässt es sich Jackson jedoch nicht nehmen, erneut Hugo Weaving als Elrond und Cate Blanchett als Galadriel auftreten zu lassen, zusammen mit vielen weiteren moralischen Vergewaltigungen von Tolkiens Figuren. Alles selbstverständlich immer nur im Dienste der Spannungserzeugung, denn die Vorlage von Tolkien ist spannungstechnisch solche eine Schlaftablette, dass man sich fragt, wieso es überhaupt zu einer Verfilmung gekommen ist.

Vorab aber erstmal die erneut gelungensten Punkte. Howard Shore ist für The Two Towers ein weitaus besserer Score gelungen als bei Fellowhship, bzw. ein ebenso guter und Jackson hat diesmal darauf verzichtet jede einzelne Szene mit Musik zu unterlegen. Es wurde ihm scheinbar von jemandem zugetragen, dass dies nicht unbedingt notwendig ist und so sind es besonders die Szenen mit Frodo, Sam und Gollum, welche oft einfach für sich stehen, ganz ohne theatralisches Gedudel. Wie jedoch bereits im ersten Teil gebührt das größte Lob Alan Lee und John Howe, die eine phantastische Kulisse erschaffen. Die Unebenheiten und Kälte der Emyn Muil werden abgelöst von den perfekt inszenierten Totensümpfen – auch Rohan, Ithilien und der Fangorn Wald sehen so aus, wie man sich dies nach Tolkiens Vorlage vorstellen könnte. Lee und Howe beweisen auch ein Auge für die kleinen Details, wie die simbelmynë. Hier wurde wieder Tolkiens Mittelerde tatkräftig ins Leben gerufen und der alte Mann wäre ohne Zweifel stolz darauf gewesen oder wahrscheinlich glatt selbst nach Neuseeland gezogen, wenn er das zu Lebzeiten alles geahnt hätte. Dass die Academy hierfür keine Auszeichnungen springen ließ und diese stattdessen an Chicago ging, bleibt wie so viele Entscheidungen der Academy einfach nur unverständlich.

Jackson selbst erzählt die Geschichte der Bücher 3 und 4 nicht chronologisch, sondern vermischt sie nach Belieben, dabei den Anschein aufrecht erhaltend, dass was man sieht simultan abläuft. Der Film knüpft an Gandalfs Kampf gegen den Balrog an, um schließlich zu Frodo und Sam in den Emyn Muil umzuschwenken. Nachdem diese Gollum gezähmt haben, geht es nach Rohan zu den übrigen Gefährten. Hier wird man gleich mit einer neuen Figur konfrontiert, welche den Zuschauer noch den Rest des Filmes über begleiten wird: Gimli der Pausenclown. Ganze sechs lächerliche Szenen wird Jackson seinem Publikum mit diesem comic relief schenken, sei es ein Gimli der stolpert, am Hof des Königs rülpst (!), Späßchen mit Fangorn und seinen Gefährten Aragorn und Legolas treibt. Könnte Tolkien das sehen, er würde sich im Grab umdrehen. Gimli, der stellvertretend für das ganze Geschlecht der Zwerge steht, wird von Jackson lediglich als Spaßmacher für das Publikum inszeniert – das ist schon irgendwie traurig und wird höchstens noch abgelöst, wenn Orlando Bloom auf einem Schild durch die Schlacht von Helms Klamm surft und nebenher Orks erschießt (und weil das ganze so toll war, darf Bloom im dritten Teil noch mal surfen, aber dazu an gegeben Ort mehr) oder wenn Gandalf in Meduseld an Theoden einen Exorzismus erster Güte praktiziert.

Selbstverständlich gibt es kleinere Änderungen gegenüber der Buchvorlage und diese fallen auch nicht weiter ins Gewicht. Die Verfolgung Gollums ist den Hobbits erst nicht sonderlich bewusst und der von Theoden verbannte Éomer hält ein ganzes Heer und schenkt drei Fremden bereitwillig zwei Pferde. Frodo verfällt viel zu stark dem Ring und Gandalfs Wiedergeburt wird nicht sonderlich erklärt, will sagen der Fakt, dass er zur Rasse der Ainu gehört und daher im Vergleich zu Menschen eine Art göttliches Wesen ist. Sméagol ist die durch und durch gute Seite von Gollum, die keinerlei Interesse am Ring zeigt und Frodo lügt Faramir in Bezug auf Gollum an. Überhaupt ist in Gondor bekannt gewesen, dass der Eine Ring gefunden wurde (daher hat Boromir im ersten Teil auch so überrascht reagiert!), Erkenbrand wird aus dem Skript gestrichen und durch Éomer ersetzt, Haldir und die Waldelfen kommen, um in Helms Klamm zu sterben. Jeder spricht die Sätze des anderen, Aragorn die von Theoden und Theoden die von Aragorn. Dies alles…ist gar nicht weiter schlimm! Auch nicht dass Theoden und sein Volk von Wargs angegriffen werden und Aragorn vermeintlich stirbt (oh mein Gott! Wer hat denn das tatsächlich gelaubt?). Änderungen der Handlung, Änderungen der Satzstruktur, alles gestattet und nicht weiter schlimm.
Es sind die Änderungen der Charaktere die Schmerzen, derartig schwere Änderungen, dass man sie nur noch als Vergewaltigungen bezeichnen kann. Im Film verbünden sich Saruman und Sauron gegen den Rest der Welt - kein Wort davon, dass Saruman den Ring für sich alleine will. Wenn beide verbündet sind bleibt unverständlich, wieso Sauron Saruman nicht ein paar Nazgûl, Oliphanten oder Haradrim nach Helms Klamm schickt. Dies wird besser verständlich, wenn man bedenkt, dass beide nicht mehr miteinander verbündet, sondern Konkurrenten um den Ring geworden sind. Zudem werden die meisten Charaktere als schwächlich dargestellt. Theoden, König von Rohan, bekommt Muffensausen und flieht mit seinem Volk nach Helms Klamm, einer Burg, die sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand steht. Welcher König würde eine so dämliche Entscheidung treffen? Im Buch ist es Theodens Entscheidung gegen Saruman zu ziehen und zwar ohne Frauen und Kinder, deren Anwesenheit bei Jackson nicht wirklich klar wird. Und Baumbart, das älteste Wesen von Mittelerde, hat keinerlei Ahnung was in seinem Wald vor sich geht und muss von Merry und Pippin dazu überlistet werden, das Ausmaß von Sarumans Verhalten zu sehen und in den Krieg zu ziehen. Fraglich woher die beiden Hobbits über das Ausmaß des Weißen Zauberers Bescheid wissen, aber dies ist nur eines von vielen Logiklöchern, in das Jackson fällt.

Die Szene mit dem Warg-Angriff und Aragorns „Tod“ bringen die Handlung kein Stück voran und erfüllen eigentlich überhaupt keinen Zweck. Die Inszenierung des Liebesdreiecks Aragorn-Arwen-Éowyn ist auch nur für das Kinopublikum gewählt, spielt diese (sexuelle) Liebe im Roman doch gar keine Rolle. Genauer gesagt – und bereits angesprochen – ist Arwen die wohl unwichtigste Figur im ganzen Herr der Ringe Universum, wobei man ihr da vielleicht auch Unrecht tut. Doch die Bedeutung die sie hat und die in Appendix A zu finden ist, wird sie bei Jackson nicht gerecht, der diesen Erzählstrang eigenständig umändert. Da Arwen, logischerweise, keinen Zweck erfüllt, kann sie nur als Liebesobjekt inszeniert werden, welchem dann sogar noch Eigenraum zugestanden wird. Sich erst für Aragorn entscheidend, reichen zwei Sätze ihres Vaters aus, dass sie Mittelerde verlassen will, ehe sie dann doch nochmals kehrt macht. In dieser Hinsicht spielt auch die allwissende Cate Blanchett in einer nichts sagenden Szene eine Rolle. Die Frage warum die Elfen bei Helms Klamm zur Unterstützung kommen, wird ebenfalls nicht beantwortet und der daraus erhoffte Klimax erschließt sich einem nicht, wirft lediglich die Frage auf, wie die Elfen so schnell bei Helms Klamm sein konnten und woher sie wussten wo sie hin sollten.

Andere drastische Entscheidungen, natürlich für den Klimax, trifft Jackson bezüglich Frodo. Dieser wird scheinbar durch den Ring so geschwächt, dass er sich von Gollum mehr und mehr gegen Sam ausspielen lässt – was im letzten Teil zu einer weiteren grotesken Szene führen soll. Im Buch streiten sich Frodo und Sam zu keiner Zeit, zu sehr spielt hier auch das Lehnverhältnis zwischen beiden eine Rolle, welches im Film jedoch nicht angesprochen wird. Getoppt wird dies alles durch den Auftritt von Faramir und den Zug nach Osgiliath, der keinerlei Sinn macht (auch nicht in Bezug auf Spannungsaufbau). Entweder hat Jackson die Figur und den Umstand von Faramir nicht verstanden oder er hat keinen Wert darauf gelegt. Die Bedeutung dessen, dass eigentlich Faramir zu Elrond geschickt werden sollte und Boromir seines Ehrgeizes wegen dieser Entscheidung zuvorkam, offenbart sich hier nicht. Faramir wird genauso machtgeil dargestellt wie sein Bruder und trifft erst in Osgiliath seine richtige Entscheidung, als er Frodo Auge in Auge mit einem Nazgûl sieht. Ein weiteres Spannungselement, welches Jackson in ein Logikloch stößt, denn wenn der Ringgeist Frodo, bzw. auch nur einen Hobbit in Osgiliath sieht, hätte Sauron dem ganzen Gebiet sicherlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Frodo, Faramir, Baumbart und Theoden werden für das Kinopublikum und dessen Spannungserwartungen verweichlicht und moralisch korrumpiert, die Empathie der ganzen Handlung liegt auf den Kampfszenen. Über hundert Seiten strich Jackson aus den beiden Büchern und stopfte den Anfang des dritten noch an das Ende des ersten Filmes, während die letzten Kapitel des dritten und vierten Buches in den dritten Film hinüber wandern - schließlich musste Platz geschafft werden für die wichtige Liv Tyler Szene. Gab es auch im ersten Teil manche Streichungen und verfilmte Jackson dort drei Seiten pro Minute, folgt der zweite Teil nunmehr eher der Vorlage. Das vierte Buch wird mit zwei Seiten pro Minute verfilmt (wobei der Kampf gegen Kankra der….Spannung – natürlich – wegen in den dritten Teil fällt), während Jackson das dritte Buch fast mit einer Seite pro Minute in Szene setzt. Höhepunkt des ganzen ist dann die Schlacht von Helms Klamm, für welche sich der Neuseeländer sogar zwei Minuten für jede einzelne Seite nimmt und somit den Kampf ganz klar in den Vordergrund stellt, während er bei Tolkien eine weniger wichtige Rolle spielt. Die zweite Verfilmung von Peter Jackson hat weniger mit Tolkiens Vorlage zu tun, als es noch beim ersten Teil der Fall war und erzählt eher eine Handlung, die auf dem Werk des Briten grob basiert, als dessen Vision seiner Geschichte. Was bleibt ist opulent in Szene gesetztes Effektgewitter ohne dem Tiefgang der Vorlage dabei gerecht zu werden.

6.5/10