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27. September 2010

Hot Tub Time Machine

It felt good. Admit it.

Nimmt sich ein Zeitreise-Film halbwegs Ernst, greift er das Problem des Schmetterlingseffektes auf. Eine Veränderung in der Vergangenheit kann Folgen auf die Gegenwart haben. Ein Paradoxon, natürlich, da eine Veränderung in der Vergangenheit, die Folgen auf die Gegenwart hätte, dementsprechend bereits bekannt wäre. Nichtsdestotrotz dient der Schmetterlingseffekt im Zeitreise-Film schlechthin, Back to the Future, als netter Aufhänger für die Geschichte des Filmes. Michael J. Fox platzt in die Schulzeit seiner Eltern und verhindert, dass diese sich ineinander verlieben. Oder tut er dies wirklich? Das Paradoxon kommt wieder ins Spiel, wer weiß ob Marty McFly überhaupt existieren würde, wenn er nicht in die Vergangenheit gereist wäre. Weit weniger ernst nimmt diese Prämisse nun Steve Pinks Hot Tub Time Machine, der sich eher daran labt, zurück in die Vergangenheit zu reisen. Passender Weise natürlich in die achtziger Jahre, womit die Referenzen zu Back to the Future nicht aufhören, sondern im Grunde erst anfangen.

Ist die Schulzeit vorbei, verflüchtigen sich auch die Bekanntschaften. Man geht seine eigene Wege, kämpft mit seinen eigenen Problemen. Adam (John Cusack) zum Beispiel kommt eines Abends nach Hause, um festzustellen, dass seine Freundin ausgezogen ist und dabei nicht nur die Dinge mitgenommen hat, die ihr gehört haben. Sein Neffe Jacob (Clark Duke) sitzt derweil im Keller und zockt Second Life, während Pantoffelheld Nick (Craig Robinson) in einem Hundesalon arbeitet. Es ist ein vermeintlicher Suizidversuch ihres Kumpels Lou (Rob Corddry), der Adam und Nick auf den Plan ruft. Spontan wird beschlossen, auf die alte Skihütte zu fahren, um der vergangenen Zeiten zu gedenken. Ein lahmer Abend, der im Whirpool und nach einigen Runden Alkohol, inklusive des illegalen russischen Energiedrinks Chernobly, im Jahr 1986 endet. Auf Anraten von Jacob und dessen Stargate-Fankenntnisse müssen nun alle darauf achten, genau das zu tun, was sie damals auch getan haben.

Der Auftakt für einige nette Anekdoten und nostalgische Erinnerungen an die Achtziger. Nicht gerade die schönsten Erinnerungen für manche, resümiert Adam doch: „We had like Reagan and AIDS“. Für Nick dagegen war es eine bessere Zeit, war damals Michael Jackson doch noch schwarz und sein Nachname „Webber“ im Gegensatz zur Gegenwart, wo er den Namen seiner Frau angenommen hat. Alle Drei haben nun mehr oder weniger Opfer zu bringen, um sicherzustellen, dass alles sich so abspielt, wie es sich einst abgespielt hat. Für den damals in einer Band spielenden Nick bedeutet dies, mit einem Groupie seine Frau zu betrügen, was ihm merklich schwerfällt, obschon diese ihn zuvor betrogen hat. Adam wiederum muss mit seiner scharfen Freundin Jenny (Kick-Ass' Lyndsy Fonseca) Schluss machen und fürchtet den damaligen Stich mit einer Gabel ins Auge. Währenddessen versucht Lou einer alten Schlägerei mit Blaine (Sebastian Stan) von der Ski-Patrouille aus dem Weg zu gehen und Jacob kämpft damit, dass seine Mutter ein koksendes Flittchen ist.

Die Reminiszenz an das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks weicht dann relativ rasch der klassischen Komödienformel. Hier und da gibt es kleinere nette Szenen, die Emails und Handys ins Spiel bringen, aber wie Nick sagen würde: „That’s not the point“. Stattdessen geht es für die drei Protagonisten eher darum, ihre miserable Gegenwart durch ein Eingreifen in die weitaus illustere Vergangenheit zu beeinflussen - was Jacob unter allen Umständen vermeiden möchte. Aber auch dies ist eher eine Randerscheinung eines Filmes, der mehr Wert auf gute Stimmung denn eine gute Handlung legt. So versucht Hot Tub Time Machine den Geist der Achtziger-Komödien einzufangen und wie sollte das besser gehen, als mit John Cusack in der Hauptrolle? Dementsprechend baut Pink kleine Referenzen zu Better Off Dead… und Say Anything… ein, was jedoch nicht dabei hilft, dass Cusack selbst etwas von seiner damaligen Aura wiedergewinnt. Er und Duke sind es, die dem Erzählfluss stets ein Bein stellen und das Tempo drosseln.

Da hilft auch Lizzy Caplan in einer Nebenrolle wenig, mit der sich Cusack speziell im zweiten Akt primär die Zeit vertreibt, während Dukes Figur eine ausgesprochen Undankbare ist, die wenig bis gar keine Sympathien zu erzeugen vermag. Stattdessen lebt Pinks Film von Robinson und Corddry beziehungsweise von der Naivität und Coolness des Ersteren und ungezügelten Vulgarität des Letzteren. Ein herrlicher running gag besteht beispielsweise aus Lou, wie er in jeder halbwegs gefährlichen Situation darauf hofft, dass der einarmige Page (Crispin Glover) aus der Gegenwart in der Vergangenheit ebenjenen Arm verlieren könnte. Der exzellente Glover ist dabei nur einer von vielen Verweisen auf Robert Zemeckis’ Kultfilm Back to the Future, zu denen auch ein grandioser Musikauftritt von Robinson gehört, der in einer Skihütte 1986 plötzlich „Let’s Get It Started“ von den Black Eyed Peas anzustimmen beginnt. Es sind Szenen wie diese, die über einige spannungsarme Hänger in Hot Tub Time Machine hinwegtrösten können.

Denn wenn man lacht, dann ordentlich. Überflüssige Figuren wie im Grunde Caplan aber insbesondere Chevy Chase als Pendant zu Christopher Walken in Click oder Don Knotts in Pleasantville, fallen da weitaus störender auf als William Zabkas Gastauftritt, der allein dank Zabka nett gerät. Insgesamt ist Pinks Film also durchaus gelungen und sehr viel stimmiger, wenn auch weniger obszön, als eine frühere Drehbuchfassung des Filmes es vorgesehen hatte. Überzeugende Darsteller wie Robinson, Corddry, Glover oder Stan können die schwächeren Auftritte von Cusack, Duke und Co. ausgleichen. Wenn von Nöten, gelingt es Pink mit Hilfe seiner Ausstattung und Musik (u.a. „Once In A Lifetime“ von den Talking Heads) die nötige 80er-Atmosphäre zu erzeugen. Hinzu kommt, dass es genügend ausgesprochen unterhaltsame Szenen gibt, die einige Durststrecken überstehen lassen. Das male bonding zwischen den vier Darstellern könnte besser sein, allerdings auch schlechter (siehe Grown Ups). Zwar wird Hot Tub Time Machine finanziell nicht zum diesjährigen The Hangover, emotional ist er diesem jedoch weit voraus. Oder zurück. Ein Zeitparadoxon eben.

7.5/10

5. März 2010

Alice in Wonderland

Off with their heads!

Die Phantasie ist eine Gabe der Kinder, was man bereits daran merkt, dass es kaum Fantasy-Literatur für Erwachsene gibt. Es sind Harry Potter und Co., die sich mit seltsamen Kreaturen und Welten auseinandersetzen müssen. Was nicht bedeutet, dass die Erwachsenen ihre Phantasie verloren haben, sie verdrängen sie nur. Filme wie Hook oder Finding Neverland präsentieren uns einen erwachsenen Mann, der sich in seine Phantasie flüchtet. Steven Spielberg setzt den Hebel um, als Peter Banning an dem fiktiven Abendessen der Verlorenen Jungs teilnimmt (“You’re playing with us, Peter.“), Marc Foster lässt seinen J.M. Barrie nach einem Gespräch mit seiner Frau in ein strahlendes Zimmer mit Landschaft abtreten, während seine Frau in ihrem kargen Realismus verschwinden muss. Es ist jener Realismus und Ernst des Lebens, der ein Kind oft zum Erwachsenen macht. “I met a man the other day who did not believe in fairy tales”, beginnt Gilbert Keith Chesterton seinen Aufsatz The Dragon’s Grandmother, einem Lanzenbruch für Märchen.

Ein Satz, auf den Barrie wohl geantwortet hätte: “Every time someone says ‘I do not believe in fairy tales’, somewhere there’s a fairy tale that dies“. Insofern war Barrie ein Mensch, der sehr wohl an das Phantastische glaubte und es für Kinder in seiner Literatur greifbar machte. Inspirationsquelle für Barries berühmteste Geschichte Peter Pan waren dann die die fünf Sohne der Llewelyn Davies Familie, allen voran vermutlich ihr drittältester Sohn Peter. Barrie lernte die Familie 1897 kennen, ein Jahr bevor Charles Lutwidge Dodgson, ein Mann, der viel mit Barrie gemein hatte, verstarb. Dodgson, ein britischer Mathematiker, ist besser bekannt unter seinem Pseudonym „Lewis Carroll“ und für seine beiden Kinderbücher Alice’s Adventures in Wonderland sowie Through the Looking Glass. Auch Dodgson war mit einer Gruppe von Kindern eng befreundet, namentlich den drei Töchtern seines Universitätsdekans Henry Liddell. Speziell dessen Tochter Alice hatte es Dodgson angetan und es war sie, die ihm als Inspirationsquelle für seine Alice-Abenteuer dienen sollte.

Nun soll an dieser Stelle dem Verdacht, dass beide Männer pädophil gewesen sein sollen oder könnten - zu Dodgsons Hobbys gehörte es, nackte Mädchen zu photographieren - nicht nachgegangen werden. Vielmehr soll Dodgsons Werk in den Fokus gerückt werden. Die Alice-Abenteuer zählen zu den beliebtesten Adaptionen der Unterhaltungsbranche. Mehrere Dutzend Mal wurde das 1865 entstandene Buch Alice’s Adventures in Wonderland bereits adaptiert. Ein Abenteuer eines kleines Mädchens, das in einer phantastischen Welt landet, in der es auf allerlei Nonsens und sie unentwegt beleidigende Kreaturen trifft. Eine Analogie nicht nur auf die viktorianische Gesellschaft selbst, sondern auch auf den Kontrast zwischen Kindern und Erwachsenen (“I was never so ordered about in all my life, never! (…) I might just as well be at school at once“, Alice’s Adventures in Wonderland). Verständlich also, dass Kinder sich auch noch nach der Viktorianischen Epoche mit Dodgsons Werk identifizieren konnten. So wie der einst acht Jahre junge Tim Burton.

Tim Burtons Filme sind einzigartig in ihrer Art, von Edward Scissorhands über Mars Attacks! bis hin zu Sleepy Hollow. In den meisten Fällen erzählen sie von einer verschrobenen, eigenartigen Figur, sei es eben Edward Scissorhands, der sich nachts als Batman verkleidende Bruce Wayne oder der Bioexorzist Beetlejuice. Dabei wurde Burton selbst stets als ebenso „weird“ erachtet, wie seine Geschichten beziehungsweise Charaktere. “Well, (…) what’s weird?“, fragte Burton den britischen Talk-Show-Host Jonathan Ross. “You (..) are”, entgegnete dieser lachend. „Weird“ wäre auch eine Beschreibung, die sich auf Dodgsons Nonsense-Werk münzen ließe, weshalb es vielen als nicht nur gelungene, sondern in gewisser Hinsicht auch konsequente Entscheidung erschien, dass Burton in diesem Jahr nun (s)eine Version/Vision von Dodgsons beiden literarischen Werken in die Kinos bringen würde. Mit Alice in Wonderland legte Burton nun jedoch einen lieb- und leblosen Aufguss vor, der sich nur selten wirklich wie ein Tim-Burton-Film anfühlen will.

Nach einer kurzen Episode zu Beginn, springt der Film zu einer viktorianischen Gartengesellschaft. Hier soll die Verlobung der 19-jährigen Alice (Mia Wasikowska) bekannt gegeben werden. Etwas, von dem Alice selbst erst vor Ort erfährt. Alice ist ein seltsames Mädchen, das sich beim Tanzen vorstellt, wie es wäre zu fliegen, und Kaninchen mit Westen sieht. Um den einschläfernden Hamish zu heiraten, fühlt sie sich natürlich nicht bereit. Stattdessen folgt sie dem weißen Kaninchen in seinen Bau, purzelt hinunter in eine ovale Halle voller Türen, trinkt und isst verzauberte Lebensmittel, ehe sie durch die einzige sich aufschließende Türe passt und sich fortan in Underland wiederfindet, einem verschrobenen Ort, in dem sie einerseits erwartet wird, andererseits dann aber doch auch irgendwie wieder nicht. Ob sie die Alice sei, fragen sie zwei kugelrunde Jungen, ein Dodo, eine Haselmaus und das Kaninchen. Alice ist verwirrt, soll das doch ihr Traum sein und dennoch scheint alles bereits vorgeschrieben zu sein. Allen voran ihr zukünftiges Schicksal.

Für Tim Burton ist sein Alice in Wonderland keine Neuinterpretation von Dodgsons beiden Werken. Und eine Fortsetzung ist es seiner Aussage nach auch nicht. Wahrscheinlich, weil es Beides ist. Neuinterpretation und Fortsetzung. Schließlich war Alice als Siebenjährige bereits in Underland und erlebte einer späteren Rückblende nach zu urteilen das Meiste aus Alice’s Adventures in Wonderland. Und zugleich ist eine Fortsetzung, weil Alice nun, zwölf Jahre später, zurückkehrt, nach Underland. Was Burton nun stets an jedweder Alice-Adaption gestört hat, war die Tatsache, dass es immer um ein Mädchen ging, „wandering around from one crazy character to another”, sodass Burton nie „any real emotional connection“ gefühlt habe. Eine weitere Aussage, die verwundert, denn im Grunde besteht auch sein Film aus einer herumwandernden Alice, die von einer verrückten Figur auf die Nächste trifft. Von Tweedledee und Tweedledum zum Caterpillar, von diesem zur Cheshire Cat, dann zu Mad Hatters (Johnny Depp) Teeparty, bis hin zur Roten Königin (Helena Bonham Carter) und letztlich ihrer Schwester, der Weißen Königin (Anne Hathaway).

Der gesamte erste Akt stellt dabei eine an verschiedenen Stellen leicht abgewandelte Adaption von Dodgons erstem Roman dar. Dem Schema seiner Bücher bleibt Burton jedoch treu. Alice trifft von einer Figur, auf die Nächste. Worin sich Drehbuchautorin Linda Woolverton nun versuchte, war dem Film einen roten Faden zu geben, sodass es gilt, von einem Punkt A zu einem Punkt B zu gelangen. Ein kläglicher Versuch, wirkt die Handlung des Films doch zu keinem Zeitpunkt wie mehr als ein müder Aufguss. Burtons „wirkliche emotionale Bindung“ besteht nunmehr aus der Tatsache, dass Alice die Auserwählte ist, die mittels eines mächtigen Schwerts einer Prophezeiung folgen und den Drachen Jabberwocky erschlagen muss. Ein Handlungsgerüst, das oberflächlich betrachtet funktionieren mag (Auftrag: Jabberwocky erschlagen), aber bei näherer Betrachtung in seiner Konstruktion zusammenbricht. Denn an den Stellen, wo Burtons emotionale Bindung beginnt, versucht man sich planlos in Fantasy-Abenteuer anderer Autoren zu retten.

Aus unerfindlichen Gründen herrscht in Underland die Rote Königin als Despotin, das Volk allein durch ihre Kontrolle über den Jabberwocky unterjochend. Abgesehen von jenem Land, in dem ihre Schwester, die Weiße Königin - vormals auch richtige Königin - unbehelligt mit ihrer Armee lebt. Wieso nun der Jabberwocky allein auf die Rote Königin hört - es wirkt nicht so, als würde er einen Nutzen aus dieser Koalition erzielen -, wird nicht klar. Auch nicht, weshalb die Königin selbst, die in einem grünen, prachtvollen Palast lebt, das restliche Umland und damit ihr eigenes Königreich abfackelt. In ihrer Darstellung erinnert sie daher ein wenig an Tolkiens Sauron, wie sie da in ihrer Bastion sitzt, während das karge Umland von ihren Schergen durchwütet wird und dabei Angst und Schrecken verbreiten. Weshalb sich die anderen Figuren nicht in das wunderschöne Reich der Weißen Königin retten, die, wie gesagt, unbehelligt mit Armee und Hof leben darf, bleibt ebenfalls ein Rätsel. Doch hier fangen die Anleihen an J.R.R. Tolkien und Co. leider erst an.

Wo die Rote Königin in ihrem von kargem Umland umschlossenen Palast sitzt, befindet sich wie Weiße Königin in einem an Minas Tirith erinnernden Schloss, das direkt an Bruchtal anzugrenzen scheint. Da gehört es sich dann auch, dass Wasikowska und Hathaway in einer Nacht wie einst Pippin und Gandalf auf dem Balkon in die Ferne zu ihren Feinden blicken. Zuvor musste sich Alice zum Palast der Roten Königin über einen mit Leichen von Soldaten der Weißen Königin gefüllten Burggraben durchschlagen, wie zuvor Frodo das Sumpfland vor Mordor zu durchqueren hatte. Und bei Tolkien hört der kreative Diebstahl nicht auf, auch sein Kollege C.S. Lewis darf kräftig Ideen beisteuern. Von der Haselmaus, die zum Degenschwingenden weiblichen Pendant von Reepicheep verkommen darf, bis hin zur finalen Schlacht im dritten Akt, wenn Alice als kleiner Achilles in Troy-Manier sich in den Kampf gegen den Jabberwocky stürzt. Und weil es so schön war, erinnert die Szenerie des Kampfes dann an Frodos Konfrontation mit dem Nazgûl-Drachen aus The Two Towers.

Es finden sich auch noch andere Filmzitate (z.B. an Mononoke-hime) wieder, die Szenen aus den Lord of the Rings- und The Chronicles of Narnia-Filmen sind jedoch die Zahlreichsten und Offensichtlichsten. Bedauernswert, mit welch geringer Kreativität Burton, ein Meister des Phantastischen, sich hier bei Anderen bedient. Dabei scheitert Alice in Wonderland nicht an jenen Referenzen und auch nicht an seiner unsinnigen finalen Schlacht, sondern gerade an dem Versuch, Dodgsons Romane in eine stringente Handlung zu pressen. Das Wonderland, ursprünglich und hier wieder eingeführt Underland benannt, ist eine Welt des Nonsense. Argumente der Logik und der Mathematik, die als Ausgangsbasis für die Gespräche eines kleinen Mädchens mit unterschiedlichen durchgeknallten Figuren dienen. Dass Burton diesen seltsamen Charakter einer ganzen Welt in die narrativen Zwänge einer stringenten Geschichte zu zwängen versucht, mutet da fast schon wie ein Kardinalsdelikt an. Dementsprechend fällt auch die Figurenzeichnung aus.

“We’re all mad here. I’m mad. You’re mad”, erklärt die Cheshire Cat in Alice’s Adventures in Wonderland. “How do you know I’m mad?”, will Alice wissen. “You must be,” said the Cat, “or you wouldn’t have come here.” Nun ist Alice bei Burton kein kleines Mädchen mehr, sondern reifer geworden. Sie weiß - oder glaubt zu wissen -, dass sie Underland lediglich träumt. Wieder und wieder weißt sie die Figuren darauf hin, speziell wenn sie von diesen herumkommandiert wird. Obschon Alice auch weit in die Geschichte hinein noch glaubt, dass alles nur ein Traum und selbst ihr sympathisch gewordene Figuren wie der Mad Hatter reine Figmente ihrer Imagination sind, hat sie panische Angst gegen den Jabberwocky, eine vermeintlich fiktive Figur ihres eigenen Traums, anzutreten. Erst als sie erfährt beziehungsweise glaubt, dass alles in Underland tatsächlich real ist, entschließt sie sich paradoxerweise gegen den Drachen zu kämpfen. Ein Faktor, den man als Nonsense bezeichnet könnte, hätte Burton dieses nicht durch seine Stringenz aus dem Film revidiert.

Dass dann Johnny Depp - wohl nur, weil es die einzige positive Figur ist, die er hätte repräsentieren können und er unter keinen Umständen nicht in dem Film mitspielen konnte - seinen Mad Hatter als Carrot-Top-artigen Charakter interpretiert, der im dritten Akt zum Schwertschwingenden Revoluzzer mutiert und wenn er aggressiv wird, den Tonfall eines verärgerten schottischen Pub-Besitzers annimmt, um in der einen Szene Alice auf die Titten zu starren und in einer anderen einen Siegestanz aufzuführen, stellt da nur die Spitze des Besetzungseisberges dar. Auch Anne Hathaway, deren Weiße Königin ständig aussieht, als würde sie unter extremen Achselschweißausdünstungen leiden, reiht sich ein zu den Charakteren, die es in diesem Film nicht wirklich gebraucht hätte. Immerhin Helena Bonham Carter scheint ihren Spaß gehabt zu haben, wenn sie ihre Lieblingsphrase „Off with the heads!“ ausrufen durfte. So vermag lediglich Wasikowska neben den Synchronsprechern (u.a. Alan Rickman, Michael Sheen und Christopher Lee) zu überzeugen.

Es gilt also wenn schon nicht narrativ, dann doch zumindest optisch zu punkten. Und wie sich das inzwischen gehört, muss dies in der dritten Dimension geschehen. Obschon der Film selbst in 2-D gedreht wurde (was James Cameron zur Äußerung verleitete: ”It doesn’t make any sense to shoot in 2D and convert to 3D“). Dementsprechend sehen dann auch die Bilder aus. Nur in seltenen Fällen kommt der 3-D-Effekt wirklich zur Geltung, während er in den meisten Anderen das traditionelle Gimmick bleibt. So nett die visuellen Effekte, egal ob mit 3-D-Effekt oder ohne, auch anzusehen sind, stellt der Film keinen optischen Rausch dar, wie Camerons Pandora-Welt, sondern mutet eher als digital animierte Variante der bekannten Alice-Geschichte an. Und so gefällig die Landschaft und Kreaturen auch anzusehen sind, desto misslungener sind die Kostüme und Maske für den Mad Hatter und die Weiße Königin ausgefallen. Gänzlich gelungen ist dafür Danny Elfmans musikalische Untermalung, die perverser Weise zum Abspann von einem Avril-Lavigne-Song abgelöst wird.

Wäre Elfmans Musik nicht, man wüsste in den meisten Szenen ohnehin nicht, dass man in einem Tim-Burton-Film sitzt. “Sometimes I’ve believed as many as six impossible things before breakfast”, lautet ein Ausspruch der Weißen Königin aus Through the Looking Glass, den Alice im Film mehrmals wiedergibt. Hätte sich auch Burton daran gehalten, wäre Alice in Wonderland vielleicht etwas kreativer und persönlicher geworden. So wirkt der Film oft, als wäre er eine Auftragsarbeit von Disney, das Burton Handlungselemente von Tolkien und Lewis aufzwängen wollte. Das Hook-sche Element des Helden, der nach einigen Jahren zurück in die Welt kehrt, die er verlassen hat, scheitert letztlich vielleicht nicht so sehr am Versuch, Dodgsons Nonsense-Welt in eine Geschichte pressen zu wollen, als vielmehr daran, dass es eine ausgesprochen schwach ausgearbeitete Geschichte ist. Und so lässt sich auf Alice in Wonderland durchaus das semantische Beispiel des Märzhasen münzen. Denn “I like what I get” ist hier leider nie dasselbe wie ”I get what I like“.

5/10

15. Juli 2008

Back to the Future

I just don't think I can take that kind of rejection.

Wenn ein Film mal so nebenbei gedreht wird, ist das in Hollywood schon etwas Besonderes. Wenn dieser Film dann aber zum erfolgreichsten Film seines Erscheinungsjahres wird, ist das etwas Außerordentliches. Für zwanzig Millionen Dollar und mit 32 Spezialeffekten gedreht, avancierte Back to the Future im Jahre 1985 zum Hit und spielte weltweit 380 Millionen Dollar ein. Heutzutage unvorstellbar, dass Marty McFly nicht von Michael J. Fox gespielt wird, aber beinahe wäre dies der Fall gewesen. Damals hatte Fox nämlich noch eine vertragliche Bindung mit seiner Fernsehserie Family Ties, weshalb die erste Wahl von Universal absagen musste. Stattdessen engagierte man Eric Stoltz und begann die Dreharbeiten, die jedoch nach wenigen Wochen abgebrochen wurden, da Produzent Steven Spielberg das Gefühl hatte, dass Stoltz nicht zum Projekt passte, da er zu ernst an die Rolle von McFly heran ging.

Stattdessen wurde doch Fox für die Rolle geholt, der während der gesamten Drehzeit wochentags für Family Ties vor der Kamera stand und nachts sowie am Wochenende Back to the Future drehte. Von den Lesern der britischen EMPIRE wurde Robert Zemeckis’ Film auf Platz Zwanzig der besten Filme aller Zeiten gewählt und dieser Platz gebührt ihm in der Tat. Zemeckis gelingt hier etwas, dass er später mit Forrest Gump noch mal wiederholen würde: die Einbindung von amerikanischer Zeitgeschichte in den Kontext seiner Filmhandlung. Beispielhaft hierfür steht die finale Schulballszene, wenn Marty den Klassiker„Johnny B. Goode“ anstimmt und Band-Sänger Marvin Berry so beeindruckt ist, dass er seinen Cousin Chuck anruft. Auch das Product Placement fand verstärkt Einzug in Back to the Future, von Pepsi Cola über Nike bis hin zu Goodyear Autoreifen.

Zudem nutzte Regisseur Robert Zemeckis den Film als Referenzwerk - die ganze Anfangssequenz übernahm Zemeckis aus The Time Machine, wie auch der De Lorean DMC-12 an die Zeitmaschine aus dem 60er Jahre Kultfilm angelehnt ist. Auch Referenzen zu Werken von Stanley Kubrick lassen sich durch den Film hinweg finden. Äußerst eindrucksvoll spielt der Film jedoch mit den kulturellen Referenzen, die Einbindung von Ronald Reagan in beide Zeitebenen, als amerikanischer Präsident in 1985 und als Schauspieler in 1955, aber auch die Thematik der nuklearen Bedrohung und Invasion Außerirdischer, die in den fünfziger Jahren eminent war, wird eingebaut. All jene Punkte, die auch das vierte Abenteuer von Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull ausmachen, finden sich bereits zwanzig Jahre zuvor in Zemeckis zeitlosem Meisterwerk.

Genauer gesagt verbindet beide Filme sogar weitaus mehr, denn ursprünglich war die Zeitmaschine nicht ein De Lorean DMC-12, sondern ein Kühlschrank. Doch Produzent Spielberg verwarf diese Idee, da er befürchtete, dass begeisterte Kinder anfangen würden in die hauseigenen Kühlschränke zu kriechen. Dennoch gelang es Spielberg, ein Element des früheren Drehbuchs filmisch zu verewigen. Marty McFly sollte eigentlich am Ende von Back to the Future durch eine nukleare Explosion in der Wüste Nevadas zurück in das Jahr 1985 geschickt werden, doch verschwand diese Szene, da sie damals nicht adäquat umzusetzen war. Stattdessen baute Spielberg jene berühmt-berüchtigte Szene in Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull ein, wo sie anschließend für Kontroversen unter den hartgesottenen Indiana-Jones-Fans sorgen sollte.

Während der Film für den Durchbruch von Hauptdarsteller Michael J. Fox sorgten, konnte auch ein anderer bekannter Darsteller hier erste Schritte in das Filmgeschäft machen. Beispielsweise Billy Zane, der seine erste Filmrolle als einer von Biffs Kumpels ergatterte (und damals noch Haare hatte). Nach der kurzen The Time Machine-Hommage präsentiert Zemeckis auch bereits das erste Product Placement: von Marty sieht man zu Beginn nichts außer seinen Schuhen. Seine Nike-Schuhe. Später sollen sich hier noch JVC und andere Artikel dazugesellen, der durchschnittliche Bond-Film würde vor Neid erblassen. Immerhin gelingt es Zemeckis exzellent, viele seiner Produkte gekonnt in das Handlungsgeschehen einzubinden, zum Beispiel wenn Marty 1955 in einer Bar eine zuckerfreie Pepsi bestellen möchte (“You want a Pepsi, pal, you gonna pay for it“).

US-Präsident Ronald Reagan (1955 noch als Filmschauspieler tätig, während er 1985 Präsident des Landes ist) war von der Anspielung auf seine Persönlichkeit so begeistert, dass er den Vorführer im Kino kurz nach der Szene bat, noch mal zu ihr zurück zu spulen. Später würde er den Film für eine seiner öffentlichen Reden zitieren. Aber auch der Einbezug von Calvin Klein Unterhosen (”Why do you keep calling me Calvin?“ - ”Well, that is your name, isn’t it? It’s written all over your underwear.“) und den anderen Produkten funktioniert ebenso gut, wie Martys Jimi Hendrix und Angus Young Imitationen oder die Doppelreferenz von Star Wars und Star Trek (“My name is Darth Vader. I am an extraterrestrial from the planet Vulcan!“). Back to the Future ist eine einzige pop-kulturelle Anspielung, dabei gehen die Macher äußerst liebevoll und detailverliebt mit diesen Anspielungen um.

Wenn Marty immer wieder das Wort „heavy“ benutzt, versucht sich Doc Emmett L. Brown (Christopher Lloyd) dies dadurch zu erschließen, dass 1985 etwas mit der Erdanziehung nicht stimmt. Und nachdem Marty von seiner Zeitreise zurückkehrt, heißt die „Two Pines Mall“ plötzlich „Lone Pine Mall“, da unser Jungspund schließlich eine der beiden Tannen umgefahren hat. Im Jahr 1994 würde Zemeckis Tom Hanks in allerlei historisches Archivmaterial schneiden lassen, denselben hervorragenden Effekt wie in Back to the Future konnte er aber nicht erzielen. Anfang der achtziger Jahre versuchte sich Autor Bob Gale hineinzuversetzen, ob er mit seinem Vater befreundet gewesen wäre, wenn er ihm im selben Alter hätte begegnen können. Aus dieser Idee heraus entstand Back to the Future, ein Projekt für welches sich Steven Spielberg sofort begeisterte.

Der Film erzielt seine Spannung aus dem Großvater-Paradoxon, da der 17-jährige Marty McFly (Michael J. Fox) durch eine notgedrungene Zeitreise zum 25. Oktober 1955 mit seiner eigenen Entstehung spielt. Statt seines Vaters George (Crispin Glover) wurde Marty von seinem Großvater angefahren. Aus diesem Grund verliebt sich anschließend seine Mutter Lorraine (Lea Thompson) nicht in seinen Vater, sondern in ihren eigenen Sohn - unwissentlich natürlich. Als Gale und Zemeckis mit dieser Geschichte zu Disney gingen, lehnten diese eine Finanzierung ab, zu riskant war ihnen die inzestuöse Thematik. Wohin das Großvater-Paradoxon führen kann, hat die Futurama-Folge Roswell That Ends Well auf humoristische Art und Weise gezeigt, als Fry nach einer Zeitreise in die Vergangenheit sein eigener Großvater wird.

In Back to the Future hingegen muss Marty fortan alles dafür tun, dass Lorraine doch ihre Gefühle für den schüchternen und introvertierten George entdeckt. Ein Grund weshalb George so klein gehalten wird, findet sich in seiner Nemesis Biff Tannen (Thomas F. Wilson). Im Grunde begrenzt sich das Back to the Future-Universum auf diese drei Charaktere: Marty McFly, Doc Brown und Biff Tannen beziehungsweise seine Vor- und Nachfahren. Ein Grund weshalb der Film und auch die Serie so exzellent funktioniert, liegt sicherlich in den Darstellungen dieser drei Schauspieler begründet, allen voran ist die Chemie zwischen Fox und Lloyd einfach nur grandios. Fox selbst würde durch die Trilogie zu internationalen Ruhm aufsteigen und die Rolle letztlich seine gesamte Karriere formen, wie es auch bei einem Tobey Maguire (Spider-Man) oder Daniel Radcliffe (Harry Potter) der Fall ist.

Durch seine Zeitreise-Thematik unterliegt Back to the Future denselben Schwächen wie die meisten seiner Genrevertreter á la The Terminator. Marty’s Existenz setzt voraus, dass er erfolgreich handeln wird beziehungsweise bereits gehandelt hat - unter gewissen Gesichtspunkten. Dahingehend widersprechen sich Zeitreise-Filme in gewissen Punkten selbst, obschon es Bill & Ted’s Excellent Adventure gelungen ist, diese Problematik auf geniale Weise vorzuführen und zum eigenen Vorteil zu verwenden. Wie jedoch das angesprochene Beispiel der „Lone Pine Mall“ zeigt, beschränken sich die Fehler innerhalb der Handlung auf dieses Ausgangsproblem, der Rest greift wie bei einem Reißverschlussverfahren gekonnt ineinander. Großes Plus des Filmes ist seine perfekt ausgearbeitete Handlung - er ist weder zu lang, noch zu kurz.

Es existieren keinerlei Lücken innerhalb des erzählten Geschehens, Marty geht es darum dafür zu sorgen, dass sich Lorraine und George beim Abschlussball küssen. Dabei dauert sein gesamter Aufenthalt in 1955 eine knappe Woche an, die im Film innerhalb von nicht mal zwei Stunden erzählt wird. Marty interveniert mit dem Raum-Zeit-Kontinuum und nach zwei gescheiterten Kuppelversuchen stehen auch schon der Ball und damit das Finale vor der Tür. Zu keinem Zeitpunkt verliert sich Zemeckis in Nebenhandlungen oder prescht auf irgendeine Art durch das Drehbuch. Nicht nur der Film, sonder auch die Inszenierung der Szenen ist dabei perfekt getimt. Die Minute, die Einstein zu Beginn in die Zukunft reißt, vergeht innerhalb des Filmes quasi in Realzeit (70 Sekunden). Hieran sieht man die extreme Liebe zum Detail, die den Machern anzurechnen ist.

Weiterer Pluspunkt ist der Fakt, dass es sich um eine Studioproduktion handelt. Der zentrale Platz des fiktiven Örtchens Hill Valley wird dabei in allen drei Filmen beibehalten und eingebaut. Doch nicht nur die Ausstattung überzeugt, sondern auch die restlichen technischen Bereiche. Lea Thompson, Thomas F. Wilson und Crispin Glover spielten ihre älteren Versionen von sich im Jahr 1985 selbst, was durch stundenlange Aufenthalte im Make-up möglich gemacht wurde. Dies ist natürlich nicht perfekt, hat es aber auch nicht zu sein, sehen Wilson und Thompson immerhin herrlich doof aus. Glover hingegen merkt man an, dass eine Hornbrille nicht reicht, um aus dem jüngsten Mitglied des Ensembles (damals 19 Jahre alt) den Familienvater zu machen. Den Spaß am Film trübt dies jedoch nicht, wird der doch allein durch den genialen Soundtrack von Alan Silvestri und Huey Lewis aufrecht erhalten.

Neben dem Klassiker „Earth Angel“ von den Temptations stechen vor allem die beiden Songs von Huey Lewis and the News hervor. Gerade „The Power of Love“ ist ein Meisterwerk der Pop-Geschichte und trug zum Kultfaktor des Filmes bei. Ironischerweise war für diesen nie eine Fortsetzung angedacht, trotz des offenen Endes. Als grandioses Beispiel dafür, was mit wenig Geld und Spezialeffekten erreicht werden kann, hat sich Zemeckis’ Werk seinen Platz in der Filmgeschichte verdient. Ohnehin ist es erstaunlich, dass Spielberg sich in den achtziger Jahren mit lediglich 20 Millionen Dollar für solche Meisterwerke wie Raiders of the Lost Ark oder  Back to the Futureverantwortlich zeichnet. Letzterer selbst ist ungemein amüsant und liebevoll inszeniert - was ihn zu einen der besten und einen der coolsten Filme aller Zeiten macht.

10/10