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14. Mai 2014

Godzilla

Your courage will never be more needed than it is today.

Jedes Teilchen hat sein Antiteilchen. Und so bescherten die 1990er Jahre Filmfans zwar auf der einen Seite die als Meisterwerke erachteten Fight Club und The Matrix, andererseits aber eben auch Joel Schumachers Batman-Filme und Roland Emmerichs Godzilla. Letzterer hinterließ zwar Eindrücke an den Kinokassen, gilt jedoch - ungerechtfertigter Weise - sowohl bei Kritikern als auch bei Fans der Riesenechse als Flop. Wenn nicht gar als Tiefpunkt der Godzilla-Reihe. Nun heißt es wie so oft in Hollywood: alles auf neu. Gareth Edwards, der vor einigen Jahren mit Monsters einen Arthouse-Monsterfilm drehte, durfte für Godzilla einen erneuten Versuch für das US-Kino wagen, den König der Monster ins Kino zu bringen.

Zuvorderst geht es im neuen Godzilla aber nicht um Godzilla. Sondern um Cloverfield-Monster, die Atombomben fressen und in San Francisco ein Nest bauen wollen. Blöd, dass dort Elle Brody (Elizabeth Olsen) mit ihrem Sohn lebt, die Familie von US-Soldat Ford Brody (Aaron Taylor-Johnson), einem Bombenexperten. Der hat vor 15 Jahren in Japan seine Mutter (Juliette Binoche) bei einem Kernreaktorunfall verloren – ein Erlebnis, das bis heute seinen Vater, Nuklearphysiker Joe Brody (Bryan Cranston), nicht loslässt. Er forscht auf eigene Faust nach, was eigentlich vor sich geht und wird dabei auf ein geheimes Militärprojekt von Dr. Ishiro Serizawa (Ken Watanabe) und seiner Kollegin (Sally Hawkins) aufmerksam.

Grob versucht sich Edwards dabei an Honda Ishirōs Gojira von 1954 zu orientieren. Hier wie dort ist Godzilla ein Urtier aus vergangenen Zeiten, das unter dem Meer in einer Höhle haust. Also kein durch Atomversuche mutierter Riesen-Iguana wie bei Emmerich. Allerdings fokussiert sich dieser Godzilla nicht ausschließlich auf die Bedrohung durch die Echse, die bei Honda vor 60 Jahren noch als Metapher für die Atomkraft stand, die Japan nach den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki schwer erschüttert zurückgelassen hat. Später durfte Godzilla sich mit anderen Monstern, so genannten Kaijū, kloppen. In Mothra vs. Godzilla 1964 noch als Antagonist, im Anschluss in Ghidorah, the Three-Headed Monster dann als Held.

Im Mittelpunkt der Handlung, was fraglos auch an Kostengründen lag, standen jedoch die menschlichen Figuren. So im Original das junge Paar Emiko und Ogata sowie Dr. Serizawa, dessen Erfindung des Oxygen-Zerstörers – eine Nachgeburt der Atombombe, die wiederum Gojira freigesetzt hatte – schließlich des Rätsels Lösung sein sollte. Edwards hat zwar auch einen Dr. Serizawa, aber einen völlig anderen Fokus. Sein Film dreht sich um Familienzusammenführung, sei es die von Ford und Elle Brody oder die der Cloverfield-Viecher (im Film M.U.T.O. genannt). In einer Sequenz darf sich sogar eine japanische Familie inmitten eines zerstörten Hawaii wiederfinden, damit die Botschaft auch bloß an keinem vorbeigeht.

Sie zählt zu den vielen teils lächerlichen, teils absurden Einstellungen, die Edwards sich für sein Bombast-Spektakel erdacht hat. Und die sich immer wieder wiederholen und einreihen in eine Handlung, die selten wirklich Sinn ergeben will. Zugleich aber auch so behäbig voranschreitet, dass man nicht umhin kommt, sich über sie Gedanken zu machen. Da werden Atombomben von einem Ort zum nächsten befördert – erst per Zug, als der dann angegriffen wird, doch lieber per Helikopter. Mit Flugzeugen fliegt man generell gerne in Godzilla, selbst wenn es gegen einen Gegner geht, der einen elektromagnetischen Puls aussenden kann (und das, Urtier hin oder her, auch zu wissen scheint und entsprechend bisweilen anwendet).

Ungeachtet dessen ist die bevorzugte Reaktion der Militärs dennoch, auf die Monster mit MGs zu schießen, wenn nicht gerade Schulkinder über genau die Brücken evakuiert werden, die auf dem Weg der Monster liegen. Großartig sind auch etwaige Einstellungen, in denen Edwards vermeintlich Kinder oder Hunde in Gefahr bringt, diese dann aber natürlich doch rettet – während im Hintergrund Dutzende Erwachsene sterben. Das Ganze als „strunzdoof“ zu bezeichnen, wäre überzogen. Immerhin strotzten auch andere Godzilla-Filme nicht vor ausgeklügelten Plots, egal ob Mini-Mädchen Rieseneier zurückhaben wollen oder Marsianer Mordkomplotte auf der Erde austragen. Anstrengend ist die Handlung dieses Films dennoch.

Gerade, weil der Film gefühlt drei Stunden dauert, da die sehr sporadische Dramaturgie sich fortbewegt wie Godzilla selbst – als wäre sie ein klobiges Riesentier. Der eigentliche Star des Films taucht in diesem eher peripher auf und will optisch nicht recht gefallen, wirkt er doch oft wie ein aufgedunsener Riesen-Turtle. Und auch wenn Edwards der Figur eine Motivation aufs Auge drückt, kann diese am Ende nicht überzeugen. Sie wirkt wie nahezu alles in Godzilla beliebig konstruiert. Eben so, wie es praktisch ist und sich anderswo an den Kinokassen bereits als erfolgreich erwiesen hat. Eine echte Botschaft wie Hondas Gojira besitzt dieser Godzilla nicht. Genauso wenig den Unterhaltswert seines US-Vorgängers.

Der nahm sich – wie die meisten Godzilla-Filme – nicht zu ernst. Was sich von Gareth Edwards’ Version nicht sagen lässt. Sonderlich berühren will das Zwischenmenschliche in seinem Film dennoch nicht, auch die Monster-Action im veraschten Chinatown San Franciscos begeistert nur bedingt, wenn auch durchaus gefällige Szenen existieren (darunter Godzillas Silhouette unter einem Kriegsschiff oder ein Fallschirmsprung mitten durch einen Kaijū-Kampf). Wer sehen will, wie sich riesige CGI-Geschöpfe eins auf die Zwölf geben, dürfte bei Pacific Rim aber womöglich doch besser aufgehoben sein. Dieser Godzilla wirkt jedenfalls wie ein Antiteilchen zur US-Version von ´98. Für manche dürften das wohl gute Nachrichten sein.

4/10

1. August 2010

Inception

Inception is not about being specific.

“I truly have no idea what so many people are raving about”, gestand US-Filmkritiker David Edelstein in seiner Besprechung von Christopher Nolans neuem Film, Inception, im New York Magazine. Es ist 2010 und der Filmhype hat eine neue Ebene erreicht. Was bereits 2008 mit The Dark Knight ausuferte und 2009 mit Avatar noch eine Steigerung erfuhr, ist im Grunde ein laues Lüftchen, wenn es um Inception geht. Roland Huschke bezeichnet das Werk in der Süddeutschen als den am „sehnlichsten erwarteten Film des Jahres“, für on3-radio ist Inception „ein Kinowunder“ und Claudius Seidl stellte sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die unsinnige Frage: „Habe ich von diesem Film oder hat der Film von mir geträumt?“ Was im Grunde noch verhaltene Urteile waren, im Vergleich zu manchem Blogger. Der Eine erblickte „Bilder, wie sie das Kino bisher noch nicht gesehen hat“, ein Anderer will einen „Anwärter für sämtliche All-Time-Listen“ erkannt haben und anderswo stieß man auf den „intelligentesten und innovativsten Film aller Zeiten“.

Womit ein Stichwort für Inception bereits fällt: Intelligenz. Sie wird vielerorts nicht nur dem Film zugeschrieben („intelligentes Actionkino“, schreibt Andreas Borcholte im Spiegel), sondern zuvorderst seinem Regisseur. Christopher Nolan, der amerikanische Brite beziehungsweise der britische Amerikaner, sei “the brainiest of Hollywood directors”, so Caryn James in der Newsweek. Ein „Genie“ und „Wunderkind“, geht es nach Roland Huschke. Also der lebende Beweis, dass man Mainstream-Blockbuster-Kino nach amerikanischem Rezept in Verbindung bringen kann mit intelligentem Arthouse aus Europa. Eben „intelligentes Actionkino“, was der Regisseur bereits mit The Dark Knight unter Beweis gestellt haben soll und ihm ein Einspielergebnis von einer Milliarde Dollar bescherte. Eine Marke, die damals noch etwas galt, zuletzt aber sowohl von Avatar als auch Alice in Wonderland problemlos überschritten wurde. Nolan, ein Zeichen von Zuverlässigkeit. Zum einen für die Feuilletonisten und Zuschauer, die ihn stets aufs Neue abfeiern. Zum anderen für die Studiobosse, die sich sicher seien dürfen, dass ihr investiertes Geld mit entsprechendem Gewinn wieder auf dem Konto eintrudelt.

Wie viel Nolan für seinen jüngsten Film zur Verfügung gestellt wurde, ist ungewiss. Das Budget schwankt, glaubt man Gebhard Hölzl von BR-Online, sind es 150 Millionen Dollar. Vertraut man Frank Schnelle von epd-film, summieren sich die Kosten auf 200 Millionen Dollar. Huschke spekuliert in der SZ auf 180 Millionen, Nev Pierce in der Empire auf 170 Millionen. Vielleicht sind es dann doch eher die 160 Millionen Dollar, die häufiger genannt werden, zum Beispiel auf Box Office Mojo oder von Seidl und Borcholte. Wie viel Geld genau Nolan ausgeben konnte, ist im Grunde auch irrelevant. Er hat es bereits in den USA wieder eingespielt. Konträr zum Ausmaß des Hypes dürfte es Inception jedoch schwer fallen, die Milliarden-Dollar-Grenze zu überschreiten. Was nichts daran ändert, dass Nolan nun Hollywoods neuer Liebling ist, jetzt wo Jon Favreau mit Iron Man 2 und Peter Jackson mit The Lovely Bones enttäuschten. James Cameron sitzt vielleicht auf dem Box-Office-Thron (das Einspiel von Avatar dürfte durch den kommenden Re-Release nochmals enorm steigen), aber Nolan ist eigentlich der Meister der Herzen.

Aber was ist es nun eigentlich, “what so many people are raving about”? Warum ist Inception ein Kinowunder, der innovativste und intelligenteste Film aller Zeiten, mit Bildern, die das Kino in über 100 Jahren Existenz noch nie gesehen hat? Wo die Wachowski-Brüder sich für The Matrix durch René Descartes’ Meditationes de prima philosophia inspirieren ließen, wagte sich Nolan an Traumdeutungen von Sigmund Freud und seines Schülers Carl Gustav Jung heran. Zwei bemerkenswerte Psychoanalytiker, deren Arbeiten in ebenjener Traumforschung auch Jahrzehnte später noch Standardwerke sind. „Wenn man einen Traum verstehen will, dann muss man ihn ernst nehmen“, schrieb Jung in Traum und Traumdeutung. Für Nolan sind Träume nun Aufhänger und Aufenthaltsorte für Inception, der sich trotz seiner Prämisse weniger ins Science-Fiction-, denn Heist-Genre einordnen lassen will. Dementsprechend folgt der Film auch bestimmten Genreregeln, von der Exposition des geplanten Diebstahls, über die Verwicklung der jeweiligen Beteiligten, die für den Diebstahl von Nöten sind, hin zur Kulmination – dem eigentlichen Diebstahl selbst, und letztlich zur Lysis, der Auflösung des Filmes.

Exposition, Verwicklung, Kulmination, Lysis. Bei näherer Betrachtung fallen natürlich Jungs vier Traumphasen auf. In der Exposition lernen wir Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) kennen. Einen extractor, wie er sich selbst nach seiner Profession nennt - ein Industriespion. Eine Erfindung seines Schwiegervaters Miles (Michael Caine), Architekturprofessor an einer Pariser Universität, ermöglicht es Cobb, das Unterbewusstsein eines Menschen in einen „Traumraum“ zu transportieren, der dem Opfer vorgaukeln soll, sein eigener Traum zu sein, in Wirklichkeit jedoch von einem Architekten gestaltet wurde. Was komplizierter klingt, als es ist. Das Publikum wird nun eingeführt in Cobbs Wirken und die Begebenheiten, die den Film in den kommenden zwei Stunden begleiten werden. Der Inhalt ist zweitrangig, wichtiger sind die Elemente. Ein Traum innerhalb eines Traums, Industriemagnat Saito (Ken Watanabe), Cobbs verstorbene Frau Mal (Marion Cotillard), die als Projektion seines Unterbewusstseins zum Saboteur der Mission avanciert. Was erneut komplizierter klingt, als es ist.

Die Mission scheitert und gelingt zugleich, die Exposition transformiert sich frühzeitig zur Verwicklung. Saito liefert die Filmhandlung, die Titelgebende inception. Cobb, der Industriespion, soll nichts aus dem Unterbewusstsein seiner Opfer stehlen, sondern etwas einfügen. Eine Idee, im Kopf von Saitos schärfsten Konkurrenten – Robert Fischer Jr. (Cillian Murphy). Unmöglich, findet Arthur (Joseph Gordon-Levitt), Cobbs rechte Hand. Dieser wiederum sieht es als einzige Möglichkeit, wieder nach Hause zu kommen. „Nach Hause“ sind die USA, die Cobb den Tod von Mal als Mord zur Last legen, aus Gründen, die für das Verständnis des Filmes von Bedeutung sein sollen, für die Ausgangsbasis jedoch an sich unerheblich sind. Cobb nimmt Saitos Auftrag an, da dieser verspricht, dass die Anklage gegen Cobb fallen gelassen wird und dieser wieder seine Kinder sehen kann, die er in Los Angeles zurücklassen musste. Nun gilt es, ein Team zu formen, für diesen Coup aller Coups.

An Bord geht Ariadne (Ellen Page), eine begabte Architektin, die für die Gestaltung der falschen Träume verantwortlich ist. Zudem noch Eames (Tom Hardy), ein Fälscher von Traumidentitäten, und Yusuf (Dileep Rao), ein Apotheker, der für die Anästhetika zuständig ist, die einen in die Träume in Träumen katapultieren. Sind alle notwendigen Figuren in die Geschichte verwickelt, kann diese in die Kulminationsphase übergehen. Womit Inception seine vermeintliche Intelligenz zu Gunsten des Actionkinos allmählich aufgibt. Die angeblich unmögliche inception verkommt zur Nebensache. Fischer soll die Firma seines Vaters auflösen – so die einzupflanzende Idee. „Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches“, definierte Freud. Eine Definition, mit der Jung brach, indem er den Traum als „subliminalen Prozeß“ beschrieb, der „keine klar umrissenen Gedanken hervorbringen“ kann. „Es sei denn, er höre auf, Traum zu sein, und würde sofort zum Bewusstseinsinhalt“, so Jung.

Für Nolan ist dies unerheblich. Die Einpflanzung der Idee geschieht auf psychologisch simple Weise. Quasi ad hoc kommt Eames mit dem Plan für die inception auf, die somit an die Stelle des nicht zu knackenden Casinos aus Ocean’s Eleven tritt, dessen Planungsprozess weit weniger wichtig ist, als die Probleme, die sich während des Diebstahls einstellen. Womit nämlich niemand gerechnet hat: Fischer hat ein Bewusstseinssicherheitstraining hinter sich. Sprich: Unterbewusst erschafft er Projektionen, die versuchen, jenes Unterbewusstsein vor dem Zugriff einer anderen Person zu schützen. Fortan geht es in Inception nicht so sehr um die inception wie die Erwehrung dieser schwer bewaffneten Fischer-Projektionen. “Most of the time, one group of guys chases another”, beschrieb dies A. O. Scott in der New York Times. Schießereien, die für Katja Nicodemus in der Zeit „nicht interessanter werden, nur weil sie auf verschiedenen Traumebenen stattfinden”. Ihr Sinn will sich nicht wirklich erklären, was jedoch nur der Inkohärenz von Nolans gesamtem Film entspricht. Denn intelligent, ist hier leider ausgesprochen wenig.

Das Traumschema in Inception ist ein Unübersichtliches. Grundsätzlich loggen sich andere Personen in den Traum einer Ursprungsperson ein, die wiederum die Vorlage des Architekten nutzt. Was an sich schon Jungs Traumkonzeption aushebelt, wenn mehrere Personen ihr Unterbewusstsein teilen, alle also träumen, aber nur eine Person den Traum gestalten kann. Die angreifenden Projektionen von Fischer entstammen also seinem Unterbewusstsein, inmitten des Unterbewusstseins der jeweils Anderen. Diese können sich jedoch Waffen erträumen, mit denen sie sich der Projektionen erwehren. Maschinengewehre zum Beispiel. Oder Granatwerfer. “You mustn't be afraid to dream a little bigger”, trällert Eames in einem Gefecht Arthur entgegen, als er sich eine Großkaliber-Waffe erträumt. Warum jedoch keinen Airstrike erträumen? Oder die Straße hochklappen, wie es Ariadne in einem Versuch getan hat? Es erschließt sich einem nicht, warum Cobb und Co. ballern müssen, anstatt ihre Umgebung zu beeinflussen. Schließlich sind es Yusuf, Arthur, Eames, und so weiter, die träumen. Aus Spannungsgründen versucht Nolan seiner phantastischen Welt physikalische Eckpfeiler zu verpassen – die letztlich seine gesamte Narration zu Boden reißen.

Beiläufig wird erklärt, fünf Minuten in der Realität entsprechen einer Stunde in der Traumwelt, sowie jeweils mehr, je tiefer man ins Unterbewusstsein eindringt. Willkürliche zeitliche Eingrenzungen, wie Nicolas Cages Zwei-Minuten-Visionen aus Next. Wer aus Träumen erwachen will, muss einfach Suizid begehen, heißt es zu Beginn. Bis Saito später angeschossen wird, und Cobb erklärt, aufgrund der Anästhesie wacht niemand auf, wenn er im Traum stirbt, sondern landet im Limbus (dem man nur entkommt, wenn man in ihm stirbt). Regeln werden im Vorbeilaufen aufgestellt und folgen keinem logischen Schema. Vielleicht versucht Nolan auch nur Jung zu folgen, wenn dieser sagt, dass „der Traum ein sonderbares und fremdartiges Gebilde [sei], das sich durch (…) Mangel an Logik, (…) und offensichtliche Widersinnigkeit (…) auszeichnet“. Was allerdings in seinem Versuch, einen Traum als realen Thriller zu erzählen – jegliche Träume innewohnende Surrealität wird in Inception quasi negiert, sodass jeder Film von David Lynch, Jim Jarmusch oder Alejandro Jodorowsky eher wie ein Traum wirkt, als Nolans Kreationen –, nicht übertragen werden kann.

Allein die Tatsache, dass die Idee der Firmenauflösung direkt als solche in Fischers Unterbewusstsein etabliert wird, entfernt sich von Freud und Jung und ist ein müder Versuch anzudeuten, dass Fischer sie in die Tat umsetzen wird. Als ob jeder, der im Traum einen Wagen kauft, am nächsten Tag zum Autohändler fährt. Wären Träume so offensichtlich wie „Lös die Firma deines Vaters auf“, hätte es der Traumdeutungen von Freud und Jung überhaupt nicht bedurft. Hinzu kommt, dass obschon mit Ariadne eine Figur ausschließlich als Statthalter des Zuschauers erschaffen wird, Nolan viel erzählt, aber nichts wirklich erklärt. Von den zehn Traumsekunden, die in der nächsten Stufe drei Minuten darstellen (wenn fünf reale Minuten sechzig im Traum repräsentieren, gibt es also kein festes Schema einer Multiplikation mit Zwölf, was es Cobb umso schwieriger machen müsste, über mehrere Traumebenen hinweg den jeweiligen Countdown auszurechnen), bis hin zu den scheinbar nur existenten drei Traumstufen, an welche sich dann der Limbus anschließt.

Nichts in Nolans Traumkonstruktionen hat Hand und Fuß und selbst die angebliche „reale“ Welt ist voller Unsinnigkeiten. So nimmt Cobb das Angebot von Saito nur an, um wieder zu seinen Kindern nach Los Angeles fliegen zu können, ohne je auf die Idee zu kommen, seine Kinder einfach durch deren Großvater abholen und nach Paris bringen zu lassen. Was angesichts der Tatsache, dass sie über eine französische Mutter verfügen (die obschon sie die Tochter von Caines Figur ist, dennoch kein akzentfreies Englisch beherrscht), kein juristisches Problem sein sollte. Ein weiterer Mangel an Logik, eine neuerliche Widersinnigkeit, eine frühzeitige Sinnlosigkeit. Eigenschaften, die Cobbs Realität zum sonderbaren Gebilde machen und Jung zufolge darauf hindeuten würden, dass seine Realität in Wirklichkeit ein Traum ist. Was natürlich ein absehbarer Schachzug von Nolan ist, der sich nicht erst in der betreffenden Szene verrät, sondern schon bevor der Vorspann zu Ende gelaufen ist. Man kennt das letzte Frame von Inception somit im Grunde schon, bevor man das Erste abgespeichert hat. Selten traf man einen Film, der derart vorhersehbar und in seiner Gesamtheit uninspirierter war, als bei Inception der Fall.

Weder ist der Film spannend aufgebaut, noch zu irgendeinem Zeitpunkt sonderlich originell. Nolan präsentiert ein leb- und liebloses Konstrukt, befüllt mit Figuren, die ohnehin nicht sterben können, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wo Nolan darauf bauen muss, dass der Zuschauer sich emotional am Geschehen beteiligt. Immer wieder also neue Regeln, gefolgt von widersprüchlichen Sub-Regeln, die ihre Vorgänger aus dramaturgischer, nicht jedoch logischer, Sicht einschränken müssen. Was generell vertretbar wäre, wenn Nolan sich zumindest bemüht hätte, nicht eine Armada eindimensionaler Charaktere zu erschaffen. Keine der Figuren kommt über ihre Typisierung hinaus. Page gibt den Publikumsersatz, der dem Helden folgt und Fragen stellen darf, Gordon-Levitt und Hardy sind die Sidekicks, die etwas Coolness und Humor beitragen sollen. Andere, wie Rao oder Watanabe, sind nichts als schmuckes Beiwerk. Seinen Anfang findet Inception dabei in Leonardo DiCaprio als innerlich zerrissenen Mann, der von seiner toten Frau geplagt wird. Eine Rolle die der Schauspieler aus dem Effeff beherrscht, hat er sie doch erst zuletzt in Shutter Island gespielt.

Alle Schauspieler würden sich „die Seele aus dem Leib“ spielen, lobt Marius Zekri bei Bayern3. Dabei spult DiCaprio dasselbe Programm runter, wie in jedem seiner Filme. Sei es Gangs of New York, Blood Diamond, The Departed oder Body of Lies. Die Mimik ist stets gleich und ändert sich nie. Im Gegensatz zu den übrigen Komparsen, bemüht sich der Hollywood-Star immerhin, selbst wenn es ihm nicht sonderlich gelingen will. Auch der müßige, wenn auch für Nolans Plottwist notwendige, Sub-Plot mit Cotillard vermag kaum emotionale Momente auf DiCaprio herauszukitzeln. Dabei ist es in einem Heist-Film wenn schon nicht unabdingbar, dann doch hilfreich, wenn der Zuschauer mit den Figuren mitfiebert und sich um sie sorgt. So funktioniert die Spannung, so werden Emotionen geweckt. Doch die Cobbs, Arthurs, Ariadnes, Eames’, Saitos und Yusufs in Inception sind einem egal. Sterben sie, werden sie wieder aufgeweckt. Es ist wie in der 2008er Version von Prince of Persia, wo der Prinz nie sterben konnte, stets gerettet wurde, und somit nie mehr war, als ein Mittel zum Zweck, aber niemand, mit dem man sich identifizierte.

Wo also weder die leidliche Handlung mit all ihren Fehlern, noch die müde aufspielenden Darsteller überzeugen können, ist es immerhin der Look von Inception, der bisweilen gefällt. Weniger das Zusammenklappen von Paris oder der Kampf in der Schwerelosigkeit, allenfalls die Limbus-Szenen. In seiner Gesamtheit erinnert Nolans jüngster Film dabei an seinen Vorgänger. „Ein liebloses Stück Film ist das, welches versucht Komplexität zu evozieren, ohne in irgendeiner Weise tatsächlich komplex zu sein“, schrieb ich zu The Dark Knight. Sowie: „Geradezu bedauernswert, diese eindimensionale Charakterausarbeitung der gesamten Figuren.“ Bedauernswert auch, dass sich die gesammelten Kritikpunkte des Batman-Teiles auch in Inception wiederfinden. “It feels like Stanley Kubrick adapting (…) William Gibson (…) like The Matrix mated with Synecdoche, New York”, meinte Nev Pierce, während Andreas Borcholte den Vergleich heranzog von „Reservoir Dogs im Lummerland“.

Am Ende ist Inception eher eine prätentiöse Version von The Italian Job, angereichert mit Versuchsideen basierend auf Freud und Jung, ohne diese jedoch auch nur ansatzweise so gut für seine Handlung zu verwenden, wie es den Wachowskis mit Descartes’ Meditationes in The Matrix gelang. Der angeblich intelligente Film widerspricht sich  meist selbst, zumindest in den Momenten, wo er nicht von vorneherein ohnehin keinen Sinn ergibt. Das eigentliche Wunder an Inception ist also weder sein überschätzter Regisseur, noch der Film selbst, sondern der unverständliche Hype, der ihm folgt und vorausgeht (Edelstein bezeichnet den Film völlig richtig als “metaphor for the power of delusional hype – a metaphor for itself”). Was Nolan jedoch mit seinem Film erreicht, ist ein kollektives Aha-Erlebnis im Kino und ein anschließendes Diskutieren vor den Eingängen. Etwas, das in heutigen Zeiten rar geworden ist. Inception ist ansonsten “something you may forget as soon as it’s over”, wie es Scott treffend formuliert. Ganz anders dagegen der nächste Hype. Denn der kommt bestimmt. Spätestens mit dem nächsten Projekt von Christopher Nolan.

3.5/10

18. Juni 2008

Batman Begins

It’s not who you are underneath, it’s what you do that defines you.

Im Jahre 1934 wurde die Firma National Allied Publications gegründet, die zwei Jahre später Detective Comics heißen sollte, bekannter unter ihrer Abkürzung DC Comics. Es sollten zwei weitere Jahre vergehen, ehe DC Comics mit Superman seine stilbildende Superheldenfigur erschaffen sollte. Im Mai 1939 kam dann die zweite weltberühmte Figur hinzu: Batman. Gezeichnet von Bob Kane und betextet von Bill Finger war Batman vollkommen anders, wie sein ein Jahr älterer Superhelden-Kollege. Während Superman alias Clark Kent als Außerirdischer auf der Erde einzigartig ist und dem Wohl der Menschheit beziehungsweise Amerika dient, ist Batman alias Bruce Wayne nichts weiter als ein solcher, normaler Mensch. Batman verfügt über keine übernatürlichen Fähigkeiten, ist nicht Opfer einer (nuklearen) Mutation. Es handelt sich bei ihm, ähnlich wie bei Tony Stark als/in Iron Man, um einen normalen Menschen.

Wayne beherrscht verschiedene Kampfkünste und kann sich dank seines finanziellen Status’ viele Spielzeuge wie das Batmobil leisten, die ihm bei seiner Verbrechensbekämpfung unterstützen. In einer Zeit, als Marvels Helden im Kino praktisch nicht existent waren, dominierte DC Comics in den 1980ern mit der Superman-Reihe um Christopher Reeve und in den 1990ern mit den vier Batman-Teilen (die ersten beiden entstanden unter der Regie von Tim Burton) die Leinwände. Nachdem Joel Schumacher zweiter trashiger Ausflug in die Serie, Batman & Robin, gefloppt war, wurde Batman erst einmal begraben, obschon sich viele verschiedene Projekte im Untergrund in Entwicklung befanden, darunter Wolfgang Petersens Batman vs. Superman. Anfang des 21. Jahrhunderts, sicher mitbegründet durch den Erfolg von Marvels Spider-Man-Verfilmung, plante Warner Bros. die Rückkehr des dunklen Ritters in die Lichtspielhäuser.

Einen großen Einfluss auf die Rückkehr von Batman übte Frank Millers Batman: Year One aus. Millers Comic sollte die Grundlage für einen Film von Darren Aronofsky werden, doch die angestrebten Storyelemente (darunter Alfred als afroamerikanischer Mechaniker und Bruce Wayne als Obdachloser) widerstrebten der Warner. Man trat an die Gebrüder Wachowski heran, die aber zu Gunsten ihrer Matrix-Sequels ablehnten, weshalb die Wahl schlussendlich auf Christopher Nolan fiel. Gemeinsam mit seinem Bruder Jonathan hatte sich Nolan durch Memento einen Namen gemacht und sollte nunmehr das Batman-Franchise wiederbeleben. Für das Drehbuch wurde David S. Goyer engagiert, der bereits Marvel’s Blade in einer Trilogie zum Leben erweckte. So kam es, dass für das fünfte Abenteuer des dunklen Ritters weder Millers gerühmter Batman: Year One noch sein bahnbrechender The Dark Knight Returns adaptiert wurde.

Vielmehr fanden The Man Who Falls, Dark Victory und The Long Halloween starken Einzug in die Story. Und entgegen dem Comic-Kanon entwarf Nolan mit Rachel Dawes eine neue Figur, die quasi zur Mary Jane für Bruce Wayne werden sollte und für Katie Holmes geschrieben wurde. Nunmehr musste nur noch ein neuer Batman gefunden werden, ein glaubwürdiger Batman. Waren Val Kilmer und George Clooney zuvor an den Fußstapfen von Michael Keaton gescheitert, standen Hugh Dancy, Ashton Kutcher oder Jake Gyllenhaal im Raum. Beim Vorsprechen konnte jedoch Christian Bale entsprechenden Eindruck auf Nolan und Goyer machen, sodass er letztlich die Rolle bekam. Ironischerweise hatte Bale einst bei Batman & Robin für den Part von Robin vorgesprochen. Für die Nebenrollen von James Gordon wurden unter anderem Kurt Russell und Dennis Quaid angesprochen, während es bei Ra’s al Ghul Daniel Day-Lewis und Viggo Mortensen waren.

Wo die Vorgänger der Batman-Serie zumindest innerhalb ihrer Regie jeweils bei Tim Burton und Joel Schumacher chronologisch waren, versucht Batman Begins neue Wege zu beschreiten. Wie der Titel sagt, geht es um Batmans Genese. Dabei dürfen natürlich die essentiellen Erlebnisse des jungen Bruce Wayne nicht fehlen: der Höhlensturz mit Fledermaus-Begegnung, sowie die Ermordung der Eltern. Jene erste Erlebnis beginnt den Film und führt sogleich Rachel Dawes ein. Kurz nach dem Sturz wird Nolan dann in die Gegenwart überleiten, zu einem bärtigen Bruce Wayne (Christian Bale) inmitten eines chinesischen Gefängnisses. Dort gerät er aus scheinbar nichtigen Gründen in eine Massenschlägerei, nimmt es problemlos mit sechs Männern auf und landet dann in Einzelhaft. Hier tritt der ominöse Henri Ducard (Liam Neeson) an Wayne heran, wirbt um ihn und lockt ihn zu einer Herausforderung für Körper und Geist.

Es wird klar: Wayne ist noch nicht Batman, er ist ein untrainierter Ausreißer in einer fremden Welt. Woher er das Vermögen besitzt, es mit sechs Männern gleichzeitig aufzunehmen, zeigen Nolan und Goyer dem Publikum nicht. Doch was macht Bruce Wayne in China? Die nächste Rückblende bringt Aufschlüsse. Als Achtjähriger geht mit seinen Eltern in die Oper, wird dort aber so verstört, dass seine Eltern diese vorzeitig verlassen. Wieso und weshalb die Waynes die Oper durch einen Hinterausgang in eine Seitengasse verlassen, bleibt ebenfalls das Geheimnis der Produzenten, genauso die Reaktion von Thomas Wayne gegenüber seinem Mörder. Wer Tim Burtons Charakterisierung dieses Ereignisses aus Batman (1989) kennt – ungeachtet der Tatsache, dass hier der Joker miteingewoben wird – kann für diese hier gezeigte, unglaubwürdige Porträtierung nur ein müdes Lächeln übrig haben.

Als nächstes wartet eines der krudesten Hollywood-Klischees: Alter Schauspieler spielt junge Version seiner Figur indem man Haare in die Stirn wischt. Ein scheinbar gerade volljähriger Bruce Wayne, möchte Rache an dem Mörder seiner Eltern nehmen. Dem steht Freigang bevor, da er gegen Untergrundboss Carmine Falcone (Tom Wilkinson) aussagen will. Doch Falcone kommt Wayne zuvor, seine Rache verpufft im Ansatz. Gotham City ist verkommen, korrupt, manipuliert und schmutzig – eben so wie Gotham immer schon war, weshalb auch ein Batman aus ihr heraus entstand. Von der düsteren und unheimlichen Stadt eines Tim Burton bleibt aber bei Nolan nicht viel übrig, vielmehr orientiert er sich an einer semi-futuristischen Version von New York City und einer optischen Orientierung an Ridley Scotts Blade Runner. Das Letzterer durch eine düstere Hoffnungslosigkeit beeindruckte, scheint Nolan entgangen zu sein.

Wayne jedenfalls wird nach einem Treffen mit Falconi bewusst, dass er so das Unrecht in der Stadt nicht bekämpfen kann. Sieben Jahre lang wird er sich fortan auf dem asiatischen Kontinent herumschlagen und seine eigene Firma bestehlen, ehe er in jenem Gefängnis zu Filmbeginn landen wird. Jetzt kann die Katharsis des Bruce Wayne beginnen. Im hohen Norden Tibets wird er unter Henri Ducard und Ra’s al Ghul (Ken Watanabe) zum Allround-Kämpfer für die League of Shadows ausgebildet. Als Wayne erfährt, dass die allerdings Gotham City aufgrund ihres maroden Zustands auslöschen will, versucht der junge Milliardär dies zu verhindern. Nach Hause zurückgekehrt, will er es gemeinsam mit seinem loyalen Butler Alfred (Michael Caine) mit Falcone und Co. aufnehmen. Damit dies gelingt, bedarf er jedoch der Hilfe einiger unkorrupter Personen, wie Staatsanwaltsgehilfin Rachel oder Polizist James Gordon (Gary Oldman).

Nolans Auffassung nach überwiegte in früheren Batman-Filme der Style vor Substance. Ebenjene wollte Nolan in seinem Reboot in den Fokus rücken, dabei ist seine Rückschau der wayneschen Erlebnisse relativ unnötig. Insbesondere, da man sich der Szenen nur als Mittel zum Zweck bedient und so an Glaubwürdigkeit einbüßt. Der aus dem Verlust resultierende Hass und Durst nach Rache soll Bruce Wayne letztlich zu Batman werden lassen, dabei ist dies nicht der Fall. Denn eigentlich wird Wayne zu Batman, um Gotham zu retten, selbst als die ursprüngliche Gefahr durch die League of Shadows ausgeräumt scheint. Somit ist Nolans Batman kein Ebenbild des verbitterten dunklen Ritters eines Frank Miller, dabei wäre eine getreue The Dark Knight Returns-Adaption so interessant wie konsequent gewesen. Dies scheint heutzutage, wo selbst John McClane und Indiana Jones junge Sidekicks erhalten, nicht umsetzbar zu sein.

Ein 50-jähriger Batman, welcher Jugendliche hätte sich dafür interessiert? Dabei war Batman Begins trotz seines überschwänglichen Lobes nicht mal sonderlich erfolgreich, spielte „lediglich“ das Doppelte seiner Kosten ein. Dies mag auch mit der Wahl der Antagonisten zu tun haben, zählen Figuren wie Scarecrow (Cillian Murphy) doch nicht zur Elite unter Batmans Feinden. Angesichts des Hypes, der seit Monaten im Netz um die Fortsetzung The Dark Knight herrscht und seit Heath Ledgers Tod noch verstärkt wurde, verspricht das Sequel kommerziell erfolgreicher als der Vorgänger zu werden. Der Grund dürfte auch die Wahl des Jokers als Antagonist sein, ist und bleibt er doch Batmans Nemesis schlechthin, (die zudem noch Unterstützung von Two-Face erhält). Ob dagegen Christian Bales schauspielerische drei Gesichtsausdrücke ausreichen werden,  um die innere Zerrissenheit seiner Figur darzustellen, bleibt abzuwarten.

Michael Caine und Gary Oldman hingegen können gemeinsam mit Murphy überzeugen, während sich die restlichen Darsteller in ihren Figuren nicht viel nehmen. Das musikalische Thema von Hans Zimmer und James Newton Howard ist durchaus gelungen, der Score allgemein bewegt sich jedoch eher im Hintergrund. Der große Vorwurf den man Nolans Film machen muss, ist, dass er – um es auf den Punkt zu bringen - eine langatmige Exposition geworden ist, die zu keinem Zeitpunkt wirklich im Stande ist, richtig Spannung aufzubauen. Viel mehr als eine fast zweieinhalbstündige Vorgeschichte zur Fortsetzung ist das Ganze nicht und hierbei bisweilen auch leidlich unterhaltsam. Die ersten Ausflüge im Batsuit sind ebenso wenig dramatisch, wie die krude Flucht im unglaublich hässlichen Tumbler, in dem sich Batman zigmal in Position und wieder zurück schieben muss, nur um letztlich in ein Waldstück zu rasen.

Wie er dabei bei seinen Aktionen halb Gotham zerstört, dürfte selbst einen Hancock in den Schatten stellen. Das Finale, auf welches mühsam hingearbeitet wurde, fällt dann noch mal in ein extremes Loch und avanciert zur wilden Mixtur aus Speed und Spider-Man. Was Nolan hier versucht hat, war keine Weitererzählung einer Figur, sondern eine Neuerfindung. Diese ist zwar technisch durchaus gelungen, kann jedoch inhaltlich nicht vollends überzeugen. Weshalb Bruce Wayne es mit sechs Männern aufnehmen oder in seiner Bathöhle alleine in kürzester Zeit allerlei Equipment installieren kann, verwirrt. Und auch die Fokussierung auf den Vater-Plot – die Mutter darf in den Rückblenden lediglich einen Satz sagen und scheint keine Beziehung zum Sohn zu haben –, der auf die Figuren von Alfred, Gordon, Ducard und Lucius Fox (Morgan Freeman) ausgeweitet wird, stört hier ebenso, wie in anderen Hollywood-Filmen.

6/10

7. Dezember 2007

Flags of Our Fathers & Letters from Iwo Jima

Ohne Frage stammte das ambitionierteste Filmprojekte dieses Jahres von Clint Eastwood und seiner back-to-back Verfilmung der Ereignisse der Schlacht von Iwo Jima vom Februar/März 1945. Dass sich Mr. Eastwood auch der japanischen Seite annahm und diese schließlich so inszenierte, wie er es getan hat, zeichnet ihn zweifellos aus und macht die Academy Award Nominierung verdient. Die Idee zum Film stammte aus dem Jahr 2000 als der Sohn eines der amerikanischen Flaggenhissers, James Bradley, ein Buch über die Ereignisse um ebenjene Flaggenhissung und der Schlacht um Iwo Jima veröffentlichte. Clint Eastwood wollte sich die Rechte sicher, aber wie so oft hatte sich Steven Spielberg zuerst darauf gestürzt. Spielberg wies William Broyles Jr. (Jarhead, Cast Away) an Bradleys Buch in eine entsprechende Filmvorlage umzusetzen, war dann aber im Nachhinein mit dem Ergebnis unzufrieden und wollte den Film zurückstellen, als er 2004 mit Clint Eastwood sprach und diesem am Ende doch die Regie überließ, jedoch als Produzent mit an Bord blieb. Das Drehbuch von Boyles Jr. wurde daraufhin vom neuen Autoren-Wunderkind Paul Haggis überarbeitet.

Der japanische Gesichtspunkt, ursprünglich Red Sun, Black Sand betitelt, entstammt einem Buch über die Briefe des kommandierenden Generaly Kuribayashi und einer Kriegshistorie von Kumiko Kakehashi. Während die Idee zum Teil auch von Paul Haggis stammt, zeichnet sich die bis dato unbekannte Iris Yamashita für das Drehbuch verantwortlich. Mit einem Budget das mit fünfzehn Millionen Dollar nur ein Drittel des von Flags ausmachte, gelang Eastwood ein beeindruckender Film, der ebenfalls wie Flags in sehr grauen und ausgebleichten Bildern daherkommt und zu Recht für vier Academy Awards nominiert worden ist. Das die Dreharbeiten in Kalifornien stattfanden merkt man dem Film nicht an und ist sicher auch Ursache für sein geringes Budget. Es ist, wenn man bedenkt dass Eastwood den Film in japanischer Sprache drehte, beachtlich, dass Letters dennoch in Amerika dreizehn Millionen Dollar einspielen konnte, auch wenn er selbstverständlich in Japan – wo er fünf Wochen auf Platz Eins stand – sehr viel erfolgreicher war. Dies erklärt sich wohl auch in der Besetzung der zweiten Hauptrolle mit dem Mitglied der Boygroup Arashi, Kazunari Ninomiya, während die erste Hauptrolle vom Export-Japaner Ken Watanabe ausgefüllt wird.

Flags of Our Fathers (2006)

No sense being a hero if you don’t look like one.

Mitten im Kriegsgeschehen trifft das Publikum zum ersten Mal auf John „Doc“ Bradley (Ryan Phillippe), Sanitäter eines US-Marine Corps in der Schlacht um den Hügel Suribachi auf der japanischen Insel Iwo Jima. Ein kurzer Erinnerungsfetzen eines alten Mannes, wie sich kurz darauf herausstellt, aber die Erinnerung ebbt nicht an und kehrt zurück in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Bradley und seine Kameraden rund um den amerikanischen Ureinwohner Ira Hayes (Adam Beach) und Rene Gagnon (Jesse Bradford) machen sich bereit um den Strand von Iwo Jima einzunehmen. Am fünften Tag der Schlacht gelingt es schließlich einigen Soldaten von Bradleys Einheit Suribachi einzunehmen und im patriotischen Geiste hissen die fünf Männer schließlich eine amerikanische Flagge. Da diese Flagge jedoch als Andenken zurück nach Washington sollte, wurden Bradley, Hayes, Gagnon und drei weitere Männer ihres Korps angewiesen eine zweite Flagge zu heißen. Diese Hissung wurde von Joe Rosenthal photographiert und markierte schließlich in den USA eine riesige Propagandawelle für Kriegsspenden, zu deren Zweck Bradley und seine beiden überlebenden Kameraden in die Heimat abberufen werden.

In ausgebleichten grauen Bildern konzentriert sich Eastwood in seinem Film auf ein Kapitel in Bradleys Buch – was ihm hinterher von vielen Menschen vorgeworfen wurde. Das Augenmerk setzt der Altstar dabei weniger auf die Schlacht und ihren Ausgang per se, als auf die Wirkung welche die Flaggenhissung auf das Leben der drei überlebenden Soldaten hatte. Insbesondere Hayes hatte es widerstrebt, für etwas als Held bezeichnet zu werden, was er nicht geleistet hat. Während der Schönling Gagnon in Rosenthals Bild (s)ein Ticket nach Hause sah und die Situation ausnutzen wollte, zerstörte das Photo sozusagen Hayes Leben. Bradley wird dabei als das Herz der Gruppe dargestellt, als Leim der alles zusammenhält. Während ihre Freunde und Kameraden in Japan starben und noch sterben, lassen sich die Drei breitschlagen durch das Photo Geld für den Krieg zu sammeln, damit dieser weitergehen kann und ihre Freunde nicht umsonst gestorben sind. Wirklich ändern tut sich jedoch nichts in dem Leben der drei, für Hayes und Gagnon soll es später sogar schlechter laufen, als sie es sich dachten, während insbesondere Hayes und Bradley immer wieder von Erinnerungen aus Iwo Jima heimgesucht werden, welche auch das Publikum zurück zu den wahren Ereignissen führen.

Hier liegt einer der Schwachpunkte des Filmes: die Rückblenden. Laut Haggis’ Aussage ließ sich das Buch nicht ohne sie und die daraus resultierende unlineare Struktur verfilmen, Eastwood setzt sie jedoch so ein, dass es mitunter störend wirkt. Dreißig Sekunden in Iwo Jima folgen zwei Minuten in den USA und daraufhin wieder eine Minute in Iwo Jima und dann wieder die USA. Hier wäre es besser gewesen, wenn er den Film in größeren, mindestens zehn Minuten langen Schritten erzählt hätte, da es durch seine kurzen Momente und das Kriegsgetümmel schwer fällt die verschiedenen Charaktere, vor allem Iggy und Franklin auseinander zu halten. Auch die finalen fünfzehn Minuten mit Ausblick auf den Lebensweg der Figuren sind schließlich zu langatmig geraten. Den Höhepunkt des Films markiert sicherlich die Szene um den Austausch der Flaggen, welcher von einer besonderen inneren Ruhe getragen zu werden scheint. Auch die Szenen um das Ableben von Mike Strank (Barry Pepper) oder Hank Hansen (Paul Walker) sind außerordentlich gut geraten, sodass sich sagen lässt, dass Flags of out Fathers dort am besten ist, wo die Handlung auf Iwo Jima spielt. Denn gerade von Pepper (der hier in seinem dritten Kriegsfilm spielt), Walker oder auch Robert Patrick hätte man generell noch gerne mehr gesehen.

Es dreht sich also alles um das Photo von Rosenthal, welches in der Heimat als Hoffnungsschimmer und Siegeszeichen wahrgenommen wird und für das stellvertretend mit Bradley, Hayes und Gagnon die einzigen drei Überlebenden zu Helden stilisiert werden. Als herauskommt, dass es gar nicht diese sechs waren, sondern andere fünf, welche für die Hissung verantwortlich sind, ist der Propagandazug bereits im Rollen. Kriege sind kostspielig und müssen unter allen Umständen gewonnen werden – zu diesem Zweck soll Rosenthals Photo dienen und selbst Präsident Truman erwartet von den drei Soldaten nichts anderes, als dass sie ihre Rollen spielen. Diese spielen zwar mit, damit das Leben ihrer gefallenen Kameraden nicht umsonst vergeudet wurde, übersehen aber dass eine Verlängerung des Krieges das Leben weiterer Kameraden kosten wird. Wie sehr ein einzelnes Photo den Verlauf eines Krieges beeinflussen kann ist dabei erstaunlich inszeniert und sicherlich eine Sichtung wert – den Status als Meisterwerk verdient sich Eastwoods Film dann aber nicht, auch wenn es einer der besseren Kriegsfilme ist.

7/10


Letters from Iwo Jima (2006)

See you on the other side.

Japanische Archäologen stoßen bei Ausgrabungen in Iwo Jima auf eine Tasche voller Briefe. Es handelt sich um Briefe der japanischen Soldaten, welche die Insel im Februar und März 1945 gegen die USA verteidigt haben. Einer dieser Soldaten ist der junge Bäcker Saigo (Kazunari Ninomiya), welcher lieber heute wie morgen den Amerikanern die Insel überlassen und zurück zu seiner schwangeren Frau kehren würde. Aber die Ankunft des neuen Generals Kuribayashi (Ken Watanabe) macht ihm wieder Hoffnung, da er sich als Freund und Vorbild seiner Soldaten erweist. Bei seinen Leutnants dagegen stößt er auf Widerspruch, da er den Strand nicht verteidigen und stattdessen die umliegenden Hügel mit Tunneln aushöhlen will. Als Kuribayashi die Nachricht erhält, dass weder die Luftwaffe noch die Marine die Verteidigung von Iwo Jima unterstützen werden, erkennt er, dass es sich um seine Suizidmission handelt und versucht dennoch die Verteidigung der Insel so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Als die Amerikaner schließlich eintreffen, spaltet sich Kuribayashis Truppe in zwei Lager, während die einen wie Leutnant Ito den ehrenvollen Tod suchen, bilden Kuribayashi und seine Anhänger um Saigo und Baron Nishi eine letzte Verteidigungsfront.

Wieso die Deutschen glaubten den Film synchronisieren zu müssen, bleibt wohl mal wieder im Unklaren, es ist jedoch selbstverständlich zu empfehlen Letters in der Originalsprache mit Untertiteln anzusehen. Wie bei allen asiatischen Filmen schon allein deswegen, weil die Sprache sehr viel wohlklingender und gewichtiger ist. Sehr schön in Szene gesetzt wird hierbei die Insel Iwo Jimo – auch wenn unklar bleibt, was alles wirklich Iwo Jima ist, und was nachgestellt – bedingt durch die wie bei Flags sehr ausgebleichten Bilder. Die erste Hälfte der Handlung, welcher der Vorbereitung auf die Invasion dient, ist dabei ausgesprochen ruhig geraten und dient der Charaktereinführung. Diese ist gegenüber Flags sehr viel besser und ausgearbeiteter, weshalb einem die Figuren recht schnell ans Herzen wachsen, insbesondere natürlich der schusselige Saigo, der in der Tat an der Front total fehl platziert zu sein scheint. Dass gerade Saigo ein fiktiver Charakter ist, macht das ganze dann auch sehr viel verständlicher. Überaschenderweise – auch wenn es einen rassistischen Unterton hat – fällt es einem bei Letters sehr viel leichter die Charaktere auseinander zu halten, als bei seinem amerikanischen Pendant, obschon Asiaten für das ungeschulte Auge alle „gleich“ auszusehen pflegen. Die Besetzung einer wichtigen Figur wie Saigo mit einem Popstar klappt hierbei vielleicht auch nur deswegen besser als in den USA z.B. mit Justin Timberlake, weil die Band Arishi in Europa (und Amerika) ziemlich unbekannt ist. Trotz allem macht Ninomiya seine Sache durchaus gut.

Kritisch beäugt wurde die Darstellung japanischer Kultur, welche sich in Letters natürlich vor allem durch den gewählten Freitod vieler Charaktere widerspiegelt. Wenn auch Klischee dürfte dies für den Zweiten Weltkrieg sicher noch der Fall gewesen sein, besonders dann, wenn der eigene Tod wie im Fall der Iwo Jima Soldaten mit großer Wahrscheinlichkeit sicher gewesen zu sein scheint und man den „ehrenvolleren“ Ausweg wählen wollte. Unmut zog auch die Gestapo-Darstellung der Kempeitai nach sich, deren Vertreter der Soldat Shimizu (Ryo Kase) darstellt. Dies mündet auch in den großen Kritikpunkt von Letters, der ähnlich wie in Flags zu Tage tritt: die Rückblenden. Diese sind in Letters absolut unnötig und bringen die Handlung in keinem Fall weiter, was ihre Einfügung ziemlich unverständlich macht. Die Kritik an den Kempeitai (Shimizu) oder der ehrenvolle Tod für Vaterland und Kaiser (Saigo), sowie die Tatsache, dass man auch manchmal gegen einen Freund kämpfen muss (Kuribayashi) führen nirgendwo hin und sind unerheblich. Gerade wenn man sie weggelassen hätte, wäre die Geschichte dadurch aufgewertet worden und hätte die aussichtlose Isolation der Männer auf Iwo Jima noch verstärkt.

Neben den Rückblenden bildet eine zweite Szene den großen Kritikpunkt und zwar die Darstellung der verschiedenen Militärkulturellen. Als der xenophile Baron Nishi einen verwundeten amerikanischen Soldaten pflegen lässt wird demgegenüber eine Szene gestellt, in der zwei japanische Kriegsgefangene von den Marines kaltblütig erschossen werden. Was das genau sollte fragt man sich umsonst, vor allem wenn man bedenkt, dass eine solche Handlung immer situations-, bzw. charaktergebunden ist. Denn Leutnant Ito hätte fraglos anders gehandelt, als es Nishi getan hat. Diese Szenen, sowie die Rückblenden und die unnötige Ein- und Ausleitung über die Archäologen sind also die Schwachpunkte des Filmes, der trotz allem ein kleines poetisches Meistwerk ist und es ohne Zweifel mehr verdient gehabt hätte der beste Film 2007 zu sein, als dieses billige amerikanische Remake eines anderen asiatischen Meisterwerks. Auch in dem Œuvre von Mr. Eastwood nimmt Letters eine vorrangige Stellung ein und gehört zu den Filmen, die man in diesem Jahr gesehen haben sollte, da der Film nicht nur für sich genommen bemerkenswert ist, sondern dies noch von der Tatsache verstärkt wird, dass es sich um einen Film mit amerikanischer Intention handelt.

8.5/10