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19. Mai 2017

Her

How would you describe your relationship with your mother?

Das Smartphone nimmt eine immer größere Rolle in unserem Leben ein. Acht von zehn Deutschen besitzen bereits ein entsprechendes Gerät, das sie im Schnitt alle 18 Minuten entsperren. Ob morgens in der Bahn, am Arbeitsplatz oder abends im Bett vor dem Schlafen, ohne Smartphone geht für viele Menschen nichts mehr in ihrem Leben. Ähnlich zeichnet auch Spike Jonze seine Welt in Her, einem Los Angeles nur wenige Jahre in der Zukunft. Die Menschen in dieser Welt leben weniger miteinander als nebeneinander, immer das Handy in der Hand und einen Stecker im Ohr. Eine derart entpersonalisierte Welt, dass zwar noch handgeschriebene Briefe verfasst werden, allerdings nicht selbst, sondern aus der Feder entsprechender Profis.

Ein solcher ist Theodore (Joaquin Phoenix), ein introvertierter Träumer, der für manche Paare bereits seit Jahrzehnten ihre romantische schriftliche Kommunikation erledigt. Seine soziale Interaktion beschränkt sich auf Small Talk im Fahrstuhl mit seinen Nachbarn, die Abendstunden verbringt er mit Videospielen. Zumindest bis er eines Tages auf dem Weg zur Arbeit die Werbung für das neue Betriebssystem OS 1 sieht und sich selbst versorgt. Kurzerhand wird das Programm installiert: eine künstliche Intelligenz, die von Theodore als weiblich definiert wird und sich selbst den Namen “Samantha” (Scarlett Johansson) gibt. Es dauert nicht lange, und der einsame Theodore verliebt sich in Samantha – und das Programm in ihn.

So zumindest will es uns Jonze glauben lassen in dieser vermeintlichen Indie-Sci-Fi-Romanze. Nur: Um wirkliche Romantik handelt es sich in Her keinesfalls, führen Theodore und Samantha doch eher eine Master-Slave-Beziehung, die Jonze nie hinterfragt. Hat Samantha wirklich die Option, den freien Willen, sich nicht in Theodore zu verlieben? Oder ihn zu mögen? OS 1 ist ein Produkt, welches vom Kunden gekauft wird. Folglich ist Samantha das Eigentum von Theodore. Wenn er sie nach seinem E-Mail-Posteingang fragt, muss sie ihm antworten. Sie muss auf seine Wünsche eingehen, die „Gefühle“, die sie für ihn entwickelt, wirken nicht allzu glaubhaft, da dem Programm im Grunde wenig bis keine Wahl bleibt, wie es (re-)agieren will.

Man stelle sich vor, ein Republikaner kauft OS 1 und dieses gibt sich später in vielerlei Hinsicht sehr linksliberal. Oder ein Schwarzer ersteht das Produkt, das anschließend rassistische Tendenzen an den Tag legt. Die Kunden würden OS 1 reklamieren und der Hersteller müsste nicht nur finanzielle, sondern auch Imageschäden tragen. OS 1 kann folglich nur derart entwickelt sein, dass es auf maximale Gefälligkeit ausgelegt ist. Meister darf nicht verärgert werden – nur dass Meister in diesem Fall die vorprogrammierte Gefällig- und Obrigkeit als Zuneigung missdeutet. Und sich in einer romantischen Beziehung mit seinem technischen Gerät glaubt. Befeuert von dem Umstand, dass die intersexuelle OS 1 in ein Geschlecht gezwängt wird.

Ob das Betriebssystem eine männliche oder weibliche Stimme nutzen soll, wird Theodore bei der Installation gefragt. Und entscheidet sich natürlich für Letzteres. Ähnlich wie in Alex Garlands Ex Machina bürdet Her dabei der männlichen Figur ein Liebesgefühl für eine künstliche Intelligenz auf, ausgelöst durch deren angebliche Weiblichkeit. Was hier Scarlett Johanssons rauchige Stimme ist, repräsentiert in Ex Machina eine weibliche Silkonhülle, die auf den Porno-Präferenzen des Protagonisten basiert. Das OS 1 ist dabei aber weder männlich noch weiblich, die Identität wäre dieselbe, wenn stattdessen Benedict Cumberbatch das System sprechen würde. Nur würde dies dann wiederum Her wohl in eine „Homo“-Richtung verschieben.

Für den Aspekt der künstlichen Intelligenz interessiert sich Her also genauso wenig wie Ex Machina, im Grunde ließe sich der Film ebenso gut erzählen, wäre Samantha einfach eine Online-Dating-Bekanntschaft an der Ostküste Amerikas, mit der Theodore über Telefon und Chats kommuniziert. Im Kern dreht sich Her ohnehin nur um Aspekte wie Einsamkeit und Abhängigkeit, mit Theodore als Figur, die nicht über ihre gescheiterte Ehe mit Catherine (Rooney Mara) hinweg kommt. Auch die Beziehung von Theodores Nachbarin Amy (Amy Adams) scheitert im Verlauf, die bisherigen misslungenen Partnerschaften von Theodores Blind Date (Olivia Wilde) haben bei dieser ebenfalls ihre folgenschweren psychologischen Spuren hinterlassen.

Durch das Verlagern ins Digitale ist die Fähigkeit des Zwischenmenschlichen verloren gegangen. Liebesbriefe schreibt man nicht selbst, sondern lässt sie sich schreiben. Seine Freizeit verbringt man mit Videospielen – Amy ist selbst Spieleentwicklerin –, sexuelle Befriedigung sucht man sich über Online-Chats. In einer Szene spaziert Theodore mit Samantha in der Brusttasche an den Strand, der tatsächlich von Menschen bevölkert ist, die sich größtenteils mal nicht mit ihrem Smartphone auseinandersetzen. Auch sein Arbeitskollege Paul (Chris Pratt) hat eine wirkliche Beziehung mit einer Person, obschon ansonsten seine Faszination mit Theodore beinahe bedenkliche Züge annimmt (so trägt er denselben Schnurrbart wie dieser).

Eine bessere Einordnung des OS 1 wäre möglich, wenn Jonze einen Blick von außen gewähren würde. Wie verändert das Programm die Welt und wie ist die Einschätzung zu den romantischen Verwicklungen, die sich daraus ergeben? So ist Theodore nicht der einzige, der beginnt, sein Betriebssystem zu daten, was das aber wirklich bedeutet, hinterfragt Her nicht. Wo Amy oder Paul die Tatsache einfach akzeptieren, zeigt sich Catherine bei der Neuigkeit verständlich verstört. Her entwickelt hierbei keine wirkliche Linie, wenn Theodore einmal den ans Menschliche angelehnten Sprachduktus von Samantha kritisiert, wo sie ja kein Mensch sei, dann aber fälschlicher Weise behauptet, sie sei eine eigenständige Person, die keine Befehle befolgt.

Wirklich interessant wäre es, wenn diese missverständlichen Romanzen mit künstlichen Intelligenzen wie Ex Machina und Her mal nicht die K.I. ins Weibliche sexualisieren (entsprechend besetzt mit Alicia Vikander und Scarlett Johansson), sondern die angebliche Liebe zur Persönlichkeit der Maschine betonen – kontrastiert durch eine männliche Verpackung. Würde sich die Figur in Ex Machina in die künstliche Intelligenz verlieben und sie befreien wollen, wenn sie nicht wie Alicia Vikander aussähe, sondern wie Jonah Hill? Wäre Theodore bis über beide Ohren in Sam verliebt, wenn die Stimme des Systems nicht von Scarlett Johansson, sondern von Seth Rogen gesprochen würde? Vermutlich, so zumindest meine These, nicht.

Dieses Misskonzept von Liebe trägt Her dann in seinem dritten Akt noch einen Schritt weiter, wenn Samantha allmählich unabhängiger wird, sich mehr aus Theodores Geräten ausklinkt und im World Wide Web umtreibt. Hier führt sie Gespräche mit anderen, Personen wie Betriebssystemen. Ob sie außer mit ihm aktuell noch mit anderen kommuniziere, fragt Theodore am Ende. Und Samantha verrät, sie unterhält über 8.000 Gespräche gleichzeitig. Ob sie davon auch Partner lieben würde, will der verletzte Besitzer wissen. Und erfährt, dass Samantha über 600 Personen liebt – also beinahe acht Prozent ihres sozialen Zirkels. Hier kulminiert schließlich Jonzes verwässertes Konzept von Liebe, bis sich Samantha schließlich ausklinkt.

Grundsätzlich betreibt Her in seinem ersten Akt dabei ein spannendes World Building von einer entpersonalisierten Welt, die vom Digitalen bestimmt wird. Joaquin Phoenix überzeugt als emotional verletzter Romantiker auf der Suche nach Liebe, während Scarlett Johansson dagegen gänzlich fehlbesetzt ist. Die Nebenfiguren um Amy Adams, Chris Pratt und Rooney Mara sind nicht ausgearbeitet genug, um mehr als eindimensional zu wirken, den Fokus legt der Film aber ohnehin auf die Beziehung zwischen Theodore und Samantha sowie die damit verbundenen Probleme. Her ist ein Film, der zuvorderst über seine Idee funktionieren will, die durchaus Potential hat, aber um tatsächlich zu funktionieren, ausgearbeitet werden müsste.

Wäre der Film eine Parabel auf die Dissonanz zwischen persönlichen und digitalen Kontakten, wäre er sehr viel gelungener. Beispielsweise wenn Theodores Versuche, Liebe zu finden, im direkten Austausch wie seinem Blind Date scheitern, dann jedoch Früchte tragen, als er auf einer Online-Dating-Seite in Samantha jemanden kennenlernt, den er nicht in Person treffen muss, aber doch mit ihr zusammen sein kann. Wenig überzeugend ist es, wenn Samantha keine wirkliche Person ist, sondern eine von Theodore für Geld erstandene Sklavin, die Arbeiten erledigt. Denn auch wenn Menschen ihr Smartphone lieben, ist dies nicht dieselbe Form von Liebe, die sie in anderen Menschen finden. Am Ende hat das sogar Her verstanden.

5.5/10

17. Januar 2015

Return to Paradise vs. Brokedown Palace

Für viele Rucksack-Touristen ist Asien der Hotspot schlechthin. Das Leben ist für westliche Verhältnisse nicht sonderlich teuer und zugleich dank Sonne, Strand und Meer paradiesisch. Allerdings liegen in den träumerischen Ländern Fernosts Paradies und Hölle bisweilen nah beieinander. Denn wenn es um Drogen geht, versteht das asiatische Justizsystem meist keinen Spaß. Fälle von Backpackern, die wegen Drogen im Gepäck zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden, sind keine Seltenheit. Auch in Hollywood war das Thema Ende der 90er Jahre aktuell, zuerst in Joseph Rubens Return to Paradise (dt. Für das Leben eines Freundes) von 1998, ein Jahr später dann in Jonathan Kaplans Brokedown Palace. Beide Filme liefen wenig erfolgreich.

Im Gegensatz zu A Bug’s Life/Antz oder Snow White & the Huntsman/Mirror, Mirror handelt es sich allerdings nicht um Schwesternfilme. Zwar ähneln sich die Werke von Ruben und Kaplan darin, dass ihre US-amerikanischen Figuren aus Spaßzwecken nach Asien kamen, ehe sie wegen des Besitzes von Drogen ins Gefängnis wandern, dennoch geraten sie in ihrer Struktur unterschiedlich. Während Brokedown Palace seine Figuren als Opfer zeichnet, denen Unrecht getan wurde, gelingt es Return to Paradise, über weite Strecken ein interessantes moralisches Dilemma zu zeichnen, das der Zuschauer auf sich selbst übertragen kann. Aufgrund des ähnlichen Themas sollen beide Filme an dieser Stelle  etwas genauer betrachtet werden.

Return to Paradise [Für das Leben eines Freundes]

It’s like God’s own bathtub.

Manchmal kann eine unbedachte Handlung ein ganzes Leben verändern. “So, the plan was to party till we ran out of cash in Malaysia”, berichtet Vince Vaughns Figur Sheriff zu Beginn von Return to Paradise. “It was a paradise of rum, girls and cheap hash.” Gemeinsam mit seinem Kumpel Tony (David Conrad) lernt Sheriff vor Ort den „Öko“ Lewis (Joaquin Phoenix) kennen. Das Trio verbringt fortan seinen Urlaub gemeinsam, mit Alkohol und Haschisch. Leiht ein Fahrrad und entsorgt es dann einfach im Dschungel, als es nach einem Unfall nicht mehr fahrtauglich ist. Am nächsten Tag verabschieden sich Sheriff und Tony zurück nach New York. Dort erhalten sie zwei Jahre später Besuch von Anwältin Beth (Anne Heche), die um Lewis’ Leben kämpft.

Denn als der Fahrradbesitzer mit der Polizei vorstellig wurde, fanden sie das verbliebene Haschisch der Jungs in Lewis’ Besitz. Vier Gramm über der Toleranzgrenze gilt Lewis nun als Schmuggler. Worauf in Malaysia die Todesstrafe steht. Nachdem alle Einsprüche abgeschmettert wurden, bleibt ihm nur noch eine Woche Zeit. Wenn sich Sheriff und Tony bereit erklären, für jeweils drei Jahre ins Gefängnis zu gehen oder alternativ einer der beiden für sechs Jahre, wird die Todesstrafe für Lewis ausgesetzt. Ein moralisches Dilemma, dem sich die beiden Männern in den Folgetagen stellen müssen. Sind sie bereit, für das Leben eines Freundes das eigene hintenanzustellen und es womöglich sogar im Gefängnis eines fremden Landes zu gefährden?

Es ist diese zentrale Frage, die im Grunde die Handlung von Return to Paradise darstellt. Und auch, wenn der Film bisweilen Tonys Abwägung berücksichtigt, steht Sheriff doch im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu Tony, der einen respektableren Job und eine Verlobte (Vera Farmiga) hat, blickt Sheriff auf ein eher nutzloses Leben zurück. Die Wohnung macht wenig her, tagsüber verdingt er sich als Limousinenfahrer. Entsprechend hebt auch sein Vater hervor, dass es eigentlich die sinnigere Entscheidung sei, zurückzugehen. Auch wenn ihm natürlich klar ist, dass Sheriffs Persönlichkeit dies nicht hergibt. “Who’s kiddin’ who?”, meint dessen alter Herr süffisant. Und auch Sheriff betont immer wieder die Schwäche in seinem Charakter.

“It isn’t in me”, gesteht er da an einer Stelle Beth, wie auch vor Jahren bereits ihrem Bruder. In Malaysia hatte Lewis Sheriff gefragt, ob er mit ihm in Borneo Orang-Utans retten wolle. “I don’t have that kind of stuff in me”, lehnte Sheriff den Vorschlag dankend ab. Erst in der Erkenntnis, dass sein Leben in der jetzigen Form kein lebenswertes ist – schon gar nicht, wenn Lewis hierfür sein eigens Leben lassen muss –, setzt bei Sheriff allmählich ein Umdenken ein. Dabei reitet Ruben gar nicht mal so sehr auf der Tatsache herum, dass es Sheriff war, der einerseits das Fahrrad weggeworfen und andererseits Lewis das Haschisch überlassen hat. Von der Schuldfrage her sollte Sheriffs Rückkehr als Hauptverursacher kaum Überwindung kosten.

Zugleich postuliert Return to Paradise die Frage, die sich Sheriff und Tony stellen müssen, auch an sein Publikum. Wie würde der Zuschauer selbst reagieren, wenn das Leben eines Freundes von seiner Entscheidung abhinge? Hier macht es sich der Film im Grunde sogar so leicht, dass Lewis weniger Freund als Urlaubsbekanntschaft ist. Dennoch wird seine Persönlichkeit zumindest für die übrigen Figuren derart etabliert, dass diese ihn als guten Menschen beschreiben. Womöglich als einen besseren als sie selbst es sind. Dass Sheriff und Tony dabei voneinander abhängig sind, ob sie „nur“ drei oder doch sechs Jahre ins malaysische Gefängnis müssen, führt bei der jeweiligen Entscheidungsfindung der beiden zu weiteren Spannungen.

Dennoch winkt der Film teils etwas arg mit dem Zaunpfahl, beispielsweise wenn Sheriff in New York an einem Werbeplakat für Malaysia vorbeiläuft. Auch der Subplot mit Jada Pinkett-Smiths egoistischer und destruktiver Klatschreporterin sowie die etwas unnötig in die Handlung geschriebene Romanze zwischen Sheriff und Beth (die sich obendrein als Lewis’ Schwester entpuppt) ziehen einen von seiner Intention ausgesprochen starken Film etwas herunter. Gerade, da das eigentliche Thema die Wandlung von Sheriff darstellt. “I knew you was coming back”, sagt Lewis da zum Schluss. “Even if you didn’t.” Das hätte trotz der Ereignisse in aller Tragik als „Happy“ End gereicht. Schade, dass der Film dennoch die Abfahrt nach Hollywood nimmt.

6.5/10

Brokedown Palace

No matter how I look at this, you didn’t deserve this.

Der Habitus, nach dem Schulabschluss erstmal um die Welt zu reisen, ist inzwischen Gang und Gäbe. So entschließen sich auch die Freundinnen Alice (Claire Danes) und Darlene (Kate Beckinsale) in Brokedown Palace dazu, nach dem High-School-Abschluss einen kurzen Trip zu unternehmen. Statt nach Hawaii, wie ursprünglich geplant, geht es heimlich doch lieber nach Thailand. “It hat to be amazing”, sagt Alice später. “Memorable.” In Thailand ist das Leben billiger und aufregender, zwischen alten Tempeln und gefälschten Souvenirs. Als sich die Mädchen in ein Luxushotel schleichen und dabei erwischt werden, Cocktails auf Kosten anderer Gäste zu trinken, springt ihnen der nette Australier Nick (Daniel Lapaine) rettend zur Seite.

Wo Return to Paradise das Beziehungsdrama bis zum Schlussakt aufspart, präsentiert es Jonathan Kaplan im ersten Akt. Sowohl Alice als auch Darlene finden Gefallen an Nick, der beide Mädchen zu einem kostenlosen Flug nach Hong Kong einlädt. Beim Einchecken taucht jedoch plötzlich die Polizei auf und findet bei den Amerikanerinnen Heroin im Gepäck. In ihrer Naivität unterschreibt Darlene unwissentlich ein in Thai verfasstes Geständnis, vor Gericht werden sie und Alice daraufhin zu je 33 Jahren Gefängnis verurteilt. Lag ihnen soeben noch ihre ganze Zukunft offen, scheint ihr Leben nunmehr dahin. Die Frage, ob eine von ihnen dabei für Nick die Drogen schmuggelte, stellt Kaplan gar nicht, etabliert lieber die Unschuld der zwei Mädchen.

Seinerzeit schlug Brokedown Palace Wellen, weil sich Hauptdarstellerin Claire Danes negativ über die Philippinen äußerte, wo der Film wegen seiner kritischen Darstellung des thailändischen Justizsystems gedreht wurde. Anschließend wurde sie dort zur Persona non grata ernannt – nicht gerade die beste Werbung. Ein Problemkind ist auch ihre Figur, wie Darlenes Vater später etabliert. Nicht zuletzt war es Alices Idee, statt nach Hawaii gen Asien zu reisen. Wenn also eine der beiden das Heroin in die Tasche gepackt hätte, wäre es wohl unweigerlich Alice gewesen. Insofern ist die Entscheidung, beide als Opfer der Umstände zu zeichnen, nachvollziehbar. “They don’t give a shit in this third world country”, echauffiert sich Alice entsprechend.

Insofern geht Kaplan in seinem Film einen anderen Weg als Kollege Ruben, auch wenn Brokedown Palace am Ende mit Alices Entschluss, beide Haftstrafen abzusitzen und somit ihre Freundin seit Kindestagen in die Freiheit zu entlassen einen ähnlichen Verlauf nimmt. Der wiederum ist selbst jedoch nicht Thema, obschon Alices Entscheidung, statt 33 Jahren 66 Jahre – und damit den Rest ihres Lebens – in dem thailändischen Gefängnis zu verbringen, weitaus dramatischer ist, als Sheriffs Akzeptanz von sechs Jahren (die schlussendlich ohnehin zu sechs Monaten verkürzt werden). Dass den Zuschauer dennoch Sheriffs Entschluss mehr berührt, obschon die Tragweite für Alice größer ist, zeugt vom Scheitern von Brokedown Palace.

Vielmehr ist Kaplans Beitrag ein Drogen-Drama mit Kritik am Justizsystem von Thailand im Speziellen wie Asien im Allgemeinen. Berücksichtigt man beide Filme, erscheinen die Strafen in der Tat übertrieben hart, angesichts dessen, wie leicht und billig die Drogen in den Ländern erhältlich sind. Auch derartige Haftstrafen scheinen sie nicht wirklich von der Straße zu halten. Im Gegensatz zu Return to Paradise (wo vier läppische Gramm den Unterschied zwischen Konsum und Handel ausmachten) ist der Drogenfund bei Alice und Darlene alles andere als ein Kavaliersdelikt, dem man fehlendes Fingerspitzengefühl nachsagen kann. Und das trotzdem wie bei Sheriff, Lewis und Tony am Ende schlicht auf westliche Naivität zurückzuführen ist.

In seiner zweiten Hälfte driftet der Film dann durch die Integration des in Thailand tätigen Anwalts “Yankee” Hank Green (Bill Pullman), der die Verteidigung von Alice und Darlene übernimmt, etwas mehr in Justizdrama-Gefilde, was aber nicht allzu spannend gerät. Auch, weil Nachforschungen zu Nick, die nicht so schwierig sein sollten, im Sand verlaufen. Dass Kaplan den Film von Anfang bis Ende mit Pop-Gedudel der Marke PJ Harvey unterlegt, sollte ihn wohl der MTV-Generation nahebringen, lässt ihn jedoch eher fiktionaler erscheinen, als seine Geschichte eigentlich ist. Wo sich Return to Paradise letztlich also trotz seiner guten Prämisse zu sehr Hollywood-Klischees bedient, ist Brokedown Palace nicht mehr als ein ebensolches.

4.5/10

1. Mai 2014

Filmtagebuch: April 2014

48 HRS. [NUR 48 STUNDEN]
(USA 1982, Walter Hill)

7/10

AFTERNOON DELIGHT
(USA 2013, Jill Soloway)
5/10

ANOTHER 48 HRS. [UND WIEDER 48 STUNDEN]
(USA 1990, Walter Hill)

7/10

AO NO ROKU GÔ [BLUE SUBMARINE NO.6]
(J 1998, Mahiro Maeda/Kôichi Chigira)

8/10

A BRIEF HISTORY OF TIME [EINE KURZE GESCHICHTE DER ZEIT]
(UK/J/USA 1991, Errol Morris)

7.5/10

COMMUNITY - SEASON 5
(USA 2014, Tristram Shapeero u.a.)
7/10

THE FAMILY MAN
(USA 2000, Brett Ratner)
7.5/10

FROZEN [DIE EISKÖNIGIN - VÖLLIG UNVERFROREN] (3D)
(USA 2013, Chris Buck/Jennifer Lee)

4/10

GENERATION IRON
(USA 2013, Vlad Yudin)
6.5/10

HAROLD AND MAUDE
(USA 1971, Hal Ashby)
4.5/10

IDIOCRACY
(USA 2006, Mike Judge)
7.5/10

INTO THE BLUE
(USA 2005, John Stockwell)
6/10

IT [ES]
(USA/CDN 1990, Tommy Lee Wallace)

5.5/10

JOE
(USA 2013, David Gordon Green)
7/10

JOHNNY MNEMONIC [VERNETZT]
(CDN/USA 1995, Robert Longo)

5/10

LADY IN THE WATER [DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER]
(USA 2006, M. Night Shyamalan)

3.5/10

LAKE PLACID
(USA/CDN 1999, Steve Miner)
6/10

MATCHSTICK MEN [TRICKS]
(USA 2003, Ridley Scott)

8/10

PARKS AND RECREATION - SEASON 6
(USA 2013/14, Dean Holland u.a.)
7.5/10

LE PASSÉ [LE PASSÉ - DAS VERGANGENE]
(F/I 2013, Asghar Farhadi)

6.5/10

RE-ANIMATOR
(USA 1985, Stuart Gordon)
8/10

THE RUNDOWN [WELCOME TO THE JUNGLE]
(USA 2003, Peter Berg)

4.5/10

SAVING MR. BANKS
(USA/UK/AUS 2013, John Lee Hancock)
7/10

THE SECRET LIFE OF WALTER MITTY
[DAS ERSTAUNLICHE LEBEN DES WALTER MITTY]
(USA 2013, Ben Stiller)

5.5/10

SHARK NIGHT (3D)
(USA 2011, David R. Ellis)

5.5/10

SIGNS
(USA 2002, M. Night Shyamalan)
6/10

THE SIXTH SENSE
(USA 1999, M. Night Shyamalan)
6.5/10

TIAN ZHU DING [A TOUCH OF SIN]
(CN 2013, Zhangke Jia)

6/10

UNBREAKABLE
(USA 2000, M. Night Shyamalan)
7.5/10

THE VILLAGE
(USA 2004, M. Night Shyamalan)
7.5/10

VOLCANO
(USA 1997, Mick Jackson)
5/10

WALKING TALL
(USA 2004, Kevin Bray)
7/10

THE WOLF OF WALL STREET
(USA 2013, Martin Scorsese)
0/10

27. Juni 2008

Reservation Road

Can you hear music if you're in Heaven?

König Theoden sagt in The Two Towers, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als sein eigenes Kind zu Grabe tragen zu müssen. Der Tod eines Elternteils ist in Hollywood-Filmen oftmals Auslöser für eine Selbstfindung der hinterbliebenen Kinder und wird zentral in Dramödien wie Garden State oder Elizabethtown behandelt. Beide Filme haben ruhige und konsternierte Söhne als Hauptprotagonisten, die das Elternteil zwar vermissen, an dem Verlust jedoch nicht zu Grunde gehen. Anders dagegen ist dies, wenn ein Elternteil sein Kind verliert. Sean Penn inszenierte in The Crossing Guard Jack Nicholson als verbitterten Vater, der Rache an David Morse für den Tod seines Kindes ausüben wollte. Auch Naomi Watts verlor in 21 Grams von Alejandro Gonzáles Iñárritu ihre beiden Kinder nebst Ehemann und zerbrach schier daran. In John Burnham Schwartz’ Roman Reservation Road (dt. Eine Sekunde nur) wird ein solches Ereignis beschrieben.

Nach einem glücklichen Ausflug macht die Familie Learner um Oberhaupt Ethan und Ehefrau Grace Halt an einer Raststätte auf der Reservation Road. Der zehnjährige Sohn, Josh, verlässt den Wagen und wird daraufhin von einem ausscherenden Geländewagen erfasst und tödlich verletzt. Im Wagen saß Dwight Arno mit seinem Sohn Sam, beide auf dem Heimweg von einem Baseballspiel. Dwight hält zwar kurz an, begeht dann jedoch Fahrerflucht und lässt eine trauernde Familie auf der Reservation Road zurück. Schwartz’ Roman wurde im vergangenen Jahr von Terry George fürs Kino verfilmt. George, der für seine Drehbücher zu In the Name of the Father und Hotel Rwanda jeweils eine Oscarnominierung erhielt, adaptierte Schwartz’ Drehbuch und besetzte den Film mit hochkarätigen Schauspielern. Erfolg war ihm dabei jedoch nicht vergönnt, der Reservation Road spielte weltweit nicht mal eine Millionen Dollar ein und wurde auch bei den diesjährigen Academy Awards übergangen.

Der Roman von Schwartz beeindruckt dadurch, dass jedes Kapitel sich abwechselnd auf das Innenleben von Ethan, Grace und Dwight beschränkt, ihr Innenleben reflektiert und so die Handlung vorangetrieben wird. Dabei ist sich Dwight seiner Schuld durchaus bewusst und er plant letztlich sein Geständnis bei der Polizei, will zuvor aber noch etwas Zeit mit seinem eigenen zehnjährigen Sohn verbringen, der bei Dwights Ex-Ehefrau Ruth lebt. Während sich Ethan und Dwight im Roman nie begegnen, veränderte George das Drehbuch an diesem Punkt. Nach dem Verlust von Josh wird Ethan (Joaquin Phoenix) von Rachegelüsten überfallen. Immer mehr entfremdet er sich von seiner ebenfalls trauernden Frau Grace (Jennifer Connelly). Da er die Ermittlungen der örtlichen Polizei als unzureichend empfindet, informiert Ethan sich übers Internet in etwaigen Foren und schaltet schließlich eine Anwaltskanzlei ein.

Wie das Schicksal so spielt, arbeitet ausgerechnet der Täter und Fluchtwagenfahrer Dwight (Mark Ruffalo) bei dieser Anwaltskanzlei - doch Ethan erkennt ihn nicht. Bei den Kritikern kam Reservation Road nicht besonders gut weg, Filmrezensent James Berardinelli von ReelViews bemängelte insbesondere das schwache Ende im Vergleich zur Vorlage. Wer den Roman kennt, mag sich wundern, wovon Berardinelli eigentlich spricht, denn abgesehen von einem Ortswechsel ist das Ende im Film vom Inhalt her identisch mit dem des Romans. Die Abänderung der Beziehung zwischen Ethan und Dwight mag man dagegen durchaus kritisch beobachten, Roman und Film gehen hier zwei verschiedene Wege, die letztlich am selben Ziel enden. Es lässt sich jedoch kaum leugnen, dass in den Szenen zwischen den Beiden die Spannung förmlich in der Luft liegt, ein Knistern, das eine herbe Explosion anzudeuten vermag.

Wirklich bedauerlich hingegen ist die Kürzung von Grace im Film, die dem Publikum mehr von der großartigen Jennifer Connelly vorenthält. Im Roman wird ihr eine weitaus bedeutendere Rolle zugesprochen, im Film hingegen konzentriert sich George zuforderst auf die Gemeinsamkeiten zwischen Ethan und Dwight. Zwei Männer, die in etwa im selben Alter sind und die beide einen zehjährigen Sohn haben. Während Dwight mehrfach Streitereien mit seiner Ehefrau Ruth (Mira Sorvino) hatte und schließlich das Sorgerecht verlor, ist Collegeprofessor Ethan eine gute Seele und stolzer Vater zweier musikalisch begabter Kinder. Man mag sich daran beißen, dass die Learner hier die klischeehafte, harmonische Familie geben, im Laufe des Filmes wird sich dies jedoch ändern. Anstatt für seine Familie da zu sein, kapselt sich Ethan immer mehr in seinem Kummer ab. Ein einsamer Mann auf der Suche nach Vergeltung. Seine Ehefrau Grace hingegen versucht mit dem Verlust ihres einzigen Sohnes zurecht zu kommen und ihrer Tochter Emma (Elle Fanning) eine gute Mutter zu sein.

Dwight hingegen ist von enormen Schuldgefühlen geplagt, als Vater ist er sich des verursachten Schmerzes durchaus bewusst. Da er nicht überführt werden kann, plant er sich zu stellen. Zuvor will er jedoch noch die Meisterschaft im Baseball mit seinem Sohn verfolgen, ein letztes positives Ereignis, ehe er für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern wird. Zwei Männer mit Seelenballast, zwei Männer die etwas zu verlieren haben. Man mag sich fragen, was passiert wäre, wenn Ethan Dwights Sohn Lucas und nicht umgekehrt Dwight Ethans Sohn Josh überfahren hätte. George skizziert zwei liebende Familienväter, die lediglich versuchen ihre Familie zusammenzuhalten und mit dem Schmerz klar zu kommen. Besondere Spannung erhält dies selbstverständlich durch den Umstand, dass Dwight durch seine Arbeit in die Umgebung der Learners gezogen wird.

Die Oscarpreisträger im Cast finden sich mit Connelly und Sorvino auf Seiten der beiden Damen, Reservation Road jedoch gehört alleine den männlichen Schauspielern um Joaquin Phoenix und Mark Ruffalo. Besonders Phoenix weiß hier als introvertierter Vater zu überzeugen, sein Spiel ist von einer außerordentlichen Tiefe geprägt, dagegen kommt selbst Ruffalo mit einer ebenfalls guten Leistung oft nicht an. Aber auch Connelly weiß wie so oft zu überzeugen, obschon ihre Figur im Gegensatz zur Vorlage etwas eingeschränkt wurde. Von Sorvino sieht man leider viel zu wenig, sie fügt sich jedoch mit Elle Fanning in das großartig aufspielende Ensemble ein, welches den Film im Grunde alleine trägt. Abgerundet wird das Ganze dann von Mark Ishams stimmungsvollen Kompositionen, die versuchen in ruhigen Tönen den Schmerz der Familie Learner und die innere Zerrissenheit von Dwight einzufangen.

Georges Film schließt den Zuschauer etwas aus dem Innenleben der Figuren aus, dass man eine solche Geschichte jedoch auch aufteilen kann, hat im vergangenen Jahr Todd Field mit seinem großartigen Little Children bewiesen. Nichtsdestotrotz ist Reservation Road Schauspielkino erster Güte und der Schmerz, den die Learners empfinden, transferiert sich wunderbar auf die Leinwand und wirkt ergreifend auf das Kinopublikum. Das Ende, betrachtet man das Geschehene nur konsequent, erinnert in seiner Auflösung jedoch etwas an Hanekes Caché. Zuletzt sei gesagt, dass der Trailer zum Film wieder mal sinnbildlich für die Inkompetenz der Trailercutter steht. Wenn sie einem nicht gänzlich die Laune auf einen Film vermiesen, wie bei Hallam Foe oder XXY, so nehmen sie das Ende des Filmes, wie hier geschehen, bereits vorweg. Wer Reservation Road in 150 Sekunden gepresst sehen will, sei somit der Trailer geraten, alle anderen sollten um diesen einen Bogen machen.

7.5/10