2. März 2012

John Carter

„Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde.“
(Friedrich Schiller – Wallensteins Tod, I, 1)

Die technische Revolution des Kinos im vergangenen Jahrzehnt wirkte Wunder für das Genre des Fantasy-Films. Peter Jacksons Lord of the Rings-Verfilmungen generierten ein Einspiel in Milliardenhöhe, James Cameron zog mit Avatar vor ein paar Jahren nach. Eine ganze phantastische Welt, gerendert aus Rechnern, bestehend aus Bits und Bytes. Wenn nicht jetzt, wann dann sollte also das Projekt A Princess of Mars aus seiner fast 80 Jahre währenden development hell auferstehen? Denn der Fantasy-Roman von Tarzan-Schöpfer Edgar Rice Burroughs, zuerst 1912 als Under the Moons of Mars publiziert, sollte bereits in den 1930er Jahren als erster Animationsfilm der Geschichte umgesetzt werden.

Stattdessen lag das Projekt Jahrzehnte lang auf Eis, während unter anderem Filme wie Star Wars und ebenjener Avatar von Burroughs’ sogenannten Barsoom-Romanen, die A Princess of Mars einläutete, inspiriert wurden. Wie passend, dass Disney nun zum 100-jährigen Jubiläum von Burroughs’ erstem literarischen Erzeugnis mit John Carter, dem Spielfilmdebüt des Pixar-Regisseurs Andrew Stanton, aufwartet. Mit einem Budget von 250 Millionen Dollar und gefühlt ebenso vielen digitalen Effekten könnte John Carter nach The Hobbit: An Unexpected Journey das Fantasy-Highlight des Kinojahres 2012 werden. Und eines dürfte sicher sein: Edgar Rice Burroughs wäre mit dem Film wohl mehr als zufrieden.

Vordergründig geht es in John Carter um Existenzpolitik auf dem Mars, von Burroughs Barsoom genannt. Die übernatürliche Rasse der Therns rund um Matai Shang (Mark Strong) stattet Sab Than (Dominic West), Anführer der Stadt Zodanga, mit einer gewaltigen Waffe aus. Den Untergang seiner Stadt Helium vermag deren Anführer Tardos Mors (Ciarán Hinds) nur zu verhindern, indem er seine Tochter Dejah Thoris (Lynn Collins) mit Than vermählt. Auf ihrer darauf folgenden Flucht wird sie von John Carter (Taylor Kitsch) gerettet, einem Erdenmenschen und Veteran des US-Bürgerkriegs aus Virginia, der nach dem Verlust seiner Familie dem Krieg abgeschworen hat und zufällig nach Barsoom transportiert wurde.

Mars ist in der römischen Mythologie der Gott des Krieges und seinem Namensgeber wird Barsoom im Folgenden auch gerecht. Denn von einem Bürgerkrieg scheint Carter direkt zum nächsten zu gelangen. Bemerkenswert gerät hierbei die Darstellung des Helden. Aufgrund der geringeren Schwerkraft des Mars verfügt Carter über eine gesteigerte (Sprung-)Kraft. Was ihn in gewisser Weise zu einer Art Proto-Superman macht: Ein Fremdling von einem anderen Planeten, der in seiner neuen Umgebung gegenüber deren Einwohnern über enorme Kräfte verfügt. Diese erregen die Aufmerksamkeit des grünen Marsianers und Anführers der Tharks, Tars Tarkas (Willem Dafoe), der Carter gefangen nimmt.

Es sind nun seine übernatürlichen Kräfte, die den Erdenmenschen sowohl für Tars Tarkas als auch für Dejah Thoris so interessant machen. Denn als er die Prinzessin während einer Luftschlacht mit Sab Than rettet und sein Kraftpotential zur Schau stellt, ernennt ihn Tarkas zum Thark ehrenhalber. Nur will der als kriegsmüde eingeführte Carter weder für die Tharks noch für Helium kämpfen – trotz des Bittens und Drängens von Thoris. Diese soll ihn stattdessen zu einer heiligen Stätte der Therns führen, wo sich Carter Anleitungen für seine Heimkehr erhofft. Dabei dürfte es wenig überraschen, dass sich der Kriegsveteran nach einer Katharsis letztlich doch noch auf die Seite der gefährdeten Marsianer schlagen wird.

Unweigerlich fallen in John Carter also der Aspekt des Fremden in einer fremden Welt und die Ähnlichkeit zu Camerons Avatar auf. In beiden Fällen hilft ein US-Kriegsveteran einer außerirdischen Rasse bei ihrem Kampf gegen einen übermächtig erscheinenden tyrannischen Gegner – und verliebt sich in die Prinzessin ebenjener Rasse. Ist John Carter folglich nur der Avatar von 2012? Nicht wirklich. Dafür ist Stantons Film zu sehr im Fantasy-Genre verhaftet, trotz seiner vorhandenen SF-Elemente wie der wandernden Stadt Zodanga und den Fluggeräten der roten Marsianer. Vielmehr erinnert die Geschichte auch aufgrund ihres Wüstensettings an He-Man oder eine jugendgerechte Version von Conan der Barbar.

Dabei gelang Burroughs eine interessante Verschmelzung von futuristischen und antiken Vorstellungen. Leicht bekleidete Marsianer kämpfen mit Schwertern auf fliegenden Luftschiffen, Dejah Thoris ist einerseits ganz klassische Prinzessin, andererseits kundig in den Wissenschaften, insbesondere der Astronomie. Wie das alles genau funktioniert, versucht John Carter erst gar nicht zu beantworten. Und das kann er vermutlich auch gar nicht, erscheint Burroughs hier erschaffene Welt zu groß und komplex für einen zweistündigen Film. Etwas unter geht da zum Beispiel die Bedeutung, dass Tars Tarkas in Sola (Samantha Morton) eine Tochter hat, obschon Tharks keine Elternschaft billigen.

Ähnlich verhält es sich mit der Mitteilung zu Beginn, dass Barsoom im Sterben liegt. Dies ist weniger für die folgende Handlung von imminenter Bedeutung, sondern eher ein roter Faden für eine sicherlich intendierte Fortsetzung, sollte der erste Film von Erfolg gekrönt sein. Zwar gibt sich John Carter reichlich Mühe, offene Fragen ausreichend – sowohl was die Inanspruchnahme der Laufzeit als auch den Erklärungsbedarf angeht – zu beantworten, völlig zufriedenstellend gerät das allerdings nicht immer. Weniger mit einem „aha!“ als mit einem „okay...“ bedenkt man als Zuschauer daher dann, wenn Matai Shang gegenüber Carter später die Intentionen und Aktivitäten der Therns auf Barsoom erkärt.

Allzu störend gerät dies jedoch nicht, da Stanton gekonnt die Welt von Burroughs auf die Leinwand transferiert. Nicht zuletzt verdankt sich dies der überzeugenden Digitaleffekte, die für die glaubwürdige Kreation der Tharks zuständig sind. Aber auch sonst wirkt die Welt von John Carter lebendig, obschon stets zu erkennen ist, was aus dem Rechner stammt und was sich tatsächlich im Studio vor dem green screen befunden hat. Möglich macht dies auch die Tatsache, dass die Tharks abgesehen vom ersten Akt und Solas späterer Involvierung weitaus weniger präsent sind als man vermuten würde, und der Film speziell in seinem Mittelteil eher den Genres des Road Movie und Abenteuerfilm zuzurechnen ist.

Wer sich also auf den Fantasy-Aspekt der Geschichte einlässt, dürfte kaum enttäuscht werden. Ähnlich wie im Dezember sein Pixar-Kollege Brad Bird mit Mission: Impossible - Ghost Protocol reüssiert auch Andrew Stanton mit seinem ersten Ausflug in die Gefilde des Live-Action-Films. Hierbei beschränkt er sich auf die Erzählung der inzwischen 100 Jahre alten Geschichte, ohne sich allzu sehr in einem politischen Subtext zu verlieren wie beispielsweise Avatar. John Carter hat keine direkte Moral, auch wenn sich Parallelen zur Zeitgeschichte finden lassen würden. So lernt Carter, dass es durchaus wert sein kann Kriege zu führen, solange es etwas gibt, das es zu bewahren gilt. Selbst wenn dies nur ein love interest ist.

Erwähnenswert ist dabei die Rolle von Lynn Collins’ Mars-Prinzessin, die zwar auch love interest ist, zusätzlich jedoch nicht nur über reichlich wissenschaftliche Kenntnisse verfügt, sondern auch über ansprechende Schwertkünste. Genauso sind die übrigen zentralen Figuren des Films mehr als nur Abziehbilder aus dem Blockbuster-Panini-Heft. Tars Tarkas darf sich ebenso wie Sola von ihrem Volk durch empathische Züge abgrenzen, James Purefoys merklich unterforderter Kantos Kan hinterlässt einen charmanten Eindruck als loyaler Captain von Helium und selbst Bryan Cranstons lediglich zu Beginn auftauchender Konföderierten-Colonel erlebt in seinen wenigen Minuten eine sympathische Wandlung.

Somit ist Disneys John Carter in seiner Summe ein imposantes und vergnügliches Fantasy-Epos, dem man allenfalls vorwerfen kann, mehr in seinen zwei Stunden erzählen zu wollen, als ihm vielleicht gut tut. Womöglich wäre es einfacher gewesen, die Handlung von A Princess of Mars nicht noch durch den komplexen Subplot mit Matai Shang und den Therns zu erweitern. An der gelungenen Adaption von Andrew Stanton ändert dies allerdings wenig, die neben einer spannenden neuen Welt mit sympathischen Figuren und überzeugenden Digitaleffekten (sowie einer zwar überflüssigen, aber nicht störenden 3D-Konvertierung) aufwartet. Die fast 80 Jahre andauernde development hell hat sich folglich gelohnt.

8/10

9. Februar 2012

Die Unsichtbare

Ich esse und esse und kann nicht genug davon bekommen.

Eine unscheinbare, schüchterne junge Frau wird wider Erwarten mit einer Bühnen-Hauptrolle gesegnet und beginnt sich daraufhin, angefeuert von ihrem dominanten Regisseur, mehr und mehr in ihrer vorgesehenen Figur zu verlieren. Was bei Natalie Portman im Frühjahr für ihre Leistung in Darren Aronofskys Black Swan zu einem Oscar als Beste Hauptdarstellerin gereicht hat, gerät auch bei Stine Fischer Christensen nicht minder eindrucksvoll. Mutet Christian Schwochows Die Unsichtbare zwar zu Beginn wie die deutsche Antwort auf Aronofskys Ballett-Thriller an, so zeigt sich jedoch bald, dass sein Film ein weitaus besseres Gespür für seine Hauptfigur besitzt.

Gab Portman eine Ballerina, die unter der Erwartungshaltung und dem Erbe ihrer Mutter zu zerbrechen drohte, wird die emotionale Basis von Stine Fischer Christensens Rolle weitaus realistischer ausgearbeitet. Ihre Fine ist von Haus aus die Unsichtbare, fokussierte sich die Aufmerksamkeit ihrer Mutter (Dagmar Menzel) doch stets auf Fines jüngere und geistig behinderte Schwester Jule. Von fehlender Wertschätzung und daraus resultierender Unsicherheit gebeutelt, wird Finde zwar in einem Schauspielstudiengang aufgenommen, aber dort nicht wirklich gefördert. Umso überraschender erhält sie dann von einem renommierten Theaterregisseur den Zuschlag.

Es ist jene ungewohnte Aufmerksamkeit, die Fine dazu führt, sich mehr und mehr auf die Wünsche und Vorschläge des Regisseurs Friedmann (Ulrich Noethen) einzulassen. Um diesen nicht zu enttäuschen, beginnt die jungfräuliche Fine ihre Rolle auch im Privatleben zu spielen und ein extrovertierteres Verhalten an ihrem Nachbarn, dem Tunnelbauer Joachim, auszuprobieren. Bemerkenswert ist, dass Fine durch ihre Hauptrolle nicht sichtbarer wird, da sie sich selbst weiterhin hinter ihrer Rolle versteckt. Zwar kehrt Friedmann in psychologischen Gesprächen Momente der wahren Fine an die Oberfläche heraus, missbraucht diese jedoch nur für sein Stück.

Der größte qualitative Unterschied zwischen Die Unsichtbare und Black Swan lässt sich in der Tochter-Mutter-Beziehung ausmachen. Spielten bei Aronofsky Natalie Portman und Barbara Hershey beide eher nebeneinander, so agieren Stine Fischer Christensen und Dagmar Manzel bei Schwochow vielmehr miteinander. Beide fühlen sich an wie Mutter und Tochter, man spürt die Frustration von Fine und die Beanspruchung sowie den Stress von ihrer Mutter ob Stress in der Arbeit und die Erziehung der Jüngsten. Dass auch diese insgeheim eine Unsichtbare zu sein scheint, zeigt sich zu Beginn, als die Politesse von einem falsch parkenden Porschefahrer verprügelt wird.

Blieb Hershey ebenso unnahbar wie über weite Strecken auch die sich manisch verlierende Portman, konfrontiert Schwochow das Publikum mit atmenden, realen Figuren. Als Fine beginnt, sich mehr und mehr auf Joachim (Ronald Zehrfeld) einzulassen, merkt man ihr die Unsicherheit an, wie viel von ihrem Tun nun ihre Rolle war und inwieweit Joachim sich für sie interessiert oder nur für die Charakterzüge ihrer Figur. Sehr gefällig und auch authentisch spielt die gebürtige Dänin Christensen den Part der Deutsch-Dänin Fine und ist dabei Vorreiterin eines durchweg überzeugenden Ensembles, mit Gastauftritten von Gudrun Landgrebe und Corinna Harfouch.

In diesem finden sich auch Anna Maria Mühe und Ulrich Matthes wieder, die vor drei Jahren bereits in Christian Schwochows Debüt- und Abschlussfilm Novemberkind mitspielten. Auch in diesem suchte eine junge Frau nach ihrer Identität und einem Platz in ihrer Umgebung. Mit Die Unsichtbare vermag Schwochow – der erneut mit Mutter Heide das Drehbuch schrieb – zu untermauern, dass sein starkes Debüt keineswegs eine Eintagsfliege war. Denn mit einem Gespür für seine Figur(en) legt er eindrucksvoll mit seinem zweiten Werk nach. Damit gilt der in Bergen auf Rügen geborene Regisseur spätestens jetzt als einer der vielversprechendsten Deutschen seiner Zunft.

8/10

1. Februar 2012

Filmtagebuch: Januar 2012

DARK CITY [DIRECTOR’S CUT]
(USA/AUS 1998, Alex Proyas)
6.5/10

DRAG ME TO HELL
(USA 2009, Sam Raimi)
4.5/10

ENRON: THE SMARTEST GUYS IN THE ROOM
(USA 2005, Alex Gibney)
7/10

ER - SEASON 3
(USA 1996, Christopher Chulack u.a.)
8/10

ER - SEASON 4
(USA 1997, Christopher Chulack u.a.)
7.5/10

ER - SEASON 5
(USA 1998, Christopher Chulack u.a.)
7.5/10

ER - SEASON 6
(USA 1999, Jonathan Kaplan u.a.)
7.5/10

ER - SEASON 7
(USA 2000, Jonathan Kaplan u.a.)
8/10

ER - SEASON 8
(USA 2001, Jonathan Kaplan u.a.)
7.5/10

THE EVIL DEAD
(USA 1981, Sam Raimi)
6.5/10

GOOD NIGHT, AND GOOD LUCK
(USA/F/UK/J 2005, George Clooney)
7/10

HELLRAISER
(UK 1987, Clive Barker)
6/10

HODEJEGERNE [HEADHUNTERS]
(N/D 2011, Morten Tyldum)
7/10

LORD OF WAR
(USA/F/D 2005, Andrew Niccol)
7.5/10

MIDNIGHT COWBOY
(USA 1969, John Schlesinger)
8/10

ONE DAY IN SEPTEMBER
(UK/CH/D 1999, Kevin Macdonald)
7.5/10

PEEPING TOM
(UK 1960, Michael Powell)
8/10

SHAME
(UK 2011, Steve McQueen)
7.5/10

STARSHIP TROOPERS
(USA 1997, Paul Verhoeven)
8/10

STROMBERG - 5. STAFFEL
(D 2011, Arne Feldhusen)
5.5/10

DIE SUMME MEINER EINZELNEN TEILE
(D 2011, Hans Weingartner)
5/10

SYRIANA
(USA 2005, Stephen Gaghan)
8/10

TAKE SHELTER
(USA 2011, Jeff Nichols)
8/10

THE THIRD MAN
(UK 1949, Carol Reed)
5.5/10

TSOTSI
(ZA/UK 2005, Gavin Hood)
6.5/10

UNITED 93
(USA/F/UK 2006, Paul Greengrass)
5.5/10

THE WEATHER MAN
(USA/D 2005, Gore Verbinski)
8/10

22. Januar 2012

The Descendants

Paradise can go fuck itself.

Es ist mir bis heute unerklärlich, wie ein Mann, der so exquisite Drehbücher zu Election und Sideways – Letzteres sogar Oscarprämiert – geschrieben hat, zugleich für die grausigen Jurassic Park III und I Now Pronounce You Chuck and Larry verantwortlich sein kann. Zwar soll das Skript von Alexander Payne und Jim Taylor nur noch wenig mit dem fertigen Sandler-Film zu tun gehabt haben (“They Sandlerised it“, verriet Payne im Januar dem britischen The Telegraph), dennoch ragen jene Einträge in seiner Filmografie wie Fälle von betrunkenem Fahren aus einer sonst tadellosen Akte heraus. Zurück in die Spur fand der Regisseur nun mit The Descendants, einem der Favoriten des diesjährigen Oscarrennens.

Darin muss der hawaiianische Anwalt Matt King (George Clooney) entscheiden, ob ein alter Familienbesitz veräußert wird. Die Verwandten, allesamt Nachkommen einer einheimischen Prinzessin, drängen zum Verkauf, den die Ureinwohner kritisch beäugen. Währendessen liegt Matts Frau nach einem Bootunfall auch noch in einem Koma, aus dem sie nicht mehr erwachen wird. Und als wäre das noch nicht genug, gesteht ihm seine älteste Tochter Alexandra (Shailene Woodley), dass ihre Mutter eine Affäre mit einem Immobilienmakler hatte. Mit seinen Töchtern Scottie (Amara Miller) und Alexandra sowie deren Freund Sid (Nick Krause) im Gepäck macht sich Matt auf, seinen Nebenbuhler zu konfrontieren.

Wie in Paynes letzten Filmen (Sideways, About Schmidt, Election) dreht sich in The Descendants alles um das turbulente Leben eines überforderten Mannes. In diesem Fall ist es Matt King, der scheinbar für seinen Beruf gelebt hat und darüber seine Familie vernachlässigte. Mit der Aussicht, nun alleinerziehender Vater zu sein, hadert er ebenso, wie mit der Entscheidung, an wen er das seit jeher im Familienbesitz befindliche Stück Land verkaufen soll. Oder ob er überhaupt verkaufen soll. Entsprechend dem Filmtitel spielt Matts Nachkommenschaft die zentrale Rolle. Sowohl die, aus der er stammt, als auch die, für die er verantwortlich ist. Im Kern ist The Descendants somit ein Film über die Bedeutung der Familie.

Wenn Matt mit seinen Töchtern auf einen Road beziehungsweise Island Trip geht, bildet die Konfrontation mit Brian Speer (Matthew Lillard), dem Liebhaber seiner Frau, nur die Prämisse für eine individuelle und familiäre Selbstfindung. Für Matt gilt es, seine Rolle als Vater und Familienoberhaupt anzunehmen, insbesondere für Alexandra wiederum, ihren Frieden mit ihrer Mutter zu machen. Was Payne dem Publikum zu Beginn als (typisch) dysfunktionale Familie präsentiert (Alexandra wurde nach einem Streit mit der Mutter in ein Internat platziert, Scottie betreibt Mobbing an Klassenkameraden), entwickelt sich dann allerdings reichlich hastig und dabei erstaunlich problemlos zu einer harmonischen (Familien-)Einheit.

Mit Beginn des zweiten Akts sind die Konflikte dann vergessen. Die als Problemkind eingeführte Alexandra übernimmt wie selbstverständlich die weibliche Rolle an der Seite ihres Vaters, während Scottie fortan nur noch eine untergeordnete Funktion erfüllt. Dass Payne so bereitwillig das Dramatisierungspotential dieser zuvor zerrütteten Familie ausspart, ist jedoch etwas bedauerlich. Zu geschmeidig entwickelt sich der Plot, in dem Sid den Part des Surfer Dude übernimmt, der mit seinem Sprachduktus und Gehabe für den comic relief der Tragikomödie zuständig ist. Irrelevant erscheinen die vorherigen Differenzen zwischen Vater und Töchtern, sowie zwischen Matt und seinem vergrämten Schwiegervater (Robert Forster).

Bisweilen erinnern die Kings in ihrer harmonischen Wiedervereinigung an andere dysfunktionale Filmfamilien wie die Hoovers aus Little Miss Sunshine. Auftretende Probleme werden nach einmaliger Ansprache vergessen und der Selbstlösung überlassen. Die Suche und Konfrontation mit dem vermeintlichen Familienzerstörer Lillard avanciert so zur kingschen Gruppendynamik, die nicht nur den baldigen Tod der gänzlich von der Handlung losgelösten Mutter überschattet, sondern auch generell die Differenzen der Figuren mit sich und ihrer Umwelt. Derart simpel und profan löst Payne sein eingeführtes Drama, dass man als Zuschauer weniger emotional in den Film investiert, als ihn distanziert beobachtet.

Gelungen fallen die schauspielerischen Leistungen aus. Insbesondere die Jungdarstellerinnen Woodley und Miller überzeugen, genauso wie die – allerdings auch nur bedingt geforderte – Nebendarstellerriege um Forster, Lillard, Judy Greer und Beau Bridges. Geschultert wird der Film von einem weithin im Feuilleton gelobten Clooney, der hier durchaus überzeugend gegen das “Yes I Can“-Profil seiner übrigen Filmografie anspielt und als so geforderter wie überforderter Vater authentisch-sympathisch reüssiert. Subtil in den Vordergrund „spielen“ sich zudem die Inseln Hawaiis, die selten in Hollywood (man denke an Forgetting Sarah Marshall) prominenter zum Einsatz kamen und hier mit ihrer natürlichen Schönheit auftrumpfen.

Zwar ist Payne kein Film mit sonderlich viel Tiefgang gelungen, der damit weit entfernt von seinen kommentierenden Frühwerken ist, und auch mit seinen analytischen Vorgängern vermag The Descendants nicht wirklich mitzuhalten. Dafür ist Paynes Jüngster zu vorhersehbar und macht sich seine Sache zu leicht. Grundsolide und weitestgehend überzeugend gerät der Oscarfavorit dann doch, was sich neben Hawaii als Schauplatz (inklusive einheimischer Musik als auditive Ergänzung) dem durchweg gefälligen Ensemble verdankt. An seine starken Vorgänger kann Payne folglich nicht anknüpfen, aber zumindest ist The Descendants alles andere als ein Film, dessen Platz in seiner Filmografie sich nicht erklären lässt.

7/10

11. Januar 2012

Drive

Be a human being, and a real hero.
(“A Real Hero”, College feat. Electric Youth)


Trailer und Titel eines Films können irreführend sein und müssen nicht immer wiedergeben, was zu erwarten ist. So ist Roman Polanskis The Pianist kein Musikfilm über einen Klavierspieler, sondern eine Überlebensgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Und Nicolas Winding Refns jüngster Film heißt zwar Drive, aber deswegen spielt sich die Handlung nicht ständig im Auto ab. Dennoch ist das Fahren ein zentraler Punkt in der Adaption des Romans von James Sallis. Schließlich geht es für den namenlosen Helden (Ryan Gosling) darum, ständig in Bewegung zu bleiben. Fährt er am Tag für Filme die Stuntwagen, verdingt er sich nachts für ein Fünf-Minuten-Fenster als Fluchtwagenfahrer.

Wer nun Auto-Szenen à la The Fast & the Furious erhofft, ist fehl am Platz. Goslings “Driver” geht kalkuliert vor, hört den Polizeifunk ab und nützt neben seiner PS-Stärke auch die Lichtverhältnisse aus. Dass dies nicht weniger Spannung verspricht, wird eindrucksvoll zu Beginn unter Beweis gestellt. Zugleich wird etabliert, dass Driver im Wechsel von Bewegung und Halt lebt. So auch als er in ein neues Gebäude zieht und dort in Irene (Carey Mulligan) eine hübsche Nachbarin kennenlernt. Deren Mann (Oscar Isaac) ist zur Zeit im Gefängnis, weshalb Driver ihr und ihrem Sohn Benicio aushilft . Jäh unterbrochen wird die Romanze, als Irenes Mann Bewährung erhält.

Unterdessen lässt sich der Werkstattbesitzer Shannon (Bryan Cranston), bei dem Driver tagsüber angestellt ist, auf ein Geschäft mit den Gangstern Bernie (Albert Brooks) und Nino (Ron Perlman) ein. Gut 300.000 Dollar investieren sie in ein Stockcar, welches Driver mit seinem Talent bei Rennen steuern und den Beteiligten Millionen so bescheren soll. Als Irenes Mann jedoch alte Rechnungen zu begleichen hat, die ihr Leben und das von Benicio bedrohen, hilft Goslings Protagonist aus Zuneigung zu den beiden mit seinem Können aus. Nichtsahnend, dass seine beiden Welten anschließend mit weitreichenden Konsequenzen miteinander zu verschmelzen beginnen.

Wie die meisten namenlosen Helden einer Geschichte ist auch Driver ein Einzelgänger – und wie meist einer, der plötzlich seine eigenen Interessen hintanstellt. Während ihn zu Shannon ein väterliches Verhältnis verbindet, scheinen ihm Irene und Benicio das Leben zu bieten, das er immer wollte, aber nie leben konnte. Mit stillen Blicken zelebriert Refn die Romanze der beiden jungen Leute, von denen Irenes Motivation sicherlich stärker hervorsticht als die von Driver. Dieser baut eine Beziehung zu Benicio auf und wirkt in seiner ruhigen Art als merklicher Gegenpol zu ihrem Mann, den das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kennengelernt hat.

Auch hier spielen sich viele Szenen der Annährung in der unmittelbaren Nähe eines Autos oder aber beim Fahren ab. Es ist Irenes kaputter Wagen, der sie erstmals zusammenbringt, und es sind die Fahrten in Drivers Wagen, die sowohl sein Leben als auch das von Irenes Familie verändern werden. Im Vordergrund stehen jedoch die Charaktere, die sich in einer gemächlich entwickelnden Handlung nicht so sehr einander annähern als aneinander gewöhnen. Weshalb die Szenen zwischen Gosling und Mulligan mehr von warmen Blicken denn flirtenden Dialogen bestimmt sind. Das strapaziert zwar die Nerven des Publikums, allerdings auf durchaus positive Art.

Den Wechsel zwischen ruhigem, fast schon unterkühltem Drama und überfallartiger Action beherrscht Refn in Drive nämlich perfekt. Repräsentativ steht eine Aufzugszene, die mit einem romantischen, in Slow-Motion gedrehten Kuss beginnt und dann in eine Gewaltexplosion mündet. Dieses Wechselspiel zwischen Ruhe und Sturm ist charakteristisch für den Film. Besonders effektiv sind die Action-Szenen, da sie kurz und heftig geraten und meist so schnell vorbei sind, wie sie begonnen haben. Merklich kommt hier der Independent-Charakter von Drive zum Ausdruck, der ursprünglich als Action-Blockbuster von Neil Marshall mit Hugh Jackman gedacht war.

Die eruptionsartige Action trägt ihren Teil zur intensiven Spannung bei, nicht minder jedoch die von Refn ruhig erzählte Charakterentwicklung. Hinzu kommt dann das charmante 80er-Flair, das nicht nur durch die pinken Credits (die Schriftart mutet wie ein Crossover aus Risky Business und Cocktail an) und die generelle Atmosphäre zum Tragen kommt, sondern auch durch die Musik. Fast durchweg Elektropop-lastig präsentiert sich der Soundtrack von Cliff Martinez, kongenial ergänzt durch Stücke wie “Nightcall” von Kavinsky & Lovefoxx oder “A Real Hero” von College (feat. Electric Youth), der treffliche Lyrics bezüglich Goslings Figur in sich trägt.

Kritikpunkte bietet Drive nur in seinen teils arg naiv angelegten Figuren, was sich möglicherweise dadurch entschuldigt, dass Refn den Film als Märchen interpretiert. Dennoch wirkt insbesonders Irene extrem passiv, während Gosling einmal antizipierend, dann wieder überrascht (re-)agiert. Ähnliches ließe sich auch über Figuren wie Nino und Shannon sagen. Nichtsdestotrotz ist Refn ein ganz großer Wurf und einer der Filme des Jahres 2012 gelungen. Auch wenn Drive letztlich weniger Auto-Action beinhaltet, als Titel und Trailer vermuten lassen. Was in den USA eine Zuschauerin zu einer Gerichtsklage wegen Irreführung führte. Manche Leute haben wirklich ein Rad ab.

8.5/10

31. Dezember 2011

Filmjahresrückblick 2011: Die Top Ten

Never in the history of cinema has a medium entertained an audience.
It’s what you do with the medium.

(John Lasseter)

Und wieder mal ist ein (Film-)Jahr vorüber beziehungsweise liegt in seinen letzten Zügen. Nach halbjähriger Abstinenz soll traditionell ein Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate den Abschlusspost bilden. Wer sich lediglich für die Bestenliste interessiert, kann zum Ende des Beitrages scrollen. Zwar wird von mir jedes Jahr gejammert, dass das Kino auf dem absteigenden Ast sei, doch auch wenn ein filmisches Highlight 2011 ausblieb, war das Jahr in der Breite relativ gut. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich dieses Jahr mit 150 Filmen so viel wie noch nie gesehen habe. Den Löwenanteil machten dabei die Heimkino-Sichtungen aus, die mit 92:58 gegenüber den Lichtspielhäusern die Nase klar vorn hatten.

Eine Verstärkung des Trends aus dem Filmjahr 2010 – und nicht die Einzige. Mit 58 Kinobesuchen war ich ein Mal öfter vor der großen Leinwand zu finden als im Vorjahr. Lediglich Black Swan und The Tree of Life lockten mich dabei zu Wiederholungssichtungen. Da zudem 35 dieser Kinobesuche auf Pressevorführungen zurückfallen (die mit einem Anteil von 60% gegenüber den 49% des Vorjahres erneut zunahmen), wurde die Sichtung des Großteils der Filme in die eigenen vier Wänden verschoben. Nicht zuletzt lag dies auch an der teils geringen Kopienzahl kleinerer Independent-Filme (speziell im süddeutschen Raum), sowie dem Wunsch, die primär fremdsprachigen Filme in ihrer Originaltonspur zu sehen.

Zu Letzterem bietet jährlich die Berlinale Gelegenheit, auf welcher ein Blogger-Kollege nach eigenem Empfinden viel Mist gesehen zu haben scheint. Nicht jedoch den dortigen Gewinnerfilm Jodaeiye Nader az Simin aus dem Iran, der durchaus überraschend auch bei den Usern der Internet Movie Database (IMDb) mit einer Wertung von 8.6/10 in diesem Jahr am besten wegkam (Stand: 30.12.2011). Auf den Plätzen 2 und 3 folgen dann Warrior und Hugo mit jeweils 8.3/10 – wobei Warrior drei Mal so viele Bewertungen erhalten hat wie Martin Scorseses Liebeserklärung ans Kino. Ein durchaus ungewöhnliches Triumvirat für die User der IMDb, die normalerweise eher Mainstream- und Blockbuster-Kino pushen.

Berechenbarer gab sich da schon das Einspielergebnis an den Kinokassen. Hatte der erste Teil der siebten Harry Potter-Adaption im Vorjahr noch aufgrund seiner Zweidimensionalität das Nachsehen in der Endjahresabrechnung, so setzte sich Harry Potter and the Deathly Hallows: Part II dank 3D-Konvertierung erwartungsgemäß als Jahressieger durch. Mit einem Einspiel von über 1,3 Milliarden Dollar avancierte der Potter-Abschluss zudem zum (vorerst) dritterfolgreichsten Film aller Zeiten (Inflationsunbereinigt) hinter Avatar und Titanic. Ebenfalls die Milliarden-Grenze überschreiten konnten die beiden 3D-Fortsetzungen Transformers: Dark of the Moon und Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides.

Das vierte Abenteuer von Jack Sparrow setzte sich dabei unter anderem in Russland, der Ukraine, Österreich, Griechenland und Südafrika als Favorit der Zuschauer durch, während die Südkoreaner und Chinesen dagegen eindeutig den Kampf außerirdischer Roboter bevorzugten. Japan wiederum folgte dem weltweiten Tenor, sich cineastisch von Harry Potter und Co. zu verabschieden. Ein ähnliches Bedürfnis teilten neben den Japanern zum Beispiel auch die Mexikaner, Finnen, Norweger, Portugiesen und selbstverständlich die Mitglieder des Commonwealth. Egal ob Großbritannien, Australien oder Neuseeland – hier erklomm Harry Potter ebenso den ersten Platz wie im Kinoland Nummer Eins: den USA.

Hatten sich 2010 noch Deutsche und Niederländer gemeinsam an Harry Potter ergötzt, so taten die deutschen Bürger dies 2011 nun allein. Mit durchschlagendem Erfolg strömten die Holländer stattdessen in Linda de Mols Gooische vrouwen – einem Kinoableger ihrer gleichnamigen Fernsehserie. Keine Chance hatte Harry Potter auch in Italien und Frankreich, wo die nationalen Komödien Che bella giornata und Intouchables gar doppelt so erfolgreich liefen. Nationale Komödien wollten auch die Türken (Eyyvah eyvah 2) und Polen (Listy do M.) lieber sehen, während man mit viel gutem Willen diesbezüglich auch den Erfolg von Rio in Brasilien erklären könnte. Und was war eigentlich mit Pixar in 2011?

Wohl nur John Lasseter weiß, wieso er dem im Pixar-Oeuvre wenig beliebten und erfolgreichen Cars mit Cars 2 eine Fortsetzunge bescherte. Zu danken wussten es ihm wenigstens die Menschen in Litauen und Argentinien, die den Animationsspaß zu ihrer Nummer Eins erklärten. Ohnehin tickten Südamerikaner was Kino und Animationsfilme anging etwas anders als der Rest der Welt, bedenkt man, dass in Uruguay, Peru und Kolumbien The Smurfs triumphierte. Ungewöhnliche Jahressieger produzierten aber auch andere Nationen. In Ghana und Nigeria ging dieses Jahr nichts über The Tourist, wohingegen die Spanier im Vampirfieber bevorzugt in The Twilight Saga: Breaking Dawn – Part I strömten.

Als Gewinner darf sich dieses Jahr auch Ryan Gosling fühlen, der den Sprung vom Charakterdarsteller zu einem der angesagten und sehr gefragten Newcomer geschafft hat. In vier Filmen (Blue Valentine, Crazy Stupid Love, The Ides of March, sowie der vielfach gesneakte 2012er Drive) konnte man ihn bewundern – es folgen im kommenden Jahr dann The Gangster Squad und All Good Things. Gewinnerinnen sind auch Natalie Portman und Jessica Chastain, die in gleich sieben Filmen dieses Jahr auftauchten. Chastain entwickelte sich vom unbekannten Gesicht zum everybody’s darling, während Portman nicht nur einen Oscar für ihre Leistung in Black Swan erhielt, sondern auch einen Sohn zur Welt brachte.

Besonders überzeugendes Schauspiel bot dieses Jahr auch Claire Danes in der HBO-Biographie (über) Temple Grandin, sowie in der Showtime-Serie Homeland. Nicht weniger stark zeigte sich Lesley Manville als einsame Alkoholikerin in Another Year, während Choi Min-sik in Akmareul boatda das tat, was er am besten kann: gestörte Mörder spielen. Als viel versprechendste Newcomerin tat sich Jennifer Lawrence in Winter’s Bone hervor und den gelungensten Animationsfilm fand man in Kari-gurashi no Arietti aus dem Hause Ghibli. Was das Fernsehen anbetrifft, ging in einem eher schwachen Jahr nichts über The Big Bang Theory und das gefälligste Videospiel wiederum gab Rocksteady’s Batman: Arkham City ab.

Was bleibt vom Filmjahr 2011 also hängen? Wie schon das Vorjahr taten sich die 3D-Filme hervor. Nur selten wie in Sanctum oder TRON: Legacy wurde direkt in 3D gedreht, ansonsten eher schlecht als recht wie in Thor konvertiert. Zudem war es erneut das Jahr der Fortsetzungen, mit Rio als einzigem Vertreter unter den zehn eintragreichsten Filmen, der nicht auf einem Vorgänger oder einer Reihe basierte. Daran wird sich auch 2012 mit Produktionen wie The Dark Knight Rises, The Amazing Spider-Man, Skyfall oder The Avengers nichts ändern. Aber um allmählich zum Punkt zu kommen, präsentiere ich nun meine zehn besten Filmen des Jahres 2011 (die Flop Ten sowie Runner-ups finden sich als erster Kommentar):


10. Le quattro volte (Michelangelo Frammartino, D/I/CH 2010): Stillschweigend überschreitet Frammartino die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm und folgt in seinem Werk der Seelenlehre des Mathematikers Pythagoras. Dabei liefert er faszinierende Bilder aus Kalabrien, die den Zuschauer mit ihrer anmutigen Poesie in den Bann ziehen. Am Ende steht ein imposantes Konstrukt, das in seiner dialogfreien Entstehung wie Produktion aufzeigt, wie sich Form und Materie verändern.

9. Kynodontas (Giorgos Lanthimos, GR 2009): Lanthimos ist ein ungemein faszinierender Film gelungen, getreu dem Marquis de Sade: „Jedes universale Moralprinzip ist ein vollkommenes Hirngespinst“. Es wird nicht wirklich viel gesprochen oder agiert in dieser Geschichte über Aufklärung und Selbstbestimmung, was jedoch keineswegs dazu führt, dass der Film an Aufmerksamkeit einbüßt. Das Resultat sind dabei zahlreiche absurd-komische Erziehungsmaßnahmen in dem lustigsten Film des Jahres.

8. Waste Land (Lucy Walker, BR/UK 2010): Über 7.000 Tonnen Müll produziert Rio de Janeiro jeden Tag, die auf der Mülldeponie Jardim Gramacho landen. Hier recyclen catadores (Müllsammler) den Abfall. Der brasilianische Künstler Vik Muniz involvierte einige von ihnen für eine seiner Installationen. Walkers Film lebt von seinen tollen Protagonisten wie Tião, Zumbi, Isis oder Valter und zeigt, wie man aus wertlosen Dingen wertvolle Kunst macht - und dabei das Leben von Menschen verändert.

7. Another Year (Mike Leigh, UK 2010): Leigh präsentiert eine absurd harmonische Ehe, was sich allerdings nur dadurch feststellen lässt, da sie stets mit der tristen Einsamkeit ihrer scheinst trostlosen Umgebung kontrastiert wird. “Life’s not always kind, is it?“, resümiert Lesley Manville, das Herz des Films, in einer Szene treffend. Ohnehin ist das exzellent gespielte Drama ein an Höhepunkten armes Charakterkino erster Güte, dessen eigentliche Stars seine deprimierend depressiven Verlierer sind.

6. Winter’s Bone (Debra Granik, USA 2010): Getreu einer buddhistischen Legende sehen, hören und sagen die Figuren in dieser Adaption von Daniel Woodrells Roman nichts Böses. In einer maskulin dominierten Welt voller Tristesse und Hoffnungslosigkeit obliegt es dem unbändigen Willen der jungen Ree, die Existenz ihrer Familie zu sichern. In dem hervorragend spielenden Ensemble sticht Lawrence heraus, in einem Mittelstaaten-Drama, das so packend und spannend gerät wie kein zweiter Film 2011.

5. La piel que habito (Pedro Almodóvar, E 2011): Der Mann aus La Mancha untermauert sein Können mit diesem grandiosen Horror-Thriller, in welchem er sich nicht zu schade ist, seinen Twist bereits im zweiten Akt zu präsentieren. Dass dieser nicht nur dennoch, sondern gerade deswegen funktioniert, zeichnet Almodóvars Talent aus. Fortan entwickelt sein Film eine Sogwirkung, die schlussendlich zu einem vorhersehbaren, konsequenten und trotz allem dadurch nicht minder packenden Ende führt.

4. The Tree of Life (Terrence Malick, USA 2011): Wie in all seinen Werken präsentiert Malick den ewigen Zwiespalt zwischen Natur und Gnade – hier mit besonders prägnanten metaphysischen Analogien. Audiovisuell so anmutig erhaben wie schlichtweg meisterlich, fetischisieren die Bilder die physikalische Natur zu einem Kaleidoskop von Filmgemälden. Bei all seinen tieferen Lesarten ist Malicks Film subsumiert dennoch ein Familiendrama als Zeitkolorit und dabei stark biographisch gefärbt.

3. Inside Job (Charles Ferguson, USA 2010): Die Wirtschaftskrise kostete 2008 Millionen Menschen ihr Vermögen, ihre Jobs und ihr Eigentum. In seinem Erklärstück schildert Ferguson, wie es dazu kommen konnte. Am Ende raucht einem zwar der Kopf vor lauter Deregulierungspolitik und predatory loans, aber Fergusons Film überzeugt durch sein ehrliches und strukturiertes Anliegen nebst humorvollen Auflockerungen. “Banking became a pissing contest” heißt es an einer Stelle so sarkastisch wie wahr.

2. The Tillman Story (Amir Bar-Lev, USA 2010): Einen so besonderen Menschen wie Pat Tillman kann man nicht mal backen, selbst wenn man wollte. Er war ein NFL-Spieler, der seinen Profivertrag aufgab, um für sein Land zu kämpfen – und dafür bezahlte er mit seinem Leben. Bar-Lev inszenierte einen schockierenden und bewegenden Film über eine starke Familie und zugleich ein entblößendes Dokument über den verlogenen Charakter der US-Regierung und die gefährliche Natur ihrer Soldaten.

1. Senna (Asif Kapadia, UK 2010): Die Geschichte des brasilianischen Ausnahmesportlers ist eine Geschichte voller legendärer Momente, von Kapadia chronologisch begleitet. Fabelhaft musikalisch untermalt, brilliert diese Dokumentation durch die unglaubliche Arbeit der Cutter, die ausschließlich aus Archivmaterial (!) ein dramaturgisch stringentes, vielschichtiges und atemberaubendes Stück Film konstruierten. Spannend. Emotional. Intensiv. Also nicht unähnlich der Karriere von Senna selbst.

15. Dezember 2011

Le quattro volte [Vier Leben]

„Du bist Erde und sollst zu Erde werden“
(1. Mose, 3,19)


Der Mensch ist ein Teil seiner Umwelt, darauf machte ihn bereits Gott aufmerksam, als er ihm beim Sündenfall erklärte: „Du bist Erde und sollst zu Erde werden“ (1. Mose, 3,19). Aus dem Ackerboden hatte Gott den Menschen erschaffen, zu Ackerboden würde er nach seinem Ableben wieder werden. Ein Kreislauf des Lebens, wie ihn auch Pythagoras sah. Dessen Lehre von der Seelenwanderung folgend inszenierte Michelangelo Frammartino seinen Film Le quattro volte, der dem Titel gemäß von vier Lebensbereichen berichtet: Mensch, Tier, Pflanze und Mineral. Zwischen heidnischen Traditionen und christlichem Glauben fasziniert das Leben dabei in all seinen Facetten.

Hierfür ging Frammartino ins italienische Kalabrien, Heimat von Hirten und Köhlern. Dort wird seit Jahrhunderten Holzkohle im langsamen Prozess in der gleichen Art und Weise von Hand hergestellt. Zu Beginn des Films zeigt die Kamera eine Lieferung von Holzkohle an die Dorfbevölkerung. Zum Schluss sehen wir, wie diese Holzkohle von den Köhlern produziert wird. Zuerst wird aus Holzstämmen ein Schacht gebaut, anschließend um diesen ein Holzwall errichtet. Bedeckt wird erst mit Stroh, dann mit Erde. Am Ende steht ein imposantes Konstrukt, das in Entstehung wie resultierender Produktion zeigt, wie sich Form und Materie verändern. Ein durchgängiges Motiv des Films.

In vier Episoden teilt sich Le quattro volte auf, nahtlos ineinanderfließend. Das zentrale Segment ist das erste, das den Alltag eines alten Ziegenhirten zeigt. Gebrechlich schleppt er sich über schmale Waldpfade, um abends hustend in einem kargen Zimmer zur nächtlichen Ruhe zu finden. Sein einziger sozialer Kontakt scheint die Putzkraft in der örtlichen Kirche zu sein, die ihm gegen eine Flasche Ziegenmilch etwas vom zusammengekehrten Staub des Kirchenbodens überlässt. Der Hirte trinkt das – verdünnt –, im Glauben es habe therapeutische Eigenschaften. Als er den Staub eines Tages vergisst, eilt er des Nachts zur Kirche und klopft verzweifelt an der Pforte.

Kontrastiert wird die Figur des alternden Hirten mit der Geburt eines Zickleins. Tod mündet wieder in Leben. Ähnlich wie der Hirte zuvor ist das Zicklein zwar Teil einer Gemeinschaft, aber dennoch ein Außenseiter. Gilt es in einer Szene, sich gegen die Artgenossen zu behaupten, folgt ihr danach eine dramatische Entwicklung. Beim ersten Ausgang mit der Herde fällt das Zicklein in einem Waldgraben zurück und avanciert aus biblischer Sicht somit zum verlorenen Schaf. So verzweifelt wie der Hirte zuvor an dem Kirchengemäuer geklopft hat, blökt das Zicklein um Hilfe. Zuflucht bietet ihm später erst eine große imposante Tanne des kalabrischen Gebirges.

Überhaupt fallen die Naturaufnahmen von Frammartino nicht minder beeindruckend aus als das narrative Gerüst seines Films. In ruhigen, langen Einstellungen porträtiert er Kalabrien, dabei immer wieder auch das Normannenkastell in der Provinz Vibo Valentia aus der Ferne einfangend. Wie aus einer anderen, bisweilen bereits verblichenen Zeit mutet die Szenerie oft an. Egal ob Vibo Valentia, das Städtchen Caulonia oder das Dorf Alessandria del Carretto – der rustikale Charme von Kalabrien findet sich in allen wieder. Nahezu meditativ geraten die dialogfreien Bilder von Kameramann Andrea Locatelli, die selten von Paolo Benvenutis Musik untermalt werden.

Jene Tanne, unter der das Zicklein dann Zuflucht gesucht hat, repräsentiert den vegetativen Bereich. Im Zuge der Festa della Pita, einer von den Langobarden stammenden heidnischen Tradition des Dorfes Alessandria del Carretto, wird die Tanne gefällt. Gemeinsam tragen die Bewohner den Baum, wieder Teil einer Gemeinschaft und doch allein, nachdem sie ihn entästet haben ins Dorf. Dort wird er aufgestellt und dient der Festprozedur. Hat die Tanne ihren Zweck erfüllt, wird sie zerkleinert und den Köhlern übergeben. Der Kreislauf schließt sich, wenn aus jener Tanne Holzkohle gewonnen wird, die den Bewohnern des Dorfes des Hirten zum Feuermachen dient.

Ein besonderes Augenmerk richtet Le quattro volte dabei auf Prozeduren und Traditionen. Sei es das jährliche Fest der Tannenbesteigung, der Glaube an die heilenden Kräfte des Kirchenstaubs oder ein Passionszug, der in einer Szene die Hütte des Hirten passiert und ein ungewöhnliches Ende findet, als der Hund des Hirten dazwischenfährt. Frammartino ist ein faszinierender Einblick in die kalabrische Kultur gelungen, mit harmonisch abgestimmten Bildern voll nachhaltiger Poesie. Was teilweise wie eine essayistische Dokumentation anmutet, ist vielmehr ein schweigsamer Spielfilm mit pythagoreischen Anklängen. Und einer der schönsten Filme des Jahres.

8/10

20. Oktober 2011

La piel que habito [Die Haut, in der ich wohne]

I breathe. I breathe. I breathe. I know I breathe.

Als „Ende einer Ära“ urteilte einst Antonio Banderas, als mit ¡Atame! die Zusammenarbeit mit seinem Gönner Pedro Almodóvar ihren vermeintlichen Schlussakt fand. Banderas macht sich auf gen Hollywood und pflegte dort 20 Jahre lang das Image des Latin Lovers. Almodóvar hingegen schickte sich an, zu Spaniens Aushängeschild und Europas letzten Melodramatiker zu werden. Nun, nach 21 Jahren, sind der Künstler und seine männliche Muse wieder vereint. Und es zeigt sich in La piel que habito – bei uns Die Haut, in der ich wohne –, dass Banderas nie besser ist, als unter Almodóvar. Und der Mann aus La Mancha untermauert, dass wenn das Kino immer trister wird und sich im Repetitionswahn verliert, Almodóvar seine Stärke(n) bewahrt.

Denn mit La piel que habito untermauert der Spanier, dass er Horror-Thrill auch ganz ohne Mystik und Humor zu schultern versteht. In einer abgelegenen Villa haust der Schönheitschirurg Robert Ledgard (Antonio Banderas). Ein abgeschlossenes Zimmer wiederum beheimatet seine Patientin Vera (Elena Anaya), die sich mal mehr oder weniger nackt in die Kameras räkelt, die Ledgard an den Wänden platziert hat. Als überraschend eine Person aus Ledgards Vergangenheit auftaucht, wird diese mitsamt den Traumata aller Protagonisten in Rückblenden aufgedröselt. Pedro Almodóvar ist sich in seinem jüngsten Film dabei nicht zu schade, den Twist aus Thierry Jonquets Romanvorlage Tarantula bereits im zweiten Akt zu präsentieren.

Dass La piel que habito nicht nur dennoch, sondern gerade deswegen funktioniert, zeichnet das Talent des spanischen Regisseurs aus. Viel mehr noch wird der Film nach einem etwas distanzierten, mysteriösen – aber deswegen nicht unspannenden – ersten Akt durch jenen Twist auf eine neues, nahezu herausragendes Niveau gehoben. Fortan verwebt der spanische Auteur verschiedene Handlungselemente anderer Filme, nie plakativ als bloßes show-off wie man es von Quentin Tarantino kennt, sondern stilvoll gekonnt und liebevoll. Wo Tarantino visuell schreiend zelebriert, nimmt sich der Mann aus La Mancha zurück. Einfach, weil er es kann. Weil es sein Film nicht bedarf, großes Aufhebens zu machen.

Hierbei diente Georges Franjus Les Yeux sans visage als Inspiration, aber es finden sich auch Anklänge zu früheren Werken von Almodóvar selbst. Von der Stimmung her ähnelt La piel que habito wohl am ehesten Matador, jener Liebesgeschichte soziopathischer Toreros, in der auch Banderas mitspielte.  Eine Mär von Mord, Liebe und Schmerz erzählte der Spanier ebenfalls in La ley del deseo, während die hier angedeutete Romanze zwischen Ledgard und Vera wiederum an Banderas’ Ricky und sein von Victoria Abril verkörpertes Entführungsopfer aus ¡Atame! erinnert. Über weite Strecken ist es Banderas, der den Film trägt, immer wieder gefüttert von kurzen, lasziv-eleganten Szenen mit Anaya oder dem nüchtern-starken Spiel von Marisa Paredes.

Zu dritt bilden sie ein kleines magisches Dreieck, in dem man Anaya nicht anmerkt, dass anstatt ihrer eigentlich Penélope Cruz spielen sollte und sie, eine Nebenrolle in Hable con ella ausgenommen, neu in Almodóvars Zirkel ist. Noch bemerkenswerter als das Spiel des Ensembles ist jedoch, wie sehr sich dieses der packenden Geschichte unterordnet. Und während der Twist in vielen anderen Filmen absurd wirken würde, führt er hier ab der Mitte zu einer bewundernden Faszination. Fortan betrachtet man die Handlung aus anderen, noch interessierteren Augen. Und La piel que habito entwickelt hieraus eine Sogwirkung, die schlussendlich zu einem vorhersehbaren, konsequenten und dennoch deswegen nicht minder packenden Ende führt.

Pedro Almodóvar ist einen weiten Weg gekommen, seit seinen trashigen, cineastischen Urschritten mit Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón oder Laberinto de pasiones. Zwar spielt er dieses Mal nicht so plakativ mit Kitsch, Humor und bunten Farben wie zuletzt, dafür reüssiert er in einem Genre, das an sich nicht seines ist. Womit Almodóvar untermauert, dass selbst wenn das Kino Jahr für Jahr an Qualität einbüßt, er, der Mann aus La Mancha, die Fahne der cineastischen Klasse weiter hochhält. Und Antonio Banderas... der sollte nicht wieder über zwei Jahrzehnte warten, ehe er sich von seinem alten Freund und Weggefährten Pedro zu Höchstleistungen treiben lässt. Möge deshalb La piel que habito der Anfang einer neuen Ära sein.

8.5/10

15. September 2011

Senna

You race or you do not.
(Ayrton Senna)


„Wie kann jemand so bewundert werden?“, fragt der brasilianische Sport-Kommentator Reginaldo Leme im Bonusmaterial zu Asif Kapadias Senna. Die Antwort versucht Kapadias Film über seine rund 100-minütige Laufzeit zu geben. Chronologisch begleitete der Regisseur Ayrton Sennas Jahrzehnt in der Formel 1, vom ersten Jahr bei Toleman bis zum tragischen Rennsonntag im italienischen Imola, der der Karriere des größten Rennfahrers aller Zeiten am 1. Mai 1994 ein jähes Ende setzen sollte. Sich lediglich Archivmaterial bedienend, montierten die Cutter Chris King und Gregers Sall dabei ein atemberaubende Stück Film zusammen. Spannend. Emotional. Intensiv. Also nicht unähnlich der Formel-1-Karriere von Ayrton Senna selbst.

Angefangen hatte alles mit der Kart-Fahrerei, die sich dadurch finanzieren ließ, da Ayrton Senna aus guten Verhältnissen stammte. Schließlich war die Kart-Bahn nicht mehr genug für Senna, der nach dem „reinen Fahr- und Rennerlebnis“ strebte. „Es nimmt Dimensionen an und wir sorgen uns ein wenig“, äußerte Vater Milton da Silva früh Bedenken. Doch Senna war nicht davon abzuhalten, wagte den Schritt nach Europa, erst in die Formel Ford, dann in die Formel 3, bis hin zur Formel 1. „Man sollte aber nicht glauben, er verdanke Geld den Aufstieg in die Formel 1“, versichert Richard Williams vom britischen The Guardian. Nur Talent und Ehrgeiz helfe einem dort weiter. Aber auch Sportpolitik, wie Senna fortan bis zu seinem Tod feststellen wird.

Aus den ersten Jahren sehen wir fortan nur das Nötigste. Beispielsweise wie Senna 1984 in seinem ersten Jahr im nicht konkurrenzfähigen Toleman drauf und dran war, in seinem sechsten Rennen den Grand Prix von Monaco zu gewinnen, ehe Alain Prost wegen einsetzendem Starkregen für einen Rennabbruch nach der Hälfte der Runden sorgt. Ein Jahr später wechselte er zu Lotus, für die er im zweiten Rennen seinen ersten Sieg einfuhr. „Er brachte den Wagen an seine Grenzen und darüber hinaus“, sagt John Bisignano von Sportsender ESPN. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis Senna erneut das Team wechseln würde: 1988 fuhr Senna für McLaren – und damit an der Seite von Alain Prost, seinem schärfsten Konkurrenten.

Die folgenden vier Jahre bilden das Herz von Senna. Wir erleben seinen ersten Weltmeistertitel 1988 und wie Senna zum Stolz seiner Nation wird. Anschließend folgt das große Drama: Sennas aberkannter Sieg beim entscheidenden Rennen 1989 in Suzuka, nach einer Kollision mit Prost. Gemeinsam mit dem damaligen diktatorischen FIA-Präsidenten Jean-Marie Balestre („Die beste Entscheidung ist meine Entscheidung“, sagt dieser an einer Stelle zweideutig), Landsmann und Freund von Prost, wird Senna für ein halbes Jahr gesperrt – für ein „Delikt“, das keines war und auch nie wieder in der Formel 1 eines wurde. Das Tischtuch zwischen Senna und Prost war endgültig zerschnitten, für die Medien ein gefundenes Fressen.

Wie aus einem Drehbuch folgt 1990 eine nahezu exakte Wiederholung des Dramas. Dieses Mal ist es Senna, der durch die Kollision mit Prost profitiert, ein Jahr später folgt der dritte Titel und, viel wichtiger, der erste Sieg beim Heim-Grand-Prix in Interlagos. Aufgrund technischer Schwierigkeiten musste der Brasilianer die letzten Runden des Rennens im 6. Gang zu Ende fahren, wurde von Krämpfen geschüttelt und gewann dennoch – nur um in der Siegesrunde vor Erschöpfung ohnmächtig zu werden. Unter Schmerzen kämpfte er sich aufs Podest, stemmt die Trophäe im zweiten Anlauf in die Höhe, während das brasilianische Publikum durchdrehte. „Sein heroischster Moment“, klingt Reginaldo Lemes aus dem Off, ohne dass wir es bezweifeln.

Senna hat den Höhepunkt erreicht und setzt sich verstärkt in seiner Heimat für Arme und Kinder ein, spendete einen Großteil seines Vermögens. Selbst sein erster schwerer Unfall 1991 ging da unter. Und wie das Schicksal so spielt, konnte es nur die Technik der Konkurrenz sein, die den talentiertesten Fahrer der Welt schlug. So gingen die Titel in den Jahren ’92 und ’93 an Frank Williams und dessen Fahrer Nigel Mansell und Alain Prost. Senna wusste, seine Zeit bei McLaren war abgelaufen. Das letzte Rennen der 1993er Saison gewann er – zugleich der letzte Sieg seines Lebens. Im Jahr darauf folgte sein Wechsel zu Williams, allerdings mit dem Wechsel auch eine neue Regulation, die die Überlegenheit des Wagens wieder ausglich.

Rückblickend betrachtet hat das Imola-Rennen etwas von einer klassischen Tragödie. Beim ersten Qualifying am 29. April 1994 überlebte Rubens Barrichello einen schweren Unfall weitestgehend unverletzt, beim Qualifying einen Tag später verstarb dann Roland Ratzenberger im Simtek. Senna, stets engagiert für die Sicherheit der Fahrer, war erschüttert. „Warum lässt du nicht alles liegen, und ich lass alles liegen, und wir gehen angeln?“, fragte ihn  Freund und Rennstrecken-Arzt Sid Watkins. „Ich kann hier nicht weg“, antwortete Senna. Laut seiner Schwester las er am Renntag in der Bibel eine Stelle, die seinen Tod vorwegnahm. Beim Rennstart gab es den nächsten Unfall zwischen JJ Lehto und Pedro Lamy – aber das Rennen ging weiter.

Möglicherweise hat es so sollen sein. Denn wie auch die Sportexperten konstatieren, hätte sich keiner vorstellen können, dass Ayrton Senna beispielsweise mit Mitte 50 an Krebs gestorben wäre. Der Tod auf der Strecke, der Tod im Rennen – letztlich hat es etwas Passendes, etwas Poetisches. Senna hatte keine gebrochenen Knochen durch seinen Unfall erlitten, nicht mal Schürfwunden. Durch einen technischen Fehler am Fahrzeug kam er ums Leben, erlitt beim Aufprall eine tödliche Kopfverletzung. Wie das Schicksal so spielt, konnte es nur die Technik sein, oder in diesem Fall ihr Versagen, dass der talentierteste Fahrer der Welt geschlagen wurde. Und mit dem großen Fahrer, ging auch der große Mensch.

Viele warfen Senna zu Lebzeiten seine Religiosität als Risikofaktor vor. „Weil ich an Gott glaube und Gott vertraue, heißt das nicht, dass ich unsterblich bin“, entkräftete Senna die Vorwürfe. Für ihn war sein Glaube wichtig, die Chance in der Formel 1 zu fahren, sah er auch von Gott gegeben an, sodass die Anekdote seiner Schwester ob des prophetischen Bibelzitats gut ins Bild passt. Obschon Kapadia Kritik an Senna nicht ausspart, hier von Prost, Balestre und Jackie Stewart geäußert, fällt sie doch moderat aus. Was angesichts der Darstellungsform Porträts nichts Verwerfliches ist. Dennoch hätte die ein oder andere kritische Stimme mehr dem Film ebenso gut getan, wie vielleicht noch eine kurze Beleuchtung der Person Nelson Piquets.

Man erfährt nichts über Sennas Beziehung zu anderen Fahrern (selbst seine Freundschaft zu Gerhard Berger wird ausgespart), außer eben die Konkurrenz zu Prost. Interessant wäre eine Einordnung von Piquets Bedeutung für seine brasilianischen Landsleute gewesen. Schließlich war er ebenfalls dreimaliger Weltmeister in der Formel 1, zuletzt 1987 – dem Jahr vor Sennas ersten Titel. Solche Aspekte hätten diesen herausragenden Dokumentarfilm vollends abgerundet, aber auch so überwiegen dessen Stärken. Der Verdienst der beiden Cutter King und Sall ist kaum in Worte zu fassen, wird doch ausschließlich mittels Archivaufnahmen ein dramaturgisch stringentes, vielschichtiges und intensives Handlungsgerüst konstruiert.

Nicht weniger Lob verdient sich Antonio Pintos Musik, gerade das subtil melancholische Theme des Films ist berührend schön, wie auch sonst die Musik exzellent die Bilder und damit den Charakter Sennas untermalt. Und wenn schlussendlich die Perspektive in die Bordkamera von Sennas Auto wechselt, während der die letzte Runde seines Lebens fährt, steigt die Anspannung trotz Vorkenntnis der Ereignisse, da dies die letzten Sekunden im Leben einer Rennsportlegende sind. So verkommt Senna zur verdienten Heroengeschichte, deren Schluss jeden Sportfan bewegt. Wie John Bisignano in den Extras zum Film sagt: „Ayrton Senna wird immer schnell sein. Er wird nie alt werden. Er wird immer der Champion Brasiliens und der Welt sein.“

9/10

16. August 2011

Another Year

My looks work against me.

Das perfekte Liebesglück ist eine schwer zu findende Sache. Ganz besonders, wenn es über Jahrzehnte hinweg ins hohe Alter bewahrt wurde. Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) sind ein solches perfektes Paar. Glücklich in einem Londoner Vorort lebend, erfreuen sie sich an der Arbeit in ihrem Schrebergarten und an den gelegentlichen Besuchen ihres wohlerzogenen Sohnes Joe (Oliver Maltman). Es ist eine absurd harmonische Familie, was sich gerade dadurch feststellen lässt, dass sie über weniger harmonisch lebende Freunde verfügt. Allen voran Mary (Lesley Manville), die ihre Einsamkeit in Alkohol ertränkt und in den vier Wänden von Arbeitskollegin Gerri ein zweites Zuhause gefunden zu haben scheint.

“It’s really lovely the way Tom and you do everything together”, erkennt Mary zu Beginn neidisch an. “You’re both such lovely people.” Gerade in Gegenwart der beiden Freunde schwappt Marys Sehnsucht über, die peinlichen Avancen gegenüber dem fast halb so alten Joe dürfen als Versuche gelten, am Glück dieser Familie teilzuhaben. Regisseur Mike Leigh sieht sie in Another Year als Opfer von zugetragenen Vorstellungen. Jung und sexy sind Eigenschaften, die Mary nicht mehr erfüllt. Und so wie Joe ihre Avancen ausschlägt, lässt Mary wiederum den übergewichtigen Ken (Peter Wight), einen weiteren einsamen Freund der Familie, auflaufen. Der ertränkt seinen Kummer ebenso in Alkohol und Zigaretten wie Mary selbst.

In Another Year wimmelt es von derart unglücklichen Figuren, zu denen auch Imelda Staunton am Anfang zählt. Als müde Ehefrau und Mutter sehnt sie sich nach Tabletten für ihre Schlaflosigkeit und ordnet ihr Wohlbefinden auf einer Zehnerskala lediglich bei Eins ein. Ein anderer Freund von Tom und Gerri hadert unterdessen mit der Krankheit seiner Frau, während Toms Bruder Ronnie (David Bradley) die Seinige im Verlauf des Films verstirbt. Der Leichenschmaus entwickelt sich zur ultimativen Kontrastdarstellung. Wo das Haus von Tom und Gerri voller Glück, Wärme und Leben ist, in das Sohn Joe und Freunde gerne einkehren, ist Ronnies Haus kalt und karg, die Beziehung zu seinem einzigen Sohn Carl (Martin Savage) eklatant gestört.

Stets kontrastiert Mike Leigh die perfekte Ehe mit der tristen Einsamkeit ihrer Umgebung. “Life’s not always kind, is it?”, resümiert Mary in einer Szene etwas betrübt. Letztlich verlangt es sie nur nach jemandem, mit dem sie reden kann. Ein Wunsch, dem besonders Gerri in der ersten Hälfte des Films noch bereitwillig Folge leistet. Mary ist eine bemitleidenswerte Figur, und das nicht nur im negativen Sinne. Ihr tragisches Leben berührt, wenngleich ihr bisweilen peinliches Benehmen zugleich dazu führt, dass sich selbst der Zuschauer für sie geniert. Höhepunkt ist ein überraschender Besuch von Joe und seiner neuen Freundin (Karina Fernandez), deren Anwesenheit die Eifersucht Marys auf ihre Umgebung eskalieren lässt.

Eingebettet wird der Film in vier Jahreszeiten, die kommen und gehen und somit das Titelgebende weitere Jahr (engl. another year) bilden. Mike Leigh folgt hierbei keiner konkreten Geschichte, die Handlung setzt scheinbar in einem beliebigen Jahr im Leben der Hauptpersonen ein. Sein Film lebt anschließend auch weniger von der weitestgehend ruhigen Handlung, sondern von den überzeugenden Figuren. Wo manche Charaktere aus Hollywood nie über den Status eindimensionaler Karikaturen hinauskommen, wirken Leighs Geschöpfe wie authentische Menschen, die leben, atmen und fühlen. Was man über sie wissen muss, erfährt das Publikum meist in einer einzigen Einstellung. Eine Seltenheit in der heutigen Kinolandschaft.

Tom und Gerri sind hierbei lediglich das Kontrastmittel – das Idealbild des perfekten Lebensglücks, nach dem die Marys, Kens, Ronnies und Carls wie nach Platons Idee nur streben können. In ihrem Schmerz liegt die Stärke des Films, sei es David Bradleys ausdrucksloses Gesicht oder Peter Wights bemühte und doch zum Scheitern verurteilte romantische Avancen. Eigentlicher Star ist jedoch Lesley Manville, der es gelingt, eine Person zu verkörpern, der man zwar einerseits helfen will, die man andererseits aber wohl nicht in der eigenen Küche haben wollte. Leigh inszeniert hier mit Another Year wahres und buchstäbliches Charakterkino, dessen Geschichte letztlich da endet, wo sie begonnen hat: in einem Jahr von vielen.

8/10