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15. Juli 2009

The Last Kiss

It’s sparkling.

Über Männer und Torschlusspanik gibt es unzählige Bücher, Lieder oder Filme. Die meisten Menschen arbeiten darauf hin, dass sie eines Tages den Partner fürs Leben finden. Mit dem sich ein Haus und eine Familie gründen und eine emotionale Geborgenheit erzeugen lässt. Und irgendwann beginnt man(n) zu realisieren, was man dafür aufgegeben hat oder musste. Der Entschluss eine Entscheidung für den Rest seines Lebens zu treffen fällt vielen Männern (laut Klischee) nicht leicht. ”I've been thinking about my life lately, and everything feels pretty planned out. There's no more surprises”, resümiert Michael (Zach Braff) über seine augenblickliche Lage.

In The Last Kiss hat er alles, was er sich im Kindesalter gewünscht hat. Einen tollen Job als Architekt, ein schickes und abgeschieden gelegenes Haus, ein nettes Auto, eine hübsche und intelligente Freundin in Jenna (Jacinda Barrett), sowie eine Gruppe von guten Freunden, mit denen er teilweise sogar seit der Vorschule bereits befreundet ist. Was sich ihm nun eröffnet, ist ein Paradoxon. Obschon er alles hat, was er sich wünschen kann, wirkt er nicht glücklich. Und sei es nur, weil dadurch, dass er alles hat, ihm keine Wünsche mehr offen stehen. Nichts, was ihn noch erwarten würde oder das er sich erfüllen könnte. Keine Überraschungen mehr.

Man merkt es Michael zu Beginn des Filmes bereits an, dass er allem Anschein nach eine Fassade aufrecht zu erhalten versucht. Ein umher wandernder Blick führt zu einer schuldigen Abwendung von einem Reklame-Model und am Esstisch der designierten Schwiegereltern wirkt er irgendwie deplatziert, als Jennas Mutter Anna (Blythe Danner) ihm lobend wie einen Hund tätschelt, nachdem sie und ihr Mann Stephen (Tom Wilkinson) erfahren, dass das junge Paar sein erstes Kind erwartet. Später wird Anna es dann wiederum ihrem Mann zum Vorwurf machen, dass er sie nicht so begehrenswert ansieht, wie Michael es bei Jenna tut.

Was hinsichtlich seiner Einführung in die Geschichte Bände spricht für die Beziehung zwischen Anna und Stephen. Ohnehin ist Tony Goldwyns The Last Kiss, eine Adaption des italienischen Filmes L’ultimo bacio von Gabriele Muccino, eine Darstellung von offensichtlich gescheiterten Beziehungen. Kein Paar wirkt wirklich glücklich und selbst Mark, einer der Freunde, der kurz vor seiner Hochzeit steht, schaut sich gierig satt an zwei Stripperinnen, die an seinem Junggesellenabschied auftreten. Die Ehe wird von Drehbuchautor Paul Haggis hier weniger wie ein Hort der Geborgenheit skizziert, sondern eher als ein emotionales Gefängnis.

Genauso wie die Beziehung zwischen Anna und Stephen eingeschlafen ist, verhält es sich auch mit ihren Ebenbildern aus Michaels Freundeskreis. Izzy (Michael Weston) wurde gerade von seiner Langzeitfreundin sitzen gelassen und Chris (Casey Affleck) hat sich nach der Geburt seines Sohnes von seiner Frau (Lauren Lee Smith) auseinandergelebt. Um wenigstens etwas Ruhe zu kriegen, verbarrikadiert er sich im Bad, wenn er nicht absichtlich länger in der Arbeit bleibt, um dem Trubel zu Hause aus dem Weg zu gehen. Es ist dann Womanizer Kenny (Eric Christian Olsen), der am glücklichsten wirkt, da er scheinbar keine Beziehung führt.

Als ihm seine Affäre ihre Eltern vorstellen will, ergreift er panisch die Flucht. “Everyone I know is having a crisis“, stellt Kim (Rachel Bilson) auf Marks Hochzeit dann fest. Als Studentin und Single hat sie ihr ganzes Leben noch vor sich. Es gibt keine festen Pläne und keine Bestimmungen für sie. Wehmütig blickt Michael auf seine Zeit an der Universität zurück und gibt zugleich zu, schon damals viel zu ernst gewesen zu sein. Kim personifestiert für ihn nun die Möglichkeit, eine - oder mehrere - Optionen im Leben offen stehen zu haben. Und Kim selbst stellt eine Überraschung in seinem eigenen Leben dar. Etwas, das er nicht geplant hatte.

Trotz der Tatsache, dass Zach Braffs Michael als moralisches Arschloch präsentiert wird, der seine scheinst perfekte und zudem schwangere Freundin betrügt, kommt man nicht umhin, seine Handlungen nachvollziehen zu können. Schon alleine deshalb, da jemand wie Kim sich ungeniert für ihn interessiert, was eine Spiegelung im alternativen Ende des Filmes findet, wenn Jenna dasselbe widerfährt. “Life is pretty much in the grays for the most part and if you insist always on black and white... you are going to be very unhappy”, rekapituliert Anna für ihre Tochter am Ende des Films, als diese von Michaels Affäre mit Kim erfährt.

Es ist ein deprimierend-depressives Bild, welches Haggis und Goldwyn in The Last Kiss von der Institution Ehe und Beziehungen im Allgemeinen zeichnen. Und wahrscheinlich ist es ein authentisches Bild von der heutigen Gesellschaft. Nicht so sehr, weil - wie Kim meint - die Ehe in Zeiten erfunden wurde, als die Lebenserwartung nicht allzu hoch (und somit die Ehe an sich nicht sonderlich lang) war, sondern es eine Frage der Einstellung und Bereitschaft von Menschen zu sein scheint. Was man dem Film nun vorwerfen kann, ist die Darstellung der Beziehungen in ihren Endzügen, ohne die Erklärung für den Auslöser des Krankheitsverlaufs.

Wieso ist die Beziehung von Anna und Stephen eingerostet? Wann haben sich Chris und Lisa auseinandergelebt? The Last Kiss beantwortet diese Fragen nicht und gibt auch keine Lösungsvorschläge vor. Außer, dass man sich mit den Grauzonen (die hier als Affären der Partner dargestellt werden) anfreunden muss. Hoffnungsvoll wirkt das nicht, aber bei einer Scheidungsrate von 40 Prozent allein in den USA im vergangenen Jahr wohl der einzige Ausblick für den polygamen Menschen in der Institution Ehe. Kongeniel ergänzt bei der Erzählung von Michaels Geschichte werden Goldwyns Bilder dann von Zach Braffs Musikkompilation zum Film.

“A simple mistake starts the hardest time/I promise I'll do anything you ask...this time” singen Snow Patrol zu Beginn vorausschauend in ihrem Lied Chocolate, während eine Parallelmontage der gescheiterten Beziehungen von Imogen Heaps Hide and Seek mit den Worten “Where are we? What the hell is going on?“ unterlegt wird. Noch treffender fasst schließlich Coldplays Warning Sign die Ereignisse zusammen, wenn Chris Martin Sätze singt wie “I started looking and the bubble burst“ oder “I'm tired, I should not have let you go“. Wie zuvor in seinem Debütfilm Garden State beweist Braff sein Händchen für Ausdrucksstarke alternative Musik.

Dass es Goldwyn und Haggis schaffen, neben der Beziehung von Jenna und Michael auch die der anderen Pärchen ausreichend informativ zu beleuchten, ohne dass dies den Erzählfluss der eigentlichen Haupthandlung stört, ist wahrscheinlich ihr größter Verdienst. Zudem ist ihnen eine glaubhafte Besetzung der Figuren gelungen, wobei allerdings die beiden Leads - Zach Braff und Rachel Bilson - im Vergleich zum Rest etwas abfallen. Ein Sonderlob gebührt dabei Jacinda Barrett, die ihre schauspielerischen Ursprünge in eine der Ausgaben von MTV’s The Real World hat, was hinsichtlich ihres vortrefflichen Spiels überrascht.

Auch die Entscheidung für das offene Ende (das zumindest uneindeutiger ausfällt wie das alternative Ende) fügt sich zur restlichen Stimmung des Filmes, der inhaltlich für Hollywood-Verhältnisse sehr inkonsequent ist. Vermutlich einer der Gründe, weshalb dem Film an den Kassen kein Erfolg beschert war. Als Gesamtkonstrukt gefällt The Last Kiss dabei weniger wegen seiner philosophischen Ansätze über Beziehungen, denn aufgrund seines Versuchs, eine Momentaufnahme einer zerfahrenen Beziehung sein zu wollen. Somit ist auch der Film selbst am Ende nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Und damit authentisch, was nicht auf viele Filme zutrifft.

8.5/10

12. Februar 2008

In the Valley of Elah

And Saul and the men of Israel were gathered together,
and pitched by the valley of Elah,
and set the battle in array against the Philistines.

(1. Samuel 17,2)

Zwei große Volksstämme versammeln sich im Jahr 1000 vor Christi am Tal von Elah. Auf der einen Seite die Philister, auf der anderen die Israeliten um ihren König Saul. Unter den Philistern forderte ein Krieger namens Goliat aus Got, etwa 2,78 Meter groß, fortan 40 Tage lang einen der israeliten zum Zweikampf heraus. Der Gewinner würde den Krieg der zwei Parteien entscheiden – kein unüblicher Usus in der Antike. Eines Tages bot sich der Knecht David, von Gott zum König auserkoren, aufgrund der blasphemischen Äußerungen Goliats Saul als ebendieser Kämpfer an. Ohne Rüstung und lediglich mit fünf Steinen bewaffnet schritt der Knabe David hinunter in das Tal von Elah und bezwang den Philister Goliat mit einem Schleuderwurf in die Stirn. Im Namen seines Gottes war David ausgezogen, um einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner auszufechten.

Kriegsveteran Hank Deerfield (Tommy Lee Jones) erhält einen morgendlichen Anruf, der sich nach dem Aufenthaltsort seines Sohnes Mike, ebenfalls Soldat, erkundigt. Mike sei zurück in den Staaten, aber unauffindbar. Hank begibt sich nunmehr selbst auf die Suche nach seinem Sohn und verabschiedet sich von Gattin Joan (Susan Sarandon). In Mikes Militärstation findet er dessen Mobiltelefon und auf diesem einige Videodateien aus dem Irakkrieg. Um die Militärpolizei zu umgehen, nimmt Hank die Hilfe der örtlichen Ermittlerin Emily Sanders (Charlize Theron) in Anspruch. Da finden sich verbrannte Körperteile an einer Straßenkreuzung und es stellt sich heraus, dass es sich dabei um Mikes Überreste handelt. Doch Hank gibt nicht auf und will herausfinden, wer seinen Sohn umgebracht hat und wieso. Armee Lieutenant Kirklander (Jason Patric) tut dabei alles um die Arbeit von Emily zu sabotieren, während Hank auf ein Geheimnis um seinen Sohn stößt.

Vor zwei Jahren erhielt Paul Haggis bei den Academy Awards für sein Regiedebüt Crash die Auszeichnung als Bester Film und für das Beste Originaldrehbuch. In seinem zweiten Film wird sich der Kanadier keineswegs untreu, inszeniert vielmehr mit einem noch bescheideneren Budget von lediglich fünf Millionen Dollar. Darsteller Tommy Lee Jones sieht sich dank In the Valley of Elah nun seiner dritten Nominierung gegenüber, obwohl Haggis ursprünglich seinen Freund Clint Eastwood vorgesehen hatte. Der half Haggis wiederum, das Projekt ins Rollen zu bringen, da es sonst wohl wegen seines brisanten Themas keinen Produktionsstart erhalten hätte. Dies scheint sich gelohnt zu haben, denn es gelang dem Film allein in Amerika seine Kosten wieder einzuspielen, im Ausland brachte er bisher sogar das Doppelte ein, während In the Valley of Elah in Deutschland am 6. März starten wird.

Inspiriert wurde Haggis zu seinem Film von dem Playboy-Artikel Death and Dishonor, im Jahr 2004 geschrieben von Journalist Mark Boal. Er erzählt darin die wahre Geschichte des US-Soldaten Richard Davies, der 2003 aus dem Irakkrieg heimkehrte und umgebracht wurde. Sein Vater, der Kriegsveteran Lanny Davies, begann eigene Ermittlungen und bildete somit die Schablone für den von Haggis dargestellten Hank Deerfield. Haggis verband diese Geschichte mit einer weiteren und erschuf die Grundlage für sein Drama In the Valley of Elah, das man wohl als Antikriegsfilm bezeichnen könnte, ohne dem Film seinen Pathos und Patriotismus absprechen zu wollen. Denn Hank ist Patriot durch und durch und hält sogar auf seinem Weg zu seinem Sohn an der örtlichen Schule, weil dort der Hausmeister aus El Salvador versehentlich das Star Spangled Banner kopfüber gehisst hat.

Zudem ist Hank Militär durch und durch, was seine sporadische Bekleidung aus weißem Hemd über weißem T-Shirt beweist, ebenso wie sein pedantisches Bettbezug- und Schuhputzritual. Auch Hanks Söhne sind (oder waren) Militärs, was innerhalb der Familie – sprich: seiner Frau Joan – für Missstimmung sorgt. Denn nun ist nicht nur ihr ältester Sohn David verstorben, sondern auch ihr jüngster Sohn und letztgebliebenes Kind. Die Schuld daran gibt sie ihrem Mann, der seine Gattin in seine Ermittlungen und Informationen nicht einbezieht, diese ihr sogar vorenthält und praktisch als kurz vor der Pension stehendes Ein-Mann-Kommando fungiert. Dies muss auch die ermittelnde Polizistin Emily erfahren, die es in ihrer Behörde durch sexistische Anfeindungen der Kollegen eigentlich schon schwer genug hat, aber als Mutter um die Ängste über die eigenen Kinder weiß.

Während seiner Ermittlungen muss Hank dabei nicht nur feststellen, dass er seinen Sohn nicht so gut gekannt hat, wie er immer dachte und dessen Geheimnisse, zusammen mit denen der amerikanischen Regierung, wie die Verschwörung um Mikes Tod führen zu einer Erschütterung von Hanks Wertesystem. Die allein erziehende Emily, von ihrem Job genervt, merkt durch Hanks Pedanterie was es heißt zu ermitteln und erhält gegen Ende des Filmes noch mal eine eindringliche Lektion erteilt, ebenso wie ihre ganze Behörde. Der Titel von Haggis’ Werk ist dabei nicht ohne Hintersinn gewählt, denn auch in seinem Film wird ein Kampf thematisiert, den zu gewinnen eigentlich unmöglich ist. Die US-Soldaten stellen hierbei ebenjene unerfahrenen jungen Kämpfer dar, die sich gegen einen übermächtigen Gegner stellen müssen, in einem Krieg, der im Namen Gottes geführt wird.

Doch die Soldaten sehen sich nicht nur dem Schlachtfeld im Irak gegenüber, sondern auch einem zweiten und emotionalen Schlachtfeld, welches in ihren Köpfen beheimatet ist und in dem sie ganz alleine kämpfen müssen. Dass man erwartet, diese jungen Männer und Frauen, die sich im Irak im Prinzip für nichts wirklich verantworten müssen, anschließend wieder problemlos in die amerikanische Gesellschaft einzugliedern, ist ein utopischer Gedanke der Regierung. Denn was am Ende in der Nacht als Mike ermordet wird geschah, hängt mit dem Krieg zusammen und ist sowohl eine etwas profane Lösung und dann doch auch wieder irgendwie nicht. Zumindest ist es eine solche und Haggis lässt das Publikum lange um Unklaren, ob es nun tatsächlich eine Auflösung des Mordfalles oder ein Filmende a la Michael Hanekes Caché gibt. Sprich: Ein Ende, das einerseits viel zeigt und letztlich doch nichts ausdrückt.

Was etwas bitter aufstößt, ist eine Tatsache, die ironischer oder vielleicht auch gewollter Weise von einer der Figuren selbst angesprochen wird: Es handelt sich um Hanks ermittlerisches Gespür, ehemaliger Militärpolizist hin oder her. Wenn Hanks nachts im Dunkeln zum Tatort fährt und innerhalb von zwei Minuten das Mordszenario entwirft, das der Polizei entgangen war, dann denkt man sich nur das, was ihm Emily später vorwirft: Dass es schade ist, dass Hank die letzten 30 Jahre nicht zig Mordfälle gelöst hat. Hank hangelt sich in bester Columbo-Manier von einem Hinweis zum nächsten. Eine nächtliche Fast-Food-Rechnung wird subtrahiert und auf drei Verdächtige umgemünzt, auch mit Farben scheint die Polizei in New Mexico ihre Probleme zu haben. Dies wirkt unglaubwürdig, überhastet, zu sehr gewollt, neben Hank haben alle anderen Figuren keinen Platz und wirken inkompetent.

Die schauspielerischen Leistungen der Beteiligten sind dabei über allen Zweifel erhaben, besonders Jason Patric weiß zu gefallen. Man fragt sich jedoch, ob ein James Franco oder Josh Brolin in ihren kurzen Auftritten nicht etwas verschenkt sind, ebenso Susan Sarandon. Eingefangen und untermalt werden Haggis ruhige Bilder einer Suche nach seinem Sohn von Roger Deakins und Mark Isham und das es sich letzten Endes doch um einen Antikriegsfilm handelt, zeigt Haggis’ letzte und sehr schön geratene, wenn auch pathetische, Einstellung. Wie zuvor in Crash kratzt Haggis jedoch leider nur an der Oberfläche und opfert eine interessante Thematik seiner Familientragödie und wiederum diese entsprechend stark zu thematisieren. Betrachtet man aber seinen Rahmen, ist In the Valley of Elah ein durchaus gelungener Film mit einer der besten Finaleinstellungen der letzten Jahre.

7.5/10

7. Dezember 2007

Flags of Our Fathers & Letters from Iwo Jima

Ohne Frage stammte das ambitionierteste Filmprojekte dieses Jahres von Clint Eastwood und seiner back-to-back Verfilmung der Ereignisse der Schlacht von Iwo Jima vom Februar/März 1945. Dass sich Mr. Eastwood auch der japanischen Seite annahm und diese schließlich so inszenierte, wie er es getan hat, zeichnet ihn zweifellos aus und macht die Academy Award Nominierung verdient. Die Idee zum Film stammte aus dem Jahr 2000 als der Sohn eines der amerikanischen Flaggenhissers, James Bradley, ein Buch über die Ereignisse um ebenjene Flaggenhissung und der Schlacht um Iwo Jima veröffentlichte. Clint Eastwood wollte sich die Rechte sicher, aber wie so oft hatte sich Steven Spielberg zuerst darauf gestürzt. Spielberg wies William Broyles Jr. (Jarhead, Cast Away) an Bradleys Buch in eine entsprechende Filmvorlage umzusetzen, war dann aber im Nachhinein mit dem Ergebnis unzufrieden und wollte den Film zurückstellen, als er 2004 mit Clint Eastwood sprach und diesem am Ende doch die Regie überließ, jedoch als Produzent mit an Bord blieb. Das Drehbuch von Boyles Jr. wurde daraufhin vom neuen Autoren-Wunderkind Paul Haggis überarbeitet.

Der japanische Gesichtspunkt, ursprünglich Red Sun, Black Sand betitelt, entstammt einem Buch über die Briefe des kommandierenden Generaly Kuribayashi und einer Kriegshistorie von Kumiko Kakehashi. Während die Idee zum Teil auch von Paul Haggis stammt, zeichnet sich die bis dato unbekannte Iris Yamashita für das Drehbuch verantwortlich. Mit einem Budget das mit fünfzehn Millionen Dollar nur ein Drittel des von Flags ausmachte, gelang Eastwood ein beeindruckender Film, der ebenfalls wie Flags in sehr grauen und ausgebleichten Bildern daherkommt und zu Recht für vier Academy Awards nominiert worden ist. Das die Dreharbeiten in Kalifornien stattfanden merkt man dem Film nicht an und ist sicher auch Ursache für sein geringes Budget. Es ist, wenn man bedenkt dass Eastwood den Film in japanischer Sprache drehte, beachtlich, dass Letters dennoch in Amerika dreizehn Millionen Dollar einspielen konnte, auch wenn er selbstverständlich in Japan – wo er fünf Wochen auf Platz Eins stand – sehr viel erfolgreicher war. Dies erklärt sich wohl auch in der Besetzung der zweiten Hauptrolle mit dem Mitglied der Boygroup Arashi, Kazunari Ninomiya, während die erste Hauptrolle vom Export-Japaner Ken Watanabe ausgefüllt wird.

Flags of Our Fathers (2006)

No sense being a hero if you don’t look like one.

Mitten im Kriegsgeschehen trifft das Publikum zum ersten Mal auf John „Doc“ Bradley (Ryan Phillippe), Sanitäter eines US-Marine Corps in der Schlacht um den Hügel Suribachi auf der japanischen Insel Iwo Jima. Ein kurzer Erinnerungsfetzen eines alten Mannes, wie sich kurz darauf herausstellt, aber die Erinnerung ebbt nicht an und kehrt zurück in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Bradley und seine Kameraden rund um den amerikanischen Ureinwohner Ira Hayes (Adam Beach) und Rene Gagnon (Jesse Bradford) machen sich bereit um den Strand von Iwo Jima einzunehmen. Am fünften Tag der Schlacht gelingt es schließlich einigen Soldaten von Bradleys Einheit Suribachi einzunehmen und im patriotischen Geiste hissen die fünf Männer schließlich eine amerikanische Flagge. Da diese Flagge jedoch als Andenken zurück nach Washington sollte, wurden Bradley, Hayes, Gagnon und drei weitere Männer ihres Korps angewiesen eine zweite Flagge zu heißen. Diese Hissung wurde von Joe Rosenthal photographiert und markierte schließlich in den USA eine riesige Propagandawelle für Kriegsspenden, zu deren Zweck Bradley und seine beiden überlebenden Kameraden in die Heimat abberufen werden.

In ausgebleichten grauen Bildern konzentriert sich Eastwood in seinem Film auf ein Kapitel in Bradleys Buch – was ihm hinterher von vielen Menschen vorgeworfen wurde. Das Augenmerk setzt der Altstar dabei weniger auf die Schlacht und ihren Ausgang per se, als auf die Wirkung welche die Flaggenhissung auf das Leben der drei überlebenden Soldaten hatte. Insbesondere Hayes hatte es widerstrebt, für etwas als Held bezeichnet zu werden, was er nicht geleistet hat. Während der Schönling Gagnon in Rosenthals Bild (s)ein Ticket nach Hause sah und die Situation ausnutzen wollte, zerstörte das Photo sozusagen Hayes Leben. Bradley wird dabei als das Herz der Gruppe dargestellt, als Leim der alles zusammenhält. Während ihre Freunde und Kameraden in Japan starben und noch sterben, lassen sich die Drei breitschlagen durch das Photo Geld für den Krieg zu sammeln, damit dieser weitergehen kann und ihre Freunde nicht umsonst gestorben sind. Wirklich ändern tut sich jedoch nichts in dem Leben der drei, für Hayes und Gagnon soll es später sogar schlechter laufen, als sie es sich dachten, während insbesondere Hayes und Bradley immer wieder von Erinnerungen aus Iwo Jima heimgesucht werden, welche auch das Publikum zurück zu den wahren Ereignissen führen.

Hier liegt einer der Schwachpunkte des Filmes: die Rückblenden. Laut Haggis’ Aussage ließ sich das Buch nicht ohne sie und die daraus resultierende unlineare Struktur verfilmen, Eastwood setzt sie jedoch so ein, dass es mitunter störend wirkt. Dreißig Sekunden in Iwo Jima folgen zwei Minuten in den USA und daraufhin wieder eine Minute in Iwo Jima und dann wieder die USA. Hier wäre es besser gewesen, wenn er den Film in größeren, mindestens zehn Minuten langen Schritten erzählt hätte, da es durch seine kurzen Momente und das Kriegsgetümmel schwer fällt die verschiedenen Charaktere, vor allem Iggy und Franklin auseinander zu halten. Auch die finalen fünfzehn Minuten mit Ausblick auf den Lebensweg der Figuren sind schließlich zu langatmig geraten. Den Höhepunkt des Films markiert sicherlich die Szene um den Austausch der Flaggen, welcher von einer besonderen inneren Ruhe getragen zu werden scheint. Auch die Szenen um das Ableben von Mike Strank (Barry Pepper) oder Hank Hansen (Paul Walker) sind außerordentlich gut geraten, sodass sich sagen lässt, dass Flags of out Fathers dort am besten ist, wo die Handlung auf Iwo Jima spielt. Denn gerade von Pepper (der hier in seinem dritten Kriegsfilm spielt), Walker oder auch Robert Patrick hätte man generell noch gerne mehr gesehen.

Es dreht sich also alles um das Photo von Rosenthal, welches in der Heimat als Hoffnungsschimmer und Siegeszeichen wahrgenommen wird und für das stellvertretend mit Bradley, Hayes und Gagnon die einzigen drei Überlebenden zu Helden stilisiert werden. Als herauskommt, dass es gar nicht diese sechs waren, sondern andere fünf, welche für die Hissung verantwortlich sind, ist der Propagandazug bereits im Rollen. Kriege sind kostspielig und müssen unter allen Umständen gewonnen werden – zu diesem Zweck soll Rosenthals Photo dienen und selbst Präsident Truman erwartet von den drei Soldaten nichts anderes, als dass sie ihre Rollen spielen. Diese spielen zwar mit, damit das Leben ihrer gefallenen Kameraden nicht umsonst vergeudet wurde, übersehen aber dass eine Verlängerung des Krieges das Leben weiterer Kameraden kosten wird. Wie sehr ein einzelnes Photo den Verlauf eines Krieges beeinflussen kann ist dabei erstaunlich inszeniert und sicherlich eine Sichtung wert – den Status als Meisterwerk verdient sich Eastwoods Film dann aber nicht, auch wenn es einer der besseren Kriegsfilme ist.

7/10


Letters from Iwo Jima (2006)

See you on the other side.

Japanische Archäologen stoßen bei Ausgrabungen in Iwo Jima auf eine Tasche voller Briefe. Es handelt sich um Briefe der japanischen Soldaten, welche die Insel im Februar und März 1945 gegen die USA verteidigt haben. Einer dieser Soldaten ist der junge Bäcker Saigo (Kazunari Ninomiya), welcher lieber heute wie morgen den Amerikanern die Insel überlassen und zurück zu seiner schwangeren Frau kehren würde. Aber die Ankunft des neuen Generals Kuribayashi (Ken Watanabe) macht ihm wieder Hoffnung, da er sich als Freund und Vorbild seiner Soldaten erweist. Bei seinen Leutnants dagegen stößt er auf Widerspruch, da er den Strand nicht verteidigen und stattdessen die umliegenden Hügel mit Tunneln aushöhlen will. Als Kuribayashi die Nachricht erhält, dass weder die Luftwaffe noch die Marine die Verteidigung von Iwo Jima unterstützen werden, erkennt er, dass es sich um seine Suizidmission handelt und versucht dennoch die Verteidigung der Insel so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Als die Amerikaner schließlich eintreffen, spaltet sich Kuribayashis Truppe in zwei Lager, während die einen wie Leutnant Ito den ehrenvollen Tod suchen, bilden Kuribayashi und seine Anhänger um Saigo und Baron Nishi eine letzte Verteidigungsfront.

Wieso die Deutschen glaubten den Film synchronisieren zu müssen, bleibt wohl mal wieder im Unklaren, es ist jedoch selbstverständlich zu empfehlen Letters in der Originalsprache mit Untertiteln anzusehen. Wie bei allen asiatischen Filmen schon allein deswegen, weil die Sprache sehr viel wohlklingender und gewichtiger ist. Sehr schön in Szene gesetzt wird hierbei die Insel Iwo Jimo – auch wenn unklar bleibt, was alles wirklich Iwo Jima ist, und was nachgestellt – bedingt durch die wie bei Flags sehr ausgebleichten Bilder. Die erste Hälfte der Handlung, welcher der Vorbereitung auf die Invasion dient, ist dabei ausgesprochen ruhig geraten und dient der Charaktereinführung. Diese ist gegenüber Flags sehr viel besser und ausgearbeiteter, weshalb einem die Figuren recht schnell ans Herzen wachsen, insbesondere natürlich der schusselige Saigo, der in der Tat an der Front total fehl platziert zu sein scheint. Dass gerade Saigo ein fiktiver Charakter ist, macht das ganze dann auch sehr viel verständlicher. Überaschenderweise – auch wenn es einen rassistischen Unterton hat – fällt es einem bei Letters sehr viel leichter die Charaktere auseinander zu halten, als bei seinem amerikanischen Pendant, obschon Asiaten für das ungeschulte Auge alle „gleich“ auszusehen pflegen. Die Besetzung einer wichtigen Figur wie Saigo mit einem Popstar klappt hierbei vielleicht auch nur deswegen besser als in den USA z.B. mit Justin Timberlake, weil die Band Arishi in Europa (und Amerika) ziemlich unbekannt ist. Trotz allem macht Ninomiya seine Sache durchaus gut.

Kritisch beäugt wurde die Darstellung japanischer Kultur, welche sich in Letters natürlich vor allem durch den gewählten Freitod vieler Charaktere widerspiegelt. Wenn auch Klischee dürfte dies für den Zweiten Weltkrieg sicher noch der Fall gewesen sein, besonders dann, wenn der eigene Tod wie im Fall der Iwo Jima Soldaten mit großer Wahrscheinlichkeit sicher gewesen zu sein scheint und man den „ehrenvolleren“ Ausweg wählen wollte. Unmut zog auch die Gestapo-Darstellung der Kempeitai nach sich, deren Vertreter der Soldat Shimizu (Ryo Kase) darstellt. Dies mündet auch in den großen Kritikpunkt von Letters, der ähnlich wie in Flags zu Tage tritt: die Rückblenden. Diese sind in Letters absolut unnötig und bringen die Handlung in keinem Fall weiter, was ihre Einfügung ziemlich unverständlich macht. Die Kritik an den Kempeitai (Shimizu) oder der ehrenvolle Tod für Vaterland und Kaiser (Saigo), sowie die Tatsache, dass man auch manchmal gegen einen Freund kämpfen muss (Kuribayashi) führen nirgendwo hin und sind unerheblich. Gerade wenn man sie weggelassen hätte, wäre die Geschichte dadurch aufgewertet worden und hätte die aussichtlose Isolation der Männer auf Iwo Jima noch verstärkt.

Neben den Rückblenden bildet eine zweite Szene den großen Kritikpunkt und zwar die Darstellung der verschiedenen Militärkulturellen. Als der xenophile Baron Nishi einen verwundeten amerikanischen Soldaten pflegen lässt wird demgegenüber eine Szene gestellt, in der zwei japanische Kriegsgefangene von den Marines kaltblütig erschossen werden. Was das genau sollte fragt man sich umsonst, vor allem wenn man bedenkt, dass eine solche Handlung immer situations-, bzw. charaktergebunden ist. Denn Leutnant Ito hätte fraglos anders gehandelt, als es Nishi getan hat. Diese Szenen, sowie die Rückblenden und die unnötige Ein- und Ausleitung über die Archäologen sind also die Schwachpunkte des Filmes, der trotz allem ein kleines poetisches Meistwerk ist und es ohne Zweifel mehr verdient gehabt hätte der beste Film 2007 zu sein, als dieses billige amerikanische Remake eines anderen asiatischen Meisterwerks. Auch in dem Œuvre von Mr. Eastwood nimmt Letters eine vorrangige Stellung ein und gehört zu den Filmen, die man in diesem Jahr gesehen haben sollte, da der Film nicht nur für sich genommen bemerkenswert ist, sondern dies noch von der Tatsache verstärkt wird, dass es sich um einen Film mit amerikanischer Intention handelt.

8.5/10