19. Juli 2013

Jaws

Here lies the body of Mary Lee / Died at the age of 103
For 15 years she kept her virginity / Not a bad record for this vicinity.


Wenn er schon den Mythos vom Hai als Menschenkiller nicht mit seinem zweiten Kinofilm Jaws erschuf, so bestärkte ihn zumindest Regisseur Steven Spielberg vor 38 Jahren. Sein rund acht Meter langer weißer Hai hinterließ nicht nur an den Kinokassen und in der Popkultur bleibenden Eindruck, sondern auch im kollektiven Gedächtnis der Zuschauer. Dabei sind Haie wahrlich keine Menschenmörder, zumindest nicht im Vergleich zu anderen Spezies. Im vergangenen Jahr verliefen bei weltweit 70 Angriffen durch Haie sieben davon tödlich. Allein in den USA starben im selben Zeitraum 38 Personen durch Hunde, vornehmlich Pitbulls. Der Mensch hingegen tötet laut WildAid zufolge jährlich bis zu 100 Millionen Haie.

Die Marke von 100 Millionen überschritt auch Jaws hinsichtlich seines Einspielergebnisses in den USA – was zuvor noch keinem Film gelungen war (One Flew Over the Cuckoo’s Nest sollte es Ende desselben Jahres allerdings ebenfalls schaffen). Bis zur Veröffentlichung von George Lucas’ Star Wars zwei Jahre später war Jaws der erfolgreichste Film aller Zeiten – dabei war er von einer problematischen Produktion geplagt. Im Sommer zuvor hatte man statt wie geplant 55 Tage über fünf Monate an der Ostküste in Martha’s Vineyard verbracht, die Kosten für Jaws hatten sich von rund vier auf neun Millionen Dollar mehr als verdoppelt. Was ein Jahr später folgte, war dann die Geburtsstunde des Sommer-Blockbusters.

Mit geschuldet war dies auch der bis dato unnachahmlichen Bewerbung des Films durch Universal, die nicht nur auf dem Erfolg der gleichnamigen Romanvorlage von Peter Benchley fußte, sondern auch mannigfaltig im Fernsehen geschaltet wurde. Die Antizipation stieg beim Publikum immer mehr und als der Film dann 1975 in 409 Kinos landesweit anlief, stellte er einen weiteren Rekord auf. Jaws lief den ganzen Sommer lang vor ausverkauftem Haus, mit etwaigen Wiederaufführungen in den folgenden Jahren sollte die 9-Millionen-Dollar-Produktion ihren Produzenten rund 470 Millionen Dollar einspielen. Wohl insbesondere diesem Film haben Steven Spielberg und Komponist John Williams ihre Karrieren zu verdanken.

Gerade in Hinblick auf seine Filmografie der vergangenen 20 Jahre sieht man in Jaws recht anschaulich, zu welch mediokrem Regisseur Spielberg seither verkommen ist. “I was more courageous, or I was more stupid. I’m not sure which”, blickte Spielberg selbst in Laurent Bouzereaus The Making of Steven Spielberg’s ‘Jaws’ auf sein damals 26 Jahre altes Ich zurück. Zuvor hatte er für Universal The Sugarland Express abgedreht, die Ähnlichkeiten von Jaws zu seinem Debütfilm Duel weckten dann sein Interesse an dem Projekt. Auf offener See und mit einem mechanischen Hai wollte der junge Spielberg die Romanadaption umsetzen. Ein Erlebnis, das ihm in den kommenden Jahren viele Albträume bescheren würde.

“Had we read it twice”, sagte Produzent David Brown in Bouzereaus Film, “we never would have made Jaws. Als produktionstechnisch zu aufwendig wäre der Film eingeschätzt worden. Zur Legende wurde der obligatorische Funkspruch am Set, dass der mechanische Hai nicht funktionieren würde. Aus der Not – hier zeigt sich mit die Qualität des frühen Spielberg – wurde, wie sich zeigen sollte, eine Tugend gemacht. Die Anwesenheit des Haies deutete man schlicht an: entweder mittels der kongenialen Musik von John Williams und seinem unverwechselbaren Ostinato des Themes oder durch Objekte, die der Hai hinter sich herzog wie Piere, Menschen sowie Fässer. “That really saved us”, bestätigte auch Produzent Richard D. Zanuck.

Die Handlung des Films ist dabei recht simpel. Mitten in der Hochsaison und kurz vor dem Nationalfeiertag des 4. Juli ereignet sich in dem vom Sommertourismus lebenden Inselstädtchen Amity Island ein tödlicher Haiangriff auf eine junge Frau. Während der vom Festland stammende Polizeichef Brody (Roy Scheider) zur Sicherheit den Strand sperren will, möchte Bürgermeister Vaughan (Murray Hamilton) keine Massenpanik auslösen. Weitere Todesfälle rufen infolgedessen den Marinebiologen Hooper (Richard Dreyfuss) sowie den Haifischjäger Quint (Robert Shaw) auf den Plan, mit denen gemeinsam sich Brody daraufhin aufmacht, den riesigen weißen Hai auf offener See zu finden und zu töten.

Im Vordergrund – und daran sind die technischen Probleme am Set nicht unschuldig gewesen – stehen in Jaws die Charaktere, nicht der Hai und auch nicht unbedingt die von ihm ausgehende Bedrohung. Der nach Amity Island gezogene Brody sieht sich nicht nur mit einem Hai-Problem in einem ihm unbehaglichen Element konfrontiert, sondern in Person von Vaughan und den vom Tourismus abhängigen Einwohnern auch einem solchen auf dem Land. “Amity is a summer town. We need summer dollars”, erklärt Vaughan. Die Crux der Situation ist, dass sowohl Brody als auch der Zuschauer in gewisser Weise die Position von Vaughan und der Stadt bezüglich einer Schließung der Strände nachvollziehen kann.

Städte wie Amity Island leben vom Sommertourismus und fällt eine Saison aus, sind womöglich Existenzen gefährdet – und für Vaughan seine Wiederwahl. Zugleich ist auch dem Zuschauer so klar wie Brody, dass der Hai eine ebenso große Gefahr darstellt – für den Tourismus wie das Wohl der Badenden. Die ersten zwei Akte von Jaws auf Amity Island sind somit in gewisser Weise fast ein Film für sich, voll von lokalpolitischen Untertönen und Existenzangst in doppelter Hinsicht. Mit Brody als Identifikationsfigur kann sich das Publikum auf einer Wellenlänge „hinaus ins Meer“ wagen: Von seiner ersten impulsiven Entscheidung über seine folgende passive Akzeptanz bis hin zu seiner aktiven Kehrtwende.

Der Hai fungiert gerade in der ersten Filmhälfte fast als Chimäre, eine unsichtbare Gewalt, die sich bloß über ihre Opfer nachvollziehen lässt. Dass das Tier nicht zu sehen ist, steigert die (An-)Spannung nur umso mehr. Von der Untersichtaufnahme Chrissies zu Beginn über die Pierattacke auf Denherder und Charlie bis zum Ableben des Kintner-Jungen. Erst bei seinem Angriff im Ästuar erhält man als Zuschauer einen wirklichen Eindruck vom Umfang des Haies. Und trotz seines damaligen PG-Ratings schafft es der Film überraschend gekonnt einige minimale aber dennoch effektive Gore-Szenen abgetrennter Körperteile zu zeigen, sei es Chrissies Unterarm, Ben Gardners Kopf oder das Bein des Ästuar-Seglers.

Dienen die ersten beiden Akte der dramatischen Exposition und sind dahingehend von nicht zu leugnenden Horrorelementen durchzogen, läutet Spielberg das Schlussdrittel mit John Williams’ vergnüglichem, an einer Piratenthematik orientierten, Stück „Out to Sea“ als von einem Abenteuercharakter durchzogenes Finale ein. Die vier Hauptfiguren – Brody, Hooper, Quint und der Hai – sind nunmehr unter sich und auf sich allein gestellt. “This isn’t no boy scout picnic”, grummelt Quint. Auf hoher See nimmt Jaws dann mehr seiner Qualitäten von Moby Dick an, wenn der Hai nach und nach die Orca überprüft, während die drei Männer erst ein und dann immer mehr Luftfässer in seine Finne und Rücken jagen.

Die auf- und abtauchenden Fässer des sich immer wieder nähernden und entfernenden Haies tragen zur Dramatik weit mehr bei als es Spielbergs mechanischer Animatronic vermocht hätte. Auch hier nimmt sich der Regisseur die Zeit, die Hai-Szenen durch intensive Charaktermomente zu unterbrechen. Der abendliche Narbenvergleich zwischen Hooper und Quint ist inzwischen längst Teil der Popkultur und wurde sowohl in Lethal Weapon 3 als auch in Chasing Amy zitiert. Derweil ist Spielbergs persönliche Lieblingsszene jener Indianapolis-Monolog von Quint, der auf einer Idee von Skript Doktor Howard Sackler basierte, die von John Milius erst aus- und von Robert Shaw schließlich nochmals überarbeitet worden war.

In gewisser Weise reißt somit Shaw, dessen Figur bis auf eine Szene weitestgehend abwesend war, im dritten Akt gemeinsam mit der verstärkten Präsenz des Haies das Geschehen an sich. Das Moby Dick-Motiv nimmt immer mehr zu und kulminiert letztlich in Shaws Tod durch das Tier. Unterdessen war der zuvor agierende Brody immer mehr in den Hintergrund gerückt und wird erst zum Schluss wieder richtig aktiv als alles verloren scheint. Die Dramaturgie will es, dass der Antagonist des Films am Ende weder vom Haifischjäger noch vom Meeresbiologen gestoppt wird. Vielmehr ist es der auf Amity Island nach Frieden suchende Polizist aus New York, der das enorme Biest zur Strecke bringen muss.

Wenn man so will, ist Marcus Brody also der Antiheld der Geschichte. Der vor den grausamen Morden des Big Apple flieht, um im beschaulichen Inselstädtchen mit nicht minder verunstalteten Leichen konfrontiert zu werden. Roy Scheider gibt seinen Polizeichef dabei als vernünftigen Normalo und fürsorglichen Vater. Ein every man, wie er später in nahezu jedem Spielberg-Werk auftauchen wird. Auch Robert Shaw, Murray Hamilton und Richard Dreyfuss überzeugen in ihren jeweiligen Rollen, wobei man als Zuschauer dankbar sein muss, das sich Spielberg gegen die Darstellung der Affäre zwischen Hooper und Ellen Brody (Lorraine Gary) – wie in Peter Benchleys Roman geschildert – entschieden hat.

Interessanterweise scheinen es, vielleicht auch nur in den 1970er Jahren, jene Filme mit großen Problemen in der Produktion wie Jaws, The Godfather oder Apocalypse Now zu sein, die infolgedessen statt zum Flop zu Meisterwerken der Filmgeschichte avancierten. Wie sich zeigte, sollte zumindest Jaws von seinen Verzögerungen letztlich profitieren, was sich neben der angedeuteten Präsenz des Haies auch in so manchen improvisierten Szenen – darunter Scheiders Kultzitat “You’re gonna need a bigger boat” – niederschlug. Durch die oft im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallenen Einstellungen konnten Darsteller und Drehbuchautor Carl Gottlieb vor Ort kontinuierlich am Endprodukt feilen.

Der fertige Film und sein kulturelles Erbe wirken da natürlich wie Balsam, dennoch verschleierte Spielberg nie, dass neben einem lachenden auch ein weinendes Auge existiert. “A fun movie to watch”, nennt er Jaws da völlig korrekt, “but not a fun movie to make”. Der Zweck heiligt die Mittel, ließe sich wohl sagen. Jaws ist ein Film, der auch nach bald 40 Jahren nichts von seiner Klasse eingebüßt hat und fraglos zu Spielbergs wenigen wirklichen Meisterwerken zählt. Und genau genommen gewinnt der Film nur noch mehr an Qualität, wenn man sich anschaut, welche Filme der Regisseur heutzutage macht. Weshalb Steven Spielberg gut daran täte, mal wieder den mutigen 26-Jährigen von einst in sich herauszukitzeln.

10/10

12. Juli 2013

Pacific Rim

I’m a big believer in second chances.

Es gibt sicher bessere Bewerbungszeugnisse als das Drehbuch – oder zumindest die erste Fassung ebendieses – zum katastrophalen Fantasy-Remake Clash of the Titans verfasst zu haben. Da jedoch Louis Leterriers Perseus-Quark ein moderater Kassenerfolg war, der im Vorjahr mit der Fortsetzung Wrath of the Titans bedacht wurde, verwundert es nicht, dass Drehbuchautor Travis Beachem erneut mit einer Geschichte Hunderte Millionen Dollar aus Produzenten herausleiern konnte. Das Ergebnis heißt Pacific Rim und ist ein wenig origineller Versuch, die populäre japanische Anime-Serie Neon Genesis Evangelion soweit als Live-Action-Film zu pervertieren, dass man eine Urheberrechtsklage vermeiden kann.

Hier wie da schlüpfen Menschen also in Riesenroboter, um sich mit riesigen Monstern oder Aliens zu kloppen. Wie Transformers eben, nur mit einem menschlichen Aspekt. Die Idee dahinter ist vermutlich, dass sich mit einem von Menschen kontrolliertem Avatar eher mitfiebern lässt als mit einem außerirdischen Kraftfahrzeug. Statt in Evangelions schlüpfen die Piloten um Held Raleigh Becket (Charlie Hunnam) in Pacific Rim in so genannte Jaeger, die wiederum gegen außerirdische Monster – im Film kaiji genannt, basierend auf dem japanischen Filmsubgenre um Gojira und Konsorten – kämpfen, die durch ein Dimensionsportal am pazifischen Meeresgrund auf unserem Planeten erscheinen und dessen weltweite Invasion anstreben.

Damit eint Pacific Rim viel mit den übrigen Sommer-Blockbustern à la The Avengers oder Man of Steel – Alien-Invasion-Filme als Effektgewitter ohne echte Persönlichkeit. Allerdings ist die Prämisse in diesem Fall relativ simpel, wenn Jaeger und kaiji in ein Rock ‘Em Sock ‘Em-Szenario geschickt werden und man sich an der daraus resultierenden Zerstörungsorgie ergötzen soll. Problematisch wird es im Falle von Pacific Rim dadurch, dass der Film seine simple Prämisse in eine unnötig komplizierte Narration verpackt. So tut sich die Geschichte merklich schwer damit, ihren eigenen Jaeger-Steuerungsmechanismus namens The Drift – wobei zwei Piloten mittels Erinnerungsteilung ihre Psyche verschmelzen – zu verstehen.

Eben aus diesem Talent resultiert die Rekrutierung von Protagonist Raleigh Becket und seinem Bruder. Der richtige Drift-Partner ist entscheidend für die Effizienz und Funktionalität des Jaegers. Das zumindest propagiert der Film über eine Stunde lang, wenn erläutert werden soll, wieso die junge Mako Mori (Kikuchi Rinko) sich so ideal als Partnerin – natürlich in mehr als einer Hinsicht – für Raleigh eignet. Angesichts dieser ausgiebigen Exposition überrascht es durchaus, dass das Konzept für den dritten Akt ausgehebelt wird. Die Ursache liegt an dem Konformitätszwang des Films, der sich stur an gängigen Vertretern seiner Zunft orientiert. Was umso enttäuschender ist, wenn man bedenkt, wer hier Regie geführt hat.

Hinter der Kamera saß kein Louis Leterrier, Jonathan Liebesman oder McG, vielmehr Guillermo del Toro. Gezeichnet von Produktionsverzögerungen sowohl bei The Hobbit: An Unexpected Journey als auch seinem Passionsprojekt At the Mountains of Madness scheint der Mexikaner nach fünf Jahren nach dem erstbesten filmischen Strohhalm gegriffen zu haben, der sich ihm bot. Was seine vorherigen Filme ausgezeichnet hat, fehlt hier vollkommen. Im Audiokommentar des Oscarnominierten El laberinto del fauno nannte del Toro diesen “not a blockbuster movie, not a massive movie but a delicate little film from the heart”. Pacific Rim ist das absolute Gegenteil: ein klotzender Blockbuster ohne einen Anflug von Herz.

Profillose Figuren wie Jaeger-Leiter Stacker Pentecost (Idris Elba) klopfen pathetische Sprüche wie “Today we are cancelling the apocalypse!” und treffen Entscheidungen, die mit fortlaufender Dauer immer weniger Sinn ergeben oder nachvollziehbar sind. Die Riege der charakterlosen Charaktere reicht von einem schrulligen Wissenschaftsduo (u.a. Charlie Day) über einen deplatzierten Cameo von del Toro-Spezi Ron Perlman als kaiji-Organhändler Hannibal Chau bis hin zum bärbeißigen Iceman-Verschnitt Chuck Hansen (Robert Kazinsky) und dessen Jaeger-Kollegen (die passend aus China und Russland stammen). Letztere lernt man natürlich nie kennen, was erwartungsgemäße Konsequenzen für sie hat.

Somit sind die eindimensionalen Figuren so leblos wie ihre Jaeger-Roboter – die einzige emotionale Wucht vermag eine Rückblende von Mako Mori zu entwickeln, in der die junge Ashida Mana authentischer auftritt als das gesamte Ensemble den Film hindurch. Wenn schon die Charaktere nicht überzeugen, kann es die Handlung noch weniger. Für die kaiji fällt Beachem nichts Besseres ein als das durchgekaute Invasionsszenario, von der Vielschichtigkeit eines Gojira ist dieser Monsterfilm meilenweit entfernt. Stattdessen folgt Pacific Rim vorgefertigten, schablonenhaften Filmmustern, bis hin zum über seine eigenen dramatisierenden und visuellen Effekte stolpernden finalen Showdown am Meeresboden.

Die Action selbst verliert sich in einer ähnlichen Unübersichtlichkeit wie sie bereits Transformers: Revenge of the Fallen plagte. Wenn digitaler Jaeger auf digitalen kaiju trifft, wird im nächtlichen Regen – bei zusätzlich verdunkelndem, mehrwertlosen 3D-Effekt – nur selten klar, wer wem grad welche Extremität abgerissen hat. Ohnehin ist die Choreografie der Kämpfe grenzwertig dämlich, wenn beispielsweise nach ollem Gekloppe als letztes Mittel ein ausfahrbares Schwert herhalten soll, mit welchem der Gegenüber geköpft wird. Dass dies die letzte und nicht die erste Attackenwahl darstellt, ist sinnbildlich. Bei derartigen Taktiken verwundert es nicht, dass die Menschheit am Rande der Auslöschung steht.

Die exorbitante Länge von über zwei Stunden – die mit dazu dient, die blassen Figuren einzuführen – setzt dem Ganzen dann die Krone auf. Wieso sich Pacific Rim selbst so viele Probleme bereitet, verwundert. Am Ende trägt die simple Prämisse weder die verkomplizierte Handlung, noch vermögen die versteift-vertieften Klischee-Charaktere Sympathien zu erzeugen. Als kurzweilige Fantasy-Action versagt der Film somit ebenso wie als vielschichtige Renaissance des Monsterfilms. Wirklich schade ist es am Ende lediglich um Guillermo del Toro, der sich in diesem Kuddelmuddel irgendwie nicht so recht wiederfinden will und dem man nur wünschen kann, sich alsbald mit einer zweiten Chance hiervon zu rehabilitieren.

5/10

6. Juli 2013

Journey

Der Weg ist das Ziel.
(Konfuzius, *551 B.C. †479 B.C.)

Die Videospiel-Welt von heute ist ähnlich gestrickt wie auch die der Filmlandschaft: Nutzer und Kunden erwartet ein Einheitsbrei. Zuletzt wurde bereits bei The Last of Us von mir kritisiert, dass der Atmosphäre des Spiels viel dadurch genommen wird, weil es sich zu sehr auf Stealth- und Shooter-Elemente konzentriert. Mehr Mut zum originellen Individualismus hatte ich gefordert, wie man ihn von Team Ico kennt. Oder eben von thatgamecompany. Der unabhängige Spielenentwickler warf bereits 2009 mit Flower ein ungewöhnliches Spiel auf den Markt, in dem man in einem Pflanzentraum Blumenblätter mit dem Wind lenkt. Lob von allen Seiten gab es auch im Vorjahr für ihr einzigartiges Erlebnisspiel Journey.

Dieses ist ähnlich wie zuvor Flower oder flOw relativ simpel gehalten. Man spielt eine Figur im roten Burka-Umhang ohne Namen oder sonstige Eigenschaften, mit ihren leuchtenden Augen als prägnantestem Merkmal. Ausgesetzt in einer Sandwüste gilt es, sich zu einem Tempel am Horizont zu begeben, aus dem ein Lichtstrahl gen Himmel schießt. Die Wüste selbst ist lediglich bevölkert von Ruinen, mit Runen verzierten Steinen sowie hier und da fliegenden Tüchern. Gelegentlich trifft man eine andere, ebenfalls in roter Burka gekleidete Figur – oder auch nicht. Abhängig davon, wie viele andere Spieler außer einem selbst ebenfalls aktuell online sind. Gemeinsam oder allein macht man sich dann auf den Weg.

Mehr gibt es nicht. Keine Gegner oder Endbosse, keine Waffenupgrades. Findet man gelb leuchtende Symbole, lässt sich ein Schal am Rücken der Burka verlängern. Mit diesem kann man über kurze Strecken fliegen. Je länger der Schal, desto länger dauert der Flug an. Zudem gibt es steinerne Wandteppiche zu entdecken, die von der Vorgeschichte der Handlung erzählen und über die einen auch eine mysteriöse, in weiß gekleidete Gestalt an Zwischenstationen informiert. Ähnlich wie bei dem Begleiter kann man diese Symbole und Wandteppiche suchen – muss es aber nicht. Alles drei steigert jedoch das Spielvergnügen ungemein, welches mit circa zwei Stunden verhältnismäßig kurz ist. Das sich aber vollkommen lohnt.

Denn Journey ist kein Game, das man spielt, sondern eines, das man erlebt. Das einen fasziniert, mitreißt und emotional ungemein stimuliert. Was erneut umso erstaunlicher gerät, da es so simpel gehalten ist. Während The Last of Us die Figuren Comics finden und ewig diskutieren lässt, um ihnen etwas mehr Tiefe zu verleihen, reduzierte Schöpfer Jenova Chen sein Spiel auf das Rudimentärste: die Humanität seiner Spieler. Trifft man einen anderen Spieler, kann man mit diesem lediglich mittels einer Art Sonarschreis kommunizieren. Und dennoch funktioniert die Kommunikation. Oder auch nicht. Wird per Missgeschick der Schal des Begleiters versehentlich gekürzt, fühlt man sich entsprechend schlecht.

Die Identität des anderen Spielers wird dabei bis zum Ende des Abspanns geheim gehalten. Oftmals ist man in einem Durchgang auch weitaus mehr Spielern begegnet als man gedacht hat. Das Zusammenspiel mit seinem Gegenüber hebt das Erlebnis nochmals auf eine andere Ebene. So geht Multiplayer speziell. So geht Videospiel allgemein. Die grandios animierte Szenerie tut dazu ihr Übriges. Egal ob der Sand gelb oder pink ausfällt, er glitzert, funkelt und badet im Licht der Sonnenstrahlen. Traumhaft ist jene Episode, in der man im Sonnenuntergang durch eine Ruinenstadt rutscht. Aber auch eine spätere Schneelandschaft zeigt die Qualität des Spiels sowohl in visueller als auch in narrativ-logischer Hinsicht deutlich auf.

Abgerundet wird dies durch die kongeniale Musik von Austin Wintory, die die jeweiligen emotionalen Momente passend unterstreicht. Das Einzige, was man Journey vorwerfen könnte, wäre seine kurze Spielzeit. Aber auch nur, weil man sich als Spieler nach noch einem Level sehnt, noch mehr Zeit mit seinem Partner, noch mehr von diesem Erlebnisrausch der in der Videospiellandschaft seinesgleichen sucht. Kaum einer dürfte Journey lediglich ein Mal durchspielen, hier gerät wiederum die kurze Spieldauer zum Vorteil. Jenova Chen und thatgamecompany sind folglich ein würdiger Nachfolger für das tolle Flower gelungen. Die Vorfreude auf das nächste Spiel ist somit groß. Wie die Gewissheit: Es wird kein Einheitsbrei sein.

10/10

1. Juli 2013

Filmtagebuch: Juni 2013

THE ABCS OF DEATH
(USA/NZ 2012, Xavier Gens/Ti West u.a.)
5/10

THE ABYSS [SPECIAL EDITION]
(USA 1989, James Cameron)

4/10

AMER
(F/B 2009, Hélène Cattet/Bruno Forzani)
1.5/10

BESTIAIRE
(CDN/F 2012, Denis Côté)
7/10

CHASING ICE
(USA 2012, Jeff Orlowski)
5/10

DJANGO UNCHAINED
(USA 2012, Quentin Tarantino)
6/10

DUST TO GLORY
(USA 2005, Dana Brown)
4.5/10

FANTASTIC FOUR
(USA/D 2005, Tim Story)
7/10

FANTASTIC FOUR: RISE OF THE SILVER SURFER
(USA/D/UK 2007, Tim Story)
6/10

FIGHT CLUB
(USA/D 1999, David Fincher)
4/10

THE HAPPENING
(USA/IND/F 2008, M. Night Shyamalan)
1/10

THE HOUSE OF THE DEVIL
(USA 2009, Ti West)
7/10

THE INNKEEPERS
(USA 2011, Ti West)
8/10

THE LAST STAND
(USA 2013, Kim Jee-Woon)
5.5/10

LOCKOUT
(F 2012, James Mather/Stephen St. Leger)
5/10

MAN OF STEEL
(USA/CDN/UK 2013, Zack Snyder)
4/10

PAWN STARS - SEASON 2
(USA 2009/10, Jairus Cobb u.a.)
7.5/10

ROOM 237
(USA 2012, Rodney Ascher)
2/10

SHORT CIRCUIT [NUMMER 5 LEBT!]
(USA 1986, John Badham)
6.5/10

SOUTHLAND TALES
(USA/F/D 2006, Richard Kelly)
8/10

STANLEY KUBRICK: A LIFE IN PICTURES
(USA 2001, Jan Harlan)
7.5/10

SUNSET BLVD. [BOULEVARD DER DÄMMERUNG]
(USA 1950, Billy Wilder)

10/10

SUPERMAN
(UK 1978, Richard Donner)
7.5/10

SUPERMAN II
(USA/UK 1980, Richard Lester)
4/10

SUPERMAN RETURNS
(USA 2006, Bryan Singer)
8/10

VEEP - SEASON 2
(USA 2013, Chris Addison u.a.)
7/10

V/H/S
(USA 2012, Ti West u.a.)
4/10

X-MEN: FIRST CLASS [X-MEN: ERSTE ENTSCHEIDUNG]
(USA 2011, Matthew Vaughn)

5.5/10

Werkschau: Stanley Kubrick


DAY OF THE FIGHT [KURZFILM]
(USA 1951, Stanley Kubrick)

7.5/10

FLYING PADRE [KURZFILM]
(USA 1951, Stanley Kubrick)

6.5/10

FEAR AND DESIRE
(USA 1953, Stanley Kubrick)
6.5/10

THE SEAFARERS [KURZFILM]
(USA 1953, Stanley Kubrick)

6/10

KILLER’S KISS [DER TIGER VON NEW YORK]
(USA 1955, Stanley Kubrick)

7/10

THE KILLING [DIE RECHNUNG GING NICHT AUF]
(USA 1956, Stanley Kubrick)

8.5/10

PATHS OF GLORY [WEGE ZUM RUHM]
(USA 1957, Stanley Kubrick)

8/10

SPARTACUS
(USA 1960, Stanley Kubrick)
7.5/10

LOLITA
(UK/USA 1962, Stanley Kubrick)
7/10

DR. STRANGELOVE OR:
HOW I LEARNED TO STOP WORRYING AND LOVE THE BOMB

(USA/UK 1964, Stanley Kubrick)
8/10

2001: A SPACE ODYSSEY [2001: ODYSSEE IM WELTRAUM]
(USA/UK 1968, Stanley Kubrick)

9.5/10

A CLOCKWORK ORANGE [UHRWERK ORANGE]
(UK/USA 1971, Stanley Kubrick)

7.5/10

BARRY LYNDON
(UK/USA 1975, Stanley Kubrick)
7.5/10

THE SHINING
(UK/USA 1980, Stanley Kubrick)
8/10

FULL METAL JACKET
(UK/USA 1987, Stanley Kubrick)
7/10

EYES WIDE SHUT
(UK/USA 1999, Stanley Kubrick)
9/10

26. Juni 2013

Die Top 5: The Shield

Good cop and bad cop have left for the day. I’m a different kind of cop.

Der Polizei- bzw. Kriminalfilm besitzt sein ganz eigenes Genre, im Fernsehen gerne auch “police procedural” genannt. Von Kojak über Miami Vice bis hin zu Law & Order werden seit über 40 Jahren die Erlebnisse der Gesetzeshüter in Amerikas Großstädten erzählt. In den vergangenen Jahren ging der Trend mehr hin zum Realismus, Serien wie The Wire versuchten sich als sozio-kultureller Kommentar darzustellen, andere Shows wie The Shield eher als eine Tragödie mit shakespeareschen Anleihen. Letztere, von Shawn Ryan konzipierte Serie, lief von 2002 bis 2008 auf dem Kabelkanal FX und erzählt von einer Einheit korrupter weißer Ermittler in einem Minoritäten-Stadtteil von Los Angeles.

Vic Mackey (Michael Chiklis) leitet die Sondereinheit des Strike Teams, das sich auf die Gangs im Viertel spezialisiert. Mit seinem Team (Walton Goggins, Kenneth Johnson, David Rees Snell) legt er das Gesetz jeden Tag aufs Neue selbst aus, was ihn bei seinem Vorgesetzten, David Aceveda (Benito Martinez), in Misskredit gebracht hat. Mackey macht Deals mit Drogenhändlern, unterschlägt hier und da etwas Geld und wendet bereitwillig Gewalt an, um seinen Standpunkt klarzumachen. Von Kollegen wie der Streifenpolizistin Danny Sofer (Catherine Dent) wird das akzeptiert, von Ermittlerin Claudette Wyms (CCH Pounder) geduldet und von ihrem Partner ‘Dutch’ Wagenbach (Jay Karnes) eher missbilligt.

Nun erzählt The Shield nichts, was man nicht bereits anderswo gesehen hätte. Egal ob Colors oder die Filme von Polizei-Fan David Ayer wie End of Watch oder Street Kings, alle sind voll von Rassenunruhen, Korruption und Straßengangs in Los Angeles. Letztlich ist The Shield somit eine Polizeiserie von vielen, auch wenn Blogger-Kollegen wie Bullion („Eine mitreißende und schockierende Cop-Serie“) oder Stefan Rybkowski das anders sehen. Dabei legt die Serie durchaus Wert darauf, alle ihre Figuren mit Makeln zu versehen – manche mehr als andere. So sind Wyms und Wagenbach von Egomanie zerfressen, während Aceveda (im Serienfinale nicht unpassend “ass invader” ausgesprochen) sogar gänzlich inkompetent ist.

Somit ist die zentrale Identifikationsfigur der amoralische Vic Mackey, ein klassischer guter Polizist, der nebenbei böse Sachen macht. Zum Beispiel – Achtung: Spoiler – direkt zum Ende der Pilotfolge einen von Aceveda angeheuerten Undercover-Cop in der eigenen Einheit hinrichten und es einem Dealer in die Schuhe schieben. Jener Vorfall ist es auch, der letztlich die späteren Entwicklungen der letzten drei Staffeln auslösen und beherrschen wird. Shawn Ryan und Co. zeigen allerdings oft genug, dass Mackey zum einen das Wohl des Viertels am Herzen liegt und zum anderen, dass es zumeist seiner Arbeitsmentalität zu verdanken ist, wenn Verbrechen wie Drive-by-Shootings oder Morde schnell aufgelöst werden.

“I’m the best there is at what I do, but what I do best isn’t very nice”, hatte bereits Wolverine gesagt und diese Selbstdarstellung passt auch auf Mackey (zum Ende der finalen Staffel bezeichnet er sich ohne Umschweife als “action hero”). Er ist fraglos ein tragischer Held à la Macbeth, der sich sein eigenes Grab schaufelt beziehungsweise gleich zu Beginn eine Suppe einbrockt, die er sieben Jahre lang auslöffeln wird. Hinter Mackeys Darstellung stehen die übrigen Figuren leider etwas zurück. Manchen wie Strike Team-Mitglied Ronnie (David Rees Snell) widmet man sich gar nicht, andere wie sein Kollege Shane (Walton Goggins) oder Aceveda stagnieren und Wyms macht irgendwann sogar eine Kehrtwende um 180 Grad.

War ihr zu Beginn Mackeys Art des Polizeidienstes schnuppe (“I don’t judge other cops.”), macht sie am Ende wegen diesem mehr Theater als selbst Aceveda. Dabei ist es sogar Mackey, der von allen am effektivsten in seinem Kommissariat arbeitet. Zuvorderst wird in The Shield jedoch intrigiert, fingiert und kompromittiert. Und wie die Serie das zeigt, ist keinesfalls schlecht, allerdings auch selten wirklich überdurchschnittlich. So ragen aus den 88 Episoden nur sieben Folgen wirklich erkennbar heraus, die fünf besten von ihnen sollen im Folgenden vorgestellt und präsentiert werden. (Leichte) Spoiler lassen sich bei sieben ineinandergreifenden Staffeln jedoch nicht vermeiden, insofern sei “viewer discretion advised”:


5. Back to One (Season 6, Episode 3/Gwyneth Horder-Payton): In seiner Suche nach dem vermeintlichen Mörder eines Freundes und Kollegen verliert sich Vic immer mehr in seiner unkontrollierbaren Rachsucht. Zuvorderst gefällt in dieser Folge jedoch, dass der sonst oft in den Hintergrund gedrängte Ronnie für einen Fall vom Strike Team abgezogen wird und bei der Sprengung eines Drogenrings sein Können zeigen darf.

4. Possible Kill Screen (Season 7, Episode 12/Billy Gierhart): Die vorletzte Episode der Serie drängt Vic mit dem Rücken zur Wand. Angesichts seiner bevorstehenden Entlassung aus dem Dienst und der Gefahr, womöglich alles zu verlieren, entschließt sich Vic im Austausch für seine Kooperation gegenüber der Zollbehörde von dieser mit Immunität für seine Verbrechen ausgestattet zu werden. Die Folge: ein mehrstündiges Geständnis.

3. Mum (Season 3, Episode 5/Nick Gomez): Infolge der Ereignisse zum Ende der 2. Staffel steht das Strike Team unter strenger Beobachtung von Wyms und Aceveda. Letzterer tut sich allerdings damit selbst keinen Gefallen und als er auf eigene Faust Ermittlungen an einem Tatort anstellt, kommt ihm seine fehlende Erfahrung im Polizeidienst zu Schaden. Die Vorfälle dieser Folge werden den Captain zwei weitere Staffeln begleiten.

2. Dragonchasers (Season 1, Episode 10/Nick Gomez): Während Vic seine menschliche Seite zeigt und einer Informantin beim Drogenentzug helfen will, darf Wagenbach sich im Verhör mit einem gerissenen Serienmörder beweisen. Dies stellt Dutch vor seine bisher größte Prüfung, professionell wie psychologisch. Das Resultat ist am Ende neugewonnener Respekt in seinem Dezernat, allerdings auch eine tränenreiche Selbsterkenntnis.

1. Trophy (Season 5, Episode 5/Philip G. Atwell): Die internen Ermittlungen von Jon Kavanaugh (Forest Whitaker) gegenüber Vic und dem Strike Team scheinen nach einer Abhörung von deren Büro zu einem Ende zu kommen. Doch wie sich zeigt, hat Kavanaugh die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn Vic demonstriert auf eindrucksvolle und ausgeklügelte Weise sein Genie – schafft sich damit aber einen unkontrollierbaren Antagonisten.

20. Juni 2013

The Last of Us

You make every shot count.

Mit Zombies, zumindest der alten Romero’schen Schule, ist es so, dass sie individuell relativ harmlos sind, als Masse jedoch riskant daherkommen. Ähnlich könnte man es mit Filmen und anderen Geschichten halten, die sich Zombies oder Zombie-ähnlicher Antagonisten (meist als „Infizierte“ gebrandmarkt) bedienen. Nach 28 Days/Weeks Later, Dawn of the Dead, Zombieland, Warm Bodies, World War Z und The Walking Dead ist das Genre selbst ein fast nicht tot zu kriegender Zombie geworden. Weshalb es nicht überrascht, dass das post-Zombie-apokalyptische Szenario vermehrt Einzug in die Spielwelt gewinnt. Aktuell der Fall in The Last of Us, dem angeblichen neuen PlayStation-3-Referenzspiel von Naughty Dog.

Darin wird die Welt – zumindest jedoch die USA – im Jahr 2013 von einer Cordyceps-Pandemie heimgesucht. Parasitische Pilze, die sich im Gehirn der Infizierten einnisten und diese als Wirt missbrauchen. In Austin, Texas muss unser Held Joel (Troy Baker) am Abend des Krankheitsausbruchs mit persönlichen Verlusten klarkommen, ehe die Handlung 20 Jahre in die Zukunft und an die Ostküste nach Boston springt. Inzwischen in einer vom Militär regierten Quarantänezone als Plünderer lebend, werden Joel und seine Partnerin Tess (Annie Wersching) von Firefly-Widerstandskämpferin Marlene (Merle Dandridge) engagiert, um die 14-jährige Ellie (Ashley Johnson) an Militär und Infizierten vorbei aus der Stadt zu schmuggeln.

Nicht alles verläuft dabei nach Plan und schon bald sieht sich Joel, der von dem ganzen Plan ohnehin von Anfang an nichts gehalten hat, alleine für Ellie verantwortlich. Nun gilt es, diese durch das Land zur University of Eastern Colorado zu eskortieren, wo die Fireflies angeblich ihr letztes Hauptquartier hatten. Denn es zeigt sich, dass Ellie gegen den Cordyceps-Befall immun und dabei womöglich die Rettung der Menschheit ist. Weil die USA jedoch nicht nur von den Infizierten befallen sind, sondern auch an jeder Ecke kriminelle Banden lauern, muss Joel öfter als ihm lieb ist seine Stealth- und Shooter-Qualitäten unter Beweis stellen. Immer Ausschau haltend nach Material, um Nagelbomben und Molotow-Cocktails zu basteln.

Atmosphärisch dicht kam der Trailer zu The Last of Us daher, passend dazu fiel das Lob der Gaming-Seiten aus – so zückte unter anderem IGN die Höchstwertung. Inhaltlich ist Naughty Dogs jüngstes Abenteuer ein Amalgam verschiedener anderer Werke. Cormac McCarthy wurde als Inspiration genannt, sein The Road gemeinsam mit P.D. James’ Children of Men, I Am Legend und Telltale Games’ The Walking Dead sind vermutlich mit die offensichtlichsten Parallelen, die man als Spieler ausmachen dürfte. Aber auch Enslaved: Odyssey to the West ruft einige Erinnerungen auf den Plan, ebenso wie optisch Naughty Dogs eigene Uncharted-Trilogie oder vom Gameplay her ähnliche jüngere Spiele wie Tomb Raider.

So erwehrt man sich der Infizierten meist im Shooter-Stil, wobei auch die Option besteht, sie im Stealth-Modus einzeln auszuschalten. Letzterer wird primär auf den Plan gerufen, wenn es gilt, die Milizen oder Räuberbanden zu überwältigen. Von Erwürgen bis Erdolchen sind der Fantasie dabei keine Grenzen gesetzt – bei Vollinfizierten, so genannte blinde und daher auf Geräusche angewiesene “Clickers”, ist Körperkontakt dagegen nicht zu empfehlen. Mittels Zucker, Scheren und Alkohol kann dann wahlweise ein Medikit oder eine Splitterbombe gebastelt werden – worauf der Spieler eben mehr Wert legt. Außerdem lassen sich auch Jagdgewehr, Shotgun, Bogen, Revolver, Flammenwerfer und Co. aufrüsten und modifizieren.

Das alles kennt man von anderen Spielen, eben nicht zuletzt Tomb Raider. Das Gameplay von The Last of Us erfindet das Rad somit alles andere als neu, vielmehr kommt wohl kaum noch ein Action-Adventure-Game ohne Stealth-Modus aus. Gerade für Spieler, die durch Uncharted, Far Cry 3 und Konsorten erprobt sind, hält Naughty Dog kaum Überraschungen bereit. Auch die zusammengeklaubte Geschichte will nie so richtig zünden. Der Zeitsprung von 20 Jahren ist hart, was es für eine Figur wie Tess nicht leichter macht. Wieso man dem Militär nur an der Ostküste begegnet, ob es noch eine Regierung gibt und was die Fireflies eigentlich wollen, vermag nur herauszufinden, wer jede der zahlreichen Notizen sucht und liest.

Im direkten Vergleich schneidet Handlungstechnisch jedenfalls Telltale Games’ The Walking Dead besser ab, da die Beziehung zwischen Spieler und kleinem Mädchen eindringlicher gestaltet wurde und das Spiel darauf basierte, dass die Entscheidungen des Spielers nicht nur einen Einfluss auf den Spielverlauf haben, sondern auch auf die Reaktion der Figuren. The Last of Us folgt dagegen linear einer vorgefertigten Handlung: Getötet werden muss, wer eben getötet werden muss – eine Wahl hat man meist nicht. Viel Potential wurde verschenkt, indem man hier und da einfach mal nicht auf Gegner oder Infizierte verzichtet hat, um die verwucherte, verlassene post-apokalyptische Welt richtig auf einen wirken zu lassen.

Das Potential des Spiels ist bisweilen zu erkennen – zum Beispiel bei einer Rettungsaktion in einer Geisterstadt inmitten eines Schneesturms –, nur wird es selten wirklich ausgeschöpft. Stattdessen folgt stets die nächste Welle an Infizierten, Clickers, Milizen und Kannibalen, die man erwürgen, -dolchen, -schlagen, in die Luft jagen oder erschießen muss. Obschon The Last of Us somit gut aussieht (es erinnert an die Uncharted-Serie), tolle Set Pieces beinhaltet und im Lauf der Zeit die Beziehung von Joel und Ellie den Spieler einnimmt, ist das Spiel kaum als Meisterwerk und nicht einmal als Referenzspiel zu bezeichnen. Zu ähnlich ist es dafür den Konkurrenten der jüngeren Vergangenheit, zu viel Originalität lässt es vermissen.

Die musikalische Untermalung von Gustavo Santaolalla, die den Fokus auf die Emotionalität der Geschichte zu legen versucht, will dabei nicht so recht zum Spiel passen. Dafür ist das Tempo der Action zu enorm. Wirklich zur Ruhe kommt das Game nur in den Cut Scenes, die man aber nicht spielen kann und die zudem – dadurch, dass sich das Spiel für seine Story nur bei bekanntem Material bedient – ohnehin vorhersehbar sind. The Last of Us ist somit selbst in gewisser Weise von Parasiten befallen, die seinen Weg vorherbestimmen. Mehr Mut zur Eigenständigkeit, wie beispielsweise von Team Ico an den Tag gelegt, hätte nicht geschadet. Entsprechend liegt die Game-Hoffnung auf deren angekündigtem The Last Guardian.

7.5/10

17. Juni 2013

Man of Steel

A good death is its own reward.

Christopher Nolan ist vermutlich jemand, der zum Lachen in den Keller geht. Zumindest gibt sich der Brite in seinen Comic-Geschichten derart bierernst, dass man den armen Mann fast bemitleidet und ihn umarmen möchte. Umso paradoxer also, dass gerade der Einstieg in sein Superman-Reboot Man of Steel lächerlicher kaum sein könnte. Das beginnt auf Krypton, das hier keine Eiswelt mit Swarovski-Innendesign mehr ist, sondern eine technologisierte Dschungel-Landschaft voller Vulkane. Russell Crowe gibt einen bärigen Jor-El, der Befehle in einen Flugsensor im Pin-Art-Look schnauzt, während er auf einem Flugdrachen vor Raumschiffen flieht. Wüsste man es nicht besser, würde man sich in einem feuchten Traum von Wolfgang Hohlbein wähnen. 

Superman, das ist nicht dabei nicht nur der allererste, sondern auch populärste Comic-Held der Amerikaner. Und trotz seines Alters von 75 Jahren und fünf Kinofilmen gibt es nun von Warner Bros. wie bereits für Batman einen Relaunch der Figur. Inklusive Origin-Story versteht sich. Ähnlich wie zuvor in Richard Donners Superman frisst der allseits bekannte Hintergrund zur Figur fast die Hälfte der Laufzeit, ehe Clark Kent alias Kal-El endlich das blaue Spandex mit dem roten Cape überstreifen darf. Der sehenswerte und gemeinhin unterschätze Superman Returns soll vergessen gemacht werden, so der Auftrag des The Dark Knight-Triumvirats um Warner, Christopher Nolan und David S. Goyer an Krachbumm-Regisseur Zack Snyder.

Verfügten die Filme von Donner und Singer zusammen über rund fünf Action-Setpieces, kommt auf die Zuschauer in Man of Steel nun ein Action-Setpiece alle fünf Minuten zu. Angefangen auf Krypton, wo ein in Knochenrüstung gekleideter Jor-El im Angesicht der bevorstehenden Apokalypse nicht nur seinen neugeborenen Sohn in eine sichere Zukunft schicken will, sondern auch den meuterischen General Zod aufhalten muss. Ausgestattet mit dem Gen-Material seiner gesamten Rasse – schick in Form eines alten Yorick-Schädels – wird Kal-El zur Erde entsandt. Zod, obschon nunmehr verhaftet und ins Exil verbannt, will dies nicht auf sich sitzen lassen. Finden wird er Kal-El, schreit er daher wieder und wieder.

Dann heißt es erstmal durchatmen. Auf der Erde sehen wir nun Clark als bärtigen einsamen Wanderer à la Bruce Wayne. Mal hier, mal da – auf der Suche nach seiner Bestimmung. Seine Kindheit wird in Rückblenden aufgedröselt, erste Kraftmanifestierungen im Klassenzimmer oder eine Schulbusrettung aus dem Fluss. Irgendwann hört Clark dann zwei Militärs von einer Entdeckung im Eis reden. Nicht nur er. Auch Starreporterin Lois Lane erfährt von dem mysteriösen Fund und wird daraufhin – weitaus mysteriöser – vom US-Militär exklusiv zur Berichterstattung eingeflogen. Der Fund entpuppt sich wiederum als ein 18.000 Jahre altes kryptonisches Raumschiff, das Clark mittels einer Art kryptonischen USB-Stick rebooted.

Dies ruft einige Situationen auf den Plan, mit denen Clarks Ziehvater Jonathan Kent (Kevin Costner) nicht sonderlich zufrieden wäre. So taucht kurz darauf Zod mit seiner Schergentruppe auf und fordert die Übergabe seines Landsmanns. Jetzt muss Clark/Kal-El also zum Superman werden, den passenden Anzug hierfür hat er praktischerweise in dem 18.000 Jahre alten UFO gefunden. Das fungiert in diesem neuen Superman-Franchise als der Ersatz für Kal-Els Fortress of Solitude, ist jedoch auch weit mehr als das. Schließlich geht es im Gegensatz zu Richard Lesters Superman II nicht ausschließlich um Zods Rache am Sohn von Jor-El, sondern um weitaus existentiellere Fragen. The survival of the fittest – wenn man so will.

Krypton wird nämlich als eugenische Gesellschaft dargestellt, bevölkert von Retortenbabys nach dem Vorbild des platonischen Staates. Somit wird jeder Kryptonier zur Erfüllung eines bestimmten Zwecks geboren. Im Falle von Zod ist es die Sicherstellung des Überlebens aller Kryptonier. Kal-El dagegen wurde „herkömmlich“ geboren, um einen freien Willen und die Wahl seines Schicksals zu besitzen. Eine Begebenheit, die Zod zur tragischen Figur macht, da er weniger zum klassischen Bösewicht wird – der intendierte Massenmord an der Menschheit hin oder her. Schade jedoch, dass sich Nolan und Co. für diesen Umstand nicht sonderlich interessieren. Stattdessen aber dafür, Superman und die Kryptonier sich nonstop kloppen zu lassen.

Mit Schmackes zimmern sie sich erst in Smallville, später auch nochmals in Metropolis von einem Gebäude durch ein Gebäude zum nächsten Gebäude – und wieder zurück. Das weckt gerade im Finale dann böse Erinnerungen an The Matrix Revolutions, nicht nur, weil hier Harry Lennix erneut eine Rolle übernimmt. Bisweilen wähnt man sich aber auch in einer Kinoversion von NetherRealms zuletzt veröffentlichtem Beat-’em-up-Spiel Injustice: Gods Amongst Us, wo man Szenenwechsel dadurch schafft, indem man seine Gegner durch ein Gebäude prügelt. Dumm nur, dass eine Action-Szene in Man of Steel mit der nächsten so identisch ist wie mit der vorherigen. Und sonderlich spannend sind sie dabei – oder eher: dadurch – ohnehin nicht.

Denn wenn sich unverletzbare Supermenschen durch die Innenstadt kloppen – einmal geht es sogar in den Orbit, wo auf einem Satelliten weitergeprügelt wird, ehe man das Ganze wieder zurück auf die Erde verlagert –, fiebert man ebenso mit wie bei Transformers. Dass sie sich keinen Schaden zufügen, geht zumindest an den Figuren vorbei. So entleert auch ein von Christopher Meloni gespielter Militär erfolglos ein Maschinenpistolenmagazin auf Antje Traues Kryptonierin Faora, ehe Meloni zur Handwaffe greift und als diese leer ist, ein Messer zückt. Sinn ergibt in Nolans Welt ohnehin wenig, angefangen vom der Erde 100.000 Jahre (!) voraus seiendem und daher auf Drachen reitenden (!) Krypton bis zur Darstellung von Supermans Kräften.

Der kann weder hören, wenn auf einem Fischerkutter über seinem Kopf ein Krabbenkäfig auf ihn stürzt, noch wenn ihm Lois Lane mit 20 Metern Abstand in sein Raumschiff folgt. Warum in diesem ein Superman-Anzug – der nicht wie Jor-Els aus Knochen, sondern Spandex ist – wartet oder wieso Zod später eine Terraforming-Maschine namens „Genesis“ in Aktion bringt (auf Krypton liest man wohl die Bibel oder lernt Griechisch), hinterfragt man besser ebenfalls nicht. Genauso wenig den vorgeschrieben Tod von Papa Kent, der hier auf selten dümmliche Weise geschieht, sich aber letztlich exzellent in das Gesamtbild des Films einfügt. Bei Nolan muss, so hat es den Anschein, eben alles eine Nummer größer sein. Komme, was wolle.

Den Vogel schießt allerdings die christliche Metaphorik ab. So wandert Clark 33 Jahre lang über die Erde und verbringt hier und da seine Wunder – er interveniert zum Beispiel bei einem Bohrinselbrand –, ehe er sich als nicht von dieser Welt zu erkennen gibt, um sich nach einem Zwiegespräch mit einem Priester in dessen Kirche dazu zu entschließen, sich für die Menschheit als Martyrer zu opfern, als Zod danach verlangt. Nebst der redundanten Action, der komplex eingeführten Geschichte Kryptons, die dann bis auf ihren Gimmick-Wert außer Acht gelassen wird, und dem Versuch, Spannung und Dramatik in Szenen zu entwickeln, die aufgrund der Gegebenheiten weder spannend noch dramatisch sind, ärgert das am meisten.

In seiner Summe ist Man of Steel weniger klassischer Superhelden- als ein Alien-Invasion-Film und Science-Fiction-Actioner. Voll mit Raumschiffen, Gigant-Subwoofern und ordentlich Krawall und Remmidemmi. Bruce Wayne dürfte sich in Florenz an seinem Espresso verschlucken, angesichts der Bilder aus Metropolis, die über den Bildschirm flackern. Vom Charme des 1978er oder 2006er Films ist hier jedenfalls nichts mehr geblieben. Snyder präsentiert einen superernsten – und wohl gerade deswegen ziemlich lächerlichen – Action-Marathon, bei dem vielleicht nicht unbedingt weniger mehr gewesen wäre, aber zumindest mehr anderes anstatt immer dasselbe. Für das angekündigte Sequel schwant einem da also schon Böses.

4/10

11. Juni 2013

Sunset Blvd.

Stars are ageless, aren’t they?

Worte können Karrieren zerstören. So scheiterte mancher Schauspieler am Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm, was nicht erst im vergangenen Jahr in The Artist zum Thema wurde. Michel Hazanavicius’ Oscargewinner erzählte dabei keine völlig neue Geschichte, eher eine Art von Prequel mit Happy End zu Billy Wilders Sunset Blvd. In seinem Film noir-Meisterwerk aus dem Jahr 1950 berichtete Wilder vom vergessenen Stummfilm-Star Norma Desmond (Gloria Swanson), die in ihrer einsamen Villa am Sunset Boulevard auf eine Rückkehr ins Filmgeschäft unter der Regie ihres alten Gönners Cecil B. DeMille wartet. Dass sie es am Ende wieder vor die Kameras schafft, ist dann jedoch keinem neuen Film von ihr geschuldet.

Stattdessen schwimmt in ihrem Pool die Leiche des erfolglosen Drehbuchautoren Joe Gillis (William Holden), mit zwei Kugeln im Rücken und einer im Bauch. Schon bald werden die Klatschreporter um Hedda Hopper den Vorfall genüsslich in den Medien zerreißen. “Maybe you’d like to hear the facts”, lädt uns derweil Gillis als Erzählstimme auf eine Rückschau der Ereignisse ein. Sechs Monate zuvor hatte der verschuldete B-Movie-Autor bei der Flucht vor seinen Gläubigern zufällig Schutz auf dem Anwesen von Norma Desmond gesucht. Von ihr angeheuert, ihr selbst geschriebenes Drehbuch zu straffen, verlor sich Gillis nach und nach in einem Abhängigkeitsverhältnis zu der Diva. Mit tragischen Konsequenzen.

Was passiert aus einem Film-Star, wenn seine Zeit verstrichen ist? Diese Frage stellten sich Wilder und Co-Autor Charles Brackett Ende der 1940er. Das Ergebnis ist auf eine Art ein klassischer Film noir, auf der anderen Seite allerdings auch eine Satire mit Meta-Anleihen über Hollywood selbst. “I just think that pictures should say a little something”, kritisiert die Lektorin Betty Schaefer (Nancy Olson) da bei einem Studio-Treffen das neueste Skript von Gillis. “Oh, one of those message kids”, entgegnet dieser höhnisch. “Just a story won’t do.” Ihr neckisches Gezanke wird dann letztlich von Paramount-Produzent Sheldrake (Fred Clark) mit dem Vergleich beendet, dass sie klingen “like a bunch of New York critics”.

Es ist daher die Ironie von Sunset Blvd., dass der B-Movie-Autor Gillis erst in bzw. durch seinen Tod die Chance hat, eine große Geschichte zu erzählen. Gefangen im Studio-System will Sheldrake sein Baseball-Drama zum Frauen-Softball-Streifen umwandeln. Vermarktung ist alles, soviel versteht Gillis dann zumindest selbst, wenn er sich bei Norma Desmond größer macht als er in Wirklichkeit ist. Aus der Arbeit für wenige Wochen werden daraufhin mehrere Monate und ab einem gewissen Zeitpunkt spielt Normas Drehbuch ohnehin keine Rolle mehr. Gillis ist inzwischen zu ihrem “boy toy” verkommen und zieht nach einem Wasserschaden im Gästehaus schließlich hinüber ins Schlafzimmer ihrer ehemaligen Ehemänner.

“Older woman who’s well to do. A younger man who’s not doing too well”, fasst es Gillis für Betty zusammen. Zuvor hat er in Normas Butler Max, einst der viel versprechende Regisseur Maximilian von Mayerling und Normas erster Gatte, gesehen, wohin ihn sein Weg wohl führen könnte. Wöchentlich schreibt er Fan-Briefe an die Hausherrin; als er erfährt, dass Paramount nicht unentwegt anruft, um Norma mit Cecil B. DeMille zu vereinen, sondern um ihren Wagen für ein Period Piece zu leasen, wird dies verschwiegen. The show must go on – wenn auch nur hier in Normas Palast am Sunset Boulevard. “You used to be big”, staunt Gillis zu Beginn. “I am big”, erwidert Norma brüskiert. “It’s the pictures that got small.”

Für Gillis ist klar, die Diva “was still sleepwalking along the giddy heights of a lost career”. Die Kommode und Wände zieren Bilder von sich selbst und auch im Privatkino werden Woche für Woche nur Norma Desmond Filme für Norma Desmond aufgeführt. “I don’t wanna be left alone”, klagt sie und umgibt sich doch nur mit sich selbst. Abgesehen von den gelegentlichen Bridge-Abenden mit anderen verblichenen Stimmfilm-Stars (darunter Buster Keaton). Zuvor schon musste sie ihren Schimpansen-Begleiter beerdigen – heutzutage fühlt man sich an angesichts einer solchen Primaten-Liebe an Prominente wie Michael Jackson – selbst eine tragische Figur à la Norma Desmond – oder Justin Bieber erinnert.

Ohnehin hat Wilders Meisterwerk nichts von seiner Aktualität eingebüßt. “There’s nothing tragic about being 50”, beschwört Gillis am Ende die Desmond. “Unless you’re trying to be 25.” Wer sieht die Szene und denkt nicht an Nicole Kidman, Meg Ryan und all die anderen Hollywood-Damen, die jenseits der 40 wöchentlich die Botox-Spritze anlegen? In seinem bissigen Kommentar auf Hollywood – “it is a wonder Hollywood ever let Wilder work again”, schrieb Colin Kennedy in der britischen Empire – eignet sich Sunset Blvd. dabei ebenso gut als companion piece zu Robert Aldrichs What Ever Happened to Baby Jane? wie zu Rob Reiners Misery. Schließlich ist auch Gillis ein Autor, gefangen in der Welt einer Verrückten.

Horror, Satire, Film noir – Wilder mäandert geschickt zwischen den Genres. Dabei ist sein Film am Ende natürlich auch großes Charakterkino, mit Dank an sein Darsteller-Trio. Gloria Swanson beherrscht diesen Film und umso beachtlicher ist es, dass sich weder William Holden noch Erich von Stroheim von der seinerzeit bereits abgetretenen Aktrice an die Wand spielen lassen. Sie alle erhalten später ihr Grande Finale, wenn in Normas Mord an Gillis dieser nicht nur eine Geschichte erzählen darf, sondern sogar eine, die wie es Betty nennen würde, etwas zu sagen hat. Norma dagegen ist das Objekt der Kamerabegierde (“All right, Mr. DeMille. I’m ready for my close-up”), mit Max als deren anweisender Regisseur.

Zugleich wurde nur angerissen, worüber sich ausgiebiger diskutieren ließe. Zum Beispiel ob sich eher Norma oder Betty für die Rolle der Femme fatale qualifiziert. Immerhin ist es Gillis’ Romanze mit Letzterer, die ihn endgültig ins Verderben stürzt und die Ereignisse im Finale lostritt. Oder man ergötzt sich an Locations wie Paramounts Autorenabteilung und fragt sich, ob sich die Coens hier zu Barton Fink inspirieren ließen. Billy Wilders Sunset Blvd. ist ein zeitloses Meisterwerk, das auch nach über 60 Jahren nichts von seiner Kraft eingebüßt hat. “I don’t want you to think I thought this was going to win any Academy Award”, hatte Gillis bezüglich seines Skripts gesagt. Wilder wiederum wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

10/10

5. Juni 2013

Classic Scene: Heat - “That’s the discipline.”

DIE SZENE: Der ermittelnde Mord-Detektiv Lieutenant Vincent Hanna (Al Pacino) hat den verdächtigen schwerkriminellen Räuber Neil McCauley (Robert De Niro) bei einem vermeintlichen Routinestop auf der Schnellstraße zu dessen Überraschung auf einen Kaffee eingeladen. Im folgenden Gespräch führt Hanna seinem Gegenüber die Ausweglosigkeit seines Unterfangens vor, während beide Männer mit offenen Karten spielen und ihre Motive einander darlegen. Aus Neugier wird Respekt.

EXT. DINER - HANNA + NEIL AT A TABLE
- NIGHT


HANNA: Seven years in Folsom. In the hole for three. McNeil before that.

NEIL nods agreement.

HANNA: McNeil as tough as they say?

NEIL: You looking to become a penologist?

HANNA: You looking to go back? You know, I chase down some crews... guys just looking to fuck up, get busted back. That you?

NEIL: You must’ve worked some dipshit crews.

HANNA: I worked all kinds.

NEIL (pause): You see me doing thrill-seeking liquor-store holdups with a “Born to Lose” tattoo on my chest?

HANNA: No, I do not.

NEIL: Right. I am never going back.

The adversarial intensity is eye-to-eye.

HANNA: Then don’t take down scores.

NEIL: I do what I do best, I take scores. You do what you do best, trying to stop guys like me.

HANNA: So you never wanted a regular-type life?

NEIL: What the fuck is that? Barbecues and ball games?

HANNA (smiles): Yeah.

NEIL: This regular-type life like your life?

HANNA: My life? No, my life... No, my life’s a disaster zone. I got a stepdaughter so fucked up... because her real father is this large-type asshole. I got a wife. We’re passing each other on the down slope of a marriage... my third... because I spent all my time chasing guys like you around the block. That’s my life.

NEIL: A guy told me one time: “Don’t let yourself get attached to anything you are not willing to walk out on in 30 seconds flat if you feel the heat around the corner”. Now, if you’re on me, and you gotta move when I move... how do you expect to keep a -- A marriage?

HANNA: Well, that’s an interesting point. What are you, a monk?

NEIL: I have a woman.

HANNA: What do you tell her?

NEIL: I tell her I’m a salesman.

HANNA: So then, if you spot me coming around that corner... you’re just gonna walk out on this woman? Not say goodbye?

NEIL: That’s the discipline.

HANNA: That’s pretty vacant, no?

NEIL: Yeah, it is what it is. It’s that, or we both better go do something else, pal.

HANNA: I don’t know how to do anything else.

NEIL: Neither do I.

HANNA: I don’t much want to either.

NEIL: Neither do I.

Both of these guys look at each other and recognize the mutuality of their condition. Hanna’s light laughter.

HANNA: You know, I have this, uh, recurring dream. I’m sitting at this big banquet table and all the victims of all the murders I ever worked are sitting at this table and they’re staring at me with these black eyeballs... because they got eight-ball hemorrhages from the head wounds. And there they are these big balloon people... because I found them two weeks after they’d been under the bed. The neighbours reported the smell and there they are, all of them just sitting there.

NEIL: What do they say?

HANNA: Nothing.

NEIL: No talk?

HANNA: None. Just... They don’t have anything to say. See, we just look at each other. They look at me. And that’s it, that’s the dream.

NEIL: I have one where I’m drowning. And I gotta wake myself up and start breathing, or I’ll die in my sleep.

HANNA: You know what that’s about?

NEIL: Yeah. Having enough time.

HANNA: Enough time to do what you wanna do?

NEIL: That’s right.

HANNA: You doing it now?

NEIL: No, not yet.

HANNA: You know, we’re sitting here... you and I, like a couple regular fellows. You do what you do, and I do what I gotta do. And now that we’ve been face to face... if I’m there and I gotta put you away, I won’t like it. But I’ll tell you... if it’s between you and some poor bastard whose wife you’re gonna turn into a widow... brother, you are going down.

NEIL: There’s a flip side to that coin. What if you do get me boxed in and I gotta put you down? Because no matter what, you will not get in my way. We’ve been face to face, yeah... but I will not hesitate. Not for one second.

HANNA: Maybe that’s the way it’ll be. Or who knows?

NEIL: Or maybe we’ll never see each other again.

They look at each other for a moment. Neil’s wry smile.

1. Juni 2013

Filmtagebuch: Mai 2013

AUSTRALIA
(AUS 2008, Baz Luhrmann)
7/10

BERBERIAN SOUND STUDIO
(UK 2012, Peter Strickland)
7/10

THE BIG BANG THEORY - SEASON 6
(USA 2012/13, Mark Cendrowski)
7.5/10

THE BIG FIX
(USA/F/D 2012, Joshua Tickell/Rebecca Harrell Tickell)
5/10

THE CENTRAL PARK FIVE
(USA 2012, Ken Burns/Sarah Burns/David McMahon)
8/10

COMMUNITY - SEASON 4
(USA 2013, Tristram Shapeero u.a.)
7/10

DEAF JAM
(USA 2010, Judy Lieff)
7/10

THE EVIL DEAD [TANZ DER TEUFEL]
(USA 1981, Sam Raimi)

5.5/10

EVIL DEAD
(USA 2013, Fede Alvarez)
5/10

EVIL DEAD II [TANZ DER TEUFEL 2]
(USA 1987, Sam Raimi)

6.5/10

EXAM
(UK 2009, Stuart Hazeldine)
6/10

FAST FIVE [FAST & FURIOUS FIVE]
(USA 2011, Justin Lin)

7.5/10

FAST & FURIOUS [FAST & FURIOUS - NEUES MODELL. ORIGINALTEILE.]
(USA 2009, Justin Lin)

7/10

FAST & FURIOUS 6
(USA 2013, Justin Lin)
6.5/10

GATTACA
(USA 1997, Andrew Niccol)
10/10

GIRLS - SEASON 1
(USA 2012, Lena Dunham)
7/10

THE GREAT GATSBY
(USA 2013, Baz Luhrmann)
7.5/10

HEAT
(USA 1995, Michael Mann)
7/10

LES LÈVRES ROUGES [BLUT AN DEN LIPPEN]
(F/B/D 1971, Harry Kümeli)

7.5/10

MOULIN ROUGE!
(USA 2000, Baz Luhrmann)
10/10

THE OFFICE - SEASON 9
(USA 2012/13, David Rodgers u.a.)
7/10

PARKS AND RECREATION - SEASON 5
(USA 2012/13, Dean Holland u.a.)
7.5/10

PRIMER
(USA 2004, Shane Carruth)
6.5/10

THE SHIELD - SEASON 5
(USA 2006, D.J. Caruso u.a.)
7/10

THE SHIELD - SEASON 6
(USA 2007, Guy Ferland u.a.)
7.5/10

THE SHIELD - SEASON 7
(USA 2008, Gwyneth Horder-Payton u.a.)
7/10

STAR TREK
(USA/D 2009, J.J. Abrams)
4.5/10

STAR TREK INTO DARKNESS
(USA 2013, J.J. Abrams)
5.5/10

TCHOUPITOULAS
(USA 2012, Bill Ross IV/Turner Ross)
8/10

UPSTREAM COLOR
(USA 2013, Shane Carruth)
7/10

YOUTH IN REVOLT
(USA 2009, Miguel Arteta)
5.5/10

Werkschau: Terrence Malick


BADLANDS
(USA 1973, Terrence Malick)
7.5/10

DAYS OF HEAVEN [IN DER GLUT DES SÜDENS]
(USA 1978, Terrence Malick)
7.5/10

THE THIN RED LINE [DER SCHMALE GRAT]
(USA 1998, Terrence Malick)
9/10

THE NEW WORLD [THE EXTENDED CUT]
(USA/UK 2005, Terrence Malick)

8/10

THE TREE OF LIFE
(USA 2011, Terrence Malick)
8.5/10

TO THE WONDER
(USA 2012, Terrence Malick)
7/10