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19. April 2019

The Dead Don’t Die

What, are we improvising here?

Es würde immer schwerer, Finanzierung für Filme, die etwas ungewöhnlich oder nicht den Erwartungen entsprechen, zu erhalten – so klagte Jim Jarmusch im Jahr 2013 hinsichtlich seiner Vampir-Ballade Only Lovers Left Alive. Für seinen neuen Film The Dead Don’t Die dürfte es leichter gefallen sein, ein Budget zu erhalten. Schließlich sind Zombie-Filme weiterhin en vogue. So laufen in 2019 neben dem japanischen Indie-Hit One Cut of the Dead genauso Little Monsters oder Zombieland: Double Tap an. Entgegen diesen fand Jarmusch mit seinem Beitrag zum Subgenre eher wenig Anklang, als zu fad und prätentiös wurde der Film von Kritikern erachtet. Dabei macht sich Jarmusch nur einen Spaß auf Kosten unserer Gesellschaft.

“This isn’t gonna end well”, prophezeit Officer Ronnie Peterson (Adam Driver) mehrfach. Immerhin fängt es schon nicht gut an, wenn er und Chief Cliff Robertson (Bill Murray) wegen vermeintlichen Hühner-Diebstahls den lokalen Eremiten Bob (Tom Waits) im Wald konfrontieren und beschossen werden. Nur ein Vorgeschmack für den Horror, der sie die nächsten 48 Stunden erwartet. Die Welt scheint aus dem Ruder, nicht zuletzt, weil es selbst nach 20 Uhr noch taghell im Örtchen Centerville ist. Der Polizeifunk macht Faxen, Handys haben keinen Akku mehr, obschon frisch aufgeladen. Die Gründe scheinen menschengemacht, als Folge der Umweltsünden. “Polar Fracking” führt zur Achsenstörung der Erde. Wir ernten, was wir säen.

Seitens der Regierung wird das alles unterdessen bloß als wissenschaftliche Spinnerei verschrien, Unwetter und Klima-Katastrophen nicht ernst genommen. Das geht nicht gut aus – das ahnen auch drei Insassen in der nahe gelegenen Jugendstrafanstalt, die das Unheil im Fernsehen verfolgen. Den Braten gerochen hat auch Eremit Bob vor langer Zeit – und sich zurück zu seinen Wurzeln orientiert. Gierig nach mehr seien die Menschen, das ändert sich später auch nicht, als sie aus dem Leben scheiden und zu Untoten werden. Gratis Fernsehen, WLAN-Empfang, Kaffee, Xanax oder Mode – auf zynische Weise und im Stile von George A. Romero lässt Jarmusch seine Zombies selbst im Tod weiter dem Materialismus huldigen.

“They're all still around us”, singt derweil Sturgill Simpson in “The Dead Don’t Die”. Lebend oder untot – für die Zombies kein Unterschied, während sich die Gesellschaft buchstäblich selbst zerfleischt. Keine originäre Sozialkritik, was aber auch nicht bedeutet, dass sie an Aktualität eingebüßt hat. Jarmusch nutzt seinen Genrefilm somit zum einen für eine Breitseite gegen die Klimazerstörung und die damit einhergehende Ignoranz. Zum anderen für Kritik an der amerikanischen Rechten. In MAGA-Manier trägt Farmer Frank (Steve Buscemi) da einen “Keep America White Again”-Hut und bezichtigt Eremit Bob des Hühner-Diebstahls. Nicht wahrhaben will er, dass der wahre Übeltäter vielleicht lediglich ein Fuchs sein könnte.

“Fox, my ass”, ätzt er, während Jarmusch subtil gegen den gleichnamigen konservativen Sender schießt. Frank ist nicht der einzige in Centerville, der womöglich etwas zu weit rechts steht, um das Bild in Gänze sehen zu können. Über “infernal hipsters and their irony” schimpft auch der lokale Motel-Betreiber, als drei Großstädter (u.a. Selena Gomez) auf der Durchreise im Örtchen Halt machen. Was fremd ist, wird skeptisch beäugt. Das schließt auch die neue Leichenbestatterin (Tilda Swinton) mit ein, die seltsam, da schottisch, ist – aber auch buddhistischer Samurai-Schwertkunst frönt. Einen wirklichen Durch- oder Überblick besitzt kaum jemand in The Dead Don’t Die, außer eventuell denjenigen, die vorab das Drehbuch lesen durften.

Denn teils streut Jarmusch eine Prise Meta-Humor in seinen Film ein, wenn die Charaktere den Titel-Song des Films würdigen und ihn sogar für $12 auf CD erstehen dürfen. Aber auch sonst gibt es subtile amüsante Momente, sei es wenn Adam Driver das Polizeiradio auf die Frequenz 91.1 FM einpendelt oder Kindern jemanden mit den Worten “eat me” anherrschen. “We kind of can see you”, sagt Chief Robertson beim Besuch von Eremit Bob. Und könnte im Grunde The Dead Don’t Die meinen. Ein ulkiger Spaß mit Star-Besetzung – in Nebenrollen tauchen Chloë Sevigny, Danny Glover und Iggy Pop auf –, der Jarmusch die Chance für ein paar Seitenhiebe auf seine Landsleute bietet und dem Zuschauer Gelegenheit, sich darüber köstlich zu amüsieren.

Für manches Feuilleton war das ein „müder Zombie-Ball“, der „denkfaul“ Genre-Zitate zusammenpuzzelt. Ein Eindruck, der auf der unauffälligen, lakonischen Inszenierung fußt, deswegen aber nicht zwingend mit Lethargie gleichzusetzen ist. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß skurril sowie schrullig und verquickt dabei geschickt klassische Zombie-Tropen mit Meta-Momenten und bissiger Persiflage auf die amerikanische Rechte. Insofern ist The Dead Don’t Die also vielmehr ein launiger Genre-Beitrag, bei dem sich selbst Bill Murray mehrfach das Lachen verkneifen muss und der am Ende das ist, was von einem Jim-Jarmusch-Zombie-Film zu erwarten war. Oder wie Sturgill Simpson singt: “Old friends walking ’round, in a somewhat-familiar town.”

7.5/10

23. März 2018

The Death of Stalin

I should’ve intercepted his fist with my face.

Der Schein kann trügen, gerade im politischen Kosmos. Freund und Feind liegen hier nah beieinander und ein unbedachtes Wort kann weitreichende Konsequenzen haben. Insbesondere dann, wenn an der Spitze des Regierungsapparates ein diktatorischer Tyrann sitzt, mit der Hoheitsgewalt eines mittelalterlichen Königs. Zugleich bietet sich hier Nährboden für reichlich schwarzen, bissigen Humor, weshalb sich Fabian Nury und Thierry Robin vergangenes Jahr in ihrem Comic The Death of Stalin der Endphase des Stalinismus um des Todes von Josef Stalin widmeten. Eine Geschichte, wie gemacht für Armando Iannucci, den schottischen Satiriker und Schöpfer solcher politischer Farcen wie The Thick of It, In the Loop und Veep.

Immer wieder greift Iannucci in The Death of Stalin jenes Klima der Angst auf, das in Zeiten Stalins – hier gespielt von Adrian McLoughlin – in Moskau vorherrschte. So erfährt der Leiter von Radio Moskau (Paddy Considine) gegen Ende eines klassischen Konzertes via einem Anruf, dass Stalin eine Aufnahme des Events wünscht. Nur wurde dieses nicht aufgezeichnet, sodass kurzerhand alle Beteiligten das Konzert von vorne spielen müssen. “Don’t worry, nobody’s going to get killed”, versucht er zwar Orchester und Publikum zu beruhigen, fürchtet jedoch selbst, bei einem möglichen Versagen ins Gulag geschickt oder direkt eliminiert zu werden. Im Russland Anfang der 1950er Jahre kann dies schließlich nahezu jeden treffen.

Darunter zum Beispiel auch Polina, die jüdische Ehefrau des Außenministers Molotow (Michael Palin), der seiner Gattin nach einem jüngsten Treffen mit Stalin bald folgen dürfte. Selbst Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) handelt sich von seinem Staatsoberhaupt einen Rüffel ein, als er sich nach jemand erkundigt, der in Wirklichkeit längst einer von Stalins Säuberungen zum Opfer fiel. “I can’t remember who’s alive and who isn’t”, jammert Malenkow da im engsten Kreis des Zentralkomitees der KPdSU. Und wer mag es ihm verdenken, so fleißig wie sein Chef seine Todeslisten schreibt, als wären es Einkaufszettel oder Hochzeitseinladungen. Kritisch wird es dann für den engen Zirkel des Komitees, als Stalin in der Nacht einen Hirnschlag erleidet.

Was ist zu tun – und von wem? Falsche Entscheidungen können ein ungünstiges Licht auf die betreffende Person lenken. Weshalb Lawrenti Beria (Simon Russell Beale), Leiter des Geheimdienstes NKWD, erstmal keinen Arzt rufen lässt. Nicht zuletzt deshalb, da alle guten Mediziner wenige Monate zuvor Ende 1952 im Zuge einer vermeintlichen Ärzteverschwörung in Straflager geschickt wurden. Für Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi), Parteichef der KPdSU, ein geringfügiges Problem. Rettet ein schlechter Arzt das Leben Stalins, war er kein schlechter Arzt. Verstirbt der Patient, kriegt er davon ohnehin nichts mit. Und als letzterer Fall eintritt, beginnt auch schon das machtpolitische Ränkespiel zwischen allen Beteiligten im Kreml.

Auch hier setzt sich der Aspekt des trügenden Scheins fort, wenn speziell Chruschtschow und Beria sich in Position bringen, während Malenkow, nominell als Stalins Stellvertreter dessen Nachfolger, eher unbeholfen wirkt. Es gilt, das politische Gesicht zu wahren, insbesondere auch gegenüber Stalins Kindern Swetlana (Andrea Riseborough) und Wassili (Rupert Friend). Selbst im Nachgang zu Stalins Tod lebt die von ihm ausgelöste Unsicherheit fort, zum einen durch seinen Personenkult und zum anderen durch das Machtvakuum, welches er hinterlässt. Da verkommt auf die Frage nach dem eigenen Alter die Antwort „alt“ noch zur sichersten Option. Wie alt ist zu alt und wie jung ist zu jung, um sich für eine Kugel im Kopf zu qualifizieren?

Mit reichlich schwarzem Humor inszeniert Armando Iannucci die Ausmaße dieser Stalinschen Säuberungen, die oft im Hintergrund stattfinden, während sich im Vordergrund Figuren wie Beria alltäglichen Fragen widmen. Die politischen Personen sind dabei überspitzt dargestellt, von der tölpelhaften Zeichnung solcher Beteiligten wie Beria und Molotow hin zum Super-Macho-Gehabe eines Georgi Schukow (Jason Isaacs), dem militärischen Oberbefehlshaber. The Death of Stalin ist somit keine Geschichtsstunde, obschon natürlich viele wahre Elemente wie Stalins Säuberungen, die Ärzteverschwörung oder das Schicksal der Molotows auf Historie beruhen. Die macht sich Iannucci gekonnt für seine nahezu perfekte Satire zu Nutze.

Immer wieder finden sich herrlich absurde Momente, die auf der Einschüchterung vor dem politischen Apparat, der eigenen Rolle in diesem und den Konsequenzen eines möglichen Scheiterns basieren. Sei es wenn Chruschtschow sich in der Eile den Anzug über den Pyjama anzieht, um ja nicht als Letzter zur nicht einberufenen Sitzung des Komitees zu erscheinen oder wenn Wassili bestrebt ist, einen tragischen Unfall zu kaschieren, für den er letztlich nichts kann, aber nominell doch die Verantwortung trägt. Da halten Charaktere selbst dann an ihren scheinbaren Überzeugungen fest, als dies nicht mehr nötig ist – nur um auf der sicheren Seite zu sein. Mit Ausnahme von Olga Kurylenkos Pianistin, die das Herz auf der Zunge trägt.

Im weitesten Sinne ist The Death of Stalin dabei durchaus ein klassischer Iannucci, wirkt dann aber zumindest von seinen Dialogen her doch etwas weniger vulgär, sondern spitzfindiger als die Dinge, die sich die Figuren in The Thick of It oder Veep an den Kopf werfen. Neben dem bitterbösen Humor lebt der Film wie alle Werke Iannuccis von seinem stets herrlich aufspielenden Ensemble. Sei es ein losgelöster Steve Buscemi, die schrillen Andrea Riseborough und Rupert Friend oder in ihren kurzen Nebenrollen die gegensätzlichen Darstellungen von Paddy Considine und Jason Isaacs. Einzig Olga Kurylenko fällt etwas aus dem Rahmen, da ihre sehr seriöse Figur eher nüchtern daherkommt, statt wie alle ebenfalls dem Wahnsinn zu verfallen.

Wo In the Loop etwas daran scheiterte, eine Art Kino-Adaption des gelungeneren The Thick of It zu sein, reüssiert Armando Iannucci in seiner zweiten Regiearbeit besser. Wüsste man es nicht, man würde nicht einmal ein französisches Comic als Vorlage vermuten, sondern dem Schotten das ganze Lob zuschreiben. Zugleich zeigt The Death of Stalin, wie gut sich auch mit historischen Bezügen der offensichtlichen Art – bereits The Thick of It lehnte sich an realen Ereignissen an – für Iannuccis Schaffen arbeiten lässt. Da lechzt der Zuschauer am Ende des Films fast schon nach einer ähnlichen Adaption für die finalen Tage eines Adolf Hitlers. Das wäre dann der nächste Geniestreich von Iannucci – quasi die nächste historische «farce excellence».

8.5/10

29. Juli 2010

Grown Ups

And … shift.

Gute Freunde kann niemand trennen, besang einst Kaiser Franz. Ein Motto, das auch in Hollywood Gehör findet, sei es in Massenkombos wie dem Rat, Brat oder Frat Pack, Filmduos wie Tim Burton und Johnny Depp oder einem Freundeskreis, der sich immer mal wieder bei sich selbst bedient. Einen solchen Freundeskreis hat auch Adam Sandler, einer von Amerikas größten Comedians, der bewusst immer wieder mit Freunden von früher arbeitet. So spielte er in Funny People zuletzt unter der Regie seines ehemaligen Mitbewohners Judd Apatow und in seinem jüngsten Film Grown Ups an der Seite jahrelanger Freunde. Wie so viele amerikanische Comedians diente Sandler zu Beginn seiner Karriere die legendäre Show Saturday Night Live als Sprungbrett. Anfang der Neunziger sollte Sandler Bestandteil der „Bad Boys of Saturday Night Live“ sein, einer Gruppe, die noch Chris Rock, David Spade, Rob Schneider und den inzwischen verstorbenen Chris Farley einschloss. In Grown Ups wird diese Gruppe nun wieder zusammengeführt.

Wenn man so will, füllt - sprichwörtlich - Kevin James die Fußstapfen von Farley aus, seinen „Neuling“-Status merkt man jedoch nicht wirklich. Dies hat weniger mit seiner gelungenen Integration zu tun als mit der Tatsache, dass Grown Ups sich nie anfühlt wie ein Film über eine Gruppe von jahrzehntelangen Freunden. Es ist bezeichnender Weise eine Beerdigung, die sie wieder in ihre Heimatstadt bringt. Ihr ehemaliger Basketball-Coach verstarb, das strahlende Vorbild von Lenny (Adam Sandler), Kurt (Chris Rock), Eric (Kevin James), Marcus (David Spade) und Rob (Rob Schneider). Gemeinsam mit ihren kaputten Familien trudeln sie nun ein, um die gute alte Zeit zu reminiszieren. Dies hat jedoch weniger mit male bonding oder coming of age zu tun, wie man von einer derartigen Prämisse erwarten würde. Stattdessen beschränkt sich Regisseur Dennis Dugan, Sandlers go-to-guy mit seiner fünften Zusammenarbeit - die nächsten Projekte inszeniert er ebenfalls -, auf krude Gags, die fortan dazu verdammt sind, in der Endlosschleife zu landen.

Der beliebteste Vertreter dieser wiederkehrenden Gags ist dabei Robs Affinität für ältere Frauen, die zum gern aufgenommenen Aufhänger verkommt, dabei allerdings bereits bei ihrer Einführung keine Spur lustig war. Einen ähnlichen Gag kriegt James’ Eric verpasst, wenn seine Frau (Maria Bello) auch nach vier Jahren noch den gemeinsamen Sohn stillt. Wieso dies so ist, bleibt unklar, ähnlich wie das aggressive Verhalten von Erics Tochter, die Heimchen-Funktion von Rocks Marcus oder die Verzogenheit von Lennys Kindern, wo dieser ihnen doch eine Kindheit wie die eigene wünscht. Wo die anderen Vier mehr Slacker darstellen, gibt Sandler passender Weise den Erfolgsmenschen. Einen wohlhabenden Hollywood-Agenten, der jedoch ob seines asiatischen Kindermädchens beschämt ist und diese als Austauschstudentin zu verkaufen versucht (ein weiterer fehlgeleiteter running gag). Grown Ups schafft es nicht eine Geschichte zu erzählen, nutzt das Erzählgerüst lediglich als roten Faden, um eine thematische Einordnung für die müden Sketche zu erhalten.

So dient die Beerdigung für einen gemeinsamen Wochenendaufenthalt, der zur Streitfrage zwischen Lenny und seiner Designer-Frau (Salma Hayek) führt, die jedoch in einer kurzen Szene gleich wieder unter den Teppich gekehrt wird. Wie ohnehin die weiblichen Darsteller, zu denen auch SNL-Veteranin Maya Rudolph gehört, zu Randfiguren degradiert werden. Die Ideenlosigkeit von Grown Ups angesichts der Anwesenheit der „Bad Boys of SNL“ ist fast schon erschreckend, jedoch weit weniger erschütternd, wie die nie aufkommende freundschaftliche Atmosphäre aller Beteiligten. Traurig wird es dann speziell in den Szenen, wenn flache Gags bis zum Umfallen ausspielt werden (beispielsweise wenn Sandler und James einen schlafenden Spade über eine Minute ins Gesicht schlagen). Es bleibt zu Hoffen, dass Sandlers nächstes Projekt Just Go with It mit Jennifer Aniston und Nicole Kidman dank Star-Potential ähnlich gelungen endet wie Anger Management.

4/10

28. Oktober 2007

Reservoir Dogs

Torture you? That's a good idea. I like that.

Eine der klassischen Hollywoodgeschichten ganz nach dem Motto „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ nahm mit diesem Film ihren Anfang. Ein Videothekenangestellter in Manhattan Beach schreibt innerhalb von 3 ½ Wochen ein Drehbuch und ist heute weltweit unter den Namen Quentin Tarantino bekannt. Dabei ist die Story im Ganzen noch abstruser, als sie ohnehin schon wirkt. Tarantino war zu diesem Zeitpunkt mit Produzent Lawrence Bender befreundet und dieser nahm das Drehbuch zu Reservoir Dogs mit in seine Schauspielklasse, wo er es seinem Lehrer gab. Dieser wiederum las es und schickte es von Los Angeles nach New York zu seiner Frau. Diese Frau, Lilly Parker, führte das Drehbuch zu Harvey Keitel, welcher anschließend nicht nur Co-Produzent, sondern auch Nebendarsteller wurde und wie Tarantino immer wieder hervorhub, dem Film Legitimität verlieh. Tarantino, welcher zuvor sein Skript zu True Romance für den Mindestpreis verkauft hatte, wollte Reservoir Dogs unter allen Umständen selber inszenieren und erwehrte sich gegen ein Engagement von Tony Scott und hätte Reservoir Dogs notfalls auch für dreißigtausend Dollar gedreht.

Fünf sich nicht bekannte Gauner werden von Joe (Lawrence Tierney) und seinem Sohn Nice Guy Eddie (Chris Penn) für einen Juwelenjob engagiert. Aber der Raub geht schief, die Polizei steht bereit und macht Jagd auf die Bande. Es gelingt Mr. White (Harvey Keitel) und Mr. Orange (Tim Roth) zu dem geheimen Treffpunkt, einem Lagerhaus, zu gelangen, doch Mr. Orange ist durch einen Bauchschuss schwer verwundet. Als mit Mr. Pink (Steve Buscemi) ein weiterer Überlebender aufkreuzt, äußert er Mr. White gegenüber seinen Verdacht eines Verräters innerhalb der Gruppe. Während Mr. White den verwundeten Mr. Orange in ein Krankenhaus bringen will, beharrt Mr. Pink darauf, auf Joe und die anderen zu warten. Ihr Handgemenge wird durch das Auftauchen von dem letzten Überlebenden der Gruppe, Mr. Blonde (Michael Madsen), unterbrochen. Während die Emotionen allmählich hoch kochen, wird in Rückblenden die Vorgeschichte des Coups und der Hintergrund von Mr. Orange, Mr. White und Mr. Blonde geklärt – und auch, wer der Verräter ist.

Quentin Tarantino ist ein Filmnerd wie er im Buche steht und wer seine Filme kennt, der weiß, dass er sich nicht dafür zu schade ist, Handlungselemente anderer Filme zusammen zu klauen. Im Gegenteil, Tarantino gibt diese Tatsache unumwunden zu und offenbart, dass die Idee die Charaktere in schwarze Anzüge zu stecken aus John Woo’s Ying hung book sik II (A Better Tomorrow II) von 1987 stammt, ebenso wie er zwei Szenen und eine Plotidee aus Ringo Lam’s Lung fu fong wan (City on Fire) aus demselben Jahr übernommen hat. Das Benennen der Charaktere nach Farben um ihre Anonymität zu sichern kam bereits in The Taking of Pelham One Two Three vor. Mit Reservoir Dogs beginnt auch aber die Einführung in Tarantinos eigenes Universum, voll von Big Kahuna Burgern und anderen Dingen. Reservoir Dogs hat Querverweise zu True Romance und Pulp Fiction, Mr. White ist der Cousin von Jimmy aus Pulp Fiction und hat früher mit Alabama aus True Romance zusammengearbeitet, währen Mr. Blonde alias Vic Vega, der Bruder von Vincent Vega aus Pulp Fiction ist. Die Schauspieler Harvey Keitel, Steve Buscemi und Tim Roth hatten schließlich auch Auftritte in Pulp Fiction, Michael Madsen eine Rolle in Kill Bill: Volume II.

Eines von Tarantinos Markenzeichen ist seine Verwendung einer Kofferraumszene.

Reservoir Dogs weist alles auf, was typisch für Tarantino ist, von seinen obligatorischen Kofferraumszenen, hin zu seiner Frühstücksgesprächsrunde in einem Diner oder seinem Dialogreichtum. Highlight ist hierbei sicherlich Mr. Blondes Gang aus dem Lagerhaus zu seinem Kofferraum um einen Kanister Benzin zu holen, was uns Tarantino in einer einzigen langen Einstellung serviert. Hierbei konzentriert er sich auf das wesentlichste des wesentlichen. Der Überfall und wie er schief geht spielt keine Rolle für die Handlung, wichtig ist allein, dass er schief gegangen ist. Mr. Blonde ist scheinbar durchgedreht und plötzlich war die Polizei vor Ort. Über Mr. Whites und Mr. Pinks Schilderungen der Vorgänge erhält das Publikum fast ein besseres Bild von Mr. Blonde, wie er hinterher selber geben kann. Mr. Blue und Mr. Brown bleiben in der Handlung außen vor, wir erfahren nichts über sie und Brown (Quentin Tarantino) ist auch der einzige der beiden, der überhaupt Textzeilen offerieren darf. Auch Mr. Pinks Hintergrund bleibt im Dunkeln, obschon er gegenüber Mr. White erwähnt, dass er Joe angeblich seit seiner Kindheit kennt.

Die Konzentration liegt also auf Mr. Orange – auch wenn Michael Madsen das in einem Interview bestritten hat – und seine Tätigkeit als verdeckter Ermittler in der Gruppe. Er ist der Unsicherheitsfaktor, derjenige, über den Joe und Nice Guy Eddie nicht viel wissen. Am nahsten mit den beiden verbunden ist Mr. Blonde und diese fast familiäre Verbindung führt am Ende auch zum großen Finale, während die Beziehung der beiden zu Mr. White rein freundschaftlicher Natur ist. Dabei ist Mr. White die ungenauste Figur aller vier Überlebenden, denn während Mr. Blonde eine kranke Natur ist, hat Mr. Pink nur sein Überleben zum Ziel. Mr. White hingegen war bereits in einer früheren Situation mit einem Maulwurf auseinander gesetzt, konnte diesen jedoch rechtzeitig ausfindig machen. Er fühlt sich aber für den Bauchschuss von Mr. Orange verantwortlich und will diesen daher nicht einfach so opfern, wie es alle anderen fordern. Charakterisieren tut Tarantino dabei wie immer seine Figuren nicht so sehr durch ihre Handlungen, sondern durch ihre Äußerungen. Wenn Mr. Pink aus Prinzip kein Trinkgeld geben will oder Mr. Blonde sich als Lee-Marvin-Fan offenbart – Tarantino lässt seine Figuren alltägliche, belanglose Gespräche führen, da dies nun mal das ist, was Menschen so machen, belanglose Gespräche führen.

In Reservoir Dogs trifft man wie bei Tarantino gewohnt verrückte Figuren, ideenreiche Dialoge, eine exzellente Musikauswahl und eine unterhaltsame Handlung, die sich auf das wesentliche konzentriert. Der Film besticht durch seinen eigenen Charme, welcher allen Werken Tarantinos zu Eigen ist und erkenntlich macht, was True Romance letzen Endes gefehlt hat. Dabei ist der Film nicht so rasant wie Pulp Fiction oder Kill Bill, sondern eine Dialogreiches Aufeinandertreffen verschiedener Figuren mit Autoritätsproblem. Wer hier zuerst wegschaut, der hat verloren und dass will sich niemand gefallen lassen. Somit ist Tarantino sein Spielfilmdebüt gelungen und sicherlich ein kleines Meisterwerk für sich genommen – wie viele Videothekenangestellte seitdem wohl ihre eigenen Drehbücher verfasst haben lässt sich wohl nicht ermessen.

9/10

30. August 2007

I Now Pronounce You Chuck and Larry

I don’t want to piss Mel Gibson off.

Ich weiß gar nicht, was ich sagen, beziehungsweise schreiben soll. Nicht weil es sich hier um eine Adam-Sandler-Komödie handelt (denn ich bin ein Fan von ihm), nur ist I Now Pronounce You Chuck and Larry so unglaublich schlecht. Dabei stand der Film unter guten Vorzeichen, war doch Dennis Dugan der Regisseur, der mit Sandler bereits bei Happy Gilmore und Big Daddy zusammenarbeitete. Dazu kam dann auch noch Alexander Payne, welcher für Sideways einen Oscar für das beste Drehbuch gewonnen hat (!), und in diesem Film zusammen mit seinem Drehbuchpartner Jim Taylor und Barry Fanaro (Men in Black 2) die Handlung und die Dialoge lieferte. Payne und Taylor Involvierung ist dann eigentlich auch der größte Schock. Der Humor ist in seinem Grundton zwar durchaus typisch für Sandler und seine Filme, doch selbst dieses Niveau unterbietet der Film noch.

Chuck (Adam Sandler) ist ein Hugh-Heffner-Typ, der jede Nacht mit zwei bis zwölf Frauen verbringt (vor allem seit er im Feuerwehrkalender zum Mr. Februar gekürt wurde). Dem notorisch Kaugummikauenden Macho Chuck wird sein bester Freund, der gutmütige Witwer Larry (Kevin James), gegenüber gestellt. Beide arbeiten als Feuerwehrmänner in New York und als Larry bei einem Einsatz das Leben von Chuck rettet, schuldet dieser Larry natürlich etwas. Weil der Staat im Falle von Larrys Tod seine Rente nicht auf seine Kinder, sondern nur auf seinen Ehepartner übertragen will, erklärt Chuck sich bereit, Larry zu heiraten. Als der Staat die Beiden überprüft, suchen sie Hilfe bei Anwältin Alex (Jessica Biel), in die sich Chuck verknallt. Nur denkt die, dass Chuck schwul sei, während sich die Lage um das vermeintliche Schwulenpärchen immer mehr zuspitzt.

Fortan lässt es der Film sich nicht nehmen, sich jedes Schwulen- beziehungsweise Homosexuellen-Klischees zu bedienen (kulminierend in einem Cameo von *N Sync-Mitglied Lance Bass). Da werden Schwule teilweise dann doch mit Transvestiten in einen Topf geworfen und von der Seife, die in der Dusche auf den Boden fällt, bis hin zum Begrapschen von Alex’ Brüsten ist wirklich alles dabei. Die Grundbotschaft des Films (Akzeptanz und Gleichheit) schimmert lediglich gegen Ende kurz durch. Selbst als Hetero fühlt man sich da „angegriffen“, zumindest jedoch der gute (Film-)Geschmack. Wie immer bei Adam-Sandler-Filmen tauchen dann irgendwann auch noch David Spade und Rob Schneider (Letzterer ziemlich rassistisch als Stereotyp-Asiate) auf. Ein ganz schlimmer Film, selten bis gar nicht komisch und schlichtweg zum Verdammen.

2/10

21. Juni 2007

The Big Lebowski

That rug really tied the room together.

Ein Kult bezeichnet ein Objekt, welches verehrt wird und logischerweise zugleich eine Gruppe, welche dieses Objekt verehrt. Somit handelt es sich um einen Kultfilm, wen dieser eine eigene Anhängerschaft entwickelt hat und von dieser kultisch verehrt wird. Im Jahr 2002 entstand Louisville (Kentucky) das sogenannte ”Lebowski Fest“, welches aus einer Bowlingnacht, sowie mehreren Wettbewerben zu Trivia und Zitaten besteht. Sechs Mal wurde es bereits abgehalten und hat inzwischen Ableger in Los Angeles oder London gefunden. Niemand würde also bezweifeln, dass The Big Lebowski von Joel und Ethan Coen ein solcher Kultfilm ist. Einen der wenigen, der diesen Namen tatsächlich verdient.

Dabei zeichnet sich The Big Lebowski durch dieselben Elemente und Stilmittel aus, wie sie die meisten Filme der Coen-Brüder besitzen: Neben vielen Schreien und übergewichtigen Menschen ist es vor allem die Darstellerriege, die aus Freunden und Bekannten der Brüder besteht. Mit den meisten von ihnen haben sie bereits in früheren Filmen und teilweise mehrfach zusammengearbeitet, sodass es nicht weiter verwundert, dass die Chemie zwischen dem Ensemble oft reibungslos zu funktionieren scheint. Und ohne an dieser Stelle Miller’s Crossing, Barton Fink und Fargo schmälern zu wollen, ist The Big Lebowski wohl der beste, weil rundeste Film, den die Coens in ihrer bisherigen Karriere abgeliefert haben.

Die gesamte Handlung kommt ins Rollen, als der Dude (Jeff Bridges) zu Hause von Geldeintreibern überrascht wird, die ihm auf seinen geliebten Teppich pinkeln. Dabei haben sie den Dude, der bürgerlich Jeffrey Lebowski heißt, mit dem gleichnamigen Millionär verwechselt. Der Dude will dies nicht auf sich sitzen lassen und sucht den richtigen, den Big Lebowski (David Huddleston), auf, um seinen Teppich rückerstattet zu bekommen. Dabei macht er auch die Bekanntschaft von dessen rechter Hand, Brandt (Philip Seymour Hoffman), und seiner nymphomanen Frau Bunny (Tara Reid). Als diese scheinbar entführt wird, soll der Dude für Mr. Lebowski die Lösegeldübergabe in Höhe von $20,000 übernehmen.

Die Situation entwickelt sich zum Albtraum, als der Dude seinen Bowlingkumpel und Vietnamveteran Walter (John Goodman) einweiht. Der bezweifelt, dass eine Entführung stattgefunden hat und schustert den Entführern, drei deutschen Nihilisten (darunter Peter Stormare) einen falschen Hasen zu. Als dann die Lösegeldübergabe schiefgeht und dem Dude sein Auto mit dem Lösegeld gestohlen wird, scheint die Lage zu eskalieren. Zugleich werden die beteiligten Personen, die der Dude auf seiner Odyssee trifft, immer skurriler: Von einem allwissenden texanischen Cowboy (Sam Elliott) über einen Unterwelt-Porno-Boss (Ben Gazzara) bis hin zu Maude Lebowski (Julianne Moore) und ihrer Agenda.

Was sich wie eine komplexe Geschichte liest, entpuppt am Ende lediglich als leere Luft. Denn die Coens haben es geschafft, einen Film ohne jeglichen Inhalt zu drehen, der aber dennoch über seine gesamte Laufzeit zu fesseln und zu unterhalten weiß. In ihrer an Raymond Chandlers The Big Sleep angelehnten und inspirierten Geschichte, gespickt mit vielen gewohnt farbigen Figuren, die ihrer eigenen Umgebung entstammen, bilden die Coens eine Seinfeldeske Komödie, die sich nach den Angaben der Brüder um nichts dreht. So hat sich am Ende der Handlung keine der Figuren weiterentwickelt – schon gar nicht der Dude. Klar, dass auch der als Erzähler auftretende Cowboy nicht weiß, worum es im Film ging.

Das Geniale dabei ist, es stört sich auch niemand daran. Denn das Geniale ist, dass die Geschichte dadurch erst genial wird. Viel wird gezeigt, wenig wird erklärt. So spielen Maude Lebowski oder Jesus Quintana (John Torturro) für die eigentliche „Handlung“ eine untergeordnete bis gar keine Rolle. Das Bowling-Halbfinalspiel von Walter und dem Dude gegen Jesus wird in zwei Szenen thematisiert, dann jedoch im weiteren Verlauf des letzten Drittels total fallen gelassen. Ebenso wie der Teppich für den Dude erst den Raum ausgemacht hat, so machen gerade diese (unnötigen) Figuren und Handlungsebenen erst The Big Lebowski aus. Und ohne diese sinnlosen Handlungsstränge wäre der Film ein ganzes Stück ärmer.

Natürlich kann man dem Film eine gewisse Tiefe durch Interpretation verleihen, wenn man wie Dan Jolin in der Empire The Big Lebowski gleichstellt mit Amerikas Verstrickungen im Mittleren Osten (wobei der Dude für Kuwait, die Nihilisten für den Irak und Walter für die USA steht). Diese Rechnung geht hier durchaus auf, ob dies aber die Intention der Coens war, ist jedoch fraglich. Den Film einmal aus diesem Blickwinkel zu sehen, tut dem Spaß jedoch keinen Abbruch. Unbestreitbar ist der Dude aber ein in sich ruhender Charakter, den mit einem Joint und einem White Russian in der Hand absolut nichts aus der Fassung bringen kann und der liebend gerne die Sätze anderer Leute zu eigenen Zwecken entfremdet.

Was genau seine Motivation ist und wie er es überhaupt schafft zu überleben und seine Miete zu bezahlen, thematisiert der Film nicht. Ursprünglich sollte der Dude von einem Erbe leben, doch widersprach dies wohl dem Grundgedanken des Dude. Wäre dieser finanziell abgesichert, wäre er einem automatisch weniger sympathisch. Was den Dude sicherlich kaum stören würde (“Fuck sympathy!”). Aber auch die Tatsache, dass Jeff Bridges hauptsächlich seine eigenen Klamotten als Dude trug, bestärkt diesen Faktor weiterhin. Viel mehr lässt sich zu diesem Meisterwerk kaum sagen, da, wie erwähnt, keine richtige Handlung vorhanden ist und alles Weitere nur das Filmerlebnis trübt. In diesem Sinne: The Dude abides.

10/10