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5. Oktober 2015

The Martian

Fuck you, Mars.

Wenn schon, denn schon – scheinen sich zuletzt Ridley Scott, Matt Damon und Jessica Chastain zu denken. Nachdem Ridley Scott 30 Jahre nach Blade Runner mit Prometheus zum Sci-Fi-Genre zurückkehrte und derzeit dessen Fortsetzung Alien: Paradise Lost plant, greift er nun mit der Romanadaption The Martian erneut nach den Sternen. Auch Jessica Chastain mimt erneut ein NASA-Mitglied nach Interstellar, in dem sich Matt Damon wie hier bereits in einen Raumanzug zwängte, um den einzigen Menschen auf einen fremden Planeten zu spielen. Im Vergleich zu Prometheus und Interstellar legt The Martian allerdings den Fokus auf „Science“ statt „Fiction“ – selbst wenn sich der Film speziell in seinem letzten Drittel vollends Hollywood ergibt.

Die Handlung setzt auf dem Mars, genauer der Ebene Acidalia Planitia, ein. Die bemannte Ares-III-Mission rund um ihren Commander Lewis (Jessica Chastain) sieht sich durch einen nahenden Sturm gezwungen, gut zehn Tage früher als geplant die Heimreise gen Erde anzutreten. Auf dem Weg zu ihrer Landefähre verlieren die Crew-Mitglieder ihren Botaniker Mark Watney (Matt Damon), den sie für tot halten und daraufhin zurücklassen. Nur: Watney hat den Sturm überlebt – und sieht sich nun allein auf Mars mit der Suche nach Lebensmittel und Sauerstoff konfrontiert. Eine Kommunikation zur Erde scheint nicht möglich, doch dort bleiben Watneys Überlebensversuche auf dem roten Planeten nicht verborgen. Aber wie kann NASA ihm helfen?

Fortan wechselt The Martian die Schauplätze zwischen Watney in der Ares-Station auf dem Mars und den NASA-Einrichtungen auf der Erde. Dort debattieren NASA-Direktor Teddy Sanders (Jeff Daniels), Marsmissions-Leiter Vincent Kapoor (Chiwetel Ejiofur), Ares-Flugdirektor Mitch Henderson (Sean Bean) sowie NASA-Sprecherin Annie Montrose (Kristen Wiig) über den Umgang mit Watneys Überleben. Während dieser auf der Erde öffentlich wird, hält NASA Watneys Crew (Michael Peña, Kate Mara, Sebastian Stan, Aksel Hennie) im Dunkeln. Der Botaniker installiert derweil ein Grünhaus in der Stationsküche und sucht nach Mitteln und Wegen, wie er so lange überleben kann, bis die nächste Ares-Mission in vier Jahren eintreffen wird.

Im wissenschaftlichen Aspekt dieses Umstands findet sich die große Stärke des Films, ungeachtet dessen, dass natürlich alles, was in The Martian passiert, dennoch klar der gängigen Hollywood-Dramaturgie folgt. Wenn Watney jedoch tüftelt, wie er genug Kartoffeln anbauen kann und seinen Rover mit ausreichend Energie ausstattet oder mit der Erde kommuniziert, liegt all dem klar eine wissenschaftliche Basis zugrunde. Selbst wenn diese nach und nach und insbesondere im Schlussakt vollends den Pathos-Gesetzen des Blockbuster-Kinos geopfert wird. Und auch wenn man The Martian nicht wirklich vorhalten kann, zu verkopft an seine Geschichte heranzugehen, stellen sich gerade in der zweiten Hälfte Längen ein.

Hinzu kommt ein Überfluss an Figuren, die teils wie Kristen Wiigs PR-Tante oder Donald Glover in einer “Troy goes Abed”-Gedächtnisperformance als NASA-Schreibtisch-Nerd Rich Purnell nicht wirklich nötig gewesen wären, da selbst für die anderen Charaktere wie die Ares-Crew oder NASA-Leiter außer Kapoor wenig im Film zu tun ist. The Martian ist vielmehr die Mark Watney Show – was dieser dadurch untermauert, dass er sich selbst per Kamera dokumentiert und dabei quälend-schlechte Einzeiler auf SchleFaZ-Niveau raushaut (“With cool, dry wit like that, I could be an action hero”, wussten schon die Simpsons). Auch sonst geraten die Dialoge im Film wenig eindrücklich, dafür gefällt das jordanische Wadi Rum erneut als Mars-Kulisse.

Selbst wenn wenig Erinnerungswürdiges im Film geschieht und die Figuren – selbst Watney – kaum über eine eindimensionale Zeichnung hinauskommen, wissen die Beteiligtem mit ihrem Produkt mehr zu überzeugen als in ihren Sci-Fi-Vorgängerproduktionen. Weniger Figuren und eine geringere Laufzeit mit einem ausgefeilteren Skript hätten Ridley Scotts jüngstem Werk wohl gut zu Gesicht gestanden. An dem kitschigen Ende führt derweil wohl kein Weg vorbei, wobei die Prämisse von The Martian natürlich auch wenig Raum für Alternativen lässt, die für einen Blockbuster dieser Größenordnung rentabel wären. Womöglich haben sich die Beteiligten angesichts des Sci-Fi-Genres in anderen Worten aber auch bloß gedacht: Wenn schon, denn schon.

7/10

24. März 2014

Captain America: The Winter Soldier

On your left.

Eine gewisse Chuzpe muss man Marvel schon zugestehen, wenn Captain America: Civil War in 2016 nahezu zeitgleich mit dem Batman V Superman-Vehikel aus dem Hause Warner Bros. starten soll. Schließlich lief Captain Americas Origin Story von allen Solo-Avengers-Filmen am bescheidensten, trotz des innewohnenden Zweiter-Weltkriegs-Pathos’ der Thematik. Als letzter Wegbereiter des Milliarden-Spektakels The Avengers war der Captain auch in diesem eher die zweite Geige hinter Iron Man und Co. Mehr als genug Grund also für die Regie-Brüder Anthony und Joe Russo (Community), in Captain America: The Winter Soldier richtig auf die Kacke zu hauen.

Nach 70 Jahren Froststarre scheint Steve Rogers (Chris Evans) langsam angekommen in der Neuzeit, macht er doch das, was er schon damals tat: Für Vater Staat die bösen Buben jagen. Darunter auch moderne wie Piraten, die ein geheimes S.H.I.E.L.D.-Schiff überfallen. Auf diesem finden Captain America und Black Widow (Scarlett Johansson) jedoch noch mehr: Dateien, die auf eine Verschwörung innerhalb von S.H.I.E.L.D. hinweisen. Die könnte nicht nur das Leben von Nick Fury (Samuel L. Jackson) in Gefahr bringen, sondern obendrein auch drastische Folgen für den Rest der Welt haben. Seine Nachforschungen bringen Captain America selbst ins Schussfeld.

Direkt im ersten Akt muss Rogers feststellen, dass die USA – hier in Form von S.H.I.E.L.D. – wenig mit jenem Land eint, für das er einst in den Krieg zog. Im Geheimen basteln Fury und Co. an drei weiteren Helicarriern, die präventive militärische Schläge ausüben können. Man lebe schließlich in der Welt, wie sie ist, und nicht, wie man sie gerne hätte, blafft Fury den Captain an. Dass S.H.I.E.L.D. selbst im Verlauf immer mehr faschistische Züge annimmt und für die Helden der Geschichte die Offenlegung der Wahrheit mittels des Internets –WikiLeaks lässt grüssen – der einzige Ausweg scheint, war im Vorfeld eines Captain America-Films so nicht zu erwarten.

Ohnehin hat das zweite Abenteuer um den First Avenger (der in der deutschen Version weiter den Titelzusatz schmückt) über weite Strecken wenig mit dem Krachbumm von The Avengers zu tun, sondern folgt der Tradition von 70er-Jahre-Spionage-Thrillern (daher die Inklusion von Robert Redford als S.H.I.E.L.D.-Direktor). An Action kommt der Film dennoch nicht vorbei. Wer es pompös mag, kommt ebenso auf seine Kosten wie Leute, für die größer nicht gleich besser ist. Gerade die Eins-gegen-Eins-Situationen bergen Spannung, sei es wenn Rogers gegen Martial-Arts-Söldner Batroc kämpft oder den gespenstischen Winter Soldier (Sebastian Stan).

In seiner Summe ist Captain America: The Winter Soldier somit einer der besseren Marvel-Filme, auch wenn nicht vollends überzeugen kann. Die Auflösung der Verschwörung gegen Ende des zweiten Akts überzeugt in ihrer Konzeption nur bedingt, wie auch die Action in ihren pompösen Momenten und gerade im Finale etwas zu ausufernd gerät. Zudem wundert man sich ob der jeweiligen Betroffenheit der Avengers: Als die USA in Iron Man 3 von Terrorismus bedroht waren, blieben Captain America und S.H.I.E.L.D. außen vor. Nun, da nicht nur die USA, sondern auch die Welt betroffen sind, ist von Tony Stark keine Spur. Dabei ist er hier sogar persönlich betroffen.

Mit dem The Avengers-Erfolg im Rücken dürfte Captain America: The Winter Soldier aber ebenso wie Thor: The Dark World beim Einspiel etwas zulegen. Inwieweit die Ereignisse des Films dann in Avengers: Age of Ultron einfließen, bleibt ungeachtet der obligatorischen Mid-Credit-Szene von Marvel vorerst noch abzuwarten. Eines steht jedoch außer Frage, von der sozio-politischen Chuzpe der Russo-Brüder dürfte sich auch der blasse Joss Whedon für seine Avengers-Fortsetzung ruhig eine Scheibe abschneiden. Und Captain America selbst wird es anschließend in Civil War wieder „alleine“ wagen – selbst wenn ein Großteil der Avengers ebenfalls gebucht sind.

6.5/10

29. Juli 2011

Captain America

A weak man knows the value of strength.

An und für sich bietet Marvels Superheld Captain America genug Reibungsfläche. Sei es sein (sich schon im Namen widerspiegelnder) überbordender Patriotismus oder seine Entstehungsgeschichte. Im Kampf gegen die faschistischen Nazis wird von Seiten der USA ein blond-blauäugiger Supermensch ins Gefecht geschickt. Alle körperlichen Benachteiligungen wie Schweratmigkeit werden weg-eugenisiert und der All American Hero Steve Rogers somit zum Wunschbild des Herrenmenschen wie ihn wohl auch der nationalsozialistische Gegner gerne gehabt hätte. Um das Ganze etwas zu entkräften, versucht Joe Johnston in seinem Film den Fokus weg vom „Für Amerika!“-Charakter zu lotsen und seinen Steve Rogers (Chris Evans) als netten und aufrechten Knirps von Nebenan zu inszenieren.

„Wollen Sie Nazis töten?“, wird Rogers vor dem Experiment gefragt. Dieser verneint und weist darauf hin, ihm gehe es darum, Tyrannen zu stoppen. Dementsprechend erklärt sich auch, warum ein Film über Captain America ein so genanntes period piece sein muss. Denn das Bild der USA als Weltpolizei ist nach Vietnam, Nicaragua, Irak und Co. inzwischen so beschädigt, dass ein Captain America des 21. Jahrhunderts es wohl zuvorderst auch mit den USA selbst aufnehmen müsste. Stattdessen sind seine Gegner Rüpel, Raufbolde und Unterdrücker. Töten will er sie nicht, erklärt er zu Beginn. Später muss dennoch ein Gegner nach dem anderen dran glauben. Aber schließlich lautet die Reihenfolge von Captain Americas Maxime zu diesem Zeitpunkt bereits: Töten oder gefangen nehmen.

Es ist also ziemlich offensichtlich, dass sich Thor und Captain America aus ideologischer Sicht weit weniger ideal auf die Leinwand transferieren lassen, wie ihre etwas simpleren und zeitgenössischeren Kollegen Iron Man und Hulk. Vielleicht erklärt sich dadurch die spätere Auswertung für den im kommenden Jahr startenden The Avengers. Und möglicherweise auch, weshalb beide Filme sich versuchen sowohl selbstironisch als auch nüchtern mainstreamig zu geben. Beiden Marvel-Helden gelingt dies nur bedingt. Wo Thor sich mitunter campig-trashig anbiederte, wurde er von seiner zweigleisigen Handlung korrumpiert. Captain America vermeidet letzteren Fehler, indem er einer klar strukturierten Geschichte folgt. Allerdings gerät er dabei speziell in seiner zweiten Hälfte sehr viel bierernster als ihm gut tut.

So zeigt sich Steve Rogers zu Beginn als sympathisch ideologischer Hänfling, den es 1941 hinüber nach Europa zieht, um sich in einen Krieg zu stürzen, dem viele lieber entflohen wären. Wider Erwarten setzt er sich dabei durch, erhält mit Stanley Tuccis deutschem Klischee-Wissenschaftler eine Vaterfigur, die es später ganz dem Klischee entsprechend wieder zu verlieren gilt. Die Palette – Tommy Lee Jones gibt einen mürrischen Colonel und Haley Atwell ein pseudo-emanzipiertes, barbusiges love interest – der klassischen Filmfiguren funktioniert dabei nur deshalb, weil die Schauspieler sie mit ausreichend Leben füllen. Allen voran Hugo Weaving untermauert als Strickmuster-Nazi sein darstellerisches Händchen für Bösewichter und gefällt mit deutschem Akzent ebenso wie die Kollegen Toby Jones und Tucci.

Trotz seines Charakters als Actionfilm sind es die zwischenmenschlichen Momente, in denen Captain America reüssiert. Sei es ein abendlicher Dialog von Tucci und Evans oder eine kurze Propaganda-Montage als pointierter Seitenhieb auf die Ursprünge der Comic-Figur. Nur wenn sich Captain America im Star-Spangled-Banner-Outfit ins Gefecht stürzt und sein Frisbee-Bumerang-Schild auf Gegner wirft, beginnt sich der Film in die Länge zu ziehen. Das liegt daran, dass Steve Rogers  interessanter ist als sein Alter Ego. Aber auch der Versuch, Charaktere aus dem Comic – wie Dum Dum Dugan (Neal McDonough) – zu integrieren, will nicht überzeugen. Man wünscht sich stattdessen einen stärkeren Fokus auf Weavings diabolischen Red Skull, der in der zweiten Hälfte des Films abwesend an Profil verliert.

Grundsätzlich macht Johnston aber viel richtig. Die Effekte sind solide, verlieren sich im großen Kriegsspektakel ein wenig, überzeugen dagegen bei einem digital verkümmerten Chris Evans. Dieser bleibt ebenso in Erinnerung wie Weavings gelungene Maske als Red Skull. Was sich vom erneut überflüssigen, da kaum räumlichen 3D-Effekt nicht sagen lässt. Auch bei der Besetzung wurde wenig falsch gemacht, obschon man gerade Tommy Lee Jones seine Unterforderung am Gesicht ablesen kann. Ein Schmunzeln ringen einem zudem Filmzitate zu Men in Black oder The Return of the Jedi ab, wie auch der obligatorische Stan-Lee-Cameo (der die Figur nicht erfand, sie aber in die Avengers integrierte). Nun bleibt abzuwarten, ob sich das Warten auf The Avengers über fünf Filme hinweg im kommenden Jahr lohnen wird.

6/10

10. Dezember 2010

Black Swan

The only person standing in your way is you.

Das Ballettstück „Schwanensee“ von Vladimir Begichev und Vasiliy Geltser erzählt die Geschichte der Schwanenkönigin Odette, einer verzauberten Prinzessin, die nur durch die Liebe von ihrem Fluch befreit werden kann. Das Ganze basiert auf einem Märchen, wie könnte es anders sein, trifft man derartige Versatzstücke (wie das Biest in La Belle et la Bête oder den Grimm’schen Froschkönig) doch durch die Jahrhunderte hindurch. Jene Liebe tritt im „Schwanensee“ in Gestalt von Prinz Siegfried auf, wird jedoch unterminiert, als der für den Fluch verantwortliche Zauberer Rotbart das Treffen von Siegfried und Odette überhört und beginnt, zu intervenieren. Rotbart gibt sich anschließend als Baron aus und erschafft eine Doppelgängerin für Odette namens Odile, der Siegfried daraufhin verfällt.

Das von Tschaikowski komponierte Ballettstück von 1875/1876 ist eines der bekanntesten seines Faches, die Figur der Schwanenkönigin aufgrund ihrer unterschiedlichen Choreographien für Odette und Odile zudem eine der anspruchsvollsten und anstrengendsten Rollen des klassischen Balletts. Eine aufreibende Welt also, in der sich die Darsteller zu Unterhaltungs- und Kunstzwecken körperlich verausgaben, was das Publikum jedoch nicht immer angemessen schätzt. Nicht unähnlich dem Wrestling, das als Schaukampf gilt, das jedoch der Authentizität wegen viele seiner Vertreter an die physische Belastungsgrenze treibt. Regisseur Darren Aronofsky widmete sich beiden Welten und liefert nun mit Black Swan einen Gegenentwurf zu seinem letztjährigen The Wrestler ab.

Im Mittelpunkt von Black Swan steht die junge Balletttänzerin Nina (Natalie Portman) - eine unsichere und zerbrechliche Perfektionistin, die von ihrer Mutter und Ex-Ballerina Erica (Barbara Hershey) dazu auserkoren wird, die Karriere zu haben, die Erica aufgrund ihrer Schwangerschaft einst versagt geblieben ist. Beide Frauen leben in einer kontrollierten Welt, abhängig von einander, die Mutter von der Tochter, die Tochter von der Mutter. Als in Ninas Ballettkompanie die Primaballerina Beth Macintyre (Winona Ryder) vom Chefchoreographen Thomas (Vincent Cassel) in die berufliche Wüste geschickt wird, setzt Nina alles daran, die Hauptrolle in Thomas’ Neuinszenierung von „Schwanensee“ zu erlangen. Ihre Versagensängste und Paranoia wiederum sorgen bald für eine mise en abyme.

Zwar tanzt das ewige Mädchen Nina den weißen Schwan perfekt, mit ihrer verführerischen Doppelgängerin Odile hat die psychisch angeknackste Bulimikerin jedoch Probleme. Da hilft es schon gar nicht, dass mit Lily (Mila Kunis) eine vor Extrovertiertheit und Sexappeal sprießende neue Tänzerin zum Ballett stößt. Mit fortschreitender Dauer steigt einerseits Ninas Stellung innerhalb der Kompanie, andererseits aber auch ihre Unsicherheit. In einer Szene dehnen und strecken sich alle Ballerinas, während Thomas durch ihre Reihen schreitet und einige von ihnen antippt - nur Nina nicht. Deren Anspannung springt fast von der Leinwand, ihre anschließende Erleichterung, als sie erfährt, dass diejenigen Vortanzen dürfen, die nicht angetippt wurden, bleibt dagegen nahezu unmerklich.

Ninas Verunsicherung hat Auswirkungen auf ihre Psyche. Sie fühlt sich verfolgt, zum einen von Lily und zum anderen weitaus prominenter von sich selbst. Die Folge: ein Ausschlag auf dem rechten Schulterblatt, Verletzungen am Nagelbett, Gewichtsverlust. Es sei ihr Moment, ihre Chance, flüstert Thomas seiner neuen Primaballerina in einer Szene ins Ohr. In einer anderen weist er sie an, ein wenig zu leben (“Live a little”). Ein Rat, den ihr später auch Lily gibt, aber den Nina nicht befolgen kann. Als Thomas ihr aufgibt, zur Entspannung zu masturbieren, scheitert das Unterfangen an dem plötzlichen Auftauchen von Erica. In dem für die Mutter gelebten Leben von Nina ist für eigene Erfahrungen kein Platz. Was letztlich bei beiden Frauen zu irreparablen Schäden an der Psyche führt.

War „Schwanensee“ ein stets neu interpretierbares Ballett, ist es dies auch bei Aronofsky. So spielt Siegfried in Black Swan gar keine Rolle, vielmehr fragt sich der Film, was wäre, wenn nicht der Prinz von Odile getäuscht würde, sondern Odette. Dementsprechend verschwimmen für Nina verstärkt ihre Wahrnehmungen von Lily und sich selbst, beziehungsweise ihrer eigenen, verführerischen Doppelgängerin - ihrem schwarzen Schwan. Was wahr ist und was nur eingebildet, darunter auch die im Vorfeld viel kolportierte Sexszene zwischen den beiden Darstellerinnen, verwischt dabei vielleicht für die Hauptfigur, nicht jedoch für das Publikum. Denn obschon sich Aronofskys fünfter Film als Psychodrama und/oder Balletthorror anbiedert, vermag er selten wirklich Spannung aufzubauen.

Damit das Filmgeschehen den Zuschauer fesselt, fehlt der Geschichte der Zugang zu ihren Figuren. So bleibt Lily durchweg eine Schimäre, die sie allerdings nicht ist, schwankt Thomas zwischen berechnendem Arsch und kaltherzigem Perfektionisten oder ist Beth im Grunde total verschenkt. Ein Verständnis für die Charaktere geht Black Swan gänzlich ab, was ihn wohl am meisten von The Wrestler, seinem Bruder im Geiste, unterscheidet. Hier wie da folgt die Kamera gerne der Hauptfigur im Rücken, schenkt ihr Hoffnung, nur um sie kurz darauf wieder ins Straucheln kommen zu lassen. Scheiterte Randy the Ram an der Vergänglichkeit seines Ruhmes (so gesehen ist ihm Beth hier noch am ähnlichsten), droht Nina an der von ihrer Mutter aufgelasteten Erwartungshaltung zu zerbrechen.

Nagte im Vorgänger sein Beruf an Randys Physis, zerfrisst ihre Chance hier an Ninas Psyche. Dieser vermeintliche Identitätsverlust als mise en abyme ist zwar über weite Strecken interessant, wenn Nina und Lily als charakterliche Gegenentwürfe zueinander - und was Nina angeht auch füreinander - entworfen werden. Doch Aronofsky verliert sich nach dem zweiten Akt zu sehr in der Aufeinanderfolge dieses Psychospieles sowie in seiner Intensität. Denn diese drückt sich primär durch den Einsatz von CGI-Spielereien aus, die nicht nur unnötig, sondern auch störend ausfallen. Von der geerdeten Etablierung der Handlung zu Beginn bleibt am Ende nicht mehr viel übrig, wenn Black Swan im dritten Akt die Transformation vom Psychodrama zum Balletthorror unternimmt.

Über allem erhaben ist dabei jedoch das Ensemble. Wie die Schwanenkönigin für die Primaballerina eine anspruchsvolle und anstrengende Rolle ist, verkommt sie auch für Natalie Portman zu einer solchen. Stärker als in Black Swan sah man sie wohl selten, weshalb sie beste Chancen haben sollte, im Februar ihre zweite Oscarnominierung zu erhalten. Spielen Mila Kunis und Vincent Cassel - Letzterer mit den besten Dialogzeilen ausgestattet - zwar überzeugend, aber weitestgehend unauffällig, vermag neben Portman noch Barbara Hershey besonders hervorzustechen. Hin- und hergerissen zwischen fürsorglicher Mutter und labilem Kontrollfreak, hinterlässt die 62-Jährige einen bleibenden Eindruck, der ebenfalls von der Academy gewürdigt werden könnte.

Dieses Jahr erhielt Black Swan stürmenden Beifall beim 67. Filmfestival in Venedig, jenem Ort, an dem vor vier Jahren noch Darren Aronofskys Meisterwerk The Fountain ausgebuht wurde. Ein Erlebnis, das beim New Yorker hängen geblieben und Wunden gerissen zu haben scheint. Von visuellen Spielereien verabschiedete er sich daraufhin in The Wrestler, der erstaunlich straight und konsequent daherkam. Zwar blieb damals die Anerkennung der Academy aus, für seinen allseits gelobten jüngsten Film könnte sie nun jedoch ins Haus stehen. Dass sich der 41-jährige Amerikaner seit The Wrestler weiterentwickelt hat, lässt sich dagegen nicht sagen, sind sich beide Filme doch zu ähnlich (Thrillerelemente ersetzen Charaktertiefe), um einen wirklichen Fortschritt erkennbar zu machen.

So ähneln sich Darren Aronofsky und die Schwanenkönigin vielleicht mehr als sie glauben, wenn die von den Kritikern zuletzt verehrten The Wrestler und Black Swan mit der verführerischen Doppelgängerin gleichgesetzt werden, die Aronofskys künstlerisch wertvolle, ambitionierte und oftmals unterschätzte Vorgänger in Vergessenheit geraten lassen. Doch die wahre Schönheit liegt unter der von außen bisweilen als hässlich erachteten Form, sodass es Aronofsky seinem Märchenvorreiter Prinz Siegfried gleich tun sollte, indem er der Verführung widersteht (für 2014 inszeniert er eine Bibel-Adaption um Noah) und zurück zu seiner ewigen und wahren Liebe kehrt. Einen entscheidenden Hinweis hat er sich dabei in Black Swan bereits selbst gegeben: The only person standing in your way is you.

6.5/10

27. September 2010

Hot Tub Time Machine

It felt good. Admit it.

Nimmt sich ein Zeitreise-Film halbwegs Ernst, greift er das Problem des Schmetterlingseffektes auf. Eine Veränderung in der Vergangenheit kann Folgen auf die Gegenwart haben. Ein Paradoxon, natürlich, da eine Veränderung in der Vergangenheit, die Folgen auf die Gegenwart hätte, dementsprechend bereits bekannt wäre. Nichtsdestotrotz dient der Schmetterlingseffekt im Zeitreise-Film schlechthin, Back to the Future, als netter Aufhänger für die Geschichte des Filmes. Michael J. Fox platzt in die Schulzeit seiner Eltern und verhindert, dass diese sich ineinander verlieben. Oder tut er dies wirklich? Das Paradoxon kommt wieder ins Spiel, wer weiß ob Marty McFly überhaupt existieren würde, wenn er nicht in die Vergangenheit gereist wäre. Weit weniger ernst nimmt diese Prämisse nun Steve Pinks Hot Tub Time Machine, der sich eher daran labt, zurück in die Vergangenheit zu reisen. Passender Weise natürlich in die achtziger Jahre, womit die Referenzen zu Back to the Future nicht aufhören, sondern im Grunde erst anfangen.

Ist die Schulzeit vorbei, verflüchtigen sich auch die Bekanntschaften. Man geht seine eigene Wege, kämpft mit seinen eigenen Problemen. Adam (John Cusack) zum Beispiel kommt eines Abends nach Hause, um festzustellen, dass seine Freundin ausgezogen ist und dabei nicht nur die Dinge mitgenommen hat, die ihr gehört haben. Sein Neffe Jacob (Clark Duke) sitzt derweil im Keller und zockt Second Life, während Pantoffelheld Nick (Craig Robinson) in einem Hundesalon arbeitet. Es ist ein vermeintlicher Suizidversuch ihres Kumpels Lou (Rob Corddry), der Adam und Nick auf den Plan ruft. Spontan wird beschlossen, auf die alte Skihütte zu fahren, um der vergangenen Zeiten zu gedenken. Ein lahmer Abend, der im Whirpool und nach einigen Runden Alkohol, inklusive des illegalen russischen Energiedrinks Chernobly, im Jahr 1986 endet. Auf Anraten von Jacob und dessen Stargate-Fankenntnisse müssen nun alle darauf achten, genau das zu tun, was sie damals auch getan haben.

Der Auftakt für einige nette Anekdoten und nostalgische Erinnerungen an die Achtziger. Nicht gerade die schönsten Erinnerungen für manche, resümiert Adam doch: „We had like Reagan and AIDS“. Für Nick dagegen war es eine bessere Zeit, war damals Michael Jackson doch noch schwarz und sein Nachname „Webber“ im Gegensatz zur Gegenwart, wo er den Namen seiner Frau angenommen hat. Alle Drei haben nun mehr oder weniger Opfer zu bringen, um sicherzustellen, dass alles sich so abspielt, wie es sich einst abgespielt hat. Für den damals in einer Band spielenden Nick bedeutet dies, mit einem Groupie seine Frau zu betrügen, was ihm merklich schwerfällt, obschon diese ihn zuvor betrogen hat. Adam wiederum muss mit seiner scharfen Freundin Jenny (Kick-Ass' Lyndsy Fonseca) Schluss machen und fürchtet den damaligen Stich mit einer Gabel ins Auge. Währenddessen versucht Lou einer alten Schlägerei mit Blaine (Sebastian Stan) von der Ski-Patrouille aus dem Weg zu gehen und Jacob kämpft damit, dass seine Mutter ein koksendes Flittchen ist.

Die Reminiszenz an das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks weicht dann relativ rasch der klassischen Komödienformel. Hier und da gibt es kleinere nette Szenen, die Emails und Handys ins Spiel bringen, aber wie Nick sagen würde: „That’s not the point“. Stattdessen geht es für die drei Protagonisten eher darum, ihre miserable Gegenwart durch ein Eingreifen in die weitaus illustere Vergangenheit zu beeinflussen - was Jacob unter allen Umständen vermeiden möchte. Aber auch dies ist eher eine Randerscheinung eines Filmes, der mehr Wert auf gute Stimmung denn eine gute Handlung legt. So versucht Hot Tub Time Machine den Geist der Achtziger-Komödien einzufangen und wie sollte das besser gehen, als mit John Cusack in der Hauptrolle? Dementsprechend baut Pink kleine Referenzen zu Better Off Dead… und Say Anything… ein, was jedoch nicht dabei hilft, dass Cusack selbst etwas von seiner damaligen Aura wiedergewinnt. Er und Duke sind es, die dem Erzählfluss stets ein Bein stellen und das Tempo drosseln.

Da hilft auch Lizzy Caplan in einer Nebenrolle wenig, mit der sich Cusack speziell im zweiten Akt primär die Zeit vertreibt, während Dukes Figur eine ausgesprochen Undankbare ist, die wenig bis gar keine Sympathien zu erzeugen vermag. Stattdessen lebt Pinks Film von Robinson und Corddry beziehungsweise von der Naivität und Coolness des Ersteren und ungezügelten Vulgarität des Letzteren. Ein herrlicher running gag besteht beispielsweise aus Lou, wie er in jeder halbwegs gefährlichen Situation darauf hofft, dass der einarmige Page (Crispin Glover) aus der Gegenwart in der Vergangenheit ebenjenen Arm verlieren könnte. Der exzellente Glover ist dabei nur einer von vielen Verweisen auf Robert Zemeckis’ Kultfilm Back to the Future, zu denen auch ein grandioser Musikauftritt von Robinson gehört, der in einer Skihütte 1986 plötzlich „Let’s Get It Started“ von den Black Eyed Peas anzustimmen beginnt. Es sind Szenen wie diese, die über einige spannungsarme Hänger in Hot Tub Time Machine hinwegtrösten können.

Denn wenn man lacht, dann ordentlich. Überflüssige Figuren wie im Grunde Caplan aber insbesondere Chevy Chase als Pendant zu Christopher Walken in Click oder Don Knotts in Pleasantville, fallen da weitaus störender auf als William Zabkas Gastauftritt, der allein dank Zabka nett gerät. Insgesamt ist Pinks Film also durchaus gelungen und sehr viel stimmiger, wenn auch weniger obszön, als eine frühere Drehbuchfassung des Filmes es vorgesehen hatte. Überzeugende Darsteller wie Robinson, Corddry, Glover oder Stan können die schwächeren Auftritte von Cusack, Duke und Co. ausgleichen. Wenn von Nöten, gelingt es Pink mit Hilfe seiner Ausstattung und Musik (u.a. „Once In A Lifetime“ von den Talking Heads) die nötige 80er-Atmosphäre zu erzeugen. Hinzu kommt, dass es genügend ausgesprochen unterhaltsame Szenen gibt, die einige Durststrecken überstehen lassen. Das male bonding zwischen den vier Darstellern könnte besser sein, allerdings auch schlechter (siehe Grown Ups). Zwar wird Hot Tub Time Machine finanziell nicht zum diesjährigen The Hangover, emotional ist er diesem jedoch weit voraus. Oder zurück. Ein Zeitparadoxon eben.

7.5/10