21. November 2012

Head Games

You’re playing Russian roulette with their future.

Es dürfte wohl für die meisten Menschen kein Schock sein, zu erfahren, dass man sich bei körperkontaktbetonten Sportarten verletzen kann. Womöglich sogar unwiderruflich. Insofern ist der Einstieg zu Steve James’ Dokumentation Head Games für Europäer etwas überraschend. “It’s been known for a long time that banging your head over and over again can be a bad thing”, sagt Alan Schwarz, Reporter der New York Times, zu Beginn. Was nicht gerade eine Offenbarung ist. Angesichts der Reaktionen und Entwicklungen, die James in den folgenden anderthalb Stunden zeigt, scheint dies in den USA jedoch durchaus eine solche gewesen zu sein.

In seinem jüngsten Film thematisiert James den Zusammenhang zwischen gewissen Sportarten wie Football, Basketball, Eishockey oder Fußball und dem Auftreten von chronisch traumatischer Enzephalopathie (CTE) nach erlittenen Gehirnerschütterungen. Im Mittelpunkt des Films steht dabei Chris Nowinski, ehemaliger College-Football-Spieler und WWE-Wrestler, der nach einer Gehirnerschütterung den Profi-Sport aufgab, ein Buch über die Risiken im Football schrieb und seither als Ansprechpartner für CTE-Gefahren gilt. “I loved the violence”, sagt er rückblickend über seine Zeit beim Football, den in den USA einer aus acht Jungen praktiziert.

Es sei “the closest thing of being a war hero without actually going to war”, sagt Nowinski. Seine Sportanalogie deckt sich mit Beschreibungen einiger anderer interviewter Sportler. Dies trifft aber auch auf ihre Krankenakte zu. Jeder zweite Spieler hat schon Symptome einer Gehirnerschütterung gehabt, in Head Games treffen wir auf Fußballerinnen, die von mehreren Gehirnerschütterungen berichten, genauso wie einen Teenager, der bisher drei davon erlitten hat. Auswechseln lassen wollen sich die meisten von ihnen während einer Partie jedoch nicht. Für Profis der NFL gehören Schädel-Hirn-Tramata (SHT) nach eigener Aussage sogar zum Sport dazu.

“In most other sports the chance of injury in incidental”, sagt der Sportjournalist Bob Costas. “In football, the chance of injury and long term serious effects is fundamental.” Und CTE sei dabei die größte Gefahr, die nicht nur zu früher Demenz führen kann, sondern viele Betroffene auch in den Selbstmord treibt. Steve James begleitet einen Ex-Football-Profi zum Neurologen, wo dieser nicht einmal mehr die Monate zwischen Januar und Juni aufzählen konnte. Ingesamt gaben 1,9 Prozent der Ex-Profis zwischen 30 und 49 Jahren an, mit einer Demenzerkrankung diagnostiziert worden zu sein. In der normalen Bevölkerung sind nur 0,1 Prozent betroffen.

Somit stellt sich die Frage, ob diese Sportarten im Allgemeinen und Football im Speziellen für Kinder geeignet sind. “You’re playing Russian roulette with their future”, findet Nowinski. Auch andere Eltern äußern Bedenken, stellen diese jedoch hinter die Liebe ihrer Kinder zu der jeweiligen Sportart zurück. So berichtet auch Chayse Primeau, Sohn von Ex-NHL-Spieler Keith Primeau, davon, einmal mehrere Minuten bewusstlos gewesen zu sein. Seinem Vater war einst nach seiner vierten Gehirnerschütterung von seinem Klub nahegelegt worden, seine Karriere zu beenden. “I was relieved”, gesteht Primeau seine erste Reaktion.

Was genau passiert, wenn wir eine Gehirnerschütterung erleiden, zeigt Steve James anfangs ebenso ausführlich wie die Neurologin Ann McKee ihre Forschung. Grandios gerät dabei eine Szene, in der sie ein Gehirn wie ein Laib Brot zerschneidet, um die Folgen von CTE zu zeigen. Wie gesagt ist es wenig überraschend, dass Profi-Sportarten mit viel Körperkontakt gesundheitliche Risiken bergen. Insofern vermag Head Games einen nicht vom Hocker zu hauen. Aber es gelingt Steve James gut, die Hintergründe etwas eingehender zu beleuchten und auf etwas aufmerksam zu machen, was zumindest in den USA weniger bekannt war als es hätte sein sollen.

7.5/10

15. November 2012

The Invisible War

Don’t risk it. Ask her when she’s sober.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums hat das US-Militär 2011 mit über 150.000 neuen Rekruten seine Vorgaben erfüllen können. Bedenkt man, dass 2009 rund 15 Prozent der Armee aus Frauen bestand, wären das um die 23.000 Rekrutinnen pro Jahr. Diese Frauen verpflichten sich für den Dienst am Vaterland, darauf vorbereitet, im Notfall für dieses ihr Leben zu lassen. Worauf sie nicht vorbereitet sind, und was jede fünfte Soldatin während ihrer Dienstzeit erleben muss, ist ein sexueller Übergriff, voraussichtlich von einem direkten Vorgesetzten. Vergewaltigung, so ein Gerichtsbeschluss, sei im US-Militär eine „berufsbedingte Gefahr“.

Einem CNN-Artikel von Jackie Speier vom Juni 2012 zufolge, hat man im US-Militär eine 86-prozentige Chance “of keeping your crime a secret”. Kommt es dann doch ans Licht, wird in 92 von 100 Fällen ein Verfahren vermieden. Wer gerne vergewaltigt, so die morbide Schlussfolgerung, ist im US-Militär bestens aufgehoben. Schließlich haben laut einer Studie der US Navy bereits 15 Prozent der Rekruten eine Vergangenheit mit sexuellen Übergriffen. Mit Vergewaltigung in diesem “band of brothers” beschäftigt sich auch Kirby Dicks aufrüttelnder Dokumentarfilm The Invisible War, in dem ehemalige Soldatinnen von sexuellen Übergriffen auf sich berichten.

“Any report of a sexual assault is fully investigated in the United States Navy”, versichert an einer Stelle Rear Admiral Anthony Kurta, Direktor des Military Personnel Plans and Policy Office. Dabei meldet jede vierte Soldatin nicht einmal ihren Übergriff, weil die Person, der sie es melden müsste, diesen selbst getätigt hat. Außerdem arbeitet Dicks Film heraus, dass selbst wenn es zu einer Anzeige kommt, diese meist im Keim erstickt wird. Die Schilderungen der Frauen – der Film beginnt mit einer nicht enden wollenden Anzahl Talking Heads von Betroffenen – zeigt, dass es sich keinesfalls, wie vom Militär darstellt, um Einzelschicksale handelt.

Allein 2010 soll es laut CNN 19.000 solcher Vorfälle gegeben haben – allerdings nur die gemeldeten, wohlgemerkt. Gemeldet haben auch die Interviewten in The Invisible War ihre Vergewaltigungen – getan hat sich wenig, bis auf den emotionalen und teilweise körperlichen Schaden, den die Veteraninnen erlitten haben. So nahm Hannah Sewell in der Navy ein Kamerad ihre Jungfräulichkeit, andere Frauen wurden von ihrem Vergewaltiger sogar schwanger. Kori Cioca gefiel an der Coast Guard die Kameraderie unter den Soldaten, die Disziplin. “Who I wanted to be”, sagt sie, “they taught you there”. Bis sie vergewaltigt und verletzt wurde.

Ihr Vorgesetzter sprengte ihr Kiefergelenk, inzwischen kann sie keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, aufgrund der Kälte im Winter nicht mit ihrer Tochter draußen spielen. Vor ihr auf dem Tisch stehen über zwei Dutzend Tablettenröhrchen, die sie für ihre Schmerzen schlucken muss. Die Übernahme der Kosten lehnt das Militär ab, da Cioca aufgrund der Vergewaltigung zwei Monate vor Dienstende bereits aus der Armee austrat. Ebenso wie ihr Mann, den sie dort kennengelernt hat. Wie die anderen Interviewten hat sie sich trotz der Folgeschäden ein halbwegs normales Leben aufbauen können – was nicht jeder Veteranin widerfährt.

“40 per cent of homeless, female veterans have been raped while they’ve been serving”, weiß die Autorin Helen Benedict. Nicht wenige von ihnen haben einen Selbstmordversuch oder zumindest den Gedanken an einen solchen hinter sich. Ein Gefühl der Unsicherheit beschleicht Trina McDonald bis heute, seit sie von einem vermeintlichen Freund auf ihrer Navy-Station vergewaltigt wurde. “I got there in February”, erinnert sie sich. “By April I was drugged and raped for the first time.” Als einzige Frau unter zehn Männern sei sie sich vorgekommen wie ein Stück Fleisch. Die Schuld, das zeigt The Invisible War, wird derweil oft bei den Frauen selbst gesucht.

So warf man einer Soldatin vor, sie hätte sich zu aufreizend gekleidet – dabei hatte sie lediglich ihre Uniform an. Die angeblichen Auslöser für die Taten, ebenso wie ihre Nichtverfolgung, sind verstörend. Ebenso wie Dicks kurzzeitiger Ausflug in einen scheinbar noch weitaus dunkleren Abgrund, als plötzlich mit Michael Matthews ein Veteran von einer Vergewaltigung berichtet. Der ehemalige Air Force Soldat wurde in jungen Jahren von zwei unbekannten Kameraden vergewaltigt – ebenfalls nichts Ungewöhnliches. Rund ein Prozent der männlichen Soldaten widerfährt dieses Schicksal jedes Jahr, was weniger klingt, aber mehr ist als bei den Frauen.

Denn dadurch, dass es mehr männliche als weibliche Soldaten gibt, ist die Zahl der Betroffenen mit über 20.000 Fällen höher. Vergewaltigung in der Armee, so das Ergebnis, ist nicht auf das Geschlecht des Opfers bezogen. Auch wenn sich verschiedene Kampagnen gegen sexuelle Übergriffe – darunter der zynische Hinweis “Don’t risk it. Ask her when she’s sober” – primär zum Schutz der Soldatinnen aussprechen. Die Auswirkungen sind evident: Auf die Frage, ob sie ihre Töchter beim Militär sehen wollen, verneinen alle Interviewten. “I was always taught that it’s every citizen’s duty to join the military”, sagt Jessica Hinves. “If you can, you should.”

Sie stammt wie einige andere Soldatinnen aus einer Militärfamilie. Und hier fragt man sich als Zuschauer durchaus, ob ihre Männer oder Väter, die teils als hochrangige Offiziere angestellt sind, konkret etwas unternommen haben. Einige von ihnen spricht Dick zwar, allerdings berichten sie nicht von eigenen Handlungen. Und trotz der Inklusion von Michael Matthews gehen die sexuellen Übergriffe auf Männer etwas unter, wo sie doch die Mehrheit der Fälle ausmachen, ebenso wie zum Schluss zwar viele Politiker viel reden, aber ebenfalls nicht auf mögliche Handlungen und Maßnahmen angesprochen werden. Hier hätte der Film noch Potenzial gehabt.

Aber auch so ist es erschütternd, wie in The Tillman Story zuvor erneut aufgezeigt zu bekommen, aus was für Menschen sich das US-Militär genau zusammenstellt und wozu die Leitung dieses Apparates im Stande ist, um seine Täter zu schützen und seine Opfer zu benachteiligen. Denn während die Hannah Sewells ihrer Jungfräulichkeit beraubt und die Kori Ciocas unwiderruflich verletzt wurden, hat das US-Militär nicht nur nie Verfahren gegen die Täter aufgenommen, sondern diese teils sogar ausgezeichnet oder befördert. Dabei sind sexuelle Übergriffe in der Armee kein reines US-Phänomen, sondern kommen auch bei uns in der Bundeswehr vor.

Rund 80 Vorfälle werden dort jährlich gemeldet, wobei nur ein Viertel der Soldatinnen dem Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr nach die sexuellen Übergriffe überhaupt zur Anzeige bringt. Ganz so dramatisch wie in den USA scheint die Situation aber zumindest hierzulande (noch) nicht zu sein – und vermutlich würden Vergewaltigungen auch hier nicht als Berufsgefahr ausgelegt werden. Frauen in den USA sei in Bezug auf die Einschreibung zum Dienst beim Militär jedenfalls geraten: Don’t risk it. Denn wenn The Invisible War dem Zuschauer etwas zeigt, dann dass der berühmte US Army-Slogan “Be All You Can Be” für viele nicht viel heißt.

8/10

13. November 2012

Dredd 3D

Ma-Ma is not the law... I am the law.

Für hartgesottene Comic-Fans ist das Filmjahr 1995 wohl nicht existent. Zu grausam dürften die Erinnerungen an Joel Schumachers Batman Forever und Danny Cannons Judge Dredd sein. Extrem campy Comicverfilmungen populärer Figuren. Schrill, schräg und völlig überdreht. So erhielt der faschistische Straßenrichter Judge Dredd Rob Schneider als Sidekick und ging seiner Arbeit ohne Helm (!) in einer Versace-Uniform nach. Über den Film wurde bald (und gänzlich zu Unrecht) der Deckmantel des Schweigens gehüllt. Dabei hat Cannons Film durchaus einiges mit den Comics gemein, ist zuvorderst aber eine trashige Adaption mit viel Sinn für Selbstironie.

Angesichts der Renaissance des Comic-Genres war es absehbar, dass auch Judge Dredd nochmals durch Mega City One streifen würde. Alex Garland nahm sich der Figur an und versprach den Fanboys einen Fanboy-Ansatz. Allen voran, dass Dredd seinen Helm aufbehält. Und so verfolgt das Publikum in Dredd nun das Kinn von Karl Urban, wie es sich in eine Handlung begibt, die durch das vorherige Release des thematisch nicht unähnlichen The Raid bereits altbacken daherkommt. Im Grunde sind beide Filme jedoch nur Langversionen jener legendären Single-Take-Kampfszene aus Revenge of the Warrior. Und auch wenn Dredd das Rad nicht neu erfindet, macht er Spaß.

Das liegt jedoch weniger an dem nun bierernsten Ansatz der Figur, die Urban so rudimentär wie möglich – oder nötig – spielt. Das Szenario selbst macht Laune. Dredd ist weniger eine Comic- denn Videospielverfilmung, in der es für den Protagonisten gilt, von einem Set-Piece zum nächsten zu gelangen. Oder konkreter: von einem Level zum nächsten. Das Endresultat ist dann zwar weniger actionreich als man angesichts der Prämisse erwarten würde, die Welle an Gegnern ebbt immer mal wieder zum Luftholen ab, und auch einige Ansätze werden nicht vollends zu Ende verfolgt, aber Fans wie Nicht-Fans der 2000-AD-Figur werden hier gleichermaßen gut unterhalten.

Man kommt aber nicht umhin, aufgrund des Potenzials mehrfach die Blaupausen einer etwas besseren Adaption zu sehen. So wird die den Film einleitende Szenedroge Slo-Mo, mit der das Gehirn seine Umwelt in Zeitlupengeschwindigkeit wahrnimmt, unzureichend eingesetzt. Zwar nutzt Regisseur Pete Travis das Gimmick, um während einer Razzia-Szene zwischen der Realität und Slo-Mo hin- und herzuwechseln, aber richtig zu Ende gedacht werden auch diese Szenen nie. Im Gegenteil, eine der wenigen Slo-Mo-Szenen zeigt uns lediglich die Antagonisten beim Baden. Und mit seiner Antagonistin Ma-Ma bewegt sich der Film ebenfalls auf dünnem Eis.

Von Lena Headey zwar überzeugend gespielt, ist auch ihre Figur nicht konsequent genug ausgearbeitet. Ihr Hintergrund will nicht so ganz erklären, wie sie sich einen ganzen Wohnkomplex – der in der Welt von Dredd quasi ein ganzes Stadtviertel einnimmt – unter den Nagel gerissen hat. Auch die Beweggründe für den entfachten Krieg gegen Dredd geraten reichlich schwammig und unausgegoren. Letztlich handelt es sich hierbei zuvorderst aber um einen Action-Film, in dem die Charaktere weniger ausgereift sein müssen als wiederum in einem Charakter-Drama. Und die Handlung, so simpel sie ist, überzeugt vermutlich gerade wegen ihrer Einfachheit.

Das Ensemble spielt seinen Part, die Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle ordnet sich der Idee des Films und seiner Szenerie unter, und die Musik trägt ebenfalls ihren Teil zum gelingenden Ganzen bei. Somit kann das Ergebnis als gut erachtet werden, wenn auch im direkten Vergleich Judge Dredd durch seine verspielte Unernsthaftigkeit gegenüber Dredd der etwas vergnüglichere Film ist. Ohne dass Pete Travis’ Adaption dabei jedoch – auch dank ihrer Kurzweiligkeit – weniger unterhaltsam wäre. So wie so, am Ende ist es jedenfalls erfreulich, Judge Dredd wieder in Mega City One zu sehen – mit oder ohne Helm. Die Fanboys jedenfalls werden sich an diesem Detail freuen.

7/10

6. November 2012

Amour

Liebe ist der Wunsch, etwas zu geben, nicht zu erhalten.
-- Bertholt Brecht


Wenn man eines über Michael Hanekes jüngsten Film sagen kann, dann, dass Amour wohl nicht gerade das Feel-Good Movie des Jahrzehnts wird. Vielmehr wird von Haneke etwas thematisiert, dass die meisten Menschen vermutlich geflissentlich ignorieren: was sie im hohen Alter erwartet. Für Haneke selbst ging es darum, wie man mit dem Leiden eines geliebten Menschen umgeht. Bis zu welchem Alter und Gesundheitsgrad ist das Leben noch lebenswert und transzendiert das eigene Leiden auf den jeweiligen Partner? In Amour sehen wir ein altes Ehepaar in seiner letzten Lebensphase, als es von einem Schicksalsschlag getroffen wird.

Eine Verstopfung der Halsschlagader bei Anne (Emmanuelle Riva) verlangt nach einer Operation; als diese jedoch missglückt, ist die ehemalige Musiklehrerin plötzlich halbseitig gelähmt. Fortan geht der zuvor durchaus vitalen Frau ihr Ehemann Georges (Jean-Louis Trintignant) zur Hand, schneidet ihr das Essen und hilft ihr von der Toilette. Als Anne ein Schlaganfall trifft, die Lähmung sich verschlimmert und eine Pflegerin eingestellt werden muss, verschlechtert sich mit Annes gesundheitlichem Zustand ihre einst so harmonische Ehe mit Georges. Auch die gemeinsame Tochter Eva (Isabelle Huppert) leidet unter der Situation ihrer Mutter.

In guten wie in schlechten Zeiten – so heißt es im Eheversprechen. Natürlich hoffen die meisten Paare auf weitaus mehr gute wie schlechte Zeiten. Das Alter bringt es jedoch oft mit sich, dass sich der Zustand des einen Partners vor dem des anderen verschlechtert. Plötzlich wird man von dem oder der einstigen Geliebten zu einem oder einer Abhängigen. Ein Effekt, der sich nicht zuletzt auch auf den notbedürftigen Partner niederschlägt, in diesem Fall Anne. Mit der halbseitigen Lähmung geht sie zuerst noch sehr positiv um, doch mit der Zeit beginnt sie an ihrem Leiden und ihrer fortschreitenden Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu verzweifeln.

Wie Emmanuelle Riva diesen psychischen und physischen Verfall spielt, ist im Folgenden durchaus beeindruckend. Was mit einer angewinkelten rechten Hand beginnt, setzt sich fort zum verzogenen Mundwinkel und herausgepressten Wortfetzen. Die 85-Jährige spielt dies alles mit einer Würde und einem Selbstverständnis, der es – im Verbund mit ihrer relativen Unbekanntheit – umso einfacher macht, sich auf die Figur ihrer gebeutelten Musiklehrerin einzulassen. Auch Jean-Louis Trintignant überzeugt als liebevoller Ehemann, der klar zu erkennen gibt, dass bei ihm die Hoffnung zuletzt stirbt. Vermutlich sogar nach seiner geliebten Anne.

Wenn Jury-Vorsitz Nanni Moretti erklärt, durch Amours Gewinn der Palme d’Or konnten seine Schauspieler nicht ausgezeichnet werden, spricht das für sich. Verdient hätten es Riva und Trintignant beziehungsweise das Ensemble des Films allemal. Angesichts seiner ziemlich bedrückenden Thematik, zurückgenommenen Erzählweise und Laufzeit von zwei Stunden funktioniert Amour überraschend gut. Wie eingangs erwähnt zwar keineswegs ein Feel-Good Movie bedeutet dies jedoch nicht, dass der Film ein „Downer“ sei. Vielmehr geht einem jene dargestellte Liebe von Georges zu Anne und diese beiden sympathischen Figuren zu Herzen.

Vorwerfen ließe sich, dass Haneke den Film straffer hätte erzählen können, da zumindest eine der Sequenzen verzichtenswert ist. Auch ein weniger harter Einstieg und ein Schluss, der eine Szene früher einsetzt, hätten Amour vermutlich besser zu Gesicht gestanden. Aber unabhängig davon ist dem österreichischen Regisseur nach dem etwas verkopften Das weiße Band nun wieder eine klare Steigerung gelungen und letztlich formal wie emotional einer der gelungensten Filme des Jahres. Zwar ist Amour kein Film, den man sich immer wieder und wieder ansehen wird, aber wie sagte es bereits Gustave Flaubert: „Man liebt nur, woran man leidet“.

8.5/10

Szenenbilder Amour © Warner Bros./XVerleih

1. November 2012

Filmtagebuch: Oktober 2012

THE ADVENTURES OF TINTIN
(USA/NZ 2011, Steven Spielberg)
3/10

BEASTS OF THE SOUTHERN WILD
(USA 2012, Benh Zeitlin)
9/10

BILL CUNNINGHAM NEW YORK
(USA/F 2010, Richard Press)
7.5/10

DAWN OF THE DEAD [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1978, George A. Romero)
7/10

DAY OF THE DEAD
(USA 1985, George A. Romero)
6/10

THE DEVIL’S DOUBLE
(B/NL 2011, Lee Tamahori)
4.5/10

DREDD 3D
(GB/USA/IND 2012, Pete Travis)
7/10

DU HAST ES VERSPROCHEN
(D 2012, Alex Schmidt)
4.5/10

J. EDGAR
(USA 2011, Clint Eastwood)
5/10

KILLER JOE
(USA 2011, William Friedkin)
6/10

LIKE CRAZY
(USA 2011, Drake Doremus)
3/10

LOOPER
(USA 2012, Rian Johnson)
4/10

MARTHA MARCY MAY MARLENE
(USA 2011, Sean Durkin)
4/10

MICHAEL
(A 2011, Markus Schleinzer)
7.5/10

MIRROR MIRROR
(USA 2012, Tarsem Singh)
6/10

NIGHT OF THE LIVING DEAD
(USA 1968, George A. Romero)
7/10

THE O.C. - SEASON 1
(USA 2003/04, Michael Lange u.a.)
7/10

THE O.C. - SEASON 2
(USA 2004/05, Ian Toynton u.a.)
7/10

OSLO, 31. AUGUST
(N 2011, Joachim Trier)
7/10

PIETA
(ROK 2012, Kim Ki-duk)
6.5/10

PIRANHA 3DD
(USA 2012, John Gulager)
5.5/10

[REC]
(E 2007, Jaume Balagueró, Paco Plaza)
4/10

RETURN OF THE LIVING DEAD
(USA 1985, Dan O’Bannon)
5/10

SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN
(USA 2012, Rupert Sanders)
3/10

22. Oktober 2012

Bill Cunningham New York

Fashion is the armour to survive everyday life.

Kleider machen Leute heißt es ja so schön. Ein Sprichwort, das zumindest auf den 83-jährigen Fotografen Bill Cunningham nicht zutreffend ist. Denn er isst in simplen Straßenbistros, schläft in einem kleinen Apartment in der New Yorker Carnegie Hall und trägt einen blauen Malerkittel. “I don’t like fancy things”, sagt er verschmitzt. Umso erstaunlicher, dass Cunningham als eine der Fashion-Fotografen-Größen gilt. “If he ignores you, it’s death”, weiß Anne Wintour. Täglich ist Cunningham mit seinem Fahrrad auf den Straßen des Big Apple unterwegs, immer auf der Suche nach dem nächsten Modetrend und dem nächsten “marvellous exotic bird”.

Denn Cunningham sieht Dinge auf der Straße, die anderen nicht auffallen, sagt Wintour. “And in six months time, that will be a trend.” Seien es Baggy Jeans oder andere Mode-Erscheinungen, an dem rüstigen alten Mann gehen sie nicht vorbei. Er hat einen Überblick über 40, 50 Jahre an Modetrends in New York, eine der Fashion-Hauptstädte der Welt. In zwei Bildkolumnen für die New York Times, darunter “On the Street”, beleuchtet er die lokale Szene und gilt dabei sowohl als Koryphäe als auch als große Unbekannte. Denn über sein Privatleben weiß kaum jemand Bescheid. Und auch Richard Press’ Dokumentarfilm dürfte dabei wenig Abhilfe schaffen.

Zwar zeigt Bill Cunningham New York durchaus ein paar Einblicke in die Privatsphäre des 83-Jährigen, diese gehen aber auch nur bis zu seiner Wohnung und ein, zwei Freunden. Zwischen Aktenschränken voller alter Negative schläft Cunningham auf einem sporadischen Bett. Sein Zuhause, das merkt man schnell, sind nicht diese vier Wände, sondern die Straßen von New York. Bill Cunningham lebt für seine Arbeit, für all die zu entdeckenden Trends und Kleider in den Häuserschluchten von Manhattan und Co. “The best fashion show is definitely on the streets”, berichtet er Press gleich zu Beginn des Films. “Always has been and always will be.”

Dabei wirkt Cunningham gerade am Anfang der Dokumentation wie ein Rentner, der versucht, seine Zeit totzuschlagen, indem er die Röcke und Beine von Frauen fotografiert. Doch seine Wertschätzung durch namhafte Talking Heads wie der Vogue-Chefin oder Iris Apfel, einer geschätzten Innenausstatterin, spricht für sich. Cunningham ist ein langjähriger Beobachter der New Yorker High Society, Bekannter von Lady Astor und dabei kein Stück abgehoben. Vielmehr ist er ein herzlicher, vitaler Mann Anfang 80, der sich vom Leben nichts diktieren lassen will, sondern seiner Passion für Mode, Fashion und Style folgt. Bisweilen sogar bis nach Paris.

Die französische Hauptstadt besucht der US-Amerikaner dabei in regelmäßigen Abständen: “to re-educate the eye”. Zugleich wurde er vom französischen Kulturministerium als Offizier mit dem Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet. Für Cunningham selbst vielleicht sogar zu viel der Ehre. Zwar glaubt er “he who seeks beauty will find it”, zugleich verriet er bezüglich seiner Trend-Voraussicht: “I let the street speak to me”. Wobei zumindest angesichts der Objekte in Press’ Film die Straße wohl zu den meisten von uns sprechen würde, werden doch die Schrillen und Schrägen – zum Beispiel der dandyhafte Patrick McDonald – ins Licht gerückt.

“A lot of people have taste”, erklärt Cunningham, “but only a few have daring”. Sicher ist er dabei auch ein alter Mann, der seine Zeit totschlägt, indem er Frauen die Röcke fotografiert. Aber er ist auch jene Koryphäe als die man ihn preist. Für alle, die wenig auf Mode geben, ist Bill Cunningham New York ein nettes Feature zu jener seltsam anmutenden Welt. Primär ist Richard Press aber ein unterhaltsames Porträt eines grundsympathischen und bescheidenen Menschen gelungen, der sogar seinen Regenponcho stets auf neue flickt. “A little tape and we’re back in business”, lacht Cunningham. Dasselbe könnte man auch über seine Fotografie sagen.

7.5/10

13. Oktober 2012

Snow White and the Huntsman vs. Mirror Mirror

Kreativität in Hollywood ist seit längerem eine eher rare Sache. Und wenn es eine Idee für einen Film gibt, haben sie oftmals mehrere Personen gleichzeitig. Sozusagen. Daher veröffentlichten 1998 sowohl Pixar als auch DreamWorks je einen Film über Ameisenhelden (A Bug’s Life vs. Antz). Im selben Jahr drohte zudem sowohl in Deep Impact als auch in Armageddon ein Meteorit die Erde auszulöschen. Auch sonst leuchten die Glühbirnen gerne mal doppelt auf. So waren ursprünglich zwei unterschiedliche Filme über Frida Kahlo als auch Sherlock Holmes geplant, produziert wurden letztlich nur Frida und Sherlock Holmes, während die Projekte um Jennifer Lopez beziehunsweise Sacha Baron Cohen auf Eis gelegt wurden.

Die Liste der filmthematischen Doppelgänger ließe sich fortsetzen mit den 2006er Zauberer-Mysterien The Prestige und The Illusionist, den Mars-Missionsfilmen aus dem Jahr 2000, Mission to Mars und Red Planet, oder den Vulkan-Dramen Dante’s Peak und Volcano von 1997. Dieses Jahr erschienen im Abstand von wenigen Wochen Snow White and the Huntsman und Mirror Mirror, zwei unterschiedliche Adaptionen der Schneewittchen-Mär der Gebrüder Grimm. Der eine Film war düster gehalten, der andere dagegen bunt. Aber welcher ist nun besser oder gut? An dieser Stelle soll anstatt eines gewöhnlichen Reviews ein Head-to-Head feststellen, wer die Schönste (Verfilmung) im ganzen Land ist.

Snow White

Auf der einen Seite haben wir Twilight-Vamp Kristen Stewart, die mit Schnutengesicht im Kerker gehalten und dennoch eines Tages vom Zauberspiegel zur “fairest of them all” gekürt wird. Es zählen eben die inneren Werte. Anschließend auf der Flucht und in steter Not, ist sie bis zum Finale abhängig von ihren männlichen Protagonisten, sodass Snow White and the Huntsman gar nicht so emanzipiert daherkommt, wie man zuvor vielleicht hätte vermuten können. Stewart bleibt dabei ähnlich blass wie in ihren bisherigen Filmen, mit einer pathetischen Kriegsrede à la Jeanne d’Arc als grausigem Highlight. Sex-Appeal-Faktor: 15%

Weitaus puppenhafter und lebendiger kommt dagegen Phil Collins’ Tochter Lily daher, die ebenfalls eine Gefangene der bösen Königin ist, wenn auch sehr viel sauberer im privaten Schlafgemach gehalten. Wieso beide Königinnen die Mädchen am Leben erhalten, bleibt allerdings offen. Die Snow White in Mirror Mirror ist sehr viel selbstbestimmter und aktiver als die stewartsche Version. Sie übernimmt das Kommando im Zwergenhaushalt, wird per Montage zur kampferprobten Mini-Amazone und wirkt besser ausgearbeitet, was vielleicht daran liegt, dass die Figur näher an der Disney-Version orientiert ist. Sex-Appeal-Faktor: 85%

The Evil Queen

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann schreit Charlize Theron noch heute. Sich total der Hysterie hingebend, keift die Südafrikanerin den Großteil ihrer Dialogzeilen und ist angetrieben vom Wahn nach ewiger Jugend. Oder ewiger Macht. Oder beidem. Scheinbar mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet, die nie vollends erklärt werden (ihr Bruder hat jedenfalls keine), lässt ihre tyrannische Ravenna das Land vor die Hunde gehen, weil das eben das ist, was Tyrannen so machen. Da Geschrei aber nicht sonderlich maliziös ist und Theron jegliche Selbstironie abgeht, fehlt es auch dieser Figur schlicht an Charakter. Bitch-Faktor: 30%

Völlig von der Erde losgelöst spielt dagegen Julia Robert genüsslich ihre böse Königin mit ordentlich Hang zur Selbstironie (“They’re not wrinkles. They’re just crinkles”) und einem gehörigen Schuss Sarkasmus. Zwar fehlt auch ihrer Figur die Motivation, ebenso wie ihre Beziehung zum Zauberspiegel offene Fragen zurücklässt, aber Roberts ist einer der Höhepunkte des Films. Insbesondere ihre Dialoge mit Nathan Lane, aber auch ihr im Übermaß ausgelebter Hang zum Narzissmus zeichnen die Figur aus, die letztlich nur darunter leidet, dass ihr das Drehbuch ein ausgesprochen schwaches Finale zugestanden hat. Bitch-Faktor: 70%

The Love Interest

Es ist schon bemerkenswert, dass Kristen Stewart auch in Snow White and the Huntsman wieder gleich zwei love interests an die Backe geschmiert bekommt. Das kennt sie ja bereits aus den Twilight-Filmen oder Adventureland. Ähnlich wie dort sind sie einem auch hier ziemlich Jacke wie Hose, sowohl Chris Hemsworths charmefreier Antiheld „Eric“ aka der Jägersmann als auch Sam Claflins aufrechte Jugendliebe. Ersterer versucht sich (und scheitert) als verwitweter Alkoholiker in einer Rolle, für die er zu jung scheint. Letzterer hat von vorneherein den Kürzeren gezogen, da er in der Friend Zone festhängt. Mr. Right-Faktor: 50%

Ein völlig anderes Kaliber ist dagegen Armie Hammers Prinz Alcott, der als treudoofer Naivling zum Liebesobjekt für Snow White und zum Goldesel für die Königin avanciert. Letztlich dient Hammers Prinzenrolle eher dem comic relief, sodass ihm zumindest Hemsworths Macho-Figur bei einer direkten Konfrontation problemlos den Gar ausmachen würde. Da in Mirror Mirror jedoch weniger aufgesetzte Pseudo-Seriosität von Bedeutung ist, denn selbstironische Persiflage, fällt Alcotts peinliches Welpenverhalten weniger negativ auf als man erwarten würde. Zudem wirkt seine Zuneigung zu Snow White aufrichtiger. Mr. Right-Faktor: 50%

The Dwarves

Welche Rolle die Zwerge in Snow White and the Huntsman spielen, merkt man bereits am Titel: Sie wurden schlichtweg ersetzt. Zwar prominent gecastet sind sie jedoch extrem unpräsent, abgesehen vom Übergang des zweiten zum dritten Akts. An und für sich würde der Film auch ohne sie genauso funktionieren, da sie einem schlicht nicht in Erinnerung bleiben. Einige von ihnen wie Ian McShane, Ray Winstone oder Nick Frost sind eklatant unterfordert, außer Eddie Marsan und Toby Jones kriegt auch keiner von ihnen – bis auf den achten Zwerg, dessen Schicksal vorhersehbar war – wirklich einen Charakter. Heigh-Ho-Faktor: 15%

Anders dagegen in Mirror Mirror, wo schon allein die Tatsache ins Auge springt, dass es sich um eine Multi-Ethnische-Zwergentruppe handelt. Vom Asiaten über den Latino bis hin zum Kaukasier stellen sie hier mehr eine Art Zusammenschluss dar, weniger einen Familienverbund. Außerdem sind sie auch weitaus mehr in die Handlung eingebunden und verfügen dementsprechend über klar erkennbare Persönlichkeiten – was sie am meisten von ihren Pendants des anderen Films unterscheidet. Bis auf den etwas nervigen Wolf sind sie auch allesamt ziemlich liebenswert in ihrer oftmals anarchischen Art und Weise. Heigh-Ho-Faktor: 85%

The Mirror

Nun zum Zauberspiegel, der als eine Art Schönheits-11880 die eigentliche Handlung erst lostritt und damit zumindest eine untergeordnete Rolle einnimmt. In Snow White and the Huntsman ist er ein riesiger Gong aus dem heraus sich eine verhüllte Gestalt herausmorpht. Matrix trifft Herr der Ringe. Er ist es, der die in ihrem eigenen Dreck dahinvegetierende Snow White zur “fairest of them all” erhebt – und sie damit zur Zielscheibe macht. Ähnlich übertrieben aufwendig inszeniert wie Tarsems Pendant, bedenkt man, dass der Spiegel im weiteren Verlauf kaum eine Rolle spielt und hier in der 2. Hälfte somit fehlt. Wiedererkennungs-Faktor: 40%

Wie in allen anderen Bereichen gerät der Spiegel in Mirror Mirror weitaus lebendiger. Hier ist er ein Doppelspiegel, in welchem sich Roberts’ böse Königin mit sich selbst konfrontiert sieht, was dem Ganzen eine weitaus psychologischere Ebene verleiht. Warum der Spiegel in einer Art Resort-Hütte im Meer beheimatet ist, bleibt allerdings ebenso offen wie seine Herkunft und Funktionsweise. Immerhin wird er aber im Finale nochmals zur Sprache gebracht und mit dem Geschehen in der „Realität“ verknüpft und ist durch seine Doppeldeutigkeit nicht nur Hokuspokus, sondern eine Art Meta-Kommentar. Wiedererkennungs -Faktor: 60%

The Minion

Was wäre ein Bösewicht ohne seinen Lakai als treuen Diener? Ravenna hat in Finn ein blondes Brüderlein mit bescheuerter Frisur, der auf irgendeine Art und Weise von seiner Schwester über die Jahre hinweg jung gehalten wurde – zumindest relativ gesehen. Ihm ist es zu verdanken, dass Snow White zur Mitte des ersten Akts hin ausbrechen kann und auch später ist er seiner Schwester keine sonderlich große Hilfe. Offen bleibt, wozu man den Jägersmann engagiert hat, wenn Finn und Co. ohnehin auch in den dunklen Wald gehen. Dass er von Depri-Alki Eric später problemlos kalt gemacht wird, spricht auch nicht wirklich für ihn. Support-Faktor: 40%

Ein völlig anderes Kaliber ist dagegen Nathan Lane als passend benannte Ulknudel Brighton. Gekonnt spielt er sich mit Roberts die Bälle hin und her und fungiert als vergnüglicher aber nie lächerlich werdender Hilfsdiener. Genauso wie im Zwillingsfilm ist es dem Lakaien zu verdanken, dass Snow White entkommen kann und ihrem Tod entgeht. Brighton wird dafür auch in kafkaesker Weise bestraft. Mit seinem komödiantischen Charme passt Lane sehr viel besser in Mirror Mirror als auf der Gegenseite der mürrisch dreinblickende Sam Spruell. Letztlich hätte Tarsems Film wohl von noch mehr Lane-Roberts-Momenten sogar profitiert. Support-Faktor: 60%

The Monster

Paradoxerweise trumpfen beide Filme auch mit einer Bestie im Wald auf. In Snow White and the Huntsman ist sie Wikipedia zufolge ein Troll, der von seiner Gestaltung so aussieht, als hätten die Designer zu viele Filme von Guillermo del Toro geschaut. Optisch zwar durchaus ansprechender und zudem bedrohlicher wirkend als sein Kollege in Mirror Mirror, taucht der Troll jedoch so plötzlich auf wie er verschwindet – letztlich ohne einen Zweck zu erfüllen. Damit ist er Bestandteil eines ohnehin ziemlich unsinnigen zweiten Akts, in welchem Rupert Sanders’ Adaption auf einmal märchenhaft wirken will – und dabei scheitert. Freak-Faktor: 50%

Dem Schema treu bleibend erinnert die Bestie bei Tarsem eher an einen Bastard aus Fuchur der Unendlichen Geschichte und Mushu aus Mulan. Ein Kuddelmuddel aus verschiedenen Tieren, sucht die Bestie hier den Wald heim – zumindest laut Brighton. Da man das Monster aber bis zum Finale nicht zu Gesicht kriegt und ansonsten sogar die Zwerge als die weitaus „gefährlicheren“ Waldbewohner anmuten, erfüllt auch dieses Monster im Grunde keinen rechten Zweck. Das ist der schwachen Exposition geschuldet, aber auch dem Finale, das wie bereits mehrfach angesprochen in Mirror Mirror leider ziemlich verschenkt wird. Freak-Faktor: 50%

The Castle

Ein Großteil beider Handlungen spielt in dem jeweiligen königlichen Schloss. Die Chance für Snow White and the Huntsman auch mal eine Rubrik für sich zu entscheiden. Das Schloss am Strand kommt genauso düster daher wie der Rest des Films, macht jedoch strategisch um einiges mehr Sinn als die Version von Tarsem. Abgeschottet mit dem Meer im Rücken ist es sehr gut zur Verteidigung gedacht, bedenkt man, dass Angreifer nur über einen schmalen Sandstreifen und auch hier scheinbar nur während Ebbe attackieren können. Snow White und ihre Zwergenarmee schaffen es dennoch. Märchenschloss-Faktor: 80%

Weitaus unsinniger und zudem optisch nicht besonders ansprechend gerät das Schloss in Mirror Mirror. Wie ein liebloser Hinterhof-Kreml sieht es aus und ist am Ende eines Felsvorsprungs beheimatet. Damit ist auch dieses Schloss nur von einer Seite aus zu attackieren, sodass es sich zwar gut verteidigen, allerdings auch gut abschotten lässt. Würde man sich bemühen, die kurze Felsverbindung zu zerstören, wäre das Königshaus erstmal auf sich allein gestellt, während man sich das Königreich einverleibt. Strategisch wie optisch zieht Tarsems ziemlich lieblose Variante klar den Kürzeren – enttäuschend. Märchenschloss-Faktor: 20%

The Tone

Abschließend soll nochmals auf den Grundton der zwei Filme eingegangen werden. Snow White and the Huntsman versucht sich als düstere und seriöse Adaption des Schneewittchen-Stoffs, macht aber speziell im zweiten Akt viel falsch. Sei es Snow Whites drogeninduzierter Spaziergang durch den dunklen Wald, die Begegnung mit dem Troll oder die darauf folgende quietschbunte und somit farbharmonisch beißende Episode im “happy place”. Der Film ist voller unsinniger oder verschenkter Momente, denen bei aller Ernsthaftigkeit ein gewisses Maß an Selbstironie oder Aufgelockertheit nicht geschadet hätte. Atmosphäre-Faktor: 25%

Wie man es – zumindest zu einem Großteil – richtig macht, zeigt dagegen Tarsem Singh mit Mirror Mirror. Einer optisch wie narrativ quietschbunten Verfilmung derselben Story, die sich zu keinem Zeitpunkt ernst nimmt, sondern im Gegenteil mit einigen Elementen des Märchens wie dem vergifteten Apfel geschickt spielt. Letztlich hätte noch mehr Anarchie dem Film gut getan, überzeugt er doch gerade in seinen Gaga-Momenten. Warum das Finale so in den Sand gesetzt wurde, bleibt zwar rätselhaft, aber der herrliche Bollywood-Abspann macht dann wieder ordentlich Spaß und passt zur vorherigen Tonalität. Atmosphäre-Faktor: 75%

Fazit

Tarsem wusste, was er erzählen wollte und wie er es erzählen wollte. Über weite Strecken hat dies auch perfekt funktioniert. Dagegen kommt Rupert Sanders’ Film als Kuddelmuddel daher, das zwar erfolgreicher an den Kinokassen lief, bei dem der Regisseur aber aufgrund anderer Umstände nicht mehr beim kolportierten Sequel mit an Bord sein wird. Die Frage, welches der schönste Schneewittchen-Film im Land ist, lässt sich somit nach einem klaren 8:3-Sieg aus dem Head-to-Head-Direktvergleich ziemlich eindeutig beantworten. Winner by defeat: Mirror Mirror!

6. Oktober 2012

Jiro Dreams of Sushi

Ultimate simplicity leads to purity.

Das Christentum als Weltreligion geht zurück auf eine Oktobernacht im Jahre 312, als Konstantin der Große im Traum nahegelegt worden zu sein scheint, die Schilde seiner Soldaten mit dem Christusmonogramm zu versehen. Konstantin gewann die Schlacht an der Milvischen Brücke und so wurde die einstige Sekte letztlich zur Staatsreligion. Ganz so hochtrabende Veränderungen bewirkten die Träume des Japaners Ono Jiro nicht und dennoch veränderten sie das Leben des 85-Jährigen. Schließlich war Jiro der erste Sushi-Meister, der vom Guide Michelin mit drei Sternen ausgezeichnet wurde. “I would make Sushi in my dreams“, sagt der Meister seiner Profession. Oder „shokunin“, wie er sich selbst nennt.

Und seine Arbeit nimmt Jiro unwahrscheinlich ernst. “If you take it seriously, you get skilled“, verrät sein Sohn Yoshikazu Regisseur David Gelb in dessen Dokumentarporträt Jiro Dreams of Sushi. Jiro ist ein Perfektionist, das Essen “has to be better than last time”, so der Sushi-Meister. “He’s never satisfied with his work”, weiß Yamamoto Masuhiro. Er ist ein Gourmet-Journalist in Tokio, der bereits in jedem Sushi-Restaurant der Stadt gegessen hat. “Jiro’s was the best by far“, sagt er. Dabei wird sich im Sukiyabashi Jiro schlicht auf die Basis von Sushi beschränkt. Die Kochkunst ist simpel, minimalistisch und schnell. Ein Stück Reis wird geformt, mit rohem Fisch belegt, mit Marinade bestrichen und serviert.

“Master chefs from around the world eat at Jiro’s and say, ‘How can something so simple have so much depth of flavour?’”, erzählt Yamamoto. Für ihn summiert sich Jiros Klasse in einem einfachen Satz: “Ultimate simplicity leads to purity”. Dabei ist es durchaus erstaunlich, dass das Sukiyabashi Jiro als 3-Sterne-Restaurant geführt wird. Schließlich verfügt das in einem Bürogebäude untergebrachte Lokal über lediglich zehn Plätze und die Toiletten finden sich außerhalb der Gaststätte. Die Klasse von Jiros Sushi allein ist hier somit ausschlaggebend und sorgt für lange Reservierungen im Voraus zu Einzelpreisen von ¥ 30,000 (€ 300,-). Doch Ruhm und Reichtum sind für Jiro nachrangig zur Liebe an der Arbeit.

Frei nimmt Jiro nur, wenn nationale Feiertage sind. Und selbst dann sehnt er sich nach der Arbeit zurück. “I wasn’t much of a father“, gesteht er. Seine beiden Söhne Yoshikazu und Takashi, inzwischen selbst Sushi-Meister, hätten daheim nicht viel vom Vater gesehen. “Once you decide on your occupation, you must immerse yourself in your work“, erläutert Jiro. Man müsse sich in seine Arbeit verlieben. “That’s the secret of success.” Und der 85-Jährige liebt es, Sushi zu machen. “That’s the spirit of the shokunin“, sagt er stolz. Dass dieser Stolz hart erarbeitet werden muss, zeigt Gelb mit Jiro Dreams of Sushi. Denn Sushi-Meister zu werden erfordert viel Geduld – insbesondere unter der Fuchtel von Jiro.

Viele Lehrlinge und Auszubildende blieben nicht lange im Sukiyabashi Jiro, verrät Yoshikazu. Ein ganzes Jahrzehnt müssen sie opfern, ehe sie am Ende ihrer Ausbildung angelangt sind und zum Abschluss erstmals das tamagoyaki (Eier-Sushi) zubereiten dürfen. Nakazawa Keiji hat die zehn Jahre in Jiros Küche überstanden, aber erst nach monatelangen Versuchen wurde sein tamagoyaki gelobt. Vor Freude seien ihm die Tränen gekommen, berichtet Nakazawa-san. Anschaulich und immer nah dran an seinen Charakteren – was angesichts der natürlichen Introvertiertheit des japanischen Volks umso löblicher ist – skizziert David Gelb, welche Kunst dem Sushi innewohnt. Und als solche Kunst wird es hier auch inszeniert.

Abgesehen von einigen kleinen Schönheitsfehlern – so bleibt unerwähnt, dass der von ihm interviewte und von Jiro ausgebildete Mizutani Hachiro ebenfalls ein 3-Sterne-Sushi-Restaurant führt – gelingt David Gelb ein teilweise faszinierender und durchweg interessanter Dokumentarfilm. Bemerkenswert ist hier auch eine schöne Auflösung, die sich Gelb für den Schluss seines Films aufgehoben hat und die die persönliche Note von Jiro Dreams of Sushi als Einblick in diese sympathische Familie Ono abrundet. Besonders Fans der japanischen Kultur allgemein und von Sushi speziell ist die Dokumentation somit zu empfehlen, aber auch alle anderen werden sehen, dass auf sie mehr wartet als bloß Reis mit rohem Fisch.

7.5/10

2. Oktober 2012

Filmtagebuch: September 2012

21 JUMP STREET
(USA 2012, Phil Lord/Chris Miller)
6/10

50/50
(USA 2011, Jonathan Levine)
4/10

AMERICAN REUNION
(USA 2012, Jon Hurwitz/Hayden Schlossberg)
6/10

BATTLESHIP
(USA 2012, Peter Berg)
3/10

BEASTS OF THE SOUTHERN WILD
(USA 2012, Benh Zeitlin)
8.5/10

BREAKING BAD - SEASON 5: PART I
(USA 2012, Adam Bernstein u.a.)
8/10

THE CABIN IN THE WOODS
(USA 2011, Drew Goddard)
3/10

CHRONICLE [EXTENDED CUT]
(USA 2012, Josh Trank)
4/10

CRIMSON TIDE
(USA 1995, Tony Scott)
7.5/10

DAYS OF THUNDER
(USA 1990, Tony Scott)
7/10

EIN JAHR NACH MORGEN
(D 2012, Aelrun Goette)
0/10

HERR WICHMANN VON DER CDU
(D 2003, Andreas Dresen)
8.5/10

HERR WICHMANN AUS DER DRITTEN REIHE
(D 2012, Andreas Dresen)
7.5/10

HESHER
(USA 2010, Spencer Susser)
2.5/10

THE HUNGER GAMES
(USA 2012, Gary Ross)
5.5/10

INCIDENT AT LOCH NESS
(GB 2004, Zak Penn)
5.5/10

JIRO DREAMS OF SUSHI
(USA 2011, Dabid Gelb)
7.5/10

KRIEGERIN
(D 2011, David Wnendt)
1/10

THE ROOM
(USA 2003, Tommy Wiseau)
3/10

SNOWTOWN
(AUS 2011, Justin Kurzel)
1/10

DIE THOMANER
(D 2012, Günter Atteln/Paul Smaczny)
7.5/10

Werkschau: Roland Emmerich


DAS ARCHE NOAH PRINZIP
(D 1984, Roland Emmerich)
5/10

MOON 44
(D 1990, Roland Emmerich)
4.5/10

UNIVERSAL SOLDIER
(USA 1992, Roland Emmerich)
7/10

STARGATE [DIRECTOR’S CUT]
(USA/F 1994, Roland Emmerich)
6/10

INDEPENDENCE DAY [EXTENDED VERSION]
(USA 1996, Roland Emmerich)
5.5/10

GODZILLA
(USA 1998, Roland Emmerich)
7/10

THE PATRIOT [EXTENDED CUT]
(USA/D 2000, Roland Emmerich)
6.5/10

THE DAY AFTER TOMORROW
(USA 2004, Roland Emmerich)
6/10

10,000 BC
(USA/ZA 2008, Roland Emmerich)
3/10

2012
(USA 2009, Roland Emmerich)
5.5/10

ANONYMOUS
(GB/D 2011, Roland Emmerich)
6/10

12. September 2012

Herr Wichmann aus der dritten Reihe

Manchmal hilft es ja, wenn die Politik sich einschaltet.

Man könnte meinen, Politiker hängen ihr Fähnchen immer nach dem Wind. Oder nach dem aktuellen Gegenüber aus der Bevölkerung. Dass das nicht bigott sein muss, zeigt der brandenburgische CDU-Landtagsabgeordnete Henryk Wichmann in Andreas Dresens Herr Wichmann aus der dritten Reihe. Eine Gruppe älterer Frauen beschwert sich über eine fehlende Bahnanbindung ihres vom Weihnachtstourismus lebenden Orts. Der Schreiadler sei Schuld, der sich laut Naturschutzbund (NABU) gestört fühlen könnte. Der Schreiadler, versichert Wichmann den Damen, habe schon so viel verhindert in der Region. Und etwas später schwärmt der 35-jährige Politiker dann gegenüber dem NABU von der Majestät des Vogels.

In einer anderen Szene streiten sich zwei Parteien, Privatbesitzer und Naturschützer, um eine Moorfläche. Wichmann agiert als Mediator und führt den Konflikt letztlich zu einem Kompromiss. Hier wie im Fall des Schreiadlers wird jene Behauptung deutlich, die Henryk Wichmann im Laufe von Dresens Dokumentation mehrfach von sich gibt. Die Bürger müssen ihm sagen, wo ihnen der Schuh drückt. Und dann schaut er als ihr Landtagsabgeordneter, wie er ihnen helfen kann. Das hatte er schon vor zehn Jahren in Herr Wichmann von der CDU immerzu erklärt, nur wollte er damals als 25-Jähriger in den Bundestag gewählt werden und sitzt nun bereits seit 2009 im Landtag. Wenn auch nur als Nachrücker für jemanden.

Seit 2002 hat Henryk Wichmann eine merkliche Wandlung erfahren. War er damals jung, naiv und brauchte die Aufmerksamkeit, ist er nun sichtlich reifer geworden. Dies mag zum einen daran liegen, dass er nun zehn Jahre älter, verheiratet und Vater dreier Töchter ist. Zum anderen vielleicht aber auch daran, dass er inzwischen seit drei Jahren tagtäglich in politische Prozesse involviert ist. Versicherte er in Dresens erstem Teil noch auf die Frage eines Bürgers, wem man denn noch vertrauen könne wie aus der Pistole geschossen „Der Frau Merkel!“, so erklärt er inzwischen, dass weder er selbst die Welt retten könne, noch Angela Merkel. Henryk Wichmann ist scheinbar in der Realität angekommen.

Das soll nicht heißen, dass der alte Herr Wichmann von der CDU völlig verschwunden ist. In gewisser Weise ist sich der gebürtige Templiner durchaus treu geblieben, wenn er einem jungen Kollegen im Landtag aus besagter dritter Reihe in die Rede schimpft. Oder wenn er im Auto darüber philosophiert, dass ein Chauffeur nicht schlecht wäre, sodass er nebenher arbeiten könne. „Tote Zeit“ sei das Autofahren, klagt Wichmann und stellt fest, dass er sich verfahren hat. Es ist einer der wenigen „klassischen“ Wichmann-Momente wie man sie aus Herr Wichmann von der CDU kennt. Diese wiederum sind deutlich rarer gesät als noch vor zehn Jahren. Die Fortsetzung von Dresens Film nimmt sich somit durchaus ernster.

Bezog das Original seinen Humor aus dem Zusammenprall von Wichmanns naiv geführtem Wahlkampf und der Politikverdrossenheit seiner brandenburgischen Provinz, seziert Herr Wichmann aus der dritten Reihe nun bisweilen überaus geschickt den politischen Alltag in Deutschlands Gemeinden. Zwischen Schreiadlern und Mooren befasst sich Wichmann mit Kürzungen im Schulfördergeld und der Schließung einer Polizeiwache, mit einer Durchfahrerlaubnis für Segelboote und Bahnübergangsproblemen in der Einöde. Eben mit jenen Dingen, bei denen den Bürgern der Schuh drückt. Wichmann schenkt ihnen Zeit und hört ihnen zu, was vermutlich mehr ist, als andere Landtagsabgeordnete bisher für sie getan haben.

Zugleich zeigt Herr Wichmann aus der dritten Reihe jedoch auch, was möglich ist in der Politik, wenn alle Parteien zusammenarbeiten – in diesem Fall sprichwörtlich. Die Bereitschaft ist da, sowohl von Linken als auch von Regierungspräsident Matthias Platzeck (SPD), verschiedene Probleme zu lösen. Und so nährt Dresens Film abseits seiner humorigen Momente am Ende die Hoffnung, dass die Parteipolitik in Deutschland noch nicht ganz verloren ist. Henryk Wichmann ist – und wer hätte das 2002 schon gedacht? - ein positives Beispiel für diesen möglichen Prozess, der sich näher am Volk verortet. Und wer weiß, vielleicht sehen wir ja 2022 dann den Trilogie-Abschluss „Herr Wichmann von der Bundesregierung“.

7.5/10

6. September 2012

Whore’s Glory

Never say never.

Prostitution gilt als ältestes Gewerbe der Menschheit und deckt wohl eine Nachfrage, die nie abebbt. Weltweit soll es rund 40 Millionen Prostituierte geben – das sind mehr als es Einwohner in Australien oder Kanada gibt. Mit 80 Prozent ist ein Großteil von ihnen weiblich und davon wiederum sind drei von vier Mädchen zwischen 13 und 25 Jahren alt. Faktische Daten, die sich auch in Michael Glawoggers Dokumentation Whore’s Glory im Ansatz widerspiegeln, wenn sich der Regisseur der Prostitutionsszene in Thailand, Bangladesch und Mexiko widmet. Für wenig Geld verkaufen junge Frauen dort auf Zeit ihre Körper einer Welt, die von Sex bestimmt zu sein scheint.

In Bangkok berichten sich zwei Prostituierte, dass ihre Freunde ständig Sex haben wollen. Auf der Arbeit sei das Ganze zumindest nach 30 bis 60 Minuten vorbei, „aber Zuhause lassen sie dich nie in Ruhe“, klagt eine. Das Bild vom notgeilen Mann findet sich unentwegt wieder in Glawoggers Film, nirgends mehr als in Bangladesch. Dort besucht der österreichische Regisseur das Hurenviertel von Faridpur, in dem sich mehrere hundert Frauen feilbieten. Eine junge Frau verlangt von einem Freier 200 Taka, was umgerechnet 2 Euro sind. Am Ende wird sie sich mit 50 Taka, also 50 Cent, begnügen müssen. Bei solchen Preisen erklärt sich wohl, dass viele Einwohner nicht nur ein Mal am Tag im Hurenviertel vorbeischauen.

„Ich denke an nichts anderes“, gesteht ein junger Mann. Zugleich ist er sicher, dass das Hurenviertel eine wichtige Rolle in der Gemeinde spielt. Wären die Prostituierten nicht, normale Frauen könnten gar nicht mehr auf die Straße gehen, erzählt er. „Ohne das Hurenviertel würden es die Männer mit Kühen und Ziegen treiben.“ Es herrscht ein reges Treiben in den Gängen des Viertels, wo junge Mädchen versuchen, Männer zum Verweilen zu bewegen oder zumindest zum Versprechen auf eine baldige Rückkehr. „Die Straße ist unsere Zukunft“, sagt eine ältere Prostituierte, die als „Hurenmutter“ inzwischen selbst drei junge Frauen für sich arbeiten lässt.

Teil eines größeren Ganzen sind auch die Frauen in einem so genannten Bangkoker fish tank. Wie in einem Aquarium nehmen sie mit einer Nummer versehen in mehreren Reihen Platz. Die Kunden kommen herein und suchen sich mittels Beratung eine von ihnen aus. Bemerkenswert ist, dass die Prostituierten im Fish Tank weitaus weniger Konkurrenzdenken verspüren als die Kolleginnen in Bangladesch. Wird eine ausgewählt, freuen sich die anderen für sie. Dabei könnten sie selbst den Freier nicht minder gut gebrauchen. Immerhin sind die Damen des Fish Tank mit rund 45 Euro auch mehr als 30 mal so teuer wie die Mädchen in Faridpur.

Statistisch gesehen geht einer aus zehn Männern zu Prostituierten. In China sogar einer aus vier Männern. Ausschlagebend ist dabei die Art und Weise der Befriedigung. Die Freundinnen machen im Bett nicht, was man gerne hätte, beklagt eine Gruppe junger Mexikaner an der Einfahrt zu “La Zona”, einem Hurtenviertel in der mexikanischen Grenzstadt Reynosa. Die Frauen in La Zona „sind nicht so verkrampft“ sagt einer. Die Frauen machen, was der Kunde wünscht – solange der Preis stimmt. Ein Kunde aus Bangkok sieht im Interview plötzlich gar eine verkehrte Welt. „Hier sind wir die Ware für die Frauen“, findet er, „Wir bringen das Geld“.

Passenderweise degradieren die Frauen des Fish Tanks aber durchaus Männer zur Ware, wenn auch nicht ihre Freier. Nach der Arbeit suchen sie oft Clubs mit Animateuren auf, jungen Männern, die ihnen gegen Geld Gesellschaft leisten. In Thailand, dem internationalen Hot Spot der Prostitution, entwickelt sich somit ein Kreislauf aus Lust und Leidenschaft. Zugleich zeigt das Beispiel der Animateure, dass es nicht jedem nur um Sex geht. Viele Männer suchen Prostituierte tatsächlich nur für Gespräche auf, die meisten, um eine Abwechslung zu ihrer Frau zu finden. Ihre Gattinnen wiederum halten dennoch alle Männer in Ehren.

„Diese Mädchen und meine Frau kann man nicht vergleichen“, sagt der eine. „Meine Frau ist eine Partnerin fürs Leben.“ Der andere dagegen versichert: „Meine Frau ist immer noch meine Nummer eins“. Und ein Dritter wirft die These in den Raum, dass ihre Frauen sich ja gerade mit dem Nachbarn amüsieren könnten. Letztlich dreht sich alles um Sex, so sehr sogar, dass Glawogger in Bangkok mehrere Minuten eine Gruppe sich besteigender Hunde filmt. Die Gegensätze seiner drei Handlungsorte in Whore’s Glory sind dabei offensichtlich. Wo in Faridpur Konkurrenzdenken und Trubel herrschen, springt in La Zona eine trostlose Leere ins Auge.

Umso bedauerlicher, dass der Film hier fast 40 Minuten verbringt. Denn der abschließende dritte Akt in Reynosa gerät weitaus weniger faszinierend als die vorangegangenen Episoden in Bangkok und Faridpur. Dennoch ist Whore’s Glory ein beeindruckender Blick in eine Schattenseite unserer Gesellschaft gelungen. In der tatsächlich größtenteils jugendliche Mädchen gezwungen sind, ihre Körper zu verkaufen, um zu existieren. „Als Frau zu überleben ist wirklich schwer“, versichert eine junge Prostituierte in Faridpur und bricht in Tränen aus. „Gibt es keinen anderen Weg für uns Frauen?“ Ob sie an den Ruhm der Hure glaubt, darf bezweifelt werden.

8.5/10

1. September 2012

Filmtagebuch: August 2012

AMERICAN DREAMZ
(USA 2006, Paul Weitz)
3/10

THE BOURNE IDENTITY
(USA/D/CZ 2002, Doug Liman)
6/10

THE BOURNE SUPREMACY
(USA/D 2004, Paul Greengrass)
6.5/10

THE BOURNE ULTIMATUM
(USA/D 2007, Paul Greengrass)
6/10

BROKEN ARROW
(USA 1996, John Woo)
7/10

CRAWL
(AUS 2012, Paul China)
4.5/10

THE EXPENDABLES
(USA 2010, Sylvester Stallone)
7/10

THE EXPENDABLES 2
(USA 2012, Simon West)
6.5/10

GRABBERS
(UK/IRL 2012, Jon Wright)
6.5/10

HALF NELSON
(USA 2006, Ryan Fleck)
7.5/10

HAYWIRE
(USA/IRL 2011, Steven Soderbergh)
4/10

HOT ROD
(USA 2007, Akiva Schaffer)
9/10

LOUIE - SEASON 1
(USA 2010, Louis C.K.)
7/10

MACHINE GUN PREACHER
(USA 2011, Marc Forster)
4/10

MEAN STREETS
(USA 1973, Martin Scorsese)
6.5/10

THE NEWSROOM - SEASON 1
(USA 2012, Greg Mottola u.a.)
8/10

MR. NOBODY
(CDN/F/B/D 2009, Jaco Van Dormael)
3.5/10

PARADISE LOST: THE CHILD MURDERS AT ROBIN HOOD HILLS
(USA 1996, Joe Berlinger/Bruce Sinofsky)
6/10

PARADISE LOST 2: REVELATIONS
(USA 1996, Joe Berlinger/Bruce Sinofsky)
5/10

PAWN STARS - SEASON 1
(USA 2009, Jairus Cobb)
7.5/10

PUMPING IRON
(USA 1977, George Butler/Robert Fiore)
5.5/10

THE RUM DIARY
(USA 2011, Bruce Robinson)
6.5/10

SAND SHARKS
(USA 2012, Mark Atkins)
6/10

THE SECRET LIFE OF WORDS
(E 2005, Isabel Coixet)
5.5/10

STARSHIP TROOPERS: INVASION
(USA/J 2012, Aramaki Shinji)
4/10

STEVIE
(USA 2002, Steve James)
7.5/10

TAPPED
(USA 2009, Stephanie Soechtig/Jason Lindsey)
3/10

TED
(USA 2012, Seth MacFarlane)
7.5/10

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES
(USA/HK 1990, Steve Barron)
8/10

TRAINSPOTTING
(UK 1996, Danny Boyle)
7/10

TRUE BLOOD - SEASON 5
(USA 2012, Michael Lehman u.a.)
7.5/10

WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN
(USA/UK 2011, Lynne Ramsay)
8/10

WHORE’S GLORY
(D/A 2011, Michael Glawogger)
8.5/10

Werkschau: Darren Aronofsky


PI
(USA 1998, Darren Aronofsky)
6.5/10

REQUIEM FOR A DREAM
(USA 2000, Darren Aronofsky)
10/10

THE FOUNTAIN
(USA/CDN 2006, Darren Aronofsky)
9/10

THE WRESTLER
(USA/F 2008, Darren Aronofsky)
8.5/10

BLACK SWAN
(USA 2010, Darren Aronofsky)
5.5/10