9. März 2008

Prison Break - Season Three

You're exactly where you belong.

Über den amerikanischen Autorenstreik wurde an dieser Stelle immer dann geschrieben, wenn es um Serien ging. Diese sind ohne Frage die großen Opfer des Streikes, alles auf Kosten der Zuschauer. Die meisten Serien gehen mit weniger Folgen in ihre Staffeln, als von den Sendern geordert. Die ursprüngliche Staffel sowohl von Prison Break wie auch von Heroes sollte vierundzwanzig Episoden betragen, wurde jetzt jedoch nach der Hälfte eingestellt und kehrt erst im Herbst zurück. Andere Serien wie Lost oder The Office gehen ebenfalls mit verminderten Folgen im April weiter, wieder andere Serien wie 24 oder auch Entourage werden nach hinten verschoben. Leidtragende sind die Zuschauer, denn durch die Komprimierung der Handlungsstränge leidet das Gesamtbild der Serie, ziemlich gut zu sehen bei Heroes, dessen Exposition zu einem größeren Ganzen schließlich das Ganze bildete und inhaltliche Schwächen aufzeigte. Natürlich sollten die amerikanischen Autoren besser an und durch ihre Arbeit verdienen, die Schuld an der Geschichte soll nicht ihnen angelastet werden, viel eher die Studios sind verantwortlich für die Misere. Schließlich kam der Autorenstreik nicht aus dem Blauen, man wusste wann und man ahnte dass es kein Kinderspiel werden würde. Warum man dann über zwanzig Episoden ordert, grenzt an Idiotie, schließlich kann man sich nur mit gewissen Fähigkeiten in Hollywood behaupten.

Eine Serie die wie erwähnt darunter zu leiden hatte, ist Prison Break. Das Gefängnisdrama, welches besonders durch seine erste Staffel überzeugen konnte, war ursprünglich nie als Langzeit-Serie gedacht, bereits in der zweiten Staffel wurde schließlich ein „The Fugitive“-Szenario kreiert, das man der anfänglichen Prämisse nicht mehr viel zu tun hatte. Da ist es nur logisch, dass Prison Break in der dritten Staffel back to the roots ging, nach der Flucht in Panama landete Hälfte der Protagonisten erneut im Gefängnis. Sona heißt die Einrichtung, die von allen Wärtern verlassen wurde, welche das Gefängnis umzäunt haben und die Verwaltung dessen an den inhaftierten Drogenbaron Lechero (Robert Wisdom) abgegeben. Nach Sona transferiert wurden neben Michael (Wentworth Miller), Mahone (William Fichtner) und T-Bag (Robert Knepper) auch Bellick. Alle versuchen sich im Gefängnis, wo eigene Gesetze gelten, zu etablieren, während in den Straßen Panamas Lincoln (Dominic Purcell) nach Sara sucht und Sucre (Amaury Nolasco) zurück zu seiner Freundin will. Plötzlich tritt die von der Firma geschickte mysteriöse Susan (Jodi Lyn O’Keefe) auf, entführt Sara und L.J. und erpresst die Brüder einen Häftling aus Sona auszubrechen. Hierbei handelt es sich um Whistler (Chris Vance), der im Untergrund lebt und dessen Freundin Sofia (Danay Garcia) Lincoln bei der Planung des Ausbruchs von draußen hilft. Doch das Vertrauen zwischen allen Beteiligten ist äußerst gering, Opfer lassen sich nicht vermeiden und die Zeit für Michael den Ausbruch zu vollziehen läuft ihm allmählich davon.

Man merkte Schöpfer Paul Scheuring und seinen Schreibern um Nick Santora an, dass sie nicht mehr so genau wussten, was sie da nun eigentlich erzählen wollen. Die nähere Betrachtung der ominösen Firma war in der Form wohl nie geplant, sollte lediglich als das hintergründige Böse in der ersten Staffel fungieren. Die erste Hälfte der dritten Staffel funktioniert deswegen, weil sie redundant ist, weil sie sich auf die ursprüngliche Prämisse der ersten Staffel beruft. Der tolle Blick auf Sona im zweiten Staffelfinale wird dabei bereits im Staffelpilot wieder entkräftet, es ist kein Höllenhaus, hier gibt es Regeln und Ordnungen an die sich jeder zu halten hat. In der siebten Folge – Photo Finish – darf man dann sogar ganz schlampiges Schreiben begutachten, wie hier mit einem Serientod umgegangen wird, ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Das hätte man ebenso besser klären können, wie die Wende in der zweiten Hälfte der dritten Staffel. Hier wird nicht nur die erste Staffel wiederholt, sondern sogar die erste Hälfte der dritten Staffel selbst. Die Handlung dreht sich im Kreis, kommt keinen Meter vorwärts und bedient sich wieder und wieder desselben Schemas. Figuren wie Bellick, T-Bag und Sucre sind für die Erzählung der Geschichte nutzlos und überflüssig, erfüllen nicht den Zweck eines C-Note in der vorherigen Staffel.

In einem Interview bestätigte Dominic Purcell dass die Serie für eine vierte Staffel zurückkehren wird, der Cliffhanger der dritten Staffel deutete so etwas natürlich an. Wenn sich Scheuring und die Produzenten einen Gefallen tun wollen, dann beenden sie die Geschichte rund um Michael Scofield und Lincoln Burrows mit dieser kommenden Staffel und empfehlenswert wäre im Stil eines Dexter oder The Sopranos auch eine Begrenzung und Konzentration auf zwölf bzw. dreizehn Folgen. Ansonsten sieht man wieder die Gefahr der Redundanz, auch wenn die Tonart sich nun wieder eher in die „Fugitive“-Richtung bewegt, mit Abstrichen, denn Sona bleibt auch am Ende nicht leer. An die Frische und die Brillanz der Pilotstaffel konnte bereits der Nachfolger nicht mehr anknüpfen, und selbst mit diesem kann diese Staffel nicht mehr mithalten, zu redundant und nichts sagend ist das alles. Schauspielerisch liefert William Fichtner eine One-Man-Show ab, der Wentworth Miller und Chris Vance versuchen bestmöglich zu folgen. Hier hat Purcell – ohnehin kein sonderlich talentierter Schauspieler – das nachsehen, seine Szenen sind ohne Belang und ohne Esprit. Da ist es als positivste Nachricht zu werten, dass Fichtner auch in der vierten Staffel seine Rolle wieder aufnehmen wird – auch wenn seine Motivation hierfür bisher nicht ausreichend dargestellt wurde. Vielleicht weiß Scheuring dann noch mit besserem Casting als dieses Mal aufzuwarten, denn neue Figuren sind nunmehr unabdingbar.

7/10

7. März 2008

Die Top 5: Stürze

Free fallin, now I’m free fallin.
(Tom Petty)

Let’s get physical – so könnte die Prämisse lauten, wird in den folgenden Sätzen doch das Phänomen des Sturzes, Absturzes, Stoßes und Falls erläutert, das per se nur vom einem physikalischen Ausgangspunkt heraus fassbar ist. Der Sturz an sich fällt selbstverständlich in den Bereich der Bewegung und setzt voraus das ein Körper seine Lage unfreiwillig ändert (im Gegensatz zum Sprung wo eine freiwillige Aktion ausgeübt wird). Eine nähere Katalogisierung würde Stürze nicht nur als Bewegung beschreiben, sondern als Abwärtsbewegung, ausgelöst und unterstützt durch die Erdanziehungskraft. Als Fall definiert sich jede Abwärtsbewegung, die von einem höhergestellten Punkt zu einer niederen Verlagerung führt.

Ursache für Fälle können hierbei von einem anderen Körper bewirkt werden, was einem Stoß entspricht, oder aufgrund von Unebenheiten oder falscher Verlagerung, somit ein Absturz ohne Fremdeinwirkung. In der Physik ist ein Stoß eine sehr kurze Wechselwirkung zwischen zwei Körpern, im Falle eines Stoßes wie er in Filmen und Geschichten angewendet wird wäre dies ein elastischer Stoß zwischen Körpern gleicher Maße (nicht identischer). Findet ein solcher elastischer Stoß von einem (oder durch ein) Fenster statt, spricht man im Fachjargon von Defenestration. Und die berühmteste Defenestration der Filmgeschichte dürfte die Alan Rickmans in John McTiernans Die Hard von 1988 sein.

Der Bösewicht stürzt in den Tod - siehe Die Hard (1988) und GoldenEye (1995).
Die Folgen von Stürzen sind abhängig von Faktoren wie der Absturzhöhe, der Auftrefffläche oder auch von Hindernissen im Verlauf der Flugbahn abhängig. Auch das Akzeptieren des Geschehens oder Bewusstlosigkeit können zu einer Verringerung der Verletzungen führen, dank eines geringeren Muskeltonus. Dabei muss ein Sturz nicht zwingend den Tod nach sich ziehen, oftmals dient er auch nur dazu die Handlung an einem gewissen Punkt zu dramatisieren, beispielsweise in Peter Jacksons The Fellowship of the Ring. Vielleicht handelt es sich dabei auch lediglich um ein Attribut von Zauberern, stürzte Harry Potter schließlich sowohl in seinem dritten und vierten Abenteuer auf unterschiedliche Weise.

Tim Burton inszenierte Stürze zum einem als finale Lösung eines Konfliktes (Batman) und dann wiederum als Auftakt eines solchen (Batman Returns). Der Sturz oder Unfall taucht in Filmen seltener Fällen auf, zum Beispiel in Ridley Scotts Black Hawk Down und dem Sturz von Orlando Bloom aus einem Helikopter. Hauptsächlich werden Stürze als Ursache elastischer Stöße dargestellt, meistens mit Beteiligung von Protagonist und Antagonist in der finalen Klimax des Filmes (Indiana Jones and the Temple of Doom). Die nun folgenden Top 5 Stürze wurden nicht nur wegen des Sturzes an sich, sondern auch seiner innergeschichtlichen Bedeutung und Gewichtung ausgewählt und platziert (Spoiler sind hierbei unvermeidlich enthalten):


5. Crank (Mark Neveldine & Brian Taylor, USA/UK 2006): Die ersten von drei Doppel-Regisseuren in der Liste. Neveldine und Taylor inszenierten in diesem Nonsense-Adrenalinfeuerwerk Jason Stathams vermeintlichen Sturz in den Tod, der an Lässigkeit kaum zu überbieten ist. Die letzten Minuten vor seinem Aufprall verbringt Chev Chelios damit, dass er nach seinem Fall aus einem Helikopter mit seiner Freundin telefoniert.

4. Mou gaan dou (Wai-keung Lau & Siu Fai Mak, HK 2002): Im besten Hongkong-Film aller Zeiten wird der polizeiliche Ermittler Wong vom Dach geschmissen, als er den Triaden die Information verwehrt, dass mit Yan (Tony Leung Chiu Wai) einer der ihren insgeheim als Maulwurf daran arbeitet Untergrundboss Sam auffliegen zu lassen. Besonders pikant ist die Szene wegen des väterlichen Verhältnisses von Wong und Yan.

3. King Kong (Peter Jackson, USA/D/NZ 2005): Bildet den Anfang der ersten drei Plätze die ihrem Titel nach „königlich“ zu sein scheinen. Jacksons zweites Remake des Klassikers von 1933 über die Liebe eines Riesenaffen zu der New Yorkerin Ann Darrow (Naomie Watts), die ihren Höhepunkt und ihr Ende auf dem Empire State Building findet und in einen der besten finalen Einzeiler endet: it was beauty killed the beast.

2. The Lion King (Roger Allers & Rob Minkoff, USA 1994): Die letzten Doppelregisseure welche es neben Peter Jackson in die Rangliste geschafft haben. Disney großartige Hamlet-Adaption ins Tierreich versetzt, beschwört den Konflikt des Filmes durch den Brudermord von Scar an seinem älteren Bruder Mufasa. Alles unter den Augen von Sohn Simba, der danach mit Schuldgefühlen seinem Königreich den Rücken kehrt.

1. The Return of the King (Peter Jackson, USA/D/NZ 2003): Auch wenn Jacksons finale Adaption des letzten Teils von Tolkiens brillanter Vorlage versagt, gehört der Sturz Gollums und des einen Ringes unter die gelungstens fünf Stürze - schiebt sich deswegen an die Spitze, weil mit ihm eine der größten Geschichten aller Zeiten ein glückliches Ende erfährt und dadurch Mittelerde vor Sklaverei und Unterdrückung bewahrt wird.

5. März 2008

The Other Boleyn Girl

Do you except the challenge?

Wer hat nicht früher im Englischunterricht die Geschichte von Henry VIII. Tudor gehört, des Königs von England mit den sechs Frauen, von denen er Anne Boleyn und Catherine Howard wegen Ehebruchs hinrichten ließ? Der Vater der berühmten Königin Elizabeth I. pflegte seine Ehefrauen „wegzurationalisieren“, wenn sie ihm unliebsam wurden oder keinen Sohn und Thronfolger zu gebären im Stande waren. Dies führte schließlich sogar dazu, dass sich Henry von der Katholischen Kirche exkommunizieren ließ und mit der anglikanischen Kirche seine eigene Institution begründete und fortan fröhlich drauf los scheiden konnte. Immerhin hatte er durch seine sexuellen Gelüste bezüglich der jungen Anne Boleyn das Gesicht Englands für immer verändert. Allgemein waren die Tudors immer gerne im Betrachtungswinkel der Forscher und Medien, ein halbes Dutzend Filme beschäftigt sich mit Henry VIII. und der Fernsehsender Showtime installierte sogar eine Serie über den egomanischen englischen König, äußerst vorteilhaft mit dem Iren Jonathan Rhys-Meyers in der Hauptrolle besetzt. Auch dort kommt selbstverständlich die Figur der Anne Boleyn zum Tragen. Im Gegensatz zu den Medien die sich auf den König oder die Königin fokussierten, konzentrierte sich die englische Romanhistorikerin Philippa Gregory auf Annes Schwester Mary Boleyn und versuchte deren Leben und die Dreiecksbeziehung zwischen ihr, ihrer Schwester und dem König zu reflektieren. Im Jahr 2002 erschienen markierte ihr Roman The Other Boleyn Girl den Anfang einer von ihr geschaffenen Tudor-Reihe zu der noch fünf weitere Bücher dazu stoßen sollten und dass nicht nur 2003 vom britischen Sender BBC verfilmt werden sollte, sondern am 21. März als Kinoadaption und Starbesetzt auf den Leinwänden erscheinen wird.

Die englische Familie Boleyn gehört zwar nicht zum Hochadel, besitzt jedoch Kontakte zu solchem. Es ist somit der Wunsch von Familienvater Thomas (Mark Rylance) seine beiden Töchter Anne (Natalie Portman) und Mary (Scarlett Johansson) so gut es geht zu verheiraten. Als eine benachbarte Familie ihren am Hof stehenden Sohn mit Anne verheiraten will, spart sich Sir Boleyn seine Erstgeborene für eine bessere Partie und vermählt stattdessen Mary. Als sein Schwager, der Duke von Norfolk (David Morrissey) erfährt dass die Ehe des Königs Henry VIII. (Eric Bana) brachliegt, da ihm seine Frau keinen Sohn gebären kann, sehen beide Männer hier ihre Chance sozial aufzusteigen. Anne soll zur Mätresse des Königs werden, in der Hoffnung ihm einen Sohn zu gebären. Doch als der König zu einem Besuch anreist, wird er durch Annes sorgloses Auftreten bei der Jagd leicht verletzt. An Stelle von Anne verliebt sich der König in Mary und beordert diese gemeinsam mit ihrer Familie zum Hof. Im Einvernehmen mit Marys Mann wird diese zur Mätresse des Königs und auch von ihm schwanger. Während Mary sich allmählich in den Mann verliebt, mit dem sie keine Zukunft haben kann, vermählt sich die eigensinnige Anne mit einem bereits versprochenen Mann. Mary meldet diese unrühmliche Ehe ihrem Vater, der dafür sorgt dass sie annulliert und Anne nach Frankreich vorerst verbannt wird. Doch in Marys Schwangerschaft ergeben sich Komplikationen und sie wird bettlägerig, in der Angst das Interesse des Königs zu verlieren wird Anne von Vater und Onkel nach zwei Monaten zurückbeordert. Die junge Frau, am französischen Hof gereift und vom Hass und Neid auf ihre Schwester erfüllt, umgarnt fortan den König und spaltet nicht nur ihre eigene Familie, sondern ein ganzes Königreich.

Eigentlich sind historische Kostümfilme in den letzten Jahren das Aufgabenfeld von Shekhar Kapur gewesen, der erst letztes Jahr seinen zweiten Film mit Cate Blanchett über Elizabeth I. in die Kinos gebracht hat. Stattdessen engagierten die Produzenten Mark Cooper und Allison Owen, die beide bereits Erfahrung gesammelt haben mit Kostümfilmen, den Fernsehregisseur Justin Chadwick, der sich vor allem durch die mehrfach ausgezeichnete Serie Bleak House empfehlen konnte. Die Romanvorlage von Gregory verarbeitete der aufstrebende britische Autor Peter Morgan, letztes Jahr für The Queen mit einer Oscarnominierung bedacht, zu einem Drehbuch und selbstverständlich haben auch die zuständigen Personen für Kostüm (Oscargewinnerin Sandy Powell) und Ausstattung bereits in dem Historien-Genre Fuß gefasst. Die Besetzung der drei Hauptcharaktere sorgte dagegen für Kritik, vormerklich der Briten, da sie mit drei Ausländern besetzt wurden. Während Henry Tudor vom Australier Eric Bana portraitiert wird, schlüpfen die beiden jungen Amerikanerinnen Johansson und Portman in die Rollen der Schwester. Auch wenn sie bemüht sind einen britischen Akzent zu offerieren, misslingt es den Beteiligten, obschon Portman bereits für V for Vendetta einen solchen lernen musste. Eine Sienna Miller hätte sich beispielsweise angeboten, auch wenn diese nicht sonderlich besser zu spielen im Stande ist als ihre amerikanische Kollegin Johansson.

Die Geschichte von Mary Boleyn akzentuiert Gregory dabei sehr eigenwillig und interpretiert das Geschehe äußerst subjektiv. So war Mary beispielsweise nicht die jüngere, sondern die ältere Schwester. Zudem führte sie keineswegs ein unbescholtenes Leben, aus welchem sie von ihrem Vater und Onkel herausgerissen wurde. Im Gegenteil. Mary und Anne waren am französischen Königshof als Bedienstete angestellt, wo Anne sich ihr karrierebewusstes Wissen aneignete und Mary dagegen zur Mätresse des Königs François I. wurde. Erst bei ihrer Rückkehr nach England ging sie schließlich ihre erste Ehe ein, war dabei jedoch selbstverständlich schon längst keine Jungfrau mehr. Bei ihrer Hochzeit war dann auch König Henry anwesend, der anschließend mit ihr eine Affäre einging, aus der Gerüchten zufolge zumindest Marys Sohn hervorgegangen sein soll. Anne Boleyn kam schließlich ein Jahr später zurück an den englischen Hof, wo die Affäre zwischen dem König und ihrer Schwester bereits vorüber war. Als sich dieser in sie verliebte hielt sie ihn tatsächlich soweit auf Abstand, wie es im Film dargestellt ist. Das Ende des Filmes ereignete sich historisch jedoch weitaus unfamiliärer, als es in Chadwicks Werk zu sehen ist und auch der Bruder der Boleyns, George, war im Gegensatz zu Gregorys Vorlage keineswegs schwul, wie es der Film zu implizieren versucht. Da Chadwick und die Produzenten allerdings zu keinem Zeitpunkt einen Anspruch auf historische Aktualität erheben und lediglich am Ende einen Ausblick auf das Schicksal der Figuren geben, geht diese Herangehensweise sicherlich in Ordnung, wenn sie der fiktiven Dramatisierung eines solchen Stoffes dienlich ist. Die titelbezogene „andere Boleyn“ ist dabei im Film nicht konsequent Mary Boleyn, sondern beide Schwestern nehmen diesen Titel abwechselnd in Anspruch, immer Situationsbezogen und vom jeweiligen Kontext abhängig, sodass sie stets in Rivalität zueinander leben und stehen.

Ursache hierfür ist die Tatsache, dass sie von ihrem Vater und Onkel als Objekte gesehen werden, deren privates Glück von niederer Bedeutung ist, solange der Familie Gutes dabei zukommen kann. Im Gegensatz hierzu steht interessanterweise Thomas Boleyn, dessen Frau (Kristin Scott Thomas) sozial höher gestellt ist als er und ihn aus Liebe geheiratet hat. Dennoch verschachtert er seine Kinder allesamt so, dass er selbst den größten Nutzen daraus ziehen kann. Dies kulminiert in einer grotesken Szene, als Mary in Anwesenheit ihrer Familie und ihres Ehemanns ihr Sexleben mit dem König diskutieren soll. Was die Machtgier und die Intrigen ausrichten konnten, zeigt der Film dabei an den Beispiel der drei Boleyn-Kinder, die zu Beginn unschuldig spielend gezeigt und am Ende praktisch zerstört werden – dabei endet der Film wie er begonnen hat, mit einem spielenden Mädchen. Besetzt ist er hierbei vom optischen sehr gelungen mit Portman und Johansson, die für sich genommen fraglos hübsch sind und zugleich eine gewisse Ähnlichkeit mit den Boleyns transferieren mögen. Dass Henry Tudor durch Bana sexy und muskulös verkörpert wird vertreten die Macher mit der Tatsache, dass dies das Bild ist, das die Boleyn-Schwestern von ihm wahrnehmen. Insofern ist auch diese Besetzung vertretbar. Dabei gehört der Film einzig und allein Natalie Portman, die nicht nur wie eine Königin aussieht, sondern auch noch königlich spielt. Ob sie nun den König neckt oder gegen ihre Schwester intrigiert, selten hat die Portman besser gespielt und dürfte sicherlich im folgenden Jahr mit einer Golden Globe Nominierung bedacht werden – zumindest hätte sie es verdient. The Other Boleyn Girl funktioniert sehr gut als Film über Sex, Macht, Intrigen, Familie und Liebe, schade lediglich, dass Henry kaum Tiefe verliehen bekommt, aber schließlich ist es ein Film über die Boleyn-Schwestern.

7.5/10

4. März 2008

Michael Clayton

I am Shiva, the god of death.

„Wenn man sich einmal all das anschaut, was ich über die Jahre so geschrieben habe, dann wird man feststellen, dass ich vom Thema Arbeit besessen bin: Was Leute tun, wie viel sie dabei verdienen, und auf welche Art und Weise sie es tun. Mich faszinieren die dabei entstehenden Gewissenskonflikte, Sehnsüchte und Entscheidungen“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Tony Gilroy. Dies sagt der Mann der einer von sechs verantwortlichen Autoren an Michael Bays Armageddon war und zudem die Geschichten für die Actioner Bait und Proof of Life geliefert hat. Seinen Ruhm und größten Erfolg verdankt Gilroy jedoch seiner eigenen Arbeit an der Adaption von Robert Ludlums Bourne-Trilogie für die große Leinwand. Mit Michael Clayton liefert er nunmehr sein Regiedebüt, finanziert von vier Oscarpreisträgern und Regiekollegen: Anthony Minghella, Steven Soderbergh und dazu noch die beiden im Film auftretenden Sydney Pollack und George Clooney. Verwunderlich warum bei dieser illustren Runde gerade sein alter Spezi Taylor Hackford fehlt, immerhin hat er für diesen drei Drehbücher entwickelt (Proof of Life, The Devil’s Advocate, Dolores). Bei so vielen potenten Produzenten wird es ein leichtes gewesen sein, die 25 Millionen Dollar Produktionskosten zusammen zu treiben und schließlich einen Thriller zu kreieren, der altmodisch anmutete und relativ wenig mit Gilroys bisherigen Werken zu tun haben will, schließlich gehen ihm die Actionelemente aller seiner vorherigen Filme ab.

Es ist früh am Morgen und ein Mann Mitte Vierzig hat seinen Wagen verlassen um einen Hügel hinaufzusteigen und sich drei Pferden gegenüberzusehen. Ein stiller und ruhiger Moment, die Augen des Mannes und der Pferde treffen sich – da explodiert der Wagen des Mannes am Straßenrand. Die Handlung wird vier Tage in die Vergangenheit gespult, um nachvollziehbar zu machen, was der Auslöser hierfür war. Das Chemieunternehmen U/North sieht sich gerade einer drei Milliarden Dollar schweren Sammelklage entgegen, als ihr Verteidiger Arthur Edens (Tom Wilkinson) bei einer eidesstattlichen Aussage entblößt und einen Nervenzusammenbruch erleidet. Edens Kanzleichef Marty Bach (Sydney Pollack) schickt seinen langjährigen rechtlichen „Ausputzer“ Michael Clayton (George Clooney) um Edens und somit den Fall vor weiterem Schaden zu bewahren. Clayton, dessen privates Standbein – ein Restaurant – bankrott gegangen ist, versucht zu verstehen was in seinen Kollegen und Freund Arthur gefahren ist. Dieser scheint auf ein Geheimnis des U/North-Konzerns gestoßen zu sein und hat sich nebenbei in eine der Klägerinnen verliebt. Als Clayton Edens aus den Augen verliert, schickt die U/North’s Leiterin der Rechtsabteilung, Karen Crowder (Tilda Swinton) ihre Männer aus, um herauszufinden was Edens und Clayton wirklich wissen und beide daran zu hindern mit ihrem Wissen publik zu gehen.

Die Idee zu Michael Clayton kam Regisseur und Autor Tony Gilroy bereits vor zehn Jahren, als er 1997 für seinen mystischen Justiz-Thriller The Devil’s Advocate in verschiedenen Anwaltskanzleien recherchierte. Dort wurde er mit unterschiedlichen Fällen konfrontiert, unter anderem auch einen, der dem im Film dargestellten nicht unähnlich ist. Diese Umstände und Arbeit faszinierten Gilroy so sehr, dass sie schließlich in seinem Clayton-Skript kulminierten. Als Wirtschaftsanwalt stellt man seinen Auftraggeber nicht in Frage und gewinnt seinen Fall, auch wenn dies auf Kosten unschuldiger geschieht. Ein Problem, welches die Ausgangssituation für Gilroys Film darstellt, denn der für den Chemiekonzern U/North abgestellte Rechtsverteidiger Edens findet heraus, dass das von U/North vertriebene Pflanzenschutzmittel bei den Farmern Krebs auslöst. Da er sich zudem in Anna, eine der Farmerinnen der Sammelkläger verliebt hat, gerät er in einen Gewissenskonflikt der (s)einen Nervenzusammenbruch bewirkt. Als Clayton eintrifft, versucht Edens auch diesen von der Falschheit ihrer Taten zu überzeugen und auf seine Seite zu bringen. Seine Spielhand zeigt er ihm dabei allerdings nicht, da er Clayton nicht vollends vertraut. Dass sich Karen Crowder des Falls angenommen hat, lässt erahnen in welche Richtung die Problematik abgedriftet ist und Clayton merkt fortan, wie er sich immer tiefer in den Fall verstrickt und zwischen die Fronten gerät – dabei hat er an seinen eigenen Problemchen zu knabbern.

Obwohl Clayton seit fünfzehn Jahren bei der New Yorker Anwaltskanzlei Kenner, Bach & Ledeen angestellt ist, wurde er immer noch nicht zum Partner befördert sondern darf weiterhin als „Ausputzer“ dienen, der die Drecksarbeit für andere erledigt. Unzufrieden von dieser Situation wollte sich Clayton ein zweites Standbein schaffen und eröffnete ein Restaurant, das allerdings pleite gegangen ist, was ihm nunmehr $75.000 Schulden eingebracht hat, die er nicht im Stande ist zu begleichen. Da Claytons Kanzlei kurz davor steht mit einer Londoner Filiale zu fusionieren, ist sein Chef Marty Bach durch den Zwischenfall mit Edens durch Crowder unter Druck gesetzt, welchen er wiederum auf Clayton umleitet. Dieser weiß die Situation für sich zu nutzen, um einen gewaltigen Erfolgsbonus abzuschließen, sollte es ihm gelingen Edens unter Kontrolle zu kriegen. Außerdem kümmert sich Clayton noch um die Erziehung seines Sohnes, von dessen Mutter er in Scheidung lebt. Später wird ein Buch, das dem Jungen etwas bedeutet, auch für Edens und Clayton noch von Bedeutung sein und deren Leben stark beeinflussen, ansonsten dient Claytons Sohn wie seine beiden Brüder lediglich als menschliche Facette zur Erschließung des Charakters. Eine Freundin, die er hatte wurde von Gilroy schließlich aus der finalen Fassung herausgeschnitten, wahrscheinlich weil es zu sehr von der Problematik der Figur abgelenkt hätte. Clayton ist unzufrieden mit seinem Leben, mit seiner Situation und angewidert von seiner Arbeit – er wird ebenso vom U/North-Fall beeinträchtigt wie Arthur.

Das Anwälte meist ebenso schmutzige Wäsche vorzuweisen haben wie die Leute die sie verteidigen, das ist nichts Neues und dass große Unternehmen am meisten Dreck am Stecken haben, das war ebenfalls bekannt und wurde bereits in Filmen wie Erin Brokovich oder A Civil Action behandelt, eigentlich auch in jeder zweiten John Grisham-Verfilmung. Beeindrucken kann Gilroy mit seiner bloßen Geschichte nicht, folglich beruft er sich auf die Darstellung der zentralen Figur des Anwalts, Michael Clayton, und seinem Konflikt mit dem Fall. Allerdings war auch dies bereits in Steve Zaillians Film von 1998 der Fall, sodass Michael Clayton trotz seiner guten weil ruhigen Erzählstruktur wenig bis nichts Neues zur Thematik beitragen kann. Die schauspielerischen Leistungen sind in Ordnung, wobei lediglich Tom Wilkinson seine Oscarnominierung rechtfertigen kann. Dass Tilda Swinton für ihren viertelstündigen Auftritt gegenüber Ronan, Ryan und Blanchett gewonnen hat, ist mehr als verwunderlich. Schlimmer noch ist das ganze bei George Clooney, dem es wieder mal nicht gelingt hinter seinem Charakter zu verschwinden. Seine Figur besitzt kaum eigenes Leben, nie sieht man Michael Clayton, immer bewährt sich George Clooney im Vordergrund.

Selbst Constantin Film propagiert den Film als „George Clooney ist Michael Clayton“, dabei eine Schriftgröße für Clooneys Namen wählend, die gut 75% der des Filmtitels entspricht. Auf die Motivationen seiner Figuren bzw. die Bedeutung des Szenarios geht Gilroy dabei sehr wenig ein. Warum dreht Edens auf einmal durch und inwiefern war dies möglich? Die Auswirkungen auf die Figuren und der Figuren selbst sind nicht immer schlüssig, so auch die finale Auflösung. Daher verwundern auch die anderen drei Nominierungen als bester Film, beste Regie und bestes Originaldrehbuch, mit Abstrichen auch die für die beste musikalische Untermalung, hier scheint sich ein diesjähriges Crash-Phänoment gezeigt zu haben, einen eher kleineren „Independent“-Film hypen zu wollen. Dem für There Will Be Blood ausgezeichneten Robert Elswit gelingen dafür einige schöne Einstellungen, so zum Beispiel die Schlüsselszene mit Clayton und den Pferden, aber auch die Szene mit Edens und seinem Offenbarungsanruf bzgl. U/North sind ausgesprochen gut gelungen. Dennoch weiß die Geschichte über die weitesten Strecken hin nicht immer zu überzeugen, wieso hat Clayton seine einst brillante Karriere aufgegeben um Ausputzer zu sein und weshalb führt er den Job weiterhin durch, auch oder gerade obwohl er mit ihm unzufrieden ist? Allein an seinem in New York lebenden Sohn kann es nicht liegen. Es ist jedoch hervorzuheben, dass der Film entgegen seiner vorherigen Skripte des Autors erstaunlich schnörkellos erzählt wird, hierin liegt die Stärke des Filmes, auch wenn es ihm an angesprochenen Ecken etwas fehlt.

7/10

3. März 2008

10,000 BC

Bring them down.

Es herrscht das Jahr 10.000 vor Christus - daher der Titel - und die Menschen bzw. ein Bergstamm schöpft sein Überleben aus der Jagd nach Mammuts. Diese sind in den letzten Jahren jedoch relativ rar geworden, weswegen vermehrt das eigene Orakel befragt wird. Als ein blauäugiges Mädchen zum Stamm stößt, eröffnet sich eine Prophezeiung, dass diese einst mit einem tapferen Krieger vermählt werden und ihr Volk in eine bessere Zukunft führen wird. Da sich der junge D’Leh in die kleine Evolet verliebt, bleibt ihm nichts anderes übrig als der beste Jäger seiner Altersklasse hervorzutreten. Einige Jahre später ist der Zeitpunkt der letzten Jagd gekommen und tatsächlich geht D’Leh (Steven Strait), der an sich nicht der optimale Führer seines Stammes ist, als Sieger aus der Jagd hervor. Kurz darauf treffen allerdings berittene höher zivilisierte Männer ein und nehmen die Mehrheit des Stammes als Sklaven, darunter auch Evolet (Camilla Belle). Das kann D’Leh nicht auf sich sitzen lassen und macht sich gemeinsam mit dem Dorfältesten Tic Tic (Cliff Curtis) und zwei anderen Jäger auf zur Verfolgungsjagd, während der Anführer der Fremden sich beginnt in Evolet zu verlieben. Nach einem halsbrecherischen Ausbruchsversuch verlieren D’Leh und Tic Tic ihre beiden Gefährten und müssen nun versuchen die umliegenden Stämme dazu zu bewegen, in eine finale Schlacht gegen die Unterdrücker zu ziehen.

Riesige Krawumm-Filme, die von ihrer Action und ihren Spezialeffekten leben, dafür steht eigentlich Michael Bay, allerdings bildet dies auch immer die Grundlagen vom German Master of Desaster, dem Regisseur Roland Emmerich. Mit Independence Day wurde er berühmt und lieferte seiner Zeit den erfolgreichsten Film aller Zeiten ab (auch wenn dieser natürlich inzwischen überboten wurde). Anschließend ließ er in chronologischer Reihenfolge erst Godzilla, dann Mel Gibson und schließlich die Erderwärmung auf die amerikanische Bevölkerung los, um sich dieses Mal ein nicht-amerikanisches Thema vorzunehmen, ohne Star Spangled Banner aber deswegen nicht gleich ohne Patriotismus. Für sein 130 Millionen Dollar teures Spektakel holte sich Emmerich unverbrauchte Gesichter für die beiden Hauptrollen an Bord und fand sie in Steven Strait (The Covenant) und Camilla Belle (When a Stranger Calls), als Drehbuchpartner engagierte er seinen österreichischen Komponisten Harald Kloser und drehte an Originalschauplätzen in Neuseeland und Namibia. Für die Trickeffekte zeichnen sich gleich zwei Effektstudios verantwortlich und arbeiteten zwei Jahre an den im Film auftretenden Mammuts, Säbelzahntiger und der landschaftlichen Umgebung. Dabei arbeitet Emmerich zum ersten Mal seit Indepence Day wieder mit einem so geringen Budget (auch wenn es noch aufgestockt worden zu sein scheint) wie bei 10,000 BC, während er für seine letzten drei Filme immer über hundert Millionen Dollar zur Verfügung gestellt bekommen hat.

Wie der Trailer verlautbart, erzählt Emmerichs neuester Film die erste (fiktive) Heldengeschichte der Menschheit und dass mit totaler Berechnung. Schließlich trägt Protagonist D’Leh einen Namen, der rückwärts gesprochen das deutsche Wort „Held“ ergibt. D’Leh ist also bereits ein Held, bevor er es selber weiß und während des Filmes zweifelt er durchweg an sich selbst und seiner Bestimmung. Vor allem da ihm mit dem besten Freund seines Vaters – der den Stamm vor Jahren verlassen hat, um nach einem Ausweg zu suchen – Tic Tic und dem designierten Stammesführer Ka’Ren zwei vollwertige mutige Krieger gegenüberstehen. D’Leh hingegen ist ein Romantiker, der an die große Liebe glaubt und diese in der von der Prophezeiung vorherbestimmten Evolet gefunden zu haben glaubt. So sehr, dass er ohne zu zögern den Mut aufbringt, einem ganzen fremdländischen Heer (das nach Tic Tics Andeutungen die Atlanter sein könnten) um ihretwillen nach zu jagen. Um was für ein Volk es sich hierbei handelt, woher sie kamen und was genau ihre Bestimmung ist, das wird nicht erklärt und spielt an sich auch kaum eine Rolle. Es ist eben da und versklavt die umliegenden nieder entwickelten Volksstämme zur Errichtung seiner Pyramiden und Stadtstrukturen.

Wie eingangs erwähnt muss man bei Emmerich dieselbe Schablone anlegen wie bei einem Michael Bay, seine Filme leben von ihren Spezialeffekten und werden von diesen zusammengehalten, da sie inhaltlich eher schwach sind. Letzteres ist auch hier erneut der Fall. Die Figuren in Emmerichs Werk sind schwach gezeichnet, wenn überhaupt und diejenigen die so etwas wie einen Charakter besitzen, sind nach Klischee strukturiert. Der inhaltliche Aufbau wird dabei Stück für Stück von deutschen Regisseur selbst sabotiert, D’Lehs Vater, der auszieht für letztendlich nichts und wieder nichts, das Orakel, die Prophezeiungen durch den ganzen Film hindurch, alles wirkt so konstruiert wie es ist, vorhersehbar und jegliche Spannung vermissend. Die Tatsache, dass man es hier mit verschiedenen menschlichen Kulturstämmen zu tun hat, die allesamt mit Mammuts, Säbelzahntiger und Riesensträußen co-existieren sind selbstverständlich historisch gesehen ganz großer Mumpitz.

Zudem dienen letztgenannte Geschöpfe für keinerlei höheren Zweck in Emmerichs Geschichte, allen voran der Säbelzahntiger, der einen Großteil der digitalen Effekte ausgemacht hat. Auch wie die Mammuts dargestellt werden, die wie kleine Hunde bei ihrer Flucht hüpfen und dabei jegliche physikalischen wie anatomischen Gesetze widerlegen, sorgt für ziemlichen Unmut. Der Gipfel des ganzen ist dann die hoch entwickelte Kultur der Sklaventreiber, die Pyramiden auf die Beine stellen und mit Schiffen fahren, auf welche die erste ägyptische Dynastie, die sechstausend Jahre später entstehen sollte, vor Neid erblasst wäre. Da versteht es sich von selbst, dass in dieser Kultur Mammuts als Nutztiere verwendet werden und irgendwie würde es einen auch nicht wundern, wenn eines von ihnen eine steinerne Variante eines Tomtom umgebunden hätte.

Inhaltlich bewegt sich Emmerichs klischeebeladener Film, der reichlich bei Steven Spielberg und Peter Jackson klaut und am Ende Emmerichs erstes Hollywoodvehikel Stargate zitiert, somit auf einem äußerst schwachen Gerüst. Verlassen tut er sich auf seine Spezialeffekte, die verschneite Schneelandschaften neben tropische Dschungel und ausgetrocknete Wüsten setzen. Auch die nahezu perfekt gebaute Stadt der Sklaventreiber wirkt ebenso wie die animierten Ur-Tiere ziemlich unglaubwürdig und wird allerhöchstens noch überboten von der missratenen Green-Screen-Einlage zu Beginn, als man D’Lehs Stammesdorf besucht. Gegen einen Transformers oder King Kong sehen Emmerichs Effekte aus als hätte er sie in einem Secondhand-Laden ersteigert.

Und bedenkt man dass sein Budget genauso hoch war, wie damals für Independence Day, jedoch nicht so namhafte Schauspieler (Will Smith, Jeff Goldblum, Bill Pullman) aufwarten kann, fragt man sich doch, was er stattdessen mit den ganzen Millionen gemacht hat. Wenn man sich schließlich gerade den Säbelzahntiger ansieht, der nicht billig gewesen sein dürfte, die Handlung allerdings kein Stück voranbringt oder spannend macht, wäre es besser gewesen, das Geld etwas geschickter zu verteilen. Der größte Fehler des Filmes dürfte jedoch gewesen sein, den Komponisten Kloser am Drehbuch mitschreiben zu lassen, was logischerweise dessen erste literarische Arbeit war (bedauerlicherweise jedoch nicht seine letzte, da er an Emmerichs neuestem Werk mitschreiben wird). Gegen 10,000 BC sieht The Patriot aus wie ein kleines Meisterwerk und Emmerich dürfte ohne Frage auf seinem (künstlerischen) Karrieretiefpunkt angekommen sein.

2.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

1. März 2008

Kurz & Knackig: Clash der Kulturen

„We’re going to kill ‘em all.” (The Kingdom)

Yasamin kiyisinda (Auf der anderen Seite) - Einer der angesagtesten Regisseure in Deutschland ist der Deutsch-Türke Fatih Akin, der mit seinem Gegen die Wand bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann (und noch andere Preise). Dieser bildete den Auftakt zu (s)einer „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie, deren zweiter Teil sich nunmehr hier findet, in dem Film der in Deutschland Auf der anderen Seite hieß, eigentlich aber kein deutscher sondern ein türkischer Film ist, wird schließlich zu 85% im Film türkisch gesprochen. In drei Episoden schildert Akin seinen kulturübergreifenden Handlungsrahmen von Liebe, Tod, Einsamkeit und Zugehörigkeit. In der ersten Episode verliebt sich ein verwitweter türkischer Pensionär in Bremen in die Prostituierte Yeter (Nursel Köse), die seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter hatte. Diese heißt Ayten (Nurgül Yesilçay) und sucht in Deutschland schließlich Zuflucht als sie die Türkei wegen ihrer politischen Aktivitäten verlassen muss. Dabei verliebt sie sich in die deutsche Studentin Charlotte, wird aber nach einer Polizeikontrolle abgeschoben. In seiner finalen dritten Episode führt Akin die beiden Geschichten zusammen und damit auch seine ganzen Themenpalette. Akins Geschichte ist ein Meer von Zitaten größerer Regisseure wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese oder Roman Polanski, wie er bereitwillig in seinem Audiokommentar zu gestehen bereit ist. Was Akin seinem Publikum da präsentiert ist grundsätzlich ein interessanter Ansatz, der in den entscheidenden Momenten allerdings immer künstlich konstruiert ist. Auch der gesamte Inhalt von seiner finalen Episode bleibt unbefriedigend und blass, hierbei wird auch nicht das mehr als mittelmäßige Schauspiel und die mitunter problematische Kameraführung kaschiert, von meiner Seite daher nach lobenden Worten doch recht enttäuschte 6/10.

The Boondock Saints - Dieser als Kultfilm empfundene Actioner von Regisseur Troy Duffy, der anschließend keinen Film mehr gedreht hat, wurde mir vom Kleriker ans Herz gelegt (mit gehöriger Entrüstung ob meiner Unkenntnis). Die Geschichte zweier irisch-amerikanischer Brüder die nach einer durchzechten St. Patricks Day Nacht beschließen Bostons Mafioso zu ermorden lebt von ebenjenen Brüdern Connor (Sean Patrick Flannery) und Manus (Norman Reedus), sowie Willem Dafoe als tuntigen FBI-Agenten mit dem passenden Namen „Smecker“. Es versteht sich von selbst, dass man hier keine sonderliche intakte Geschichte erwarten sollte, gewisse Reize weiß der Film an manchen Stellen dann allerdings doch zu versprühen. Viel interessanter als der Film ist die Hintergrundgeschichte um Regisseur Duffy, der den Film mit der Hälfte des von Harvey Weinstein einst zugesagtem Budget Boondock Saints initiierte, nach grandiosem Kinoflop seine Karriere beenden musste und so schlau war einen Vertrag zu unterzeichnen, der ihm keinen Cent der später durch DVD-Verkäufe eingespielten sechs Millionen Dollar einbringen sollte. Dumm gelaufen, aber der gute Mann schreibt inzwischen an einem Sequel, bis dahin erhält der Film von mir minimal-kultige 6.5/10.

Dip huet seung hung (The Killer) - noch ein Film, den ich mir vom Kleriker ausgeliehen hab, nachdem er (in)offiziell (?) als bester Hongkong-Film aller Zeiten gilt. Sowas kann ich ja nicht einfach auf dem guten Infernal Affairs sitzen lassen und obschon ich mit John Woo nicht sonderlich dicke bin (auch wenn ich nichts gegen Tauben habe) legte ich den Film in den Spieler. Die Handlung ist dabei relativ simpel strukturiert, Auftragskiller (Chow Yun-Fat) tötet Triadenboss und soll anschließend vom neuen Triadenboss und Auftraggeber selbst eliminiert werden. Außerdem wird er noch von einem Polizeibeamten (Danny Lee) gejagt und muss seine Identität vor seiner Freundin Jenny (Sally Ye) verbergen, die einst ihr Sehvermögen bei einem seiner Morde verlor. Ohne Frage wirken manche Szenen aus heutiger Sicht dilettantisch, aber immerhin schrieb man damals erst das Jahr 1989 und The Killer gewinnt vor allem durch seine Killer-Cop-Freundschaft von Runt/Li Ying und Shrimp Head/Ah Jong. Die Actionszenen selbst sind so aberwitzig, wie man es später bei Woo in Filmen wir Broken Arrow oder Face/Off gewohnt sein wird. Trotz alledem besitzt The Killer einen gewissen Charme, dem man sich nicht entziehen kann, selbst wenn er sich seine Handlung aus verschiedenen westlichen Vorbildern (The Wild Bunch, Butch Cassidy & Sundance Kid, Der eiskalte Engel, Die wunderbare Macht) zusammenklaut – dennoch kultige 7.5/10.
The Kingdom - Für das Revolverblatt CINEMA ja (soweit ich das mitgekriegt habe) DER Film des Jahres 2007 gewesen. So intelligent und alles auf den Punkt bringend, mit ihren Worten wieder einmal beweisend, dass die CINEMA und ich nicht wirklich konform gehen. Saudis knallen ein paar Amerikaner ab und sprengen zudem noch eine Ambulanz in die Luft. Ganz klarer Fall fürs CSI: Riad Team rund um Jamie Foxx, Chris Cooper, Jason Bateman und Jennifer Garner (3 Kaukasier, 1 Farbiger - interessante Mischung), die nunmehr als FBI-Sonderermittlungsteam (wieso das FBI zuständig ist bleibt mir ein Rätsel, vielleicht hatte der Secret Service grad keine Zeit) nach Riad reisen um dort innerhalb von einer Woche den Fall zu klären. Zwar werden ihre Ermittlungen behindert, aber ihr „Babysitter“ Col. Al Ghazi (einziger Lichtblick des Filmes, Ashraf Barhom) weiß hier und da seine Lücken zu finden. Grausig konstruierter und politisch fragwürdiger Film, die Actionvariante von Stephen Gaghans Syriana für die Xbox-Generation aufgepeppt (allein Garners Figur ist ein konstanter Witz durch den ganzen Film hinweg), sodass die Tatsache dass Michael Mann Produzent war, nicht weiter verwundert. Allein die letzte Einstellung weiß zu gefallen, macht die vorangegangenen gefühlten drei Stunden jedoch nicht weniger schmerzlich - müßige 4/10.

29. Februar 2008

No Country for Old Men

There’s a lot of bad luck out there. You hang around long enough and you’ll come in for your share of it.
(No Country for Old Men, p. 234)

Was soll man groß zu einem Film schreiben, den die halbe Bloggersphäre bereits rezensiert hat und dessen grober Inhalt bzw. Terror seiner Figur Anton Chigurh auch den meisten schon bekannt sind? Braucht man zu einem solchen Film überhaupt noch eine weitere Kritik? Und wenn ja, wie fängt man diese an? Vielleicht mit einem Satz, wie er paradoxer nicht sein könnte: „Hübsch ist Javier Bardem gewiss nicht“. Was ein Satz, optimal um mit jemanden in ein Gespräch zu geraten, am besten noch zu No Country For Old Men, dem aktuellen Film mit Bardem. Javier Bardem ist nicht hübsch, findet zumindest Stern-Redakteurin Christine Kruttschnitt, wie sich in der aktuellen zehnten Ausgabe des Magazins nachlesen lässt. Hübsch ist Javier Bardem gewiss nicht, allein sein „Zinken“, wie die gute Frau Kruttschnitt Bardems Riechorgan tituliert. Trotzdem verdammt sie ihn zum „Sexsymbol“, wohl weil er Spanier und daher Latino ist – Latinos müssen Sexsymbole sein, auch wenn sie nicht hübsch sind. Nicht nur Bardem bekommt sein Fett weg in Kruttschnitts Bericht, auch Johnny Depp wird von ihr charakterisiert als Mann der „drollige Irre spielt“. Da hat scheinbar jemand Pirates of the Caribbean gesehen, jemand der bei Daniel Day-Lewis sieht, dass dieser in seinen Rollen seine „Seele“ offen legt, wie man in seinen soziopathischen Figuren in Gangs of New York und There Will Be Blood sehen kann. Bardem ist nicht hübsch – Kruttschnitt wiederholt dies selbst mehrfach in ihrem Artikel, man möge mir meine Redundanz also verzeihen – und die Autorin wird nicht müde zu verraten, wer denn nun eigentlich ihrer Meinung nach hübsch sei. Kruttschnitt blickt ihren eigenen Worten nach sehnsuchtsvoll nach Australien und stößt ein „Russell!“ (Crowe, Anm. d. Red) aus, während ich mich allmählich frage, wie so jemand Redakteurin werden konnte, wie so jemand überhaupt in Printmedien schreiben darf.

Wer noch nichts über den Inhalt des Filmes weiß, dem sei nunmehr folgende Einleitung gegeben: der pensionierte Vietnamkriegsveteran und leidenschaftliche Jäger Llewelyn Moss (Josh Brolin) findet in der texanischen Einöde mehrere leerstehende Pickups und dazugehörige Leichen. Nebst einer Menge mexikanischen Heroins stößt er auch auf einen Handkoffer voller Millionen von Dollar. Sein Schicksal kommen sehend, steckt er das Geld dennoch ein und muss alsbald um sein Leben fürchten und seine Frau Carla Jean (Kelly MacDonald) zu ihrer Mutter nach Odessa schicken. Einer der vielen Männer die hinter Llewelyn her sind ist Anton Chigurh (Javier Bardem – im übrigen nicht sonderlich hübsch, hab ich gelesen), ein psychopathischer Auftragskiller. Auf der Spur von Chigurh befindet sich der zuständige Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones), der hinter dessen Leichen aufräumen darf, während mit Carson Wells (Woody Harrelson) ein weiterer Auftragskiller angeheuert wird, der Chirgurh ausschalten soll. Während Moss mit nach einem blutigen Aufeinandertreffen mit Chigurh nach Mexiko flieht, versucht Bell bei Carla Jean auf Informationen zu stoßen, die ihm helfen könnten Llewelyn vor seinem unausweichlichen Schicksal zu retten, während Chigurh die Schlinge um alle Beteiligten etwas enger zieht. Immer dabei sein Bolzenschussgerät und seine Münzen, dies alles in einem Land, das wahrlich kein Land mehr ist für alte Männer, ein Land voller Gewalt und Drogen.

Zurück zu Frau Kruttschnitt, die, nachdem sie eine halbe Seite lang über Bardems Aussehen geurteilt hat, schließlich noch in zwei Sätzen ihre Meinung zu No Country for Old Men kundtut, dabei in dem Satz kulminiert, dass „die halsbrecherische Flucht vor einem Hund“ schon alleine „das Eintrittsgeld lohnt“ und dem Film dann doch nur vier von fünf Sternen vergibt. Ob Brolins Flucht vor einem Hund – welche an sich nicht einmal eine solche ist, da er vielmehr vor den Mexikanern mit den Schrottflinten flieht – tatsächlich das Eintrittsgeld wert ist, das sei den Mann-flieht-vor-Hund-Filmfetischisten überlassen. Es finden sich jedoch auch sonst kaum schlechte Worte, über das neueste Werk von Joel Coen und seinem Bruder Ethan Coen, die vergangene Woche mit drei Oscars (bzw. eigentlich sechs) ausgezeichnet wurden. Manch ein Blogger beschreibt den Film, als „das sehnlich erhoffte Meisterwerk“, ein anderer hingegen meint er „ist schlichtweg perfekt“ und „hebt sich (…) bisweilen meilenweit von seinen Kollegen ab“. Förmlich überschlagen sich die Lobpreisungen für die Adaption von Pulitzerpreisträger Cormac McCarthys 2005 erschienenem Western-Thriller des gleichen Namens, auch wenn mancher einer der begeisterten Blogger eine „recht lose Verfilmung“ gesehen haben will. Dabei haben sich die Coens ziemlich exakt an McCarthys Vorlage gehalten, neben ganzen Dialogen auch die Chronologie des Romans übernommen, dabei gut zweieinhalb Seiten pro Minute auf Zelluloid gebannt.

Erstaunlich, dass der in Rhode Island geborene US-Autor sein Werk im typischen texanischen Slang geschrieben hat, dabei ein überaus dialoglastiges und mitunter nichtssagendes Werk erschaffend, welches doch versucht ein Statement abzugeben über ein Land, eine Generation, eine Zeit. Kein Land für alte Männer, geschrieben von einem solchen alten Mann, hierbei einen anderen alten Mann, Sheriff Ed Tom Bell, als Erzähler inthronisierend. Seine Sätze wirken oft ärmlich konstruiert, durch die unglaubliche vielfache Verwendung des Bindegliedes „und“ zusammengehalten. Dabei gelingt es McCarthy eine starke, umklammernde Atmosphäre zu schaffen, Llewelyn auf seiner Flucht und Chirgurh auf seiner Jagd begleitend. Jedes Kapitel wird eingeführt durch die Gedankenspielereien von Sheriff Bell, die sich meist überhaupt nicht mit dem Fall Moss/Chigurh beschäftigen, sondern mit dem Verfall der Sitten und Bells Privatleben. Seine Geschichte lebt vor allem von dem trockenen Humor von Llewelyn Moss (“The point is there aint no point.“, p. 227) und der Kaltblütigkeit von Chigurh, Bell selbst spielt kaum eine bis gar keine Rolle, ist lediglich der alte Mann im falschen Land, die persona rationalis der Geschichte mit der sich der Zuschauer verbunden fühlen kann. In einer Szene, im Film wie im Buch, referiert Bell einen Zeitungsartikel über ein Pärchen, dass Rentner umbrachte und erst überführt werden konnte, als eines der Opfer mit Hundehalsband vom Grundstück floh. Aus reiner Ungläubigkeit muss Bell hier lachen, wie wohl die meisten rationalen Menschen verzweifelt mit dem Kopf schütteln mögen und sich fragen, wo das mit unserer Gesellschaft eigentlich noch hinführen soll.

Sein lediglich 306 Seiten langer Roman – ohnehin mit sehr großzügigem Zeilenabstand und Schriftgröße gedruckt – bricht dann schließlich in seinen letzten vierzig Seiten ein, als McCarthy seine eigentliche Geschichte erzählt hat und nur noch vor sich hin schwadroniert. Man entfernt sich von der Handlung und Bell fokussiert die Geschichte auf sich selbst, ein zusammenhangloses Geheimnis seiner Vergangenheit entlüftend. Ein überdurchschnittlicher Roman wird hier von seinem Autor gegen die Wand gefahren und gerade diese Facette, die der Vorlage das Genick bricht, wird von den Coens glücklicherweise ausgelassen. Bells philosophische Auswüchse werden auf ein Minimum reduziert, seine Vergangenheit und sein Privatleben bleiben im Grunde unangetastet. Der Fehler den die beiden Brüder allerdings begehen, ist die Dialogen der Geschichte zu kürzen. Die Geschichte, die eigentlich von ihren Dialogen lebt (Herzstück ist dabei der Dialog zwischen Llewelyn und einem weiblichen Tramper, deren Figur im Film ganz fehlt), wird hier im Grunde massakriert. Die großartigen Gespräche von Llewelyn mit seiner Frau, Carson Wells und dem weiblichen Tramper, zwischen Ed Tom Bell und seinem Deputy oder zwischen ihm und Carla Jean, all diese wunderbaren Dialoge – die im Endeffekt keinen Inhalt haben und doch durch ihre Inhaltslosigkeit einen solchen versprühen – sind im Film auf ein Mindestmaß, auf ihre Essenz komprimiert. Die Coens begrenzen die Dialoge auf den Inhalt, den sie eigentlich erfüllen und schreiten zur nächsten Szene fort.

Dies führt dazu, dass das, was in der Vorlage das Herz der Geschichte war (auch wenn es mit der Geschichte selbst nichts zu tun hatte, diese jedoch zusammenhielt), dem Film völlig abgeht. Was die Coens erschaffen haben, ist ein technisch perfekt gemachter Film, um wieder auf ein Zitat eines Bloggerkollegen zurückzugreifen, No Country for Old Men ist „wie zwei Stunden in einem Filmwissenschaftsseminar zu sitzen“. Licht, Kamera, die Einstellungen, Ausleuchtung, alles stimmt, man könnte nicht wirklich etwas kritisieren – auch das Fehlen jeglicher Musik bemerkt man nicht wirklich, da sie eigentlich nicht notwendig ist. Was dem Film schließlich fehlt, ist eine Seele und dies liegt nicht an Anton Chigurh oder der Brutalität der Geschichte, sondern daran, dass man die Geschichte des Filmes leblos erzählt, ohne Emotion, ohne Hingabe. Viel wichtiger scheint dem Regisseur-Autoren-Produzenten-Brüderpaar die visuelle Umsetzung gewesen zu sein, die reine Formalität von McCarthys Geschichte adaptierend und ebenjene essenziellen Dialoge auslassend. Da jene wie angesprochen das Herz der Geschichte sind, fehlt dem Film der Coens eben dieses Herz. Er ist kalt, leb- und lieblos, berührt einen nicht und wird einem nach einer gewissen Zeit schnurzegal. Die Figuren erhalten keine Tiefe, so wie man Carson Wells einbaut, braucht man ihn eigentlich auch gar nicht einbauen, seine Charakterisierung, die sich vor allem im finalen Dialog mit Chigurh findet, wird hier von den Coens umgeändert, ähnlich wie es später in der Szene mit Carla Jean der Fall sein wird. Durch das Umschreiben beider Figuren geht auch ein wichtiger Hinweis zum Verständnis von Chigurhs Person verloren.

Vergleicht man No Country for Old Men mit den früheren Filmen der Coens, so fällt einem merkbar auf, dass ihnen bei ihrem letzten Werk die Liebe gefehlt zu haben scheint, zu dem, was sie da erschaffen haben. Dagegen ist gerade Fargo eine Liebeserklärung an seine Figuren und seine Geschichte, wie es auch bei Barton Fink, The Big Lebowski oder selbst dem grausigen Ladykillers-Remake der Fall war. No Country for Old Men ist einfach nur ein Film, nicht mehr und nicht weniger, es gelingt zu keinem Zeitpunkt eine wirkliche Beziehung zu seinen Charakteren aufzubauen. Die Oscarverleihung der letzte Woche reflektierend lässt sich sagen, dass es eigentlich nur einen Oscargewinner als Besten Film geben konnte und das war der Film der Coens. Schließlich wählt die Academy seit Jahren traditionell den überbewertesten Film zum Preisträger, sodass in der Tat nur There Will Be Blood noch ernsthafte Konkurrenz war. Wie es im Jahr zuvor der Fall war, durften die Coens ihren lang verdienten Oscar als beste Regisseure für einen durchschnittlichen Film entgegennehmen und die Ironie setzt sich auch bei der Auszeichnung für das beste adaptierte Drehbuch fort, welches wie selbstverständlich nicht an die gelungeneren Atonement oder Le scaphandre et le papillon ging. Hübsch ist Javier Bardem gewiss nicht, eine Aussage, die wirklich falscher nicht sein könnte. Bardem ist ohne Frage hübsch und er ist ohne Frage ein guter und überzeugender Schauspieler, reflektiert man seine Leistung in No Country for Old Men, ist es ein kleiner Skandal, dass der überzeugendere Casey Affleck für seine Leistung in The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford übergangen wurde. Aber was ist man von der Academy schon anderes gewohnt? Und mit den Lieblingsworten von Sheriff Ed Tom Bell aus McCarthys Roman endend: “That’s that to that“.

6.5/10

27. Februar 2008

Vorlage vs. Film: Die Welle

The Wave (1981)

Im April 1967 nahm der amerikanische Geschichtslehrer Ron Jones im kalifornischen Palo Alto an der Cubberley High School mit seinen Schülern und Schülerinnen den Zweiten Weltkrieg durch. Das Thema warf bei manchen Schülern die altbekannte Frage auf: wie konnten die Deutschen während des Nationalsozialismus nicht gewusst haben, was geschah? Dass Juden transportiert und umgebracht wurden, alles ohne dass es die deutschen Bürger mitbekamen? Die amerikanische Jugendlichen konnten es nicht glauben und Jones selbst wusste keine Antwort auf ihre Frage. Aber er beschäftigte sich mit ihr und wollte, dass die Jugendlichen die Antwort selber rausfinden. Er initiierte ein Experiment, mit dem er in der folgenden Woche der Schülerschaft begegnete. Diese sollte gerade sitzen und sich diszipliniert verhalten, was sich auch in ihrem Auftreten gegenüber der Lehrkraft ausdrücken sollte. Was den Kindern wie ein Spiel erschien, machte ihnen scheinbar tatsächlich Spaß und so trieb Jones das Experiment noch weiter, er gab seiner Klasse Exklusivität, indem er sie The Third Wave nannte, versehen mit Mitgliedskarten und eigenem Salut. Das Gefühl von Disziplin und Gemeinschaft führte zu einer Stärkeentwicklung unter den Schülern, die neugeschaffene Freiheit nahm jedoch bald faschistische Züge an. Das ganze ging soweit, dass Jones das Experiment am fünften Tag abbrechen musste, jedoch nicht ohne der Schülerschaft die Antwort auf ihre Frage zu geben.

Diese Ereignisse von Palo Alto verarbeitete Jones selbst fünf Jahre später in dem Artikel The Third Wave, der 1972 erschien. Weitere neun Jahre später bildete der Artikel und die Geschehnisse die Grundlage für die Novelle The Wave des amerikanischen Autors Todd Strasser, welches er jedoch unter seinem Pseudonym Morton Rhue verfasste. In seiner Novelle gab er den Schülern und Schülerinnen mehr Gestalt, bzw. arbeitete manche von ihnen zu interessanten Charakteren mit eigenem Hintergrund heraus. Die grundlegende Story blieb dabei dieselbe. Der junge ambitionierte und bei der Schülerschaft beliebte Geschichtslehrer Ben Ross trifft beim Thema Nationalsozialismus auf die Frage der verleugneten Schuld der deutschen Bevölkerung. Ross stürzt sich in Bücher und entwickelt sein Experiment „The Wave“, dem zu Beginn die ganze Klasse begeistert folgt. Selbst der Außenseiter und introvertierte Robert macht mit, wird sogar nicht mehr von seinen Klassenkameraden wie Brad gehänselt. Die intelligenteste und beliebteste Schülerin Laurie, die mit dem Kapitän des Footballteams liiert ist, erzählt ihrer Mutter zu Hause begeistert von der Erfahrung, welche die Disziplin und das daraus resultierende Zusammengehörigkeitsgefühl in ihr ausgelöst hat. Am folgenden Tag konfrontiert Ross seine Klasse mit dem Namen ihrer Gruppe und dem dazugehörigen Salut (einer Geste, die dem Hitlergruss nachempfunden ist). Zudem erhalten alle Anwesenden eine Mitgliedskarte, drei der Schüler werden sogar als Spione abgestellt, die dafür sorgen sollen, dass die anderen auch den Regeln von The Wave folgen.

Aus den dreißig Schülern und Schülerinnen von Ross’ Klasse werden innerhalb weniger Tage an die dreihundert, sodass Jugendliche aus anderen Klassen ihren Unterricht schwänzen, um bei The Wave dabei sein zu können. Laurie schwant allmählich, dass die Exklusivität ihrer Mitschüler auch umschlagen kann, denn bald werden Nicht-Mitgliedern ausgestoßen und zum Teil auch bedroht. Doch ihre Äußerungen werden von ihrem Freund David und ihrer besten Freundin Amy nicht ernst genommen, beide werfen Laurie vor, dass sie lediglich eifersüchtig ist, da sie nun nicht mehr im Mittelpunkt steht. Laurie engagiert sich vermehrt bei ihrer Schülerzeitung und nach einem gewaltsamen Vorfall auf dem Schulhof laufen auch die Eltern allmählich Amok. Bens Frau Christy nötigt ihn dazu das Experiment abzubrechen, doch Ben hat sich fast schon an seinen Führer-Status gewöhnt, zudem will er das Projekt nicht abbrechen ohne den Kindern etwas dadurch mitzugeben. In der Schule spitzt sich die Lage derweil zu und manche der Schüler scheinen den Bezug zur Realität zu verlieren. Laurie und ihre Redaktionskollegen starten eine Offensive gegen The Wave mit der sie sich selbst jedoch nur noch mehr in Gefahr bringen. Nach einem Vorfall zwischen Laurie und David suchen beide Mr. Ross auf, der daraufhin für den nächsten Tag plant The Wave endgültig zu beenden – doch wie soll er dies machen und wie werden seine Schüler reagieren?

Rhues Buch ist interessant und spannend geschrieben, sehr viel lebhafter, da ausgefeilter, als Jones Artikel, der relativ pragmatisch und unpersönlich war. Dabei unterscheidet sich die Schülerschaft von damals nicht großartig von der heutigen, es gibt den gehänselten Außenseiter und die Pausenhof-Primuse, die Klassenclowns und die intelligenten Besserwisser. Rhue verleiht ihnen allen etwas Persönlichkeit, auch wenn diese nur vor amerikanischen Klischees triefen. Robert, der Außenseiter, hat sich selbst aufgegeben, da er glaubt niemals mit seinem erfolgreichen und beliebten Bruder aufschließen zu können. Amy, Lauries Freundin, ist neidisch auf deren Beziehung und gute Noten, fühlt sich in der Schatten und unterdrückt. David hingegen wäre gerne wichtiger, als er es momentan ist, als Kapitän eines Football-Teams, das nicht gewinnt. Die beiden Redaktionsmitglieder die nur Albernheiten im Kopf haben, alle Charaktere sind nach einem typisch amerikanischem Klischee gezeichnet, auch wenn dieses sich ohne Frage in vielen Regionen Amerikas, besonders den Mittelstaaten, zu bewahrheiten weiß. Das Experiment selbst ist interessant, fast noch interessanter ist jedoch, dass es sich gegen den Initiator selbst zu wenden scheint, der gefallen an seinem Status findet. Kritisch bleibt lediglich, dass niemand in der Klasse so kurz nach der Durchnehmung des Zweiten Weltkrieges die faschistischen Züge von The Wave bemerkt, aber vielleicht sind dies auch nur Begleiterscheinungen einer Bewegung.


Die Welle (2008)

Entweder du machst mit oder du gehst.

Deutsche Filme sind meistens Ware zweiter Klasse – Kamerastil und Bildmaterial wirkt wie aus einer Dokumentation und kann mit amerikanischen oder auch französischen Filmen selten mithalten, nicht zuletzt des Inhaltes wegen. Dass der deutsche Film einen so schweren Stand hat, wird auch dadurch markiert, dass die meisten Filme, wenn nicht gar alle, nicht nur einer sondern gleich verschiedener Filmförderungen bedürfen – eine wirklich unabhängige deutsche Filmindustrie gibt es also nicht, allerhöchstens wenn Herr Eichinger persönlich in die Schatullen greift um eine weitere armselige Videospieladaption zu verfilmen. Und wenn wir Deutschen mal annehmbare Filme drehen, sind das meist auch diejenigen, die von der amerikanischen Filmakademie für einen Fremdsprachen-Oscar vorgeschlagen werden. Zugleich sind es meistens jedoch auch die Filme, die sich mit dem Lieblingsthema der Deutschen auseinandersetzen, bzw. eigentlich dem einzigen Thema, dass sich unter der Marke „Deutsch“ tatsächlich verkaufen lässt: der Nationalsozialismus. Sei es Caroline Links Oscargewinner Nirgendwo in Afrika oder Oliver Hirschbiegels Der Untergang, Marc Rothemunds Sophie Scholl und all die anderen Filme, darunter auch Dennis Gansels Napola, wirklich gut wird ein Film nur dann, wenn er sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Und wenn das nicht geht, dann eben das geteilte Deutschland, das zweitliebste Kind der deutschen, erst letztes Jahr mit Das Leben der Anderen mit einem Oscar bedacht.

Irgendeine Stadt in Deutschland, relativ sauber und sozial gesichert. Der junge und enthusiastische Politikwissenschaft- und Sportlehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) würde gerne bei der Projekt-Woche seines Marie-Curie-Gymnasiums den Schülern und Schülerinnen Anarchismus näher bringen, wird jedoch von einem älteren Kollegen ausgebootet und mit Autokratie abgespeist. Seine Klasse stellt dabei einen Querschnitt durch die heutige Schülerschaft dar, die populärste und zugleich meistverachtete Schülerin Karo (Jennifer Ulrich), ihr Freund und Wasserballkapitän Marco (Max Riemelt), Karos beste Freundin Lisa (Cristina Do Rego), der Außenseiter Tim (Frederick Lau), der Snob Jens, sowie die Möchtegerne Kevin, Bomber und Sinan (Elyas M’Barek). Zudem einige Punks, Klassenclowns, Ökos und was das Herz begehrt, Gruppengleichheit sozusagen. Mit Autokratie können sie jedoch recht wenig anfangen und die Herrschaft einer Minderheit über den Rest klingt in ihren Ohren wie Faschismus und der ist schließlich nicht mehr möglich. Gut, denkt sich Rainer, und präsentiert ihnen nach zehnminütiger Pause einen Crashkurs in liberaler Autokratie, was den Jugendlichen zu gefallen scheint. Am nächsten Tag reizt Rainer sein Experiment noch ein wenig aus, die Klasse bilde fortan eine Gemeinschaft, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Einheit. Doch nur Mitglieder haben Zugang zu der Einheit, deren Name demokratisch mit „Die Welle“ bestimmt wird und wenige Stunden später bereits eine MySpace-Seite hat. In „Der Welle“ sind alle gleich, egal ob Außenseiter, Deutsch-Türke oder zweite Geige – doch während bei den einen die neugefundene Konformität auf Gefallen stößt, wollen andere der Begeisterung nicht folgen.

Der Artikel von Jones war nicht nur Vorlage für die Novelle von Morton Rhue, sondern wurde 1981 mit Bruce Davison in der Hauptrolle für das amerikanische Fernsehen inszeniert. Die Rechte an dem Stoff hatte Ron Jones jahrelang den Amerikaner für einen Kinofilm verwehrt, diese jedoch an den deutschen Produzenten Christian Becker nach jahrelanger Anfrage verkauft, der den Stoff wiederum mit seiner eigenen kleinen Clique inszeniert hat. Zusammen mit Regisseur Dennis Gansel und Autor Peter Thorwarth, sowie Produzentin Nina Maag war Becker gemeinsam auf der Filmhochschule in München gewesen, sodass man mal sehen kann, wozu Vitamin B nicht alles führt. Jones selbst scheint dabei begeistert von Gansels Film zu sein und auch die Macher selbst werden nicht müde sich selbst für ihre Leistung auf die Schulter zu klopfen, enttäuschend das hier ein gewisser natürlicher Sinnd für Selbstkritik nicht gegeben scheint. Man habe die Crème de la Crème der Jungschauspieler bekommen, heißt es da, doch einen Tom Schilling, eine Karoline Herfurth oder einen Kostja Ullman hat man nicht bekommen (oder zählen die nicht zur selben Elite wie eine Jennifer Ulrich?). Auch die Lobpreisung für die authentische Darstellung einer Schule macht relativ wenig Sinn, wenn man den Film in einer authentischen Schule filmt – ebenso kritisch ist die neutrale Darstellung der Stadt, in der jeder finanziell etabliert lebt, die meisten sogar im gehobenen Mittelstand. Angesetzt wird die Thematik dann auch noch explizit auf einem Gymnasium, sodass man sich fragt, ob die in Die Welle dargestellte Problematik nicht vielleicht verallgemeinert wird, bzw. eine neutrale Positionierung durch den freigestellten Ort gewissermaßen korrumpiert.

Von der Nationalsozialismus-Thematik bleibt in Gansels Film nicht mehr viel übrig, vielmehr beschäftigt sich der Film allein mit Faschismus, genauer gesagt mit der Möglichkeit des Ausbruches von faschistoiden Zügen. Rainers Schüler glauben nicht daran, dass Faschismus wieder massenhaft ausbreiten könnte und werden nach einer zehnminütigen Pause gleich eines besseren belehrt. Stramm stehen und reagieren, nicht zu viel nachdenken, sondern machen was einem gesagt wird. Als faschistisch durchschauen tut das keiner der Jugendlichen, obschon sie erst wenige Minuten zuvor darüber gesprochen haben. Und wirklich autokratisch, bzw. diktatorisch ist das auch nicht, denn Rainer lässt die Schülerschaft ganz liberal und demokratisch über alle möglichen Dinge abstimmen, während sich diese und ihre Aktionen verselbstständigen. Gansels Rainer hat sehr viel weniger mit Jones selbst oder den von Rhue dargestellten Ben Ross gemeinsam, da letztere die Zügel des Spiels selber in der Hand hatten und auch den Sog, welches es entwickelte am eigenen Leib spürten. Die Einbindung der Lehrerfigur in das ganze Geschehen wird daher im Film etwas unterschätzt, bzw. nicht entsprechend dargestellt. Hier geht die Transformation, bzw. das Eintreten des Integrationsgefühls zu schnell vonstatten. Schade eigentlich auch, dass zwar Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der Alten Dame im Film kurz angesprochen wird, da ihn die Theater AG inszeniert, auf die Parallelen der Handlungen geht der Gansel dann jedoch bedauerlicherweise nicht mehr ein, obschon hier Potenzial lag.

Sicherlich gestaltete sich die Umsetzung des Stoffes in Deutschland etwas schwerer, weshalb man die Wendung vom Nationalsozialismus weg und zum faschistisch-autokratischen System hin nachvollziehen kann. Wirklich abkaufen tut man dies den Jugendlichen im Film jedoch nicht, denen es finanziell an nichts zu mangeln scheint. Auch die Rolle des Lehrers wird etwas fahrlässig dargestellt und lediglich der erste Teil des Finales weiß die Kraft zu entwickeln, die der Handlung innewohnte und vom Trailer angedeutet wurde. Was sich Gansel und Thorwarth mit der Auflösung des Filmes versprochen haben, die gänzlich weg von der Grundlage der Geschichte – man erinnere sich, es ging darum dass die Jugendlichen eine Lektion lernen – abweicht und in das klischeebedingte Alltagsgeschehen abdriftet. Unterlegt wird der Film jugendgerecht mit all den kleinen Feinheiten – MySpace, Skype, Graffiti – die bei den heutigen Schülern und Schülerinnen aktuell sind, sodass aus der ehemaligen Schullektüre eine aktuelle Verfilmung stattfinden kann, was in Zeiten wo Kinder immer weniger bis gar nicht mehr lesen vielleicht auch nicht das Falsche ist. Die Darsteller wissen dabei in ihren Rollen zu überzeugen, auch wenn man sich einige Vertiefungen des Drehbuchs in die Geschichte gewünscht hätte. Die Welle ist nun irgendwie doch ein Film mit Nationalsozialistischer Thematik und doch auch irgendwie nicht. Zumindest ist es eine ansehnliche Verfilmung, die sich von der üblichen deutschen Kinozote eines Til Schweiger hervorhebt.

6/10 - erschienen bei Wicked-Vision

25. Februar 2008

Kurz & Knackig: Gefühlschaos

Cidade de Deus – Fernando Meirelles’ Meisterwerk über das Leben in den brasilianischen Favelas schildert Geschichten über die ersten Lieben (Buscape) bis hin zu den ersten Morden (Löckchen) vieler junger Menschen, deren Leben bestimmt ist von Gewalt und Drogen. Anhand seiner beiden Figuren Buscape und Löckchen zeigt der Film die unterschiedlichen Wege auf, die ein junges Leben unter denselben Bedingungen nehmen kann. Zu einem Großteil mit Laiendarstellern gedreht muss man sagen, dass so sehr auch Meirelles’ Film durch seine Optik und musikalische Untermalung zu gefallen weiß, Cidade de Deus bei meiner fünften Sichtung langsam recht dated wirkt. Der Handlungsbogen ist zu gestreckt und Meirelles verliert sich auf vielen Nebenschauplätzen wie beispielsweise der Geschichte um Mané, auch das Intro mit den Wild Angels hätte der Regisseur etwas straffen können. Wegen dieser kleinen Makel verliert der Film einen Punkt in seiner Wertung, bleibt aber dennoch ein Meisterwerk unserer Zeit und erhält 9/10.

Herr Wichmann von der CDU – Im Jahr 2002 begleitete der Regisseur Andreas Dresen den Wahlkampf (insofern sich von einem solchen reden lässt) des CDUlers Henryk Wichmann im Wahlkreis Uckermark-Oberbarnim. Oberflächlich betrachtet handelt es sich hierbei um eine der amüsantesten deutschen Komödien aller Zeiten, wenn der 25jährige Wichmann mit Rechtsradikalen debattiert, seine Politikerkonkurrenten mit Worten wie „Märchenstunde“ abwatscht oder nicht müde wird gegen die Grünen zu wettern. Sehr vorausschauend auch, wenn er bereits 2002 auf die Frage „Wem kann man noch vertrauen“ wie aus der Pistole geschossen mit „Der Frau Merkel“ antwortet. Dresens Film bleibt dennoch eine Dokumentation und der erzeugte Humor ist fraglos ungewollt. Sehr demaskierend zeigt er die Hoffnungslosigkeit eines Wahlkampfes in einer demoralisierten Umgebung. Niemand will Wichmann zu hören, die Broschüren werden nur wegen der gratis Kugelschreiber mitgenommen, ein wirkliches Interesse an der Bundestagswahl gibt es nicht. Dass Wichmann sich dabei in ein Muster zwängen lässt, welches er selbst gegenüber seiner schwangeren Frau vor der Kamera aufrecht erhält, verdient sich dennoch zum Brüllen komische 9/10.

Enduring Love -Ltztes Jahr war Ian McEwan ja in aller Munde bzw. vielmehr die Filmadaption seines Romans Atonement. Drei Jahre zuvor hatte sich Theaterregisseur Roger Michell 2004 an McEwans gleichnamigen Roman von 1997 versucht. Erzählt wird die Geschichte eines fatalen Heißluftballon-Unfalls, der den homosexuellen Jed (Rhys Ifans) in eine Erotomanie zu dem ebenfalls anwesenden Joe (Daniel Craig) treibt. Währenddessen macht sich Joe schwere Vorwürfe wegen des Unfalls, da dabei eine der beteiligten Personen zu Tode kam. Seine Beziehung zu seiner Freundin Claire (Samantha Morton) hat darunter zu leiden und Jed verrennt sich immer mehr in seine Liebe zu Joe, bis das ganze tragisch endet. Für diesen Liebes-Thriller scheint Michell, vorher für den Liebesfilm Notting Hill und den Thriller Changing Lanes verantwortlich, wie geschaffen zu sein, doch die Abänderungen gegenüber der Vorlage führen dazu dass die ganze Spannung der Geschichte verloren geht. Der Film gibt sich schließlich der Belanglosigkeit und Eintönigkeit her, ohne Spannung, ohne Tiefgang, eigentlich ohne gar nichts, außer einem Kuss zwischen James Bond-Craig und Sienna Miller-Stecher Ifans. Wirklich viel Potenzial wurde dabei nicht einmal verschenkt, von meiner Seite aus gibt es einschläfernde 3/10.

23. Februar 2008

Californication - Season One

I wish you’d have said that before the blood started rushing to my cock.

Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, aber was sich derzeit so alles im US-Fernsehen für Serien finden lassen, ist fast schon nicht mehr feierlich. Schaut man dagegen ins Kino, findet sich selten so starke Qualität, wie sie zu Hause über die Mattscheiben flimmert. In Deutschland braucht man das Fernsehen eigentlich gar nicht mehr einzuschalten, außer asozialen Familien die sich gegenseitig die Mütter austauschen, dumm-debilen Gerichtsshows oder ständigem Dauergekoche finden sich kaum etwas. Ironisch dabei ist, dass dies das Unterhaltungsniveau der Deutschen zu sein scheint, da eben jene starken US- oder auch UK-Serien in unserem Land nach wenigen Folgen oftmals abgesetzt oder ins Nachtprogramm geschoben werden. Fraglich ob es manche US-Serien in den deutschen TV-Pool schaffen werden, ein dieser Serien dürfte Californication sein. Die dieses Jahr mit einem Emmy für den besten Hauptdarsteller ausgezeichnete Serie aus der Feder von Tom Kapinos hatte ich beim ersten Reinsehen gleich mal wieder zur Seite geschoben (und dabei glatt eine nackte Madeline Zima verpasst). Nachdem sich foxmulder und bullion wärmstens über die Serie ausgelassen haben, wollte ich ihr dann doch eine zweite Chance geben und prinzipiell hat sich dies am Ende dann, wenn man es so sagen kann, gelohnt.

Hank Moody (David Duchovny) ist ein ehemaliger Stern am Autorenhimmel. Geschrieben hat er schon eine Weile nichts mehr und auch die Hollywood-Verfilmung eines seiner Romane ist von ihm nicht sonderlich gut aufgenommen worden. Seine freie Zeit vertreibt sich der kiffende und saufende Hank zumeist mit Frauen jeglicher Art, unabhängig von ihrem Alter oder Lebensstatus. Sich an Rudy Valentino orientierend schläft sich Hank innerhalb der Serie durch die Betten Hollywoods und landet unter anderem mit seinem 16jährigen Fan Mia (Madeline Zima) im Bett. Ihr Alter erfährt Hank allerdings erst hinterher, als er sie als zukünftige Stieftochter seiner Ex-Freundin Karen (Natasha McElhone) wiedertrifft. Um ebenjene Ex-Freundin dreht sich auch alles in Hanks Leben, da er sie immer noch liebt und ihre Ehe mit Mias Vater so gut es geht versucht zu sabotieren. Eine enge emotionale Verbindung besteht zwischen den beiden dank ihrer gemeinsamen Tochter Becca, die ebenso wie Hank die Hoffnung auf eine Versöhnung noch nicht aufgegeben hat. Einen Nebenhandlungsstrang eröffnet sich durch das Leben von Hanks Agenten Charlie Runkle (Evan Handler) und dessen Affäre mit seiner karrieregeilen Sekretärin Dani (Rachel Miner), was sich schließlich auch in das Leben von Hank niederschlagen wird. Derweil steuert die Serie mit jeder kommenden Folge stets auf die Hochzeit von Karen zu.

Wenn Californication von etwas lebt, dann von nackter Haut. Wer immer schon mal den Hintern von Hauptdarsteller David Duchovny sehen wollte oder nicht genug von nackten Brüsten kriegen kann, der dürfte hier an der richtigen Adresse gelandet sein. Hank ist ein scheinbar hoffnungsloser und äußerst destruktiver Charakter, demaskierend ehrlich gegenüber seinem Gegenüber und diesen ohne jegliche Scham analysierend. Dass dies nicht immer schlecht für Hank ausgeht, darf man in der Serie begutachten. Allgemein geht es Hank grundsätzlich weit weniger schlecht, als er selbst immer versucht zu implizieren. Er hat eine Tochter die ihn liebt, eine Ex-Freundin die an ihm hängt, einen Agenten der sein bester Freund ist und finanziell keine Sorgen. Zudem kommt natürlich die Tatsache hinzu, dass er schier unwiderstehlich bei dem weiblichen Geschlecht zu sein scheint, es vergeht kaum eine Folge in der Hank keine sexuellen Eskapaden treibt. Mit Hollywood selbst hat die Serie dabei eher weniger zu tun, Hank prügelt sich zwar gerne mit dem Regisseur seines Filmes und hat auch sonst nicht viel für die Unterhaltungsbranche übrig, eine wirkliche Rolle spielt diese allerdings nicht. Auch das interessante Thema bezüglich Plagiate wird nicht näher untersucht, fungiert lediglich als kleines klimatisches Mittel.

Eine Serie mit einer nackten Madeline Zima und zusätzlich dazu noch einer reizenden Natasha McElhone kann eigentlich nicht verlieren und wenn dann auch noch Evan Handler und David „Mulder“ Duchovny dabei sind sollte dem Vergnügen nichts mehr im Wege stehen. Irgendwie ist dem aber nicht so. Die Serie hat ihre amüsanten Szenen und diese hängen eigentlich immer mit Hank zusammen (die Tampon-Szene im Supermarkt z.B.), dazu offeriert sie viele Nacktszenen der weiblichen Gastdarstellerinnen. Subtrahiert man diese beiden Faktoren bleibt jedoch nicht mehr viel übrig, da es der Serie an einer echten Handlung mangelt. Zudem ist Californication keine reine Sitcom wie Friends oder Scrubs, die nonstop Lacher darbietet, sondern lässt sich eher einem Sex and the City zuordnen – nicht nur, aber auch wegen der Nacktszenen. Funktionieren tut das, was man da zu sehen bekommt, dank dem Schauspiel von Duchovny, der sicherlich nicht unverdient mit dem Emmy dieses Jahr ausgezeichnet worden ist. Californication hat seinen gewissen Charme, seine magic moments dank Hanks zynischen Kommentaren, weist davon jedoch zu wenig auf und versucht es mit nackter Haut auszugleichen. Das geht bei zwölf dreißigminütigen Folgen gerade noch so gut, bedenkt man die Auflösung des Staffelfinales bleibt es fragwürdig in welche Richtung sich die zweite Staffel entwickeln mag. Einen Blick ist die Serie jedoch zweifellos wert.

7/10

21. Februar 2008

Die Top 5: Strandszenen

A prison could hardly have been built with more formidable walls, 
although it was hard to think of such a place as prison-like.
(Alex Garland, The Beach, p. 102)

Menschen verbinden Strände mit Romantik, Entspannung, Urlaub – dem Loslassen von Lebenssorgen. Strände symbolisieren Freiheit, Freiraum, ein Refugium des Friedens. Meistens sind sie von unbestreitbarer Schönheit und je nach dieser Schönheit wählen Menschen ihre Ferienziele aus. Abschalten vom Alltag, die Seele baumeln lassen, den warmen Sand zwischen den Zehen spüren, sich die Sonne auf den Bauch scheinen und das Meer durch die Beine spülen lassen. In The Beach thematisierte der britische Autor Alex Garland den Strand als Garten Eden: ein abgeschiedenes Ressort des Friedens vor der Gesellschaft. Doch der Strand wandte sich gegen die Bewohner und wurde zum Verhängnis.

In der Tat stellt ein Strand eher eine Begrenzung als eine Öffnung dar. Früher forderten diese Grenzen eine Überwindung, ein Erforschen neuer Länder jenseits des eigenen Landes. Ausbruch aus dem Gefängnis der Natur, nur um einen neuen Strand und somit ein neues Gefängnis zu betreten. Als solche Szenerie der Vorstellung eines Agierens mit dem Rücken zur Wand funktionieren Strände meist in Kriegsfilmen wie Steven Spielbergs Saving Private Ryan oder Clint Eastwoods Flags of Our Fathers. Eine Kriegszentrierung auf eine kleine Fläche, ohne Fluchtchance. Auch in Filmen wie John Carpenters The Fog oder Spielbergs Jaws birgt der Strand ein grauenvolles Geheimnis, als Pforte zwischen Meer und Land.

In Knockin’ on Heaven’s Door (Thomas Jahn, D 1997) wollen die sterbenskranken Martin (Til Schweiger) und Rudi (Jan Josef Liefers) vor ihrem Tod den Strand sehen.
Diese Kleinflächigkeit dient aber auch Konzentration von Glück, so wie in der unvergessenen Liebesszene in From Here To Eternity. Zugleich dienen Strände oft auch als Schlussmotiv, um eine gewisse Hoffnung der Charaktere auszudrücken. Der junge Neonazi Shaun löst sich in This is England am Strand von seinen faschistischen Zwängen, der Jahrelang inhaftierte Red trifft an einem mexikanischen Strand in The Shawshank Redemption auf einen alten Freund und auch auf eine nicht mehr erhoffte Freiheit. Strände stehen für somit Träume, für etwas nicht Greifbares, etwas Fernes und Hoffnungsvolles. Und doch immer irgendwie zugleich als ein abgeschlossener Raum, trotz ihrer sichtlichen Großflächigkeit.

Durch das Anknüpfen an das Meer verkörpern sie eine Barriere, die nicht weiter zu überwinden ist. Bis hierher und nicht weiter. In ihnen zeigen sich die Dämonen der Charaktere. Was sie belastet, was ihnen wichtig ist. Dadurch gelingt es, unvergessliche Filmmomente zu erzeugen, zum einen durch ihre natürliche Schönheit, zum anderen wiederum durch die erläuternde Funktion, die sie wegen ihrem gefängnisähnlichen Erscheinungsbild bei den jeweiligen Figuren erzeugen. Im Folgenden sollen die eindrucksvollsten fünf Strandszenen vorgestellt werden, die nicht nur durch ihre Ausstrahlung an sich, sondern auch durch ihren Zusammenhang Eindruck auf das Publikum machen (gewisse Spoiler sind enthalten!):


5. Deep Impact (Mimi Leder, USA 1998): In der etwas ernsteren Variante von Michael Bay’s Armageddon prallt ein Komet auf die Erde und bewirkt einen Riesentsunami. Die Journalistin Jenny Lerner (Teá Leoni) sucht im Angesicht des nahenden Todes ihren Vater (Maximilian Schell) an dem Strand ihrer Kindheitserinnerungen auf, sich mit diesem nach vielen zerstrittenen Jahren versöhnend, ehe die Todeswelle über sie hereinbricht.

4. City of Angels (Brad Silberling, USA/D 1998): In Silberlings US-Remake von Wim Wenders Der Himmel über Berlin wird die Liebesgeschichte des Engels Seth (Nicolas Cage) zu der Ärztin Maggie (Meg Ryan) erzählt. Hierbei finden die über die Menschen wachenden Engel ihren einzigen (Seelen-)Frieden darin,  sich jeden Morgen bei Sonnenaufgang am Strand von Malibu zu versammeln, um die ersten Sonnenstrahlen zu beobachten.

3. Planet of the Apes (Franklin J. Schaffner, USA 1968): Astronaut George Taylor (Charlton Heston) landet nach einer missglückten Weltraummission auf einem Planeten, auf dem intelligente und zivilisierte Affen über unterentwickelte Menschen herrschen. Am Ende macht er die erschreckende Erkenntnis, dass es sich bei dem betreffenden Planeten um die Erde handelt, als er am Strand die Überreste der Freiheitsstatue trifft.

2. The Piano (Jane Campion, AUS/NZ/F 1993): Die stumme Ada (Holly Hunter) ist mit dem in Neuseeland lebenden Alisdair (Sam Neill) eine vereinbarte Ehe eingegangen und wartet mit ihrer Tochter (Anna Paquin) am Strand darauf, von ihm abgeholt zu werden. Das einzige Ausdrucksmittel ihrer Emotionen stellt dabei ihr geliebtes Piano dar, welches aufgrund seiner Größe am Strand zurückgelassen werden muss.

1. Atonement (Joe Wright, UK/F 2007): Am Strand von Dünkirchen trifft der Engländer Robbie (James McAvoy) auf desillusionierte britische und französische Truppen. Tödlich verwundet zieht er in einer einzigen, minutenlang ungeschnittenen Kamerafahrt von Seamus McGarvey durch die Trostlosigkeit der Szenerie, des Krieges, des gesamten Daseins aller Soldaten gleich welcher Nation, die sich am Strand eingefunden haben.