25. Juni 2015

Game of Thrones – Season Five

The gift of a great name. Sometimes that’s all one needs.

Seit vier Jahren begeistert HBO’s Game of Thrones, jene Fantasy-Adaption von George R. R. Martins Romanserie, die 1996 begann, die Zuschauer weltweit. Jüngst ging die fünfte Staffel zu Ende, womit nunmehr – erstmals – die Fernseh- wie die Romanserie inhaltlich auf derselben Höhe sind, dienen doch die Ereignisse des fünften Romans A Dance with Dragons als Vorlage für die fünfte Staffel. Als Game of Thrones seinerzeit debütierte, verfolgte ich die ersten drei Episoden, legte die Show jedoch alsbald als „Lord of the Rings fürs Pay-TV“ zu den Akten. Zufällig habe ich nun die fünfte Staffel dieses Jahr gesehen, als Einstieg in die Materie – und warum auch nicht. So bot sich mir ein Blick von außen, was vielleicht auch ganz zuträglich ist.

Nun mag man sagen, für Game of Thrones braucht es das Vorwissen – wenn schon nicht der Romane, dann doch der Vorgängerstaffeln. Andererseits lässt sich die Qualität der Serie womöglich wenn schon nicht besser, dann doch zumindest interessanter mit einer Perspektive von außen einschätzen. Zudem sich ja vielerlei Pop-Kultur im Web 2.0-Zeitalter ohnehin nicht umschiffen lässt, somit auch Außenstehende wissen, was mit dem Familienclan der Starks (Red Wedding!) geschah oder “Winter is coming” eigentlich heißt. Und grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Serie zumindest produktionstechnisch – zum Glück – zugelegt zu haben scheint seit dem ersten Jahr. Aber kann auch der Inhalt einen Serien-„Wildling“ überzeugen?

Eines der großen Probleme der Serie scheint mir die Vielzahl der Charaktere und Handlungsstränge zu sein. Nicht so sehr, weil sie mir nicht alle vertraut sind, sondern weil manche von ihnen bisweilen eher sporadisch auftauchen und wenig zu tun haben. Beispielsweise jene Sequenzen rund um Arya (Maisie Williams) in Braavos, wo die zweitjüngste Stark-Tochter bestrebt ist, im House of Black and White mit Hilfe von Jaqen H’ghar (Tom Wlaschiha) eine(r) der Faceless Men zu werden. Ein beispielhafter Handlungsstrang zugleich, um zu verdeutlichen, dass sich die Handlung aller Plotlines in der Serie sehr gestreckt anfühlt. Weitaus ausgedehnter, um das, was sie dem Zuschauer mitteilen wollen auch mitzuteilen. Weniger ist manchmal mehr.

Ähnlich verhält es sich auch mit jener Episode, die Jaime Lannister (Nikolaj Coster-Waldau) nach Dorne führt, wo er seine Tochternichte zurück nach King’s Landing bringen will, die im Süden der Liebe wegen weilt. Es wirkt wie Beschäftigungstherapie für die Figur in einem Nebenstrang, der viel Lärm um nichts macht. Auch hier wird, wie andernorts in Westeros, intrigiert – in diesem Fall von Ellaria Sand (Indira Varma), die ihre Töchter Rache an der Lannister-/Baratheon-Tochter für einen Todesfall üben lassen will. Viele grimmige Gesichter, zumindest ein netter Szeneriewechsel und schließlich weiteres Drama wirken inzwischen mehr als Selbstzweck einer Serie, die sich – so hört man – das Entledigen ihrer Figuren zum Merkmal gemacht hat.

Ähnlich stagnierend erscheinen die Geschehnisse in King’s Landing, wo Cersei Lannister (Lena Headey) als Strippenzieherin selbst in jene Grube fällt, die sie für andere gegraben hat. Ihre perverse Vergangenheit holt die Königsmutter ein, als sie in die Schusslinie des High Sparrows (Jonathan Pryce) und seiner religiös-fanatischen Spatzen gerät. Womöglich erklärt Martin in seinen Romanen wieso jene – zahlenmäßig eher geringen – Fanatiker relativ tun und lassen können was sie wollen. Und infolgedessen de facto die Hauptstadt regieren. Mir scheint, das Haus Baratheon/Lannister war schon mal mächtiger, wenn hier beliebig königliches Geschlecht in Kerker geworfen und sonstige Prominenz nebenbei nonchalant ermordet wird.

Interessanter, wenn auch nicht minder in die Länge gezogen, sind da schon die Ereignisse im Norden. Der schmierige Petyr Baelish (Aidan Gillen) liefert Sansa Stark (Sophie Turner) in ihrer alten Heimat ab, überlässt sie dort den Mördern ihrer Familie und soll durch Vermählung mit diesen, namentlich Ramsay Bolton (Iwan Rheon), ihr Überleben sichern. Und die Mörder durch die Beziehung mit einem Nachkommen ihrer Vorgänger ihre Position stärken. Was folgt, sind Szenen einer Ehe, kulminierend in einem – relativ harmlos inszenierten, aber dennoch im Internet mit “shock value” wahrgenommenen – Ereignis zum Abschluss von Unbent, Unbowed, Unbroken. Glücklich, so scheint es, kann in Game of Thrones keiner der Protagonisten werden.

Schon gar nicht im Norden, wo sich das Elend die Hände reicht und Blut reicher fließt als Wasser. Als neuer Nachtwachen-Kommandeur ist Jon Snow (Kit Harington) bestrebt, die Wildlinge jenseits des Walls auf seine Seite zu bringen. “Winter is coming” und damit die Zombies. Derweil plant Stannis Baratheon (Stephen Dillane) den Sturm auf Winterfell als Zwischenstation zur Hauptstadt und den Iron Throne. Der ist auch Wunschobjekt im östlichen Essos, wo Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) Halt in Meereen macht, sich dort jedoch mit ihren eigenen Fanatikern, den Sons of the Harpy, rumschlagen muss. Da passt es, dass ihr verjagter (Ex-)Vertrauensmann Jorah Mormont (Iain Glen) mit Tyrion Lannister (Peter Dinklage) auftaucht.

Die Geschehnisse im Norden wie im Osten sind die spannenderen Dramen, die Game of Thrones erzählt. Dabei will ich zugestehen, dass manch narrative Länge auch dadurch bedingt ist, dass immer wieder die Handlung unterbrochen und nach King’s Landing, Braavos, Dorne oder sonst wo geschnitten wird. Dennoch lässt mich der Eindruck nicht los, dass viel von dem, was sich Staffel 5 zur Brust nimmt, auch zügiger hätte erzählt werden können. Sei es Cersei Lannister und der High Sparrow, Jon Snow und die Wildlinge oder Daenerys und die Zustände in Meereen. Auch, weil in jeder Handlung relativ wenig geschieht, was jedoch nicht immer etwas Schlechtes sein muss. Vielmehr liegt hierin auch eine, wenn nicht die Stärke der Show.

Faszinierend gerät die Serie oft, wenn zwei (entscheidende) Figuren das Gespräch miteinander suchen. Und sich dabei aneinander und dem Charakter oder den Idealen ihres Gegenübers aufreiben. Perfektioniert natürlich von Peter Dinklages Publikumsliebling, aber auch Aidan Gillen lässt genüsslich den ihm zugeschriebenen Text von der Zunge rollen. Game of Thrones lebt zuvorderst von den Figuren und ihrem Verhältnis zueinander. Entsprechend überzeugen die Dialoge, wie zwischen Jon Snow und Mance Rayder (Ciarán Hinds) im Staffelauftakt The Wars to Come oder Tyrion Lannister und Daenerys in Hardhome. Beide zählen mit Kill the Boy zu den herausragenden Folgen einer sonst zwar unterhaltsamen, aber wenig mitreißenden Staffel.

Zweifelsohne mag die Serie dabei für all jene, die ihr seit vier Jahren treu geblieben sind oder die Bücher kennen eine andere, intimere Rolle einnehmen. Solche Zuschauer nimmt das Schicksal von Arya vermutlich mit, genauso wie die etwaigen Tode, die insbesondere das Staffelfinale Mother’s Mercy abrunden. Für sie mag sich auch manche Situation mehr erklären, was hinter den Handlungen von Petyr Baelish steckt, wieso Daenerys Meereen so wichtig ist oder was für eine Rolle – falls überhaupt – Dorne für das größere Ganze in Westeros spielt. Wie wichtig ist der Iron Throne, wenn kleinere religiöse Gruppen wie die Faceless Men, Sparrows oder Sons of the Harpy in ihren Städten ohnehin das Geschehen regeln? Oder zu regeln scheinen.

Womöglich (vermutlich?) finden sich die Antworten in den Vorgänger-Staffeln oder der Buchreihe, ist man als Außensteher insofern doch etwas verlassen. Genauso was die emotionale Wucht angeht, die all jene Missetaten gegen lieb gewonnene Figuren oder gar deren Tod auszulösen scheint. Die einen verfluchen das in den sozialen Medien und drohen mit dem Serien-Bruch, für die anderen liegt hier ein kongeniales Spiel mit den Erwartungen. Mit Blick von außen wirkt nicht jeder Mord zwingend sinnig, eher als Schockmoment, wie man es in der Hochphase von Serien wie Lost kannte. Angesichts so mancher Figur, die im Finale – scheinbar (?) – Lebewohl gesagt hat, ist fraglich, wie ihr Handlungsstrang nun im nächsten Jahr weitergehen soll.

Ohnehin steht die Serie als solche nun vor einem Fragezeichen, wo sie jetzt auf Augenhöhe mit den Büchern ist. George R. R. Martin hofft, The Winds of Winter vor der sechsten Staffel zu publizieren, was HBO bis zum siebten und finalen Band, der womöglich erst in einigen Jahren erscheint, erzählen will, ist für mich fraglich. Grundsätzlich lässt sich nach Sichtung dieser Staffel schon eher nachvollziehen, wieso um die Serie ein derartiger Hype existiert. Selbst wenn ich diesen nicht teilen kann, obschon Game of Thrones viele Elemente besitzt, die durchaus anregend sind. Allen voran spannende (Neben-)Figuren wie Alexander Siddigs Prinz Doran Martell oder Liam Cunninghams Sir Davos. Letzterer begeistert sogar einen Außenstehenden.

7/10

19. Juni 2015

Fehér isten [Underdog]

Wir sind hier die Bestien.

Wenn man sagt, ein Land geht vor die Hunde, dann meint man dies vermutlich nicht wirklich im Sinne von Kornél Mundruczós Festival-Überraschung Fehér isten, international bekannt als White God und in Deutschland nun unter dem ungelenken Titel Underdog vertrieben. Erzählt wird darin von Hagen, einem Budapester Labradormischling, der vom Vater seiner Besitzerin Lili (Zsófia Psotta) auf der Straße ausgesetzt wird, weil dieser keine Hundehaltungsgebühr bezahlen will. Während Lili fortan gegen den Vater rebelliert und nach Hagen sucht, gerät dieser alsbald von einem „Besitzer“ zum anderen, ehe er im Tierheim landet und dort schließlich eine Rebellion der Hunde lostritt, die wie eine Welle über Budapest schwappt.

Ein Bild, mit dem Mundruczó seinen Film einleitet, wenn die uns hier noch unbekannte Lili auf ihrem Fahrrad durch verlassene Straßen fährt, während sich hinter ihr eine Horde Hunde Bahn bricht. Es hat etwas von einem Zombiefilm, dieses Intro, auch wenn Fehér isten anschließend keineswegs ins Tierhorror-Genre abdriftet. Vielmehr wird in doppelter Hinsicht eine Wiedervereinigungsgeschichte erzählt, müssen doch im Verlauf sowohl Hagen als auch Lilis Vater (Sándor Zsótér) zu dem jungen Mädchen auf ihre jeweils eigene Art und Weise zurückkehren. Eine Aufgabe, die für Vater Dániel fast noch schwieriger erscheint, wirkt seine Beziehung zu seiner Tochter doch weniger von liebevoller als von herrischer Natur geprägt.

Ohnehin bevölkern den Film meist alte, schreiende Männer, denen Autorität aus jeder Pore abgeht. Lilis Musiklehrer ist wenig besser, genauso wie die Männer, denen Hagen nach seiner Aussetzung begegnet. Die wiederum geschieht etwas überzogen schnell bereits einen Tag nachdem Dániel seine Tochter und deren Hund von seiner Ex-Frau anvertraut bekommt. Die Aggressivität der Figuren wirkt reichlich überzogen, um die Menschen zum klaren Antagonisten dieses Films zu machen. Da wundert es nicht, dass Lili ihrer „Promenadenmischung“ liebevoll begegnet und beim Anblick eines Hundehalters, der seinen Schäferhund erzieht, Hagen versichert: „Keine Angst. Das mache ich nicht mir dir.“ Seine späteren Besitzer dafür schon.

Von einem Obdachlosen kommt Hagen zu einem Hundehändler, von diesem aus landet er bei einem Kampfhund-Tierhalter. Der wiederum drillt den gutmütigen Mischling mit Steroiden und spitz geschliffenen Zähnen zum Killer. Es sind bedrückende Szenen für all jene, für die Tiere nicht bloß „Viecher“ sind. Umso faszinierender gerät Hagens Odyssee durch die Straßen von Budapest, ehe er schließlich sein Schicksal in die eigene Pfote nimmt. 200.000 Straßenhunde leben in Ungarn, heißt es zu Beginn. 274 von ihnen sind in Fehér isten zu sehen und hierbei brillant von Tiertrainer Árpád Halász für den Film abgerichtet. Die Blicke, die Reaktionen und Interaktionen der Hunde sitzen in praktisch jeder Einstellung. Vor allem Hagen beeindruckt.

Der Film tut sich jedoch keinen Gefallen, indem wir gut ein Drittel der Laufzeit nicht mit den Hunden, sondern mit Lili verbringen müssen. Die gibt sich mal renitent, dann wieder handzahm. Sucht erst nach Hagen und lässt es dann wieder sein. Es ist ein halbgares Familiendrama, das von Mundruczó entsprechend unoriginell zu einem Happy End zusammengeführt wird. Als Hinleitung zu Hagens Aussetzen wäre die übersteigerte Darstellung von Dániel noch akzeptabel gewesen, wenn Fehér isten daraufhin seinen Fokus auf die Hunde legen würde. Und wie diese wie die Primaten in Rise of the Planet of the Apes über die Stadt herziehen, um in einer Hommage zu Birds die Bevölkerung zu attackieren und Rache an Hagens Quälern zu nehmen.

Und mit der enormen Laufzeit von zwei Stunden, die dem Subplot um Lili geschuldet ist, hat sich Mundruczó keinen Gefallen getan. Vielmehr zerstört er sich über weite Strecken aufgrund seines menschlichen Elements im Film eine grundsätzlich interessante und herausragend inszenierte Prämisse. Infolgedessen geht in Fehér isten weniger das Land als der Film selbst vor die Hunde, so überzeugend, wenn auch vorhersehbar, das Finale der Geschichte letztlich ausfällt. Hier wäre durchaus mehr drin gewesen, weshalb Underdog einer der wenigen Filme ist, wo ich bei einer richtigen Herangehensweise durchaus ein US-Remake befürworten könnte. Alles was es dazu braucht, ist Trainer Árpád Halász und rund 300 Straßenhunde.

4/10

13. Juni 2015

Jurassic World

Spare no expenses.

In seinem sehenswerten Debütfilm Safety Not Guaranteed lässt Regisseur Colin Trevorrow eine Annonce seine Handlung in Gang bringen. “Wanted: Someone to go back in time with me. This is not a joke”, beginnt sie. Und endet mit dem Hinweis: “SAFETY NOT GUARANTEED.” So ähnlich könnten auch Stellenausschreibungen für Colin Trevorrows Folgefilm Jurassic World aussehen, der dritten Fortsetzung von Steven Spielbergs Jurassic Park. Da passt es, dass in einer Szene des Films der Ex-Navy-SEAL und Velociraptor-Trainer Owen (Chris Pratt) einen seiner Mitarbeiter darauf hinweist, wieso es wohl eine offene Position zu besetzen gab. Denn ähnlich wie schon vor 22 Jahren gilt für den Dinosaurier-Park erneut: Sicherheit wird nicht garantiert.

Die jüngste Fortsetzung negiert dabei die Ereignisse aus The Lost World und Jurassic Park III, präsentiert dem Zuschauer vielmehr einen inzwischen und scheinbar seit Jahren voll funktionsfähigen Themenpark als Luxusressort. Jurassic World ist nun im Besitz von Simon Masrani (Irrfan Khan), einem liebenswürdig schrulligen Milliardär, dessen erste Frage an seine Park-Managerin Claire (Bryce Dallas Howard) lautet, ob die Besucher und die Tiere glücklich seien. Und beides, so hat es den Anschein, ist wohl der Fall. Völlig begeistert ist auch Claires Neffe Gray (Ty Simpkins), der mit seinem älteren Bruder Zach (Nick Robinson) von ihren Eltern, die sich daheim um ihre Scheidung kümmern wollen, zu Claire nach Isla Nublar abgeschoben wird.

Obschon Jurassic World Gewinne abwirft, arbeiten Claire und Co. an einer neuen Attraktion, um das Besucherinteresse anzufeuern. Dinosaurier, so die Botschaft, sind zu gewöhnlichen Zoo-Tieren verkommen und begeistern von alleine kaum noch. Was durch eine in den Film-Kritiken vielzitierte Szene, in der Zach bei der T-Rex-Fütterung dieser desinteressiert den Rücken zuwendet und telefoniert, untermauert werden soll. Nur zeigt sich bei den übrigen Park-Besuchern keinerlei Abnutzungserscheinung. Gerade Grays Generation wirkt hellauf begeistert, von Infografiken über Dino-Streichelzoos und Baby-Triceratops-Reiten. Selbst Zach verfällt dabei im Laufe seines Besuchs der von John Hammond erhofften Magie des prähistorischen Parks.

Trotz alledem soll eine neue Dino-Attraktion her, ein noch nie da gewesener Saurier, genetisch aus verschiedenen Spezies von Dr. Henry Wu (BD Wong) erschaffen. Indominus Rex heißt das neue Untier, dessen Gehege auf Wunsch von Masrani durch Owen inspiziert werden soll. Der zeigt sich skeptisch ob der Ideen von Claire und wie sich zeigt auch zurecht. Kurz darauf bricht die neue Attraktion aus ihrem Käfig aus und terrorisiert den Park. Die Zuschauer werden ins Inselzentrum zurückgezogen und eine Sondereinheit ausgesandt, den Indominus Rex einzufangen. Weil aber Zach und Gray auf Abwegen selbst im Park unterwegs sind, machen sich Claire und Owen auf, die beiden Jungen zu erreichen ehe der neue Dinosaurier ihnen dabei zuvorkommt.

Soweit, so Jurassic Park. Das Original dient Trevorrow ziemlich offensichtlich als Vorlage für seinen eigenen Entwurf, obschon sich Jurassic World leider auch zur Genüge bei Jurassic Park III bedient. Was dort der Spinosaurus ist hier der Indominus Rex – eine wilde und nicht zu bändigende Bestie, die für herunterhängende Kiefer sorgen soll. Gruseliger und mehr Zähne soll die neue Attraktion haben, so die Vorgabe. Wieso, wird jedoch nicht erklärt. Wer schon mal in einem Zoo war, wird sehen, dass Elefanten, Affen und Seehunde nicht weniger Interesse erwecken als Eisbären und Löwen. Wenn Owens Kollege Barry (Omar Sy) dann später sagt, “these people, they never learn”, ist das zugleich auch die Maßgabe für Trevorrows gesamten Film.

Der Regisseur inszeniert seinen Film in gewisser Weise als Kommentar auf sich selbst, als überkandideltes Werk, das ähnlich wie der Indominus Rex größer und spektakulärer sein muss als das, was vor ihm kam, um mit den Age of Ultrons und Fury Roads mithalten zu können. Das Scheitern von Trevorrows Film liegt darin begründet, dass er selbst zu glauben scheint, dass ein Film wie Jurassic Park heute nicht mehr genauso funktionieren könne wie 1993. Statt eher sporadischem Dino-Einsatz und diesen zugleich stets in Verbindung zwischen Animatronics und VFX stammt hier nun meist alles bis auf die menschlichen Darsteller aus dem Rechner. Was im Falle des Parks als solchen sicher noch funktioniert, bei den Dinos eher weniger.

Großes Aufhebens wurde da um die Raptoren gemacht, die nun wie Löwen von Owen in Zaum gehalten werden können, da er als ihr Alpha-Tier fungiert und wie Jacob in der Twilight-Serie von Geburt an auf sie geprägt hat. Jeder Raptor, so Trevorrow und Co., hätte seine eigene Persönlichkeit und sehe unterschiedlich aus. Wovon der Zuschauer im Film selbst wenig mitbekommt, abgesehen von Beta-Tier Blue. Im Grunde haben die Raptoren – die ohnehin eine kaum erwähnenswerte Rolle spielen – noch weniger Persönlichkeit als der Indominus Rex, der als Reagenzglasprodukt Amok läuft, um seine Grenzen auszutesten. Zumindest dienen die Raptoren als Aufhänger eines Subplots rund um den InGen-Sicherheitschef Hoskins (Vincent D’Onofrio).

Der will die Tiere militarisieren und im Kampf gegen ISIS, Taliban und Co. einsetzen – was wie ein Überbleibsel von John Sayles’ seinerzeitigem Drehbuchentwurf wirkt, als Dinosaurier-Mensch-Hybriden als Soldaten dienen sollten. Sinn und Unsinn des Geschehens in Jurassic World sollte man jedoch besser nicht hinterfragen, von Letzterem gibt es gerade im letzten Drittel des Films schließlich reichlich zu sehen. Dabei gelingt es Trevorrow durchaus, zumindest zu Beginn das Flair des Originals zu evozieren. Der Park als solcher ist ein beeindruckendes Produkt und durchaus jenes, welches John Hammond damals im Kopf gehabt haben mag. Nur die Prämisse des Films will aufgrund ihrer Umsetzung eben nicht so recht überzeugen.

Eine Übersättigung seitens des Publikums ist nicht festzustellen, sogar Zach, der einzige negative Teilnehmer den wir erleben, ist vom Mosasaurus begeistert (“that was awesome”). Das Tier dürfte selbst einer der Vorgänger des Indominus Rex sein, was Claires Behauptung, man brauche alle paar Jahre eine neue Attraktion, ebenfalls Wind aus den Segeln nimmt. Dem Film gelingt es nicht, seinem Indominus Rex eine wirkliche Existenzberechtigung zu schenken, weshalb das Tier in letzter Konsequenz nicht für das Publikum von Jurassic World erschaffen wurde, sondern für das Publikum von Jurassic World. Dabei kriegt der Indominus Rex keine einzige Szene, die ansatzweise mit den T-Rex- und Raptor-Momenten aus dem Original mithalten kann.

Ähnlich verhält es sich mit dem ästhetischen Look des Films, der wohl auch aufgrund seiner übermäßigen Rückgriffe auf die Dinosaurier enorm artifiziell und übersaturiert wirkt. Die digitalen Effekte selbst überzeugen auch nur bedingt und selbst wo Animatronics zum Einsatz kommen, wirken die Szenen mehr dated als selbige des 1993er Originals. Was die Figuren angeht, kriegen diese mehr Luft zum Atmen wie im Vorfeld vielleicht zu erwarten war. Irrfan Khans Besitzer meint es gut, weiß es nur eben nicht besser. Was ihn wiederum mit Claire eint, die eine kalte Karriereperson mimt, die zwischenmenschliche Beziehungen wieder zu schätzen lernen muss. Owen selbst ist ein altkluger Recke mit dem Charme eines 80er-Jahre-Kino-Heroen.

Die Darsteller füllen ihre Figuren entsprechend ihrer Charakterisierung aus, auch der unterforderte Vincent D’Onofrio macht aus seinem Bilderbuch-Arschloch das Beste, während Jake Johnson in einer Nebenrolle als Mix aus Ray Arnold und Dennis Nedry fast schon der heimliche Star des Films ist. Die Zitate zum Original wirken zwar bemüht, sind aber gern gesehen, weil – sicher auch wegen ihres Nostalgie-Faktors – weitaus lebendiger als der Rest. Grundsätzlich hadert Jurassic World mit jenen Vorgaben, die Spielberg der Fortsetzung auferlegte: ein Amok laufender Dinosaurier, Kinderfiguren und gezähmte Raptoren. Vielleicht hätte Colin Trevorrow mit mehr eigenständiger Kreativität einen etwas weniger blutarmen Film wie diesen hinbekommen.

So bleibt am Ende ein reichlich generischer Blockbuster, der selbst innerhalb seines Franchises keine sonderlichen Akzente zu setzen vermag. Erneut geht es nach Costa Rica, auf eine Insel voller Dinosaurier. “Oooh, ahhh, that’s how it always starts”, wusste schon Ian Malcolm in The Lost World. “Then later there’s running and, um, screaming.” Das Problem von Jurassic World ist jenes, das der Film schlicht dasselbe Konzept hochwürgt wie das Original vor zwei Jahrzehnten. Nur dass es mehr Dinosaurier gibt und mehr Leute, die vor ihnen davonrennen. Wirklich etwas Neues zu erschaffen gelingt Colin Trevorrow mit Jurassic World nicht. Weshalb verständlich ist, dass er bereits einem fünften Teil absagte, um stattdessen etwas Originäres zu machen.

5.5/10

6. Juni 2015

Bande de filles [Girlhood]

«Shine bright like a diamond.»

Das Erwachsenwerden ist nicht immer leicht. Unabhängig davon, ob man nun eher zu den Jocks oder Nerds zählt. Insofern ist das Coming of Age im Film ein eigenes Genre. Erst im vergangenen Jahr begeisterte Richard Linklaters Boyhood die Kritiker wie das Publikum, gelang dem Regisseur doch weniger ein herkömmlicher Film als vielmehr die Verdichtung der Jugend. Anlehnend daran mag sich wohl der nordamerikanische Verleiher für Céline Sciammas Bande de filles (übersetzt: Mädchenclique) den Titel Girlhood überlegt haben. Und liegt dabei gar nicht so weit daneben, auch wenn die Welt der von Sciamma geschilderten Mädchen sicher sehr speziell ist. Die spielt sich nämlich primär in einer Banlieu eines Pariser Vorortes ab.

Und die wird primär von Menschen mit afrikanischen Migrationshintergrund bevölkert, darunter auch von der Familie der 16-jährigen Marieme (Karidja Touré). Ihr wird zu Beginn des Films gesagt, dass ihre Noten nicht fürs Gymnasium reichen, der Besuch einer Berufsschule wird ihr nahegelegt. Stattdessen freundet sie sich mit der Mädchengang von Lady (Assa Sylla) an, mit der sie schon bald tagsüber durch die Banlieu oder die Pariser Innenstadt zieht. “I want to be like others. Normal”, kommentierte sie zuvor ihren Wunsch, auf eine höhere Schule zu gehen. “It’s a bit too late for that”, ist die lapidare Antwort ihrer Lehrerin. Ein Entschluss, der anschließend den weiteren Lebensweg des aufgeweckten Mädchens bestimmen wird.

Marieme erscheint als eine Gefangene ihrer Umstände. Die Mutter arbeitet scheinbar zwei Jobs, die Erziehung der jüngsten Schwester Mini teilen sich Marieme und ihre Schwester. Ein Vater ist nicht vorhanden, die Rolle wird von Mariemes aggressivem älteren Bruder Djibril (Cyril Mendy) ausgefüllt. “You have to do what you want”, bleut Lady dem Cliquenneuling ein. Und Marieme will in der Tat nicht wie ihre Mutter enden, als Putzfrau nachts hinter den Leuten aufzuwischen. Selbst wenn sie mit dem halbkriminellen Leben von Lady und ihrer Gang, die Schülerinnen auf ihrem Weg zur Klasse erpressen, spätestens dann zu hadern beginnt, als ihre jüngere Schwester Bébé (Simina Soumaré) ebenfalls Teil einer eigenen Mädchengang wird.

Dabei sind Lady und Co. keineswegs bösartig, vielmehr zeigt Sciamma mehrfach, dass ihr Gehabe schlicht eine Fassade ist. Eine, die sie teils sogar innerhalb der Clique aufrecht erhalten. Bemerkenswert ist eine Szene, in der sich die Mädchen Kleider kaufen und in ein Hotelzimmer einchecken, um dort einfach zusammen zu sein – und Playback zu Rihannas “Diamond” zu singen. Dramatisch wird es nur, wenn es um den Zwist mit einer anderen Clique geht. Hier zeigt sich, dass der Respekt, der den Jugendlichen aufgrund ihres ethnischen Hintergrunds – Marieme wird in einer Boutique wegen ihrer Hautfarbe automatisch des Diebstahls bezichtigt – außerhalb der Banlieu verwehrt bleibt, von ihnen eben innerhalb ihres Viertels gesucht wird.

Als Marieme später die Anführerin einer rivalisierenden Gang in einem Kampf erniedrigt, nachdem diese zuvor dasselbe mit Lady getan hat, wird der 16-Jährigen nicht nur der Respekt im Viertel zuteil, sondern auch der von Djibril. Und gibt womöglich mit den Ausschlag dafür, dass sich Marieme mit Ismaël (Idrissa Diabaté) einlässt, einem Freund ihres Bruders, für den sie schon länger schwärmte. Sie habe für Lady gekämpft, meint Marieme nach dem Kampf etwas kleinlaut zu ihrer Anführerin. “You did it for yourself”, entblößt diese korrekt. Marieme emanzipiert sich in der Folge derart schnell, dass sie über die unausgesprochenen Gesetze und Regeln ihrer Banlieu hinaus agiert. Was wiederum entsprechende destruktive Konsequenzen mit sich bringt.

Hier, in seinem dritten Akt, beginnt sich – der von allen Beteiligten nebenbei vorzüglich gespielte – Bande de filles etwas in die Länge zu ziehen und zu verlieren. Wäre dies eine Fernsehserie, würde sich hier der Auftakt zu einer zweiten Staffel finden, so erscheint die Handlung jedoch wie ein unnötiges Anhängsel eines Schicksals, das Sciamma auch gut hätte bloß anreißen können und in einem offenen Ende ausklingen lassen. Insofern ist Bande de filles, so überzeugend er letztlich doch ausfällt, ein kleiner Rückschritt zum etwas lockerer erzählten Gender-Drama Tomboy von vor drei Jahren. Aber auch, wenn die Mädchenwelt in Céline Sciammas jüngstem Film sehr speziell ist, dürften sich dennoch viele Zuschauer streckenweise in ihr wiederfinden.

6/10

1. Juni 2015

Filmtagebuch: Mai 2015

8MM
(USA 1999, Joel Schumacher)
6/10

AT FIRST SIGHT [AUF DEN ERSTEN BLICK]
(USA 1999, Irwin Winkler)

5.5/10

THE BIG DOLL HOUSE
(USA/RP 1971, Jack Hill)
6/10

BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA
(USA 1986, John Carpenter)
6/10

BLOODLINE – SEASON 1
(USA 2015, Johan Renck/Ed Bianchi u.a.)
7/10

BROOKLYN NINE-NINE – SEASON 2
(USA 2014/15, Dean Holland u.a.)
7.5/10

THE CABIN IN THE WOODS
(USA 2012, Drew Goddard)
3.5/10

CAGED HEAT
(USA 1974, Jonathan Demme)
5/10

DARK BLUE
(USA/UK/D 2002, Ron Shelton)
5.5/10

DEAR WHITE PEOPLE
(USA 2014, Justin Simien/Adriana Serrano)
3.5/10

THE DUKE OF BURGUNDY
(USA 2014, Peter Strickland)
4/10

THE EMPEROR’S NEW GROOVE [EIN KÖNIGREICH FÜR EIN LAMA]
(USA 2000, Mark Dindal)

6.5/10

ESCAPE FROM L.A. [FLUCHT AUS L.A.]
(USA 1996, John Carpenter)

4.5/10

ESCAPE FROM NEW YORK [DIE KLAPPERSCHLANGE]
(USA/UK 1981, John Carpenter)

7.5/10

EX MACHINA
(UK 2015, Alex Garland)
5.5/10

THE GUEST
(USA/UK 2014, Adam Wingard)
9/10

A HISTORY OF VIOLENCE
(USA/D/CDN 2005, David Cronenberg)
7/10

THE INVISIBLE WAR
(USA 2012, Kirby Dick)
7.5/10

IT FOLLOWS
(USA 2014, David Robert Mitchell)
5.5/10

JOHN WICK
(USA 2014, Chad Stahelski/David Leitch)
7/10

JUSTICE LEAUGUE: DOOM
(USA 2012, Lauren Montgomery)
4.5/10

MAGGIE
(USA/CH 2015, Henry Hobson)
7.5/10

THE NEWSROOM – SEASON 3
(USA 2014, Anthony Hemingway/Alan Poul u.a.)
7/10

PANIC ROOM
(USA 2002, David Fincher)
4/10

THE RING
(USA/J 2002, Gore Verbinski)
5.5/10

THE RING 2
(USA 2005, Hideo Nakata)
4/10

SPRING
(USA 2014, Justin Benson/Aaron Moorhead)
5.5/10

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES
(USA/HK 1990, Steve Barron)
7.5/10

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES
(USA 2014, Jonathan Liebesman)
4/10

THE THING [DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT]
(USA 1982, John Carpenter)

8/10

THE THIN RED LINE [DER SCHMALE GRAT]
(USA 1998, Terrence Malick)

8.5/10

TURTLE POWER: THE DEFINITIVE HISTORY
OF THE TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES

(USA 2014, Randall Lobb)
5.5/10

WATERWORLD
(USA 1995, Kevin Reynolds)
7/10

X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST [X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT]
(USA/UK 2014, Bryan Singer)

6.5/10

Retrospektive: Mad Max


MAD MAX
(AUS 1979, George Miller)
7/10

MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR
[MAD MAX 2 – DER VOLLSTRECKER]
(AUS 1981, George Miller)
6/10

MAD MAX BEYOND THUNDERDOME
[MAD MAX – JENSEITS DER DONNERKUPPEL]
(AUS 1985, George Miller/George Ogilvie)
7.5/10

MAD MAX: FURY ROAD
(AUS/USA 2015, George Miller)
3/10

24. Mai 2015

Bitch Planet #1-3

Non-Compliance is not recommended.

Wenn man die zivilisierte Menschheit mit dem Aufkommen von staatlichen Gebilden gleichsetzt, ist die Menschheit gut 6.000 Jahre alt. Und dennoch wird selbst heute noch, im Jahr 2015, über Frauenquoten debattiert. Frauen sind auch in der Gegenwart dem Mann noch nicht gleichgestellt, selbst wenn seit Jahren in Deutschland eine Frau das Land führt. In anderen Ländern ist es um die Gleichstellung der Frau noch weitaus schlechter bestellt. Nun ist das Medium des Comics nicht gerade eines, in dem Feminismus weit oben auf der Themenliste steht. Weshalb eine neue Serie wie Bitch Planet von Kelly Sue DeConnick und Valentine De Landro umso mehr Aufmerksamkeit erregt. Und für Kritiker zu den bisherigen Comic-Highlights von 2015 zählt.

Inspiriert von Women-in-Prison-Exploitation-Filmen wie sie Roger Corman in den 1970ern produzierte – man denke an The Big Doll House oder Caged Heat – dreht sich auch Bitch Planet um eine Haftanstalt für Frauen. Diese befindet sich auf dem so genannten Auxiliary Compliance Outpost, im Volksmund aber schlicht Bitch Planet genannt. Hierhin werden jene Frauen verbannt, die sich nicht fügsam (engl. non-compliant) geben. Beispielsweise die 42-jährige Marion Collins, deren Ehemann eine Affäre hatte. “I drove him to it”, räumt die Gattin ein. “He felt unloved.” Sie fügte sich dem Ehebetrug nicht, machte Drohungen – und wurde Richtung Bitch Planet geschickt. Ein Schicksal, das sie sich in der ersten Ausgabe mit fünf anderen Frauen teilt.

Das Bild, das DeConnick und De Landro von ihrer futuristischen Welt zeichnen, ist nach den ersten drei Ausgaben von Bitch Planet noch etwas vage für den Leser. Die Gesellschaft wird von einem Konzil so genannter “Fathers” geleitet, Frauen wiederum scheinen sich einem bestimmten Erscheinungsbild unterwerfen zu müssen, das eine übersteigerte Form unseres heutigen Schlankheitswahns darstellt. “Eat less, poop more” heißt es da eingangs als Werbereklame, auch später wird von einer Parasitic Worm Diet geschwärmt und drei Mädchen teilen sich gemeinsam einen Zucker-, Salz- und Glutenfreien Muffin, sodass jede von ihnen nur 15 Kalorien zu sich nimmt. Es ist eine Gesellschaft, aus deren Reihe man nicht tanzen sollte.

Eine der Neuankömmlinge, die fettleibige Penny Rolle, tut dies dennoch. “What have you done to yourself?”, wird sie bei ihrer Verhandlung von einem der Fathers gefragt. Mit der Versicherung: “All we want to do is help.” Dabei helfen, sie fügsamer zu machen, sie mehr in das diktierte Frauenbild zu pressen. “Obey” lautet daher eine weitere Reklame in den Straßen, die Erinnerungen an John Carpenters They Live! wachruft. Getreu Gloria Gaynor scheint sich Penny zu denken: “I am what I am.” Ihr ist die dritte Ausgabe gewidmet, die in Rückblenden der Figur einen biografischen Hintergrund schenkt, der ansonsten allenfalls angerissen wird. Ein Schema, das die Macher in jeder dritten Ausgabe für eine der Figuren umsetzen wollen.

Als Hauptfigur zeichnet sich dabei die athletische Kamau Kogo ab. Sie wird von der Bitch Planet-Leitung dazu auserkoren, ein Häftlingsteam für den Wettbewerb Duemila, auch als Megaton bekannt, zusammenzustellen. Eine Veranstaltung “to celebrate our clans” wie Father Josephson in der zweiten Ausgabe erklärt. Die sportliche Betätigung sei “a healthy channel for what could otherwise be a destructive impulse to form factions”, wird Kamau gesagt. Zugleich dient der Wettbewerb dazu, das ausgestrahlte Programm The Feed – dessen Sichtung vorgeschrieben ist – zu zieren. Dieses wiederum kämpft weniger um TV-Quoten als um Zuschauerteilnahme. “Ratings are meaningless”, so Josephson, “engagement is the measure that matters.”

Was genau Duemila/Megaton ist, wer die Clans sind, wieso genau The Feed funktioniert und was es mit dem New Protectorate auf sich hat, welches die Fathers leiten, ist nach drei Ausgaben noch unklar. Ein Hauch von Running Man zeichnet sich ab, muss jedoch zu diesem Zeitpunkt noch abgewartet werden. Wie in anderen Women-in-Prison-Exploitationern werden die Gefangenen aber auch in Bitch Planet rigoros unterdrückt und planen infolgedessen ihre Flucht – oder zumindest eine Art von Revanche. Das eint sie mit Genrefilmen wie The Big Doll House oder Caged Heat, während das bisherige Bild der Comics eher noch an ein Mash-up aus Netflix’ Orange is the New Black mit Sci-Fi-Filmen wie Stuart Gordons Fortress erinnert.

Der feministische Charakter des Comics drückt sich zuvorderst dadurch aus, dass die weiblichen Figuren sich auf Bitch Planet ebenso wenig fügsam zeigen, wie sie es wohl auf der Erde taten. Bis dahin wirken kurze Essays von Autorinnen am Ende jeder Ausgabe thematisch weitaus näher am Feminismus wie die im Comic gezeigten Elemente. Wobei auch hier betont werden sollte, dass die bisherigen drei Ausgaben (genau genommen sind es inzwischen vier) als Exposition dienen. Die Welt von Bitch Planet scheint dabei allerdings ebenso von männlichem Chauvinismus bestimmt zu sein wie von Rassismus. So wird Penny wegen ihrer Frisurenwahl kritisiert und The Feed berichtet an einer Stelle von einer interkulturellen Ehe als Verbrechen.

Entsprechend besitzen drei der scheinbar fünf weiblichen Gefängnis-Figuren einen afroamerikanischen Hintergrund, immerhin ist die Wahrscheinlichkeit in den USA, dass afroamerikanische Frauen ins Gefängnis gehen, dreimal höher als bei weißen Frauen. Insofern sind die Figuren – zumindest das, was man von ihnen bislang erfährt – interessant genug, um mit dem ebenfalls spannenden Women-in-Prison-Element Bitch Planet eine vielversprechende Zukunft zu bieten. Ob das Comic seinem feministischen Anspruch gerecht werden kann, muss an dieser Stelle jedoch noch abgewartet werden. 30 Ausgaben haben Kelly Sue DeConnick und Valentine De Landro wohl geplant, folglich gibt es noch ausreichend Möglichkeiten, um sich weiter zu steigern.

7/10

18. Mai 2015

Mad Max: Fury Road

What are you doing? – Praying. – To who? – Anyone who’s listening.

Der Motor brummt, die Landschaft saust vorbei, während ein schwarzer V8 Interceptor über die Straßen rast. Dicht gefolgt von drei weiteren Fahrzeugen. Als ein Verkehrsunfall die Straße blockiert, kann der Interceptor gerade noch ausweichen, die Verfolger ebenso. Da piepst es plötzlich, ein rotes Licht weist darauf hin, dass der Benzintank beinahe leer ist. Und wer in der Welt von Mad Max: The Road Warrior auf der Strecke bleibt, wird nie wieder Gas geben. Dies wiederum ist ein Problem, mit welchem sich Ex-Cop und nunmehriger Söldner der Straße Max Rockatansky in Mad Max: Fury Road nicht rumschlagen muss. Im vierten Teil der Reihe existiert Benzin im Überfluss. Muss es auch, da alle paar Minuten etwas explodieren soll.

Drei Jahrzehnte sind seit Mad Max: Beyond Thunderdome ins Land gezogen, immer mal wieder gab es laue Gerüchte, Regisseur George Miller würde mit Mel Gibson einen vierten Teil der Reihe drehen. Als der dann genehmigt wurde, war Gibson schon zu alt, die Rolle wird nun Tom Hardy in Fury Road zuteil. Der ist wohl Sequel und Reboot zugleich. Tom Hardys Max wird zu Beginn von einer Straßenbande gefangen genommen, die dem Clan-Führer Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) angehört. Der mobilisiert seine Truppe, als er erfährt, dass Furiosa (Charlize Theron), eine seiner Anführerinnen, seinen Harem (u.a. Rosie Huntington-Whiteley, Zoë Kravitz) befreit hat und mit einem Tanklaster gen Horizont braust. Eine Verfolgungsjagd beginnt.

Als Gefangener einer von Immortan Joes Männern, namentlich Nux (Nicholas Hoult), wird auch Max in das Geschehen mitgerissen. Ihm gelingt schließlich die Flucht und gemeinsam mit Nux schließt er sich Furiosa und den Haremsdamen an, um mit dem Tanklaster in ein ominöses grünes Land zu fahren, von dem Furiosa aus ihren Kindheitserinnerungen berichtet. Derweil wächst die Entourage von Immortan Joe immer mehr an. So gesehen ist Mad Max: Fury Road abgesehen von seiner ersten halben Stunde ein einziges Road Movie, das selten die Handbremse anzieht, um seine Figuren oder das Publikum zur Ruhe kommen zu lassen. Und zum Auftanken schon gar nicht, denn die Fahrzeuge in Fury Road fahren praktisch wie von selbst.

Eine Kehrtwende also zur kraftstoffarmen Welt der beiden Vorgänger, wo mühevoll um Benzin gekämpft oder Methangas gewonnen wurde. In Fury Road ist Wasser dagegen eine Rarität, nicht, dass das für den Filmverlauf eine Rolle spielt. Andernfalls liefe der Film schließlich Gefahr, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, was wiederum zu Lasten von ein, zwei Actionszenen ginge. Und Action, das scheint auch George Miller zu wissen, ist inzwischen das einzige, was in der Kinolandschaft der Gegenwart noch zählt. Möglichst viel davon und – das ist, je nach Betrachtung, eine gute wie schlechte Nachricht – sie muss nicht einmal sonderlich originell sein. Infolgedessen wiederholt Miller hier rund 90 Minuten lang ein und dasselbe Set Piece.

Das eint den Film mehr mit Man of Steel als mit seinen Mad Max-Vorgängern, ist vermutlich auf diese Weise überlegter, was sich nicht zuletzt an den sich überschlagenden Kritiken abzeichnet. Da passt es ins Bild, das von dem charismatischen Antihelden Gibsonscher Prägung im Jahr 2015 wenig übrig geblieben ist. Dieser Max ist ein zum Mensch gewordener Eber, der sich die meiste Zeit durchs Geschehen grunzt als würde man Tim Allens Figur aus Home Improvement in die Apokalypse begleiten. Max sagt wenig und tut nur bedingt mehr, ist damit ohnehin nur eine Randfigur für einen Film, dem er mit seinem Namen einen Merchandise-Faktor verleihen soll. Die übrigen Charaktere in Fury Road sind nicht weniger eindimensional geraten.

Zwar ist Immortan Joe von Kostüm und Maske her der eindrucksvollste Widersacher seit Lord Humungus, in der Summe jedoch sehr viel blasser als dieser oder Toecutter (damals ebenfalls von Keays-Byrne gespielt) und Aunty Entity. Charlize Therons Furiosa kriegt noch am ehesten Luft zum Atmen, verkommt aber ebenfalls mit einer halbgaren Erlösungs-Storyline eher zur Asthmatikerin. Der Harem wiederum ist lediglich Eye Candy, besetzt mit Unterwäschemodels wie Huntington-Whiteley oder Promi-Sprößlingen wie der Tochter von Lenny Kravitz und dem Enkelkind von Elvis Presley. Und weil Fury Road ein Blockbuster ist, muss auch eine Liebelei her, weshalb Nux mit einer der Haremsmädels – es ist dabei egal mit welcher – anbandelt.

Die Mädchen selbst sind austauschbar und frei von jedweder Persönlichkeit. Unterscheidbar sind sie lediglich aufgrund ihrer Haut- und Haarfarbe, dem Filmverlauf dienen sie als reiner MacGuffin, dem der Antagonist nacheifert (und damit zugleich eines der vielen Logiklöcher aufreißt). Was in Fury Road passiert und wieso, sollte der Zuschauer besser nicht hinterfragen, es ist nur Staffage für all die Schießereien und Explosionen, mit denen Furiosas Tanklaster immer wieder erschüttert wird. Wie das letzte Mammut, das sich nicht der Auslöschung beugen will. Dabei gelingt Miller in 90 Minuten trotz all der darin integrierten Action um den Tanker kein Set Piece, das auch nur im Ansatz so unterhaltsam ist wie die Fluchtszene zum Ende von Thunderdome.

Verschiedene Männer von Immortan Joe sowie dieser selbst kommen dem Tanker mal näher, mal besteigen sie diesen sogar, es wird geschossen und mit Sprengsätzen geworfen, die Verfolger abgeschüttelt, bis sie wieder aufschließen. Dies alles in der Endlosschleife, weshalb ich nach 45 Minuten Mühe hatte, die Augen offen zu halten und mit dem Schlaf kämpfte. Es hilft auch nicht, dass Fury Road in seinem Mischmasch aus digitalem Film und CGI wohl einer der visuell hässlichsten Filme ist, die ich seit langem gesehen habe. Weg ist der staubig-dystopische Look der Vorgänger, die übersaturierte Farbpalette erinnert mehr an Zack Snyders 300 als an Mad Max. Lächerliche Fast-Forward-Szenen und krude Traumsequenzen tun ihr Übriges dazu.

Miller unterliegt dem Diktat des “the bigger the better”, was in The Road Warrior – dem meist geschätzten Teil der Trilogie – funktionierte, wird hier ins Extreme übersteigert. Die Bösewichte erhalten schrille Kostüme und absonderliche genetische Defekte, wahnwitziger Höhepunkt des Ganzen ist dann ein Party-Wagen in Immortan Joes Entourage, der aus riesigen Boxen besteht, die einen von Joes Männern umrahmen, der auf einer Elektro-Gitarre gegen das Knarzen der Motoren und die Explosionen anspielt. Und der – natürlich – auch Flammen aus seinem Instrument schießt. In dieser hanebüchenen Figur kulminiert der Wahnsinn von Fury Roads Hybris, ein Film, der wiederum selbst nur einen sinnlosen Augenreiz repräsentiert.

Das Scheitern von Mad Max: Fury Road liegt bereits in seinem Ansatz und seinem verkehrten Selbstverständnis. Die Welt, die Miller hier wie schon in den Vorgängern zeichnet, dient ihm bloß als Kulisse, ein Matte Painting für seine explosive Stunt-Show. Die Idee, dass statt Benzin nur Wasser eine Ware ist (man denke an Hydra aus Waterworld), besitzt durchaus Potential – dieses muss jedoch auch genutzt werden. Der Film ist jedoch nicht daran interessiert, selbst wo er mal so etwas wie einen Handlungsfaden aufgreift, lässt er diesen sogleich wieder fallen. Selbst wenn die Mad Max-Filme stets durch ihre Auto-Stunts beeindruckten, so machten diese immer nur einen Teil des Films selbst aus – und stellten nicht den gesamten Film dar.

Man mag es damit entschuldigen, dass Miller lediglich dem Mantra folgt: „Gib dem Affen Zucker.“ In Zeiten von The Avengers: Age of Ultron und Co. ist die Masse am ehesten befriedigt, wenn das Auge statt das Hirn gefüttert wird. Im Irrglauben, dass nur, weil viel auf der Leinwand passiert, sich auch wirklich eine Geschichte abspielt. In gewisser Weise repräsentiert Fury Road also auch die heutige Kinolandschaft: eine karge Welt, in der der Wahnsinn Blüte trägt. Da passt es ins Bild, dass Fashion Models wie Abbey Lee und Courtney Eaton über die Leinwand tänzeln, Seite an Seite mit talentfreien Stiernacken wie Tom Hardy, der mit Mad Max: Fury Road sein desaströses Portfolio nach Inception, The Dark Knight Rises und Locke weiter ergänzt.

Bedauernswert ist das, da dem Film trotz aller Mängel durchaus positive Aspekte abzugewinnen wären. Die Musik von Junkie XL verleiht Mad Max: Fury Road hin und wieder etwas von jenem epischen Abenteuer, das Miller sonst abgeht. Teils finden sich auch interessante Bildmotive, naturgemäß in den wenigen Szenen, wenn nicht gerade etwas in die Luft fliegt. So wie in einer Nachtszene, wenn der Tanker ein Sumpfgebiet durchfährt und man, wenn auch nur kurz, Figuren auf Stelzen durchs Wasser waten sieht. Die sind auch in ihrer Kürze noch das Spannendste in einem überlangen Film, der vielleicht als Stunt-Show in einem Themenpark funktioniert, als Beitrag fürs Kino jedoch völlig deplatziert ist. It’s a mad, mad, mad, mad world.

3/10

12. Mai 2015

Maggie

Say your goodbyes.

Wer aus der Masse herausragen will, muss anders als die Masse sein. Das ist im Filmfach nicht anders als in der menschlichen Soziologie. Gerade in Genre-Werken kann Individualismus zum Alleinstellungsmerkmal führen. Im Falle eines Zombie-Films heißt das, eben nicht so zu sein, wie jeder andere Zombie-Film. Auch wenn man dadurch womöglich die Fans jenes Genres vergrätzt, die besonders dessen klassische Elemente schätzen. Henry Hobson, der für die Titelsequenz des geschätzten PlayStation-Spiels The Last of Us verantwortlich ist, hat mit Maggie nun einen Zombie-Film abgeliefert, der durchaus anders ist als der klassische Zombie-Film. Und das nicht nur, weil Arnold Schwarzenegger eine der Hauptrollen in diesem übernimmt.

Was in den 80er Jahren vermutlich ein feuchter Traum jedes Filmfans gewesen wäre, ist in Zeiten der Post-Gouverneur-Phase des Österreichers eher ein Nischenprodukt. Schwarzenegger spielt Wade, einen Farmer, der zu Beginn in die Stadt fährt, um seine Tochter Maggie, gespielt von Abigail Breslin, abzuholen, nachdem diese von einem Zombie gebissen wurde. Wider den Genre-Gepflogenheiten mutieren die Menschen hier nicht sofort oder über Nacht in die wandelnden Toten, sondern schleichend über Wochen. “Quarantine is eight weeks in”, gibt Maggies Arzt ihrem Vater mit auf dem Weg als er sie entlässt. Mit dem Hinweis: ”Say your goodbyes.” Was folgt, ist also ein Abschied auf Raten. Im Wissen um das, was die Zukunft bringt.

Vorbei an brennenden Feldern, leeren Straßen und verlassenen Tankstellen geht es für Wade und Maggie zurück nach Hause. Dort werden die beiden kleinen Halbgeschwister bis zum Tod der Schwester zur Tante weitergereicht. Die Zombie-Epidemie wird als solche in Maggie nur angerissen. Ein Junge in seiner Klasse sei ebenfalls infiziert gewesen, berichtet Maggie ihr kleiner Bruder. “I didn’t like him much, but I didn’t think he deserved to die”, sagt er, ehe er sich verabschiedet. Weitaus schwerer als Wade tut sich Maggies Stiefmutter (Joely Richardson) mit dem Familiengast auf Zeit. Man arrangiert sich, alle drei. Auch dann, als die Infektion ins nächste Stadium übergeht und Maggie scheinbar ein Finger abstirbt. Und diese ihn daraufhin amputiert.

Wie sich die Jugendliche infizierte wird nicht genauer erklärt, genauso wenig ihre Vorgeschichte mit ihrer Familie. Sie muss sich nun mit ihrem Schicksal arrangieren, was umso schwerer fällt, als sie sich abends mit ihren alten Freunden an einem Lagerfeuer trifft. Die Folgen des Virus nimmt Hobson quasi im Vorbeigehen mit. Kaum eine Figur, die nicht Menschen verloren hat. Dabei sind Zombies selbst eine eher unscheinbare Präsenz im Film. Aber wenn, eine gewichtige. So als Wade eines Tages seinem Nachbarn begegnet. “Nathan… say something”, fleht Schwarzenegger fast um einen Rest von Menschlichkeit in seinem Gegenüber, dessen Tochter er einst beaufsichtigte. Zugleich bietet ihm der Nachbar einen Blick in die Zukunft von Maggie.

Drei Optionen habe Wade für seine Tochter, klärt Wade sein Hausarzt auf. Die Quarantäne ist für den Vater dabei außen vor, das macht er auch dem befreundeten Sheriff klar, der ab und an das Gelände besucht. “I promised your mother that I’d protect you”, sagt Wade zu Maggie – im Wissen, dass er im Grunde schon versagt hat. Alternativ zu Option Eins könne Wade seiner Tochter selbst den tödlichen Cocktail verabreichen, der enorm schmerzvoll sei – selbst für Infizierte, die keinen Schmerz mehr spüren. “What’s option three?”, fragt Wade und scheint die Antwort bereits zu kennen. Unterdessen verschlechtert sich Maggies Zustand, ihre Augen werden immer milchiger, Maden nisten sich langsam in ihrer Wunde ein, die zu verwesen beginnt.

Im weitesten Sinne ist Maggie weniger Zombie-Horror als ein Familiendrama. Hobson erzählt seine Geschichte in überaus ruhigen Bildern, ein Tempo, dem sich auch Breslin und Schwarzenegger in ihrem Spiel anpassen. Gerade der alternde Hollywood-Star hinterlässt dabei einen starken Eindruck durch ein enorm nuanciertes Spiel, in dem Hobson oftmals darauf verzichtet, dem Österreicher überhaupt Dialogzeilen zu schenken. In der Regel greift Schwarzenegger also schlicht auf sorgenvolle Blicke zurück, umspielt seine Lippen mit einem leichten Lächeln, schenkt seinem Gegenüber einen warmen Händedruck. Schauspielerisch hat man Arnold Schwarzenegger selten besser gesehen, das ist auch einer von Henry Hobsons Verdiensten in Maggie.

Abigail Breslin und Joely Richardson stehen dem in nichts nach und komplettierten eine überzeugende Leistung des Ensembles. Beeindruckend gerät auch die ganze Atmosphäre des Films, die durchaus an The Last of Us erinnert, nicht nur weil John Scott hier die Geschichte einer Jugendlichen und ihres väterlichen Begleiters in einer Zombie-infizierten Welt erzählt. In David Wingos musikalischem Theme schwingt jene Melancholie mit, die die Welt in Maggie heimgesucht hat. Lukas Ettlins Bilder wiederum fangen genug Postapokalypse ein, um dem Zuschauer einen Eindruck von dieser zu geben, kontrastiert dies gleichzeitig aber geschickt mit warmen Bildern von Wades Farm, die eine Idee von einer besseren, glücklicheren Zeit vermitteln.

Im Grunde könnte Maggie statt von einem Zombie-Virus – der im Film “Necro-Ambulant” betitelt wird – genauso gut ein Aids- oder sonstigen Viren-Drama sein. Eine unheilvolle Infektion, die das Leben des Betroffenen aus den Fugen reißt und auf lange Sicht nur im Tod enden kann, was wiederum eine Trauerstimmung über Freunde und Familie legt. Dies macht sich Hobson hier zum Thema, für den Zombie an sich interessiert sich sein Film nahezu kaum. Stattdessen geht es um das Zwischenmenschliche und welche Folgen die Epidemie für Infizierte und designierte Hinterbliebene hat. So wie im Falle von Wades Sohn und dessen Schulkamerad, Nachbar Nathan oder einem von Maggies Freunden, der ebenfalls wie sie zu den Infizierten gehört.

Fans des klassischen Zombie-Films, die womöglich gehofft hatten, dass Schwarzenegger in bester 80er-Jahre-Arnie-Manier hier Zombie-Herden mit dem MG niedermäht und Gehirn mittels Baseballschlägen, die auf Schädel treffen, an die Wände verteilt, werden sicherlich nur wenig Gefallen an Maggie finden (nicht, dass es keine Arnold-Zombie-Konfrontationen gibt). Maggie ist kein gewöhnlicher Zombie-Film, sondern außergewöhnlich. Als Folge dessen ragt Hobsons Film aus seinem Genre heraus und gewinnt obendrein eine Strahlkraft, die ihn auch über die Genregrenzen hinaus auszeichnen. Insofern ist Maggie nicht nur ein besonders starker Vertreter des Zombie-Films, sondern auch des filmischen Jahrgangs 2015 allgemein.

7.5/10

7. Mai 2015

Amy

She was a very old soul in a very young body.

Es gibt angesagte und es gibt unrühmliche Clubs - zu welchen der Club 27 gehört, ist wohl ein Thema für sich. Eine Ansammlung berühmter Personen, die in ihrem 28. Lebensjahr starben, mit solch illustren „Mitgliedern“ wie den Musikern Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin und Kurt Cobain. Am 23. Juli 2011 stieß auch Amy Winehouse nach einer Alkoholvergiftung zum Club hinzu. Nach drei Jahren Auf und Ab mit Drogen- und Beziehungsproblemen sowie einer Vielzahl abgesagter Konzerte. Ein Leben und eine Karriere, der sich Regisseur Asif Kapadia mittels Archiv- und Privataufnahmen sowie 100 geführten Interviews mit Familie und Freunden widmete, um in Amy der Person und der Künstlerin Amy Winehouse ein Denkmal zu setzen.

Kapadia „begleitet“ Winehouse im Alter von 14 Jahren bis zu jenem Juli 13 Jahre später, in dem die Britin ihren Kampf gegen ihre Sucht verlor. Singen war Amy Winehouse immer wichtig, verrät sie zu Beginn der Dokumentation. Aber eine Sängerin plante sie nie zu werden. Geworden ist sie letztlich doch eine, vielfach Grammy-prämiert und für ihre einzigartige soulige Stimme verehrt. Jener Zwiespalt zwischen Musikerin und Weltstar zieht sich jedoch spätestens dann durch Winehouses Leben, als ihr Ende 2006 mit dem Song “Rehab” - den bezeichnender Weise ihr Label, nicht sie, als Single auskoppeln wollte – der internationale Durchbruch gelingt. Ein Wendepunkt für ihre Karriere - aber wie sich zeigen sollte, auch für ihr Leben.

Für ihren ersten Vertrag erhielt die damals noch jugendliche Winehouse fast 250.000 Pfund, ein Label-Chef erkannte früh, dass bei der 18-Jährigen “a very old soul in a very young body” steckte. Winehouse selbst glaubte damals allerdings nicht an einen Durchbruch, für sie war ihre Musik nicht auf dem entsprechenden Level. Sowieso: Berühmt wolle sie gar nicht werden. Damit könnte sie gar nicht umgehen, gesteht sie in einem frühen Interview – und ergänzt: “I’d probably go mad.” Wie sich zeigen sollte, enthielten die Aussagen mehr Wahrheit als sich jeder hätte wünschen können. Und während Winehouse ihr Debütalbum “Frank” erste Erfolge bescherte, sollte eine selbstzerstörerische Romanze bald ihr Leben für immer verändern.

Alle ihre Songs seien persönlich, erzählt Winehouse: „Ich kann nichts rüberbringen, was ich nicht selbst erlebt habe.“ Insofern verdankt sie ihren Erfolg in gewisser Weise vermutlich auch ihrem (Ex-)Ehemann Blake Fielder-Civil. Was als Affäre begann, brach Fielder-Civil schließlich ab – ihre Gefühle über die Trennung verarbeitete Winehouse in ihrem zweiten Album und gleichnamigen Song “Back to Black”. Damals kämpfte sie bereits mit den Drogen, erlebte einen ersten Absturz nach dem  sie ihre Freunde erfolglos in die Rehabilitation schicken wollten. “And if my daddy thinks I’m fine”, singt Winehouse in ihrem Song “Rehab” über jene Entscheidung zu einem Zeitpunkt, als sich die alte und neue Amy bereits auseinander dividierten.

Mit ihrem ersten Manager und persönlichen Freund Nick Shymansky hatte Winehouse aufgrund ihrer Drogeneskapaden inzwischen beruflich gebrochen, ernannte ihren Promoter Raye Cosbert zum neuen Manager. Und erlebte später, als sie zweitweise harte Drogen durch exzessiven Alkoholkonsum ersetzte, Rückfälle in die Bulimie, die sie als Jugendliche neben Depressionen geplagt hatte. Der Erfolg von "Back to Black" spülte dann Blake Fielder-Civil zurück in ihr Leben, das spätestens 2008 nur noch eine Richtung kannte: nach unten. “This is someone who is trying to disappear”, realisierte ihr Kollege und Freund Yasiin Bey aka Mos Def später. Und auch der Zuschauer sieht: Diese Frau war geschaffen für die Musik, aber nicht für den Erfolg.

Speziell die Privataufnahmen zeichnen in Amy ein stellenweise fast schon voyeuristisch-intimes Bild des Menschen und der Künstlerin Amy Winehouse. Interviews mit Freunden und Verwandten sowie Archivaufnahmen bilden die Narration auf der Tonspur, die gerade in der zweiten Hälfte oft auch Sekunden lang schweigend innehält – als wüsste selbst Kapadia nicht, was er angesichts des dramatischen Verlaufs von Winehouses Karriere noch sagen soll. Dass insbesondere Blake Fielder-Civil, aber auch Mitch Winehouse und Raye Cosbert oft eher sich selbst statt das Wohl von Amy Winehouse zum Ziel hatten, deutet Amy an. So befand der Vater den ersten Reha-Versuch für unnötig, als es dann doch zu einem kam, spielte Cosbert dies herunter.

Grundsätzlich haderte Winehouse mit ähnlichen Problemen wie andere berühmte Persönlichkeiten. Selten erhielt man aber wohl derart intime Einblicke in das Leben und Scheitern einer Berühmtheit wie in Amy. Infolgedessen gerät der selbstzerstörerische Niedergang der Amy Winehouse stellenweise sehr bewegend und emotional – allerdings auch eine Spur zu lang. Zudem der Film, was  in der Natur seines Konzepts liegen mag, nicht ganz aufklären kann, wieso alles so kam, wie es kam. Und ob jemand die Schuld trifft oder die Ereignisse hätten verhindert werden können. Dennoch ist Amy nicht nur Fans von Amy Winehouse ans Herz zu legen, gelingt Kapadia mit diesem eine Art Denkmal, aber auch ein anmutiges Requiem.

7.5/10

6. Mai 2015

Appropriate Behavior

No homo.

Man könnte meinen, wenn eine Schauspielerin eine gute Rolle haben will, muss sie sich diese selber schreiben. So handhabten es zuvor bereits Brit Marling (Another Earth) und Greta Gerwig (Frances Ha), Lena Dunham (Tiny Furniture, Girls) übernimmt in ihren Werken sogar gleich noch die Regie. Ein Höchstmaß an Einfluss sicherte sich auch Desiree Akhavan in ihrem Debüt Appropriate Behavior (Deutschlandstart: 14. Mai), in dem sie die bisexuelle Shirin spielt, eine amerikanische Endzwanzigerin mit iranischen Wurzeln, die nach ihrem Beziehungsende mit Freundin Maxine (Rebecca Henderson) in ein Loch fällt. Während in Rückblenden ihre Liaison mit Maxine reflektiert wird, versucht Shirin in der Gegenwart wieder auf die Beine zu kommen.

Inhaltlich eint Akhavans Debüt dabei viel mit Noah Baumbachs Frances Ha – nur mit lesbischem Einschlag. In beiden Fällen muss die bislang ziellos durch New York wandelnde Hauptfigur sich nach einer neuen WG-Bleibe umsehen, nachdem ihr Wohnverhältnis mit einer Frau zu Ende ging. Den Fokus legt Akhavan jedoch durchaus stärker auf die Beziehung der beiden zentralen Frauen in der Geschichte, wie diese zueinander fanden, woran die Partnerschaft letztlich scheiterte und wie Shirin versucht, nach der Trennung mit dieser umzugehen. “I’m dead inside”, klagt sie da ihrer besten Freundin Crystal (Halley Feiffer), nachdem Shirin nach der Trennung von Maxine noch den alten gemeinsamen Strap-on-Dildo aus dem Müll geklaubt hat.

Die eingeschobenen Rückblenden zeigen uns, wie beide Frauen in einer Silvesternacht zueinander fanden. “I find your anger incredibly sexy”, sagt Shirin zu Maxine als diese sich über eine alte Liebschaft aufregt. “I hate so many things too.” Bald schon ziehen beide zusammen, was wiederum erste Konflikte birgt, da Shirin sich immer noch nicht vor ihren Eltern (Anh Duong, Hooman Majd) als bisexuell geoutet hat. “They know I know they know”, behauptet die Tochter zwar, fürchtet sich aber dennoch vor einer möglichen Stigmatisierung ihrer persischen Familie. “She’s not easy”, urteilt die Mutter in einer Szene, als Shirins erfolgreicher Urologen-Bruder Sorgen um die Schwester äußert. Shirins Bisexualität ist aber nur ein Teil des Ganzen.

Im Grunde könnte die bisexuelle Figur auch eine heterosexuelle sein, beispielsweise eine junge Frau mit persischen Wurzeln, die entgegen der Erwartung der Eltern einen nicht-persischen Mann anschleppt. Aus dem Konflikt, ihrer Familie ihre Sexualität verheimlichen zu müssen, macht Akhavan wenig in Appropriate Behavior. Vielmehr ist die Bisexualität ein Detail, beispielsweise wenn sich Shirin in einer einsamen Nacht einer Ménage-à-trois mit einem Pärchen hingibt oder Maxine auf einer Party mit einem apathischen Hipster eifersüchtig machen will. Grundsätzlich dreht sich die Handlung aber darum, dass die Hauptfigur mit einer alten Beziehung abschließt und ihr Leben wieder aufnimmt. Mund abwischen, weitermachen.

Keine neue Geschichte, wie generell der Filme wenig originell daherkommt, sondern sich verschiedener Elemente und Motive der Indie- und Mumblecore-Szene der jüngeren Vergangenheit bedient. Was für ein Debüt sicher nicht verwerflich ist. So entschuldigt sich, dass Akhavan in manchen Szenen etwas steif in ihrem Spiel wirkt. Hier wirken ihre Zeilen weniger glaubwürdig, eher vorgetragen. Nutzt sie zu Beginn zudem oft Schuss-Gegenschuss-Verfahren, um Dialogszenen zu drehen, rückt sie davon im Verlauf dankenswerter Weise mehr in die Halbtotale ab. “Really, all you have to do is show them how to hold a camera”, lautet da ironischerweise ein Rat an Shirin, als sie später die Leitung einer Film-AG für Fünfjährige übernimmt.

Zugleich gelingt es Appropriate Behavior aber durchaus, bisweilen Akzente zu setzen. Wie in einer Rückblende, wenn sich Shirin und Maxine eines Rollenspiels bedienen, um ihr stagnierendes Sexleben wieder anzukurbeln und Maxine als allzu umgängliche Finanzbeamte jegliches Flair zerstört. Unterschwellig schiebt Akhavan auch bisweilen leichte Sozialkritik in ihren Film unter, wenn ein Sexualstraftäter seine Vorstrafe dadurch erklärt, dass sein Freund damals eben etwas jünger war als er oder eine Dessous-Verkäuferin versucht, Shirin sich ob ihrer geringen Brustweite besser fühlen zu lassen. Erfrischend ist Appropriate Behavior also durchaus, selbst wenn Desiree Akhavans Debüt in seiner Summe nicht allzu originell ausfällt.

6.5/10

1. Mai 2015

Filmtagebuch: April 2015

THE ABCS OF DEATH 2
(USA/NZ/IL/CDN/J 2014, Chris Nash u.a.)
1/10

ACTRESS
(USA 2014, Robert Greene)
5.5/10

ADIEU AU LANGAGE [GOODBYE TO LANGUAGE]
(CH/F 2014, Jean-Luc Godard)

1/10

ALI
(USA 2001, Michael Mann)
6/10

AVENGERS: AGE OF ULTRON
(USA 2015, Joss Whedon)
3.5/10

THE BABADOOK
(AUS/CDN 2014, Jennifer Kent)
5.5/10

BANDITS [BANDITEN!]
(USA 2001, Barry Levinson)

5/10

BETTER CALL SAUL – SEASON 1
(USA 2014, Colin Bucksey u.a.)
7.5/10

CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER
(USA 2014, Anthony Russo/Joe Russo)
6/10

DAREDEVIL [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2003, Mark Steven Johnson)

6.5/10

MARVEL’S DAREDEVIL
(USA 2015, Phil Abraham u.a.)
7.5/10

GHOSTBUSTERS
(USA 1984, Ivan Reitman)
8.5/10

GHOSTBUSTERS II
(USA 1989, Ivan Reitman)
7.5/10

A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT
(USA 2014, Ana Lily Amirpour)
7/10

GOING OVERBOARD
(USA 1989, Valerie Breiman)
1/10

GROWN UPS [KINDSKÖPFE]
(USA 2010, Dennis dugan)

4.5/10

INTERSTELLAR
(USA/UK/CDN 2014, Christopher Nolan)
3.5/10

JACK AND JILL
(USA 2011, Dennis Dugan)
3.5/10

JIAO YOU [STRAY DOGS]
(RC/F 2013, Tsai Ming Liang)

4/10

JUST GO WITH IT [MEINE ERFUNDENE FRAU]
(USA 2011, Dennis Dugan)

6/10

KITCHEN NIGHTMARES (U.S.) – SEASON 4
(USA 2011, Jay Hunter u.a.)
8/10

MEN, WOMEN & CHILDREN [#ZEITGEIST]
(USA 2014, Jason Reitman)

2/10

MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL
(USA/UAE/CZ 2011, Brad Bird)
6/10

PAYCHECK
(USA/CDN 2003, John Woo)
4/10

THE PHANTOM
(USA/AUS 1996, Simon Wincer)
5.5/10

STARRY EYES
(USA/B 2014, Kevin Kölsch/Dennis Widmyer)
1.5/10

TAKERS
(USA 2010, John Luessenhop)
6/10

THAT’S MY BOY [DER CHAOS-DAD]
(USA 2012, Sean Anders)

7.5/10

V/H/S: VIRAL
(USA 2014, Justin Benson u.a.)
1/10

THE WEDDING SINGER [EINE HOCHZEIT ZUM VERLIEBEN]
(USA 1998, Frank Coraci)

7.5/10

Retrospektive: The Fast & the Furious


THE FAST AND THE FURIOUS
(USA/D 2001, Rob Cohen)
7/10

2 FAST 2 FURIOUS
(USA 2003, John Singleton)
5.5/10

THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT
(USA/D 2006, Justin Lin)
5.5/10

FAST & FURIOUS
(USA/J 2009, Justin Lin)
6.5/10

FAST FIVE [FAST & FURIOUS FIVE]
(USA 2011, Justin Lin)

7.5/10

FAST & FURIOUS 6
(USA 2013, Justin Lin)
6.5/10

FURIOUS 7 [FAST & FURIOUS 7]
(USA/J 2015, James Wan)

6/10