28. April 2013

Iron Man 3

Heroes – there is no such thing.

Die perfekte Tagline für einen Film von Shane Black wäre wohl dem Kaiser entlehnt: „Ja ist denn heut scho Weihnachten?!“ Immerhin spielten bisher vier seiner sieben Drehbücher zur Festtagszeit im Dezember, von Lethal Weapon bis hin zu Kiss Kiss Bang Bang. Auch Kidnapping ist ein wiederkehrendes Motiv in seinen Geschichten, weshalb es also nicht überrascht, dass in Blacks zweitem Film als Regisseur, Iron Man 3, ein Kidnapping in der Weihnachtszeit integriert ist. Auch sonst ist der dritte Teil um den narzisstischen Helden Tony Stark spürbar eine Schöpfung seines Regisseurs, was sich nicht zuletzt an dem Humor dieser Comicverfilmung zeigt, der sich selbst in den dramatischsten Momenten nicht zurückhält.

Inhaltlich knüpft Iron Man 3 an die Ereignisse aus Avengers an. Einige Monate nach der Alien-Invasion in New York und seinem Nahtoderlebnis suchen Tony Stark (Robert Downey Jr.) verstärkt Panikattacken heim. Umso ungeschickter kommt ihm der wahnsinnige Terrorist Mandarin (Ben Kingsley), der Exekutionen und Bombenanschläge inszeniert, um eine Rechnung mit dem US-Präsidenten zu begleichen. Als es Stark zu blöd wird und er Mandarin vor laufenden Kameras zur Privatfehde reizt, löst der schwerreiche Playboy eine Ereigniskette aus, die nicht nur sein Leben und das seiner Freundin Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) gefährdet, sondern die ihren Ursprung wie sich zeigt in Starks eigener Vergangenheit hat.

Dabei bleibt auch der dritte Teil den Themen der Reihe treu, wenn mal wieder Tony Starks Sterblichkeit im Zentrum steht und es diese für unseren Helden zu akzeptieren gilt. Dies mag zwar nicht immer vollends nachvollziehbar sein, da Starks zynische Frohnatur am Ende von Avengers nicht den Eindruck machte, sonderlich von dem Erlebten mitgenommen zu sein. Allerdings etablierte bereits Iron Man 2, dass Stark im Angesicht des Todes durchaus bereit ist, seine Maske fallen zu lassen. Hinzu kommt, dass hier diejenigen Menschen die Konsequenzen für Starks Handeln tragen müssen, die ihm am nahesten stehen. Zum einen ist das natürlich Pepper, zum anderen sein Freund und Bodyguard Happy Hogan (Jon Favreau).

Beide bekommen dieses Mal weitaus mehr zu tun als in den Vorgängern. Gerade Paltrows Rolle gewinnt an Verantwortung und Bedeutung – nicht nur für Tony Stark. Aber auch Don Cheadle, der von War Machine zu Iron Patriot wird, darf – wenn auch erst im Finale – endlich präsenter sein. Es ist dabei so überraschend wie erfreulich, dass sowohl Iron Man als auch Iron Patriot hinter Tony Stark und Rhodey zurückstehen. Das wiederum verleiht Iron Man 3 auch aufgrund der Hautfarbe der beiden Charaktere eine kaum zu leugnende Ähnlichkeit zu anderen Filmen von Black wie Lethal Weapon und Last Boy Scout, auch wenn das Zusammenspiel der Figuren im Finale eher an Blacks Debüt Kiss Kiss Bang Bang erinnert.

An sich wäre der Filmtitel mit Tony Stark treffender gewählt als mit Iron Man 3, denn Downey Jr. verbringt fast den gesamten zweiten und dritten Akt außerhalb seines Anzugs, um sich unter anderem im verschneiten Tennessee mit einem Jungen auf die Suche nach Antworten zu machen. Denn nicht nur Mandarin ist auf der Bildfläche erschienen, auch Starks ehemaliger One-Night-Stand, Botanikerin Maya Hansen (Rebecca Hall), der von Stark ignorierte Wissenschaftler Aldrich Killian (Guy Pearce) und dessen Regenerations-Virus „Extremis“ sowie die von Extremis zu Supersoldaten umfunktionierten Veteranen rund um Eric Savin (James Badge Dale) verlangen die Aufmerksamkeit unseres Superhelden.

Sowohl die Darstellung von Pearce als Aldrich Killian als auch Ben Kingsleys Porträt des Mandarin sind dabei für Fans gewöhnungsbedürftig. Gerade der Mandarin erscheint als eine Art Phönix aus der Asche des Nichts, ein Terrorist der Marke Osama bin Laden, ohne Skrupel und ethische Moral. So hat es zumindest den Anschein, doch Black hat für Iron Mans Nemesis eine ganz besondere Rolle in diesem Trilogieabschluss vorgesehen. Pearce hingegen gibt einen eher gewöhnlichen Bösewicht, auch wenn sein verrückter Wissenschaftler alles andere als gewöhnlich ist. Rebecca Hall hingegen wirkt etwas brachliegend, ist ihre ambivalente Maya Hansen doch eine der blassesten und unausgereifsten Figuren.

Vollends stimmig gerät das Endergebnis also nicht. Wie bisher leiden die Marvel-Filme unter ihren schwachen Antagonisten. Zumindest kriegt es Iron Man in diesem Fall nicht erneut mit einem Bösewicht in einem Iron Man-ähnlichen Anzug zu tun, sein diesmaliger Gegenspieler und die Supersoldaten erreichen trotzdem ein ganz neues Level der Lächerlichkeit, speziell in einer mehr als absurden Szene. Ohnehin sind Supersoldaten nicht erst seit der finalen Staffel von X Files eine eher delikate Angelegenheit, allerdings sind sie in Iron Man 3 glücklicherweise nur Mittel zum Zweck. Die Handlung ist in diesem Fall zweitrangig, weshalb man sich auch nicht wundern sollte, dass S.H.I.E.L.D. durch Abwesenheit glänzt.

Dabei hätte man gedacht, Angriffe auf ein Avengers-Mitglied oder den US-Präsidenten würden Nick Fury veranlassen, zumindest Maria Hill auszusenden. Stattdessen ist Stark auf sich allein gestellt – mit hilfreicher Unterstützung seiner künstlichen Intelligenz JARVIS und Anzüge. Diese geraten nunmehr buchstäblich zu solchen, kann Stark doch nach Belieben aus ihnen schlüpfen (in einer Szene „parkt“ er einen außerhalb eines Bistros) oder Elemente von ihnen per Fernsteuerung überstreifen und lenken. Das Ganze garantiert speziell im ersten Akt einige Lacher im Publikum und ohnehin liegt der Fokus von Iron Man 3 nicht nur auf Starks Katharsis, sondern auch auf deren humorvoller Darbietung.

Blacks bissiger Witz kommt perfekt zum Tragen und kaum jemand eignet sich für den Vortrag von Blacks Zeilen besser als Downey Jr. Selbst der zweite Akt und Starks ausgiebige Interaktion mit einem zehnjährigen Jungen gerät so zum amüsanten Fest der Dialoge, aber auch die so namen- wie charakterlosen Handlanger im dritten Akt dürfen einige so grandios-authentische Sätze von sich geben, dass sie fast die vierte Wand durchbrechen. Somit verspricht Iron Man 3 trotz einiger Logik-Planstellen im Extremis-Handlungsstrang und der generellen Darstellungsschwäche der Antagonisten eine über weite Strecken höchst vergnügliche Action-Komödie, die nicht nur der bisher gelungenste Teil der Iron Man-Reihe ist, sondern sich auch wunderbar in das Œuvre von Shane Black einfügt.

6/10 – erschienen bei Wicked-Vision

24. April 2013

Side By Side

Is this the end of film?

Wer nach den filmischen Anfängen der gegenwärtigen “big player” in Hollywood fragt, wird wohl in den meisten Fällen auf dieselbe Antwort stoßen: Super 8. Egal ob Spielberg, Jackson oder Abrams – sie alle drehten einst mit dem Schmalfilm-Filmformat. Heute wäre das wohl undenkbar, stattdessen dreht die Jugend inzwischen mit den Kameras ihrer Smartphones. “Digital technology is evolving to a point that may very well replace film as the primary means of creating and sharing motion pictures”, erklärt uns Keanu Reeves bedeutungsschwanger zu Beginn von Side By Side. Gemeinsam mit Regisseur Chris Kenneally fragt sich Reeves, ob das digitale Kino das Ende des fotografischen Films darstellt.

Hierzu holte sich Reeves als Talking Heads diejenigen Menschen ins Boot, die wissen, ob nach 100 Jahren fotografischen Films dessen Ende eingeläutet wird: die Regisseure und Kameraleute von Hollywood. Fehlen dürfen hierbei weder Christopher Nolan und Wally Pfister, noch Danny Boyle und Anthony Dod Mantle. Auch Steven Soderbergh, David Fincher, Robert Rodriguez, Martin Scorsese und die Wachowskis sind vertreten – genauso wie die beiden CGI-Afficionados George Lucas und James Cameron. “It’s the reinvention of a new medium”, sagt Scorsese über das digitale Kino und nennt es “exciting”. Es zeigt sich relativ schnell, welche Filmschaffenden auf welcher Seite der fototechnischen Trennlinie stehen.

Befürworter der digitalen Kameras heben hervor, dass direkt vor Ort das gedrehte Material gesichtet werden könne. So sieht er, ob er mehr Hintergrundlicht braucht oder nicht, argumentiert George Lucas. “They fool themselves”, winkt dagegen Christopher Nolan ab. Schließlich sei der Bildschirm, auf dem das Material gecheckt wird, nicht identisch mit jenen Leinwänden, auf die der Film später projiziert wird. “Everybody’s just looking at their hair”, unkt dagegen Joel Schumacher. Aber es gibt noch weitere Vorteile, darunter die Finanzen. Die digitalen Kameras sind handlicher und billiger, Letzteres ermöglicht gleichzeitig größere kreative Freiheit. Entsprechend nutzte die Dogma 95-Bewegung digitale Kameras.

Thomas Vinterbergs Festen war einer der ersten Filme, der so gedreht wurde – von Anthony Dod Mantle, der seither für Danny Boyle 28 Days Later und Slumdog Millionaire inszenierte. Auch Boyle nutzte digitale Kameras für seinen Zombie-Film, um die Eröffnungsszene im verlassenen London mit zehn Kameras gleichzeitig drehen zu können. “Cos they were so cheap”, erklärt der Oscarpreisträger. Reeves und Kenneally zeigen auf, wie beide Filmformate aufzeichnen und funktionieren, während Side By Side die Geschichte der HD-Kameras im Kino nachverfolgt. Von der Sony F900 (1920 Pixel) bei Attack of the Clones über die RED One (4096 Pixel) bis hin zur aktuellen RED Epic mit einer beachtlichen Auflösung von 5K.

“This is the future”, proklamiert Steven Soderbergh. “You got to be part of that”, drängt Robert Rodriguez und James Cameron ist sich sicher: “It’s only a matter of time”. Auch David Lynch ist fertig mit fotografischem Film und zählt damit zur Mehrheit in dieser Dokumentation. Die hätte einige Nostalgiker mehr wie Nolan und Pfister durchaus vertragen können, während sie zugleich im späteren Verlauf leicht abdriftet. Kenneally streift die Rolle der Farbkorrektur im Film, O Brother, Where Art Thou? wird als Beispiel genannt, wo jedes Bild einen Spezialeffekt besitzt, da die Farben der Bilder von Roger Deakins verändert wurden. Auch die Kinoprojektoren, so erfahren wir, beeinflussen das finale Ergebnis.

Irgendwann wird über 3D diskutiert (“I hate 3D”, sagt Wally Pfister, “it’s a marketing fucking scheme”) und der Kampf zwischen digitalem und klassischem Kino ist längst entschieden. Was etwas schade ist, aber über einen Großteil der Laufzeit dank der namhaften und erfahrenen Gesprächspartner (seltsamerweise auch Lena Dunham und Greta Gerwig) stets interessant. “There’s something really romantic about [shooting on film]”, hatte Kamerafrau Reed Morano zu Beginn von Side By Side ein Plädoyer abgegeben. Außer Nolan, Pfister und ihr hat jedoch keiner wirklich dafür argumentiert. Scheinbar hätten sie alle ebenfalls lieber ihre ersten filmischen Schritte mit einem iPhone gemacht, statt auf Super 8.

7/10

19. April 2013

Meet Joe Black

In this world nothing can be said to be certain, except death and taxes.
(Benjamin Franklin)

Was der Mensch nicht versteht, dem verleiht er gern Gestalt – oft in humanoider Form. So wird die Entstehung aller Dinge einem Gott zugeschrieben, der uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat (respektive vice versa). Obschon es in der Bibel heißt „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen“ (Hiob 1,21) holt der Schöpfergott seine Kreationen beim Ableben dem Verständnis nach nicht selbst ab. Vielmehr ist es der Tod, der entsprechend eine allegorische Darstellung als Sensenmann oder blasse Gestalt in schwarzer Kutte erhält. Unvergessen ist seine Porträtierung durch Bengt Ekerot in Ingmar Bergmans Det sjunde inseglet, auch wenn Gevatter Tod wohl nie so sexy war wie in Meet Joe Black.

Gespielt von Hollywood-Star Brad Pitt, drei Jahre zuvor noch zum Sexiest Man Alive gekürt, macht es sich der Tod als Beau in der High Society bequem. Martin Brests Film basiert dabei auf dem italienischen Stück La morte in vacanza (1924) von Alberto Casella und behandelt im Prinzip dieselbe Thematik. Der Tod nimmt Urlaub von seinen Pflichten, um aus erster Hand zu erfahren, was das eigentlich ist: das Leben. Durch dieses soll ihn der Medienmogul Bill Parrish (Anthony Hopkins) führen, dessen Ableben sich ankündigt, durch das plötzliche Auftauchen des adretten „Joe Black“ (Brad Pitt) jedoch verzögert wird. Fortan probiert Joe alles aus, von Erdnussbutter bis zum Sex mit Parrishs Tochter Susan (Claire Forlani).

Die wiederum hatte mit dem blonden Schönling am Morgen seines Erscheinens noch munter geflirtet, ehe dieser zwecks Inanspruchnahme vom Tod ins Jenseits befördert wurde. Jenes erste Gefühl des Verliebtseins projiziert die gelernte Ärztin fortan auf den so einsilbigen wie naiven Joe – sehr zum Missmut von ihrem Vater sowie dessen rechter Hand und ihrem Freund Drew (Jake Weber). Und da Joe nicht mehr von Bills Seite weicht und dieser seinerseits eine Übernahme seiner Firma abschmettert, beginnt Drew ein Netz aus Intrigen zu spinnen. Alle Ereignisse laufen letztlich am Abend von Bills 65. Geburtstag zusammen, den seine älteste Tochter Allison (Marcia Gay Harden) in mühevoller Kleinarbeit geplant hat.

Relativ wenig passiert in Meet Joe Black, zumindest angesichts seiner epischen Länge von fast drei Stunden. Dennoch vermag Brests Film, so unausgereift die Handlung letztlich auch ausfällt, nie wirklich zu langweilen. Dass Susan ziemlich schnell Hals über Kopf Joe verfällt beziehungsweise dem Echo ihrer morgendlichen Begegnung, gerät ebenso in den Hintergrund wie die Frage, warum sich der Tod ausgerechnet Bill Parrish als Führer durchs Leben wählt. Denn wer eine Ahnung vom menschlichen Leben haben will, sucht sich vermutlich nicht repräsentativ einen One Percenter als Beispiel aus oder verbringt seine Zeit auf der Erde in den Mahagoni-Büros und Ledersesseln von Downtown-Wolkenkratzern.

Allerdings wäre eine Variante im Stil von Slumdog Millionaire wohl weniger interessant für die Produzenten und das Studio gewesen. Dass der Tod also aufgrund eines väterlichen Rats von Bill an Susan, ein wenig spontaner zu sein, diesen als lebendes Beispiel auswählt, ist ebenso geschenkt. Stimmiger wäre eventuell gewesen, wenn Bill aus eigenem Antrieb sein Ableben aufgeschoben hätte, im Austausch für sein kurzfristiges Dasein als Reiseleiter. Aber wie angesprochen steht die Handlung in diesem Fall hinter der grundsätzlichen Prämisse von Meet Joe Black zurück: Der Idee, dass der Tod auf die Erde kommt, um die Menschen, die er täglich ins Jenseits befördert, näher kennenzulernen.

“Only recently (..) your affairs here have piqued my interest”, eröffnet der Tod gegenüber Bill in ihrer ersten Begegnung. “Call it boredom.” Wie mag es dort wohl sein, wo alle seine „Fahrgäste“ herstammen? An jenem Ort, den keiner wirklich verlassen will, an den sich jeder von ihnen klammert? “All these things they say about you in testimonials”, erklärt der Tod. Nun will er sich also selbst ein Bild davon machen, mit Bill als Führer. Ob er sterbe, fragte dieser zuvor die Fragen aller Fragen, die ihm der blonde Beau im Anzug daraufhin bejahte. Offen bleibt, ob Parrish stirbt, damit der Tod ein Druckmittel für seine Anwesenheit und Bills Anleitung hat oder ob der Tod des 65-Jährigen seit jeher immer schon so vorgesehen war.

Weitaus interessanter als das Zusammenspiel zwischen Joe und Bill fallen jedoch zwei Szenen zwischen Ersterem und einer alten, krebskranken Jamaikanerin und Patientin von Susan im Krankenhaus aus. Die wiederum erkennt den Tod in Menschengestalt und befürchtet zuerst, von diesem geholt zu werden, nur um später exakt darum zu bitten: ihr Lebensende. “Can’t do no right by people”, lamentiert Joe darauhin in Patois. “Come to take you, you want to stay. Leave you stay, you want to go. Rahtid.” Im Dialog mit der alten Dame dröselt Meet Joe Black auch die Motive des Sensenmannes für seine erstmalige Präsenz im Reich der Lebenden auf. “I not lonely here”, gesteht er ihr nun, “somebody want me here”.

Bereits zuvor hatte er eine entsprechende Andeutung gegenüber Susan gemacht, als er vorschlug, sie würden Freunde – was sie ablehnte, da sie genügend hätte. “I don’t have any”, erwidert Joe. Die vermeintliche Einsamkeit des Todes überwältigt sogar seine eigenen „Gefühle“: Was ihm angeboten wird, gefällt ihm. Sei es Erdnussbutter, Geschlechtsverkehr oder der Schwager in spe (Jeffrey Tambor). “Schoolboy things in your head”, wiegelt die Jamaikanerin ab. Wie Joe auf seine Umwelt reagiert, gibt uns gleichzeitig eine Andeutung, was in ihm vorgehen muss, wenn er nicht auf der Erde ist. Niemand, der sich freut, dass er da ist, keine Wertschätzung. “We lonely here mostly too”, offenbart die alte Frau.

Am Ende muss sich der Tod mit seinem Schicksal abfinden, ebenso wie Bill selbst. Während dessen Zeit abgelaufen ist, darf der Tod als ein Geschöpf angesehen werden, das außerhalb der Idee von Zeit existiert. Ob er wirklich nachempfunden hat, was es bedeutet, menschlich zu sein, darf bezweifelt werden. Zumindest hat er eine Ahnung davon, warum die Menschen an ihrem Leben hängen. Und fortan ist er nicht mehr alleine, hat er doch nun seine Erinnerungen. Die sind es auch, wozu jede Flucht aus dem Alltag schließlich wird. “Like you come to the island and had a holiday”, sinniert die Jamaikanerin. “If we lucky, maybe, we got some nice pictures to take with us.” Im Falle von Meet Joe Black sind es 178 Minuten.

8.5/10

12. April 2013

Die Top 5: Coen-Charaktere

Appearances can be... deceptive.
(Chad Feldheimer, Burn After Reading)

Sie zählen zu den Größen in Hollywood – nicht zuletzt aufgrund vier Oscarauszeichnungen bei insgesamt 13 Academy Award-Nominierungen. Die beiden Brüder Joel und Ethan Coen drehen seit fast drei Jahrzehnten Filme und hinterließen eine Handvoll Meisterwerke und eine noch größere Zahl an unvergesslichen Figuren. Es lässt sich vermutlich darüber streiten, dass viele Geschichten nur so gut sind wie die Charaktere, die sie bevölkern. Insofern zählen die Gebrüder Coen wohl zur Oberschicht der Traumfabrik, hinterlassen ihre oftmals schrulligen Figuren doch nicht nur aufgrund ihrer irrwitzigen Namen einen bleibenden Eindruck.

Von H.I. McDunnough in der Entführungskomödie Raising Arizona über Handlanger Tic Tac im Noir-Krimi Miller’s Crossing und den suizidalen Magnat Waring Hudsucker in The Hudsucker Proxy bis hin zu Anwalt Freddy Riedenschneider in The Man Who Wasn’t There – kaum eine Figur der Coens ist nicht so verquer wie ihr Name andeutet. Sie alle haben ihre (sehr eigenen) Eigenheiten und ihre unvergessliche Art. In der Regel vergeht kaum ein Coen-Film, ohne dass man zumindest eine seiner Figuren über Jahre hinweg im Gedächtnis behält. Was sich neben ihren Namen nicht zuletzt auch ihrer Ikonenhaften Inszenierung verdankt.

Sei es der so verschwitzte wie schmierige M. Emmet Walsh als Loren Visser in Blood Simple., Motorradkopfgeldjäger Leonard Smalls (Randall ‘Tex’ Cobb) in Raising Arizona, Michael Badaluccos Darstellung von George ‘Baby Face’ Nelson in O Brother, Where Art Thou? oder John Goodmans höllisches Finale als Charlie ‘Madman Mundt’ Meadows in Barton Fink. Unverwechselbar mögen die Figuren aufgrund ihrer Erscheinung sein, wie Tom Hanks’ räuberischer Professor G.H. Dorr in The Ladykillers, oder semantischen Wiederholung. Gerade die Wiederkehr von Phrasen, aber auch der Namen der Charaktere durchziehen das Werk der Coens.

So verspricht der private Ermittler Gus Petch (Cedrick the Entertainer) in Intolerable Cruelty wiederholt “I’ll nail his ass!” und Tim Robbins verkauft seine Idee der Hulla-Hoop-Reifen als Norville Barnes in The Hudsucker Proxy mit der Erklärung: “You know, for kids”. In dem Krimi Miller’s Crossing fragen die Figuren unentwegt “What’s the ruckus?” und die alte Dame Marva Munson (Irma P. Hall) lamentiert in The Ladykillers die “hippity hop”-Textzeile “I left my wallet in El Segundo” der Formation A Tribe Called Quest. “I could tell you some stories…”, versichert Charlie Meadows in Barton Fink und lässt dann doch lieber Taten sprechen.

Die Liebe zu ihren Charakteren zieht sich bis in die Nebenfiguren, sei es Dan Hedayas betrogener Clubbesitzer Marty in Blood Simple. oder Michael Lerners Studioboss Jack Lipnick in Barton Fink. Sogar die unwichtigsten Figuren wie Blood Simple.’s Barmann Meurice, der um $20 betrogenen Schüler Fagle in A Serious Man oder Heinz, Baron Krauss von Espy in Intolerable Cruelty wachsen einem in der Kürze ihrer Leinwandzeit ans Herz. Angesichts des Portfolios von Joel und Ethan Coen erklärt sich, was sie an Romanfiguren wie Rooster Cogburn in True Grit ebenso wie an den Charakteren in Cormac McCarthys No Country for Old Men interessierte.

In Letzterem erscheint die Beziehung zwischen Tommy Lee Jones’ Sheriff Ed Tom Bell und Garret Dillahunts Deputy Wendell als ein Spiegelbild zum Arbeitsverhältnis von Frances McDormands Marge Gunderson und Deputy Lou in Fargo. Da sowohl No Country for Old Men als auch True Grit direkte Romanadaptionen sind, bleiben ihre Figuren für diese Top 5 außen vor. Die Wahl der fünf finalen Figuren ist bei diesem Sammelsurium an Charakteren natürlich mehr als subjektiv und willkürlich, ließe sich doch zu fast jedem Film der Brüder eine entsprechende eigene Liste erstellen. Meine fünf liebsten Charaktere der Coen-Filmografie sind daher wie folgt:


5. Harry Pfarrer in Burn After Reading: Als untreuer ehemaliger Personenschützer des Finanzministeriums schloss George Clooney seine informelle „Idioten“-Trilogie für die Coens ab. Sein affiner Jogger Harry Pfarrer (“Maybe I can get a run in”) ist neben Brad Pitts Chad Feldheimer der Trumpf dieser Spionage-Komödie, in deren Verlauf sich der charmante Ehebrecher mehr und mehr in seiner Paranoia verliert (“Who the fuck do you work for, you fucker?”), ehe er sich nach Venezuela abzusetzen versucht.

4. Marge Gunderson in Fargo: Passend, dass die herausforderndste Szene für Frances McDormands im siebten Monat schwangere Polizei-Chefin in dieser Krimi-Komödie das Treffen mit einem alten Schulverehrer ist. Egal ob drei Tote auf der Schnellstraße oder das Entsorgen einer Leiche im Schredder – nichts bringt Marge Gunderson aus der Fassung. Vielmehr stoßen die verübten Verbrechen bei ihr bloß auf Verwunderung: “Here ya are and it’s a beautiful day. Well. I just don’t understand it”.

3. Walter Sobchak in The Big Lebowski: Mit demnächst sechs Filmen zählt John Goodman zum Stammpersonal der Coens. Sein zum jüdischen Glauben konvertierter Vietnam-Veteran Walter Sobchak ist dabei fraglos sein Magnus opum. Egal ob es um das Übertreten buchstäblicher Linien (“This is not ’Nam. This is bowling. There are rules.”), Lösegeldübergaben oder das Beschaffen kleiner Zehen geht, der leicht soziopathisch veranlagte Walter zeigt uns hier “what happens when you fuck a stranger in the ass”.

2. Johnny Caspar in Miller’s Crossing: Auch Jon Polito arbeitete mit den Brüdern mehrmals zusammen, am eindrücklichsten wohl als Unterweltboss mit ethischem Anspruch. Dieser verbietet es ihm auch, Gabriel Byrnes Figur nach einem Abkommen zu hintergehen: “You double-cross once – where’s it all end? An interesting ethical question”. Johnny Caspar ist eine Figur mit Rückgrat und Werten, die man lieber nicht herablassend behandelt (“What is this, the high hat?”) oder ihr sagt, man habe es gleich gewusst.

1. The Dude in The Big Lebowski: Doch es kann nur einen geben und wer könnte dies auch anderes sein als Jeff Bridges’ König der Slacker? Hineingezogen in eine Krimigeschichte à la Raymond Chandler verliert sich der dem White Russian verfallene Dude in der Suche nach seinem Teppich (“That rug really tied the room together.”) sowie der Frau eines Namensvetters und der Erschaffung neuen Lebens. “The Dude abides”, erklärt er lakonisch und wie der Stranger meint: “It’s good knowin’ he’s out there. The Dude”.

6. April 2013

Tomb Raider

The extraordinary is in what we do, not who we are.

Es ist einige Jahre her, seit Lara Croft das letzte Mal über den Bildschirm gehüpft ist. Zuletzt hatte der Archäologin des Spielentwicklers Square Enix ihr männliches Pendant Nathan Drake von Naughty Dogs Uncharted-Serie den Rang abgelaufen. Im März warf das Entwicklerteam von Crystal Dynamics nun erneut seinen Hut in den Ring und wartete – wie sollte es heutzutage auch anders sein? – mit einer Origin-Story auf. Die gab es zwar erst 2006 in Legends, dennoch erhielt die Britin ein erneutes Facelifting genauso wie eine inhaltliche Umorientierung. Denn der dieses Mal einfach Tomb Raider benannte Neuanfang bewegt sich in eine etwas andere Richtung als vor fünf Jahren noch bei Underworld der Fall.

Das Spiel beginnt dabei mitten in der Handlung. Eine junge Lara Croft (gesprochen von Camilla Luddington) befindet sich auf hoher See auf der Suche nach Yamatai, dem ersten schriftlich festgehaltenen Königreich in Japan. Allerdings erfährt der Spieler dies erst später, zu Beginn wird erstmal das Spielgeschehen in Aktion gesetzt. Ein Sturm sucht das Schiff heim und lässt es auf eine Insel auflaufen. Dort wird Lara von ihren Freunden getrennt und in eine Höhle verschleppt. Scheinbar sind sie tatsächlich auf Yamatai gelandet, doch ist die Insel bevölkert von dem sektiererischen Kult der Solarii rund um deren Führer Mathias, die der Sonnenkönigin Himiko hörig sind und Laras Freunde gefangen halten.

Statt durch Ruinen zu wandern und nach Fundstücken zu stöbern, biedert sich Tomb Raider also eher als ein Survival-Drama an. Unsere frisch von der Universität kommende Archäologin ist zu Beginn auf sich selbst angewiesen: verletzt, durchnässt und hungrig. Im Laufe des Spiels gilt es Erfahrungspunkte im Plündern zu sammeln, Tiere zu jagen und sich der Solarii zu erwehren. Der Fokus der Haupthandlung liegt darauf, ein Rettungssignal zu senden, um von der Insel zu gelangen, sowie seine Freunde, allen voran Kommilitonin Sam Nishimura, die Himiko als Opfergabe dargereicht werden soll, zu befreien und zu retten. Der Puzzle- und Schnitzeljagdaspekt der Schatzsucherei hält sich im Hintergrund.

Gerade zu Beginn erweckt das jüngste Spiel von Crystal Dynamics dabei Erinnerungen an das Vorjahresgame Far Cry 3. Hier wie dort wird der Spieler auf einer Insel gestrandet, seine Freunde gefangengenommen und man muss sich anschließend die Natur zu Nutze machen, um durch Erfahrungspunkte seine Fähigkeiten und Waffen aufrüsten zu können. Wo Far Cry 3 allerdings mit einem Open-World-Konzept und GTA-Charakter daherkam, orientiert sich Tomb Raider was den Ablauf angeht eher an den Uncharted-Teilen oder Batman: Arkham City. So wie in letzterem Vertreter kann man nach Beendigung der Haupthandlung zurück ins Spielgeschehen tauchen, um alle offenen Nebenmissionen vollends abzuschließen.

In diesen geht es dann nur gelegentlich um das tatsächliche Rauben von Gräbern, ansonsten müssen Dokumente, Artefakte und andere kleinere Trophäen unterwegs aufgesammelt werden. Die wiederum liefern dann auch die Hintergrundgeschichte um Laras Begleitung. Dass die reiche Familie ihrer Freundin Sam die Expedition finanziert, der ehemalige Marine und Kumpel von Laras Vater, Conrad Roth, als Begleiter fungiert oder der an Renommee eingebüßte Archäologe Dr. James Whitman durch den Fund von Yamatai seinen Ruf aufpolieren will. All das ist jedoch im Grunde nur Nebengeplänkel in Laras Unterfangen, ihre jeweiligen Aufträge und Missionen entgegen der allgegenwärtigen Präsenz der Solarii zu erfüllen.

Gerätselt werden darf bisweilen dennoch, gerade wenn es gilt, die jeweiligen Gräber zu rauben. Dass Lara jedoch mit einer Instinktfunktion versehen wurde, die als Hinweis- und Tippgeber fungiert, ist leider etwas zu viel der Hilfe. Im direkten Vergleich kam Underworld vor fünf Jahren also verzwickter daher, was in diesem Fall aber lediglich Jammern auf hohem Niveau darstellt. Denn auch wenn Tomb Raider in seinem unentwegten Ausschalten seiner Gegenüber – wahlweise per Bogen, Pistole, Maschinengewehr oder Schrotflinte – wenig von Far Cry 3 oder insbesondere der Uncharted-Reihe unterscheiden mag, gerät das Szenario so unterhaltsam, dass man beim Spielen schnell die Zeit vergisst.

Denn auch wenn diesmal die Handlung auf einer einzigen Insel spielt, gibt es genügend Set-Pieces, um für Abwechslung zu sorgen. Seien es Wald- oder Berglandschaften, Türme oder Shanty Towns, ein Schiffsfriedhof oder die Innenräume von Bunker, Tempel und Schiffen – kaum eine Szenerie sieht aus wie die Vorherige. Ohnehin gefällt das neue Design von Lara Croft und ihrer Welt, wirkt gewollt härter und an den Genrekollegen orientiert. Tomb Raider selbst kommt mit einer Freigabe ab 18 daher, was sich wohl zuvorderst der jeweiligen Cut Scenes verdankt, sollte Lara im Spiel sterben. Da wird ihr Schädel zertrümmert, ihr Körper aufgespießt, ihre Kehle durchgeschnitten oder ihr Genick von Wölfen gebrochen.

Etwas enttäuschend ist, dass der ganze Spaß nach rund 15 Stunden bereits vorbei ist – ähnlich wie bei Arkham City. Das Finale fühlt sich nicht wirklich wie ein solches an, was auch daran liegen könnte, dass man ein ähnliches Szenario zuvor bereits im Spiel durchleben musste. Die Luft für die Aufspürung der fehlenden Trophäen ist dann etwas raus, dennoch darf unterm Strich konstatiert werden, dass Tomb Raider, das insgesamt elfte Spiel und fünfte solche von Crystal Dynamics, ein gelungener – wenn vielleicht auch nicht unbedingt nötiger – Relaunch der populären Figur von 1996 ist. Die Zukunft für Lara Croft könnte insofern kaum rosiger aussehen und hoffentlich dauert ihre Rückkehr nicht wieder fünf Jahre.

8.5/10
Szenenbilder Tomb Raider © Square Enix

1. April 2013

Filmtagebuch: März 2013

THE BAD LIEUTENANT: PORT OF CALL - NEW ORLEANS
(USA 2009, Werner Herzog)
6.5/10

BEETLEJUICE
(USA 1988, Tim Burton)
7.5/10

THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI
(USA/UK 1957, David Lean)
9/10

THE CABLE GUY
(USA 1996, Ben Stiller)
5.5/10

CHILLERAMA
(USA 2011, Adam Green u.a.)
8/10

DOCTOR ZHIVAGO
(USA/I 1965, David Lean)
6.5/10

DUMB AND DUMBER
(USA 1994, Peter Farrelly)
8.5/10

FUN WITH DICK AND JANE
(USA 2005, Dean Parisot)
4/10

THE GATEKEEPERS [TÖTE ZUERST]
(IL/D/F/B 2012, Dror Moreh)
7/10

IN BRUGES [BRÜGGE SEHEN... UND STERBEN?]
(UK/USA 2008, Martin McDonagh)
8/10

JACK AND JILL
(USA 2011, Dennis Dugan)
3.5/10

KNOWING
(USA/UK/AUS 2009, Alex Proyas)
2.5/10

LAWRENCE OF ARABIA
(UK 1962, David Lean)
9/10

THE LOVED ONES
(AUS 2009, Sean Byrne)
3/10

EL ORFANATO [DAS WAISENHAUS]
(E/MEX 2007, Juan Antonio Bayona)
2/10

POLICE ACADEMY
(USA 1984, Hugh Wilson)
5/10

REALITY BITES
(USA 1994, Ben Stiller)
5.5/10

DE ROUILLE ET D’OS [DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN]
(F/B 2012, Jacques Audiard)
7/10

SMASHED
(USA 2012, James Ponsoldt)
4.5/10

THIS IS SPINAL TAP
(USA 1984, Rob Reiner)
8/10

TMNT [TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES]
(HK/USA 2007, Kevin Munroe)

6.5/10

TROPIC THUNDER
(USA/UK/D 2008, Ben Stiller)
5.5/10

VERONICA MARS - SEASON 1
(USA 2004/05, Nick Marck u.a.)
7/10

VERONICA MARS - SEASON 2
(USA 2005/06, John Kretchmer u.a.)
6/10

VERONICA MARS - SEASON 3
(USA 2006/07, John Kretchmer u.a.)
5.5/10

THE WALKING DEAD - SEASON 3
(USA 2012/13, Greg Nicotero u.a.)
7/10

WAR HORSE [GEFÄHRTEN]
(USA 2011, Steven Spielberg)

5/10

WHEN THE WIND BLOWS [WENN DER WIND WEHT]
(UK 1986, Jimmy T. Murakami)

5.5/10

WHO FRAMED ROGER RABBIT
(USA 1988, Robert Zemeckis)
8.5/10

Werkschau: Judd Apatow


THE 40-YEAR OLD VIRGIN [UNRATED VERSION]
(USA 2005, Judd Apatow)

4.5/10

KNOCKED UP [UNRATED VERSION]
(USA 2007, Judd Apatow)

5/10

FUNNY PEOPLE
(USA 2009, Judd Apatow)
6.5/10

THIS IS 40 [UNRATED VERSION]
(USA 2012, Judd Apatow)

6.5/10

Werkschau: The Coens


BLOOD SIMPLE. [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1984, Joel Coen)

8/10

RAISING ARIZONA
(USA 1987, Joel Coen)
6/10

MILLER’S CROSSING
(USA 1990, Joel Coen)
8/10

BARTON FINK
(USA/UK 1991, Joel Coen)
7/10

THE HUDSUCKER PROXY
(UK/D/USA 1994, Joel Coen)
7.5/10

FARGO
(USA/UK 1996, Joel Coen)
8/10

THE BIG LEBOWSKI
(USA/UK 1998, Joel Coen)
10/10

O BROTHER, WHERE ART THOU?
(UK/F/USA 2000, Joel Coen)
5.5/10

THE MAN WHO WASN’T THERE
(USA/UK 2001, Joel Coen)
6/10

INTOLERABLE CRUELTY
(USA 2003, Joel Coen)
5.5/10

THE LADYKILLERS
(USA 2004, Ethan Coen/Joel Coen)
7/10

NO COUNTRY FOR OLD MEN
(USA 2007, Ethan Coen/Joel Coen)
7/10

BURN AFTER READING
(USA/UK/F 2008, Ethan Coen/Joel Coen)
6.5/10

A SERIOUS MAN
(USA/UK/F 2009, Ethan Coen/Joel Coen)
6.5/10

TRUE GRIT
(USA 2010, Ethan Coen/Joel Coen)
6.5/10

25. März 2013

The Bridge on the River Kwai

Good show! Jolly good show!

Das Kino von heute besteht aus Prequels, Sequels, Remakes und Reboots – und aus jeder Menge CGI. Die wiederum sollen gut aussehen und wenig kosten, denn andernfalls könnte man ja gleich die gemütlichen Gefilde eines Studios verlassen. Epische Filme on location zu drehen wird immer seltener und ein Film wie The Bridge on the River Kwai würde heute vermutlich nicht erneut so entstehen wie in den 1950er Jahren. Damals drehte Regisseur David Lean über acht Monate – genau: 251 Tage – im Dschungel von Sri Lanka, ließ 1.500 Bäume fällen, um jene Brücke für damals rund $250,000 (Inflationsbereinigt wären das heute circa zwei Miliionen Dollar) über den Fluss Kelani in 90 Fuß Höhe zu bauen.

Dabei unterscheidet den Film im Grunde wenig von heutigen Blockbustern, zumindest begleiten ihn dieselben Geschichten. Sein hohes Budget (damals drei Millionen Dollar) war ein Risko, die Dreharbeiten im Ausland dauerten ein dreiviertel Jahr und die Besetzung des Regiestuhls wie der Hauptdarsteller war eine 1b-Lösung. Eigentlich wollte Produzent Sam Spiegel die Inszenierung der Adaption von Pierre Boulles Roman John Ford oder Howard Hawks anvertrauen. David Lean erhielt den Zuschlag nur, weil Spiegel niemand anderen fand – und Lean selbst akzeptierte nur, weil der finanziell klamme Brite Geld brauchte. Und auch bei den beiden Hauptdarstellern engagierte man letztlich nicht seine Wunschkandidaten.

Die Titelrolle des von Integrität und militärischer Disziplin beherrschten Lt. Colonel Nicholson übernahm der zuvor primär als Komödiendarsteller aufgetretene Alec Guinness, da es mit Charles Laughton nicht klappte. Als Hollywood-Gallionsfigur strebte man eher Cary Grant oder Spencer Tracy an, am Ende erhielt William Holden den Zuschlag und eine Rekordgage von $300,000 mit zehnprozentiger Gewinnbeteiligung. Das Resultat ist bekannt, The Bridge on the River Kwai avancierte zum Kassenhit und spielte das 11-fache seiner Kosten ein. Holden hatte finanziell ausgesorgt, derweil erhielten Spiegel, Lean und Guinness drei von insgesamt sieben Academy Awards. Der Film selbst wurde anschließend zum Klassiker.

Rückblickend betrachtet kann man nur sagen, dass er dies zurecht ist. Basierend auf Boulles Roman von 1952 und dem britischen Colonel Philip Toosey erzählt The Bridge on the River Kwai die Geschichte dreier Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Von ihrer Würde, ihrem Stolz und ihren militärischen Verpflichtungen. Auf der einen Seite steht der japanische Colonel Saito (Sessue Hayakawa), der ein Kriegsgefangenenlager im thailändischen Dschungel leitet und innerhalb der nächsten Monate eine Brücke über den Fluss Kwai gebaut haben muss. Ihm gegenüber steht Alec Guinness’ auf den Genfer Konventionen beharrender Lieutenant Colonel Nicholson, der sich weigert, dass seine Offiziere körperliche Arbeit leisten.

Damit beginnt Nicholson ein zähes, psychologisches Duell mit seinem Gegenüber, bei dem beide Männer nicht ihr Gesicht verlieren wollen. Unterdessen bricht der US-Marineoffizier Shears (William Holden) aus dem Gefangenenlager aus – nur um in Ceylon von dem britischen Major Warden (Jack Hawkins) wider Willen für eine Sabotage-Mission an der Brücke rekrutiert zu werden. Ihr aller Schicksal wird später an dieser Brücke entschieden, in einer dramatischen Klimax, die Stolz, Würde und Ehre außer Acht lässt und in der Shears entgegen seiner eigenen zuvor postulierten Worte handelt: “How to die like a gentleman, how to die by the rules – when the only important thing is how to live like a human being”.

Insofern geht es in Leans Film weniger um das Bauen oder Verhindern einer Brücke als um die Charaktere und ihre Werte. So vermisst Saito die Scham der unterlegenen Briten und diese wiederum setzen alles daran, ihre Ehre zu behalten. “You have survived with honour”, addressiert später Nicholson seine Männer. “You have turned defeat into victory.” In gewisser Weise avanciert The Bridge on the River Kwai in der Beziehung zwischen Saito und Nicholson, die durchaus Respekt füreinander empfinden, zum Culture Clash zweier stolzer Nationen. Für Shears geht es dagegen lediglich um sein Überleben, weniger um die Aufrechterhaltung seiner Würde oder irgendwelcher westlicher (Militär-)Konventionen.

Diese waren ohnehin in der Realität außer Kraft gesetzt, angesichts von mehr als 1.000 japanischer Lager in Burma und Thailand während des Krieges mit rund 90.000 Alliierten als Gefangenen. Deren Todesrate lag mit 27 bis 37 Prozent höher als die in den deutschen oder italienischen Lagern. Was wiederum Shears Fluchtstreben erklärt und seine Ignoranz der widrigen Umstände in Thailand (“We are an island in the jungle”, erklärt Saito entsprechend). Für Nicholson geht es jedoch darum, den Männern einen Sinn zu geben und damit etwas, an dem sie festhalten können. Entsprechend bestrebt ist der Militäroffizier, den Japanern deshalb die bestmögliche Brücke zu bauen, die den britischen Soldaten möglich ist.

Ein Vorhaben, das nicht jedem einleuchtet. “Must we work so well?”, wird Nicholson von Lagerarzt Major Clipton (James Donald) gefragt. “Must we build them a better bridge than they could have built for themselves?” Aber gerade darin liegt für Nicholson der Sieg in der Niederlage. Und angesichts solcher bornierter Typen wie Nicholson, Saito und Warden können Außenstehende wie Shears letztlich nur klein beigeben oder wie Clipton später resümieren, dass das Geschehene und Gesehene nichts weiter ist als Wahnsinn. The Bridge on the River Kwai ist trotz seiner historischen Einordnung in den Zweiten Weltkrieg somit weniger Kriegsfilm als vielmehr Psychogramm seiner Figuren und damit Charakterkino.

Zwar ist der Film zuletzt in der Gunst des American Film Institute um 23 Plätze von Platz 13 auf Platz 36 der 100 besten Filme aller Zeiten gefallen, an der Klasse von The Bridge on the River Kwai und seinem Status als Meisterwerk hat dies jedoch nichts geändert. Wie John Milius in einem Interview im Bonusmaterial korrekt bemerkt: Es lassen sich schwerlich bessere Charaktere schreiben als dies Carl Foreman und Michael Wilson getan haben. Am Ende entwickelte sich Leans Film zu einer Win-Win-Situation für alle Beteiligten – das Publikum eingeschlossen. The Bridge on the River Kwai ist somit ganz großes Kino und ganz klar ein Werk der Marke: Solche Filme werden heute gar nicht mehr gedreht. Leider.

9/10

19. März 2013

Detropia

Thank God for the opera.

In der Regel dienen Vorher-Nachher-Grafiken der Veranschaulichung von Verbesserungen. Solche würden sich bei der US-Stadt Detroit wohl kaum finden. War Detroit im Jahr 1930 noch “the fastest growing city in the world”, so ist die Stadt inzwischen “the fastest shrinking city in the United States”. Rund 10.000 Häuser wurden in den vergangenen Jahren abgerissen, alle 20 Minuten zieht eine Familie aus. Das berichtet uns Detropia, der neue Film von Heidi Ewing und Rachel Grady, Regisseurinnen von Jesus Camp und 12th and Delaware. In den letzten 50 Jahren verlor Detroit die Hälfte seiner Bevölkerung, Michigan wiederum im vergangenen Jahrzehnt gut 50 Prozent seiner Arbeitsplätze im Fertigungsbereich.

Detroits Niedergang hängt natürlich auch mit der jüngsten Wirtschaftskrise zusammen. Für den Ex-Lehrer und Bar-Besitzer Tommy Stephens läutete 2008 jedoch weniger eine Rezession denn eine neuerliche Depression ein. “We were in 1929”, echauffiert er sich. Kamen früher die Fabrikarbeiter der Automobilhersteller nach der Arbeit in seine Bar und orderten Großbestellungen, bleiben diese inzwischen aus. Woran das liegt, zeigt uns der Film, als er ein Gewerkschaftstreffen besucht. Der Autozulieferer American Axle hatte zuvor bereits 2.000 Arbeitsplätze nach Mexiko verlagert und droht nun auch die letzte Fabrik in Detroit zu schließen. Es sei denn, die Arbeiter nehmen Lohnkürzungen von bis zu 25 Prozent hin.

“To humiliate us”, schnaubt Gewerkschaftsführer George McGregor. Seine Arbeiter lehnen eine Verhandlung entsprechend ab, American Axle schloss daraufhin die Fabrik. Wie sehr die Stadt, in der Henry Ford einst seine Firma begründete, von der Automobilbranche abhängt, zeigt sich auch in anderen Facetten. Zum Beispiel bei der Michigan Oper, die von drei Auto-Konzernen finanziell abhängig ist. “Everything in Detroit is at stake”, sagt daher auch Oper-Direktor David Dickiera. Mit dem Problem der verstärkten Abwanderung beschäftigt sich auch das Rathaus der Stadt, eine Lösung zeichnet sich jedoch nicht ab. Die Probleme sind dabei nicht ausschließlich Detroit-bezogen, sondern teils von landespolitischer Natur.

Denn im internationalen Wettbewerb scheint China den USA den Rang abgelaufen zu haben. Das merkt auch Tommy Stephens, als er mit Ewing und Grady eine Automobilmesse besucht. Dort stellt der chinesische Autohersteller BYD (Built Your Dreams) ein Elektroauto für den Preis von $20.000 vor. Wenige Meter weiter verlangt General Motors für seinen in Detroit hergestellten Chevrolet mit Elektroantrieb das Doppelte. Alles, so will Detropia zeigen, ist in Detroit vernetzt. Die Automobilbranche stützt die Arbeiter und die Oper, die Oper dann Etablissements wie den Coffeeshop auf der anderen Straßenseite und die Arbeiter der Fabriken unterstütz(t)en wiederum die Bar von Tommy Stephens. Ein einziger, großer Kreislauf.

Alles hängt scheinbar mit der Automobilbranche zusammen. Ideen des Rathauses, die verstreut lebende Bevölkerung zu bündeln und das Umland dann in Farmen umzugestalten, treffen bei den Detroitern keinen Nerv. Im Gegenteil, sie wecken Segregationserinnerungen. Die vielen leerstehenden Gebäude sorgen mit ihren niedrigen Mietpreisen derweil für einen Gentrifizierungseffekt. (Performance-)Künstler wie Steve und Dorota Coy ziehen nach Detroit, weil sie hier günstige Lofts und Ateliers nicht nur mieten, sondern sogar kaufen können. Die brachliegenden Gebäude bilden zudem gleich ein künstlerisches Motiv. Gentrifizierung als Chance, propagiert Detropia in seinem finalen Akt – allerdings nicht konsequent.

Gerade die Gentrifizierung hätte der Film konkreter ansprechen können, kommt ihr Potential für eine „Re-Population“ doch etwas zu kurz. Genauso wie die anderen Ursachen für den Niedergang Detroits, der nicht nur durch die Rezession von 2008 zu erklären ist. Wo liegen Alternativen zur Automobilbranche, wo die Chancen zur Regeneration? Letztlich hätte Detropia mehr aus seinen Möglichkeiten machen können, auch als warnendes Beispiel für andere “motor cities” wie sie in Bochum zu finden sind. Dennoch ist Ewing und Grady ein kurzweiliger und interessanter Beitrag gelungen, der bei all seinen Requiem-Elementen auch Hoffnung birgt. “It’ll come back”, zeigt sich selbst Tommy Stephens zuversichtlich.

6.5/10

11. März 2013

Spring Breakers

Hit Me, Baby, One More Time.

Harmony Korine macht es einem nicht leicht, was durchaus seine Berechtigung hat, ist der Auteur nicht von ungefähr dem Avantgardefilm zuzurechnen. Zuletzt irritierte er den gewöhnlichen Kinozuschauer, insofern der das Werk überhaupt zu Gesicht bekam, mit dem vergnüglichen VHS-Found-Footage-Porträt Trash Humpers. Am bekanntesten ist er aber für sein Varieté-inspiriertes Debüt Gummo von 1997. Stets abstrakt und meist non-linear verdichtet Korine gerne surreale Episoden über soziale Außenseiter. Mit Spring Breakers legt der Amerikaner nun seinen in gewisser Weise zwar unpersönlichsten und zugleich doch reifsten Film vor. Ein nahezu perfektes Amalgam aus Avantgarde, Arthouse und Mainstream. Und damit womöglich nicht mehr und nicht weniger als sein opus magnum.

Denn Spring Breakers kann durchaus als filmisches Spiegelbild des Rezipienten gelesen werden. So erzählt der Film auf der einen Seite natürlich „nur“ die Geschichte von vier heißen Studentinnen (u.a. Vanessa Hudgens und Selena Gomez), die in den Frühlingsferien leichtbekleidet dem Hedonismus in Florida frönen, um dem Uni-Alltag zu entkommen. Und die dabei letztlich vom regionalen Rapper Alien (James Franco) für sein Crime-Start-up rekrutiert werden. Sex, Drogen und Dubstep für die Facebook-Generation. Unter der Oberfläche werden jedoch malicksche Themen wie die Suche einer Generation nach einem versprochenen und verlorenen Paradies sowie einer eigenen Identität in einer Kultur, der man nur auf der Überholspur auf Augenhöhe zu begegnen vermag, behandelt.

“That’s what life is about”, proklamiert Alien später in seinem Strandhaus, während sich Candy (Vanessa Hudgens) auf einem Bett voller Dollar-Scheine wälzt und der bling-bling-Rapper stolz seine Sammlung an Uzis und AK-47 präsentiert. Die Botschaft des Films, das machen seine Figuren deutlich, ist, dass der American Dream nicht von selbst kommt. Man muss ihn sich nehmen. Oder konkreter: Man muss ihn anderen wegnehmen. Das fängt schon damit an, dass Brit (Ashley Benson), Candy und Cotty (Rachel Korine) aufgrund finanzieller Ebbe zu Beginn die Reisekosten nach Florida erstehlen müssen. “Pretend like it’s a videogame”, sagen sie sich und driften fortan verstärkt in eine surreale Parallelwelt ab, voll von Koks, Alkohol, schweren Waffen, Schalldämpfer-Fellatio und Britney Spears.

Korine kontrastiert dabei die abgedunkelten Hörsäle anonymisierter Hochschulen inmitten eines trostlosen und verregneten Nirgendwo mit den paradiesischen Vorstellungen eines von Sonne durchfluteten Floridas, in welchem die Zukunftssorgen und der Alltagsstress in der Heimat gelassen wurden und man stattdessen eine einzige große Party feiert, damit sich persönlich sowie alle anderen und letztlich das Leben selbst zelebrierend. Dieses findet nicht in der Ungewissheit des tomorrowland statt, sondern right here, right now. Wenn Faith (Selena Gomez) dann ihrer Bibelgruppe entflieht, um in nächtlichen Telefonanrufen ihre Oma zum Spring Break einzuladen und im Hotelpool philosophiert, ist die menschliche Suche nach dem Paradies gleichzeitig so nah und doch so fern wie möglich.

Natürlich lässt sich der Sorglosigkeit nicht lange entfliehen, die Realität ist in Spring Breakers immer nur zwei Schritte hinterher und so landen die Mädchen unweigerlich durch die Begegnung mit James Francos – jenseits des overactings in teilweise brillante Sphären kalibrierten – Alien in einer fremden Welt. Und damit in einem ausgewachsenen Bandenkrieg. Denn wie sich zeigt, ist Francos Figur auf ihre Weise eher ein “illegal alien” in Korines selbstgeschaffenem Garten Eden, den jeder der Charaktere in Spring Breakers für sich selbst beanspruchen will. Im Folgenden werden die neu geschaffenen Identitätsbilder der Mädchen und von Alien zur Prüfung auf die Waage gelegt. Und sie alle müssen sich entscheiden, ob sie ihrer „Realität“ standhalten können: “Pretend like it’s a videogame”.

Sowohl inhaltlich auch inszenatorisch hat Harmony Korines jüngster Film wenig mit seinen früheren Werken gemein. Das zeigt sich zuvorderst im Visuellen, das sich in klaren, scharfen, knackigen und bunten Farben widerspiegelt. “There’s this obsession nowadays with technology and with the fact that everything looks so clear”, hatte Korine zum Start von Trash Humpers noch im Gespräch mit Vulture kritisiert. “Everything needs to be so high-definition.” Mit Spring Breakers legt er nun selbst den totalen Gegenentwurf zu seinem Dogma 95-Film Julien Donkey-Boy vor. Kongenial von einem Score Cliff Martinez’ sowie Songs von Musikern wie Skrillex unterlegt, orientiert sich Spring Breakers formal wie narrativ eher an Korines Kurzfilmen Umshini Wam oder Lotus Community Workshop.

Das Beste aus zwei Welten, könnte man so sagen. Denn nur weil sich Korine visuell wie narrativ eher an den Mainstream anschmiedet, was sich allein durch die Besetzung zeigt, heißt dies nicht, dass man auf korineske Elemente verzichten muss. Während der Film in der Tat eher Erinnerungen an seine Kurzfilme, darunter auch Act da Fool, weckt, wird immer noch eine Geschichte von Vandalismus treibenden Außenseitern erzählt. Von einer Rebellion gegen das Establishment, sozusagen. Der „Wahnsinn“ des Regisseurs ist in diesem Fall an die Leine genommen, vergleichbar mit geerdeteren Filmen von Seelenverwandten wie Werner Herzog. Was Spring Breakers also auszeichnet, ist, dass die kreativen Auswüchse des Auteurs zur Abwechslung hier also nicht Amok, sondern ineinander laufen.

Das Ergebnis sind avantgardistische Ideen, kombiniert mit Elementen des Arthouse-Kinos im Gewand des Mainstream-Films. Der Wolf im Schafspelz, gewissermaßen. Aber wenn sich der so sexy und kokett verkleidet wie Ashley Benson und Vanessa Hudgens, um sich lasziv zu bunten Bildern von ins Nirvana hämmerndem Dubstep unterlegt zu räkeln, ist man gerne das Rotkäppchen. Am Ende kann – oder muss – konstatiert werden, dass Harmony Korine mit Spring Breakers nicht nur den bisher vorläufigen Höhepunkt seines Schaffens erreicht hat, sondern mit seinem jüngsten Auswuchs einen der großen Filmen von 2013 abliefert – wahrscheinlich sogar darüber hinaus. Oder wie es James Franco an einer Stelle so schön sagt: “Spring Break. Spring Break. Spring Break forever, bitches”.

10/10

5. März 2013

Bully

I’m just a teenage dirtbag, baby.

Kinder können grausam sein. Das weiß vermutlich niemand besser als die 69-jährige Karen Klein, die jahrelang im US-Bundesstaat New York als Schulbus-Begleitung fungierte. Bis sie im Juni 2012 von vier Schülern im Bus derart bedroht und beschimpft wurde, dass ein Handyvideo der Jugendlichen auf YouTube viral ging. Die Teenager wurden darauf ein Jahr suspendiert und Klein ist nach einer weltweiten Internet-Spendenaktion mehr als eine halbe Million Dollar reicher. Ein Happy End, das in den USA nicht jedem, der Opfer von Schülermobbing ist, beschert wird. So verübte 2009 der 17-jährige Schüler Tyler Long Selbstmord, als ihn seine Mitschüler wiederholt aufforderten, sich zu erhängen, weil er wertlos sei.

“I think he got to this point where enough was enough”, blickt Tylers Vater David Long mit wässrigen Augen in Lee Hirschs Dokumentation Bully zurück. “I still think he’s gonna come through that door”, sagt Long. “But I know he’s not.” In den USA sind Suizide nach Mobbing (engl. bullying) kein Einzelfall. “Bullycide” wurde als Portmanteau-Wort kreiert. Im Jahr 2010 erhängte sich in Massachusetts die 15-jährige Phoebe Prince, in Oklahoma setzte der 11-jährige Ty Field seinem Leben ein Ende. In den USA wird eines von vier Kindern regelmäßig in der Schule gemobbt, insgesamt sind 30 Prozent der Schüler in Mobbing involviert, entweder als Opfer oder Täter. Lee Hirsch widmet sich in Bully fünf solcher Mobbing-Vorfälle.

Am prominentesten verfolgt Hirsch den 12-jährigen Alex Libby, der jeden Tag im Schulbus geschlagen, gewürgt und bedroht wird. In der Schule wollen sich viele gar nicht mit ihm abgeben, er gilt aufgrund seines Aussehens als “freak” bei seinen Mitschülern. “I feel like I belong somewhere else”, gesteht er. Seine kleine Schwester erzählt, sie wird aufgrund ihrer Verwandtschaft zu ihm gemobbt. “That doesn’t even make sense”, zeigt sich Alex irritiert. Ab einem Zeitpunkt nimmt die Gewalt gegen ihn so zu, dass Hirsch, der mit versteckter Kamera gefilmt hat, die Aufnahmen seiner Mutter und Alex’ Rektorin Kim Lockwood zeigt. Doch die Hilf- und Planlosigkeit der Rektorin hatte Bully zuvor bereits verdeutlicht.

Zu Beginn des Films läuft Lockwood im Schulgang ein Junge mit blutendem Kopf entgegen, dessen Schädel von einem Mitschüler auf einen Nagel geschlagen wurde. “You didn’t like that, did you?”, fragt die Rektorin sogar noch und leistet später gegenüber der Kamera den Offenbarungseid: “Tell me how to fix this. I don’t know”. Mobbing floriert laut Studien speziell an den Schulen, wo es nicht angesprochen wird, die Lehrer keine Aufsicht leisten. In manchen Fällen, wie bei der 16-jährigen homosexuellen Kelby Johnson, beteiligt sich die Belegschaft sogar am Mobbing und stellt die Jugendliche vor der versammelten Klasse bloß. “The school doesn’t care”, bestätigt Kelbys Vater entsprechende Gespräche mit dem Schulrektorat.

Kelby berichtet, wie sie auf dem Heimweg von Mitschülern angefahren wurde, dass sie Selbstmordgedanken hatte. Auch dem friedfertigen Alex setzt das Mobbing zu. “They push me so far that I want to become the bully”, gesteht er. Ähnlich erging es der 14-jährigen Ja’meya Jackson, die gegen ihre Peiniger eines Tages im Schulbus die Pistole ihrer Mutter erhob, um sie zum Schweigen zu bringen. Sofort lastete sie sich damit 22-faches Kidnapping und versuchte schwere Körperverletzung auf. Mit einer Handlung sieht sie sich nun 45 Anklagepunkten gegenüber und sitzt zu Beginn von Bully in Untersuchungshaft. Es sind ungemein eindringliche und erschütternde Vorfälle, die Hirsch in seinem Film Bully dokumentiert.

Allerdings geht die Dokumentation über das Emotionale auch nicht hinaus. Hirsch versucht gar nicht, aufzuschlüsseln, warum Jugendliche zu Tätern werden. Er spricht weder mit solchen Schülern, noch mit Psychologen oder Soziologen. Was sind die Ursachen für Mobbing? Wie könnte man es verhindern? Forschern zufolge kann es einen populär machen, andere zu piesacken. Gefördert wird Bullying, wenn man im eigenen Elternhaus zu viele Freiheiten erhält oder zu sehr diszipliniert, kaum beaufsichtigt wird. Bully will den Zuschauer lediglich erschüttern, was der Film auch schafft. Im Gegensatz dazu, einen aufzuklären. “Maybe what it takes is only for one person to stand up”, mutmaßt Kelby. Es wäre zumindest ein Anfang.

6.5/10

1. März 2013

Filmtagebuch: Februar 2013

5 BROKEN CAMERAS
(PS/IL/F/NL 2011, Emad Burnat/Guy Davidi)
7.5/10

THE A-TEAM [EXTENDED CUT]
(USA 2010, Joe Carnahan)
6.5/10

BORGEN - SEASON 1
(DK 2010, Annette K. Olesen u.a.)
6.5/10

BULLY [HARTE SCHULE]
(USA 2011, Lee Hirsch)
6.5/10

CELESTE & JESSE FOREVER
(USA 2012, Lee Toland Krieger)
6/10

DELIVER US FROM EVIL
(USA 2006, Amy J. Berg)
7.5/10

DETROPIA
(USA 2012, Heidi Ewing/Rachel Grady)
6.5/10

ED WOOD
(USA 1994, Tim Burton)
10/10

ER - SEASON 14
(USA 2007/08, Christopher Chulack/Stephen Cragg u.a.)
7.5/10

ER - SEASON 15
(USA 2008/09, Christopher Chulack u.a.)
7/10

THE EXPENDABLES 2
(USA 2012, Simon West)
6.5/10

FLYING SAUCERS OVER HOLLYWOOD: THE ‘PLAN 9’ COMPANION
(USA 1992, Mark Patrick Carducci)
7/10

THE HOUSE I LIVE IN
(USA/UK/AUS/D/J/NL 2012, Eugene Jarecki)
7/10

THE HOUSE OF THE DEVIL
(USA 2009, Ti West)
7/10

HOW TO SURVIVE A PLAGUE
(USA 2012, David France)
7/10

JUDGMENT NIGHT
(USA/J 1993, Stephen Hopkins)
6/10

THE LAST GLADIATORS
(USA 2011, Alex Gibney)
7/10

MOON
(UK 2009, Duncan Jones)
9/10

THE OSCARS
(USA 2013, Don Mischer)
3/10

SHERLOCK HOLMES: A GAME OF SHADOWS
(USA 2011, Guy Ritchie)
5/10

THE PAPERBOY
(USA 2012, Lee Daniels)
6/10

PAPERMAN [KURZFILM]
(USA 2012, John Kahrs)
8/10

PLAN 9 FROM OUTER SPACE
(USA 1959, Edward D. Wood Jr.)
7.5/10

WRONG TURN
(USA/D 2003, Rob Schmidt)
5.5/10

22. Februar 2013

How to Survive a Plague

Life is worth living. Isn’t it?

Von “Oscar snubs” ist meist die Rede, wenn ein Film oder eine Person wider Erwarten der Cineasten nicht für den prestigeträchtigsten Filmpreis der Welt nominiert wird. Oft treten solche Fälle in der Dokumentarfilm-Kategorie auf, mit prominenten Beispielen wie Grizzly Man oder Senna. In beiden Fällen wurde zuerst gemutmaßt, dass ihre Auslassung damit zusammenhängt, dass sie zu einem Großteil aus Archivmaterial bestehen. Dass dem nicht so ist, stellte vor zwei Jahren ein Jury-Mitglied klar und zeigt dieses Jahr auch David Frances How to Survive a Plague. In diesem erzählt France primär mit Archivmaterial von dem Kampf der New Yorker Bewegung Act Up und ihrer Politisierung von AIDS Anfang der 1990er.

Von 1981 bis 2009 hat AIDS weltweit rund 30 Millionen Tote gefordert. Bis heute gibt es keine Heilung, aber zumindest eine effektivere Behandlung als vor 20 Jahren, einer Zeit, in der für Erkrankte wenig Hoffnung bestand. Zwischen 1991 und 1992 starben 900.000 Menschen an AIDS, drei Jahre später waren es bereits doppelt so viele in einem Zeitraum von einem Jahr. “We’re as good as dead”, sagt an einer Stelle der HIV-infizierte Schriftsteller Larry Kramer. “I’m gonna die from this”, gibt zu Beginn von How to Survive a Plague der Banker Peter Staley konsterniert zu Protokoll. “This isn’t gonna be cured for years and years and years.” Was sie vermissen, ist ein öffentliches und politisches Bewusstsein von AIDS.

Einer der Schuldigen ist die Regierung. Zuerst die von Ronald Reagan, dann die von George Bush. Rettung verspricht aber auch nicht die Kandidatur von Bill Clinton im Jahr 1992. Es scheint, die schwul-lesbische Gemeinde und die HIV- und AIDS-Kranken sind auf sich allein gestellt. Und damit abhängig von Bewegungen wie Act Up. “It’s like living in a war”, beschreibt Staley Anfang der 1990er die Situation, dass Freunde um einen herum sterben. Wie lässt sich die Krankheit behandeln? Was könnte medizinisch helfen? Die Erkrankten “had to become scientists to some degree”, erläutert Staley. Zwar kommt 1987 AZT als viel versprechendes Medikament auf den Markt, kostet jedoch pro Patient $10.000 im Jahr.

“The most expensive drug in history”, schnaubt Staley. Was folgt, sind Demonstrationen. Vor Behörden, in Politiker-Büros, auf Kongressen. Die HIV- und AIDS-Bewegung will wahr- und ernst genommen werden. Und wenn schon keine Heilung, dann zumindest die Chance auf ein Überleben bekommen. Währenddessen sterben weiterhin die Freunde und Bekannte von Aktivisten wie Staley, Kramer oder auch Bob Rafsky. Der AIDS-kranke Journalist und Vater konfrontierte Bill Clinton 1992 während einer seiner Wahlkampfreden und verfluchte – sprichwörtlich – George Bush. Verständlich, bei Hunderttausenden neuen Toten pro Jahr. Am Ende von Frances Film wird nicht jeder der Protagonisten noch am Leben sein.

Thematisch ähnlich wie der ebenfalls Oscarnominierte We Were Here von 2011, ist Frances Film jedoch weniger persönlich und dafür mehr protokollarisch geraten. Über acht Jahre umfasst How to Survive a Plague, der abgesehen von Talking Heads mit den Protagonisten hauptsächlich aus einer erstaunlichen Fülle an Archivmaterial von damals besteht. Zwar ist er kein derart einnehmendes Ergebnis wie bei Herzog und Kapadia der Fall, dennoch gelingt France auch dank der starken musikalischen Untermalung von Stuart Bogie ein spannendes Dokument Zeitgeschichte. Mit einem vermeintlich versöhnlichen Abschluss, wenn man Mitte der Neunziger schließlich in der Kombinationstherapie einen ersten Lösungsansatz findet.

Wo We Were Here etwas mehr Fakten vertragen hätte, dürfte How to Survive a Plague gerne persönlicher sein. Zwar gibt Staley als “frontrunner” eine sympathische Identifikationsfigur ab, auf die anderen Protagonisten wie Iris Long hätte man jedoch mehr Fokus setzen können. Eine Mischung aus beiden Dokumentationen oder eine AIDS-thematische Mini-Serie wäre vielleicht der Weisheit letzter Schluss, aber auch so stellen die zwei Dokumentationen eine interessante Doppelvorstellung dar. Ohne zuviel zu verraten, sind entgegen der Befürchtungen im Film Larry Kramer und Peter Staley bis heute wohlauf. Für eine Auszeichnung am Sonntag dürfte das zwar nicht reichen, für einen “Oscar snub” allerdings auch nicht.

7/10