30. September 2010

Samā Wōzu

Koi Koi!

Für den Menschen des 21. Jahrhunderts ist Social Media inzwischen sein Wasser und Brot. Eine Studie der Universität in Maryland fand im April 2010 heraus, dass sich Studenten sozial abgeschottet fühlen und Entzugserscheinungen haben, wenn sie 24 Stunden nicht ihr Facebook-Profil besuchen. Die digitalen Freunde sind für die 500 Millionen Facebook-Nutzer inzwischen wichtiger geworden als ihre realen sozialen Kontakte. Was Facebook für den Westen ist, bedeutet jedem vierten Japaner sein Mixi. In Hosoda Mamorus jüngstem Film Samā Wōzu übernimmt die fiktive Welt OZ die Rolle des sozialen Netzwerks. Hier hat jeder sein Avatar, vom Gymnasiasten bis hin zum Militär. Man unterhält sich mit seinen Freunden online, ficht Kämpfe aus oder geht einkaufen. OZ ist von fast überall zugänglich, sei es das Notebook, der Nintendo DS oder das Mobiltelefon. Was passieren kann, wenn sich der Mensch zu sehr in den Social Media verliert und diese von einem Dritten gehackt werden, zeigt Samā Wōzu.

Während seiner Sommerferien wollte das Mathe-Genie Kenji (Kamiki Ryūnosuke) eigentlich als Moderator für OZ arbeiten. Doch als Natsuki (Sakuraba Nanami), das populärste Mädchen der Schule, ihm für vier Tage einen Privatjob anbietet, willigt Kenji natürlich ein. Nichtsahnend, dass er nun vor ihrer Großfamilie zum 90. Geburtstag der Großmutter Sakae (Fuji Sumiko), dem Familienoberhaupt, Natsukis Pseudo-Freund mimen muss. Da kommt ihm eine nächtliche SMS mit einem Zahlencode gerade recht. Bis zum Morgengrauen hat Kenji das Ganze entschlüsselt, nur um sich kurz darauf in den Nachrichten wiederzufinden: als Hacker von OZ. Wie sich herausstellt, hat der Schüler durch sein Passwort einer KI Zugang in das soziale Netzwerk gewährt - und diese beginnt fortan, nicht nur Chaos zu veranstalten, sondern sich zudem die anderen Profile einzuverleiben. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, droht auch noch das Ende der Welt. Lediglich Kenji, Natsuki und ihre Familie können dies verhindern.

Von Hosoda-san stammte vor drei Jahren der exzellente Toki o Kakeru Shōjo, an dessen Klasse Samā Wōzu zwar nicht heranreicht, aber dennoch sehr gut unterhält und gegen Ende berührt. Zurückführen lässt sich das natürlich auf die große und über weite Strecken sehr herzliche Familie Jinnouchi, die vom großmäuligen Onkel über die Baseball-begeisterte Tante bis hin zu den naseweisen Kleinkindern reicht. Es sind auch diese familiären Momente, die zugleich - wie es im japanischen Kino üblich ist - für humorvolle Szenen herangezogen werden. Auch die sehr zurückhaltend inszenierte Liebesgeschichte zwischen Kenji und Natsuki gehört zu den emotionalen Gewichten auf Hosodas Waage. Gerade die romantischen Gefühle der beiden Schüler spielen sich nahezu komplett im Hintergrund ab, frei von der Aufdringlichkeit des westlichen Kinos reicht eine einzige Szene, eine einzige Berührung der Finger, um glaubhaft und bewegend eine Veränderung in der Beziehung der Beiden zu schildern.

Die meiste Zeit verbringt das Publikum mit Kenji und den Jinnouchis, wohingegen man von OZ selbst nur zu Beginn des Filmes einen Eindruck erhält. Ist die KI, „Love Machine“ genannt, erst einmal im System, verschwindet eigentlich nahezu alles, was OZ zuvor ausgezeichnet hat. Einem bedrohlichen Tyrann gleich, verschanzen sich die übrigen Avatare - sich lediglich dann zeigend, wenn jemand für sie und ihr soziales Netzwerk einzutreten bereit ist. Diese an Terry Malloy angelegte Figur übernimmt der Avatar „King Kazma“ von Natsukis 13-jährigem Otaku-Cousin Kazuma (Tanimura Mitsuki). In der digitalen Welt von OZ können nun jedwede Actionszenen Einzug finden, für die in der Realität kein Platz ist, die allerdings zum Unterhaltungswert des Filmes enorm beitragen. Hier wie da propagiert Hosoda natürlich das Motto „(Nur) Gemeinsam sind wir stark“, das in Hunderten von Filmen aufgegriffen wurde, unter anderem natürlich auch in dem messianisch angehauchten On the Waterfront von Elia Kazan.

Was Samā Wōzu vermissen lässt, ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen „soziales Netzwerk“. Unabhängig davon, dass die Gefahr am Ende durchaus real wird, fürchten die Protagonisten um ihre Avatare als wäre es ihr eigen Fleisch und Blut. Die Problematik der vermehrten Verlagerung ins Web 2.0 und das verstärkte Verlieren in dieses (Kazumo müsste als Otaku Warnung genug sein), wird von Hosoda nicht beachtet. OZ wird als so selbstverständlich erachtet, wie die Realität. Das hat am Ende insofern Konsequenzen, da dadurch die digitale zur reellen Gefahr werden kann. Abgesehen von einigen offenen Fragen - so hat es Kenji zum Beispiel nicht geschafft, sein Land in der Mathe-Olympiade zu vertreten, dabei erscheint es zweifelhaft, dass jemand ähnlich begabt ist wie er - gefällt Hosodas Film gerade durch die Lockerheit, die seine Werke von denen eines Ōtomo Katsuhiro oder Oshii Mamoru unterscheiden. Und katapultiert ihn spätestens jetzt in dieselbe Liga wie Ōtomo und Oshii.

8/10

27. September 2010

Hot Tub Time Machine

It felt good. Admit it.

Nimmt sich ein Zeitreise-Film halbwegs Ernst, greift er das Problem des Schmetterlingseffektes auf. Eine Veränderung in der Vergangenheit kann Folgen auf die Gegenwart haben. Ein Paradoxon, natürlich, da eine Veränderung in der Vergangenheit, die Folgen auf die Gegenwart hätte, dementsprechend bereits bekannt wäre. Nichtsdestotrotz dient der Schmetterlingseffekt im Zeitreise-Film schlechthin, Back to the Future, als netter Aufhänger für die Geschichte des Filmes. Michael J. Fox platzt in die Schulzeit seiner Eltern und verhindert, dass diese sich ineinander verlieben. Oder tut er dies wirklich? Das Paradoxon kommt wieder ins Spiel, wer weiß ob Marty McFly überhaupt existieren würde, wenn er nicht in die Vergangenheit gereist wäre. Weit weniger ernst nimmt diese Prämisse nun Steve Pinks Hot Tub Time Machine, der sich eher daran labt, zurück in die Vergangenheit zu reisen. Passender Weise natürlich in die achtziger Jahre, womit die Referenzen zu Back to the Future nicht aufhören, sondern im Grunde erst anfangen.

Ist die Schulzeit vorbei, verflüchtigen sich auch die Bekanntschaften. Man geht seine eigene Wege, kämpft mit seinen eigenen Problemen. Adam (John Cusack) zum Beispiel kommt eines Abends nach Hause, um festzustellen, dass seine Freundin ausgezogen ist und dabei nicht nur die Dinge mitgenommen hat, die ihr gehört haben. Sein Neffe Jacob (Clark Duke) sitzt derweil im Keller und zockt Second Life, während Pantoffelheld Nick (Craig Robinson) in einem Hundesalon arbeitet. Es ist ein vermeintlicher Suizidversuch ihres Kumpels Lou (Rob Corddry), der Adam und Nick auf den Plan ruft. Spontan wird beschlossen, auf die alte Skihütte zu fahren, um der vergangenen Zeiten zu gedenken. Ein lahmer Abend, der im Whirpool und nach einigen Runden Alkohol, inklusive des illegalen russischen Energiedrinks Chernobly, im Jahr 1986 endet. Auf Anraten von Jacob und dessen Stargate-Fankenntnisse müssen nun alle darauf achten, genau das zu tun, was sie damals auch getan haben.

Der Auftakt für einige nette Anekdoten und nostalgische Erinnerungen an die Achtziger. Nicht gerade die schönsten Erinnerungen für manche, resümiert Adam doch: „We had like Reagan and AIDS“. Für Nick dagegen war es eine bessere Zeit, war damals Michael Jackson doch noch schwarz und sein Nachname „Webber“ im Gegensatz zur Gegenwart, wo er den Namen seiner Frau angenommen hat. Alle Drei haben nun mehr oder weniger Opfer zu bringen, um sicherzustellen, dass alles sich so abspielt, wie es sich einst abgespielt hat. Für den damals in einer Band spielenden Nick bedeutet dies, mit einem Groupie seine Frau zu betrügen, was ihm merklich schwerfällt, obschon diese ihn zuvor betrogen hat. Adam wiederum muss mit seiner scharfen Freundin Jenny (Kick-Ass' Lyndsy Fonseca) Schluss machen und fürchtet den damaligen Stich mit einer Gabel ins Auge. Währenddessen versucht Lou einer alten Schlägerei mit Blaine (Sebastian Stan) von der Ski-Patrouille aus dem Weg zu gehen und Jacob kämpft damit, dass seine Mutter ein koksendes Flittchen ist.

Die Reminiszenz an das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks weicht dann relativ rasch der klassischen Komödienformel. Hier und da gibt es kleinere nette Szenen, die Emails und Handys ins Spiel bringen, aber wie Nick sagen würde: „That’s not the point“. Stattdessen geht es für die drei Protagonisten eher darum, ihre miserable Gegenwart durch ein Eingreifen in die weitaus illustere Vergangenheit zu beeinflussen - was Jacob unter allen Umständen vermeiden möchte. Aber auch dies ist eher eine Randerscheinung eines Filmes, der mehr Wert auf gute Stimmung denn eine gute Handlung legt. So versucht Hot Tub Time Machine den Geist der Achtziger-Komödien einzufangen und wie sollte das besser gehen, als mit John Cusack in der Hauptrolle? Dementsprechend baut Pink kleine Referenzen zu Better Off Dead… und Say Anything… ein, was jedoch nicht dabei hilft, dass Cusack selbst etwas von seiner damaligen Aura wiedergewinnt. Er und Duke sind es, die dem Erzählfluss stets ein Bein stellen und das Tempo drosseln.

Da hilft auch Lizzy Caplan in einer Nebenrolle wenig, mit der sich Cusack speziell im zweiten Akt primär die Zeit vertreibt, während Dukes Figur eine ausgesprochen Undankbare ist, die wenig bis gar keine Sympathien zu erzeugen vermag. Stattdessen lebt Pinks Film von Robinson und Corddry beziehungsweise von der Naivität und Coolness des Ersteren und ungezügelten Vulgarität des Letzteren. Ein herrlicher running gag besteht beispielsweise aus Lou, wie er in jeder halbwegs gefährlichen Situation darauf hofft, dass der einarmige Page (Crispin Glover) aus der Gegenwart in der Vergangenheit ebenjenen Arm verlieren könnte. Der exzellente Glover ist dabei nur einer von vielen Verweisen auf Robert Zemeckis’ Kultfilm Back to the Future, zu denen auch ein grandioser Musikauftritt von Robinson gehört, der in einer Skihütte 1986 plötzlich „Let’s Get It Started“ von den Black Eyed Peas anzustimmen beginnt. Es sind Szenen wie diese, die über einige spannungsarme Hänger in Hot Tub Time Machine hinwegtrösten können.

Denn wenn man lacht, dann ordentlich. Überflüssige Figuren wie im Grunde Caplan aber insbesondere Chevy Chase als Pendant zu Christopher Walken in Click oder Don Knotts in Pleasantville, fallen da weitaus störender auf als William Zabkas Gastauftritt, der allein dank Zabka nett gerät. Insgesamt ist Pinks Film also durchaus gelungen und sehr viel stimmiger, wenn auch weniger obszön, als eine frühere Drehbuchfassung des Filmes es vorgesehen hatte. Überzeugende Darsteller wie Robinson, Corddry, Glover oder Stan können die schwächeren Auftritte von Cusack, Duke und Co. ausgleichen. Wenn von Nöten, gelingt es Pink mit Hilfe seiner Ausstattung und Musik (u.a. „Once In A Lifetime“ von den Talking Heads) die nötige 80er-Atmosphäre zu erzeugen. Hinzu kommt, dass es genügend ausgesprochen unterhaltsame Szenen gibt, die einige Durststrecken überstehen lassen. Das male bonding zwischen den vier Darstellern könnte besser sein, allerdings auch schlechter (siehe Grown Ups). Zwar wird Hot Tub Time Machine finanziell nicht zum diesjährigen The Hangover, emotional ist er diesem jedoch weit voraus. Oder zurück. Ein Zeitparadoxon eben.

7.5/10

24. September 2010

Four Lions

I think I’m confused, but I’m not sure.

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass es zu Selbstmordattentaten von muslimischen Fundamentalisten kommt. Die Opfer sind dabei nicht selten auch Muslime selbst, wie zuletzt im pakistanischen Quetta. Währenddessen werden in der Schweiz Minarette verboten und in New York gegen einen Moschee-Bau zwei Straßen von Ground Zero demonstriert. Eine wachsende Islamophobie macht sich breit, während Comedians wie Jeff Dunham die Angst vor Terrorismus durch Sketche mit Achmed, dem toten Terroristen, aufzulockern versuchen. Mit Four Lions wagte sich nun das britische Enfant terrible Chris Morris an das Thema – und scheitert grandios. Erzählt wird von Omar (Riz Ahmed), einem Pakistani aus der britischen Stadt Sheffield.

Omar ist glücklich verheiratet mit seiner schönen Frau Sophia, fürsorglicher Familienvater und bestens eingegliedert in die Gesellschaft. Er hat ein nettes Haus, eine moderate Inneneinrichtung und einen Job als Sicherheitsmann der Sheffielder U-Bahn. Im Vergleich zu seinem Bruder kann Sophias Stellung in Omars Leben fraglos als emanzipiert gesehen werden, auch wenn sie ihrem Glauben insofern folgt, da sie für ihre Arbeit im Krankenhaus ein Kopftuch trägt. Eine gelungene Integration sollte man meinen, wäre da nicht der Aspekt, dass Omar sich selbst und einige Kuffar (Ungläubige), in die Luft jagen will. Unterstützt von Kind und Kegel – lediglich der strenggläubige Bruder sieht im militärischen Jihad gegen die Kuffar keine Lösung.

Und hier beginnt das Desaster. Das Problem der Selbstmordattentate und des militärischen Jihads wird nicht aufgearbeitet, sondern dient nur als Prämisse, um sich über eine Gruppe Selbstmordattentäter zu belustigen. Weder Omar noch seine Mitstreiter Waj (Kayvan Novak), Barry (Nigel Lindsay), Hassan (Arsher Ali) und Faisal (Adeel Akhtar) erhalten eine Motivation jenseits ihrer Religionszugehörigkeit. Wieso sich ein bestens integrierter Muslim wie Omar in einer christlichen Gesellschaft wie Engalnd für den Jihad entscheidet, bleibt außen vor. Auch wieso Frau und Kind dem Ereignis entgegenfiebern wie sonst was. Figuren wie Waj, Faisal und Hassan erhalten nicht einmal ein derartiges Profil, bleiben eindimensionale Idioten.

Es gibt also keine Auseinandersetzung mit dem militärischen Jihad und den Selbstmordattentaten, keine Aufarbeitung, kein Blick in die Psyche der Täter, wie sie Hany Abu-Assad mit Paradise Now geliefert hat. Alles was bleibt, sind fünf mehr oder weniger dümmliche Muslime, die Hühner nicht von Hasen unterscheiden, Bazookas richtig herum abfeuern oder selbst Krähen kompetent in die Luft jagen können. Four Lions fehlt in gänzlicher Hinsicht ein reflektierendes Element, eine Katharsis für wenigstens eine der fünf Figuren. Die Chance auf die Dekonstruktion des Irrsinns des militärischen Jihads lässt Morris ein ums andere Mal verstreichen. Selbst als Waj plötzlich Zweifel hegt, werden diese so schnell vertrieben, wie sie implantiert wurden.

Der verstärkten Islamophobie und den Selbstmordattentaten im Namen des Jihad spielt Morris dabei blendend in die Karten. Statt zu konfrontieren, analysieren und demaskieren, beschränkt sich der Film aufs Blamieren. Indem man jedoch den Schulschläger auf dem Pausenhof bloßstellt und als dumm karikiert, wird man sein Verhalten aber nicht ändern. Dabei wären Ansätze vorhanden, Widersprüche im Wahn zahlreicher Fundamentalisten aufzudecken – auch auf satirische Weise, wie Morris es pflegt. Dunham hat solche Ansätze gezeigt, auch Trey Parker und Matt Stone in ihren South Park-Folgen. Stattdessen verliert sich Morris in seinem Kuddelmuddel aus Beleidigungen in Urdu und einem nie abebbenden “bro”-Stakkato.

Die fehlgeleitete Herangehensweise bricht Four Lions letztlich das Genick, wobei nicht abgestritten werden soll, dass der Film über positive Aspekte verfügt. Angefangen mit dem Ensemble, das überzeugt und das Beste aus den eindimensionalen Karikaturen macht. Besonders Kayvan Novak sticht heraus, der bisweilen glaubt, verwirrt zu sein, sich aber erst sicher ist, wenn er ein Handy-Foto von sich selbst sieht. Hinzu kommen eine Handvoll Szenen, die in der Tat lustig sind, wenn zum Beispiel Omar es sich mit den anderen verscherzt und diese ihn anschließend auch in ihrer Chat-Plattform im Internet meiden. Es sind Szenen, die unabhängig vom Film gesehen werden und rare Momente in einem ansonsten fehlgeleiteten Film.

4.5/10

22. September 2010

The Town

Einst war Ben Affleck einer der angesagtesten Hollywood-Stars, kassierte achtstellige Summen und teilte das Bett mit Gwyneth Paltrow und J.Lo. Inzwischen spielt er Nebenrollen in kleineren B-Filmchen. In Gone Baby Gone probierte er sich als Regisseur aus, was grundsätzlich gelang, auch wenn die zweite Hälfte des Filmes grottig ist. Sein Regie-Talent untermauert er nun mit dem schnörkellosen Heist-Thriller The Town. Wer hier im Verlaufe des Filmes stirbt, wer überlebt und an welcher Gabelung sich die jeweiligen Figuren am Ende wiederfinden, sollte niemanden überraschen. Dafür erweist sich Affleck als überaus guter Führer auf diesen bekannten Pfaden. Das ausführliche Review beim Manifest.

7/10

18. September 2010

Kurz & Knackig: US-Serien Teil IV

Better Off Ted - Season Two

Friendship. It’s the same as stealing.

Manche Serien haben es nicht leicht. Sie kämpfen und widersetzen sich, durchaus geschätzt, aber nicht wirklich angenommen. Better Off Ted ist so eine die-hard-Serie, deren Finalfolgen der ersten Staffel bereits ausgesetzt und schließlich in den Sommer verschoben wurden. Nach langem Hin und Her wurde die Sitcom von Victor Fresco doch für weitere 13 Episoden verlängert - nur damit sich das Spiel dann wiederholte. Die letzten zwei Folgen wurden nicht ausgestrahlt, die Serie dieses Mal nicht für eine weitere Staffel verlängert. Immerhin zeigte sich ABC kulant genug, die verbliebenen Folgen erneut im Sommer doch noch zu senden. Was umso erfreulicher ist, da sie sehr gelungen sind. Mit Better Off Ted verlässt nun eine Serie die Showbühne, die nicht nur Potential hatte, sondern dies bisweilen auch mehr als gekonnt zur Schau stellte. Letztlich war es aber wohl ihre Inkonsistenz, die ihr zum Verhängnis wurde - war der Wechsel zwischen „Durchschnitt“ und der Preisklasse darüber doch zu stark.

Bei Veridian Dynamics ist alles beim Alten. Immer noch arbeitet Ted (Jay Harrington) für seine Vorgesetzte Veronica (Portia de Rossi) - und manchmal auch gegen sie - um das Wohl der Entwicklungsfirma, die sich zuallererst einmal um sich selbst kümmern - und dann um niemanden mehr. Hier versuchen die nerdigen Wissenschaftler Phil (Jonathan Slavin) und Lem (Malcolm Barrett) sich an neuen nützlichen Erfindungen - wenn sie nicht gerade irrwitzige und eigensinnige Ideen in die Tat umzusetzen. Des Weiteren bleibt die sexuelle Spannung zwischen Ted und seiner Mitarbeiterin Linda (Andrea Anders) bestehen, die jedoch nie vollends kanalisiert wird. In der zweiten Staffel geht es dabei weniger um einfallsreiche Erfindungen wie noch im Vorjahr, sondern eher um bürokratische Eitelkeiten, wie vermeintliche sexuelle Belästigung (The Great Repression) oder die Freiheit, jeden zu beschimpfen (The Impertence of Communicationizing). Bedauerlicherweise nehmen sich gleichzeitig jedoch die Veridian-Dynamics-Werbespots etwas zurück.

Den Vorwurf der Durchschnittlichkeit muss sich die zweite Staffel von Better Off Ted über weite Strecken zu Recht gefallen lassen. Nur selten schöpft die Show ihr Potential vollends aus, obschon es jederzeit vorhanden wäre. Erkennbar machen dies Folgen wie It's My Party and I'll Lie If I Want To oder die nahezu perfekte Episode Change We Can’t Believe In. Leider knüpfen die übrigen Geschichten aber nicht an dieses Niveau an. Woher diese abweichende Qualität kommt, ist fraglich, letztlich scheint sie der Serie jedoch das Genick gebrochen zu haben. Insofern ist es nachvollziehbar, dass bei lediglich 2,5 Millionen Zuschauern zuletzt (weniger als die Hälfte, die noch die Pilot-Folge gesehen hatte) nun der Saft abgedreht wird bei Veridian Dynamics. Immerhin sind viele der Darsteller versorgt. Der sympathische Harrington wird neben Bill Pullman die Hauptrolle in der NBC-Serie Nathan vs. Nurture übernehmen und die brillante Portia de Rossi wartet auf den Arrested Development Kinofilm, der 2012 erscheinen soll.

7.5/10

Futurama - Season Six

As if Futurama has never been cancelled by idiots.

Was haben Matt Groenings Futurama und Seth MacFarlanes Family Guy gemeinsam? Beide wurden von der Fox Broadcasting Company abgesetzt und später wieder ins Leben gerufen. Während sich Family Guy wieder munter auf Fox austobt, wurde Futurama an Comedy Central weitergereicht. Nachdem die 16 Folgen der fünften Staffel in Form von 4 Filmen a 4 Episoden herausgebracht wurden (von denen eigentlich nur Bender’s Big Score als gelungen angesehen werden kann), kehrt die sechste Staffel zu klassischen Einzelepisoden zurück. In 12 Folgen dürfen nun also Fry, Leela und Bender wieder mit ihrem Planet Express Raumschiff durch die Galaxie fliegen und dabei nicht nur dem Ende der Erde, sondern auch den Beziehungsproblemen der Hauptfiguren ins Auge blicken. Hierbei kann vorab schon konstatiert werden, dass die Einzelauswertung der Serie sehr viel gesünder bekommt, als ihr letztjähriges Filmkonzept. Zwar ist Futurama nicht auf altem Niveau, aber etwas Nostalgie blitzt durchaus auf - good news everyone.

Die auffälligste Veränderung dürfte sich in der Beziehung zwischen Fry und Leela finden. Diese wird jedoch nicht kontinuierlich thematisiert, so dass in manchen Episoden der Eindruck entsteht, die Beiden wären nicht zusammen, während sie es in anderen Folgen ziemlich eindeutig sind. Das Hin und Her der Zwei ist dabei so nervig wie eh und je, wenn auch in abgeschwächter Form nun nicht mehr ganz so präsent. Ähnlich verhält es sich jedoch, als Bender in Proposition Infinity mit Amy gepaart wird, was zwar physisch keinen Sinn macht, dafür aber immerhin politisch verwertbar wird, wenn Verweise auf die kalifornische Proposition 8 eingespeist werden. Auch sonst werden kulturelle Aspekte aufgegriffen, beispielweise der Hype ums iPad in Attack of the Killer App oder Lolcat in The Darn Katz!. Ansonsten treibt es die Charaktere in Folgen wie In-A-Gadda-Da-Leela, The Duh-Vinci-Code oder A Clockwork Origin auf fremde Planeten, beziehungsweise in The Late Philip J. Fry in fremde Zeiten auf der Erde.

Ein Wiedersehen gibt es mit vielen der liebgewonnen Figuren wie Mom, Scruffy, Kif und Zapp Brannigan, bis hin zu Elzar, Calculon, Lrrr und Hypnotoad. Die Qualität der Folgen bewegt sich dabei wie angesprochen auf einem höheren Niveau als zuletzt Into the Green Wild Yonder, bleibt jedoch hinter den guten alten Zeiten der ersten Staffel zurück. Es ist der zweiten Hälfte der sechsten Staffel (bzw. der ersten Hälfte der sechsten Staffel) zu verdanken, dass sich Futurama noch in die Durchschnittlichkeit rettet, fielen gerade die kulturellen Episoden (Proposition 8/iPad) besonders schwach aus. Seinen Höhepunkt findet das sechste Jahr in A Clockwork Origin, wenn die Evolutionstheorie auf einem fremden Planeten mit Nanobots nachgespielt wird. Gastsprecher machen sich auch dieses Mal wieder rar, sieht man von George Takei ab, der inzwischen fast schon zur Requisite gezählt werden darf (dabei gäbe es ja Potential bei Comedy Central). Immerhin haben die verbleibenden 14 Episoden, die ab November bis 2011 ausgestrahlt werden, somit Luft nach oben.

7/10

True Blood - Season Three

Trash is as trash does.

Über True Blood sprach man ja zuletzt sehr häufig, nicht nur weil die beiden Hauptdarsteller Anna Paquin und Stephen Moyer erstens zusammen und zweitens verlobt sind, sondern wegen der Tatsache, dass die Paquin ihr Coming Out hatte - sozusagen. Bisexuell sei sie und irgendwie passte das ganz zu ihrer HBO-Serienfigur der Sookie Stackhouse. Diese ist im dritten Jahr besonders nervtötend, wenn sie ihr Gänseblümchen-Spiel mit Vampir-Lover Bill (Ich lieb ihn, Ich lieb ihn nicht, Ich lieb ihn, Ich lieb ihn nicht, ∞) bis(s) zum Erbrechen - ja, ich musste diesen lahmen Wortwitz nochmals auswälzen - fortführtt. Immerhin: HBO propagiertt im dritten Jahr weniger Sex, Sex, Sex (aber keine Sorge, die Paquin streckt dennoch ihre Titten in die Kamera) und dafür vermehrt: Gore, Gore, Gore. Süßer die Vampire nie zerspringen, als Umtextung des Weihnachtsklassikers. Es zerbersten die Vampire en masse in der dritten Staffel, wie auch sonst Schädel eingedroschen werden und sonstiger Splatter-Scheiß über den Bildschirm trifft. Geilo!

Man vergisst fast, dass es eine Handlung (lies: „Handlung“) gibt. Bill (Stephen Moyer) hält also um Sookies (Anna Paquin) Hand an, wird jedoch von Mississippis Vampirkönig Russell Edgington (Denis O’Hare) entführt - durch Werwölfe! Aber nein, kein Taylor Lautner ist am Start, dafür jedoch Joe Manganiello als Alcide - der Werwolf, dem die Frauen vertrauen. Es gibt ne Buchse voll neuer Figuren: Neben Alcide auch die Wer-Pantherin Crystal (Lindsay Pulsipher), die schwule Hexe Jesus (Kevin Alejandro) und Sam Merlottes (Sam Trammell) kleiner Bruder und Gestaltwandler Tommy (Marshall Allman). Man könnte fast meinen, normale Leute gibt es nicht mehr in Bon Temps und vermutlich denkt die emotional (und auch körperlich) total gefickte Tara (Rutina Wesley) genau dasselbe. Dabei kochen die Figuren meist ihr eigenes Süppchen. Jason (Ryan Kwanten) versucht sich als Hilfssheriff, Tara versucht, ihren soziopathischen Vampir-Stecher loszuwerden, Sam versucht, mit seiner white trash Familie zu Recht zu kommen und Sookie - egal.

Grob dem dritten Band Club Dead von Schriftstellerin Charlaine Harris folgend, ist die Haupthandlung die on-and-off-Beziehung zwischen Sookie und Bill, sowie Erics (Alexander Skarsgård) Versuch, sich an Russell Edgington, dem Mörder seines Vaters, zu rächen. Derweil folgen Nebenfiguren wie Lafayette (Nelsan Ellis), Hoyt (Jim Parrack) und Arlene (Carrie Preston) ihrer eigenen Story. Viele Nebenkriegsschauplätze, die ausgelutscht werden wie sonst etwas. Wofür Alan Ball hier zwölf Episoden braucht, hätte wieder mal locker in der Hälfte erzählt werden können. Am gelungensten ist da noch Everything Is Broken, aber auch das Staffelfinale Evil Is Going On gefällt - weil es so schlecht ist, dass es dank Trash-Faktor schon wieder unterhält. Wie sagt es Jason im Finale so schön: “Sometimes the right thing to do is the wrong thing. And I know I did the right thing“. Aber: True Blood steigert sich im Vergleich zur lahmen zweiten Staffel. Und wenn der Trash-Faktor des Staffelfinales fortlebt, wird das noch eine grandiose Serie. Trash is as trash does.

7.5/10

Entourage - Season Seven

I don't care if Justin Bieber calls and wants me to negotiate the rights to his virginity.

Wenn die Hauptfigur einer Serie - oder in diesem Fall: Sitcom - überflüssig wird, hat besagte Show ein Problem. Ein großes Problem. Dabei trat dies bereits in der sechsten Staffel auf. Als Hollywood-Star Vincent Chase (Adrian Grenier) zur „blassesten aller Nebenfiguren degradiert“ wurde. Weitere Urteile waren Perspektivlosigkeit und eine fehlende Handlung. Keine Erkältung, sondern wohl eher ein krebsartiges Geschwür. Quo vadis, Entourage? Serien-Schöpfer Doug Ellis verliert sich nicht nur in (s)einer Perspektiv-, sondern verstärkt in einer Planlosigkeit. Probleme werden gezwungen heraufbeschworen, aus Gründen, die nicht nur keiner kennt, sondern die im Grunde nicht nötig waren. Vinnies Karriere zog wieder an, Drama (Kevin Dillon) hatte seine Fernsehserie, Turtle seine berühmte Freundin Jamie-Lynn Sigler und Eric (Kevin Connolly) feierte Verlobung mit seiner großen Liebe, Sloan (Emmanuelle Chriqui). Was wünscht man sich mehr? Quoten. Produzent Marky Mark zwingt die Serie in zwei weitere Staffeln - und damit an den Abgrund.

Tabula Rasa also. Drama ist die TV-Show los, Turtle die Freundin und Vince die Rehabilitation. Das, was die Macher eine Handlung nennen, ist schnell umrissen. Drama versucht (s)eine neue Fernsehserie zu kreieren, schlägt das vermeintlich gute Exposé von Billy Walsh (Rhys Coiro) jedoch (vorerst) aus. Turtles eigenes Chaffeur-Unternehmen scheitert, auch wenn Ex-Fahrerin Alex (Dania Ramirez) ihn zwischen ihre Beine und zu einer mexikanischen Tequila-Firma führt. Eric wiederum verliert sich in Eifersüchteleien zwischen seinem Kollegen Scott (Scott Caan) und Vince. Und Letzterer beginnt eine Liaison mit Porno-Darstellerin Sasha Grey und startet eine Karriere als Kokssüchtiger. Last but not least wäre da noch Ari (Jeremy Piven) zu nennen, der eigentlich nur eines will: Sein eigenes L.A.-Football-Team. Doch seine ehrgeizige Agentin Lizzie Grant (Autumn Reeser) macht ihm einen Strich durch die Rechnung - indem sie und Aris Nemesis Amanda Daniels (Carla Gugino) ihn zerstören wollen.

Die meisten dieser Handlungsstränge werden früh eingeführt und stagnieren dann bis zum bitteren Ende. Ein mühseliges Szenario, das durch die wachsende Animosität gegenüber Vinnies Figur noch anstrengender wird. Da hilft auch nicht, dass Ellis mit Namen wie John Stamos, Nick Cassavetes, Peter Berg, Jessica Simpson, Christina Aguilera, Sean Combs, Eminem, John Cleese oder US-Sport-Gesichtern wie Mark Cuban, Chris Bosh und Co. versucht das Showbusiness vertretbarer zu machen. Es tut weh, den sich bemühenden Ari leiden zu sehen. Und es schmerzt noch mehr, wenn eine unsympathische Figur wie E plötzlich zu den Sympathischen zählt. Nach annehmbarem Start driftet Entourage in seiner siebten und schwächsten Staffel in die Bedeutungslosigkeit ab. Stunted und Dramedy sind noch die gelungeneren Folgen, während die grausige zweite Hälfte und die Ankündigung, dass die achte (und letzte Staffel) wohl nur über sechs Folgen verfügt, ein rasches Ende nur umso schneller herbeisehnen lässt.

7/10

Covert Affairs - Season One

Blind guy leading you around the CIA. Insert ironic joke here.

Mit Ende des Kalten Krieges schien auch der Bedarf an Spionage-Filmen zurück zu gehen, auch wenn Martin Campbell 1995 Pierce Brosnan in GoldenEye erneut auf die Russen losließ. Dass der von Matt Damon verkörperte Jason Bourne dem Genre neues Leben eingehaucht hat, lässt sich leider nicht leugnen, obschon die Bourne-Reihe selbst eher … lassen wir das. Auch dieses Jahr tummeln sich wieder Spezial- und Geheimagenten in der Filmwelt, sei es Tom Cruise in Knight & Day oder Angelina Jolie in Salt. Es verwundert also nicht sonderlich, dass Bourne Identity-Regisseur Doug Liman, zugleich auch verantwortlich für die Agenten-Action-Komödie Mr. and Mrs. Smith, als ausführender Produzent der Agenten-Serie Covert Affairs auf dem Fernsehsender USA Network fungiert. Über fünf Millionen Amerikaner begeisterten sich wöchentlich für die Serie, in der Altersgruppe zwischen 18 und 49 war Covert Affairs sogar Spitzenreiter bei den Produktionen fürs Kabelfernsehen.

Der ausschlaggebende Sichtungsgrund findet sich in Piper Perabo. Die Coyote Ugly-Darstellerin verkörpert CIA-Rookie Annie Walker, die von der Ausbildung direkt ins kalte Wasser in Langley geworfen wird. Hier trifft sie auf Augie (Christopher Gorham), einen blinden Technik-Spezialisten, und auf ihre Vorgesetzte Joan Campbell (Kari Matchett), die mit dem Abteilungsleiter Arthur Campbell (Peter Gallagher) verheiratet ist. Zur CIA trieb die Sprachwissenschaftlerin Annie eine verflossene Liebe. Zwei Jahre zuvor hatte sie in Sri Lanka den charmanten Ben Mercer (Eion Bailey) kennen und lieben gelernt. Doch nach wenigen Wochen verschwand dieser eines Morgens. Eine Beziehung, von der die CIA weiß, war Mercer doch einst selbst Agent, der inzwischen untergetaucht ist. Annie wird fortan zumindest unterschwellig als Spielball benutzt, um Mercer aus der Reserve zu locken, der seiner eigenen Agenda folgt, die sich immer öfter mit Annies Missionen kreuzt. Dass ein Maulwurf Interna an die Presse verrät, hilft dabei wenig.

In elf Episoden darf sich Annie nun in In- und Auslandsmissionen behaupten, dabei neben Augie primär Unterstützung erfahrend durch Kollege Jai Wilcox (Sendhil Ramamurthy), der nach der Pilotfolge Eric Livelys identisch aufgebauten Conrad Sheehan ersetzt. Ansonsten wartet die Serie mit Nebenfiguren wie Emmanuelle Vaugier als Journalistin mit internen Informationen und kleineren Gastdarstellern wie Oded Fehr (The Mummy), Sienna Guillory (Eragon), Eriq La Salle (ER), Lauren Holly (Dumb and Dumber) oder Anna Chlumsky (In the Loop) auf. Nun reißt Covert Affairs bei weitem keine Bäume aus und an sich findet sich die gelungenste Episode bereits in Pilot, dem Serienauftakt. Was Limans Serie dafür auszeichnet, ist ihre durchschnittliche Konstanz und insbesondere das harmonisch-sympathisch aufspielende Duo Perabo und Gorham. Gerade Letzterer verkörpert den blinden Augie durchaus überzeugend, was für manch schwach ausgearbeitete Handlung entschädigt. Kein Wunder also, dass die Serie eine zweite Staffel erfährt.

7/10

15. September 2010

Unknown

What's my name? Fuck your mother. That's my name.

Als damals der Trailer zu Simon Brands Debütfilm Unknown erschien, wirkten die ersten Bilder relativ interessant. Eine Gruppe von Männern, unter Amnesie leidend, wacht teilweise angekettet in einem verlassenen und abgeriegelten Lagerhaus auf. Wie sind sie dorthin gekommen? Und zu welchem Zweck? Ein kleiner netter Indie-Thriller mit namhafter Besetzung wurde hier versprochen. In die Lichtspielhäuser gelangte der Film allerdings in Deutschland nie. Stattdessen erschien er direkt auf DVD - ein Schema, das sehr undurchsichtig ist, bedenkt man dass Rob Schneiders Regiedebüt Big Stan obschon in den USA nur auf DVD herausgebracht, in Deutschland plötzlich im Kino lief. Dass Unknown nun auf DVD erhältlich war, schien niemand mitbekommen zu haben, zumindest verschleuderte Amazon vor einem Jahr den Film für läppische 2,97€. Hinsichtlich der Masse an Filmen, die es jede Woche ins Kino schaffen, wirken die Urteile des Direct-to-DVD und die knapp 3 Euro Kosten (inzwischen 5€) für diese doch weitaus härter, als es Brands Film in Wahrheit verdient hätte.

Ohne zu wissen wer er ist, wacht ein Mann in Jeans-Jacke (James Caviezel) in einem Lagerhaus auf. Außer ihm befinden sich noch vier andere Männer im Raum, alle bewusstlos. Nach und nach wachen sie auf, doch weil niemand dem anderen traut, bleiben zwei von ihnen (Joe Pantoliano, Jeremy Sisto) erstmal so angekettet, wie sie vorgefunden wurden. Einen Grund dafür wird es schon geben, denken sie sich. Doch auch die verbliebenen Drei sind sich nicht ganz koscher. Während einer von ihnen mit gebrochener Nase (Greg Kinnear) niemandem trauen will, entwickelt sich zwischen Jeans-Jacke und dem anderen unverletzten Mann (Barry Pepper) eine zarte Vertrauensbande. Kurz darauf finden sie einen toten Wachmann und eine Zeitung, die von der Entführung zweier Männer berichtet. Es beginnt der Gruppe zu dämmern, dass drei von ihnen zu den Entführern zählen müssen - dumm nur, dass sich keiner erinnern kann. Währenddessen spielt sich außerhalb des Lagers die Übergabe des Lösegeldes ab, mit dem der Drahtzieher der Entführung (Peter Stormare) sich auf den Rückweg macht.

Nun will sich Unknown nicht ganz so spannend und gewieft geben, wie es der Trailer damals versprach. Man hat schon relativ früh eine Ahnung, wer nun zu den Entführern gehört und wer nicht. Zudem bestätigen sich auch andere Vorahnungen, die man hinsichtlich des einen oder anderen Genreklischees hatte. Weitaus überraschender ist jedoch das Verhalten der Charaktere. Zwar erschließen sich die Beteiligten, dass drei von ihnen ihre Gegenspieler sind, doch aufgrund der allgemeinen Amnesie stellen sie diese Feststellung erst einmal hinten an. Ein ähnliches Szenario wie in John Carpenters The Thing wird hier nun nicht heraufbeschworen, wobei es im Grunde unter den gegebenen Umständen als unumgänglich erscheint. Speziell da sich einige Erinnerungsfetzen ziemlich eindeutig in bestimmte Richtungen bewegen. Im Verlaufe des Filmes will daher nun irgendwie keiner der aufkommenden Twists sonderlich mitreißen, dafür wirken die Wendungen zum einen und der ganze Film zum anderen doch zu sehr im Genre verankert und damit vorhersehbar.

Zugegeben, wäre das Ensemble nicht so namhaft besetzt, würde man dem Film wohl keines zweiten Blickes würdigen. Dabei kann sich die Besetzungsriege nicht einmal sonderlich auszeichnen. Während Sisto und Joey Pants unter ihrer geringen Präsenz leiden müssen, ähnlich wie bei Stormare und Moynahan, enttäuscht Kinnear hinsichtlich seines eigentlichen Talents ein wenig, während Caviezel wie immer einige Probleme mit tiefgründigen Figuren hat. So ist es die meiste Zeit Pepper, der das Ruder an sich reißt, selbst wenn auch sein Spiel sich nicht sehr von seinen früheren Darbietungen (The Three Burials of Melquiades Estrada) unterscheidet. Letztlich ist Unknown nicht nur aufgrund seiner Laufzeit ein äußerst kurzweiliges Vergnügen, das mit dem Trailer lauter bellte, als der Film schlussendlich beißen sollte. Daher hätte es der Film im Grunde durchaus verdient, im Kino zu laufen, ist er im Nachhinein doch eine Spur besser als es die 3-Euro-DVD vorzugeben schien.

5/10

13. September 2010

1 Movie, 1 Definition: Hachiko

DEVOTION /dɪˈvəʊʃ(ə)n/ noun: [mass noun] love, loyalty, or enthusiasm for a person or activity. Also: religious worship or observance. (devotions) prayers or religious observances.

OXFORD DICTIONARY
Copyright © 2010

10. September 2010

Heavy Rain

You should be careful not to over-indulge in 'you-know-what'.

Es lässt sich schwerlich abstreiten: Serienmörder üben eine gewisse Faszination auf die menschliche Gesellschaft aus. Noch heute wird darüber spekuliert, wer sich hinter Jack the Ripper verbarg - jenem Schlitzer des Londoner East Ends von 1888. Er wurde Mitte des 20. Jahrhunderts zum Ermittlungsobjekt zweier Sherlock Holmes-Filme und schließlich auch zentrales Handlungselement in Alan Moores Comic From Hell. Sein US-Pendant findet er im Zodiac-Killer, der zwischen Dezember 1968 und Oktober 1969 fünf Menschen im Großraum San Franciscos ermordete. David Fincher bannte die Faszination über den Mythos dieses Serienmörders in Zodiac auf Zelluloid. Filme wie Natural Born Killers greifen das fast schon perverse Interesse der Bevölkerung und insbesondere der Medien am Serienmörder weiter auf. Umso konsequenter also, dass es diese speziellen Kriminellen auch schon längst in die Welt der Videospiele geschafft haben. Mit Heavy Rain brachte Quantic Dream dieses Jahr nun ein interaktives Drama um einen solchen Serienmörder heraus.

Und wenn man bei Quantic Dream etwas macht, dann macht man es wohl gleich richtig. Denn Drehbuch und Regie zu Heavy Rain stammen von niemand Geringerem als David Cage, seines Zeichens Gründer und Firmenboss von Quantic Dream. Mit Heavy Rain folgt der französische Videospielentwickler den letztes Jahr hinterlassenen Fußstapfen von Naughty Dogs Uncharted 2: Among Thieves, verdient sich doch auch Heavy Rain das Prädikat, ein cineastischer Spielspaß zu sein. Weltweit eine Million verkaufter Exemplare des PS3-Spieles gingen über die Ladentheken und Lob fiel auch von Kritikerseite nicht gering aus. Der Serienmörder um den es in Cages Spiel geht, ist der Origami-Killer. Ein Kindermörder, der stets im Herbst zur Tat schreitet, wenn er Jungen im Alter von 10-12 Jahre entführt, um sie in einem Abwasserkanal durch den herrschenden Starkregen ertrinken zu lassen. Die Leichen selbst werden später irgendwo in Philadelphia, PA mit einer Orchidee und Origami-Figur versehen in der Nähe von Bahngleisen abgesetzt.

Zu Beginn des Spieles lernt der Spieler den Familienvater Ethan Mars (Pascal Langsdale) kennen. Nach einem Ausflug in das örtliche Einkaufszentrum kommt diesem sein ältester Sohn Jason abhanden und stirbt kurz darauf bei einem Autounfall. Ein Erlebnis, welches die Familie auseinanderreißt. Ethans Ehe geht in die Binsen und die Beziehung zu seinem anderen Sohn Shaun ist gestört. Als dieser bei einem Spielplatzausflug von dem Origami-Killer entführt wird, muss Ethan fortan nicht nur seine Liebe für seinen Sohn unter Beweis stellen, sondern auch, dass es sich bei dem unter Blackouts leidenden Vater nicht selbst um den gesuchten Serienmörder handelt. Per Schnitzeljagd wird Ethan dabei in bester Saw-Manier genötigt, sein eigenes Leib und Wohl mehrfach als Liebesbeweis in Gefahr zu bringen. Unerwartet erhält er hierbei Unterstützung durch die Journalistin Madison Paige (Judi Beecher), während der Privatdetektiv Scott Shelby (Sam Douglas) und der FBI-Profiler Norman Jayden (Leon Ockenden) separat ermitteln.

In seiner Erzählstruktur wechseln sich nun diese vier Protagonisten nacheinander ab - zumindest so lange, bis eine von ihnen stirbt. Denn das ist vielleicht das herausragende Merkmal von Heavy Rain: Wenn die Spielfigur(en) sterben, wird der Bildschirm noch lange nicht schwarz und verkündet das „Game Over“. Solange zumindest eine der Figuren am Leben bleibt, läuft auch das Spiel weiter - allerdings in anderer Form. Womit sich Heavy Rain rühmt, ist, dass jede Entscheidung des Spielers einen Einfluss auf das Spielgeschehen hat. Sagt die Figur in der einen Szene „yes“ statt „no“, kann sie kurz darauf ihrem Tod ins Auge blicken. Andere Szenen bieten die Möglichkeit zu einem Techtelmechtel, welches die Handlung an der hier gegebenen Gabelung in eine neue Richtung führt. Geht es nach David Cage, so sollte jeder Spieler Heavy Rain nur ein Mal spielen - ohne die einzelnen Kapitel zu wiederholen. Nur so sei das einmalige Erlebnis einer individuellen Geschichte gewährleistet. Denn auch im Leben haben Entscheidungen Konsequenzen.

Dementsprechend verloren unter meinem ersten Spieldurchgang sowohl Madison als auch Jayden ihr Leben und auch den verbliebenen Figuren war nicht unbedingt ein Happy End beschert. Es führen in Heavy Rain also viele unterschiedliche Wege nach Rom und wenn der Spieler in der Tat damit lebt, dass er das Leben einer der primären oder sekundären Figuren verliert, dann kann er sich sicher sein, dass die Geschichte, die er präsentiert bekommt, wirklich auf gewisse Weise seine Geschichte ist. Dabei ist dem Spieler nicht unendliche Freiheit gegeben, die meisten Szenen haben nur einen Ausgang - lediglich die Wege zu diesem lassen sich variieren. Der Anreiz liegt vielmehr darin, den Figuren einen eigenen Touch zu verleihen. Lässt man den verzweifelten Vater mit der heißen Photographin ins Bett steigen oder orientiert man sich an der Stimmung des Momentes, der eigentlich keinen Platz für Erotik lässt? Andere Szenen geben zudem die Möglichkeit in bester, lüsterner Gamer-Manier, Madison nackte Tatsachen zeigen zu lassen.

Erfreulicherweise geht es in Heavy Rain weniger ums Ballern und auch nicht sonderlich darum, Rätsel zu lösen (dafür hat Jayden sein forensisches Programm ARI), sondern mehr um die Geschichte als solche. Was das Spiel sogar mehr noch als zuvor Uncharted 2 zu einem zockbaren Kinofilm macht. Jeder Spieler kann entscheiden, welche Art Held Ethan sein soll in dieser Geschichte. Jemand, der andere Menschen verletzt, um seinen Sohn zu retten? Der seine eigene Gesundheit schädigt, um an Informationen zu gelangen? Und auch die übrigen Figuren dürfen derartige Entscheidungen treffen. Unterstützt FBI-Agent Jayden den rabiaten Kurs seines Polizeikollegen Blake oder gibt er den guten Cop? Zwar verstrickt sich das Spiel bei dieser Entscheidungsfreiheit bisweilen in charakterliche Widersprüche, diese scheinen jedoch mit Abstrichen nötig, um das Finale des Games zu gewährleisten. So spannend und packend Heavy Rain auch ausfällt, bricht das Ende mit seiner schlussendlichen Enthüllung des Origami-Killers aber ein wenig ein.

Vielleicht wäre ein anonymer Killer à la Jack the Ripper oder der Zodiac-Killer auch in diesem Fall besser gewesen, eventuell wollte sich Cage jedoch auch Spekulationen um eine Fortsetzung ersparen (die es nicht geben wird). Die Effekte des Spiels sind beeindruckend (gerade der ständige Regen untermauert das Noir-Element), die versuchte Authentizität (selbst wenn die Figuren etwas Trinken wollen, muss dies mit dem Controller koordiniert werden) trägt zur Atmosphäre bei. Auch die teils schwermütige, aber prinzipiell schöne Musik passt sich dieser melodramatischen Stimmung an. So einfach das Gameplay zwar zu bedienen ist (welche Tasten zu drücken sind, wird angezeigt), kann man es im Eifer des Gefechtes (was ruhig sprichwörtlich zu nehmen ist), etwas aus den Augen verlieren - was dann zum Tod der Figuren führen kann. In seiner Summe ist Heavy Rain daher ein aus der Masse heraus ragendes Spiel, das seiner Intention, ein einmaliges Erlebnis für den Spieler darzustellen, die meiste Zeit durchaus gerecht wird.

8/10

7. September 2010

Werkschau: Pedro Almodóvar

Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón

Am 20. November 1975 verstarb Francisco Franco in Madrid und mit ihm ein Stück Geschichte - und zwar keine erfreuliche. Endlich war Spanien frei von seinem faschistischen Herrscher, einem politischen Relikt aus der Zeit von Hitler, Mussolini und Stalin. Der letzte große Diktator Europas. Die neugewonnene Freiheit der Spanier brach Bahnen, speziell auch in kultureller Hinsicht. In Madrid begann die movida madrileña zu der auch Pedro Almodóvar gehörte. Bereits seit einigen Jahren als Super-8-Regisseur aktiv, begann der spanische Auteur 1978 mit den Dreharbeiten zu seinem ersten Spielfilm. Für 500.000 Peseten (heute umgerechnet 3.000 Euro) und über anderthalb Jahre an Wochenenden und Abenden gedreht, kam Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande schließlich 1980 in die spanischen Kinos - und entwickelt sich zum spanischen Kultfilm.

Die 18-jährige Pepi (Carmen Maura) pflanzt ordentlich Cannabis auf ihrem Balkon und plant, ihre Jungfräulichkeit für 60.000 Peseten zu verkaufen. Doch ein gegenüber wohnender Polizist (Félix Rotaeta) macht ihr einen Strich durch die Rechnung, als er sie aus Stillschweigen über das Cannabis vergewaltigt. Pepis Racheversuch schlägt fehl, dafür freundet sie sich mit Luci (Eva Siva), der masochistischen Ehefrau des Polizisten, an. Die erwachsene Frau beginnt kurz darauf eine Beziehung mit Pepis lesbischer 16-jähriger Freundin Bom (Olvido Gara). Als Pepi erfolgreich bei einer Marketingfirma arbeitet, will sie die Abenteuer von sich, Luci und Bom als Grundlage für einen Film nehmen. Doch Bom ist davon wenig erbaut und unterdessen hat sich der Polizist auf die Suche nach seiner abgehauenen Ehefrau Luci gemacht.

Wie auch seine anderen Frühwerke ist Pepi, Luci, Bom von sehr viel Vulgarität durchzogen (so wird Luci von Pepi dazu genötigt, sich von Bom anpinkeln zu lassen). Eine Ausdrucksform der neu gewonnen Freiheit - vulgär sein, weil man nun vulgär sein darf. Wer nicht unter Franco in Spanien leben musste, wird sich daher schwer mit Almodóvars Debütfilm tun. Wie auch in Laberinto de pasiones geht der Auteur sehr fragwürdig mit dem Thema Vergewaltigung um (Luci beneidet Pepi um deren Vergewaltigung), wogegen auch nicht die Tatsache hilft, dass sie eine franquistische Analogie sein soll. Problematisch ist auch die Darstellung dieser neuen Freiheit, bedenkt man, dass Bom Luci im Grunde sogar schlechter behandelt, als ihr franquistischer Ehemann. Unterhaltsamer ist da die fiktive Ponte-Werbung in der Mitte des Filmes und die Ansammlung zahlreicher Musen (Carmen Maura, Cecilia Roth, Julieta Serrano, Kiti Manver), die technischen Mängel dagegen verzeihenswert. Dennoch neben Laberinto der schwächste Film Almodóvars.

Laberinto de pasiones

Wie die Spanier unter Francos Regime gelitten haben, mag man als Außenstehender nur erahnen, aber nicht nachempfinden können. Pedro Almodóvar gibt in seinen Filmen (zum Beispiel Carne trémula) immerhin Anzeichen, was die wiedergefundene Freiheit speziell für die Madrilenen bedeutet hat. So erklärt sich auch des Spaniers zweiter Spielfilm Labyrinth der Leidenschaften, der in der golden Ära der Madrider Bewegung entstand, und das ist, was der Auteur immer so gerne als „Pop“ bezeichnet. Eine komplexe Handlung, an hauchdünnen Fäden miteinander in Verbindung gesetzt und bevölkert von bunten, schrillen Figuren. Gerade zu Beginn, siehe auch Entre tinieblas unten, wirken die Werke Almodóvars im Vergleich zu seinen Filmen der letzten zehn Jahre reichlich unbeholfen und pubertär. Aber auch Regisseure haben eben mal klein angefangen.

Almodóvar erzählt eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Die nymphomane Gynäkologentochter Sexilia (Cecilia Roth) verliebt sich in den schwulen arabischen Prinzen Riza Niro (Imanol Arias), der inkognito in Madrid untergetaucht ist. Auch drei arabische Terroristen (u.a. Antonio Banderas) halten sich in Spaniens Hauptstadt auf, in der Hoffnung Riza als Geisel zu nehmen, um dessen Vater zu erpressen. Währenddessen freundet sich Sexilia mit der jungen Queti (Marta Fernández Muro) an, die jeden zweiten Tag von ihrem Vater vergewaltigt wird, der sie für ihre weggelaufene Mutter hält. Unterdessen versucht Toraya (Helga Liné), Rizas Ex-Stiefmutter, diesen ebenfalls aufzuspüren und zu verführen, damit auch sie mittels königlichen Spermas Forderungen an Rizas Vater, den Kaiser, stellen kann. Kleinere Subplots bleiben unerwähnt.

Dass Laberinto de pasiones unlustig ist, kann man nicht sagen. Der Film regt durchaus dank manch absurder Situation zum Lachen an. Woran der Film scheitert, ist Almodóvars sexuelle Botschaft. Echauffierte sich mancher aufgrund Kevin Smiths Darstellung Homosexueller in Chasing Amy, ist dies nichts im Vergleich zur Liebe auf den ersten Blick zwischen dem schwulen Riza und der nymphomanen Sexilia. Die Ursprünge dieser beiden Entscheidungen verknüpft der Auteur auf lächerlichste Weise in einer Rückblende. „Man soll nicht gegen die Natur leben. Sie weiß mehr als wir“, legt Almodóvar einer Figur in den Mund und hinterfragt somit in zweideutiger Weise vielleicht sogar seine eigene Homosexualität. Den Vogel schießt der Spanier jedoch mit Quetis Schicksal ab, auf deren Geständnis, sie werde jeden zweiten Tag vom eigenen Vater vergewaltigt, Sexilia lapidar anwortet: „Man gewöhnt sich an alles.“ Somit ein durchaus bedenklicher Film, der fraglos Almodóvars schlechtestes Werk darstellt.

Entre tinieblas

Irgendwann verkauft sich jeder an die Studios. Sei es David Lynch mit Dune, Kevin Smith mit Cop Out oder Pedro Almodóvar mit Das Kloster zum heiligen Wahnsinn. Sein dritter Spielfilm war seine erste richtige Produktion, von der sich der Spanier heute jedoch entfernt, da er findet, er habe sich dem kommerziellen Druck zu sehr beugen müssen. Das Geld für Entre tinieblas stammte vom Multimillionär Hervé Hachuel, der im Gegenzug Almodóvar darum bat, seiner damaligen Freundin Cristina Sánchez Pascual die Hauptrolle zu geben. Was der Auteur auch tat, um dann jedoch festzustellen, dass Pascual - die bereits in Pepi, Luci, Bom eine Nebenrolle erhielt - nur bedingt mit Talent bestückt war. Weshalb schließlich die Nebenrollen mehr und mehr ins Zentrum gerückt wurden. Und wenn man sich schon die Produzenten-Tusse anschwatzen lässt, kann man auch die übrigen Rollen mit seinen eigenen Musen bestücken.

Die drogensüchtige Sängerin Yolanda (Cristina Sánchez Pascual) will nach der Überdosis ihres Freundes erst Mal untertauchen. Eine Fluchtmöglichkeit findet sie in dem Kloster von Abadesa Julia (Julieta Serrano), die dort ihrer eigenen Drogensucht und homosexuellen Gelüsten frönt. Auch die übrigen Schwestern haben so ihre Eigenarten, pflegt Schwester Perdida (Carmen Maura) doch einen Tiger im Hinterhof, knallt sich Schwester Estiercol (Marisa Paredes) mit LSD zu und schreibt Schwester Rata de Callejon (Chus Lampreave) insgeheim erfolgreiche Schundromane. Das eigentliche Problem, dass die Marquesa (Mary Carillo) die finanziellen Zuschüsse ans Kloster gestrichen hat und dieses nunmehr vor der Schließung steht, geht da natürlich unter. Ein Handlungs-Mix, der eigentlich den Stempel einer Handlung nicht wirklich verdient.

Die Geschichte, die Almodóvar hier zu erzählen versucht, ist heillos unübersichtlich und nur schwer überhaupt erkennbar. Gegen Ende vermisst man die Motive von Yolanda, deren Integration in den Film unentwegt wie ein Fremdkörper wirkt. Dennoch hat Entre tinieblas durchaus seine Momente, beispielsweise wenn sich Abadesa Julia in Yolandas Zimmer eine Heroinspritze setzt oder auch Yolandas finaler Musikauftritt mit den drei amigas (Perdida, Estiercol, Rata de Callejon) ringt einem ein Schmunzeln ab. Man merkt dem Film jedoch an, dass Almodóvar irgendwann merkte, dass Pascuals Figur aufgrund des mangelnden Talents der Darstellerin keine allzu große Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Sodass die Stärken von Entre tinieblas in den einzelnen Szenen mit der Schwesternschaft liegen, allen voran die liebenswert spielende Lampreave. Sie und die übrigen almodóvar'schen Musen (Maura, Roth, Serrano, Paredes) retten, was zu retten ist.

¿Qué he hoche yo merecer esto!!

Mit seinem vierten Film Womit hab’ ich das verdient?, den Almodóvar zugleich als seinen „most social film“ beschreibt, begann der Wahl-Madrilene sich etwas von seinen vulgären Frühwerken zu entfernen. Der Spanier schien erkannt zu haben, dass trotz der wieder gewonnenen Freiheit, die Demokratie in Spanien versagt zu haben scheint, konnten doch weder die Demokratie noch die regierende PSEO allen Familien Wohlstand bringen. Im Gegenteil, führt die neue demokratische Lebensform - die bei Almodóvar zuvor eher Ausgangspunkt für Tabubrüche denn Freiheitsverständnis war - zur wirtschaftlichen und sozialen Krise. Auch fehlen ¿Qué he hoche yo merecer esto!! die bunten und verspielten Farben anderer Almodóvar-Filme, die entsprechend blassen und kalten Bildern weichen müssen.

Im Mittelpunkt steht - wie ab sofort öfters - die Mutter, hier in der Form der Putzkraft Gloria (Carmen Maura). Sie steht repräsentativ für viele von Almodóvars Frauenfiguren. Vom Lande stammend, heiratete sie in Antonio (Ángel de Andrés López) einen Jungen vom Dorf und zog anschließend nach Madrid. Hier fristet sie ein unglückliches Dasein, bestehend aus Putzen, Kochen und Waschen mit den einzigen Fluchtmöglichkeiten im Schnüffeln von Putzmittel oder anderen Haushaltsutensilien. Antonio ist ganz der franquistische Macho, besseren Zeiten als Fahrer der ehemaligen deutschen Nazi-Sängerin Ingrid Müller nachhängend. Der älteste Sohn Toni verkauft Drogen, der Jüngste, Miguel, prostituiert sich für ältere Männer. Auch die in der Wohnung lebende Stiefmutter (Chus Lampreave) erleichtert mit ihrem Wunsch, zurück in ihr Dorf zu ziehen, Glorias Leben nicht wirklich.

Trotz seiner Ernsthaftigkeit mangelt es ¿Qué he hoche yo merecer esto!! nicht an humoristischer Auflockerung. So ist zum einen Lampreaves (an Almodóvars eigener Mutter angelehnte) Figur eine Art comic relief, aber auch die nebenan wohnende Prostituierte Crystal (Verónica Forqué). Sie zählt neben einem Schrifsteller-Ehepaar und der Mutter einer übersinnlichen Tochter (eine kleine Carrie-Hommage) zu den typischen almodóvar'schen Nebenfiguren, die in gewissem Sinne ihr eigenes Dasein neben dem Hauptplot fristen, ohne wirklich in diesen sinnvoll integriert zu sein. Aus Karrieresicht ist ¿Qué he hoche yo merecer esto!! ein großer Schritt für Almodóvar, integrierte er hier viele Elemente, die seine kommenden Filme durchziehen (Mutter als Zentrum) oder erneut Referenz (Putzfrau tötet Ehemann, siehe Volver) finden sollten.

Matador

Seit jeher gilt Pedro Almodóvar als Frauenregisseur. Seine weiblichen Musen alle aufzuzählen, wäre müßig und ausufernd. Einfacher fällt dies bei seiner männlichen Muse: Antonio Banderas. Diesem verhalf Almodóvar bereits mit Laberinto de pasiones zum Filmdebüt. In seinem fünften Film Matador, der 1986 zum dritterfolgreichsten Film des Jahres in Spanien avancierte, fiel Banderas eine gewichtigere Rolle zu, die zugleich das Mittelstück seiner „Schwulen-Trilogie“ für seinen Regisseur darstellte. Almodóvar selbst bezeichnete Matador als seinen „seltsamsten“ und „abstraktesten“ Film, in dem er allegorisch - wie so oft - Haltung zur spanischen Geschichte einnehmen sollte. Und natürlich wäre Almodóvar nicht Almodóvar, wenn es nicht auch hier zu einem Tabubruch kommen würde - indem er die perverse Leidenschaft des Nationalsports Stierkampf nicht nur offen zur Sprache bringt, sondern seinen Film um diese aufbaut.

Der Film beginnt dabei typisch almodóvaresk: Ein Mann (Nacho Martìnez) betrachtet masturbierend Filme mit extremer Gewalt. Es ist der ehemalige Matador Diego, der nach einer schweren Verletzung eine Matadorschule leitet. Zu dieser gehört auch der verklemmte Homosexuelle Ángel (Antonio Banderas). Um sich und somit seinem Mentor Diego seine Männlichkeit zu beweisen, versucht er seine Nachbarin Eva (Eva Cobo), zugleich Diegos Freundin, zu vergewaltigen. Als er sich wegen der Tat stellt, von Eva jedoch entlastet wird, gesteht er freimütig vier offene Mordfälle. Die wahre Täterin eines Teils dieser Morde, Anwältin María (Assumpta Serna), übernimmt Ángels Verteidigung und zieht damit die Aufmerksamkeit von Diego auf sich. Während Diego und María sich sexuell immer anziehender finden und auf gegenseitige Geheimnisse stoßen, versucht der homosexuelle Polizeiermittler (Eusebio Poncela) mit Hilfe der Psychologin Julia (Carmen Maura) im Gegenzug Ángel zu entlasten.

Almodóvar, der wie sein produzierender Bruder Augustín eine amüsante Nebenrolle übernimmt, kommentierte in Matador ziemlich offensichtlich Kulturwerte des „alten“ Spaniens als kriminalistisch und psychotisch. Die vom Stierkampf getriebenen Diego und María kommen nicht umhin, weiter zu morden und ihre Leidenschaft aus diesen Morden zu beziehen. Zugleich zwängt Almodóvar die hässliche Fratze von Francos Spanien in Julieta Serrano als biedere Mutter von Ángel, während Chus Lampreave das moderne Spanien verkörpern darf, als freimütige Mutter von Eva. Matador ist wie nahezu jeder Film Almodóvars in den richtigen Momenten humorvoll und damit auflockernd, verliert sich jedoch in seinem dritten Akt etwas in der hereinbrechenden Mystik rund um Ángels Figur und die perverse Beziehung von Diego und María. Qualitativ somit ein kleiner Rückschritt zum Vorgänger, aber Almodóvars Fortschritte sind sichtbar.

La ley del deseo

Der Mann aus La Mancha beschreibt Das Gesetz der Begierde selbst als „the key film of my career“. Von seiner Struktur unterscheidet sich der Film durchaus von anderen Filmen Pedro Almodóvars, verzichtete er doch auf die sonst ausufernden Nebenfiguren und kommt weitaus stringenter daher. Für den Almodóvar-Biographen Ernesto Acevedo-Muñoz ist La ley del deseo „a landmark of queer cinema“. Beschränkte sich der spanische Auteur in seinen Frühwerken noch darauf, Obszönitäten zu portraitieren, weil dies in der neugewonnenen Demokratie nun möglich war, fokussiert er sich nunmehr weitaus stärker auf die wirkliche Bedeutung dieser Freiheit. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier eine homosexuelle Dreiecks-Geschichte erzählt wird, ist zwei Jahrzehnte vor Brokeback Mountain beachtlich und umso interessanter, weil Spanien seiner Zeit La ley del deseo am häufigsten als den Film auswählte, der die Nation auf Festivals vertreten sollte.

Der spanische Regisseur Pablo (Eusebio Poncela) ist erfolgreich und geliebt - nur nicht von seinem Darsteller und Objekt der Begierde, Juan (Miguel Molina). Als dieser im Sommer in sein Dorf zurückkehrt, beginnt Miguel eine Affäre mit Antonio (Antonio Banderas), einem seiner Fans. Für Miguel jedoch lediglich eine Ablenkung für die Sehnsucht nach Juan. Derweil plant er eine Bühnenadaption und ein neues Filmprojekt, in welchen seine Schwester Tina (Carmen Maura), eigentlich sein zur Frau umoperierter Bruder, die Hauptrolle übernehmen soll. Tina wiederum hängt immer noch der negierten Liebe ihrer einzigen beiden Männer im Leben nach: Zum einen ihrem inzestuösen Vater und zum anderen ihrem pädophilen ehemaligen Priester. Während Tina sich ganz in die neuen Projekte ihres Bruders stürzt, gerät dieser in ein mörderisches Beziehungsdrama mit Juan und Antonio.

Auch in La ley del deseo finden sich viele bekannte Merkmale des Regisseurs wieder. Das Krankenhaus als Handlungsort taucht ebenso auf, wie die Themen des Transsexualismus (Todo sobre mi madre/La mala educación) oder des Inzests (Laberinto de pasiones/Volver). Auch die Liebesbezeugung durch Gewaltandrohung wird Almodóvar in ¡Átame! und Carne trémula nochmals aufgreifen. In der Nebenfigur von Tina, die erst so viel Gewichtung erfuhr, als Almodóvar mit Poncela unzufriedener wurde, verarbeitete der Spanier zum ersten Mal seine beiden Prosageschichten Anfang der Siebziger (La visita würde später ausführlicher in La mala educación aufgegriffen werden). Es ist die etwas unausgegorene Geschichte von Tina, die dem Film etwas schadet, ihre Involvierung in den Film wirkt oft gezwungen und scheint es ja aufgrund der Probleme mit Poncela auch gewesen zu sein. Man merkt dem Auteur aber an, dass er sich gesteigert hat.

Mujeres al borde de un ataque de nervios

Über Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs wurde zuletzt erst in Bezug auf Los abrazos rotos gesprochen, da es sich Pedro Almodóvar nicht nehmen ließ, seinem Durchbruchsfilm von 1988 eine Hommage zu schenken. Der Film wurde nicht nur in 16 Kategorien des spanischen Filmpreises Goya nominiert, sondern auch als bester fremdsprachiger Film sowohl für einen Golden Globe als auch für einen Academy Award. Spätestens jetzt hatte sich Almodóvar international einen Namen gemacht und in Spanien, auch dank seinem ersten Goya für sein Drehbuch, ohnehin bereits. Der Spanier verarbeitet wie so oft in seinen Werken die Leidensgeschichte der Frau beziehungsweise das quälende Verhalten der Männer. Hier ist es das Liebesleben des Synchronsprechers Iván (Fernando Guillén), welches die eigentliche Geschichte ins Leben ruft.

Seine Affäre mit der Kollegin Pepa (Carmen Maura) wird zu Gunsten einer anderen Frau beendet. Was Pepa nicht auf sich sitzen lassen und deshalb Iván konfrontieren will. Nur ist der inzwischen untergetaucht. Wie auch Candela (María Barranco), Pepas Freundin, die sich naiver Weise mit einem schiitischen Terroristen eingelassen hat, der mit seinen Glaubensbrüdern einen Anschlag in Madrid verüben wollte. Irgendwo dazwischen rutschen auch noch Iváns Sohn Carlos (Antonio Banderas) und seine Verlobte Marisa (Rossy de Palma) in das Bild hinein. Die Szenerie kulminiert dann in Pepas Penthouse, wo sich die Mehrzahl der Protagonisten letztlich in einer urkomischen Einstellung gegenübersteht. Das Ganze wird hierbei vom humorvollen Spiel Barrancos, sowie dem intensiven Engagement von Maura getragen, die Beide zu Recht einen Goya erhielten.

Neben Almodóvars damaligen Musen Maura und, wenn man ihn so bezeichnen will, Banderas, findet sich auch in de Palma ein bekanntes Gesicht aus seiner Filmographie. Mujeres al borde de un ataque de nervios besticht durch Almodóvars herzhaften Humor und seine pointierten emanzipatorischen Spitzen. „Vertrau keinem Mann“, rät da der Priester der Braut in einem Film im Film und Pepa selbst gibt später ihrer Nachbarin den Tipp: „Motorräder kann man verstehen. Männer nicht“. Das Finale fällt zwar etwas aus der Rolle - oder wirkt sehr over the top, insofern man das in Anbetracht der restlichen Geschichte sagen kann -, vielleicht gerade weil es den sicheren Raum von Pepas Wohnung verlässt. Nichtsdestotrotz ist Mujeres al borde de un ataque de nervios eine ungemein unterhaltsame Komödie, die speziell von ihrem toll aufspielenden Ensemble lebt.

¡Átame!

Selten trifft man wirklich pointierte Untertitel, die auch noch den betreffenden Film wiedergeben. Im Falle von Fessle mich! ist dies mit „A love story…with strings attached!“ ausgesprochen geglückt. Pedro Almodóvars achter Film ist besonders in vielerlei Hinsicht. Die Musik stammt vom legendären Ennio Morricone, Victoria Abril verkam zur neuen Muse des Spaniers für die nächsten zwei Jahre - nachdem sie zuvor Barrancos Rolle in Mujeres (…) abgelehnt hatte -, die Amerikaner führten unter anderem für diesen Film ihre „NC-17“-Altersfreigabe ein und nach acht Jahren und fünf gemeinsamen Projekten sollten Almodóvar und seine männliche Muse Antonio Banderas in ¡Átame! (vorerst) zum letzten Mal miteinander arbeiten. „The end of an era“, nannte es Banderas selbst, dessen Karriere sich anschließend gen Hollywood orientieren sollte.

„For me the film is totally romantic - it’s a love story and a fairy tale“, umschrieb Almodóvar seinen eigenen Film. Eine Meinung, die man in der Zensurbehörde Amerikas wohl nicht ganz so teilte, ist der Film auf gewisse Weise doch ausgesprochen europäisch. Gerade die Prämisse der Geschichte stieß in den spießigen USA auf Anstoß. ¡Átame! erzählt von dem 23-jährigen Ricky (Antonio Banderas), der, aus einer Anstalt entlassen, beginnt der Porno-Darstellerin Marina (Victoria Abril) nachzustellen. Er überfällt sie Daheim und bindet sie ans Bett. Er wolle ihr Mann und Vater ihrer Kinder werden, erklärt Ricky, während Marina glaubt, nach einer schnellen Vergewaltigung wäre sie den Eindringling wieder los. Drogenabhängig wegen Zahnschmerzen muss Ricky für Marina dann mehrfach in die Madrider Nacht, um seinem Entführungsopfer die entsprechenden Tabletten zu besorgen.

Ähnlich wie in Los abrazos rotos beinhaltet auch ¡Átame! einen Film im Film. „Das ist kein Horrorfilm, eher eine Liebesgeschichte“, befindet man über Marinas eigenen Film, während sich gefragt wird, wo diese eigentlich steckt. Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, ja, allerdings nicht so romantisch, wie Almodóvar es selbst sieht. Verständlich, dass man in Amerika ob Rickys „liebevoller“ Gewalt gegenüber Marina sehr bedeckt reagierte. Wobei auch die Nackt- und Sexszenen mit Abril wenig in den prüden USA beigetragen haben dürften. Die Wende im Film wirkt fraglos etwas spontan, zudem suggeriert die letzte Szene, das vielleicht nicht alles so ist, wie man zu denken glaubt. Dennoch ist ¡Átame! ein von Banderas und Abril gut gespielter, humorvoller Liebes-Thriller, in dem Morricones Musik allerdings bisweilen deplatziert wirkt.

Tacones lejanos

Die Idee zu High Heels hatte Pedro Almodóvar bereits Ende der Achtziger, damals jedoch in völlig anderem Kontext. Stattdessen nun eine Art Melodram, in der Victoria Abril zum zweiten Mal die Hauptrolle für den Auteur übernahm. Ein Film, der in seiner Prämisse an Douglas Sirks Imitation of Life erinnert, behandelt Tacones lejanos doch ein kompliziertes Mutter-Tochter-Verhältnis, in welchem das Kind im Schatten des Elternteils steht. Abril gibt die Nachrichten-Moderatorin Rebeca, die sich nach der Liebe und Anerkennung ihrer berühmten Mutter, der Sängerin und Schauspielerin Becky del Páramo (Marisa Paredes), sehnt. Das Ganze geht so weit, dass Rebeca eine Ehe mit einem ehemaligen Geliebten ihrer Mutter eingeht. Als dieser tot aufgefunden wird, verdächtigt Richter Domínguez (Miguel Bosé) dementsprechend beide Frauen.

Es sind erneut die Frauen, die unter den Männern zu Leiden haben, denen sich der Spanier hier widmet. Speziell natürlich in Gestalt von Rebeca, deren Beziehung zu ihrer Mutter mitunter relativ wenig greifbar ist. Speziell der Sprung vom Prolog in die eigentliche Handlung wirkt dürftig, wird doch nicht klar, wie lange sich die beiden Frauen nicht mehr gesehen haben (tatsächlich über ein Jahrzehnt?). Hinzu kommt, dass die finale Wendung dann relativ früh absehbar ist, was generell wenig problematisch wäre, würde Almodóvar sie nicht von Anfang an sehr plakativ bereits andeuten. Genauso wie er einen wirklichen Zugang zur zentralen Figur von Rebeca verwehrt, über deren Innenleben man nur bedingt in ein paar Szenen leichte Einblicke erhält. Als Melodram funktioniert Tacones lejanos somit nicht ganz so gut, wie als ein etwas unernster Thriller.

Immerhin gelingt Abril eine schöne Wandlung von ihrer Figur aus ¡Átame!. Es ist durch und durch ihr Film, woran selbst Paredes nichts ändern kann. Almodóvars Humor ist hier etwas rarer gesät, aber sehr schön erkennbar in Rebecas Geständnis vor laufender Kamera und der Reaktion ihrer Gebärdensprachdolmetscherin. Nett gerät zudem der Kurzauftritt von Javier Bardem, der in Carne trémula eine größere Rolle erhalten sollte. Auch Almodóvars selbstreferentielles Zitat im Film („Du musst endlich lernen, deine Probleme mit Männern auf eine andere Art zu lösen“) weiß dem Zuschauer ein Schmunzeln abzuringen. All dies lenkt jedoch nicht davon ab, dass Tacones lejanos nicht zu den stärkeren Filmen des spanischen Auteurs zählt. Zu sehr verlässt er hier seine eigentliche Narration (insbesondere durch die Integration von Paula), was ihm letztlich nur schadet.

Kika

Die Filme Pedro Almodóvars haben etwas von Klassentreffen. Auch wenn nicht immer alle kommen können, trifft man jedes Mal genug bekannte Gesichter. In Kika sind es Bibí Andersen, Victoria Abril, Rossy de Palma und Verónica Forqué, unterstützt von Mónica Bardem in einer Nebenrolle, die zu Almodóvars „Bardem“-Hattrick zählt (er hatte zuvor bereits mit ihrem Bruder Javier gedreht, während ihre Mutter Pilar in Carne trémula mitwirkt). Nach Aussage des Mannes aus La Mancha setzte sich Kika mehr mit Ideen denn Charakteren auseinander. Das Resultat war ein Film, der sowohl in Spanien wie im Ausland verhalten aufgenommen wurde, auch wenn Christoph Haas, einer von Almodóvars Filmbiographen, in ihm „zweifellos ein Meisterwerk“ und einen „der wichtigsten europäischen Filme der Neunziger“ sieht. Was man so stehen lassen muss, da Haas anschließend nicht ausführt, warum dem so sei.

Kika (Verónica Forqué) ist eine jung gebliebene Kosmetikerin Mitte Dreißig, die sich in den Photographen Ramón (Àlex Casanovas) verliebt, nachdem sie zuvor eine Affäre mit dessen Stiefvater, dem Schriftsteller Nicholas (Peter Coyote), hatte. Die beiden Männer können sich nicht ausstehen, was auch am vermeintlichen Suizid von Ramóns Mutter und Nicholas Frau liegt, die sich drei Jahre zuvor erschossen haben soll. Als Nicholas nach einem Südamerikaabstecher wieder nach Spanien kommt, ist Ramón höflich genug, ihm nicht nur Geld zu leihen, sondern auch eine Unterkunft zu bieten. Auch die Fernsehmoderatorin Andrea (Victoria Abril) teilt ihre Vergangenheit mit dem Vater-Sohn-Gespann und nimmt im Verlaufe des Filmes entscheidenden Einfluss auf Kikas Leben, als sie in ihrer Sensations-Sendung eine Vergewaltigung von Kika durch Paul, den Bruder von Kikas Hausmädchen Juana (Rossy de Palma), ausschlachtet.

Wieder eine Vergewaltigung und wieder wird das Problemthema zu humoristischen Zwecken genutzt. Als Kika Ramón die Vergewaltigung später gesteht, erklärt sie lapidar: „These things happen every day. Today was my turn“. Betrachtet man Almodóvars Filme, könnte man meinen, eine Vergewaltigung sei nicht schlimmer als vom Freund verlassen zu werden. Aber nicht deswegen ist Kika ein mühseliger Film, eher weil er sich in der Tat nicht für seine Charaktere interessiert. Figuren tauchen auf und verschwinden, speziell Paul und Juana, die letztlich ebenso vergänglich sind, wie das Sperma, das in einer Szene auf Andreas Gesicht tropft. Die finale Konfrontation hat man so in etwa bereits in Matador gesehen, wie später auch in Carne trémula. Insofern ist Kika nur leidlich unterhaltsam, was auch die opulente Ausstattung mit Kostümen von Jean Paul Gaultier nicht zu kaschieren vermag. Wieso Haas hier einen „der wichtigsten europäischen Filme der Neunziger“ ausmacht, wäre wohl interessanter gewesen, als der Film am Ende selbst ist.

La flor de mi secreto

Interreferenz tritt beim spanischen Meister nicht selten auf. Viele seiner Filme verbeugen sich vor filmischen Klassikern (Matador beispielsweise referiert Duel in the Sun), oft aber installiert Pedro Almodóvar Referenzen zu seinen eigenen Werken - meist vorausgreifend. So finden sich in Mein blühendes Geheimnis sowohl Elemente, die der Auteur vier Jahre später in seinem Meisterwerk Todo sobre mi madre aufgreifen würde (die filmische Ärzteschulung für Todesnachrichten und Organspendeanfrage), als auch eine Handlungsidee für den zehn Jahre später gedrehten Volver (Tochter tötet Vater und Muter versteckt ihn in Kühltruhe). Es zeugt vom Ideenreichtum des Spaniers, dass er kleine Details vergangener Filme aufgreift und ihnen eine eigene Geschichte oder zumindest Szene verleiht. Und zugleich ist La flor de mi secreto das für Hauptdarstellerin Marisa Paredes, was ¡Átame! fünf Jahre zuvor für Antonio Banderas und Todo sobre mi madre vier Jahre später für Cecilia Roth sein sollte - das schauspielerische Glanzstück unter Almodóvar.

Leo (Marisa Paredes) tritt unter einem Pseudonym als Schriftstellerin romantischer Schundromane af und ist ein seelisches Wrack, seit ihr Ehemann Paco (Imanol Arias) sich als Soldat der NATO anschloss und in Brüssel lebt. Sie ertränkt ihren Kummer in Alkohol und erreicht einen Punkt, an dem sie nichts mehr mit jenen Schundromanen zu tun haben möchte. Weder für ihre Verleger, noch Ángel (Juan Enchanove), Chefredakteur der Zeitung El Pais, der sie unwissentlich bittet, eine Buchrezension zu einem ihrer eigenen Romane zu verfassen und sie zugleich romantisch umgarnt. Hinzu kommen die Sorgen um ihre Mutter (Chus Lampreave), die bei Leos Schwester (Rossy de Palma) lebt, jedoch vehement um ihre Rückkehr ins dörfliche La Mancha bittet. Als Paco dann für wenige Stunden nach Hause kommt und sich herausstellt, dass er eine Affäre mit Leos Freundin Betty (Carme Elías) hatte, bricht die Welt der Schriftstellerin vollends zusammen.

La flor de mi secreto war Almodóvars Abkehr von seinen vorherigen Studioproduktionen, vor Ort gedreht und von seinen Biographen speziell wegen den Kameraeinstellungen während Pacos Rückkehr gelobt (die Beziehung der Figuren wird durch ihre aufgebroche Darstellung gezeigt). Wie es sich für einen Almodóvar-Film gehört, ordnet sich auch hier die Farbkombination der Bilder dem Stil des Regisseurs unter. In der Vermischung von Drama und Humor ist der Spanier nach 15 Jahren inzwischen ein Meister, weshalb die dramatischen Momente um Leos Liebesleben sehr schön durch die grandiosen Szenen mit de Palma und Lampreave aufgelockert werden. Natürlich spielt auch das Singen eine große Rolle, in diesem Fall ufert sie jedoch aus, wenn sie quasi den gesamten dritten Akt durchzieht. Dennoch ist der Film ausgesprochen gelungen, nicht zuletzt dank Paredes, die ihre beste Leistung unter dem Mann aus La Mancha abruft.

Carne trémula

Hiermit fing es also an. Die Arbeitsbeziehung von Pedro Almodóvar und Penélope Cruz, die in Live Flesh - Mit Haut und Haar allerdings nur im Prolog auftaucht. Noch war sie also nicht seine Muse, von der es im Film dieses Mal eigentlich gar keine gibt. Erst Ende des letzten Jahrzehnts würde Cruz vollends auf ein Treppchen neben Carmen Maura und Marisa Peredes gestellt werden. Bei Carne trémula handelt es sich um einen Film, von dem der Auteur meint, er hätte seine Farbpalette geändert und sich vom Pop entfernt. Was man als Zuschauer auf den ersten Blick nicht einmal merkt, selbst wenn es offensichtlich ein anderer Film ist als Mujeres al borde de un ataque de nervios. Es ist ein Film über Schicksal, an welches der Spanier eigentlich gar nicht glaubt. Eine verstrickte Liebesgeschichte, die alle beteiligten Parteien gleichsam zu vereinnahmen scheint.

Almodóvar erzählt vom Twen Victor (Liberto Rabal), der nach einer kurzweiligen Bekanntschaft mit der Drogensüchtigen Elena (Francesca Neri) dieser Daheim nachstellt. Die Situation eskaliert, als Elena eine Pistole zückt und die beiden Polizisten Sancho (José Sancho) und David (Javier Bardem) auf der Bildfläche erscheinen. Ein Schuss löst sich, David wird querschnittsgelähmt und Victor landet für die nächsten Jahre im Gefängnis. Als er aus diesem schließlich entlassen wird, ist seine Mutter (Penélope Cruz) an Krebs gestorben undDavid ein gefeierter Paralympic-Basketballer, zudem mit Elena verheiratet. Selbst im Unglück widerfahre ihm noch Glück, schmettert Victor diesem in einer späteren Szene entgegen, während er selbst sich mit Sanchos vernachlässigter Frau Clara (Ángela Molina) einlässt und im Kindergarten von Elena eine Praktikantenstelle übernimmt.

Ein- und Ausleitung des Filmes sind auf subtiler Ebene erstaunlich ernst geraten, verweist Almodóvar doch auf den Zustand Madrids unter Francos Regime. Ansonsten weiß der Spanier jedoch wie immer mit einer gewissen humorvollen Note an seine Liebesdramen heranzugehen, wenn Davids und Victors Konfrontation durch einen spontanen Torjubel für Atlético Madrid unterbrochen wird. Carne trémula weist einige Ähnlichkeiten zu ¡Átame! auf, ähneln sich doch Ricky und Victor in ihrer „aufgezwungenen“ Liebe und Marina und Elena in ihrer plötzlichen Erwiderung dieser Gefühle. Auch durch die Sexszene und sein harmonisches Ende erinnert der Film an seinen sieben Jahre jüngeren Vorgänger. Von diesen Schwächen abgesehen kann Almodóvars Affäre zu Viert jedoch die meiste Zeit überzeugen und dies sogar so ganz ohne eine seiner Musen.

Todo sobre mi madre

„Frauen tun alles, nur um nicht allein zu sein“, lautet vielleicht der einprägsamste Satz, den Spaniens Frauenflüsterer Numero Uno, Pedro Almodóvar, seiner Protagonistin in den Mund legt. Alles über meine Mutter ist, wie der Auteur selbst sagt, ein Film über „natürliche, weibliche Solidarität“. Und vermutlich auch Almodóvars vollständiger internationaler Durchbruch. Der Film gewann den Academy Award als bester fremdsprachiger Film und bereitete seinem Schöpfer somit eine Bühne, die dieser wenig später mit Hable con ella selbst betreten sollte. Dabei ist Todo sobre mi madre ein außergewöhnlicher Film in vielerlei Hinsicht. Allen voran sicherlich, weil er zum ersten Mal nach fünfzehn Jahren und seit ¿Qué he hecho yo para merecer esto!! wieder Almodóvar und Cecilia Roth, eine seiner Ursprungsdarstellerinnen, miteinander vereinte.

Die Krankenschwester Manuela (Cecilia Roth) besucht gemeinsam mit ihrem Sohn Esteban an dessem Geburtstag eine Theateraufführung von A Streetcar Named Desire. Als der designierte Schriftsteller ein Autogramm der Hauptdarstellerin Huma Rojo (Marisa Paredes) ergattern will, wird er von einem Wagen überfahren. Manuela macht sich auf nach Barcelona, wo sie Estebans Vater, den Transvestiten Lola, ausfindig machen will, um ihn vom Verlust seines Sohnes, den er nie kennenlernte, zu unterrichten. Doch Lola ist abgehauen und hat die Nonne Rosa (Penélope Cruz) HIV-infiziert und schwanger zurückgelassen. Manuela nimmt sich der leidgeprüften Schwester an und kommt über Umwegen zu einem Assistentenjob bei Huma Rojo. Diese hat unter der Drogensucht ihrer Kollegin und Geliebten zu leiden. Die Frauen beginnen sich anzufreunden.

Es hat schon etwas Besonderes, wenn Almodóvar eine Szene kreiert, die mit Roth, Paredes und Cruz gleich drei seiner größten Musen beinhaltet. Es ist in der Tat ein Film über weibliche Solidarität, müssen doch alle Frauenfiguren - natürlich auch die Transvestiten - wie so oft beim spanischen Auteur unter den Handlungen ihrer männlichen Artgenossen leiden. Wie gekonnt dezent und insbesondere selbstverständlich Almodóvar hier soziale Problemthemen wie Transvestitismus, HIV und Kindesverlust nicht nur anspricht, sondern zu einer kohärenten Geschichte verwebt, ist Merkmal für das über die Jahre gereifte Talent des spanischen Ausnahmeregisseurs. Speziell das Ende des Filmes, wenn sich Lola und Manuela schließlich wieder begegnen, rührt zu Tränen. Todo sobre mi madre ist ein ganz großer Almodóvar. Und ein ganz großes Melodram.

Hable con ella

Um die Jahrtausendwende sollte Pedro Almodóvars Schaffen und zugleich sein Ruhm seinen Höhepunkt erreichen. Erhielt sein letzter Film, Todo sobre mi madre, zuvor den Academy Award als bester fremdsprachiger Film, gewann Almodóvar für Sprich mit ihr drei Jahre später den Preis für sein Drehbuch und war zudem auch noch als Regisseur nominiert. Beide Filme zusammen spielten weltweit über 110 Millionen Dollar ein, der Wahl-Madrilene war nunmehr in den Regie-Olymp aufgestiegen. Denkt man heutzutage an den Auteur, denkt man zuerst an diese beiden Filme von 1999 und 2002. Ein Segen und - wenn auch nur bedingt - zugleich an Fluch, wollten seine anschließenden drei Filme nicht mehr ganz diese Bildgewalt erreichen und beschränkten sich stattdessen darauf, einen persönlichen Ausflug des Regisseurs in seine eigene Vita darzustellen.

Der Film erzählt die Geschichte des Krankenpfleger Benigno (Javier Cámara) und des Journalisten Marco (Darío Grandinetti), sowie ihrer Liebesbeziehungen zu zwei Frauen, die beide durch tragische Unfälle im Koma landen. Während Marco es vergönnt war, zumindest einige Monate mit der Matadora Lydia (Rosario Flores) zu verbringen, ehe die bei einem Stierkampf einen Hirntod erlitt, besteht die Beziehung von Benigno und der Tänzerin Alicia (Leonor Watling) lediglich aus der Körperpflege Letzterer durch Ersteren. Aufgrund des gemeinsamen Schicksals, von der Geliebten durch deren komatösen Zustand getrennt zu sein, freunden sich Benigno und Marco im Laufe der Wochen allmählich an. In Rückblenden präsentiert Almodóvar die Vorgeschichten der beiden Paare, während Benignos Liebe zu Alicia beginnt, immer stärkere Ausmaße einzunehmen.

In seinem vierzehnten Film räumt der Auteur seinem üblichen Humor wenig Platz ein. Lediglich sein Film im Film, El amante menguante, als reflexorisches Element für Benignos Gefühle, lässt ein paar Schmunzler zu, steht jedoch auch repräsentativ für die darauffolgende Vergewaltigung. Erfreulicherweise ist Almodóvar in den letzten zwei Jahrzehnten reifer geworden, weshalb er nunmehr mit Vergewaltigungen sicherer umgeht, anstatt sie in zweideutiger Weise als Verweis auf den Franquismus zu missbrauchen. Hable con ella ist ein Film über vier Figuren, der wenig über diese Figuren verrät. Das Innenleben von Benigno, Marco, Lydia und Alicia bleibt dem Publikum leider oft verwehrt. „Wer liebt, der spricht“, fasst Almodóvar die Prämisse des Filmes im Audiokommentar zusammen. Leider spricht Hable con ella nicht ganz so gut zum Zuschauer, wie es bei seinem Vorgänger der Fall gewesen ist.

La mala educación

Mit La mala educación - Schlechte Erziehung begab sich der Auteur erneut auf eine Reise in die Vergangenheit, griff er hier schließlich ausführlicher als in La ley del deseo seine eigene, in den siebziger Jahren verfasste, Geschichte La visita wieder auf. Bereits 1993 begann er mit der Arbeit am Drehbuch, dem somit gut ein Jahrzehnt Vorbereitung zu Grunde lag. Sein Film behandelt dabei beliebte Themen des Spaniers, allen voran Transvestitismus und sexueller Missbrauch. Gerade Letzterer sollte auch im kommenden Film von inhaltlicher Bedeutung sein und beide Filme zusammen veranschaulichen sehr gut, wie gewachsen Almodóvar seit dem grausigen Umgang in Laberinto de pasiones mit dem delikaten Thema umgeht. Und auch, dass er hiermit seine mise en abyme perfektioniert hat.

Der junge Regisseur Enrique (Fele Martínez) erhält Besuch von seinem ehemaligen Schulkameraden und ersten Liebe, Ignacio (Gael García Bernal). Dieser ist ein aufstrebender Schauspieler, der Enrique ein Drehbuch über die Kindheit der Beiden im katholischen Internat, betitelt La visita, überreicht. Geschildert werden darin die Liebe der beiden Knaben, sowie die sexuellen Übergriffe des Literaturlehrers Padre Manolo (Daniel Giménez Cacho) auf Ignacio. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, wie Ignacio, als Transvestit Zahara verkleidet, Jahre später Padre Manolo konfrontiert. Äußerst skeptisch lässt sich Enrique sowohl in beruflicher als auch in sexueller Hinsicht auf Ignacio ein, während der Film selbst peu a peu neben Ignacios und Enriques Geschichte auch Zaharas Erlebnisse und die des jungen Ignacio aufzuschlüsseln beginnt.

Der Einzug des Medium „Film“ in die Werke von Almodóvar ist ein beliebtes Merkmal des Regisseurs (s. Mujeres (…), ¡Átame! oder Los abrazos rotos), hier als mise en abyme perfektioniert, wenn La mala educación beginnt mit dem Film-im-Film La visita und dessen zu Grunde liegenden Erzählung La visita zu verschmelzen. Allerdings beginnt sich der Spanier im Laufe des dritten Akts mehr und mehr in seiner - wie so oft - komplexen Handlung zu verlieren, wenn Ángel, Zahara, Ignacio und dessen Bruder Juan zu verschmelzen beginnen und mit ihnen auch ihre Handlungsstränge. Wenn dann auch noch Lluís Homar als echter Padre Manolo beziehungsweise Señor Berenguer die Bühne betritt, hat sich La mala educación selbst inzwischen etwas aus der Bahn geworfen. Am Ende will Almodóvar zu viel und verbaut seinem Film einen besseren Eindruck.

Volver

Die Filme in denen sich Pedro Almodóvar primär Männern widmet, lassen sich an einer Hand abzählen. Er ist eben doch ein Auteur, der sich speziell für „natürliche, weibliche Solidarität“ begeistert. So auch in Volver - Zurückkehren, seinem einzigen Film, dessen Titel im englischsprachigen Ausland nicht übersetzt wurde. Er basiert wie weiter oben angedeutet auf einem Detail von La flor de mi secreto, mit dem er, wie auch mit ¿Qué he hoche yo merecer esto!! die Thematik der Rückkehr ins Dorf teilt. Auch Tacones lejanos erfährt hier ein Echo, wie sich Volver ohnehin vollauf in der Tradition des Spaniers sieht. Es ist ein Film über Frauen und Mütter und damit auch über Almodóvars Lieblingsthema: Die Familie. „In Volver family is made of women“, fasst Ernesto Acevedo-Muñoz zusammen. Mit einem Einspiel von fast 13 Millionen Dollarn in den USA und weltweit noch mal mehr als das Fünffache ist Volver der finanziell erfolgreichste Film von Almodóvar. Allerdings deswegen nicht unbedingt sein gelungenster.

Raimunda (Penélope Cruz) hat es nicht leicht, muss sie allein als Putzkraft ihre Familie ernähren, während ihr arbeitsloser Mann Paco (Antonio de la Torre) zu Hause rumlümmelt. Dort weckt Raimundas Tochter Paula (Yohana Cobo) sexuelle Begehrlichkeiten bei ihm - eine Leidenschaft, die ihn sein Leben kosten wird. Um ihre Tochter zu schützen, lässt Raimunda die Leiche in der Tiefkühltruhe des zum Verkauf stehenden Restaurants eines Nachbarn verschwinden. Als sie dort von einem Filmteam die Anfrage erhält, das Catering zu übernehmen, packt die robuste Mutter die Gelegenheit beim Schopfe. Unterdessen ist Raimundas Schwester Sole (Lola Dueñas) damit beschäftigt, die tot geglaubte Mutter Irene (Carmen Maura) in ihrer Wohnung zu verstecken. Es ist der Tod der geliebten Tante Paula (Chus Lampreave), der alle Frauenfiguren zurück ins heimatliche Dorf und damit zu ihren Geheimnissen und Emotionen treiben wird.

Grundsätzlich verfügt Volver über alles, was einen Almodóvar-Film ausmacht. Den bunten rötlich-gelben Farbton, eine schrullige Mutterfigur, starke Frauen, die keinen Platz für Männer lassen, die obligatorische Autoszene und Querverweise zu anderen Werken aus der Vita. Dennoch wirkt die Handlung des Filmes, ebenfalls sehr almodóvaresk, überladen, speziell durch Blanca Portillos zwar gut gespielte, aber letztlich irrelevante Nachbarin Agustina. Auch Carmen Mauras Rückkehr (volver) zu Almodóvar nach 18 Jahren will nicht so recht den Funken alter Tage wieder zum Glühen bringen. Schade auch, dass der spanische Auteur hier erneut sexuellen Missbrauch lediglich als Charaktermerkmal einbaut, ohne das seine Vita durchziehende Thema jemals mit der nötigen Ernsthaftigkeit und der gebührenden Aufmerksamkeit anzusprechen. Es ist abseits davon natürlich die hervorragend aufspielende Cruz, die das Herz des Filmes darstellt und ihn mühelos alleine zu Tragen versteht. Schade nur, dass hier noch mehr drin gewesen wäre.

Los abrazos rotos

Fast dreißig Jahre liegen zwischen Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón und Pedro Almodóvars jüngstem Film Zerrissene Umarmungen. Und viel geändert hat sich nicht in der Handschrift des Auteurs. Es geht um starke Frauen - mal mehr, mal weniger. Eine Krankenhausszene darf nicht fehlen, eine Einstellung der Protagonisten im Auto eigentlich auch nicht. Und Referenz erweisen sollte man ebenfalls. Entweder den anderen, sich selbst oder beides. Am prominentesten geschieht dies vielleicht noch in Los abrazos rotos, in dem eine ausgiebige Hommage an Mujeres al borde de un ataque de nervios in Form einer erneuten mise en abyme vorhanden ist. Und das auch hier wieder bekannte Gesichter wie Rossy de Palma, Chus Lampreave, Lluís Homar, Blanca Portillo und Lola Dueñas mit von der Partie sind, sollte eigentlich auch niemanden mehr überraschen. Kommerziell war Los abrazos rotos allerdings ein Rückschritt, spielte der Film lediglich ein Drittel von Volver ein und wurde sein Titel zudem - im Gegensatz zum Vorgänger - wieder übersetzt.

Erzählt wird vom blinden Drehbuchautor Harry Caine (Lluís Homar), dessen Wirken als Filmregisseur per Rückblende aufgeschlüsselt wird, als mit dem jungen Regisseur Ray X (Rubén Ochandiano) eine Figur aus seiner Vergangenheit die Bühne betritt. Vor vierzehn Jahren hatte sich Harry, der damals noch seinen Geburtsnamen Mateo Blanco verwendete, in Magdalena (Penélope Cruz) verliebt, die Hauptdarstellerin seines neuesten Filmes Chicas y maletas. Doch Lena war damals mit dem Industriellen Ernesto Martel (José Luis Gómez) liiert, mehr aus Dankbarkeit denn Liebe, da Martel einst Lenas Vater eine lebensverlängernde Operation finanziert hat. Der eifersüchtige und alte Martel beäugt die Dreharbeiten kritisch und setzt seinen homosexuellen Sohn Ernesto Jr. (Rubén Ochandiano) darauf an, eine Dokumentation zu drehen, die Martel dann von einer Lippenleserin übersetzen lässt. Die Affäre wird schließlich aufgedeckt, mit fatalen Folgen.

Auch seine Vita bastelt der Mann aus La Mancha wieder in seinen Film. So ist „Harry Caine“ das Pseudonym, unter dem Almodóvar selbst gerne einige Filme veröffentlicht hätte (um diesen die Bürde seines Namens zu nehmen). Und der junge homosexuelle Ernesto Jr. ist auch irgendwie ein kleiner augenzwinkernder Verweis auf sich selbst. Was Los abrazos rotos im Vergleich zum Œuvre des Auteurs ein wenig abgeht, ist der Humor. Abseits von Chicas y maletas (dessen köstlichste Szene sogar der Schere zum Opfer fiel) ist Almodóvars jüngster Film erstaunlich trocken und ernst. Grundsätzlich bleiben die Mängel aus der Erstsichtung bestehen, der narrative Aufbau hapert etwas (obschon die Handlung für almodóvar’sche Verhältnisse erstaunlich stringent den Hauptfiguren folgt) und Ochandianos Figur ist gänzlich überflüssig. Muse Penélope Cruz kann leider nicht an ihre Leistung aus Volver heranreichen, sodass ihr mehr und mehr Portillo die Schau stiehlt (verkehrte Welt also). Dennoch zeugt Los abrazos rotos wie die anderen Filme der letzten 15 Jahre von seiner Reife und Klasse.