21. April 2008

The Savages

What the hell kinda of hotel is this?

Vor zehn Jahren kam eine kleine Dramödie heraus, über eine jüdische Familie die ein Nischenleben in Beverly Hills führte, erzählt aus der Sicht einer frühreifen und physisch proper ausgestatteten Natasha Lyonne. Von den Kritikern gelobt erhielt Autorin und Regisseurin Tamara Jenkins viele Nominierungen verschiedener Independentpreise, ihr Film Slums of Beverly Hills beeindruckte durch seine oberflächliche ernste Dramatik und seinen sich darunter versteckenden Witz. Seitdem hatte Jenkins allerdings keinen Film mehr herausgebracht, bis dieser Tage nun ihr zweiter Spielfilm The Savages erscheint, der wenig verwunderlich, dieselben Attribute verdient wie sein Quasi-Vorgänger. Produziert wurde das ganze von Spezialisten für subtil-witzige Dramen, nämlich Anne Carey und Ted Hope, für Filme wie Thumbsucker aber auch die John Irving-Adaption The Door in the Floor verantwortlich. Als ausführende Produzenten sind zudem Jenkins Ehemann und Oscarpreisträger Jim Taylor an Bord, sowie dessen kongenialer Partner Alexander Payne. Die Basis für ihren neuen Film zog sie dabei aus persönlichen Erfahrungen mit ihrer eigenen Verwandtschaft, sowie auch der Verwandtschaft von Bekannten. Ihre Thematisierung ist dabei durchaus pikant, wird das Thema Pflegeheim oder Demenz nicht oft in Hollywood als Grundlage für einen Film gewählt, sodass die doppelte Vertretung bei den diesjährigen Academy Awards mit The Savages und Away From Her die Ausnahme darstellt.

Schwere Kindheiten sind bedauerlicherweise nichts ungewöhnliches, vor allem in Amerika stellen diese oftmals in Geschichte die Basis für problembelastete Charaktere dar, die von ihren Erzählern zum Protagonisten aufgebauscht werden. Dies zieht meist ein zerrüttetes Familienverhältnis nach sich, welches auch die Beziehung von Geschwistern zueinander belastet, die durch die gegenseitige Anwesenheit nur an die schlimme Vergangenheit erinnert werden. Solche Geschwister sind die Protagonisten in Jenkins Geschichte, zwei problembelastete Charaktere, unglücklich mit ihrem Leben allgemein und im speziellen. Die Teilzeit arbeitende Wendy Savage (Laura Linney), die mehrfach bei renommierten Institutionen um ein Stipendium gebeten hat, damit sie ihren subversiven, semi-autobiographischen Stoff als Theaterstück inszenieren kann. Doch Weny scheitert, ein ums andere Mal und das hat sie mit ihrem Bruder, dem Philosophiedozenten Jon Savage (Philip Seymour Hoffman) gemeinsam, der ebenfalls mehrfach von besagten Institutionen abgelehnt worden ist. Jon selbst schlägt sich gerade mit einem Sachbuch zu Berthold Brecht herum, tritt auf der Stelle und kommt nicht so recht vorwärts, da er auch psychisch vorbelastet ist und seine polnische Freundin nach dreijähriger Liaison ihr Visum aufgeben und zurück nach Krakau ziehen muss. Bei Wendy läuft es in der Liebe nicht besser, sie pflegt eine Affäre mit dem verheirateten Theaterintendanten Larry (Peter Friedman). Zu ihrem Vater haben die beiden dabei noch weniger Kontakt, wie sie ihn zu sich selbst pflegen.

Was zu Beginn des Filmes dann folgt ist eine Familienvereinigung der anderen Art. Wendy und Jons Vater Lenny (brillant: Philip Bosco) verliert nicht nur seine langjährige Freundin an den Tod, sondern auch seine Erinnerung. Er beginnt an Demenz zu leiden und muss sein Zuhause schließlich verlassen, da es rechtmäßig seiner Freundin gehörte. Fortan sind die beiden Kinder, die zu ihrem Vater nie ein liebendes Verhältnis hatten und darüber hinaus von diesem misshandelt wurden, für dessen Leib und Wohl verantwortlich. Hierbei könnten beide Geschwister nicht ähnlicher und zugleich unterschiedlicher dargestellt sein, beide vereint ihre Inkompetenz ihre Gefühle auszudrücken und der Drang nach literarischem Erfolg. Bezüglich Lenny jedoch nimmt Jon die pragmatische Rolle ein, sein kranker Vater ist für ihn eine Last, ein Umstand, eine soziale Verpflichtung der er sich gesetzlich schuldig fühlt. Eine wirkliche Bindung zu seinem Vater ist nicht vorhanden und auch vor seiner Schwester verschließt er sich so gut wie möglich, lässt aber sichtbar seine Probleme die er mit ihrem augenscheinlichen Erfolg hat zutage treten, als diese scheinbar ihr Stipendium bewilligt bekommt, welches ihm stets versagt geblieben ist. Jon ist eine introvertierte Figur, die auch ihren Unterricht an der Universität mehr für sich selbst lehrt, als für die Studenten, der das erstbeste Pflegeheim für seinen Vater wählt, anstatt sich mit den übrigen Optionen auseinander zu setzen.

Wendy hingegen, obwohl emotional gegenüber Larry immer von einer gefestigten Distanziertheit geprägt, nimmt sich die Demenz ihres Vater sehr zu Herzen. Sie organisiert Luftballons und Beileidskarten, als sie mit Jon zur Kondolenzbekundung für dessen Freundin in ein abgeschiedenes Rentnerörtchen in Arizona reist, sie sorgt sich um die Kleidung ihres Vaters, um die Ausstattung seines Zimmers, wird sogar richtiggehend wütend, als ein Kissen verschwindet, dass sie ihm gekauft hat. Außerdem bemüht sich Wendy um die Aufnahme in einem besseren Pflegeheim, nicht weil sie ihren Vater liebt oder nur das beste für ihn möchte, sondern wie Jon richtig interpretiert um sich selbst einen Gefallen zu tun. Sie fühlt sich schuldig, nicht für ihren Vater da zu sein, sich nicht selbst um ihn zu kümmern, ihn zu versorgen, ihn stattdessen in ein spärliches Pflegeheim abzuschieben – mit der Ironie, dass Lenny nicht mal merkt wo er ist, sondern die Einrichtung als Hotel wahrnimmt. All ihre Bemühungen zielen darauf ab, sich selbst von Schuld los zu sprechen, es dem Elternteil so bequem wie möglich zu machen, während man es für sich selbst ebenfalls bequem hält. Ein soziales Problem, das hier thematisiert wird: wie ist mit den Alten umzugehen? Das Elternteil wird alt, gebrechlich, dement, kann sich weder alleine anziehen, aufs Klo und weiß weder wo es sich befindet, noch wer sich in seiner Umgebung aufhält. Sich um so eine Person ist äußerst anstrengend, weil redundant, das weiß jeder, der mal mit solchen Menschen beschäftigt war, sei es aus eigener Erfahrung oder dank eines Praktikums in einer sozialen Einrichtung.

Der Film ist keine Komödie, auch wenn er in der IMDb als solche geführt wird, vielmehr ist er Drama, das nur deshalb gelegentlich komisch wirkt, weil man sich selbst darin erkennt, in einer gewissen Form von Schadenfreude. Wenn Lenny im Flugzeug auf dem Weg zum Klo die Hose plötzlich herunterrutscht, ist das per se nicht amüsant, man schmunzelt dennoch. Viel stärker noch als in ihrem Debüt skizziert Jenkins hier den subtilen, subversiven Humor, der nicht offen zelebriert wird, sondern sich aus der Sicht der Geschwister ergibt. Ziel des Filmes ist es allerdings nicht das Publikum zu amüsieren, sondern ein Bild abzugeben von der Auseinandersetzung relativ junger Menschen mit dem Tod. Wie ist zu verfahren, wenn der Vater – oder die Mutter – nicht mehr für sich selbst sorgen kann? Wer bringt tatsächlich die Kraft auf sein Leben hinten anzustellen und sich um die betreffende Person zu kümmern? Wer würde nicht auch lieber diese Person einfach in ein betreutes Wohnprojekt oder Pflegeheim abgeben? Jenkins Geschichte ist durchaus ehrlich, die private Probleme der Geschwister außer Acht gelassen. Überaus gut geschrieben, fast so tiefgreifend wie das Skript von Nancy Oliver, bedauerlicherweise gehen viele der witzigen Momente bzw. Untertöne in der deutschen Synchronisation verloren, was schon angesichts der Tatsache dass Philip Seymour Hoffman deutsch singt sehr zu bedauern ist. Eine Schande wäre es, wenn Mrs. Jenkins erneut zehn Jahre zum nächsten Projekt warten würde, hat sie ihr literarisches Talent hiermit untermauert.

8/10

19. April 2008

Kurz & Knackig: Friend or Foe

Rendition

Seltsamerweise wurde der Film als er erschien sehr schlecht aufgenommen, zumindest recht verhalten. In der Bloggersphäre finden sich auch nicht viele Reviews zu ihm. Daher waren meine eigenen Erwartungen relativ gering, da ich zudem Reese Witherspoon nicht wirklich ertragen kann. Erzählt wird die Geschichte des in Amerika lebenden Ägypters Anwar El-Ibrahimi (Omar Metwally), der nach einem Selbstmordanschlag in Marokko von der CIA verdächtigt wird, mit dem Initiator der Attacke - bei der sie einen Mann verlor - namens Rashid in Kontakt gewesen zu sein. Anwar wird nach einem Flug aus Südafrika einfach abgeführt und von der Passagierliste gestrichen, seine Frau (Witherspoone) erfährt nichts über seinen Verbleib. Während sie mit ihrem ehemaligen Collegefreund (Gyllenhaal-Schwager Peter Sarsgaard), der für einen Senator arbeitet, versucht Informationen über seinen Aufenthaltsort herauszufinden, wird der bei der Attacke anwesende CIA-Analysist Freeman (Jake Gyllenhaal).

In einem Nebenstrang wird auch noch Abasis zerrüttetes Familienverhältnis erzählt. Basieren tut die ganze Geschichte auf dem wahren Fall von Khalid El-Masri, der für den Terroristen Khalid Al-Masri gehalten wurde. Sehr gelungen zeigt Oscarpreisträger Gavin Hood, der hier nebenbei bemerkt mit weiteren Preisträgern (Witherspoone, Meryl Streep, Alan Arkin) arbeitet, die amerikanische Überstellung von Terrorverdächtigen (extraordinary rendition), kulminierend in der schönen Aussage von Streeps Charakter, dass die Vereinigten Staaten keine Folter betreiben würden. Gyllenhaals Figur steht hierbei symbolisch für die freie, nicht-amerikanische Welt, die sich angewidert von deren Methoden abwendet. In der Mitte schwächelt der Film etwas und Witherspoones Figur hätte im Grunde von jeder x-beliebigen Actrice dargestellt werden können, dennoch weiß er sehr viel besser zu gefallen, als Redfords langweilige und sich im Kreis drehende Parabel. Am Ende überrascht Hood schließlich noch mit einem sehr gelungenen Plot Twist, der positiv überrascht.

7/10

Lions for Lambs

Robert Redford entführt zu einer Lehrstunde über Eigeninitiative und Kriegstreiberei. Zwei Drittel seines Filmes bestehen aus Dialogen, meist zwischen zwei Dialogpartnern, das letzte Drittel beschäftigt sich mit zwei Soldaten in feindlichem Gebiet. Um was geht es? Bobby Redford lädt seinen Elitestudenten zu einem Gespräch ein, weil der nicht mehr in dessen Seminar erscheint. Da geht Bobby gleich die Hutschnur hoch, hat er doch einst zwei andere Elitestudenten an die US Army verloren und nun kämpfen die beiden in Afghanistan für falsche Ideale. Ebenjene beiden Soldaten widmet er sich dann in der zweiten, parallel erzählten Episode. Ein genialer Schachzug zur Einnahme eines Hügels läuft wider Erwarten schief und beide G.I.’s stürzen in Taliban-Gebiet ab. Kann Peter Berg als leitender Offizier rechtzeitig einschreiten? Bei besagtem Einsatz handelt es sich um einen Plan des republikanischen Senators Irving (wie immer mit Zahnpastagrinsen: Tom Cruise). Dieser eröffnet einer Journalistin (Meryl Streep) in einem Exklusivinterview von Amerikas Plan den Kampf gegen den Terror zu gewinnen.

Die ganze Schose dauert dann etwa 80 Minuten, irgendwie frag ich mich jedoch, was das ganze da eigentlich soll, erzählt einem Redford in seinem Film null Komma nichts, was man nicht bereits im Vorfeld wusste. Was ist falsch mit meinem Land, warum zeigt der einzelne nicht mehr Bereitschaft etwas zu verändern? Larifari, Pustekuchen. Redford als idealisierter Uniprofessor versucht seine Schäfchen zu selbstdenkenden Individuen zu erziehen und wenn diese dann eine Entscheidung fällen (siehe die G.I.’s) passt es ihm doch wieder nicht. Cruise wiederum darf in seiner von ihm gewohnten Art die Streep zusammenstauchen, Kampf gegen den Terror, koste es was es wolle. Lions for Lambs führt eigentlich nirgendwo hin, vor allem deswegen, weil die Menschen, die Redford erreichen will mit seinem Film, diesen ohnehin nicht (freiwillig) ansehen. Und diejenigen, die es tun, waren bereits vorab informiert. Zum Glück hat das alles dann nur 80 Minuten gedauert, alles darüber hinaus wäre Zeitverschwendung gewesen.

5/10

The Brave One

In München kann man kaum noch in die U-Bahn steigen, ohne von Jugendlichen halb tot geprügelt zu werden und selbst Fahrten auf der Autobahn sind inzwischen lebensgefährlich. Da wundert es nicht, wenn auch die Radiomoderatorin Erica (Jodie Foster) nach einem Überfall auf Leib und Leben mit einer Wumme durch die Gegend spaziert und alles niedermäht, was ihr an den Kragen will. Doch der gewitzte Polizeiermittler (Terrence Howard) ist ihr, der Rächerin der Strassen, bereits auf der Spur. Neil Jordan würzt das ganze dann noch damit, dass er Jäger und Gejagten eine leichte Romanze aufbauen lässt, kulminierend in einem unsäglichen Finale, das irgendwie perfekt zur ganzen Rahmenhandlung passt. Das treffende Wort ist bizarr, wenn man sich damit auseinandersetzt, dass die gute Erica vierzig Jahre in New York gelebt hat, ohne je - zumindest hat es sehr stark den Anschein - mit Gewalt konfrontiert worden zu sein.

Doch als man sie Komareif prügelt und ihren indisch-stämmigen Freund (Naveen Andrews) umbringt, ist sie so gebrandmarkt, dass sie sich eine Waffe besorgt. Und holla die Waldfee, auf einmal kann sie nicht mal mehr in die Drogerie gehen, ohne dass sie sich Gewalttätern gegenüber sieht. Erica in Drogerie: Gewalt. Erica in U-Bahn: Gewalt. Eine vierzigjährige gewaltfreie Frau trifft aus heiterem Himmel überall auf Gewalt? Man man man, was hat sich Jordan dabei nur gedacht, dazu die Figur von Howard, der Polizist der sein Vertrauen in das Rechtssystem verliert und daher frustriert seiner Arbeit nachgeht. Irgendwie wieder so ein Film, den eigentlich keiner braucht - am wenigsten die Foster. Immerhin nicht so überzogen wie der unerträgliche Death Sentence.

3.5/10

Smokin’ Aces

Der Trailer machte lange Lust auf mehr, hauptsächlich da er geschickt zusammen geschnitten war, außerdem vereinte der Film erneut Regisseur Joe Carnahan und Ray Liotta, die bereits bei Carnahans Geheimtipp Narc zusammen gearbeitet hatten. Die Story um den Mafiazeugen Buddy Israel (Jeremy Piven), der von einer Horde Kopfgeldjäger umgelegt werden soll, biedert sich auch recht interessant an. Mit dem Film feierte Ryan Reynolds schließlich seinen Durchbruch als Action“star“, zudem gab es die Leinwanddebüts der beiden R’n’B-Künstler Alicia Keyes und Common zu bewundern. Carnahans Film ist im Grunde nichts, als ein großer Zirkus mit offenen Toren. Die Tremor-Brüder, Georgia Sykes und ihre schräge Freundin Loretta, Buddy Israel und der total bekloppte kleine einäugige Karatejunge, fügen sich selbstverständlich zu keiner Handlung zusammen.

Vielmehr feiert Carnahan kleine Momente, die für sich genommen durchaus reizvoll sein könnten, zusammengefügt aber eine Anhäufung von sinnlosen Szenen ergeben, die keinem höheren Zweck dienen. Wieso, weshalb, warum - alles Fragen, auf die dieser Film keine Antwort bietet. Carnahan zelebriert vielmehr style over substance, doch auch seine furiose Schnitttechnik, die vielleicht der XBox-Generation eine Erektion beschert, kann hier kaum etwas retten. Der Film ist anstrengend und unglaublich ermüdend, selbst wenn er damals in der Sneak doch besser zu gefallen wusste. Damals fand ich das ernste Ende sehr unpassend, bei der zweiten Sichtung muss ich aber sagen, dass die finale Auflösung eigentlich das einzig Gute an dem ganzen Vehikel ist und das alternative Ende gescheiterweise außen vor gelassen wurde.

3/10

17. April 2008

Vratné lahve

Eine Begrüßung setzt eine Verabschiedung voraus.

Das problematische, an Arthaus-Filmen ist, dass sie ausgesprochen wenig Kopien erhalten und in sehr wenigen Kinos nur eine äußerst befristete Zeit laufen. Das schöne an ihnen ist, dass es sich meistens um herausragende Filme handelt, die man quasi ganz sein eigen nennen darf, wenn man denn die Chance hatte, sie doch irgendwo zu erhaschen. In Hamburg oder Berlin dürfte es selten ein Problem sein, einen Arthaus-Film zu sehen, in einer Landeshauptstadt wie Stuttgart gab es dagegen nur ein einziges Kino, welches Jan Svěráks Vratné lahve (Leergut) zeigte. Erfreulicherweise zeigte auch eines meiner regionalen Kinos in einer „Filmkunst“-Reihe diese Woche dieses Werk an einem Abend, sodass es mir vergönnt war in dessen Genuss zu kommen. Svěrák erlangte internationalen Ruhm durch seinen oscarprämierten Film Kolja, der 1996 erschien und den Mittelteil in dessen Lebensalter-Trilogie darstellte, die 1991 mit Obecná Skola (Volksschule) begann und nun mit Vratné lahve zu Ende geführt wird.

Was alle drei Filme vereint ist das Drehbuch und das Schauspiel von Svěráks Vater, Zdeněk Svěrák, der maßgeblich für die Geschichten verantwortlich ist, auch wenn an Kolja Pavel Taussig mitschrieb. Alle drei Geschichten tragen autobiographische Züge von Svěrák Sr. und stellen dessen Wandel im Lebensalter dar. Mit Vratné lahve konnten die Svěráks noch mal eine Schippe auf ihren Erfolg mit Kolja drauflegen, das coming-in-age Drama avancierte zum erfolgreichsten tschechischen Film aller Zeiten und lockte bei zehn Millionen Einwohnern in der Tschechischen Republik zehn Prozent der Bevölkerung in die Kinos. Zdeněk Svěrák kehrt zum ersten Mal seit Kolja wieder auf die Kinoleinwand zurück und vereint sich dabei mit Daniela Kolářová, mit welcher er bereits 1978 in Kulový blesk und noch in drei weiteren Filmen gemeinsam spielte.

Erzählt wird die Geschichte des 69-jährigen Lehrers Josef Tkaloun (Zdeněk Svěrák), der in der deutschen Version aus unerfindlichen Gründen „Weberknecht“ mit Nachnamen heißt. Scheinbar wollte man dem deutschen Publikum einen tschechischen Nachnamen nicht zumuten, dies trifft nämlich auch auf die Nebenfiguren Řezáč (dt. Schneider) und Ptáčková (dt. Vöglein) zu. Aber die Deutschen beweisen mit ihren Übersetzungen ja immer wieder ihren verqueren Einfallsreichtum. Josef jedenfalls ist Lehrer, der schon lange den Verfall der Sitten bemängelt. Die Schüler grüßen ihn nicht mehr und im Unterricht unterbricht ihn ständig der Klassenclown. Solange bis Josef die Sicherung durchbrennt und er diesem den nassen Schwamm über dem Kopf ausdrückt. Da dies bereits zum vierten Mal passiert und der Vater des betreffenden Schülers ein Sponsor der Schule ist, zieht Josef die Konsequenzen und kündigt seine Arbeit, die ihn ohnehin seit langem nicht mehr befriedigt.

Zu Hause bei seiner pensionierten Frau Eliška (Daniela Kolářová) will er dann aber auch nicht den ganzen Tag herumsitzen, schließlich ist er ein „Grüßer“, jemand der seine Frau gerne grüßt, allerdings setze dies jedoch einen Abschied voraus. Sein erster Plan, Kurierfahrer zu werden, scheitert dann sehr schnell an Josefs schwachem Herz. Stattdessen nimmt er nach einem nachmittaglichen Einkaufsbummel mit seiner Frau einen Job in einem der Prager Supermärkte an. Für das Leergut ist er hier zuständig und lernt nicht nur seinen schweigsamen Kollegen mit dem bezeichnenden Spitznamen „Schwätzer“ (Pavel Landovský) und dessen Mitarbeiter am Reißwolf Mirek (Jan Budař) kennen, vielmehr baut Josef eine Beziehung zu den Stammkunden des Supermarktes auf. Für Josef stellt der Supermarkt eine Art Refugium dar, ein Relikt der alten Zeit, als man sich noch gegenseitig sagte, dass man gut aussah und wo man nach dem Verbleib der Kinder fragt und Smalltalk betreibt.

Josef ist ein Patriarch und ein Macho obendrauf. Er kommandiert seine Frau herum, der Gedanke den ganzen Tag mit ihr zu verbringen, ist ihm zuwider. Als seine Tochter Helenka (Tatiana Vilhelmová) von ihrem Mann verlassen wird, schreibt er ihr die Schuld dafür zu und spielt ihr Elend herunter. „Du bist nicht die erste Frau, die von ihrem Mann verlassen wird“, so ein lapidarer Kommentar. Später erkundigt er sich bei seinem Schwiegersohn sogar über dessen Sexleben, insbesondere da Josef selbst ein Schürzenjäger und Schwerenöter ist. An seiner Leergutannahme stiert er den Rockzipfeln anderer Frauen hinterher und hält sich die Möglichkeit einer Affäre mit seiner Ex-Kollegin offen. Verstärkten humoristischen Hintersinn haben seine erotischen Träume, in denen alle Frauen vorkommen, außer seiner eigenen. Dabei ist Eliška eine attraktive Frau, die sich sehr viel Mühe gibt, weiterhin für Josef attraktiv zu sein und zu wirken. Dieser nimmt sie aber nicht wahr, was die Ehe nach all den Jahren in eine gewisse Sackgasse treibt.

Mit seinem Film erzählt Jan Svěrák die Geschichte eines alten Mannes, der sich fremd in seiner Umgebung fühlt und sich nach Altbewährtem sehnt. Als er dies in der Leergutannahme wieder findet, ist er zum ersten Mal seit langem wieder glücklich, zwar ändert sich etwas für ihn, er selbst ändert sich jedoch nicht und damit ändert sich auch nichts für die Menschen in Josefs Umgebung. Seine Katharsis kommt am Ende etwas überraschend und unvorbereitet, doch merkt er schließlich, dass es ihm nichts bringt, in der Vergangenheit zu verharren, sondern dass er im Jetzt leben muss. Die darstellerischen Leistungen sind dabei über jeden Zweifel erhaben, besonders Svěrák und Kolářová heben sich hervor, werden aber von dem restlichen Cast bestens unterstützt. Mit einem Schmunzeln beobachtet man vereinzelt Svěrák, den man aufgrund seines Aussehens auch als tschechischen Sean Connery bezeichnen könnte. Svěrák erzählt seine Geschichte mit sehr viel subtilem Witz, der für die jüngere Generation wahrscheinlich nicht immer nachvollziehbar sein dürfte.

Jedoch ist Vratné lahve auch kein Film, der von seinen Machern auf diese Zielgruppe ausgerichtet ist. Svěrák Jr. kreiert sehr authentische, aus dem Leben gegriffene Szenen, die gerade wegen dm Zusammenspiel ihrer Figuren funktionieren. Über die meisten Strecken ist sein Film kein Drama, sondern eine reine Komödie, fokussierend auf Josef und seine stures Verharren in seinem machohaften Verhalten. Hin und wieder verliert sich der Film kurz in einer Nebenhandlung, fängt sich allerdings jedes Mal sofort wieder. An einer Stelle baut der Regisseur sogar eine amüsante Referenz zu seinem Erfolgshit Kolja ein, auch wenn diese sich scheinbar nicht vielen im Kinosaal erschlossen haben mag. Einziger richtiger Kritikpunkt ist wohl das Ende, welches sehr abrupt kommt respektive falsch gewählt ist. Hier wäre es besser gewesen ein, zwei Einstellungen früher zu enden, da das Resultat noch dasselbe, der Eindruck jedoch gelungener gewesen wäre. Dennoch einer der Filme des Jahres.

8.5/10

16. April 2008

Before the Devil Knows You’re Dead

May you be in heaven half an hour, before the devil knows you’re dead.

Er zählt zu den Altmeistern, der gute Sidney Lumet, und ist mit seinen 84 Jahren auch bereits recht rüstig. Vor fünfzig Jahren beeindruckte er mit seinem ersten Kinofilm 12 Angry Men und lieferte die Vorlage für verschiedene Remakes unterschiedlicher Nationen. Seinen Ruf bekräftigte er die folgenden Jahrzehnte mit Werken wie Network, Dog Day Afternoon und Serpico. Doch in den letzten Jahren baute Lumet etwas ab, inszenierte Filme wie Gloria mit Sharon Stone oder Find Me Guilty mit Vin Diesel. An seinem Zenit angelangt schien der viermal für den Regie-Oscar nominierte Lumet, der im Jahr 2005 den Ehrenoscar der Academy erhielt. So kam es, dass er zum ersten Mal seit vierzig Jahren wieder für das Fernsehen inszenierte, das Medium, welches einst seine Karriere eingeleitet hatte.

In der Serie 100 Centre Street experimentierte er dann mit den neuen HD-Kameras, mit welchen er auch seinen aktuellen Film drehen sollte. Auf einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr hielt er dann zugleich eine Grabrede auf den 35mm-Film, bezeichnete die Arbeit mit diesem als „pain in the ass“ und sah das Ende des Zelluloid-Zeitalters gekommen, wenn sich Verleiher und Vorführer endlich auf ein Projektionsformat einigen könnten. In der Tat lässt sich Before the Devil Knows You’re Dead als Anknüpfung an die guten alten Zeiten des Regisseurs verstehen, auch wenn der Film nicht die Tiefe eines Angry Men oder Spannung von Serpico aufbauen kann, im Vergleich zu den Arbeiten seiner letzten 15 Jahre ist der Film dennoch eine positive Kehrtwendung. Diese Bestätigung wird weitläufig geteilt, die Kritiken sind meist sehr gut.

Die Geschichte, die der Film erzählt, ist relativ simpel und doch so vielschichtig, dass man fast nichts über sie sagen kann, wenn man nicht zu viel von dem Handlungsverlauf verraten möchte. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch soviel gemeinsam haben. Auf der einen Seite gibt es Andrew Hanson, Andy genannt und vom Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman wie man es von ihm gewöhnt ist glaubwürdig und solide porträtiert. Andy hat sich in seiner Bank nach oben gearbeitet, ist Anzugträger und besitzt Geld. So könnte man jedenfalls meinen, doch Andy hat ein teures Hobby: Heroin. In einem Edel-Loft trifft er sich mehrmals die Woche mit seinem Dealer und lässt sich einen Schuss verpassen - scheinbar das einzige, was ihm noch Lust bereitet.

Denn in seiner Ehe mit Gina, ebenfalls von einer Oscarpreisträgerin, Marisa Tomei, dargestellt, läuft es nicht mehr wie gehabt. Andy erzählt seiner Frau nicht nur weniger Dinge als früher, auch das Sexleben hat darunter zu leiden, daran konnte auch ein romantischer Urlaub in Rio de Janeiro nicht wirklich etwas ändern. Gina ist gefrustet, fühlt sich von ihrem Mann nicht mehr begehrt, die Ehe kriselt, auch wenn die erste Szene des Filmes diesen Eindruck verschleiert. Das Geld für seine Drogensucht hat Andy von der Arbeit abgezweigt, gerät jedoch in die Bredouille, als eine Steuerprüfung ins Haus steht. In kurzer Zeit braucht er möglichst viel Geld und kommt anschließend scheinbar nur zu einer Lösung, die letzten Endes eine Tragödie griechischen Ausmaßes initiieren wird.

Auf der anderen Seite gibt es Hank, Andys Bruder. Hank lebt geschieden von seiner Frau Martha, hier dargestellt von der letztjährigen Nebenrollenkönigin und oscarnominierten Amy Ryan. In Marthas Augen, auch in denen seines Bruders, ist Hank ein Loser, der finanziell knapp bei Kasse ist, seiner Ex-Frau drei Monate Unterhalt für die gemeinsame Tochter schuldet. Da sie ihr Geldmangel eint, weiht Andy seinen Bruder in den großen Plan ein, wahrscheinlich nur, um sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen. Er schiebt eine fadenscheinige Ausrede vor und schickt Hank, um den gemeinsamen Plan auszuführen. Hierbei handelt es sich um einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft. Jedoch nicht irgendein Juweliergeschäft, sondern das Geschäft von Hank und Andys Eltern Nanette und Charles (Albert Finney).

Ethan Hawke gelingt es großartig Hanks Unsicherheit und Naivität einzufangen, sodass er selbst Hoffman in den gemeinsamen Szenen gelegentlich überstrahlt und fraglos eine seiner stärksten Karriereleistungen abliefert. Hank fühlt sich sichtlich unwohl bei dem Gedanken das elterliche Geschäft zu überfallen, weswegen er auch den Kleinkriminellen Bobby aufsucht und um Unterstützung bittet. Es wird schließlich auch Bobby sein, welcher den Überfall aktiv ausführt, während Hank im Wagen wartet und sich zu „Schwuchtel“-Musik - wie es Bobby lapidar bezeichnet - versucht zu beruhigen. Doch wider Erwarten geht der geplante Coup schief und löst eine Welle von Ereignissen aus, die am Ende das Leben aller Beteiligten für immer Umkrempeln wird.

Das Drehbuch zu Before the Devil Knows You’re Dead wartete ganze acht Jahre auf seine Verfilmung und entstammt dem Theaterautoren Kelly Masterson. Dieser machte einst eine ungewöhnliche Wandlung durch, war er früher Franziskaner Bruder, der sich kurz vor der Weihe dann doch noch für das Theater entschied. Der Titel zum Film entstammt dem oben angeführten Zitat, welches seinem Ursprung her ein irischer Trinkspruch ist. Lumet inszeniert Mastersons Skript über die meiste Zeit in einem äußerst ruhigen Erzähltempo, durchzogen von verschiedenen Zeitsprüngen, dabei die Geschichte aus dem Blickwinkel von Hank, Andy und ihrem Vater Charles erzählend. Stück für Stück erhält man Einblicke in die Leben dieser drei Männer und in ihre Beziehung zueinander, manche Szenen werden hierbei von Lumet gänzlich ohne musikalische Untermalung unterlegt.

Es ist eine Familientragödie, die erzählt wird, daran besteht kein Zweifel und es erklärt auch, wieso auf die polizeiliche Komponente kein Wert gelegt wird. Trotz des ruhigen Tons baut der Film unterschwellig eine hohe Spannung auf, steuert auf die finale Konfrontation hin, getragen von den Veränderungen in den beiden Hauptcharakteren von Finney und Hoffman. Hier findet sich das Problem, von Lumets gut gemachtem Thriller, denn gerade diese beiden Figuren entwickeln sich am Schluss in eine Richtung, die nicht wirklich nachvollziehbar ist, im Gegenteil sogar in den Momenten zuvor nicht verständlich vorbereitet wurde. Das Ende ist dabei äußerst unsäglich geraten und zieht den guten Film dann etwas runter. Ganz an die alte Klasse vermag Lumet also leider nicht anzuknüpfen.

6/10

11. April 2008

Street Kings

In my world, bad breeds more bad.


Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was eigentlich aus Alonzo Harris wurde? Richtig, ja, er wurde am Ende von Training Day erschossen. Was wäre jedoch, wenn ihn die Russenmafia in Ruhe gelassen hätte und der gute Hoyt ihm nicht vor den Karren gefahren wäre? In dem Fall würde er wohl Jack Wander heißen und Captain des LAPD Spezialkommandos Ad Vice sein. Erstaunlich, dass Drehbuchautor David Ayer seine afro-amerikanischen befehlshabenden Cops in Training Day und nun in Street Kings so identisch anlegt, dass Denzel Washington und Forest Whitaker nicht nur versuchen im selben Ton zu reden, sondern sich sogar ähnlich anziehen. Das spricht in der Tat für Ayers Kreativität, die sich spätestens dann nachvollziehen lässt, wenn man sich mal sein Sujet ansieht.

Der gute Mann verfasste die Drehbücher zu den Filmen Training Day, Dark Blue und Harsh Times, die sich im Grunde alle ähneln und so verwundert es auch nicht, dass Ayers neuester, Street Kings hier im wahrsten Sinne des Wortes wie der Arsch auf den Eimer passt. Wie bereits bei Dark Blue der Fall, adaptierte Ayer eine Geschichte des Kriminalautoren James Ellroy, dessen L.A. Confidential den meisten besser in Erinnerung geblieben sein dürfte, als The Black Dahlia. Zusammen mit einer handvollen namhafter Akteure, sowie real life thugs und Gangsta-Rappern inszenierte Ayer das, was er beherrscht respektive nicht beherrscht: einen Polizeithriller rund um das Thema Korruption. Sein Bestreben bei Street Kings war jedoch, zu zeigen wie es heutzutage ist, ein Cop in Los Angeles zu sein. Er möchte zeigen wie die amerikanische Exekutive vorgeht, wollte das Genre erweitern, nein, die Grenzen des Genre sogar sprengen.

Was am Ende dabei herauskam, ist ein Film, den man praktisch an jeder Filmhochschule der Welt zeigen könnte, wenn es um die Thematik des Polizeithriller-Genres geht. Von Grenzen sprengen ist hier weit und breit nichts zu sehen, denn wer den Bösewicht der Geschichte nach den ersten zehn Minuten nicht ausgemacht hat, dem scheint nicht mehr zu helfen zu sein. Keanu Reeves, nach seinem Erfolg mit The Matrix in den letzten Jahren wieder auf den Boden der Tatsachen angekommen ist, spielt den polizeilichen Ermittler Tom Ludlow. Ayer bürstete seine Heldenfigur nach dem gängigen Klischee, Ludlow hat jemanden einst verloren (seine Frau) und ertränkt seinen Kummer täglich in Alkohol. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, nebenbei noch Supercop zu spielen. Als Ein-Mann-Kommando räumt er zu Beginn des Filmes einen koreanischen Kinderporno-Ring auf, im Krankenhaus wird er anschließend von dem internen Ermittler gefragt, woher Ludlow wusste, wie er die Täter zu finden hatte (da immerhin die ganze Stadt nach diesen suchte).

Ludlow presst ein „Das ist mein Job hervor“ und es ist klar, dass es keine Rolle spielt, wie er den Koreanern auf die Schliche kam, denn Ludlow ist DER Mann. Später nimmt das ganze noch bizarrere Auswüchse, wenn Ludlows Vorgesetzter, Captain Wander (Forest Whitaker), ihn als „die Speerspitze“ seiner Einheit bezeichnet, quasi als Achilles des Ad Vice Teams. Hier hat man Ludlow, den trinkenden Cop, der immer den Tag rettet und dabei auch gerne mal Gewalt anwendet. Der nicht nach den Regeln spielt, und Tatorte so stellt, dass man ihm nichts nachweisen kann. Seine Einheit (Amaury Nolasco aus Prison Break, Jay Mohr mit dämmlichen Schnauzer und Carrie Bradshaws Ex, John Corbett) steht hinter ihm, allen voran sein Chef, der ihn praktisch von der Picke auf zu dem gemacht hat, was er heute darstellt.


Man hat es praktisch mit dem dreckigen Dutzend zu tun, die nicht grad die bessten Menschen sind, aber durch ihre Arbeit die anderen beschützen – im Grunde also Leute wie man sie in Denzel Washingtons Einheit in Training Day oder bei Kurt Russell in Dark Blue bereits gefunden hat. Dem entgegen steht wie immer der interne Ermittler, die Cop-Jäger, verhasst von ihren Kollegen und die einzig guten in einem Sumpf aus Korruption und Amtsmissbrauch. Man merkt bereits, Ayer hat in der Tat das Genre revolutioniert. Was er seine Figuren anschließend treiben lässt, fasziniert auch lediglich durch seine Einfallslosigkeit. Ludlow bekommt Ärger, jemand ist ihm auf der Spur, dadurch kommt er jemand auf die Spur und steckt in noch mehr Ärger – der Schlinge zieht sich enger und enger, sodass am Ende das eintritt, was in diesem Genre immer eintritt.

Da Street Kings inhaltlich auf einen Bierdeckel passt beziehungsweise es sich genau genommen um die beidseitig beschriebenen Bierdeckel von Training Day und Dark Blue handelt, ist das, was sich vordergründig abspielt, nicht wirklich von Belang. Da Ayer und seine Produzenten besonders die Authenzität ihrer Geschichte und Figuren loben, wären diese sicherlich eines genaueren Blickes wert. „Ludlow darf von Berufs wegen Leute auslöschen, die dem Gesetz nicht gehorchen“, beschreibt Ayer seinen Helden, sodass man sich fragt, in welcher Welt der gute Mann eigentlich lebt. Ein Cop wie es Tom Ludlow ist, würde sich im echten LAPD bestimmt nicht finden, mäht er doch fast alles nieder, was sich im in den Weg stellt. Amerikanische Polizisten haben ein bestimmtes Limit, so unpassend das Wort auch ist, an Erschießungen. Geschehen allein zwei tödliche Schüsse auf Verdächtige innerhalb einer kurzen Zeit, müssen sich die jeweiligen Polizisten vor einem Ausschuss verantworten.


Seltsamerweise hat Ayer dies in Dark Blue noch richtig dargestellt, sodass seine dort von Scott Speedman dargestellte Figur Bobby Keough eher echter Cop ist, wie Ludlow. Da wundert es auch nicht, dass Ludlow wie es ihm gefällt auf eigene Faust mit einem Kollegen einer anderen Abteilung irgendwelche Mordfälle aufklärt. Auch die inzwischen monotone Darstellung des Los Angeles Police Department langweilt inzwischen und würde sie dem von Ayer proklamierten realen Bild entsprechen, wäre dies sicher längst behoben worden. Das einzige was an der Darstellung der Polizei authentisch ist, ist die Ausstattung, die bis ins Detail ausgearbeitet wurde und sich den technischen Beratern und Ex-Polizisten um Jaime Fitzsimons verdanken lässt. Hier spielt wahrscheinlich doch eher Ayers eigene Vergangenheit in der Bandenhochburg South Central eine Rolle, denn wer am Ende eigentlich kein böser Cop ist, ist schwieriger zu beantworten als andersherum.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: die Handlung ist nach dem Genre gebürstet und auch die in ihr auftretenden Figuren sind nach Genre gebürstet, selbst die Verfolgungsjagden sind nach Genre gebürstet. Gerade die Verfolgung eines Verdächtigen durch ein Wohnviertel hat man dieses Jahr bereits in In the Valley of Elah gesehen, auch wenn sie dort nicht weniger lächerlich wirkte, als sie dies hier tut. Wie in seinen anderen Geschichten würzt Ayer auch diese nicht nur mit Rap und Hip Hop Musik, sondern wirft auch wieder den einen oder anderen Rapper selbst in das Geschehen. Verdankten in Training Day noch Snoop Dogg, Dr. Dre und Macy Gray ihren Leinwandauftritt, so dürfen in Street Kings Dr. Dre Protege The Game und Grammy-Gewinner Common (Smokin' Aces) ihr (nicht existentes) Schauspieltalent unter Beweis stellen.


Neben den wie immer hölzern agierenden Keanu Reeves oder Chris Evans fällt das jedoch nicht einmal großartig ins Gewicht, auch Oscarpreisträger Whitaker fällt mit seiner Denzel-Washington-Gedächtnis-Performance durch das Raster, wirklich überzeugen können lediglich House M.D. Hugh Laurie und der oben angesprochene Jay Mohr, dessen Schnauzer wie der Kinnbart von John Corbett oder das Mohrsche Pendant bei Whitaker nur zum Schmunzeln anregen. Die weiblichen Rollen mit Martha Higareda (wenn auch hübsch anzusehen als Krankenschwester) und Pirates of the Caribbean-Actrice Naomie Harris sind nicht nur im Kontext der Geschichte unnötig, sondern an sich auch verschenkt, da nicht herausgefordert. In einer weiteren Nebenrolle darf dann noch Cle Shaheed Sloan auftreten, der den Einwohner von Los Angeles eher unter seinem Straßennamen „Bone“ bekannt sein dürfte und ein ehemaliges Mitglied der Straßengang Bloods ist.

Der gute Mann durfte bei Training Day als Gang-Berater fungieren und sogar verschiedene Mörder und Gangbanger der in Los Angeles beheimateten Banden Crips und Bloods für Filmautritte gewinnen. Wo wir schon dabei sind, von Bandengewalt kann auch Jayceon Taylor ein Lied singen, der heute unter dem Pseudonym The Game bekannt ist. Seine Eltern waren beide Mitglieder der Crips und so verbrachte er seine Jugend hauptsächlich in einem Pflegeheim, bevor er wegen Drogen von der Uni flog und fünfmal angeschossen wurde. Sein Rap-College Common verfasst inzwischen Kinderbücher und Cedric the Entertainer, der ebenfalls eine kleine Rolle hat, bemüht sich gegen Armut. Authenzität bezüglich des Lebens in Los Angeles ist also vorhanden gewesen am Set, zumindest das Leben auf den Straßen, zu dessen Königen ja der Titel die Protagonisten verklärt.


Was bleibt also von Street Kings, der ursprünglich The Night Watchman hieß? Ein spannender oder rasanter Thriller? Eher nicht. Ein authentisches Bild der heutigen Polizei von Los Angeles? Lachhaft. Ein gut gespieltes Stück Genrekost? Leider nein. Der Film selbst ist solide inszeniert, dass will man Ayer durchaus nicht absprechen, die Musik nervt zwar, die Geschichte ist belanglos und die Darbietung leidlich erträglich – aber wenn man es genau nimmt, dann funktioniert der Film für die Klientel, die ihn sehen soll. Der amerikanische Jugendliche von 14 ab bis hin zum Mittdreißiger, die Personen, die MTV sehen, für die der amerikanische Trailer sehr viel mehr auf The Game und Common zugeschnitten wurde, als der internationale. Die amerikanische Kinomasse möchte gedanklich nicht zu sehr beansprucht werden, sondern einfach nur unterhalten. Da braucht man nicht erklären, wieso das, was man da auf der Leinwand sieht, überhaupt möglich ist, oder weshalb die Charaktere manchmal so idiotisch reagieren wie sie reagieren (Chris Evans wird in einer Szene mit zwei schwer bewaffneten Gangstern ausrufen „Ich weiß woher ich die kenne!“, was schließlich zu dem Ergebnis führt, zu welchem es logischerweise führen muss). David Ayer präsentiert das, was man von ihm kennt, und was wohl das einzige ist, das er auch beherrscht.

3.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

8. April 2008

Alice in Wonderland

Why is a raven like a writing desk?

Eigentlich kann man Disney-Filmen ebenso wenig vorwerfen, wie es bei Ghiblis möglich ist. Es handelt sich hierbei in den meisten Fällen um einfache Geschichten, oftmals konzentrierend auf eine weibliche, junge Protagonistin, in Interaktion mit Tieren oder Fabelwesen. Als Thematik werden oftmals moralische Handlungen gewählt, die den Kindern eine subtile moralische Richtung vorgeben, wie Respekt vor anderen Lebewesen oder Akzeptanz des eigenen Charakters, unabhängig vom Erscheinungsbild. Ironischerweise war Walt Disney selbst nicht der Heilige, für den man ihn halten könnte, betrachtet man seine Filme. Doch Disneys Persönlichkeit soll bei der Rezeption dieses Filmes keine Rolle spielen.

Alice’s Adventures in Wonderland erschien am 4. Juli 1865 in Großbritannien, verfasst von dem Mathematiker und Schriftsteller Charles Lutwidge Dodgson unter seinem Pseudonym Lewis Carroll. Sechs Jahre später erschien schließlich eine Art Fortsetzung mit dem Roman Through the Looking Glass. Beide Romane werden in den häufigsten Fällen von Verfilmungen zusammengelegt respektive ineinander verwoben, wobei das Schachspiel des zweiten Teiles eher selten eine thematische Zentrierung erfährt. Drei Jahre vor dem Druck von Alice in Wonderland unternahm Dodgson eine Bootsfahrt auf der Themse, gemeinsam mit Freunden. Hier erzählte er drei Mädchen eine fantastische Geschichte, eines dieser Mädchen hieß Alice Pleasance Liddell. Ihr widmete Dodgson zumindest Through the Looking Glass, auch wenn er stets abstritt, dass seine Alice auf Alice Liddell aufgebaut war.

Bis heute liegen 25 Verfilmungen von Carrolls Roman vor, die Disney Version von 1951 markierte den dreizehnten Film im Disney Kanon. Inszeniert wurde die Alice-Geschichte vom Regie-Trio Clyde Geronimi, Hamilton Luske und Wilfred Jackson, die gemeinsam auch die Regie bei anderen Disney-Filmen wie Cinderella oder Peter Pan übernehmen sollten. Ganze zehn Jahre dauerte die Planung für Alice in Wonderland und fünf Jahre wurden benötigt, um unter den Augen von Disney persönlich den Film schließlich fertig zu stellen. Als er schließlich in die Kinos kam, war der Film ein totaler Reinfall. Doch bereits in den sechziger Jahren erfreute sich das Werk schließlich einer größeren Beliebtheit und gilt heute trotz einiger schlechten Kritiken als eines der gelungensten Werke der Disney-Studios. Viele andere Werke, wie Miyazakis Tonari no Totoro oder The Matrix der Gebrüder Wachowski wurden von Dodgsons Werk beeinflusst. Insbesondere Alice Eintritt in das Wunderland durch den Kaninchenbau bzw. der Verfolgung eines weißen Kaninchens ist heute zum Slangausdruck für Drogenerfahrungen geworden. Alice in Wonderland selbst gehört zu der literarischen Kategorie „Nonsens“, was Dodgson auch nie verleugnet hat. Seine Geschichte ist keine im eigentlichen Sinne, was Alice im Wunderland erlebt, hat weder Hand noch Fuß, keinen rechten Anfang, sowie keinen rechten Schluss und einen Sinn hat es gleich gar nicht. Nicht nur ist das Geschehen totaler Nonsens, auch was die Einwohner des Wunderlandes von sich geben, ergibt in den wenigsten Fällen Sinn. Paradox ist hier nicht nur die Umgebung, sondern auch die Platzierung eines siebenjährigen Mädchens in das Ganze.

„Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“ - „Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst“. - „Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat - und das ist alles“ [Through the Looking Glass, S. 99]. Hierbei handelt es sich nur um eine von verschiedenen Passagen, in welchen Dodgson mit der Logik spielt. Der Mathematiker versteht es, auf geschickte Weise sein Wissen so in die Handlung einzugliedern, dass Alice in Wonderland, ebenso wie Through the Looking Glass zu Klassikern für Mathematiker geworden sind. An sich sind die Alice-Geschichten ohnehin vielmehr für Erwachsene denn Kinder gedacht, da in den Büchern nicht nur ständig verqueres Zeug geredet wird, sondern die Figuren des Wunderlands mit Alice auch äußert rabiat umgehen. „Wie diese Viecher einen immer herumkommandieren und einen Sachen aufsagen lassen!“, dachte Alice [Alice in Wonderland, S. 130], und in der Tat wird Alice besonders in Wonderland ständig von den Einwohnern stillos herumkommandiert und in den meisten Fällen auch beleidigt. Da ihre Logik nicht mit der ihrer Umgebung funktionieren will, wird ihr häufig ihre Beschränktheit und Dummheit vorgeworfen („Du solltest dich schämen so dumme Fragen zu stellen“, meinte der Greif; Alice in Wonderland, S. 119). Für Kinder selbst ist die Handlung wohl schwer nachzuvollziehen.

Eher lassen sich die Alice-Geschichte als subtilen Seitenhieb auf die damalige Gesellschaft verstehen, in der Kindern in der Schule aufgetragen wurde, ständig irgendwelche Gedichte auswendig rezitieren zu können, weswegen auch die Einwohner des Wunderlandes Alice jedes Mal ein solches Gedicht aufsagen lassen. Sie selbst reden währenddessen sinnloses Zeug, dem Alice als Siebenjährige schwerlich folgen kann, ähnlich wie es einem Kind schwer fällt, den Gesprächen von Erwachsenen zu lauschen. Fragt Alice schließlich nach, wird sie von oben herab betrachtet und ihr ihre eigene Einfältigkeit vorgeworfen. Zudem gelingt es dem Mädchen ziemlich oft, die Geschöpfe des Wunderlandes vor den Kopf zu stoßen, die zumeist beleidigt reagieren und gekränkt Abschied nehmen.

Auch vor dem Königshaus macht Dodgson nicht halt und schildert die Herzkönigin während des Croquet-Spiels als (ironischerweise) herzlose Despotin, die Hinrichtungen en masse anordert, wenn ihr nicht nach dem Mund geredet wird. Alice selbst traut sich erst gegen die Königin auf zu gebären, als sie dieser körperlich überlegen ist. Von all diesen sozial-kritischen Komponenten und den logischen Spielereien findet man in der Disney-Version fast gar nichts mehr. Überraschenderweise fehlen auch Figuren wie Humpty Dumpty oder die Suppenschildkröte, während andere Figuren wie der Türknopf zur Handlung dazu erfunden wurden, in den meisten Fällen, um die Geschichte verständlicher zu machen. Mehr Raum bekommt auch die Grinsekatze, die seltsamerweise im Film Tigerkatze heißt und für eine total andere Wendung im Geschehen sorgt, als es in der Romanvorlage der Fall gewesen ist.

Die Tatsache, dass Disney die philosophischen Nischen der Vorlage aus seinem Film subtrahierte, spricht ebenfalls dafür, dass es sich bei den Alice-Geschichten schwerlich um Kinderbücher handelt, zumindest sind sie ungeeignet für Kinder in Alices Alter. Disney setzt stattdessen die Gewichtung auf die komischen Aspekte, nicht nur der Handlung, sondern auch der Szenerie. Dideldum und Dideldie verkommen zu Spaßmachern, ihre Geschichte vom Walross und dem Zimmermann durch die Adaption der Mär vom Mäusefänger von Hameln zur Lehrstunde („Geht nicht mit fremden Männern mit!“). Auch die Mittelpassage, die in Ansätzen dem fiktiven Jabberwocky-Gedicht entlehnt ist, ist typisch disneyscher Zeigefinger. Alice jammert und weint, sieht ein, dass sie niemals hätte weglaufen sollen und nun, da sie verirrt ist, am besten bleibt wo sie ist, bis sie jemand findet.

Die auftretenden Figuren sind ins Lächerliche gezogen, die gesamte Geschichte wird kindgerecht serviert und funktioniert als solche nur bedingt. Unterhaltsam ist das sicher für die Kleinen, erzählt aber nicht mehr eine - relativ - stringente Handlung, wie es Dodgsons Version tut. Statt in den schönen Garten gelangen zu wollen, rennt Alice in Disney Version ständig dem weißen Kaninchen hinterher, mit welchem es paradoxerweise auch mehrfach direkt interagiert. Zudem spricht sie zu Beginn des Filmes das Wunderland als solches auch noch direkt an, bevor ihre Katze Dina das weiße Kaninchen als erste (!) erblickt und somit die psychologische Frage nach der Existenz des Wunderlandes praktisch im Vergleich zum Ende respektive der Vorlage ad absurdum führt.

Weil Dodgsons Geschichte nicht wirklich Sinn macht, ist sie etwas schwer verdaulich, viel mehr Anschauungsobjekt, denn Märchen. Disney adaptiert zwar das verrückte Wunderland, beschränkt sich jedoch auf die Charakterisierung der Verrücktheit. „Du musst verrückt sein, sonst wärst du nicht hierher gekommen“, eröffnet die Grinsekatze Alice gegenüber [Alice in Wonderland, S. 78], und in gewissem Sinne hat sie durchaus Recht. Es ist Alice, die das weiße Kaninchen sieht und es ist Alice, die all den Einwohner begegnet, keines der Geschöpfe trifft direkt auf sie. Auch ihr Abenteuer hinter den Spiegeln spricht für ihre eigene Verrücktheit, auch wenn vielleicht Phantasie eine besser gewählte Bezeichnung wäre. Wie bereits angesprochen vernachlässigt Disney jedoch die Tiefgründigkeit der sinnlosen Vorlage, sodass die eigene zelebrierte Geschichte eine sinnlose ohne jede Tiefgründigkeit ist, weshalb sie letzten Endes scheitert, leidlich unterhält und Alice in Wonderland somit zu den schwächeren Disneys, zählt.

4.5/10

7. April 2008

Der Rote Baron

You are a real hero.

Als Legende bezeichnet man die Menschen, die aufgrund besonderer Leistungen und starker medialer Präsenz zu Berühmtheit gelangt sind. Ein Held wiederum ist eine Persönlichkeit, mit besonders herausragenden Fähigkeiten, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen treibt. Freiherr Manfred von Richthofen wird allgemein sowohl als Legende, als auch als Held angesehen. Der adelige von Richthofen gelangte 1916 im Luftgeschwader des deutschen Kaiserreichs erstmals zu Ruhm und erhielt schließlich ein Jahr darauf den Pour le Mérite, die höchste preußische Tapferkeitsauszeichnung. Doch es sollte das Jahr 1917 sein, welches von Richthofens Status als Legende begründete: im Januar 1917 wurde ihm die 11. Fliegerstaffel übertragen, welche alsbald als „Fliegender Zirkus“ für Aufsehen sorgte. Die Piloten der Staffel bemalten ihre Flugzeuge mit Mustern, von Richthofen selbst ließ seinen Fokker-Dr.I-Dreidecker blutrot anmalen, damit die Alliierten allein durch seien Präsenz schon in Angst und Schrecken versetzt würden. Es war auch eben jene rote Fokker, die ihm bei den Franzosen schließlich den Spitznamen „Le diable rouge“ (Der rote Teufel) einbrachte,, sein berühmterer Spitzname – „der rote Baron“ – entstammt den britischen Zeitungen, jedoch erst nach dem Ersten Weltkrieg. Wenn auch heute mitunter strittig betrachtet, so werden von Richthofen doch ganze achtzig Abschüsse feindlicher Maschinen angerechnet, was ihm zum größten Piloten des Ersten Weltkrieges machte (auch wenn zum Beispiel sein jüngerer Bruder Lothar sehr viel effizienter war, als der taktisch geschulte Manfred).

Am 21. April 1918 hob von Richthofen mit seiner Fokker ab und sollte nie wieder lebendig landen, er wurde über feindlichem Gebiet abgeschossen, die genauen Umstände sind bis heute unsicher. Gerade Die Welle hat zuletzt wieder gezeigt, dass der Deutsche über nichts lieber einen Film dreht, als über seine eigene Geschichte. Was bietet sich da besser an, als ein Kriegsheld, eine deutsche Legende? Gerade weil man von solchen Kriegshelden wenig bis gar keine hat (und selbst wenn, wer wollte sich auf sie berufen oder einen Rommel auf der Leinwand abfeiern?). Und da die deutsche Geschichte dieses Kinojahr dank Deutschland-Retter Mr. Cuise eine internationale Renaissance erfährt, lässt sich auch ein von Richthofen-Film ganz gut vermarkten. Das lobenswerterweise unabhängig finanzierte Projekt Der Rote Baron mauserte sich mit achtzehn Millionen Euro Produktionskosten zum zweitteuersten Film in der deutschen Kinogeschichte. Wolfang Petersens Die Unendliche Geschichte (17 Millionen Euro) und Das Boot (16 Millionen Euro) konnten knapp hinter sich gelassen werden, die Luft zu Oliver Hirschbiegels Der Untergang (13 Millionen Euro) ist etwas größer, an Tom Tykwers Spektakel Das Parfüm (63 Millionen Euro) kommt das diesjährige deutsche Kinohighlight dennoch nicht heran. Überraschenderweise zeichnet sich hier einmal nicht Bernd Eichinger verantwortlich, der sonst jeden Filmkrümmel in Deutschland produziert, stattdessen schwang sich der gebürtige Stuttgarter und TV-Regisseur Nikolai Müllerschön hinter die Kamera, um den größten heimischen Kinofilm des Jahres zu drehen, der höchstens noch von Der Baader-Meinhof-Komplex Konkurrenz erhalten könnte. Die ursprüngliche Planung den 25-jährigen von Richthofen durch den 49-jährigen Val Kilmer darstellen zu lassen, wurde schließlich zugunsten der patriotischen Entscheidung (Matthias Schweighöfer) fallen gelassen. 

Müllerschön konzentriert sich in seinem Film auf die Beziehung zwischen von Richthofen und der Fliegerei. Von Richthofen und seine Männer haben im Film wenig mit dem Krieg selbst zu tun, vielmehr sehen sie sich als Sportsmänner, die eine Art Wettbewerb über den Wolken austragen. Erst in einer späten Szene wird sich von Richthofen mit den Opfern des Krieges und dem Ausmaß an Gewalt und Tod konfrontiert sehen. Bis dahin ist er jedoch ein narzisstischer, arroganter Schnösel, der zum As der Asse werden möchte, wie eine Szene offenbart, die unmittelbar aus Tony Scotts Militär-Propaganda Top Gun entnommen wurde. Doch Müllerschön will seinen Helden auch als solchen präsentieren, als Ehrenmann, der zur Beerdigung seines größten Gegner fliegt, der seinen Feinden nicht noch mit Maschinengewehrsalven nachsteigt, wenn diese schon am Absturz sind. Ein Vorzeigesoldat, ein Gentleman der Lüfte, dass ist das transferierte Bild der Produzenten. Von Richthofen wird als einer dieser Männer dargestellt (siehe Top Gun oder Pearl Harbor), die nur Fliegen wollen und sich quasi lebensunfähig sehen, wenn man ihnen „ihre Flügel nimmt“. Daher versteht sich ein Respekt für und vor dem Gegner von selbst, sodass von Richthofen auch einem Flugzeugwrack nacheilt und dem kanadischen Piloten Arthur „Roy“ Brown (Joseph Fiennes) rettet. Hierbei trifft er auf die belgische Krankenschwester Käte (Lena Headey) und ist natürlich prompt verliebt, die Romanze der Geschichte wurde soeben eingeführt. Später wird von Richthofen Brown nochmals in einem Luftkampf begegnen, der ein bizarres Ende nimmt, absolut konträr zum Finale des Filmes – exemplarisch für Müllerschöns mangelhaftes Talent eine Dramaturgie aufzubauen.
Die Effekte entstammen der Animationsschmiede Pixomondo, in welcher unter anderem Mitarbeiter der Effektgewitter King Kong oder The Matrix angestellt sind, so weißt Der Rote Baron insgesamt auch 400 CGI-Szenen auf, die sich hauptsächlich in den Flugsequenzen wiederfinden. Wirklich glaubhaft wirken diese jedoch nicht, unverkennbar, dass das alles vor Greenscreen im Studio gefilmt wurde, da wirkt hingegen das Berlin von 1917 sehr viel überzeugender. Unverständlich auch, weshalb Müllerschön den Film nicht mit dem Geld von US-Studios gedreht hat, denn nach seinen eigenen Angaben, waren diese für das Projekt sofort Feuer und Flamme, weshalb sie ihm auch die exorbitant hohe Summe von 40 Millionen Dollar zur Verfügung stellen wollten (zur Erinnerung, das inhaltlich fast identische Projekt Flyboys des vergangenen Jahres wurde für sechzig Millionen Dollar produziert). Doch Müllerschön „sah seine Version einer europäischen Geschichte in ein typisches Hollywood-Movie abdriften“. Betrachtet man seinen fertigen Film, widerspricht er sich dadurch in jedem Detail selbst. Von der Einführung in den Film (die unnützer nicht sein könnte), bis hin zur Überzeichnung seiner Figuren (widerstrebender love interest, Vorgesetzter als Witzfigur) und kulminierend in der Top Gun-Referenzszene orientiert sich dieser Film so sehr an Hollywood, dass es schon fast schmerzt. Allen voran hierbei der unsägliche Soundtrack von Dirk Reichardt (wohl von Schweiger an Bord geholt, nachdem er mit ihm zuletzt dreimal zusammengearbeitet hat). 

Auch wenn er sich in der zweiten Hälfte bessert, so ist doch gerade die erste Stunde von einer musikalischen Arschkriecherei sondersgleichen durchzogen, vor der sich ein Hans Zimmer glatt verneigen würde. Dabei war es Produzent Dan Maag wichtig, mit dem Film nah an der Realität zu bleiben und keine Geschichtsverfälschung zu betreiben. Sprachs und besetzte alle seine Figuren mit Darstellern, die zum Teil die Eltern ihrer Charaktere hätten sein können. Weshalb die Figur des 20-jährigen Werner Voss mit dem 45-jährigen Til Schweiger besetzt wurde, kann wahrscheinlich keiner der Macher erklären. Ausschlaggebend dürfte hier allein der Name des deutschen Stars gewesen sein, denn an seinem schauspielerischen Talent wird es hier (wie in all seinen Filmen) kaum gelegen haben. Auch Joseph Fiennes ist weitaus älter, wie die Figur, die er im Film darstellt. Von einer optischen Ähnlichkeit zwischen Darstellern und Figuren zu sprechen, käme einer tolldreisten Lüge drein. Wieso die Macher nicht ein solches historisches Thema für die Jugend aufbereitet haben, wenn alle Flieger damals entsprechend jung waren (von Richthofen 25, Voss 20, Brown 24), ist wie so vieles schwer nachvollziehbar. An entsprechenden Schauspielern (Franz Dinda, Kostja Ullmann) dürfte es nicht gemangelt haben. Bedenkt man die Leinwandpräsenz von Fiennes, so war auch seine Besetzung lediglich für die Plakate gedacht. Schließlich castete man noch für eine deutsche Produktion die Britin Lena Headey, damit diese eine belgische Krankenschwester mit französischem Akzent spielt (die Rolle hätte eine Sandra Speichert oder Diane Kruger auch übernehmen können, von französischen, belgischen oder schweizerischen Schauspielern ganz zu schweigen).

Bizarres Highlight des ganzen ist das Eingeständnis den Film – der wegen seiner historischen Bedeutung so wichtig war in Deutschland zu drehen mit Deutschen und fernab vom bösen, bösen Einfluss Hollywoods – auf Englisch zu drehen, damit er sich im Ausland besser vermarktet. Dies führt wiederum dazu, dass er für die deutsche Bevölkerung synchronisiert werden musste, sodass Ton und Lippenbewegung in den wenigsten Szenen übereinstimmen. Müllerschöns Film – der im übrigen gefühlte drei Stunden lang ist – beweist wieder einmal eine These, die ich zuletzt bei Die Welle ansprach: Deutsche können keine Filme drehen. Hier kann man nur wieder das Zitat von Jens Friebe anführen: „Es ist ja nicht so, dass mir alles aus Hollywood gefällt, aber das deutsche Kino ist nun mal das schlechteste der Welt“. Was Müllerschön hier dem Publikum zeigt, ist stümperhaft zusammengeschnitten, dramaturgisch erbärmlich erzählt. Mehrere Luftkämpfe werden gezeigt, die historisch ohne jede Bedeutung sind, die entscheidenden Momente werden dann jedoch nicht gezeigt, gerade die Kämpfe Voss und von Richthofen betreffend. Auch wenn es nicht zu hundert Prozent sicher ist, spricht die Wahrscheinlichkeit jedoch für die Tatsache, dass von Richthofen durch eine Kugel eines australischen Soldaten gestorben ist, als er von Brown verfolgt wurde, während er einen alliierten Soldaten nachjagte. Auslöser für sein Verhalten war eine Kopfverletzung, die er sich vier Wochen zuvor zugezogen hat. Im Grunde eine spannende Geschichte, umso idiotischer, wieso die Macher sich für ihre eigene, gähnend-langweilige Variante entschieden. Auch das ständige Herumgereise der Krankenschwester Käte während Kriegszeiten (!) ist einfach nur lächerlich, wie es im Grunde der gesamte Film ist. Ein Armutszeugnis für das deutsche Filmwesen, in all seinen Facetten so inszeniert, wie man einen guten Film nicht inszenieren sollte. Hier kann lediglich Yvonne von Wallenbergs Ausstattung überzeugen.

2.5/10

5. April 2008

Be Kind Rewind

Are you the Key Holder or the Gate Keeper? 

Neben Cloverfield handelt es sich hierbei wohl um den durch das Internet am meisten gehypte Film von 2008. Nicht nur gab es bereits seit Monaten die geswedeten Filme im Internet respektive Trailer zu sehen, sondern Regisseur und Autor Michel Gondry swedete sogar den eigenen Trailer zum Film. Die Idee zu seinem Projekt hatte Gondry während der Dreharbeiten zu seiner Pseudo-Musik-Dokumentation Block Party, erste Ansätze zu den geswedeten Filmen lieferte ihm Dave Chapelle, der ursprünglich die Rolle des Mike übernehmen sollte. Zentrum von Be Kind Rewind ist der gleichnamige Videoladen des alten Mr. Fletcher (Danny Glover), der seine altmodischen VHS-Kassetten für einen Dollar das Stück verleiht. Es versteht sich von selbst, dass er damit keinen Gewinn macht, weswegen es seinem Laden sowohl finanziell, als auch allgemein nicht wirklich gut geht. In bester The Shop Around the Corner Manier macht sich Mr. Fletcher schließlich auch auf, unter falschem Vorwand seinen Kommerzkollegen aus zu spionieren. Für kleine Läden wie die Be Kind Rewind-Videothek scheint es in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch Platz zu geben, für die VHS-Kassette schon mal gleich gar nicht, ist doch inzwischen selbst ihr Nachfolger, die DVD, von den HD-Medien überholt worden. Höchstens in einer verlassenen Gegend wie dem Stadtviertel von Mr. Fletcher in Passaic, New Jersey ist Platz für seine Videothek, die hier sprichwörtlich der Laden um die Ecke ist. Doch nicht nur das Viertel ist etwas heruntergekommen, auch die Be Kind Rewind-Videothek – weswegen die Stadt sie zugunsten einer Reihensiedlung abreißen lassen will. Nun gilt es für den guten Mr. Fletcher das fehlende Geld zur Restaurierung aufzutreiben, daher auch seine kleine Spionagetour. 

Und da Mr. Fletcher diesbezüglich eine Woche wegfährt, überlässt er seine Videothek seinem Ziehsohn Mike (Mos Def), der sehr bemüht ist, seine Vaterfigur nicht zu enttäuschen. Diese Mission gefährdet jedoch der trottelige Jerry (Jack Black), Besitzer eines Schrottplatzes, auf dem er auch gleich wohnt. Um seine Handlung – die Neudrehung der Hollywood-Filme – zu etablieren, bedient sich Gondry einer relativ profanen Szenerie: Jerry will ein Kraftwerk sabotieren, dass neben seinem Schrottplatz steht. Der Grund hierfür sind die ausgesendeten Mikrowellen, vor denen sich Jerry mit Töpfen und Alufolie zu schützen versucht. Bei seinem nächtlichen Anschlag wird er dann allerdings doch verstrahlt, beziehungsweise magnetisiert. Durch diese Magnetisierung werden die Videobänder gelöscht – fertig ist Gondrys Film. Etwas dilettantisch kommt diese Exposition daher, nicht wegen ihrer nicht vorhandenen Glaubwürdigkeit (welche Gondry auch sicher nicht erwecken wollte), sondern wegen ihrer Einfallslosigkeit. Das einzig innovative an der Kraftwerkszene sind Jerrys Tarnungsbemühungen, die sicherlich einen gewissen Charme haben, im größeren Kontext der Sabotage jedoch keinen wirklichen Zweck erfüllen. Für die Magnetisierung der Videofilme hätte man einen einfacheren und besseren Grund finden können, denn wenn Mike sich zuerst fünf Minuten lang sträubt Jerry zu helfen, nur um ihm dann doch zu helfen, geht der Sinn etwas flöten. Und wenn man ehrlich zugibt, dann interessiert einen an Be Kind Rewind nicht das wieso oder weshalb, sondern die nachgedrehten Kinofilme, welche dann auch alsbald erzeugt werden. Am meisten Aufmerksamkeit wird hierbei der Entstehung des ersten Videos geschenkt, Ivan Reitmans Ghostbusters. Die Bemühungen von Mike und Jerry, sowie die Art ihrer Inszenierung des Kultfilmes amüsieren und bilden den ersten starken Moment von Gondrys Film, obschon gerade diese Szene seit Monaten bereits durch das Internet geistert.

Die Kunden merken natürlich nicht, dass ihre eigenen Videothekenbesitzer in dem Film mitspielen, den sie gerade gesehen haben oder wenn sie es bemerken, dann sprechen sie es nicht an. Vielmehr verlangen sie nach mehr, nach einer zwanzigminütigen Version von Rush Hour 2 oder Robocop – immer noch merkt niemand, dass es Jerry und Mike sind, die in den Filmen alle Rollen übernehmen, anders lässt sich deren Ausrede, es handele sich um „geschwedete“ Versionen nicht erklären. Wieso die Labelisierung des „sweded“ auch dann noch fortgeführt wird, als die Kunden selbst in ihren Filmen mitspielen, ist auch nicht nachvollziehbar, weswegen man am besten auch nicht nachfragt, sondern die Menschen in Gondrys Film einfach so nimmt wie sie sind. Ansonst muss man sich mit Fragen auseinandersetzen, weshalb jemand zwanzig Dollar für ein Video bezahlt, in dem er selbst mitgespielt hat. Irgendwann holt Gondry dann den Kapitalismus-Hammer heraus, präsentiert Sigourney Weaver in der unnötigsten Rolle des bisherigen Kinojahres und schiebt die Thematik der Urheberrechtsverletzung vor, ohne dieser im weiteren Verlauf des Filmes nachzukommen. Hierfür spricht auch das Ende, das irgendwie ein Zwitter ist, ohne wirklich in den Fluss der restlichen Handlung einzutauchen. Ohne Frage sind die geschwedeten Filme von Mike und Jerry, sowie der Reinigungskraft Alma (Melonie Diaz), voller Charme und Witz, eine einzige Liebeserklärung an die Filme selbst, wie auch an das Kino. Sie machen die Stärke des Filmes aus, ähnlich wie es Stéphanes Träumereien in La Science des rêves getan haben. Gondry beweist ein großartiges Auge fürs Detail und für die kleinen Dinge, beeindruckt gerade hier durch seine Kreativität.

Probleme jedoch, dass lässt sich in seinem Sujet nicht von der Hand weisen, hat der Franzose mit der Ausarbeitung seiner Drehbücher, vor allem in der Gestaltung einer (stringenten) Handlung. Es werden einfach der liebenswürdige Mike und der schrullige Jerry präsentiert und fortan soll der Film von deren Zusammenspiel leben. Zu einem Zeitpunkt wird Gondry kurz das Aufflammen einer Liebesgeschichte zeigen, ohne dieser jedoch, wie vielem anderen, anschließend weiter zu folgen. Extrem halbherzig geht er immer in den Szenen vor, die sich nicht mit dem Nachdrehen anderer Filme beschäftigen. Es ist ihm leider nicht gelungen, um diese „Remakes“ eine funktionierende Geschichte zu installieren, sein eigener Film wirkt über weite Strecken so unfertig, wie Mike und Jerrys Eigenproduktionen. Zudem baut Gondry noch einen Subplot um den Jazzmusiker Fats Waller ein, der mit der Geschichte die er eigentlich erzählt, überhaupt nichts zu tun hat, und schlimmer noch, einen Subplot der sich selbst in seiner Anfangsszene bereits vorweg nimmt. Bei aller Liebe zu einem Musiker, aber so lassen sich zwei Geschichten nicht miteinander verknüpfen, Gondry zeigt mit Be Kind Rewind, dass ihm sein kongenialer Partner Charlie Kaufman fehlt, um einen starken Film wir Eternal Sunshine of the Spotless Mind zu erschaffen. Vielleicht scheitert sein aktueller Film auch lediglich an den hohen Erwartungen die er geschürt hat, die Liebe zum Kino allein zu zelebrieren, reicht jedoch nicht aus, um selbst Liebe für den eigenen Film zu erzeugen. 

5/10

3. April 2008

Jurassic Park

I spared no expenses.

Ein dumpfes Trommeln ertönt, begleitet von einer leichten Erschütterung und es bilden sich zaghafte konzentrische Kreise in einem Wasserbecher auf der Amatur. Der Regeln prasselt gegen die Fensterscheibe und es bilden sich nochmals konzentrische Kreise im Wasserbecher. Und wo ist eigentlich die Ziege? Geschildert wird die Einleitung zu einer der großartigsten und bedeutendsten Filmszenen aller Zeiten, wenn nicht sogar die Mutter aller Filmszenen. Ein blutiger Ziegenschenkel knallt auf das Dach eines Mercedes Geländewagens und im strömenden Regen lösen sich die Vergitterungen eines über zwölf Meter hohen Zaunes. Die Menschheit wird Zeuge etwas bis dato nie da gewesenen: zögerlich stampft das Tyrannosauros rex Weibchen aus seinem Gehege und schenkt dem Publikum einen von George Lucas gestifteten markerschütternden Schrei.

Dieser „Schrei“ ist im Grunde die Aufnahme einer Flugzeugturbine und wer hätte gedacht, dass Flugzeugturbinen solche Geräusche machen können? In der ungewohnten Umgebung beschnuppert die Riesenechse den Geländewagen, als sie von Licht abgelenkt wird. Auftakt zu einem spannungsreichen ersten Klimax in einer Geschichte, die zu einem instant classic wurde und es im Grunde schon war, ehe sie das Licht der Leinwand erblickt hat. Der Angriff des Tyrannussauros auf den Mercedes Geländewagen ist unbestreitbar eine der großen Szenen der Filmgeschichte, gelang es erstmalig einen Dinosaurier glaubhaft auf die Leinwand zu zaubern. In und durch Jurassic Park schaffte Steven Spielberg den Traum aller kleinen Jungen auf Zelluloid zu bannen: einen Themenpark mit Dinosauriern, ein Meisterwerk der Filmgeschichte.

Für zwei Millionen Dollar sicherte sich Universal Pictures die Rechte an Michael Crichtons Roman Jurassic Park (bei uns als Dino Park erschienen) und beendete dadurch einen enormen Studio-Konkurrenzkampf. Während Universal mit Steven Spielberg um den Stoff buhlte, biederte sich Warner Bros. mit Tim Burton, Columbia mit Richard Donner und 20th Century Fox dagegen mit Joe Dante an. Universal obsiegte und bezahlte Crichton nochmaly eine halbe Million, damit er mit Drehbuchautor David Koepp das Drehbuch zum Film entwarf. Dabei begann die Vorproduktion sogar schon ehe Crichtons Roman überhaupt erschien, so sehr vertraute man auf den Erfolg der Geschichte. 1989 begann das Vorstadium des Filmes, ein ganzes Jahr bevor der Roman auf dem Markt kam. Später würde dies bei den zweiten Fortsetzungen eine noch bizarrere Steigerung erfahren.

Dabei wäre es fast nie zum Dinosaurier-Themenpark gekommen, hatte Crichton die Geschichte zu Beginn aus der Perspektive eines Kindes erzählt und dadurch das Interesse seiner Lektoren geschmälert. Erst nachdem er ein Erwachsenen zum Protagonisten wurde, kam deren Akzeptanz. Auf den Hawaii-Inseln begannen die Dreharbeiten zu diesem spektakulären Projekt, welches die interessantesten Casting-Pläne durchgemacht hatte. Die Hauptrolle des Dr. Alan Grant wurde zuerst Harrison Ford (den man nur zu gern als griesgrämigen Paläontologen erlebt hätte) und William Hurt angeboten, später wäre es fast Richard Dreyfuss geworden. Für die Figur der Ellie Sattler trat man an Robin Wright Penn und Juliette Binoche heran, als John Hammond war Sean Connery im Gespräch. Letztlich fielen die Namen aber eine Nummer kleiner aus.

Bereits den Auftakt hat Spielberg spannend gewählt, mit der Verfrachtung des Velociraptorweibchens in das Gehege und dem daraus resultierenden Unfall. Ein sicher besser gewählter Anfang wie der von Crichton, der ruhiger und wissenschaftlicher daherkommt. Exzellent geraten ist die Szene in der Bob Peck entgegen seiner Richtlinien ein “Shoot her!“ ruft und die Hand seines Angestellten allmählich durch seine Arme entgleitet. In der Folgeszene wird dann die Basis für den Rest des Filmes geschaffen: Der Unfall sorgt für eine Inspektion. Erste Zweifel werden also wach, ob es so schlau war, Dinosaurier in unsere Zeit zu katapultieren. Nunmehr konfrontiert Spielberg den Zuschauer mit seinem Hauptdarsteller, präsentiert diesen Charakter und seine anschließende Reise als Held.

Ein in seine Arbeit verliebter, Kinder verabscheuender Mann, dessen Arbeit von jemanden subventioniert wird, den er nicht kennt. Dr. Alan Grant, überzeugend gespielt von Sam Neill, ist sicher nicht der perfekte Held und im Gegensatz zu seinem Kollegen Indiana Jones kein Adrenalingeiler Abenteurer, kein „Rockstar“, sondern Wissenschaftler. Wie in Jurassic Park III wird ihn auch hier eine versprochene Finanzspritze zu einer gefährlichen Reise bewegen. Hier allerdings noch ins Unbekannte. Die erste Viertelstunde einschließlich der Ankunft auf Isla Nublar ist geprägt von John Williams kongenialem Score, einem seiner gelungensten Werke und durchzogen von den richtigen Stimmungsmomenten. Die exakt richtige tonale Ergänzung zu Spielbergs visuellem Bilderreigen.

Atmosphäre gewinnt der Film auch durch seine Ausstattung, dies zeigt sich bereits bei der Ankunft auf der Insel, wenn ocker-rote Geländewagen mit “Jurassic Park“-Emblem die Besucher abholen. Einen ersten Höhepunkt bildet dann der Auftritt des Brachiosauriers. Die Effekte überraschten, auch wenn sie inzwischen schlecht gealtert sind. Die Farbpunkte des Sauriers beißen sich mit der Umgebung, seine Animation ist überdeutlich. Wie bei allen anderen Dinosauriern tricksten die Macher schließlich, um die Tiere für das Publikum interessanter zu machen, der auf den Hinterbeinen stehende Brachiosaurus, der T-Rex mit eingeschränkter Sicht, der giftspuckende Dilophosaurier oder die Türen öffnenden Velociraptoren sind allesamt Abwandlungen für das Handlungsgeschehen (Crichton ließ die Raptoren in seinem Roman noch viel verrücktere Dinge machen).

Im Gesamtbild stört es schließlich auch nicht weiter, wenn der Raptor die Tür öffnet und die Kamera zur Klinke fährt. Spielberg zählt im Grunde zu den Regisseuren, die B-Movies auf Blockbuster-Niveau gedreht haben. Es soll unterhalten und soll fesseln, die Abänderungen an den Dinosauriern erfüllen diesen Zweck. Löblich dass Spielberg nicht dem Actiongehabe der Vorlage verfällt, auch wenn dies vordergründig an den technischen und finanziellen Engpässen gelegen haben dürfte. Doch gerade die Mitte mit der Verschanzung vor den Raptoren ist bei Crichton extrem unglaubwürdig ausgefallen (insofern man bei einem Themenpark mit Dinosauriern von Glaubwürdigkeit sprechen kann). Das Finale mit dem Raptorennest hätte man dann aber dennoch gerne gesehen, war es auch in den Kontext des Nintendo-Videospiels oder den nicht-kanonischen Comic-Band integriert.

Einziger Wermutstropfen sind die Kinderfiguren, Timmy und Alex, die den Handlungsablauf verzögern und ein typisches Spielberg-Merkmal darstellen (wobei man sich auch im Roman an ihnen stört). Dafür ist ihre Küchenszene mit den Raptoren außerordentlich stark und auch beim T-Rex-Ausbruch leisten sie ihren Beitrag. Die Rücksichtnahme, die durch sie erforderlich ist, hemmt die Geschichte jedoch zu einem astreinen Thriller zu geraten. Geradezu lachhaft im Grunde, wie Crichton dieses Schema in The Lost World exakt übernommen hat (Computernerd, Junge + Mädchen) und ironisch, dass es von Spielberg im Film nur halb übernommen wurde. Hervorzuheben sind hier direkten Vergleich neben den Dinosaurier-Auftritten besonders die Anfangsmomente, wenn die drei Wissenschaftler mit Hammonds Magnus opus vertraut gemacht werden.

Wie Sam Neill und Laura Dern ihre Überraschung beim Anblick des Brachiosaurier spielen ist ebenso herzlich, wie die spätere Begutachtung der Dinosauriereier im Genlabor. Auch ihr Moment bei der Rundtour, wenn sie ganz bockig und Wissenschaftler durch und durch sofort ins Labor wollen und die Sitzsperrung aufbrechen, zeugt wie vieles andere für Spielbergs hier löblichen Peter-Pan-Komplex. In jene Kategorie gehört auch die oben gelobte Ausstattung, die Inneneinrichtung des Besucherzentrums wie die grün-roten Tourwagen, die Infotour, das Raptor-Gehege, die Einbeziehung des Merchandise in der Hammond-Sattler-Einstellung. Der Film funktioniert einfach als Ganzes, als Symbiose aus Effekten, Musik und Ausstattung. Dabei ist Jurassic Park kein reines Entertainment-Kino, sondern trägt durchaus auch sozial-kritische Ansätze.

In dieser Hinsicht agiert speziell die Figur des Mathematikers Ian Malcom (Jeff Goldblum). Malcom ist nicht nur comic relief in Spielbergs Abenteuer, sondern das Gewissen der Handlung. Er verurteilt die Idee des Parks von Beginn an und fällt als Chaos-Theoretiker die treffende Diagnose, dass die Natur immer einen Weg findet. In bester Nietzsche-Manier gefällt auch seine Evolutionstheorie: Gott erschafft Dinosaurier, Gott zerstört Dinosaurier, Gott erschafft Adam, Adam zerstört Gott, Adam erschafft Dinosaurier. Seine These, dass zwei dominante Spezies verschiedener Zeitepochen nicht demselben Raum teilen können, teilen Grant und Sattler. Richtigerweise beschreibt Malcolm den Park als „Vergewaltigung der Natur“. Der menschliche Drang Gott zu spielen, gekoppelt mit seine, Gier nach Kapitalismus, hier personifiziert von Gennaro (Martin Ferrero).

Der Anwalt sieht nur das Vermögen, welches sich mit dem Park verdienen lässt, während Hammond im Grunde die Leinwandposition von Spielberg einnimmt und sehr viel sympathischer gezeichnet wird, als von Crichton in seinem Roman entworfen. Konsequenterweise ist der Gott-Komplex des Menschen zum Scheitern verurteilt, aufgrund des Drangs mehr zu wollen als man bereits hat. Diese Überheblichkeit findet sich in vielen der Figuren wieder, sei es Nedry, Gennaro oder Muldoon. Letzterer weiß zwar um die Gefahr der Raptoren weiß, schreitet dennoch nicht effektiv gegen diese ein. Natürlich stellt sich hier die Frage, warum man überhaupt zwei gefährliche Dinosaurierarten präsentieren musste, ebenso wie die Tatsache, dass es den Dinosauriern innerhalb weniger Wochen bereits gelingt, die von InGen kreierte Chromosombarriere zu überwinden.

Diese Logiklöcher - angeführt von dem größten, nämlich der Schlucht beim Tyrannosauros-Gehege - stören den Fluss der Handlung glücklicherweise nicht, der total von den Dinosauriern vereinnahmt wird. Spielberg gelingt es exzellent die schwachen Momente mit seinen Spannungsbögen zu übertünchen, sodass man sie bereitwillig vergisst. Jurassic Park ist einwandfreies und perfekt inszeniertes Mainstreamkino, ein fast makelloser Blockbuster und 1993 der erfolgreichste Film aller Zeiten. Bereits nach der ersten Woche hatte er 73% seiner Kosten gedeckt und gewann später noch drei Oscars. Die Dreharbeiten verliefen zudem so reibungslos, dass man zwölf Tage früher fertig war, als geplant, was umso erstaunlicher ist, da man das ursprüngliche Finale änderte und sich keine Mühe machte, die erste Variante zur Sicherheit dennoch zu drehen.

Der erste Rohschnitt ohne die Effekte war dann bereits nach wenigen Tagen fertig, weswegen sich Spielberg kurz darauf an Schindler’s List machen konnte. Die Studiobosse taten gut daran, Spielberg sein überschätztes Lebenswerk erst nach der Arbeit an Jurassic Park drehen zu lassen, wobei seine spätere Arbeit sich von der Glaubwürdigkeit auch nichts genommen hätte. So markierte Jurassic Park den letzten großen spielbergschen Entertainmentfilm, der als gelungen ertrachtet werden kann. Im Gegensatz zum zwar gut gemachten, aber auch extrem manipulativen und verklärenden Schindler’s List. Alle Filme nach Jurassic Park (The Lost World eingeschlossen) sind dann das, was Spielberg seither ausmacht: Ein familientauglicher Michael Bay, dessen Filme an seinen Stars festgemacht werden. Der alte Steven Spielberg ist ausgestorben.

8.5/10

1. April 2008

Untraceable

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Wikipedia definiert Internetkriminalität als Straftaten, die auf dem Internet basieren oder mit den Techniken des Internets geschehen. Hierunter fallen neben dem allseits bekannten und großzügig ignoriertem Filesharing auch Dinge wie Spionage oder all die Diebstähle, die über das Internetportal funktionieren wie Phishing, Kreditkartenbetrug und so weiter und so fort. Selbstverständlich gehört auch die Verführung Minderjährige in Chatrooms dazu, wie auch ein so kleines Delikt wie eine Beleidigung. Mord dagegen, ist eine Kategorie, die eher weniger mit dem Internet zu tun hat…oder doch? Bekannt sein dürfte der 2001er Falls den Rotenburger Armin Meiwes, der über das Internet nach jungen Männern suchte, die seine kannibalistische Neigung teilten und schließlich einen 43jährigen Diplom-Ingenieur umbrachte und verspeiste, nachdem er sich über das Internet mit diesem auf die Vorgehensweise geeinigt hatte. Wirklich umbringen kann man mit dem Internet allerdings dann doch niemanden, schließlich handelt es sich bei diesem lediglich um ein Medium. Dieses kann jedoch dazu genutzt werden einen Mord zu dokumentieren und diesen dadurch propagieren. Mit ebenjener Thematik beschäftigt sich Untraceable, einer der wenigen Cyberspace-Filme, deren Genrevertreter wie Firewall eher rar gesät sind, in den kommenden Jahren allerdings wohl an Aktualität gewinnen dürften.

Eigentlich könnte der neue Film von Gregory Hoblit, unter anderem für Fragile oder Primal Fear verantwortlich, den Untertitel „Saw goes Internet“ tragen, lassen die hier gezeigten Serienmorde kaum etwas an dem Einfallsreichtum eines Leigh Whannell oder James Wan vermissen. Dabei handelt es sich, um Bürokratie-Deutsch zu sprechen, streng genommen nicht einmal wirklich um einen Serienmörder, da dieser seine Opfer nicht selbst tötet. Er entführt sie lediglich, das wirkliche Morden übernimmt die Öffentlichkeit für ihn. Auf seiner Website „Kill with me“ präpariert der Mörder seine Opfer in vakanten Situationen, ein Opfer wird beispielsweise einbetoniert und dann mit Glühbirnen bestrahlt. Seine Effektivität gewinnt diese Methode daher, dass je mehr User sich auf der Homepage einloggen um das Schauspiel zu betrachten, dafür sorgen dass auch die Quälung des Opfers verstärkt wird – im erwähnten Fall die Zuschaltung weiterer Glühbirnen. Erstes Test-Opfer der Seite war zu Beginn noch ein kleines Kätzchen, steigert sich anschließend jedoch zu liebenden Familienvätern die dem Profil der Ermittler zu widersprechen scheinen. Ein Opfer folgt dem nächsten und jedes Mal erhöht sich die Zuschauerzahl der Webuser und damit verringert sich die Lebensdauer der Opfer. Ein scheinbar aussichtsloser Kampf, bedenkt man die torture porn Geilheit der heutigen Jugend, die nicht genug Blut und Qualen in Filmen eines Eli Roth sehen können, denen es nach mehr verlangt, mehr Gewalt, mehr Blut, mehr.

In Zeiten von Schülerschaften, die auf dem Pausenhof gegenseitig nicht mehr Paninibilder, sondern Gewaltvideos ihrer Handys austauschen, denen es nach Filmen wie 300 oder Rambo verlangt, dabei immer bitte alles in Großaufnahme und schön scharf, tritt nunmehr ein Film, der dieses Verhalten kritisiert und zugleich bedient. Das Produzentenquartett Rosenberg, Luccheri, Wraight und McQuaide war dabei bereits für die zeitgenössischen Underworld-Filme und Crank verantwortlich, steht hinter den beiden im Genre unerfahreneren Steven Pearl und Andy Cohen, letzterer bisher Produzent von Komödien mit den Olsen-Zwillingen. Es versteht sich von selbst, dass die Filmindustrie natürlich diese perversen Gelüste des Publikums zu bedienen versucht, warum sollte man gute Filme ins Kino bringen, die keiner sehen will, anstatt krankhaft gewaltverherrlichender Filme, die dann einen Absatzmarkt finden. So gesehen ist Hoblits Film vielleicht gerade das richtige, der das betreffende Klientel durch seinen Goregehalt ins Kino zu locken vermag und ihm dann zugleich den Spiegel vorhält, im Sinne von „Schaut her, so krank seid ihr auch“. Die Macher initiierten tatsächlich eine Website mit der URL www.killwithme.com/ und diese weißt im Gegensatz zu der im Film daraufhin, dass das betreten der betreffenden Seite gefährlich sein könnte und klickt man dennoch auch Enter, wird man mit der Tatsache konfrontiert, dass 90% aller User sehen wollten, was sich dahinter verbirgt.

Symbolhaft steht dies für unsere Gesellschaft, die man hinterfragen müsste, wie viele Leute wirklich eine Seite betreten würden, von der sie wissen, dass die Userzahl einen Menschen im Begriff ist zu töten. Der perverse menschliche Drang zum Voyeurismus ist da doch immer noch vorherrschend und hängt mit den Serienmorden enger zusammen, als es der Anschein zuerst vermuten lässt, wie schließlich auch die FBI-Ermittlerin Marsh (Diane Lane) feststellen muss. Für die soziale Ausarbeitung ihrer Figur, wie auch der des Serienmörders holten die Produzenten Allison Burnett an Bord, der unter anderem das Drehbuch zu Autumn in New York geliefert hatte und eher für seichte Dramen zuständig ist. Hier scheint das Originaldrehbuch Mängel aufgewiesen zu haben, was bei einem Blick auf die Autoren nicht weiter verwundert. Während Emmerich an seinem letzten desaströsen Vehikel seinen Komponisten mitschreiben ließ, zeichnen sich bei Untraceable der Rechtsanwalt Robert Fyvolent und der Chirurg Mark Blinker als kreative treibende Kräfte verantwortlich. Scheinbar hat der Autorenstreik in den USA neue Grenzgänge bewirkt, sodass man sich inzwischen bei Starbucks von der Kellnerin nicht nur seinen entkoffeinierten Cappuccino sondern zugleich ein Drehbuch bringen lassen kann, sich neben dem neuesten Ölwechsel vom Tankwart eine Idee pitchen lassen. Das ist Hollywood, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Darstellung des Cybervoyeurismus ist den Autoren dennoch gut gelungen, da kann man den beiden keinen Vorwurf machen, ihre wahre Profession hin oder her, schließlich war auch Khaled Hosseini Anästhesist, ehe er seinen Welterfolg The Kite Runner schrieb.

Woran es beim Film vor allem krankt sind die verwendeten Klischees. FBI-Cybercrime-Spezialistin Marsh wird von Diane Lane zwar gut dargestellt, ist trotz Burnetts Arbeit jedoch erstaunlich eindimensional geraten, wie man es schon in Dutzenden Genrevertretern zuvor gesehen hat. Auch die Motivation des Täters ist relativ einfallslos, was aber auch daran liegen kann, dass das Genre per se ziemlich ausgelaugt zu sein scheint. Viel neues weiß Hoblits Films jedoch nicht zu bieten und bedient sich sogar so schwacher Schockmomente wie des „der Killer lauert auf der Rückbank“ und verfällt dem Spannungsbogen, dass der Täter aus dem Fall eine persönliche Sache mit dem zuständigen Ermittler macht. Auch Hoblits letzter Film Fragile sprühte nicht gerade vor Einfallsreichtum und lebte von der Darstellung seiner beiden Hauptdarsteller, Untraceable hingegen lebt von seiner unterschwelligen Kritik am System, an der Ausartung zuzusehen wollen, wie andere leiden. Wie jeder Horror-Film verstrickt sich auch dieser in manchen Logiklöchern, angefangen bei der ominösen IP-Adresse, die irgendwo in Russland ist, sich aber nicht vom FBI sperren lassen will. Die besser ausgerüstete NSA hat keine Lust Morde an unschuldigen Amerikanern zu klären und die Konsequenz zum Schutz seiner Bürger das Internet in den Staaten lahm zu legen zeigt auch niemand. Dazu noch die exorbitant steigenden User-Hits (500 Hits/Sek.) führen dann mit so manch dümmlichen Dialogen zu einem ungewollten Lachern, trüben insgesamt allerdings nicht den positiven Eindruck, den Hoblits Film nach seinem Trailer zu hinterlassen vermag – ein Thriller, der es allemal wert ist gesehen zu werden, auch wenn er nicht zu überraschen weiß und nach Schema F gestrickt wurde.

5/10