17. Oktober 2015

Saga – Volume Five | Bitch Planet #4-5

Family reunions can be complicated things.

In einem Interview mit dem Stern über sein jüngstes Buch darauf angesprochen, wieso die Handlung in einer Fantasiewelt spielt, antwortete Autor Salman Rushdie: „Ich wollte nicht in engem Sinne über reale Konflikte schreiben.“ Wie sein Roman zeigen aber auch andere Fantasy-Werke wie J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings, dass gegenwärtige Probleme durchaus als Fundament für Märchenausflüge dienen können. Ähnlich verhält es sich mit dem innewohnenden Kernkonflikt von Brian K. Vaughans und Fiona Staples’ Fantasy-Comic Saga. Zu Beginn des fünften Sammelbandes Volume Five erhalten die Leser eine kurze Rückschau auf den Krieg zwischen dem Planeten Landfall und seinem Mond Wreath, die erstaunlich real wirkt.

Rekrutierte Landfall zu Beginn des Krieges seine Soldaten per Lotterie, wich dies bald einer Freiwilligenarmee – der es jedoch nicht an Truppenstärke fehlte. Einige meldeten sich “out of a genuine sense of duty. Others were merely looking for adventure”. Mit der Zeit verlagerten die Parteien ihren Konflikt, der sich unweigerlich auf andere Planeten ausgeweitet hat, weg von sich selbst. Ruhe kehrte für die Zurückgebliebenen in der Heimat ein. “For most folk back on Landfall, war was something that would never directly impact their lives”, legt Vaughan seiner Erzählstimme Hazel in den Mund. Und somit (womöglich) zugleich ein Echo für seine US-amerikanischen Leser, deren Nation gerne Kriege vor der Haustür von anderen Ländern führt.

Doch der Konflikt, um den es derzeit in Saga geht, ist nicht das große Ganze, sondern im Kleinen zu finden. Roboter-Proletarier Dengo hat nicht nur den Sprössling von Prince Robot IV entführt, sondern als potentielles Faustpfand auch noch Alana und ihre Tochter Hazel. Letztere will er der rebellischen Splittergruppe The Last Revolution überlassen, die das Mischlingskind für Kriegsgefangene eintauschen möchte. Prince Robot IV hat derweil mit Marko sowie Ghüs und Yuma im Schlepptau die Verfolgung aufgenommen, die jedoch noch ihre eigenen Probleme mit sich bringt. Unterdessen suchen Gwendolyn, Sophie und The Brand auf dem von Drachen bewohnten buchstäblichen Halbplaneten Demimonde nach einem Heilmittel für The Will.

Eine Dreiteilung der Handlung, die den ganzen Band hindurch beibehalten wird – was alle Charaktere eint, ist die vermeintliche Hilflosigkeit, der sie sich gegenwärtig ausgesetzt sehen. Alana und Klara suchen nach einem Weg, wie sie sich Dengos Zugriff entreißen können – und versuchen es schließlich mit gutem Zureden. Kommunikation wiederum ist etwas, das zwischen den beiden Vätern Robot IV und Marko nur bedingt funktioniert. Was nicht besser wird, als sich Marko und Yuma fataler Weise in einer Überdosis Fadeaway verlieren, als Marko erneut mit seinem Temperament und seinen Trauma hadert. Es ist bezeichnend für Vaughan, dass man just in diesem Moment erfährt, dass Vater und Tochter sich Jahrelang nicht sehen werden.

Und wie bereits in der Vergangenheit kommt die Serie auch diesmal nicht umhin, sich von einigen Charakteren zu verabschieden. So überraschend zumindest einer der Todesfälle auch sein mag, fehlt dem Verlust hier irgendwie die Gravitas, da es Figuren betrifft, mit denen man zuvor nicht allzu viel Zeit verbracht hat, in der sie einem ans Herz wachsen könnten. Selbiges ließe sich da natürlich auch über The Stalk sagen und dennoch bildet deren Ableben einen bezeichnenden Kontrast zum aktuellen Verlauf. Figuren verlassen die Bildfläche so schnell sie diese betreten haben, Izabel sowie Upsher und Doff tauchen in Volume Five sogar überhaupt nicht auf. Dafür erweist sich Ghüs weiter als Humor-Geheimwaffe (“What did I do?”).

Am Ende bleibt somit ein Band, der sich generell – trotz der dramatischen Ereignisse in den letzten beiden Ausgaben – wie die Ruhe vor dem Sturm anfühlt. Was allerdings in gewisser Weise schon für den Vorgänger galt. Das Tempo der ersten drei Bände scheint derzeit irgendwie zu fehlen, manches Potential verheizt, womöglich mag dies auch bloß an den etwaigen Zeitsprüngen liegen. Ein solcher weiterer, das impliziert der Schluss von Volume Five, wird die Leser auch im kommenden Band erwarten. Was Saga aber dafür weiter auszeichnet, ist die (zurecht) hochgelobte Kunst von Fiona Staples, mit ihren vielen liebevollen und oft bewegenden wie amüsanten Detailaufnahmen. Selten waren reale Konflikte wohl schöner dargestellt.

7.5/10


Everybody likes a good story.

Die USA sind ein Land von Recht und Ordnung. Wer hier einmal die Fahrspur wechselt ohne zu Blinken, landet schnurstracks im Gefängnis – zumindest wenn die betreffende Person schwarz ist. So geschehen am 10. Juli dieses Jahres, als die 28-jährige Sandra Bland in Texas von einem weißen Polizisten angehalten wurde. Nach drei Tagen wurde Bland tot in ihrer Zelle gefunden. Neun Tage später erschoss ein weißer Polizist in Cincinnati den 43-jährigen Schwarzen Samuel DuBose, nachdem er diesen wegen eines fehlenden Autokennzeichens anhielt. Zwei Ereignisse, die Kelly Sue DeConnick, Autorin des Sci-Fi-Comics Bitch Planet, in ihrem Editorial der fünften Ausgabe aufgreift, da Realität und Themen des Comics sich nicht unähnlich sind.

Schon in ihrem Essay in Ausgabe #4 ging Journalistin Mikki Kendall darauf ein, dass auf schwarze Schülerinnen weitaus schlimmere Bestrafungen warten als auf ihre weißen Kameradinnen für dieselben Vergehen. Was wiederum eine Spirale lostritt, die letztlich im Gefängnis enden kann. Dort befinden sich natürlich auch weiterhin die Protagonistinnen von Bitch Planet rund um Kamau Kogo, die wir in den Ausgaben #1 bis #3 kennenlernten. Bezeichnete ich diese bereits als Exposition, geht diese auch in den jüngsten Ausgaben weiter. Inhaltlich legen DeConnick und Zeichner Valentine De Landro den Fokus auf Duemila aka Megaton. “Duemila for Dummies (Women)” heißt ein Medien-Segment, dass den Figuren das Event erläutert.

Was ich zuvor als mediales Sportereignis à la Running Man vermutete, offenbart sich weitaus simpler: die Macher übernehmen schlicht den Calcio Fiorentino, einen gewalttätigen Hybrid aus Fußball und Rugby, der in Florenz gespielt wird. Kein ungefährliches Unterfangen für unsere Damen, worauf Kamau auch von Mithäftling Fanny hingewiesen wird. “You’re making a hit list”, bezeichnet diese Kamaus Kaderzusammenstellung, während wir das Ganze in der “obligatory shower scene” miterleben. DeConnick und De Landro spielen hier gekonnt mit ihrem Exploitation-Genre, die Leser werden dabei ebenso zu Spannern wie eine Gefängniswärter-Figur. Doch Kamau, so scheint es zumindest, bereitet insgeheim ihren ganz eigenen Plan vor.

Dient Ausgabe #4 also dazu, uns Duemila/Megaton zu erklären und Details von Kamaus Plan zu erfahren, dreht sich Ausgabe #5 um ein Übungsspiel zwischen Kamaus Team und einigen Wärtern. Ein Hauch The Longest Yard, wenn man so will. Für die Insassen um Penny Rolle zugleich die Gelegenheit, ihre Unterdrücker körperlich anzugehen – Regeln werden während der Einheit ausgesetzt. Was jedoch nicht ohne Folgen bleibt – und das ist noch gelinde gesagt. Mit Hinblick auf einen Nebenplot um einen Stadiondesigner in Ausgabe #5, der sich für einen Duemila Court auf zum Bitch Planet macht, und einen ersten Plan, der zum Ende von Ausgabe #2 angedeutet wurde, scheint die Richtung von Bitch Planet im Moment ungewisser denn je.

Hinsichtlich des dem Comic innewohnenden Feminismus-Themas halten sich etwaige Sexismus-Tendenzen aufgrund der Duemila-Exposition diesmal in Grenzen. Interesse am Spiel soll Frauen helfen, ihren Partner glücklicher zu machen, in der Nachrichten-Berichterstattung muss sich ein weiblicher News Anchor von einem Reporter unentwegt mit “sweetheart” adressieren lassen und ein Häftling von Bitch Planet, erfahren wir, verdankt dies “disrespect”. Weitaus prägnanter sind derweil wieder die falschen Werbeanzeigen von Laurenn McCubbin auf dem Buchrücken, die uns “Niagra” anpreisen (“from the makers of Agreenex™”), zur künstlichen weiblichen Erregung oder Vaginalparfüm, damit man(n) sich erbarmt, mit seiner Frau Sex zu haben.

Bis auf den dramatischen Schluss von Ausgabe #5 hält sich die Fortentwicklung von Bitch Planet somit in Grenzen, was sich aber womöglich schon bald ändern könnte. Der nähere Blick auf Duemila schadet jedoch nicht und zumindest unterschwellig verdichtet sich das sozio-kulturelle Ausmaß im Universum des Comics. Ähnlich wie in Saga sehen wir hier wohl (hoffentlich?) die Ruhe vor dem Sturm. Stürmisch geraten inzwischen auch die Leserzuschriften und Tattoodebatte, die sich in Ausgabe #5 auf mehrere Seiten erstrecken (und im Sammelband wie die Essays fehlen dürften) – für meinen Geschmack fast schon etwas ausufernd. Aber eben zugleich wohl auch Ausdruck, wie weit Unterdrückung in unserer Gesellschaft noch reicht.

7.5/10

11. Oktober 2015

Sicario

The Fourth of July on steroids.

Unter Präsident Nixon avancierte der Drogenmissbrauch in den USA im Jahr 1971 zum „Staatsfeind Nummer Eins“, im Jahr darauf investierte seine Regierung bereits 600 Millionen Dollar (Inflationsbereinigt also zirka 3,5 Milliarden Dollar). Eine Summe, die seither auf gut 50 Milliarden für das laufende Jahr angehoben wurde. Fast so hoch wird der Umsatz geschätzt, den die mexikanischen Drogenkartelle jährlich mit ihrem Drogenhandel einnehmen. Denkt man an die Präsenz des Drogenkriegs in Mexiko, der gut 90 Prozent der Drogen in den USA besorgt, in den Werken aus Hollywood, fällt einem wohl höchstens Steven Soderberghs Traffic ein. Eine Rolle, die diesem ab sofort Denis Villeneuves Thriller Sicario streitig machen dürfte.

In diesem wird FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) für eine Sondereinheit von Matt Graver (Josh Brolin) angefragt, der als Berater für das Verteidigungsministeriums im Drogenkrieg fungiert. Sie begleitet Graver und dessen Kollegen Alejandro (Benicio del Toro) zu einem vermeintlichen Einsatz in El Paso, der sie tatsächlich auf die andere Seite der Grenze nach Juárez führt. Dort sollen sie einen der Männer des führenden Kartells in die USA überführen. Komplikationen unterwegs wecken in Kate erste Zweifel an der Legalität des Unterfangens, während der Einsatz selbst Graver und Co. auf eine heiße Fährte führt: ein Tunnel zwischen beiden Ländern, den das Kartell für seinen Drogenschmuggel nutzt. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Das gesamte Ausmaß des Drogenkriegs reißt Denis Villeneuve in seinem jüngsten Werk nicht mal im Ansatz an. Ein FBI-Einsatz zu Beginn, der einige Gräuel zu Tage fördert, dient für Macer als Motivation für Gravers Mission. Sein Interesse an der FBI-Agentin, deren Rechtsraum sich nur auf eine Seite der Grenze beschränkt, wird erst im Verlauf des Schlussaktes vollends klar. Die Kernhandlung von Sicario ist derweil relativ simpel gehalten, mit dem Tunnel als Bindeglied und zugleich Zugang zum größten Widersacher der Regierungsvertreter im Film. Viel mehr als von der Geschichte oder ihren Figuren lebt Sicario von seiner Atmosphäre und Intensität. Genauer gesagt von seiner Anspannung, die er mit Beginn evoziert und bis zum Ende hält.

Villeneuve schafft – mit herausragender Mithilfe seines Komponisten Jóhann Jóhannsson – über die zweistündige Laufzeit eine bedrohliche Atmosphäre, in der man das Gefühl hat, es könnte in jeder Sekunde zu allem Möglichen kommen. Und selbst wenn bisweilen, wie im Verlauf des ersten Akts, die Kamera derart offensichtlich platziert wird, dass die folgende Ereignisse vorhersehbar sind, nimmt dies Sicario wenig von seiner nüchternen Rauheit. Dieser Tonfall, dieses von den meisten Figuren zelebrierte Kalkül, ist der eigentliche Star des Films, der so manche Nachlässigkeit in der Ausarbeitung der Handlung oder in der Figurenzeichnung – Macer und Co. kommen nie wirklich über den Status als menschliche Schachfiguren hinaus – ausgleicht.

Hinzu kommt, dass etwaige Szenen für die mexikanische Nebenfigur Silvio (Maximiliano Hernández) aufgewandt werden, die diese Aufmerksamkeit wie sich herausstellen soll nur bedingt, falls überhaupt, verdient. Diese wie auch die ein oder andere weitere Szene hätte Villeneuve vielleicht opfern sollen, um dafür die Wirkung des finalen „Twists“ – falls man diesen überhaupt so nennen kann – etwas mehr zur Geltung zu bringen. Nicht zuletzt, da Sicario ähnlich wie Villeneuves Prisoners einen Tick länger gerät als er unbedingt hätte sein müssen. Auch etwas mehr Einbettung ins größere Ganze des Drogenkriegs und sein Ausmaß hätte nicht geschadet und dem Film sich hierfür fraglos Gelegenheiten geboten, darunter auch in Bezug auf Silvio.

Ungeachtet dessen untermauert Villeneuve sein vielversprechendes Talent, mit dem er bereits Prisoners und den exzellenten Enemy inszenierte. Ein intensiv-packender Thriller, in dem das Schicksal seiner Figuren sich zu jedem Zeitpunkt ändern kann – etwas, das sich auch nicht über jeden Kinobeitrag sagen lässt. Vielleicht inhaltlich etwas weniger kommentierend zum Drogenkrieg wie Soderberghs thematisch dichterer – zugleich jedoch auch mehr belehrender – Traffic, gehört Sicario dennoch zu den positiveren Kinoerlebnissen des Filmjahres 2015. Was ihm an Handlung abgeht, macht er mit Stimmung wieder weg. Vielleicht ja der Auftakt zu mehr Filmen zum Thema Krieg gegen die Drogen – inhaltlich wäre das durchaus gerechtfertigt.

7.5/10

5. Oktober 2015

The Martian

Fuck you, Mars.

Wenn schon, denn schon – scheinen sich zuletzt Ridley Scott, Matt Damon und Jessica Chastain zu denken. Nachdem Ridley Scott 30 Jahre nach Blade Runner mit Prometheus zum Sci-Fi-Genre zurückkehrte und derzeit dessen Fortsetzung Alien: Paradise Lost plant, greift er nun mit der Romanadaption The Martian erneut nach den Sternen. Auch Jessica Chastain mimt erneut ein NASA-Mitglied nach Interstellar, in dem sich Matt Damon wie hier bereits in einen Raumanzug zwängte, um den einzigen Menschen auf einen fremden Planeten zu spielen. Im Vergleich zu Prometheus und Interstellar legt The Martian allerdings den Fokus auf „Science“ statt „Fiction“ – selbst wenn sich der Film speziell in seinem letzten Drittel vollends Hollywood ergibt.

Die Handlung setzt auf dem Mars, genauer der Ebene Acidalia Planitia, ein. Die bemannte Ares-III-Mission rund um ihren Commander Lewis (Jessica Chastain) sieht sich durch einen nahenden Sturm gezwungen, gut zehn Tage früher als geplant die Heimreise gen Erde anzutreten. Auf dem Weg zu ihrer Landefähre verlieren die Crew-Mitglieder ihren Botaniker Mark Watney (Matt Damon), den sie für tot halten und daraufhin zurücklassen. Nur: Watney hat den Sturm überlebt – und sieht sich nun allein auf Mars mit der Suche nach Lebensmittel und Sauerstoff konfrontiert. Eine Kommunikation zur Erde scheint nicht möglich, doch dort bleiben Watneys Überlebensversuche auf dem roten Planeten nicht verborgen. Aber wie kann NASA ihm helfen?

Fortan wechselt The Martian die Schauplätze zwischen Watney in der Ares-Station auf dem Mars und den NASA-Einrichtungen auf der Erde. Dort debattieren NASA-Direktor Teddy Sanders (Jeff Daniels), Marsmissions-Leiter Vincent Kapoor (Chiwetel Ejiofur), Ares-Flugdirektor Mitch Henderson (Sean Bean) sowie NASA-Sprecherin Annie Montrose (Kristen Wiig) über den Umgang mit Watneys Überleben. Während dieser auf der Erde öffentlich wird, hält NASA Watneys Crew (Michael Peña, Kate Mara, Sebastian Stan, Aksel Hennie) im Dunkeln. Der Botaniker installiert derweil ein Grünhaus in der Stationsküche und sucht nach Mitteln und Wegen, wie er so lange überleben kann, bis die nächste Ares-Mission in vier Jahren eintreffen wird.

Im wissenschaftlichen Aspekt dieses Umstands findet sich die große Stärke des Films, ungeachtet dessen, dass natürlich alles, was in The Martian passiert, dennoch klar der gängigen Hollywood-Dramaturgie folgt. Wenn Watney jedoch tüftelt, wie er genug Kartoffeln anbauen kann und seinen Rover mit ausreichend Energie ausstattet oder mit der Erde kommuniziert, liegt all dem klar eine wissenschaftliche Basis zugrunde. Selbst wenn diese nach und nach und insbesondere im Schlussakt vollends den Pathos-Gesetzen des Blockbuster-Kinos geopfert wird. Und auch wenn man The Martian nicht wirklich vorhalten kann, zu verkopft an seine Geschichte heranzugehen, stellen sich gerade in der zweiten Hälfte Längen ein.

Hinzu kommt ein Überfluss an Figuren, die teils wie Kristen Wiigs PR-Tante oder Donald Glover in einer “Troy goes Abed”-Gedächtnisperformance als NASA-Schreibtisch-Nerd Rich Purnell nicht wirklich nötig gewesen wären, da selbst für die anderen Charaktere wie die Ares-Crew oder NASA-Leiter außer Kapoor wenig im Film zu tun ist. The Martian ist vielmehr die Mark Watney Show – was dieser dadurch untermauert, dass er sich selbst per Kamera dokumentiert und dabei quälend-schlechte Einzeiler auf SchleFaZ-Niveau raushaut (“With cool, dry wit like that, I could be an action hero”, wussten schon die Simpsons). Auch sonst geraten die Dialoge im Film wenig eindrücklich, dafür gefällt das jordanische Wadi Rum erneut als Mars-Kulisse.

Selbst wenn wenig Erinnerungswürdiges im Film geschieht und die Figuren – selbst Watney – kaum über eine eindimensionale Zeichnung hinauskommen, wissen die Beteiligtem mit ihrem Produkt mehr zu überzeugen als in ihren Sci-Fi-Vorgängerproduktionen. Weniger Figuren und eine geringere Laufzeit mit einem ausgefeilteren Skript hätten Ridley Scotts jüngstem Werk wohl gut zu Gesicht gestanden. An dem kitschigen Ende führt derweil wohl kein Weg vorbei, wobei die Prämisse von The Martian natürlich auch wenig Raum für Alternativen lässt, die für einen Blockbuster dieser Größenordnung rentabel wären. Womöglich haben sich die Beteiligten angesichts des Sci-Fi-Genres in anderen Worten aber auch bloß gedacht: Wenn schon, denn schon.

7/10

30. September 2015

Filmtagebuch: September 2015

AMY
(UK/USA 2015, Asif Kapadia)
8/10

BIG HERO 6 [BAYMAX – RIESIGES ROBOWABOHU]
(USA 2014, Don Hall/Chris Williams)

6/10

THE ’BURBS [MEINE TEUFLISCHEN NACHBARN]
(USA 1989, Joe Dante)

8.5/10

CUTTHROAT KITCHEN – SEASON 1
(USA 2013, Steve Hyrniewicz)
7/10

ELECTRIC BOOGALOO: THE WILD, UNTOLD STORY 
OF CANNON FILMS
(USA/UK/AUS/IS 2014, Mark Hartley)
5.5/10

ENTER THE VOID
(F/D/I/CDN 2009, Gaspar Noé)
5.5/10

EVEREST (3D)
(USA/UK/IS 2015, Baltasar Kormákur)

7/10

THE FIRM [DIE FIRMA]
(USA 1993, Sydney Pollack)

6/10

GAME OF THRONES – SEASON 1
(USA 2011, Brian Kirk/Daniel Minahan u.a.)
6.5/10

GRAVITY
(USA/UK 2013, Alfonso Cuarón)
6/10

GREMLINS
(USA 1984, Joe Dante)
8/10

GREMLINS 2: THE NEW BATCH
(USA 1990, Joe Dante)
8/10

INNERSPACE [DIE REISE INS ICH]
(USA 20, Joe Dante)

6/10

KING KONG
(USA/D/NZ 2005, Peter Jackson)
2.5/10

THE LOOK OF SILENCE
(USA/UK/RI u.a. 2014, Joshua Oppenheimer)
8/10

LOVE (3D)
(F/B 2015, Gaspar Noé)

6/10

LOVE & MERCY
(USA 2014, Bill Pohlad)
5.5/10

MASH
(USA 1970, Robert Altman)
6.5/10

M*A*S*H – SEASON 1
(USA 1972/73, William Wiard u.a.)
7/10

THE MARTIAN (3D)
(USA 2015, Ridley Scott)

7/10

MASTERS OF THE UNIVERSE
(USA 1987, Gary Goddard)
4/10

MUSARAÑAS [SHREW’S NEST]
(E/F 2014, Juanfer Andrés/Esteban Roel)

4/10

PAUL
(USA/UK 2011, Greg Mottola)
6.5/10

PLEMYA [THE TRIBE]
(NL/UA 2014, Miroslav Slaboshpitsky)

6/10

PRISON BREAK – SEASON 1
(USA 2005/06, Kevin Hooks/Bobby Roth u.a.)
7.5/10

THE SEARCH FOR GENERAL TSO
(USA/CN/RC 2014, Ian Cheney)
6/10

SENNA
(UK/USA/F/BR 2010, Asif Kapadia)
8.5/10

SHOW ME A HERO
(USA 2015, Paul Haggis)
5.5/10

SMALL SOLDIERS
(USA 1998, Joe Dante)
3.5/10

TERMINATOR GENISYS
(USA 2015, Alan Taylor)
3/10

TIN CUP
(USA 1996, Ron Shelton)
6.5/10

TRAINER!
(D 2013, Aljoscha Pause)
7.5/10

TURBO KID
(CDN/NZ 2015, François Simard/Anouk Whissell/Yoann-Karl Whissell)
3.5/10

Werkschau: Edgar Wright


SHAUN OF THE DEAD
(UK/USA/F 2004, Edgar Wright)
8/10

HOT FUZZ
(UK/USA/F 2007, Edgar Wright)
6/10

SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD
(USA/UK/CDN/J 2010, Edgar Wright)
5/10

THE WORLD’S END
(UK/USA/J 2013, Edgar Wright)
3.5/10

24. September 2015

Everest

Sit down, man. Acclimatize.

Das Einmalige ist preislos – sollte man meinen. In Steven Spielbergs Jurassic Park erkannte die Filmfigur des Anwalts mit dem Dino-Park ein lukratives Geschäft. “We can charge anything we want, 2,000 a day, 10,000 a day, and people will pay it”, frohlockt Donald Gennaro. Für Park-Gründer John Hammond ein No-Go. Jeder habe das Recht, an diesem einmaligen Erlebnis zu partizipieren, findet Hammond. Quasi eine Mischung aus beiden Ansichten vertrat wohl der Bergsteiger Rob Hall, der mit zu den ersten seiner Zunft gehörte, die kommerziell geführte Besteigungen anboten. In diesem Fall am Mount Everest, mit 8.848 Metern der höchste Berg der Erde. Seinen Gipfel zu erreichen ist kein leichtes Unterfangen – vor allem für Nicht-Profis.

Regisseur Baltasar Kormákur widmet sich in Everest nun jenem Everest-Unglück vom 10./11. Mai 1996, als zwei geführten Gruppen gemeinsam den Gipfelsturm in Angriff nahmen. Am Ende sollten acht der 33 Personen ihr Leben auf dem Berg lassen, nachdem zeitliche Verzögerungen und ein Sturm die Pläne der Expeditionsleiter kreuzten. Der Film fokussiert sich dabei auf den bereits erwähnten Rob Hall (Jason Clarke), der in Kathmandu auf seine Klienten wartet, ehe diese in den 40 Tagen bis zur Gipfelbesteigung an die Bedingungen akklimatisiert werden. Zu Halls Gruppe gehören dabei neben dem Journalisten Jon Krakauer (Michael Kelly) auch der Pathologe Beck Weathers (Josh Brolin) sowie der Postbote Doug Hansen (John Hawkes).

Für Hansen war es ein erneuter Anlauf, den Gipfel des Everest zu erreichen, nachdem ihn Hall in der Vergangenheit bereits zu einer Umkehr gezwungen hatte. Währenddessen bereiten Hall einerseits die Schwangerschaft seiner Frau Jan (Keira Knightley) Sorgen, für deren Entbindung er wieder zurück in seiner Heimat Neuseeland sein möchte, aber auch die Vielzahl an geführten Expeditionen, die an seinem eigenen designierten Termin (10. Mai) zum Gipfel wollen. Um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, legt Hall seine Führung mit der seines Konkurrenten Scott Fischer (Jake Gyllenhaal) zusammen. Doch bereits im Verlaufe des Aufstiegs zwischen den verschiedenen Basiscamps zeichnen sich Spannungen und Problemfelder ab.

Das in – weitestgehend verschenktem – 3D gedrehte Abenteuer-Drama teilt sich von seiner Dramaturgie in zwei Hälften auf: die zum Aufstieg führende und die den Abstieg begleitende. Zwar nimmt Rob Hall dabei die Rolle der Hauptfigur ein, doch angesichts der Vielzahl von Figuren – Emily Watson spielt Halls Basiscamp-Leiterin und Elizabeth Debicki dessen Arzt, Sam Worthington einen befreundeten Bergsteiger – gerät Everest mehr zu einem Ensemblefilm. Dies gereicht ihm durchaus zum Vorteil, selbst wenn in dessen Folge vielschichtige Figuren wie Krakauer oder Fischer und ihre Motive fraglos weniger beleuchtet werden, als vielleicht möglich gewesen wäre. Nur: Everest will keine persönliche, sondern eine kollektive Geschichte erzählen.

Es ist also nicht zwingend von Bedeutung, welche der vielen vermummten Personen nun wer ist oder wo genau sich jede einzelne von ihnen gerade am Gipfel befindet. Eine räumliche Aufteilung der entscheidenden Figuren wird auch aufgrund von klarer Farbunterlegung deutlich, weiß man, wer und wo Hall, Hansen, Fischer und Weathers sind. Besonders wenn der Sturm den Everest erreicht, steigert sich Kormákurs Film nochmals, überlässt der Regisseur jegliche narrative Dramaturgie ganz den unglücklichen Ereignissen von 1996. Obschon man Everest vorwerfen kann, dass er viele Umstände ziemlich subtil interpretiert und erklärt, der Film jedoch bereits die Vorfälle von damals auf zwei Stunden komprimiert und Figurenmomente kürzt.

Die Dosierung der vielen Hollywood-Stars – Robin Wright taucht auch noch in einer Nebenrolle als Weathers’ Ehefrau auf – beherrscht Kormákur gekonnt. Der Umstand, dass Christian Bale, der ursprünglich Hall spielen sollte, ausschied und der Film somit charakterlich dezentralisiert wurde, avanciert zum Qualitätsmerkmal. Wer generell dem Subgenre mit solchen Filmen wie Touching the Void nicht abgeneigt ist, der wird auch bei Everest auf seine Kosten kommen. Wobei angesichts der wahren Begebenheiten – wie so oft – auch eine Dokumentation nicht verkehrt gewesen wäre. Dort hätte man auch die Kritik an der Kommerzialisierung der Everest-Besteigung verstärken können. Denn nur weil etwas da ist, muss es nicht jeder gleich besteigen.

7/10

18. September 2015

The Search for General Tso

This is all crazy nonsense.

Andere Länder, andere Sitten – ein Sprichwort, das auch auf die Kulinarik passt. Denn was in Deutschland gerne als ausländische Küche à la Pizza oder Döner Kebab goutiert wird, kommt in der ursprünglichen Heimat oft ganz anders auf den Teller. Oder teils auch gar nicht. So sucht man Glückskekse, die es in jedem westlichen China-Restaurant gibt, in der Volksrepublik beispielsweise vergeblich. Im Westen sind die Nachtisch-Snacks dafür umso populärer – und nicht nur sie. Auch das Gericht General Tso’s Chicken erfreut sich größter Beliebtheit in US-amerikanischen China-Restaurants. Derart großer sogar, dass Regisseur Ian Cheney in seiner Dokumentation The Search for General Tso den Ursprung des Gerichts ausfindig machen will.

Ein erstes Indiz gibt natürlich der Name von General Tso, auch wenn natürlich keiner weiß, wer oder woher dieser ist. Selbst in Shanghai sind die Leute wenig schlauer. “I haven’t seen it directly on a menu in China”, gesteht die Food-Redakteurin Crystyl Mo von Time Out Shanghai. Auf der Straße erkennt auch keiner das Gericht wieder, das Brokkoli mit frittierten Hühnerschenkeln in einer süß-scharfen Sojasoße reicht. “It doesn’t look like chicken”, meint gar ein Chinese. “It looks like frog.” Also weiter gesucht, mit dem Namenspaten als Indiz. Er stammt aus der Provinz Hunan und war ein General in der Qing Dynastie. “Extremely famous and respected in Hunan”, weiß Qing-Experte Liang Xiao Jin – und liefert in Hunan sogleich den Beweis.

Von der Tso Schule bis hin zum Tso Platz führt er Cheneys Crew – sogar in ein General Tso Hotel wo stilecht General Tso Schnaps gereicht wird. Auch wenn diesen der General seinerzeit – die Qing Dynastie reichte von 1644 bis 1911 – selbst nicht trank. Auch jenes Hühnergericht, das seinen Namen trägt, kannte der General nicht, obschon Hunan für die im Rezept verwendeten Chilis berühmt sei. “He did not invent this chicken”, stellt Liang klar. Also doch eine US-Erfindung? An dieser Stelle stoppt The Search for General Tso die Suche und liefert einen Rückschau auf die Geschichte der Chinesen in den USA, deren erste Vertreter gegen Ende der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Goldrausch nach Kalifornien gelockt wurden.

Wer die HBO-Serie Deadwood kennt, weiß jedoch, dass es die Neunankömmlinge aus dem fernen Osten – oder in dem Fall eher: Westen – nicht leicht hatten. Sie wurden diskriminiert, informieren Amerikaner chinesischen Ursprungs in Cheneys Film, und fanden letztlich eine Nische in der Gastronomie und Wäscherei. Heute, so Historikerin Sue Lee, machen Chinesen ein Prozent der US-Bevölkerung aus, “yet probably most Americans have eaten Chinese food”. Seinen ersten Aufstieg nahm die Asia-Küche zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Gericht Chop Suey, aber im Laufe der Jahre wurde auch deutlich: mit Original chinesischer Cuisine hatten die Speisen in den US-amerikanischen China-Restaurants immer weniger zu tun.

Die Restaurants merkten schnell, dass auch wenn ihre exotischen Gerichte Interesse erweckten, sie diese der US-Kultur anpassen mussten. “This awareness of having to make yourself acceptable to a wider world”, nennt es Buchautorin Bonnie Tsui. Und spricht von “Chinese food” als “invitation into the world” für die Amerikaner – selbst wenn die Küche “as American as anything else” war. Richtig boomte das Geschäft der Restaurants, so die Dokumentation, nachdem Präsident Nixon 1972 dem kommunistischen China einen Besuch abstattete und so mögliche ideologische Kulinarik-Brücken auch in der Heimat wieder einriss. Spätestens jetzt begann der Siegeszug von Frühlingsrollen, Glückskeksen, Chop Suey und General Tso’s Chicken.

Der Ursprung von Letzterem wird zum Ende von The Search for General Tso auch noch aufgeklärt – zumindest teils. Wieso das Rezept so aussieht, wie es aussieht und nach dem General benannt wurde, bleibt ebenso unklar wie der Grund für seine landesweite Popularität. Als Aufhänger für seine kurzweilige Dokumentation funktioniert das Hühnergericht aber dennoch ganz gut, speziell wenn Ian Cheney dies dazu nutzt, wenn auch etwas oberflächlich, die Geschichte der chinesischen Einwanderer in den USA zu skizzieren – und welche Rolle ihr kulinarisches Erbe für die einheimische Gesellschaft spielt. Am Ende wird General Tso’s Chicken dann sogar auch in Hunan serviert – hoffentlich mit mehr Erfolg als die deutsche Döner-Version in der Türkei.

6/10

12. September 2015

Until Dawn

I feel like someone’s watching us.

Man kennt das vermutlich aus so manchem Horror-Film, wo der Zuschauer wiederholt anders – lies: klüger – entschieden hätte, um sein Überleben zu sichern. In entscheidenden Szenen rennen statt kauern, oder verstecken statt rennen. Until Dawn, ein interaktives Horror-Spiel von Supermassive Games, sollte nun dies in die Realität umsetzen: ein spielbarer Horror-Film, in dem es am Spieler ist, durch seine Entscheidungen zu beeinflussen, wer stirbt und wer überlebt. In gewisser Weise ähnlich zu Telltale’s The Walking Dead-Reihe, aber – so sicher die Idee – weitaus immersiver, was von den Machern um Regisseur Will Byles durch die Verortung in eine einzelne Nacht und die weniger Comic-hafte Grafik per Motion Capture untermauert wird.

An einem Februar-Wochenende trifft sich eine Gruppe Freunde um Sam (Hayden Panettiere) in der abgelegenen Skihütte von Filmproduzenten-Sprößling Josh (Rami Malek) zum ersten Jahrestag des Todes von dessen Zwillingsschwestern Hannah und Beth (beide Ella Lentini). Beide waren im Jahr zuvor im Wald gestorben, nachdem ihre Freunde rund um Mike (Brett Dalton), Emily (Nichole Bloom), Jessica (Meaghan Martin), Matt (Jordan Fisher) und Ashley (Galadriel Stineman) Hannah zuvor einen kindischen Streich ob ihrer romantischen Gefühle gegenüber Mike spielten. Doch schon bald zeigt sich, dass die Studenten erneut nicht alleine auf dem verschneiten Berg sind. Ein maskierter Mann hat es wohl auf die Gruppe abgesehen.

Abwechselnd übernimmt der Spieler im Verlauf von Until Dawn die Kontrolle über die Gruppe Freunde, angefangen mit Hayden Panettieres Sam, die trotz ihrer namhaften Darstellerin von allen Charakteren am wenigsten ausgefeilt wirkt. Nach den Ereignissen aus dem Vorjahr als Prolog zieht sich die Exposition der Handlung ein wenig, um die Dynamik zwischen einzelnen Figuren zu etablieren. Seien es romantische Gefühle zwischen Ashley und Chris (Noah Fleiss) oder Eifersucht von Emily, die nun mit Matt liiert ist, früher jedoch mit Mike, der nun mit Jessica angebandelt hat. Letztere machen sich auf zu einer zweiten Hütte für Gäste, während es Sam nach einem heißen Bad sehnt. Doch der Abend soll anders verlaufen als erhofft.

Die Handlung des Spiels und seine Dialoge sind dabei genauso behämmert, wie man es aus Horror-Filmen gewohnt ist. Sich am Jahrestags des Todes zweier Freunde am Tatort zu treffen wird von niemandem hinterfragt – auch nicht von einem Psychiater (Peter Stormare), der einem zwischen den einzelnen Kapiteln Fragen stellt wie: Wovor fürchtest du dich mehr, Clowns oder Vogelscheuchen? Mit einem “Previously on Until Dawn” geht es dann zurück auf den Berg – als ob man nicht wüsste, was bisher geschah, nachdem man es vor einer halben Stunde selbst gespielt hat. Dass sich das Spiel im Verlauf von seiner Serienkiller-Slasher-Methodik verabschiedet, um statt Halloween eher The Descent nachzuäffen, macht alles noch schlimmer.

Der Einfluss auf das Geschehen hält sich zudem in Grenzen. Generell darf man immer aktiv werden, wenn man einen Schalter umlegen oder eine Tür aufdrücken soll, ansonsten läuft viel in Zwischenszenen, deren Dialoge sich nur bisweilen steuern lassen. Das wiederum nach dem Motto: Sag ich etwas Freundliches, krieg ich eine freundliche Antwort. Und umgekehrt. Ob man in entscheidenden Momenten dann flieht oder sich versteckt, kann irrelevant sein für den Ausgang der Szene – was die Entscheidungsgebung ebenso irrelevant macht. Wenn dann doch plötzlich Figuren sterben, weil zuvor (“Previously on…”) ein weitestgehend nichtig erscheinender Beschluss einen in den Hintern beißt, überrascht das zwar, ist aber auch nicht dramatisch.

Grundsätzlich, so die Idee, können alle Figuren das Spiel überleben – oder auch nicht. Je nachdem, wie man entscheidet. Abgesehen von der Herausforderung als solchen wäre es dabei dienlich, wenn die Charaktere etwas mehr Persönlichkeit kriegen würden, außer A steht auf B. So ist Emily eine derart unsympathische Person, dass einem ihr Überleben keine Priorität ist. Und sogar Sam als größte Identifikationsfigur bleibt ein Rätsel. Da Until Dawn jedoch einem Horror-Film nachempfunden sein soll, stand zumindest für mich fest, dass nicht jeder den Morgengrauen noch erleben würde. Selbst wenn mancher Tod dann doch nicht geplant war. Sei es, weil man mal zu spät reagiert, oder weil man dann doch etwas zu naiv entscheidet.

Konsequent ist das Spiel hier keineswegs. Manche Figuren können nur in bestimmten Momenten sterben respektive ab einem gewissen Zeitpunkt. Folglich sind ihre Entscheidungen von weniger bis gar keiner Bedeutung, wo eine andere Figur einem zuvor wegstirbt. Der Freiraum, den einem Until Dawn gewährt, ist entsprechend begrenzt und somit auch der Spielraum. Heißt es, dass manchmal Nichtstun die beste Lösung ist, ist Nichtstun später selten bis gar nicht eine Option. Eben immer so, wie es die Macher gerade wünschen. So lange heißt es also, die Zwischenszenen mit ihren furchtbaren Dialogen ertragen oder die zähen und unsinnigen Momente mit Stormares fiktivem Psychiater, der weder Sinn für das Spiel noch den Spieler macht.

Ob man sich mehr vor Clowns oder Vogelscheuchen fürchtet, entscheidet dann, ob einem im Spielverlauf ein Clown oder eine Vogelscheuche begegnet. Oder kann. Auf meinen Hinweis, ich ekele mich mehr vor Spinnen als vor Schlangen folgte nichts. Die Psychiaterszenen sind somit lediglich Füllmaterial, um ein Spiel etwas auszudehnen, dass bis auf einige krude Referenzen – Saw wird ebenfalls zitiert – wenig Originalität bietet. Dass die müde Handlung dabei nur für den Spieler, nicht für die Figuren durchschaubar ist, macht das Erlebnis nicht weniger zäh. Wenn mehr und mehr Referenzen vom vermeintlichen Täter zu den Ereignissen um Hannah auftauchen, kommt das keinem der Charaktere in Until Dawn Spanisch vor.

Von einem interaktiven Horror-Film habe zumindest ich mir etwas mehr versprochen. Interaktiv heißt für mich nicht, dass ich erst Schaltkästen aufmachen und dann den Schalter darin selbst umlegen „darf“. Grundsätzlich hätte Supermassive Games aus dem Konzept von Until Dawn also mehr herausholen können als man es letztlich getan hat. So halbgar wie die Umsetzung ist trotz des ansehnlichen Settings auch die Darstellung des Ensembles (mit Galadriel Stineman als Ausnahme). Von meinen acht Figuren überlebten am Ende lediglich drei (Sam, Jessica, Emily), wobei es mir nur um Mike leidtut, dessen Tod jedoch mehr noch als der von Matt eher der inhärenten Unlogik zu verdanken ist. Also eben wie in einem Horror-Film.

4.5/10

6. September 2015

This Is the End [Das ist das Ende]

Hermione just stole all of our shit. And Jay suggested that we rape her.

Unverhofft kommt oft, heißt es so schön. Das sollte vermutlich für nichts mehr gelten als für das Ende aller Tage, auch als Armageddon bekannt. Und wie sich zeigt, gibt es wider Erwarten scheinbar keinen schlechteren Ort, um auf die biblische Entrückung zu hoffen, als eine Hollywood-Party zu besuchen. So zumindest lassen es einen Evan Goldberg und Seth Rogen in ihrem Regiedebüt This Is the End glauben, in dem sie ihren eigenen Freundeskreis die Apokalypse erleben lassen. Viel dramatischer als der Weltuntergang vor der eigenen Haustür entwickelt sich die Offenbarung, die sich innen statt draußen abspielt. Es sind die emotionalen Fassaden, die bröckeln, wenn sich eine Handvoll Freunde offen die Meinung sagt.

Beste Freunde seit gemeinsamen Undeclared-Tagen fürchtet Jay Baruchel im Film um seine Freundschaft zu Kollege Seth Rogen, der inzwischen seine Bromance mit Freaks-and-Geeks-Kollege James Franco intensiviert. Seine Clique rund um Jonah Hill versucht zwar alles, um Baruchel in ihre Mitte aufzunehmen, doch so wirklich will der nicht in deren Kreis passen. Craig Robinson und Emma Watson halten ihn sogleich für einen Hipster, der sich zu schade ist, die Toilette zu besuchen, nur weil Michael Cera auf Kokain dort gerade einen flotten Dreier verlebt. Als dann auch noch die Welt untergeht, sieht sich Baruchel eingesperrt mit Rogens Clique in Francos Haus. Dort wartet die Gruppe auf ihre Rettung, immerhin sind sie Hollywood-Stars.

Der Humor von This Is the End, so die Idee, zeugt von übersteigerten Darstellungen der öffentlichen Meinung der Stars. Oder, wie im Falle von Michael Cera, von deren totaler Verkehrung. So gibt Jonah Hill (“from Moneyball”) einen Schleimscheißer, James Franco inszeniert sein Bild als prätentiöser Seth-Rogen-Fan und Danny McBride gibt ein Arschloch vom Dienst, wie er es schon in The Pineapple Express oder Eastbound & Down perfektioniert hat. Das ist zwar ein interessantes und vielversprechendes Konzept, wird allerdings im Film von Goldberg und Rogen nicht konsequent zu Ende gedacht. Auch, weil der Meta-Gedanke im Laufe des zweiten Akts dann letztlich einem konventionellen dramatischen Verlauf geopfert wird.

Mit Beginn der Apokalypse beginnt zugleich das schleichende Ende des sich gegenseitig Aufziehens, in dem allenfalls James Franco eine Ausnahme darstellt. Speziell Craig Robinson verkommt zu einer eindimensionalen Figur, die mehr den Status des Token Black Guy einnimmt, anstatt dass Robinsons Persona als Sprungbrett für Sarkasmus oder Zynismus dient. Der Humor des Films, so scheint es, generiert sich zuvorderst daraus, dass Stars als sie selbst angesprochen werden, statt mit einem Charakternamen. Da taumelt Paul Rudd mit Schampusflasche einer Besucherin in den Schädel und Emma Watson verschwindet zuerst von Francos Party, um dann später kurz zurückzukommen, ohne dass der Film etwas mit ihr anzufangen wüsste.

Wenn ein vollgedröhnter Michael Cera den Hintern vom Rihanna begrabscht und diese ihm eine scheuert, ist das durchaus amüsante physical comedy, verpufft aber im Grunde genauso wie die wenig gehaltvollen Momente mit Stars wie Jason Segel, Kevin Hart oder Aziz Ansari. Es wäre This Is the End vielleicht mehr geholfen gewesen, wenn man Cera mit in die Gruppe eingeschlossen hätte und McBride als Antagonisten ersetzen lassen, statt dass Letzterer einfach eine Widersacher-Rolle aus seinen Filmen in die Realität übernimmt. Auch eine vertiefte weibliche Figur hätte hier nicht geschadet, um den Humor zu (ver-)stärken, beispielsweise mit Aubrey Plaza oder Linda Cardellini, um die Freaks and Geeks-Referenz weiterzutreiben.

Der weitere Filmverlauf beschränkt sich dann auf Goldbergs und Rogens aus Superbad übernommene Faszination mit Penissen, die Dämonen und Satan geschenkt werden, ohne dass sie einen Sinn ergeben, und dem Gedanken, wenn man sich für jemand opfert, wird man entrückt – selbst wenn es eine kalkulierte Selbstopferung ist, im Wissen, aus ihr resultiert die gewünschte Entrückung (Hollywoods Idee von Altruismus). Womöglich wäre This Is the End eine rundere Sache als verlängerter SNL Digital Short beziehungsweise in den Händen vom The Lonely Island-Team geworden, zumindest ein kompetenter Regisseur wie Adam McKay hätte jedoch geholfen. Am Ende gilt für den Film daher dasselbe wie für Aziz Ansari in ihm: “It’s too late for you.”

5/10

1. September 2015

Filmtagebuch: August 2015

’71
(UK 2014, Yann Demange)
6.5/10

BALLERS – SEASON 1
(USA 2015, Julian Farino u.a.)
6.5/10

BOBBY FISCHER AGAINST THE WORLD [ZUG UM ZUG IN DEN WAHNSINN]
(USA/UK 2011, Liz Garbus)

6/10

CAKE
(USA 2014, Daniel Barnz)
5.5/10

CAMP X-RAY
(USA 2014, Peter Sattler)
6/10

THE FARM: ANGOLA, USA
(USA 1998, Liz Garbus/Jonathan Stack)
5/10

GINGER SNAPS
(CDN 2000, John Fawcett)
4/10

GIRLHOOD
(USA 2003, Liz Garbus)
5.5/10

GREY’S ANATOMY – SEASON 2
(USA 2005/06, Peter Horton u.a.)
7/10

THE GUEST
(USA/UK 2014, Adam Wingard)
10/10

THE IMITATION GAME
(UK/USA 2014, Morten Tyldum)
4.5/10

LOVE, MARILYN
(USA/F 2012, Liz Garbus)
4.5/10

MAY
(USA 2002, Lucky McKee)
5/10

A MOST VIOLENT YEAR
(USA/UAE 2014, J.C. Chandor)
6/10

PIRANHA
(USA 1978, Joe Dante)
3.5/10

PIRANHA 3D
(USA 2010, Alexandre Aja)
5.5/10

PONTYPOOL
(CDN 2008, Bruce McDonald)
5.5/10

RESIDENT EVIL
(USA/UK/D/F 2002, Paul W.S. Anderson)
5/10

RESIDENT EVIL: APOCALYPSE
(USA/UK/D/F/CDN 2004, Alexander Witt)
4/10

RESIDENT EVIL: EXTINCTION
(USA/UK/D/F/AUS 2007, Russell Mulcahy)
3/10

RESIDENT EVIL: AFTERLIFE
(USA/D/F/CDN 2010, Paul W.S. Anderson)
3.5/10

RESIDENT EVIL: RETRIBUTION
(USA/D/F/CDN 2012, Paul W.S. Anderson)
1/10

SELMA
(USA/UK 2014, Ava DuVernay )
6/10

STILL ALICE
(USA/F 2014, Richard Glatzer/Wash Westmoreland)
6.5/10

TRUDNO BYT BOGOM [ES IST SCHWER, EIN GOTT ZU SEIN]
(RUS 2013, Aleksey German)

3/10

TRUE DETECTIVE – SEASON 2
(USA 2015, Justin Lin/John Crowley u.a.)
6.5/10

WET HOT AMERICAN SUMMER
(USA 2001, David Wain)
9/10

WET HOT AMERICAN SUMMER: FIRST DAY OF CAMP
(USA 2015, David Wain)
7/10

WHAT HAPPENED, MISS SIMONE?
(USA 2015, Liz Garbus)
5/10

ZOMBEAVERS [ZOMBIBER]
(USA 2014, Jordan Rubin)

3/10

Retrospektive: Die Top Five 2012


DRIVE
(USA 2011, Nicolas Winding Refn)
8.5/10

THE IMPOSTER [DER BLENDER]
(UK 2011, Bart Layton)

8.5/10

AMOUR [LIEBE]
(F/D/A 2012, Michael Haneke)

8/10

BEASTS OF THE SOUTHERN WILD
(USA 2012, Benh Zeitlin)
8/10

THE INTERRUPTERS
(USA 2011, Steve James)
10/10

24. August 2015

Queen of the Desert [Königin der Wüste]

See the desert on a fine morning and die – if you can.
(Gertrude Bell, “Syria, The Desert and the Sown”, p. 64)

In der Regel scheint Werner Herzog eher dem Wahnsinn zugewandt. Egal ob er einen von der Leine losgelassenen Nicolas Cage in Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans agieren lässt, eine Dokumentation wie Grizzly Man über fanatische Bärenschützer erstellt oder sich mir Enfant terrible Klaus Kinski auseinandersetzte. Umso ungewöhnlicher ist es, dass Herzog nun mit Queen of the Desert der cineastischen Romantik verfällt. Und eine historische Biografie drehte, die klassischer kaum sein könnte. Als Thema wählte er dabei Gertrude Bell, eine Historikerin und Archäologin, die mit T. E. Lawrence mithalf, den Nahen Osten im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts politisch neu zu ordnen. Darunter fällt auch die Gründung des heutigen Irak.

Ende des 19. Jahrhunderts ist Gertrude Bell (Nicole Kidman) ihres Lebens auf dem Landgut ihres Vaters überdrüssig. Der sendet sie zum Schwager seiner Gattin nach Teheran, wo er als britischer Botschafter tätig ist. Hier lernt Bell den Botschaftssekretär Henry Cadogan (James Franco) kennen und lieben. Genauso wie ihre Passion für den nahen Osten. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird sie das Land und seine Leute näher erkunden, allen voran die Beduinenvölker. Dabei macht sie die Bekanntschaft eines jungen T. E. Lawrence (Robert Pattinson) und die des Konsuls des osmanischen Mersins, Charles Doughty-Wylie (Damian Lewis). Ihre Kenntnisse der Region machen Bell dabei zur respektierten politischen Beraterin des britischen Empires.

Ein mannigfaltiges Leben, welches natürlich in einem zweistündigen Kinofilm nicht vollends Platz zur Würdigung findet. So streift auch Herzog in Queen of the Desert lediglich Auszüge aus dem Leben Bells – und lässt vieles unerwähnt. Beispielsweise ihre Passion als Alpinistin und zahlreichen Bergbesteigungen, auch ihre vielen Reisen nach Deutschland oder Japan tauchen im Film nicht auf. Der will lieber von einer dreifachen Liebe Gertrude Bells erzählen, zu den Männern Henry Cadogan und Charles Doughty-Wylie sowie zur arabisch-persischen Region. Immer wieder zieht es Bell und ihre Begleiter rund um den treuen Fattouh (Jay Abdo) hinaus in die Wüste, zu verschiedenen Scheichs und Stammesführern sowie in die Oasenstadt Ha’il.

Viele Reisen, noch mehr Bekanntschaften und ein immer verstärkter mitschwingender politischer Kontext. Es dürfte für Herzog kein leichtes Unterfangen gewesen sein, das komplexe Leben von Gertrude Bell in seinem Drehbuch zu fassen zu kriegen. Und vollends gelingen vermag es ihm verständlicherweise nicht. Die Bedeutung von Land und Leute für Bell will bis zum Ende des Films nicht wirklich greifbar werden. Genauso wenig die Rolle, die Bell und T. E. Lawrence zu der damaligen Zeit gespielt haben. Queen of the Desert wirkt wie ein Durchblättern einer Enzyklopädie, die mit einigen romantischen Bekanntschaften angereichert ist, die natürlich ebenfalls nicht genauer ergründet werden. Herzog bewegt sich stets an der Oberfläche.

Das ist auf der einen Seite zwar bedauerlich, aber vermutlich zugleich unumgänglich, will man sich der Person Gertrude Bell nicht in einer Mini-Serie nähern. Die meiste Zeit funktioniert Herzogs zurückgenommene Regie dennoch erstaunlich gut, nicht zuletzt dank der gefälligen Bilder von Kameramann Peter Zeitlinger. Die Darsteller selbst spielen solide, auch wenn es gerade zu Beginn etwas befremdlich ist, Nicole Kidman eine 24-jährige Gertrude Bell spielen zu sehen. Damian Lewis schlägt sich achtbar, die zurückgenommenen James Franco und Robert Pattinson vermögen nur bedingt ihre historischen Persönlichkeiten vor ihre eigene verfrachten zu können. Immerhin gehen beide Charaktere nicht über Nebenrollen hinaus.

Am erstaunlichsten fällt der Ton des Films aus, der an klassische Filme des Genres erinnert, wie sie heutzutage nicht mehr gedreht werden. Sicher auch, weil sie finanziell wenig Ertrag versprechen, sodass Queen of the Desert womöglich bewusst Handlung aussparte, um das Budget nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Nichtsdestotrotz erzählt Herzog eine glaubwürdige Geschichte einer jungen Frau, für die ihre eingeschränkte Welt in England zu klein schien. Und die mithalf, andere Welten neu zu gestalten. Als Ausgangspunkt für eine tiefergehende Beschäftigung mit Gertrude Bell funktioniert der Film somit durchaus. Und dürfte wohl all jene ansprechen, die klassische Werke wie Lawrence of Arabia und Co. zu schätzen wissen.

6.5/10

18. August 2015

True Detective – Season Two

Here we are, under the bright lights.

Erfolg kann auch eine Bürde sein und Fußstapfen bereiten, die anschließend schwer auszufüllen sind. So haderte auch Michael Douglas’ Figur in Wonder Boys damit, nach einem umjubelten Debütroman ein Folgewerk zu liefern, dass den Ansprüchen gerecht würde. Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Staffel von True Detective, die im vergangenen Jahr quasi durch die Bank für ihre Atmosphäre und ihr Schauspielduo um Matthew McConaughey und Woody Harrelson gelobt wurde. Wie sich zeigte, wohl eher eine Eintagsfliege, deren Qualität sich scheinbar zuvorderst Regisseur Cary Joji Fukunaga verdankte, statt Serienschöpfer und Autor Nic Pizzolatto. Der liefert mit True Detectives zweiter Staffel krude Dialoge und uninteressante Charaktere.

Statt in Amerikas Süden spielt die Handlung im zweiten Jahr inmitten der korrupten fiktiven Industriestadt Vinci. Deren Stadtdirektor Ben Caspere wird tot von High Patrol Officer und Kriegsveteran Paul Woodrough (Taylor Kitsch) entdeckt. Woodrough soll gemeinsam mit den Ermittlern Ani Bezzerides (Rachel McAdams) und Ray Velcoro (Colin Farrell) den Mord an Caspere aufklären. Während Bezzerides promiskuitiv und spielsüchtig ist, ist Velcoro ein korrupter Polizist, der für seine Vorgesetzten in Vinci notfalls die Ermittlungen torpedieren soll. Zugleich arbeitet Velcoro auch noch dem Clubbesitzer und Anzug-Gangster Frank Semyon (Vince Vaughn) zu, der mit Caspere ein Millionenprojekt am laufen hatte und nun ohne Geld dasteht.

Die große Frage ist: Wer hat Caspere umgebracht und wieso? Und kann Semyon sein Geld zurück bekommen, dass ihm eigentlich mit einem Eisenbahnprojekt den Weg in die Legalität ebnen sollte? Kein leichtes Unterfangen. Schon gar nicht, weil das zweite Jahr True Detective eine Vielzahl an Figuren auf die Zuschauer loslässt, die alle irgendwie miteinander unter einer Decke stecken. Und mit verschiedenen nebulösen Subplots, die acht Episoden lang vor sich hin vegetieren, ohne wirklich von Belang zu sein. Beispielsweise Woodroughs heimliche Homosexualität oder das (erfolglose) Bestreben von Semyon und seiner Frau Jordan (Kelly Reilly), ein Kind zu zeugen. Hinzu kommen dann noch ein paar Fälle von vermissten Personen.

Am gelungensten ist True Detective zu Beginn in den ersten Folgen – primär, weil noch nicht klar ist, wo das zweite Jahr hinführt. Bis sich die Plan- und Orientierungslosigkeit der Staffel, die vermutlich versucht, sich in Noir-Gefilden zu bewegen, in den anschließenden Episoden verstärkt offenbart. Der Mord an Caspere ist weitaus weniger spannend als die Ritualmorde aus der ersten Staffel. Dass mit Caspere auch Semyons Zukunft sterben könnte, hat für das Publikum ebenfalls wenig Belang. Die Figur ist einem schlicht egal, was durch oft grausige Dialoge, die ihr Pizzolatto in den Mund legt, nicht besser wird. Ähnlich verhält es sich auch mit den drei Ermittlerfiguren, von denen kaum eine ihre Eindimensionalität zu überwinden vermag.

Bezzerides hadert mit ihrer Kindheit in der Hippie-Kommune ihres Vaters Eliot (David Morse), Woodrough mit seiner Zeit als Blackwater-Söldner in Afghanistan und seiner Liebelei mit einem Kameraden. Velcoro wiederum befindet sich in Semyons Schuld, da der ihm einst verriet, wer seine Frau (Abigail Spencer) vergewaltigt hatte. Eine Selbstjustiz-Wunde, die bis in die Gegenwart schmerzt und dem korrupten Ermittler ein zerrüttetes Verhältnis zu seinem Sohn beschert, der womöglich der Nachwuchs des Täters ist. Viel Drama, auch bei den anderen Figuren, wie dem versoffenen Vinci-Bürgermeister, dessen Zuhälter-Sprößling oder unter Semyons Männern, von denen plötzlich ebenfalls einer tot und mit Casperes Wunden auftaucht.

Es gibt derart viele Charaktere, dass man ihnen schwerlich allen folgen kann. Gesichter tauchen auf und gehen, hängen irgendwie miteinander zusammen. Eine Zuordnung fällt eher schwer, was aber auch nicht sonderlich problematisch ausfällt. Die Handlung dümpelt vor sich hin, die Ermittlungen im Fall bewegen sich zwar voran, werden Mitte der Staffel dann jedoch ausgebremst und dann wieder auf Anfang gestellt. Wo die Morde im ersten Jahr eine gewisse Faszination ausstrahlten, hält die zweite Staffel nur mit Mühe ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Dass man der Handlung dermaßen egal begegnet, liegt zugleich daran, dass man keine interessanten Charaktere hat, die einen an die Hand nehmen und durch den Plot begleiten.

Das Cop-Trio will nie wirklich miteinander harmonieren, am ehesten gelingt dies noch Velcoro und Bezzerides. Die Figuren bauen weder eine Beziehung zueinander auf, wie ihre Vorgänger im Vorjahr, noch reiben sie sich wie diese aneinander. Dass Pizzolatto dennoch so tut, als würden sich die Drei im Verlauf als Team und Einheit sehen, ist da schon fast bemitleidenswert. Hinzu kommen durch die Bank bedauernswerte Dialoge, die die Charaktere von sich geben müssen und sie teils noch dümmer dastehen lassen als sie durch ihre Aktionen bereits wirken. Schon jetzt ein Klassiker ist Woodroughs Ausspruch, als er in einer Folge auf eine Reihe Verträge stößt: “These contracts… signatures all over them!”, entfährt es Woodrough da ungläubig.

Übrige Gespräche werden meist von Plattitüden unterfüttert, die direkt aus Screenwriting for Dummies stammen könnten. Tempo gewinnt die Show nur dann, wenn buchstäblich Action geboten wird. Wie zum Ende der zweiten und vierten Folge oder auch im ansonsten katastrophalen Staffelfinale Omega Station. Am überzeugendsten gerät hier noch Night Finds You, auch aufgrund ihrer Schlussszene, die dann in der Folgeepisode sogleich revidiert wird. Kurzum: Es fehlt der zweiten Staffel True Detective das, was die erste Staffel ausgezeichnet hat. Interessante Figuren mit einer spannenden Dynamik und eine Atmosphäre, die eine im Grunde beliebige Handlung zu überstrahlen vermag. Fußstapfen, die für das zweite Jahr zu groß waren.

6.5/10

12. August 2015

Classic Scene: Kicking and Screaming – “How do you make God laugh?”

DIE SZENERIE: Nach mehreren Anläufen hört der Literaturabsolvent Grover (Josh Hamilton) endlich eine Nachricht seiner Ex-Freundin Jane auf seinem Anrufbeantworter ab. Jane war ein halbes Jahr zuvor nach ihrem College-Abschluss an eine Universität in Prag gegangen, statt bei Grover in den USA zu bleiben. Seither hat sie mehrmals erfolglos bei Grover angerufen, ansonsten eine Postkarte an Langzeitstudent Chet (Eric Stoltz) geschrieben, der in der Stammkneipe von Grovers Clique als Barkeeper arbeitet.

INT. BAR – GROVER SITS AT THE BAR WHILE CHET SHOWS HIM THE POSTCARD FROM JANE.

CHET: She’s really happy, her new professor’s terrific, and he’s very encouraging of her writing.

GROVER: She stopped calling me. I thought about calling her. Just seems like a lot to do, you know? She’s so far. That long-distance code is so long.

CHET: It’s long.

GROVER: It’s really long! I’m not there. Do you plan to leave here ever?

CHET: (sits down) Why would I... leave?

GROVER: I don’t know.

CHET: You know, I sold term papers to make a living… and slept with undergraduates, the whole deal. After my seventh or eighth year, I began to feel like I was using myself. Somehow I experienced my time as a postponement of my life…but eventually I just realized that this is my life.

GROVER: I could see getting used to it.

CHET: I met a woman – my third American History of the 20th Century professor. We had this child.

GROVER: Nice.

CHET: That is nice. It’s nice. But it’s not for everyone. Some people need to have a real career…which is something that I’ve never really understood. You know, why someone would want to be a vet or a lawyer…or a filmmaker. I’m paraphrasing myself here…but I am a student…and that’s what I chose. You might need to choose something else, and that’s –

CHET stops in midsentence and takes a sip from his whiskey.

GROVER: I like that you drink. I like a bartender who drinks. Otherwise I feel like I’m being poisoned. (takes a sip himself)

CHET: Here’s a joke: How do you make God laugh?

GROVER: How?

CHET: Make a plan.